Interview mit Astrid Wüst

Astrid Wüst ist die Inhaberin des ambulanten Pflegedienstes Seerose in Jockgrim.
Das Gespräch mit ihr habe ich bereits im vergangenen Jahr, am 22. März 2016, geführt

Wie verlief Ihr beruflicher Werdegang vor der Gründung des Pflegedienstes?
Ich habe als Praktikantin in Jockgrim angefangen. Das war ein 15-wöchiges Praktikum. Danach habe ich in einem AWO-Seniorenhaus gearbeitet und zugleich eine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin absolviert.
Zuvor aber habe ich aber den Beruf der Schneiderin erlernt und auch einige Jahre darin gearbeitet.
Aber ich bin auch einige Jahre als LKW- Fahrerin in Deutschland und in der Schweiz unterwegs gewesen.

Wie war das für Sie?
Nun damals haben mich die Männer erst einmal faktisch geschnitten. Keiner hat geholfen, zumindest am Anfang nicht.
Erst als sie merkten, dass ich sozusagen auch meinen Mann stehe, ja dann wendete sich das Blatt. Insgesamt hat das viel Spaß gemacht, unterwegs zu sein.
Aber es war auch sehr hart. Zum Beispiel musste ich Europlatten schleppen. Das ging auf die Bandscheiben. Wegen eines Bandscheibenschadens musste ich später auch aufhören.
Die Frage war: Entweder Operation und weitermachen oder eine andere Tätigkeit suchen. Also habe ich mich entschlossen, den Beruf zu wechseln.

Was war danach?
Danach habe ich 10 Jahre im AWO-Heim gearbeitet.
Und nebenher im Schichtdienst. Da lief meine Ausbildung zur Pflegedienstleitung.

Was war die Initialzündung dafür als selbstständige Unternehmerin in die Pflege zu gehen?
Ich war zu dem Zeitpunkt Pflegedienstleiterin im Heim. Da sollte ich im Auftrag meines damaligen Chefs von Mitarbeitern etwas verlangen, womit ich selbst nicht einverstanden war.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ja. Es war permanenter Personalmangel. Und ich musste den Mitarbeitern erklären, warum sie Doppelschichten fahren müssen.
Das waren dann faktisch 13 Stunden – also zum Beispiel Frühschicht und dann noch einmal die Spätschicht.  Hinzukam: 44 Pflegebedürftige wurden im Schnitt von einer Mitarbeiterin betreut. Das ging an die Substanz des Personals und der Krankenstand war entsprechend hoch.

Was haben Sie also gemacht?
Ich bin in die 1:1 Versorgung gegangen. Das hat mir viel Spaß gemacht. Ich konnte mich rund um die Uhr um einen Patienten kümmern. Ich wechselte in einen anderen Pflegedienst, als der Patient gestorben war.  Die Chefin selbst verstand nichts von der Pflege. Sie konnte und wollte sich nicht in die Mitarbeiter und auch nicht in die Pflegebedürftigen hineinversetzen.
In dieser Zeit verstärkte sich bei mir der Gedanke, selbst einen Pflegedienst zu gründen und meine Philosophie von Pflege umzusetzen.

Mit wie vielen Mitarbeitern haben Sie angefangen?
Mit drei Vollzeitfachkräften, meine Person eingeschlossen. Ich war am Anfang nicht nur die Inhaberin, sondern auch die Pflegedienstleiterin. Später hat das Frau Brückner übernommen.

Was ist Ihnen am Anfang am leichtesten gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten, hineinzuwachsen?
Am schwersten ist mir der „Papierkram“, die Verwaltung gefallen. Am leichtesten der Umgang mit den Pflegebedürftigen.
Mein Ziel war es, die Bezugspflege fest zu etablieren. Und das habe ich auch geschafft. Die Kunden sollten immer die gleiche Person haben,  die ins Haus kommt und pflegt. Sicherlich bis auf Krankheit und Urlaub. Schließlich werden die Mitarbeiter ja faktisch ein Familienmitglied. Inzwischen arbeiten bei uns 15 Mitarbeiter.

