Kurz gesagt

Die Anzahl der Menschen, die an Demenz erkranken, von eingeschränkter Alltagskompetenz betroffen sind, wächst weiter rasant

Der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung insgesamt nimmt zu. Er wächst schneller, als das wir es nur auf die gestiegene Lebenserwartung zurückführen können.
Der rasante Geburtenrückgang in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ist der zweite und nicht weniger wichtige Grund für diese Entwicklung.
Beide Entwicklungen stellen die Gesellschaft und vor allem die Pflegenden vor enorme neue Herausforderungen.
Der bislang kontinuierlich gewachsene Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung und die damit verbundene Zunahme der Älteren und Hochbetagten geht einher mit der ebenfalls größer werdenden Zahl derjenigen unter ihnen, die an Demenz erkranken.

Erkrankungsrisiko plus steigende Lebenserwartung – zwei Faktoren für mögliche Demenz oder eingeschränkte Alltagskompetenz

Menschen mit einer höheren Lebenserwartung sind ohnehin bereits stärker der Gefahr ausgesetzt, die sogenannte Alltagskompetenz einzubüßen – ein weiterer, nicht unerheblicher Faktor, der noch zum allgemeinen Erkrankungsrisiko noch hinzukommt.
Berechnungen, empirische Studien gehen von rund drei Millionen Menschen aus, die in 2050 in einer bestimmten Form davon betroffen sein werden.
(Vgl. dazu: http://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2016/sechster-pflegebericht.html – abgerufen – Donnerstag, 12. Januar 2017, 10.33 Uhr; Download PDF, S. 20-22)

Betreuungs- und Entlastungsleistungen, Tagespflege und Senioren-Wohngemeinschaften gewinnen in diesem Zusammenhang an Bedeutung.

Interview mit Susanne Rosenberger

Susanne Rosenberger ist die Inhaberin des Pflegedienstes S. Rosenberger und der Tagespflege am Nordbad in Castrop-Rauxel.

Frau Rosenberger, bereuen Sie den Tag, an dem Sie den Entschluss gefasst haben, in die Pflege zu gehen?
Also ich bereue das auf keinen Fall. Natürlich gibt es immer Momente, die nicht so schön sind. Aber die gibt es überall.
Ich kann mit Bestimmtheit sagen: Die Pflege, das ist mein Leben.
Das Zusammenspiel mit allen im Team macht das Besondere aus. Es ist nicht ein einzelner Baustein.
Es ist das Puzzle, was jeden Tag aufs Neue zusammengesetzt werden muss – im Team,
im Gespräch mit den Angehörigen und den Pflegebedürftigen.
Das Besondere an diesem Beruf ist: Wir gehen mit Menschen um, die unserer Hilfe bedürfen.
Und wenn ein dankbarer Blick kommt oder ein Lächeln des Pflegebedürftigen, ja dann ist das schon wahres Glück.
Wir schieben nicht nur die Papiere von links nach rechts. Das muss natürlich auch. Aber alles was wir tun,
das ist für die Menschen, die wir pflegen und betreuen. Ich bereue nichts und möchte auch nichts anderes machen.

Wo sind Sie aufgewachsen?
In Castrop Rauxel.

Welchen Bildungsweg haben Sie genommen?
Ich habe Abitur gemacht. Danach habe ich eine Ausbildung zur Krankenschwester durchlaufen. Ich war dann anschließend im Augusta Krankenhaus in Bochum tätig – auf einer Intensivstation in der Chirurgie.

Wie lange waren Sie dort?
6 Jahre.

Wie sind Sie zur Pflege gekommen?
Durch meine Oma. Sie war Altenpflegerin in einem Altenheim und führte dort nebenbei eine Schneiderstube.
Später wurde meine Oma schwerkrank. Mein Vater und ich haben sie bis zum Schluss begleitet.
Danach kam meinem Vater und mir der Gedanke, einen Pflegedienst zu gründen. Mein Vater hat dafür noch einmal umgeschult und eine Ausbildung zum Altenpfleger absolviert. 2000 war es dann soweit und wir haben den heutigen Pflegedienst eröffnet.

Was belastet Sie, wenn Sie heute an die Pflege denken?
Beflügelndes und Bedrückendes – beide Momente liegen oft dicht beieinander. Mir liegt die Palliativpflege sehr am Herzen. Das gibt es natürlich sehr traurige Momente.

Was bedrückt Sie da ganz besonders?
Während der Palliativpflege werden wir ein Teil der Familie. Und wenn Sie dann eine Mutter im Sterben begleiten, die erst 42 Jahre alt ist und Kinder hinterlässt, dann ist das sehr bitter – auch für uns als professionelle Begleiter. Aber es gibt auch viel Positives.

Was meinen Sie?
Nun, man sieht die eigenen Sorgen und Nöte in einem anderen Licht.
Sie erscheinen einem so unwichtig und klein angesichts dessen, was andere Menschen durchmachen. Und: Es ist ein ungeheurer Reichtum, Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten.
Manch einer spricht darüber, was er anders gemacht hätte.
Die überwiegende Mehrheit ist klar und ehrlich in der Betrachtung ihres zurückgelegten Lebensweges.
Der Tod lässt das Leben als das erscheinen, was es ist, nämlich ein Geschenk. Und das ist unwiederbringlich.

Vielen Dank für das Gespräch.

MEHR:

http://www.pflegedienst-rosenberger.de

 

Kontakt:
Pflegedienst S. Rosenberger
Tagespflege am Nordbad
Sünderlingstr. 53
44581 Castrop – Rauxel
Tel. 02305/5310030
Fax: 02305/5310031
E-Mail: info@pflegedienst-rosenberger.de

Interview mit Beate Brückner

Beate Brückner ist die Pflegedienstleiterin und Praxisanleiterin im Pflegedienst Seerose in Jockgrim.
Das Interview mit ihr habe ich am 13. Mai 2016 geführt.

Frau Brückner, wie verlief Ihr beruflicher Werdegang bis zu Ihrem Eintritt in den „Pflegedienst Seerose?“
Mich hat die Pflege schon immer interessiert. Aber vorher, also am Anfang meines beruflichen Lebens,
habe ich in einer Fabrik gearbeitet, in der Galvanisation.
2002 habe ich damit begonnen, aushilfsweise in einem Heim zu arbeiten.
Die Pflegedienstleiterin dort sprach mich damals an,
ob ich nicht eine Ausbildung zur Altenpflegerin beginnen wolle?
Ich habe nicht lange überlegt, sondern habe die Ausbildung angefangen.