Was macht Ihrer Meinung nach ein starkes Team aus?
Der Austausch untereinander ist wichtig. Die Charaktere müssen schon zusammenpassen.  Und wo es mal nicht passt ist eine Atmosphäre des Ausgleichs gefragt. Wichtig ist, dass unser Team die Arbeit gern macht. Das ist die Voraussetzung für alles. Jeder bei uns im Team liebt das, was er tut.

Wo sehen Sie die Gründe für den mitunter schlechten Ruf von Pflegediensten in der Öffentlichkeit?
Das ist nicht mit einem Satz zu beantworten.
Ich denke, die finanzielle Seite spielt eine große Rolle.

Wie meinen Sie das?
Alles, was man am Patienten macht, braucht Zeit und muss ja irgendwie mit Geld aufgewogen werden.
Und da wird dann manches eben nicht gemacht, was nicht abgerechnet werden kann. Die Kassen brauchen ja auch noch Zeit,
um die Abrechnung zu prüfen und entsprechend zu zahlen. Ich glaube, mitunter gibt es da Pflegedienste,
die da zu sehr hinter dem Geld her sind, sicher auch müssen. Schließlich kommt es aber auf den Inhaber an und die Pflegedienstleitung.
Die richtigen Werte zu leben, ein ordentliches Klima zu haben, das den Kunden tatsächlich in den Mittelpunkt des Handelns stellt,
das ist das Wichtigste und dann ist auch die Mund zu Mund Propaganda gut.

Was hat sich geändert, wenn Sie einen Vergleich ziehen zu der Zeit, als Sie in der Pflege begonnen haben?
Die Zeit war schon nicht einfach. Besonders wenn ich an manche personelle Unterbesetzung in den Heimen denke und die daraus entstehende Überbelastung.
Aber auch zu meinem Beginn der Gründung des eigenen Pflegedienstes. Wir arbeiten immer noch auf bestimmte Ziele hin.

Welche?
Wir wollen eine Wohngemeinschaft für Demenzkranke aufmachen. Da stehen wir aber erst am Anfang.

Was macht für Sie individuelle Pflege aus?
Den Menschen wirklich als Ganzes sehen, ihn dort abholen, wo er sich befindet – geistig, körperlich, seelisch.
Die Zusammenarbeit im Team ist hier wichtig. Und der Kontakt zu den Angehörigen. Wenn man angerufen wird,
dann sollte man für den Fragenden da sein. Es sind die täglichen kleinen Herausforderungen, die den Unterschied machen.

Was sagen Sie zur Generalistik in der Pflegeausbildung?
Wir sind ja ein Ausbildungsbetrieb seit 2014. Wir motivieren unsere Pflegehelfer, eine Ausbildung zum Altenpfleger zu machen.
Ich habe aber manchmal den Eindruck, dass der eigentliche Beruf des Altenpflegers stirbt, wenn wir ihn jetzt in eine generalistische Ausbildung einordnen. Unser Berufsbild hat ja seine eigenen wichtigen Seiten.

Welche?
Zum Beispiel, dass wir uns auf die Pflege von älteren Menschen konzentrieren. Das sind Besonderheiten,
die auch eine spezifische Ausrichtung in der Ausbildung erfordern.

Was ist für Sie persönlich Glück?
Glück ist, einigermaßen gesund zu sein.
Ich bin glücklich, wenn meine Mitarbeiter es auch sind.
Manchmal spüre ich, dass es jemandem nicht so gut geht.
Dann spreche ich ihn darauf an. Und die Mitarbeiter wissen, dass ich mit sensiblen Themen auch einfühlsam und vertraulich umgehe.
Ich glaube, diese Art des Vertrauens gehört dazu, wenn man vom Gefühl des Glücks spricht. Ich habe eine sehr gute Pflegedienstleiterin,  die Frau Brückner. Darüber bin ich sehr glücklich. Sie ist von Anfang an dabei und eine sehr wichtige Stütze.
Ansonsten mag ich das Leben, so wie es ist. Ich mag Stress – positiven Stress – das macht glücklich.

Frau Wüst, danke für das Gespräch.
© Dr. Uwe Müller

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