Wo war das?
Das war in Ettlingen an der Bertha von Suttner- Schule.
Inzwischen arbeitete ich auch in einem ambulanten Pflegedienst und absolvierte parallel die Ausbildung. 2006 hatte ich es geschafft – und war nun examinierte Altenpflegerin.

Was passierte dann?
Bis 2010 habe ich im ambulanten Pflegedienst weitergearbeitet.
Anschließend bin ich in ein Heim gegangen; ich wollte mich einfach ausprobieren, was in der Pflege besser zu mir passte.

Was haben Sie dort gemacht?
Ich war in dem Altenpflegeheim für die Wohnbereichsleitung zuständig – für demente Bewohner.
In der Zeit von 2012 bis 2014 habe ich dann eine Qualifizierung zur Pflegedienstleitung mitgemacht.
In dieser Zeit wechselte ich  in den Pflegedienst Seerose; das war 2013.

Was waren Ihre Motive, im Pflegedienst Seerose anzufangen?
Nachdem ich im Altenpflegeheim festgestellt hatte, dass ich doch eher in den ambulanten Bereich gehöre, fand ich es großartig, im Pflegedienst Seerose anfangen zu können. Dort passte alles für mich.

Was meinen Sie genau damit?
Nun, ich wollte dort sein, wo nicht nur darüber geredet wird, dass der Mensch im Mittelpunkt steht.
Wissen Sie: Es gibt genügend Chefs, die vor allem die „Dollarzeichen“ in den Augen haben.

Aber ohne Geld geht es ja nicht, oder?
Nein, das meine ich auch nicht. Ich will nur wirklich für die Menschen etwas tun; sie sollen unsere ganze Aufmerksamkeit haben.
Ich glaube, man kann viel lernen. Doch es gibt Dinge, die muss man spüren. Dazu gehört zum Beispiel, gern für Pflege- und Hilfsbedürftige etwas zu tun. Mir geht es noch heute so – ich muss zwei bis drei Mal im Monat raus,  um direkt bei den Menschen vor Ort zu sein, ihnen zu helfen, mit ihnen zu reden. Ich mache viel im Bereich der Wundversorgung.

Was sind Ihre Aufgaben im Unternehmen – bezogen auf Ihre Tätigkeit als Pflegedienstleitung und Praxisanleiterin?
Eine wichtige Aufgabe ist für mich, den Tourenplan aufzustellen; festzulegen,  wer in der Woche und im Monat bei welchem Pflegebedürftigen sein muss, und was dort zu tun ist.
Das ist nicht nur eine Aufgabe des Planens. Vielmehr: Ich schaue, welche Mitarbeiterin zu welchem Pflegebedürftigen passt.
Ich weiß genau um die Stärken und Schwächen meiner Teammitglieder. Und ich kenne jeden Pflegebedürftigen.
So kann ich sehr gut einschätzen, wer da zu wem muss.
Das ist deshalb so wichtig, weil uns die Bezugspflege sehr am Herzen liegt. Die zu Pflegenden und die Angehörigen sollen nicht jeden Tag einen anderen Mitarbeiter vor der Tür haben, sondern möglichst immer den gleichen. Nur so kann ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden, das so immens wichtig in der Pflege ist.
Es gibt weitere Aufgaben – zum Beispiel die Abrechnung mit den Pflegekassen. In der Praxisanleitung bin ich für die Auszubildenden verantwortlich, die bei uns für eine bestimmte Zeit ihr Praktikum absolvieren. Sie müssen ja während ihrer Ausbildung eine bestimmte Anzahl von Stunden in einem ambulanten Pflegedienst gearbeitet haben.

Was ist wichtig, während des Praktikums?
Ich frage die Praktikanten, was sie gern lernen möchten. Natürlich gibt es von ihnen den Wunsch, praktisch noch tiefer in die Behandlungspflege einzusteigen. Das geht aber leider nicht – das ist auch meine Verantwortung, dass die Vorschriften dort eingehalten werden. Ansonsten versuchen wir, den jungen künftigen Pflegekräften so viel wie nur möglich praktische Einblicke in die tägliche Arbeit eines Pflegedienstes zu geben.

Wie teilen Sie sich die Arbeit mit Frau Wüst auf?
Frau Wüst ist die Inhaberin. Sie kümmert sich als Chefin um das Ganze. Sie hat sehr viel mit der Verwaltung zu tun.
Ich bin die Pflege, wie ich sage. Die Pflegedienstleitung, die Praxisanleitung, das ist mein Part.
Und: Wichtige Aufgaben besprechen wir gemeinsam, diskutieren, welche Lösungen für welche Probleme geeignet sind.
Zum Schluss sind wir ja doch nur im Team stark. Und das erreichen wir am besten, indem jeder auf seinem Platz das tut, was seine Aufgaben sind.

Was ist Ihnen am Anfang leicht gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten, hineinzuwachsen?
Ich bin schon immer gern mit Patienten umgegangen. Das ist meine eigentliche Freude.  Also fiel es mir sehr leicht, hier wieder den Faden aufzunehmen und im Pflegedienst Seerose mit den Pflegebedürftigen und den Angehörigen zu arbeiten.
Was mir schwer fiel: Die Vorgabe, im Minutentakt die Pflege durchzuführen.

Können Sie das näher erläutern?
Ja. Gott sei Dank ticken meine Chefin, Astrid Wüst, und ich in diesem wichtigen Punkt schon immer gleich: Wir haben uns stets die Zeit genommen, die die Pflegebedürftigen benötigen. Und so halten wir es noch heute und geben das an unsere Mitarbeiter weiter.  Die bisherigen Maßgaben, bestimmte Verrichtungen nach dem Minutentakt abzurechnen hielten wir schon immer für kontraproduktiv. Denn: Das hat einfach nichts mit individueller Pflege zu tun. So allmählich setzt sich diese Philosophie ja auch in den Behörden durch.

Sie meinen die neue Begriffsbestimmung hinsichtlich der Pflegebedürftigkeit?
Ja, genau. Jetzt werden dort die individuellen körperlichen und geistigen Komponenten besser erfasst – und die Qualität in der Pflege rückt mehr in den Vordergrund.

Worauf kommt es für junge Pflegekräfte an, wenn sie den Herausforderungen in der Pflege gewachsen sein wollen?
Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die heutige Jugend vor allem den Verdienst in den Vordergrund stellt.
Natürlich: Jeder, der arbeitet, will sein Geld verdienen und muss es auch, denn von  irgendetwas müssen wir ja leben. Aber ich glaube, wir müssen noch mehr tun, damit wir es schaffen, die ethische Seite unseres Berufes weiterzugeben. Wir pflegen heute Menschen, die früher Deutschland mit aufgebaut und die sich abgerackert haben.
Sie verdienen unseren Respekt und unsere Wertschätzung. Das will ich auch weitergeben an die jüngeren Pflegekräfte.

Welchen Stellenwert nimmt für Sie das persönliche Gespräch mit den Pflegebedürftigen ein?
Ich bin stets die erste, die auf die Patienten und die Angehörigen trifft. Jedes Erstgespräch wird von mir geführt.
Ich will mir selbst ein Bild machen, wissen, um welche Pflegestufe es zum Beispiel geht.  Und: wie die konkrete häusliche Situation ist, die ich vorfinde, wo zuerst Hilfe, Unterstützung, Pflege und Betreuung vonnöten ist. Wir beraten unsere Kunden sehr intensiv und ausführlich – zum Beispiel, welche Hilfsangebote es von den Kassen gibt. Anschließend unterstützen wir sie und ihre Angehörigen dabei, das Ganze in die Wege zu leiten.
Findet dann die erste Versorgung statt, so bin ich ebenfalls dabei. Ich schätze ein, welche Mitarbeiterin am besten zu dem Patienten passt, ob es ein schwieriger Kunde ist, der vielleicht ganz besonders viel Aufmerksamkeit benötigt.
Wir legen sehr viel Wert darauf, die individuellen Wünsche und Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Können Sie das mal anhand eines Beispiels erläutern?
Also wenn Sie einen Patienten haben, der sich ein Leben über dem Waschbecken in der Küche gewaschen hat, ja dann bauen wir das in die Pflege mit ein. Wir waschen ihn weiter dort – eben über genau diesem Waschbecken. Das ist natürlich nur ein kleines Beispiel. Generell geht es uns darum,  die Biografie des Menschen, den wir vor uns haben, zu achten, zu kennen und darauf die Pflege und Betreuung abzustellen. Dazu gehört, auch mal einen Lippenstift bei einer Frau mit aufzutragen. Jeder soll sich wohlfühlen und hat ein Recht auf ein Leben, das die schönen Seiten miteinschließt.
Überhaupt: Die Selbstbestimmung ist uns für jeden einzelnen Menschen wichtig. Wir achten darauf sehr und beziehen die Patienten und ihre Angehörigen aktiv in die tägliche Pflege mit ein. Das sind auch immer wiederkehrende Themen in unseren Teamsitzungen.

Was ist für Sie persönlich Glück?
Wir leben in einem Mehrgenerationenhaus – drei Generationen – meine Eltern, wir und unsere Kinder.
Und wenn ich jeden Tag meinen Kindern in die Augen schauen kann, dann ist das für mich das größte Glück.

Wie alt sind Ihre Kinder?
Mein Sohn ist 32 Jahre und arbeitet bei Mercedes. Meine Tochter ist 22 Jahre und macht gerade ihr Fachabitur in Chemie.
Später will sie Chemie studieren. Ich bin glücklich, weil wir uns hier im Pflegedienst Seerose wohlfühlen – und geben wir an unsere Patienten weiter – Tag für Tag.

Frau Brückner, vielen Dank für das Gespräch.
© Dr. Uwe Müller

Interview mit Astrid Wüst

Astrid Wüst ist die Inhaberin des ambulanten Pflegedienstes Seerose in Jockgrim.
Das Gespräch mit ihr habe ich bereits im vergangenen Jahr, am 22. März 2016, geführt

Wie verlief Ihr beruflicher Werdegang vor der Gründung des Pflegedienstes?
Ich habe als Praktikantin in Jockgrim angefangen. Das war ein 15-wöchiges Praktikum. Danach habe ich in einem AWO-Seniorenhaus gearbeitet und zugleich eine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin absolviert.
Zuvor aber habe ich aber den Beruf der Schneiderin erlernt und auch einige Jahre darin gearbeitet.
Aber ich bin auch einige Jahre als LKW- Fahrerin in Deutschland und in der Schweiz unterwegs gewesen.

Wie war das für Sie?
Nun damals haben mich die Männer erst einmal faktisch geschnitten. Keiner hat geholfen, zumindest am Anfang nicht.
Erst als sie merkten, dass ich sozusagen auch meinen Mann stehe, ja dann wendete sich das Blatt. Insgesamt hat das viel Spaß gemacht, unterwegs zu sein.
Aber es war auch sehr hart. Zum Beispiel musste ich Europlatten schleppen. Das ging auf die Bandscheiben. Wegen eines Bandscheibenschadens musste ich später auch aufhören.
Die Frage war: Entweder Operation und weitermachen oder eine andere Tätigkeit suchen. Also habe ich mich entschlossen, den Beruf zu wechseln.

Was war danach?
Danach habe ich 10 Jahre im AWO-Heim gearbeitet.
Und nebenher im Schichtdienst. Da lief meine Ausbildung zur Pflegedienstleitung.

Was war die Initialzündung dafür als selbstständige Unternehmerin in die Pflege zu gehen?
Ich war zu dem Zeitpunkt Pflegedienstleiterin im Heim. Da sollte ich im Auftrag meines damaligen Chefs von Mitarbeitern etwas verlangen, womit ich selbst nicht einverstanden war.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ja. Es war permanenter Personalmangel. Und ich musste den Mitarbeitern erklären, warum sie Doppelschichten fahren müssen.
Das waren dann faktisch 13 Stunden – also zum Beispiel Frühschicht und dann noch einmal die Spätschicht.  Hinzukam: 44 Pflegebedürftige wurden im Schnitt von einer Mitarbeiterin betreut. Das ging an die Substanz des Personals und der Krankenstand war entsprechend hoch.

Was haben Sie also gemacht?
Ich bin in die 1:1 Versorgung gegangen. Das hat mir viel Spaß gemacht. Ich konnte mich rund um die Uhr um einen Patienten kümmern. Ich wechselte in einen anderen Pflegedienst, als der Patient gestorben war.  Die Chefin selbst verstand nichts von der Pflege. Sie konnte und wollte sich nicht in die Mitarbeiter und auch nicht in die Pflegebedürftigen hineinversetzen.
In dieser Zeit verstärkte sich bei mir der Gedanke, selbst einen Pflegedienst zu gründen und meine Philosophie von Pflege umzusetzen.

Mit wie vielen Mitarbeitern haben Sie angefangen?
Mit drei Vollzeitfachkräften, meine Person eingeschlossen. Ich war am Anfang nicht nur die Inhaberin, sondern auch die Pflegedienstleiterin. Später hat das Frau Brückner übernommen.

Was ist Ihnen am Anfang am leichtesten gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten, hineinzuwachsen?
Am schwersten ist mir der „Papierkram“, die Verwaltung gefallen. Am leichtesten der Umgang mit den Pflegebedürftigen.
Mein Ziel war es, die Bezugspflege fest zu etablieren. Und das habe ich auch geschafft. Die Kunden sollten immer die gleiche Person haben,  die ins Haus kommt und pflegt. Sicherlich bis auf Krankheit und Urlaub. Schließlich werden die Mitarbeiter ja faktisch ein Familienmitglied. Inzwischen arbeiten bei uns 15 Mitarbeiter.

Was macht Ihrer Meinung nach ein starkes Team aus?
Der Austausch untereinander ist wichtig. Die Charaktere müssen schon zusammenpassen.  Und wo es mal nicht passt ist eine Atmosphäre des Ausgleichs gefragt. Wichtig ist, dass unser Team die Arbeit gern macht. Das ist die Voraussetzung für alles. Jeder bei uns im Team liebt das, was er tut.

Wo sehen Sie die Gründe für den mitunter schlechten Ruf von Pflegediensten in der Öffentlichkeit?
Das ist nicht mit einem Satz zu beantworten.
Ich denke, die finanzielle Seite spielt eine große Rolle.

Wie meinen Sie das?
Alles, was man am Patienten macht, braucht Zeit und muss ja irgendwie mit Geld aufgewogen werden.
Und da wird dann manches eben nicht gemacht, was nicht abgerechnet werden kann. Die Kassen brauchen ja auch noch Zeit,
um die Abrechnung zu prüfen und entsprechend zu zahlen. Ich glaube, mitunter gibt es da Pflegedienste,
die da zu sehr hinter dem Geld her sind, sicher auch müssen. Schließlich kommt es aber auf den Inhaber an und die Pflegedienstleitung.
Die richtigen Werte zu leben, ein ordentliches Klima zu haben, das den Kunden tatsächlich in den Mittelpunkt des Handelns stellt,
das ist das Wichtigste und dann ist auch die Mund zu Mund Propaganda gut.

Was hat sich geändert, wenn Sie einen Vergleich ziehen zu der Zeit, als Sie in der Pflege begonnen haben?
Die Zeit war schon nicht einfach. Besonders wenn ich an manche personelle Unterbesetzung in den Heimen denke und die daraus entstehende Überbelastung.
Aber auch zu meinem Beginn der Gründung des eigenen Pflegedienstes. Wir arbeiten immer noch auf bestimmte Ziele hin.

Welche?
Wir wollen eine Wohngemeinschaft für Demenzkranke aufmachen. Da stehen wir aber erst am Anfang.

Was macht für Sie individuelle Pflege aus?
Den Menschen wirklich als Ganzes sehen, ihn dort abholen, wo er sich befindet – geistig, körperlich, seelisch.
Die Zusammenarbeit im Team ist hier wichtig. Und der Kontakt zu den Angehörigen. Wenn man angerufen wird,
dann sollte man für den Fragenden da sein. Es sind die täglichen kleinen Herausforderungen, die den Unterschied machen.

Was sagen Sie zur Generalistik in der Pflegeausbildung?
Wir sind ja ein Ausbildungsbetrieb seit 2014. Wir motivieren unsere Pflegehelfer, eine Ausbildung zum Altenpfleger zu machen.
Ich habe aber manchmal den Eindruck, dass der eigentliche Beruf des Altenpflegers stirbt, wenn wir ihn jetzt in eine generalistische Ausbildung einordnen. Unser Berufsbild hat ja seine eigenen wichtigen Seiten.

Welche?
Zum Beispiel, dass wir uns auf die Pflege von älteren Menschen konzentrieren. Das sind Besonderheiten,
die auch eine spezifische Ausrichtung in der Ausbildung erfordern.

Was ist für Sie persönlich Glück?
Glück ist, einigermaßen gesund zu sein.
Ich bin glücklich, wenn meine Mitarbeiter es auch sind.
Manchmal spüre ich, dass es jemandem nicht so gut geht.
Dann spreche ich ihn darauf an. Und die Mitarbeiter wissen, dass ich mit sensiblen Themen auch einfühlsam und vertraulich umgehe.
Ich glaube, diese Art des Vertrauens gehört dazu, wenn man vom Gefühl des Glücks spricht. Ich habe eine sehr gute Pflegedienstleiterin,  die Frau Brückner. Darüber bin ich sehr glücklich. Sie ist von Anfang an dabei und eine sehr wichtige Stütze.
Ansonsten mag ich das Leben, so wie es ist. Ich mag Stress – positiven Stress – das macht glücklich.

Frau Wüst, danke für das Gespräch.
© Dr. Uwe Müller

Interview mit Evelin Funke

Evelin Funke ist die Inhaberin der „Zentralen Ambulante Krankenpflege Evelin Funke GmbH“

Frau Funke, wie sind Sie zur Pflege gekommen?
Ich habe von 1979 bis 1982 ein Fachschulstudium zur examinierten Krankenschwester absolviert. Später habe ich die Rettungsstelle in der Charité in Berlin mit aufgebaut. 1984 kam mein erstes Kind.
Im Mai 1989 bin ich aus der damaligen DDR geflohen und war dann in verschiedenen medizinischen Einrichtungen in NRW tätig – zum Beispiel in einem katholischen Krankenhaus in Oberhausen oder in Mühlheim an der Ruhr.
In dieser Zeit absolvierte ich auch einen Stationslehrgang in Bonn und war ab 1991 Stationsschwester. Ich habe so Erfahrungen unter anderen in den Bereichen der Neurologie, der Kardiologie und der HNO sammeln können.
Doch ich wollte unbedingt nach Berlin zurück.

Warum?
Nun, das lag auf der Hand. Die Mauer war gefallen und ich hatte schon Sehnsucht nach meiner Heimat. Außerdem: Wir wollten ein Haus bauen und haben dann auch nach der Rückkehr ein Grundstück dafür erworben.

Wie ging es weiter?
Im Juli 1993 habe ich meinen eigenen Pflegedienst gegründet. Ich hatte sofort den Anspruch, eine gute Qualität in der Pflege und Betreuung zu bieten.
Anfangs habe ich ja ganz allein gearbeitet. Da war es schon nicht leicht, alles zu bewältigen, meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.

Was war denn Ihr zentrales Anliegen?
Ich wollte immer so andere Menschen pflegen, wie ich auch selbst gepflegt werden will.

Wie war es, Kontakte aufzubauen, Patienten zu gewinnen?
Ich hatte natürlich einen großen Vorteil: Es war naheliegend, dass ich als ausgebildete und erfahrene Krankenschwester schnell ein Netzwerk in die umliegenden Krankenhäuser aufbauen konnte, mir Patienten empfohlen wurden.
Übrigens, ich hänge noch heute sehr an meinem Beruf, als Krankenschwester zu arbeiten. Am liebsten würde ich dort wieder hin zurückkehren, wenn ich die Wahl hätte.

Wie kommt es?
Nun, der ständige Kostendruck, wachsende Bürokratie und die Verantwortung, die ja nie aufhört – für die Mitarbeiter, die Pflegebedürftigen.

Ich kann das verstehen, dass Sie so etwas sagen.
Aber: Ich bin davon überzeugt, dass Ihnen die Firma inzwischen sehr ans Herz gewachsen ist, oder?
Da haben Sie schon recht. Ich habe ein tolles Team, praktisch ein Dream-Team. Und der Pflegedienst hat sich in den vergangenen 25 Jahren schon sehr gut entwickelt. 38 Mitarbeiter sind für über 100 Patienten zuständig.

Frau Funke, man merkt Ihnen an, dass Ihnen die Tagespflege sehr am Herzen liegt, warum?
Wissen Sie, die Angst vor sozialer Vereinsamung erfasst inzwischen viele ältere Bürger.
Und da ist es mir wichtig, ihnen ein geselliges Beisammensein zu ermöglichen, wenigstens für ein paar Stunden am Tag, ihnen einfach ein zusätzliches gemütliches Zuhause zu bieten.
Hinzukommt: Wir entlasten die Angehörigen, wenn diese ihren täglichen beruflichen und privaten Verpflichtungen nachgehen wollen.
Die Tagesgäste wiederum treffen bei uns Menschen, die ihnen gleichgesinnt sind. Übrigens: Darunter sind wirklich interessante Menschen, Persönlichkeiten, die viel zu erzählen haben, gern zuhören was es an Neuigkeiten in der Welt gibt.

Aber ist es nicht so, dass viele bereits mit Demenz zu kämpfen haben?
Ja, das ist richtig. Wir dürfen aber nicht in den Fehler verfallen, nur diese Tatsache zu sehen?

Sondern?
Wirklich den ganzen Menschen sehen, ihn individuell wahrnehmen in seinen vielfältigen Bedürfnissen.

Wie gelingt Ihnen das?
Indem wir vor allem vor Beginn der Betreuung sehr intensive Anamnesegespräche führen, und zwar mit den Angehörigen und den künftigen Gästen selbst.
Erst wenn wir den Menschen wirklich kennen, wissen, was er will und was nicht, können wir Angebote unterbreiten.

Können Sie das an einem Beispiel festmachen?
Wenn jemand ein ganzes Leben lang gelesen hat, und es geht jetzt nicht mehr kann, dann wird er vielleicht gern zuhören beim Vorlesen aus einem Buch, einer Zeitung.
Andere Gäste wiederum lieben Brettspiele. Und einem anderen macht Spaß, in seinem Fotoalbum zu blättern, sich zu erinnern, sich mitzuteilen.
Was ich meine: Biografiearbeit, Ausflüge organisieren, vielfältig sein im Angebot, an den Bedürfnissen des Einzelnen ausrichten – das trifft es im Kern.

Wie würden Sie die Tagespflege beschreiben, was ist charakteristisch, was fällt auf beim ersten Eindruck?
Besser, Sie fragen denjenigen, auf den das wirkt – den Gast oder den Angehörigen. Am besten, Sie schauen selbst mal vorbei.

Werde ich tun. Was erwartet mich?
Gemütliche Räume, freundliche und zugängliche Mitarbeiter.

Wie viele Mitarbeiter sind dort tätig?
Dort arbeiten zwei Männer als Fahrer, 2 Betreuerinnen, 1 Pflegehelferin und zwei Pflegefachkräfte. Übrigens: Ich liebe es zum Beispiel, kleine Galerien zu organisieren, Vernissagen und Finnissagen.
Dort stellen auch weniger bekannte Künstler aus. Die Bilder sind nicht nur für uns schön anzusehen.
Die Tagesgäste schauen sich die Bilder ebenfalls mit Interesse an. Manch ein Tagesgast vergisst aufgrund seiner Demenz wieder, was er gesehen hat. Aber am nächsten Tag erinnert er sich, oder entdeckt das Bild eben ganz neu.

Was gibt es noch für die Tagesgäste?
Es kommt der Friseur, der Physiotherapeut oder wir besuchen mal die Straußenfarm.
Wichtig sind zwei Dinge.

Nämlich?
Das Interesse des Tagesgastes wecken, ihn aktivieren und motivieren. Und: Ihn im Herzen berühren, ihm das Gefühl geben, dass er bei uns willkommen ist.

Was bedeutet Ihnen die individuelle Pflege?
Empathie ist sehr wichtig.

Was in diesem Zusammenhang heißt?
Sich wirklich in den Pflegebedürftigen hineinversetzen – gedanklich und von den Gefühlen her. Oft liest man, dass der Patient ganzheitlich gepflegt und betreut wird.
Doch das kostet Zeit, Kraft und den Willen, dranzubleiben.

Und, tun Sie das?
Ja, das tun wir. Dazu fühlen wir uns geradezu berufen. Wir hören genau hin, was der Pflegebedürftige für Wünsche und Bedürfnisse hat, was die Angehörigen sagen.
Wir setzen das auch um, was wir versprochen haben, obwohl das aufgrund der Größe unserer Firma manchmal nicht einfach ist.

Was ist, wenn Sie die Qualität nicht liefern können?
Dann sagen wir das. Wir hatten gerade heute so einen Fall. Angehörige wollten ihre Mama versorgt wissen, die schwer dement ist.
Sie hatten bereits einen guten Eindruck von uns gewonnen, weil wir die Mutter schon in der Tagespflege betreut haben.
Doch, wir mussten ganz offen sagen, dass wir vom personellen Aufwand her nicht schaffen, zurzeit jedenfalls nicht.

Was passierte dann?
Nun, ich habe bei einem anderen Pflegedienst angefragt und die Patientin dorthin empfohlen. Das gehört für uns zur Dienstleistung dazu.
Es ist besser so, als mit aller Macht zu versuchen, den Menschen zu betreuen, obwohl es von vornherein klar ist, dass wir es nicht schaffen.
Wenn also der Mensch wirklich im Mittelpunkt stehen soll, dann müssen wir ihn auch dort lassen und das für ihn beste organisieren. Und das war in dem Fall ein anderer Pflegedienst, der über offene Kapazitäten verfügte.

Was macht die SAPV aus?
In der Spezialisierten Ambulanten Palliativ-Versorgung arbeitet ein Team von vier Palliativ-Care-Kräften.
Wir wollten schon immer in die palliative Versorgung einsteigen. Vor Jahren hat Rüdersdorf einen Pflegedienst gesucht, der in das Netzwerk miteinsteigt.
Das hat uns ja auch Geld gekostet. Zum Beispiel die Ausbildung der Fachkräfte.

Also noch eine zusätzliche Ausbildung?
Ja. Ein Jahr Sonderausbildung. Die künftige Palliativ-Care Fachkraft muss unter anderem in einer onkologischen Praxis hospitiert haben, oder zum Beispiel auch in einem Hospiz.
Das alles dient dazu, sich sehr intensiv in dieses sehr sensible Fachgebiet einzuarbeiten.

Warum haben Sie sich entschlossen, in eine Versorgung einzusteigen, die so komplex und schwierig ist?
Wir wollten schon immer Palliativ machen. Die meisten Pflegedienste haben nicht das Fachpersonal. Ich hatte diese Fachkräfte. Und: Ich habe für deren Ausbildung Geld in die Hand genommen.
Außerdem: Auf diese Weise konnte ich meiner Berufung als Krankenschwester wieder mehr nachgehen – einfach als Schwester Evelin für die Patienten da sein.
Inzwischen haben wir ein ganzes Palliativnetzwerk aufgebaut.

Was ist das Hauptmotiv für die Palliativ-Versorgung?
Wir möchten, dass der Patient zu Hause sterben kann – also da, wo er sich geborgen fühlt, im Kreise seiner Lieben.
Bei uns in der Region gibt es kein Hospiz, noch nicht. Umso mehr wollen wir für schwerstkranke Patienten und deren Angehörige Ansprechpartner sein.
Die Patienten, die wir betreuen, sind mindestens 18 Jahre alt. Sie sind austherapiert. Sie wissen, dass sie sterben werden.
Wir sind rund um die Uhr erreichbar. Und ein Doktor steht ebenfalls 24 Stunden am Tag zur Verfügung.

Was gehört zu dieser Arbeit?
Es geht darum, Medikamente zu verabreichen oder zum Beispiel die Flüssigkeitszufuhr zu regeln. Aber, das was die Arbeit ausmacht ist:
ein Gespür für den Patienten zu entwickeln – nicht nur, um eventuellen Angstattacken zu begegnen, sondern selbst in diesem Stadium für Lebensqualität zu sorgen.

Was ist das Besondere an Ihrem Führungsteam?
Wir sind in der Führung ein „Dream-Team“

Klingt abgehoben, oder?
Vielleicht klingt es so. Doch ich stehe dazu. Wir haben insgesamt ein wirklich tolles Team aus 38 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – gut ausgebildet, sehr engagiert.
Und ich weiß, dass dies nicht mein Verdienst allein ist. Vielmehr: Das ist das Ergebnis einer wirklich guten Arbeit unseres Führungsteams.

Wer gehört dazu?
Daniela Wraske, Sandra Thiele und ich. Daniela Wraske ist jung, hat Energie, bringt frische Ideen mit.
Sie ist unsere „Konzeptdame“, also diejenige, die die Konzeptionen zur SAPV schreibt, die Verträge vorbereitet, Dienstleistungsangebote entwirft.
Sandra Thiele wiederum ist unser Ruhepol. Sie hat den Überblick über die Touren, ist der Ansprechpartner für die Mitarbeiter, achtet auf die betriebswirtschaftlichen Erfordernisse.
Für mich sind das ganz einfach wunderbare Menschen. Wir alle drei ergänzen einander, hören darauf, was der andere zu sagen hat.
Und: Wir verlieren dabei nicht das Wesentliche aus den Augen: den Patienten. Der kommt an erster Stelle, für ihn tun wir das ja alles.
Was glauben Sie zum Beispiel, wie die beiden beim Erstgespräch hinhören! Sie stellen die richtigen Fragen, sind einfach empathisch. Das ist es, was ich meine, wenn ich von einem „Dream-Team“ spreche.

Was denken Sie am Wochenanfang, montags also, wenn Sie in den Pflegedienst fahren?
Ich bin gut gelaunt, neugierig auf den Tag – es ist immer anders, spannend eben.

Frau Funke, vielen Dank für das Gespräch.

© Dr. Uwe Müller

Warum „UweMuellererzaehlt“?

Ich habe bewusst die Domain „uwemuellererzaehlt“ gewählt: Ich will aus eigener Anschauung und unter eigenem Namen schreiben und dies sofort in der persönlichen Überschrift ausdrücken.
Noch wichtiger aber ist: Ich möchte diejenigen zu Wort kommen lassen, die sich täglich um ihre Pflegebedürftigen und deren Angehörige bemühen.
Ich finde, das Bedürfnis von Menschen, über andere Menschen etwas aus der persönlichen Sicht zu erfahren, hat stark genommen.
Das ist im Pflegebereich nicht anders. Bekanntheit, Anerkennung, die Mund-zu-Mund-Propaganda entsteht nicht zuerst dadurch,
dass man von sich behauptet, „man sei der Beste“.
Das entscheiden die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen ohnehin selbst.
Vielmehr: Leser wollen lieber etwas darüber erfahren, was die Inhaberin oder der Inhaber eines Pflegedienstes denkt,
was ihnen am Herzen liegt, wenn sie über Qualität in der Pflege und Betreuung sprechen, wie sie mit Stress und Überlastung umgehen,
was sie künftig verbessern wollen.  Nur dadurch entsteht Vertrauen, gewinnen Angehörige die Überzeugung, dass es der richtige Pflegedienst für sie ist.

Individuelle Betreuung von an Demenz erkrankten Menschen im Fokus
Die Anzahl der Pflegebedürftigen wächst, und unter ihnen die Zahl derer, die an Demenz erkrankt sind – im Anfangsstadium oder fortgeschritten. Das soll unter anderem ein Schwerpunkt werden für dieses Portal – der Umgang mit der Krankheit Demenz – durch die Betroffenen selbst und diejenigen, die sich kümmern.
Das sind zum einen die vielen Pflegekräfte, die es beruflich tun und die Angehörigen. Aus Gesprächen weiß ich und erfahre es immer wieder aufs Neue, dass der starke Wunsch besteht, sich auszutauschen, über die Probleme zu reden. Und auch: Anerkennung zu finden, für das, was tagtäglich geleistet wird.

Erreichte Erfolge stärken die Kraft, um neue Herausforderungen zu bewältigen
Es wird viel darüber geschrieben, wie dramatisch es im Pflegebereich zugeht. Dabei ist viel getan worden in den letzten Jahren. Auf der Ebene der Politik und durch die Akteure in der Pflege selbst.
Mein Eindruck ist: Manchmal wird vergessen, das Positive zu erwähnen, ohne in Schönfärberei zu verfallen.
Die Zahlen derjenigen, die der Pflege bedürfen,  steigen so rasant an, dass man die greifbare Überforderung ohnehin gar nicht ignorieren kann. Doch Herausforderungen in der Zukunft bewältigt man auch und vor allem dann, wenn man sich dessen bewusst wird, was schon geleistet wurde. Erst dadurch wird ja auch die Dimension klarer, wie es zukünftig weitergehen kann.

Uwe Müller

Interview mit Ute Grüner

Ute Grüner ist die Inhaberin des Pflegedienstes Grüner
 Das Interview wurde mit Ute Grüner im Mai vergangenen Jahres geführt. Im September 2016 ist aus dem Pflegedienst Grüner die Sozialstation Grüner GmbH geworden. Ute und Jens Grüner sind die Geschäftsführer.

Frau Grüner, wie verlief ihr beruflicher Werdegang vor der Gründung Ihres Pflegedienstes?
Von 1982 bis 1985 habe ich eine Fachschule zum Hygieneinspektor absolviert. Das entspricht in etwa dem heutigen Berufsbild des Gesundheitsüberwachers. Danach war ich als Hauswirtschafterin bei der Volkssolidarität beschäftigt. Anschließend ging es in ein Pflegeheim. Dort habe ich auch meine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin absolviert. Daran schloss sich eine Qualifizierung zur Pflegedienstleitung an. 2001 bin ich dann in die Selbstständigkeit gewechselt.

Was war die Initialzündung dafür, als Unternehmerin in die Pflege zu gehen?
Das Motiv war: Ich wollte einen eigenen ambulanten Pflegedienst gründen.

Warum?
Weil ich im Pflegeheim gesehen habe, wie die Bewohner zum Teil an der Tür ihr Leben abgegeben haben. Trotz alledem haben wir als Mitarbeiter alles getan, damit sich die Bewohner wohlfühlen.
Ich hätte gar nicht zufrieden nach Hause gehen können, wenn ich nicht alles in meiner Kraft stehende unternommen hätte,
um die Heimbewohner gut zu pflegen und zu betreuen.

Also war das schon ein wichtiger Antrieb für Sie mit einem eigenen Pflegedienst noch mehr für die Pflege- und Hilfsbedürftigen zu tun?
Ja, uns ging es darum, pflegebedürftigen Menschen in unserer Umgebung möglichst lange zu ermöglichen, im eigenen häuslichen Umfeld zu verbleiben.  Sie sollen ihr eigenes Leben selbstbestimmt führen, solange jedenfalls, wie das geht. Das war für mich schon ein wichtiger Antrieb. Später haben wir dann noch die Tagespflege gegründet, weil es uns wichtig war, dass Menschen am Tag die Möglichkeit hatten, betreut zu werden.

Was sind das für Gäste, die zu Ihnen in die Tagespflege kommen?
Zum einen sind das Menschen, die einfach eine neue und interessante Sicht auf den Tag bekommen wollen – durch Begegnungen mit anderen Gästen und indem sie an den Aktivitäten teilhaben können. Das sind aber auch Gäste,
die unter Demenz leiden – abends sind ja in dem Fall die Angehörigen wieder da und können sich kümmern.
Sie alle zusammen fühlen sich bei uns am Tag sehr wohl
Haben Sie das alles allein geschafft? Anfangs ja. Später, genauer 2006, ist mein Mann, Jens,  mit in die Firma eingestiegen.

Als was?
Als Mitinhaber natürlich und verantwortlich für die Technik, die Verwaltung den Fuhrpark. Heute leitet er die ambulant betreute Wohngruppe.

Was ist Ihnen am Anfang leicht gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten, hineinzuwachsen?
Die Akquise von Patienten ist mir leicht gefallen. Ich kannte viele im Dorf und man kannte mich.  Ich hatte auch von Anfang an ein gutes Verhältnis zu den Ärzten. In kürzester Zeit haben wir ca. 30 Patienten betreut. Schwer ist mir die gesamte Büroarbeit gefallen. Ich bin heute noch lieber beim Patienten, als die Dokumentation zu erstellen. Aber: Das ist ja wichtig. Und so habe ich mich in vieles einarbeiten müssen – das ganze Vertragswesen, die kaufmännischen Angelegenheiten, die Planung und Organisation der Pflege und Betreuung.

Haben Sie heute noch Kontakt mit Patienten?
Auf jeden Fall, wo denken Sie hin? Ich kenne alle Patienten persönlich, spreche mit ihnen, wenn es Wünsche oder Probleme gibt. Außerdem bei Dienstübergaben oder beim Erstaufnahmegespräch – da bin ich immer dabei.

Was macht Ihrer Meinung nach ein starkes Team aus?
Ein starkes Team? Im Notfall ist jeder für den anderen da – das macht meiner Meinung nach ein wirklich starkes Team aus. Und zwar ohne große Worte. Das wissen auch die Patienten und vertrauen uns nicht zuletzt deshalb.

Welche Rolle spielt für Sie die Kommunikation mit den Pflegebedürftigen?
Die Kommunikation spielt für uns eine extrem wichtige Rolle.
Man kann bei jeder Maßnahme, zum Beispiel bei der Körperpflege, Kommunikation und Aktivität miteinander verbinden.
Also: erklären, was man gerade macht, was wichtig ist bei einer mobilisierenden Tätigkeit. Und außerdem: Auf dem Dorf wird immer gesprochen. Wir sprechen viel über Ereignisse und Menschen, die für uns interessant und wichtig sind.  Das mögen die Pflegebedürftigen sehr gern. Sie nehmen ja dadurch weiter am Leben außerhalb der häuslichen Umgebung teil.
Ich denke: Mitunter ist ein Gespräch bei einer Tasse Kaffee wichtiger, als die Pflegemaßnahme selbst. Oder anders ausgedrückt: Ich habe mich nie von der Minutenpflege drücken lassen. Das geht immer auf die Qualität. Natürlich muss ich ebenfalls auf die Zeit schauen. Aber im Fokus sind für mich die Menschen, die wir pflegen und betreuen.  Und da muss man eben auch mal eine Minute hinten dranhängen. Meine Mitarbeiter wissen ebenfalls, dass ich so denke.
Ich will gern in diesem Zusammenhang an unseren Leitspruch erinnern.

Nämlich?
Helfen ist unsere Berufung!

Frau Grüner, zum Abschluss: Was ist für Sie persönlich Glück?
Glück ist für mich ein Zustand der inneren Zufriedenheit, zum Beispiel, wenn der Tag gut war. Zu meinem Glück gehört meine Familie: Mein Mann, ohne den ich das hier gar nicht schaffen würde;
meine Tochter Annett – sie ist 25 Jahre alt und studiert Journalismus.
Frau Grüner, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview erfolgte am 20/05/2016.

Neuer Pflegebericht – Pflegende sollten ihn kennen

Die Bundesregierung hat zum Ende des vergangenen Jahres den neuen Pflegebericht vorgelegt. Er gibt kompakt das wieder, was in den letzten fünf Jahren in der Pflege passiert ist.
Warum erzähle, warum schreibe ich darüber? Zunächst: Wer sich einen eigenen detaillierten Überblick verschaffen will, der sollte natürlich selbst nachlesen, eigene Wertungen vornehmen. Ich stütze mich ja ebenfalls auf die im Quellenverweis angegebenen Inhalte (vgl. Fußnoten).
Ein weiterer Gedanke: Wir sind sehr schnell dabei zu sehen, was alles nicht gelingt in der Pflege, wo die Margen und Defizite sind.
Und eines ist klar: Es gibt genug davon – es fehlt Personal, die Arbeitsbelastung ist zu hoch, und zwar körperlich und psychisch,
der Stressfaktor wächst in der täglichen Pflege mitunter so an, dass häufiger Fehler passieren, etwas übersehen wird, kurzum die Qualität sinkt.

Herausforderungen annehmen heißt auch, Positives, Erreichtes zu kennen und zu schätzen
Es ist sicher, dass nicht alles auf einmal behoben, verbessert werden kann. Das führt dazu, dass wir mitunter geneigt sind, nur noch das Negative zu sehen. Ich will das auch nicht wegdiskutieren, was objektiv vorhanden ist. Pflegepraktiker und Experten sagen mir manchmal: „Wenn du jeden Tag in dieser Tretmühle wärst, du würdest schnell wieder hinter deinen Schreibtisch fliehen.“
Da ist viel Wahres dran. Doch diese Wahrheit hat ebenfalls eine zweite Seite.  Und wenn wir die nicht genauso wertschätzen, beachten, ja dann kennen wir auch nicht die Anstrengungen, die unternommen wurden,  um den jetzigen Herausforderungen gewachsen zu sein und vor allem die zukünftigen Aufgaben rechtzeitig zu erkennen und entsprechend anzugehen.
Es ist unheimlich viel passiert, schaut man sich die Entwicklung seit 1995 an. Einen noch intensiveren Eindruck bekommst du, wenn du dir die letzten fünf Jahre anschaust. Deshalb lese ich auch den Pflegebericht und empfehle es jedem ebenso.

Komplexes und Kompliziertes verlangt nach einfachen Sätzen
Was mich immer wieder beim Lesen stört: Die Schlangensätze, die Wortungetüme, als gäbe es nicht die Pflicht, für den Leser klar, einfach und übersichtlich zu schreiben.
Ich verstehe es nicht, wenn jemand sagt: „Das ist ein wissenschaftlicher Stil.“ Das ist er eben nicht. Wissenschaftlich schreiben und denken heißt auch und gerade, die komplizierten Zusammenhänge einfach darzustellen – das übrigens macht Mühe, treibt dich dazu, Formulierungen immer wieder zu wälzen. Der Bericht vermittelt viel Wissenswertes. Ich denke, man sollte ihn kennen, wenn man sich mit dem Thema Pflege beschäftigt. Eigentlich läuft der Berichtszeitraum ja über vier Jahre.
Der sechste Bericht deckt fünf Jahre ab.  Dadurch konnten schon Ergebnisse aus der Einführung der neueren Gesetzgebungen mit betrachtet werden – so zum Beispiel das Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz (PNG) und das Erste Pflegestärkungsgesetz (PSGI).

Am Anfang des Berichts stechen zwei Fakten ins Auge:
1.
2011 gab es 2,3 Millionen Leistungsempfänger und 2015 2,7 Millionen – ein Anstieg um 17 %.
2.
Im gleichen Zeitraum wachsen die Leistungsausgaben um 27 % – von 20,9 auf ca. 26,6 Mrd. Euro.
Allein diese Zahlen verdeutlichen, mit welchen Herausforderungen die Pflege umzugehen hat und dabei gleichzeitig Schritt für Schritt die Qualität in der individuellen Betreuung verbessern konnte. (2)

Quellenangaben:
(1)
Vgl.: Sechster Bericht der Bundesregierung über die Entwicklung der Pflegeversicherung und den Stand der pflegerischen Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland; PDF –
http://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2016/sechster-pflegebericht.html; Download PDF-  Donnerstag, 12. Januar 2017, 10.33 Uhr)
(2)
Vgl. ebenda – PDF-Dokument, S. 3

Pflegestatistik

Die neuesten Zahlen in der Pflegestatistik sind da.
Sie beruhen auf den Erhebungen, die alle zwei Jahre durchgeführt werden, und zwar hauptsächlich von den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder.
Diese Zahlen gehen auf die Erhebungen aus 2015 zurück.
Dabei werden vor allem Daten gewonnen, die einen Überblick über das Angebot und die Nachfrage nach Pflege und Betreuung geben.

Eine Auswahl aus den Eckdaten: 
2015 wurden insgesamt 2, 863 Millionen Pflegebedürftige versorgt.
Davon zu Hause: 2,08 Millionen. Das sind 73 %.
In den Heimen waren es 783.000 (27%), die vollstationär versorgt wurden.
Der größte Anteil bei der Pflege und Betreuung liegt bei den Angehörigen – insgesamt 1,38 Millionen Pflegebedürftige.
629 000 Pflegebedürftige wurden zusammen mit oder aber nur durch ambulante Pflegedienste versorgt.
Dafür standen 2015 13.300 ambulante Pflegedienste mit 355 600 Beschäftigten zur Verfügung.
Im Vergleich zu 2013 stieg die Zahl der Pflegebedürftigen, die durch ambulante Dienste betreut wurden um 76000 (12,4%) .

Quelle: Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung, Deutschlandergebnisse, Statistisches Bundesam. Herausgeber: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden; < Erscheinungsfolge: zweijährlich; Erschienen am 16. Januar 2017; Artikelnummer: 5224001-15900-4 (PDF)

Internet: www.destatis.de (https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Gesundheit/Pflege/PflegeDeutschlandergebnisse5224001159004.pdf?__blob=publicationFile; abgerufen: Mittwoch, 01.02.2017, 12.35 Uhr)