Interview mit Evelin Funke

Evelin Funke ist die Inhaberin der „Zentralen Ambulante Krankenpflege Evelin Funke GmbH“

Frau Funke, wie sind Sie zur Pflege gekommen?
Ich habe von 1979 bis 1982 ein Fachschulstudium zur examinierten Krankenschwester absolviert. Später habe ich die Rettungsstelle in der Charité in Berlin mit aufgebaut. 1984 kam mein erstes Kind.
Im Mai 1989 bin ich aus der damaligen DDR geflohen und war dann in verschiedenen medizinischen Einrichtungen in NRW tätig – zum Beispiel in einem katholischen Krankenhaus in Oberhausen oder in Mühlheim an der Ruhr.
In dieser Zeit absolvierte ich auch einen Stationslehrgang in Bonn und war ab 1991 Stationsschwester. Ich habe so Erfahrungen unter anderen in den Bereichen der Neurologie, der Kardiologie und der HNO sammeln können.
Doch ich wollte unbedingt nach Berlin zurück.

Warum?
Nun, das lag auf der Hand. Die Mauer war gefallen und ich hatte schon Sehnsucht nach meiner Heimat. Außerdem: Wir wollten ein Haus bauen und haben dann auch nach der Rückkehr ein Grundstück dafür erworben.

Wie ging es weiter?
Im Juli 1993 habe ich meinen eigenen Pflegedienst gegründet. Ich hatte sofort den Anspruch, eine gute Qualität in der Pflege und Betreuung zu bieten.
Anfangs habe ich ja ganz allein gearbeitet. Da war es schon nicht leicht, alles zu bewältigen, meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.

Was war denn Ihr zentrales Anliegen?
Ich wollte immer so andere Menschen pflegen, wie ich auch selbst gepflegt werden will.

Wie war es, Kontakte aufzubauen, Patienten zu gewinnen?
Ich hatte natürlich einen großen Vorteil: Es war naheliegend, dass ich als ausgebildete und erfahrene Krankenschwester schnell ein Netzwerk in die umliegenden Krankenhäuser aufbauen konnte, mir Patienten empfohlen wurden.
Übrigens, ich hänge noch heute sehr an meinem Beruf, als Krankenschwester zu arbeiten. Am liebsten würde ich dort wieder hin zurückkehren, wenn ich die Wahl hätte.

Wie kommt es?
Nun, der ständige Kostendruck, wachsende Bürokratie und die Verantwortung, die ja nie aufhört – für die Mitarbeiter, die Pflegebedürftigen.

Ich kann das verstehen, dass Sie so etwas sagen.
Aber: Ich bin davon überzeugt, dass Ihnen die Firma inzwischen sehr ans Herz gewachsen ist, oder?
Da haben Sie schon recht. Ich habe ein tolles Team, praktisch ein Dream-Team. Und der Pflegedienst hat sich in den vergangenen 25 Jahren schon sehr gut entwickelt. 38 Mitarbeiter sind für über 100 Patienten zuständig.

Frau Funke, man merkt Ihnen an, dass Ihnen die Tagespflege sehr am Herzen liegt, warum?
Wissen Sie, die Angst vor sozialer Vereinsamung erfasst inzwischen viele ältere Bürger.
Und da ist es mir wichtig, ihnen ein geselliges Beisammensein zu ermöglichen, wenigstens für ein paar Stunden am Tag, ihnen einfach ein zusätzliches gemütliches Zuhause zu bieten.
Hinzukommt: Wir entlasten die Angehörigen, wenn diese ihren täglichen beruflichen und privaten Verpflichtungen nachgehen wollen.
Die Tagesgäste wiederum treffen bei uns Menschen, die ihnen gleichgesinnt sind. Übrigens: Darunter sind wirklich interessante Menschen, Persönlichkeiten, die viel zu erzählen haben, gern zuhören was es an Neuigkeiten in der Welt gibt.

Aber ist es nicht so, dass viele bereits mit Demenz zu kämpfen haben?
Ja, das ist richtig. Wir dürfen aber nicht in den Fehler verfallen, nur diese Tatsache zu sehen?

Sondern?
Wirklich den ganzen Menschen sehen, ihn individuell wahrnehmen in seinen vielfältigen Bedürfnissen.

Wie gelingt Ihnen das?
Indem wir vor allem vor Beginn der Betreuung sehr intensive Anamnesegespräche führen, und zwar mit den Angehörigen und den künftigen Gästen selbst.
Erst wenn wir den Menschen wirklich kennen, wissen, was er will und was nicht, können wir Angebote unterbreiten.

Können Sie das an einem Beispiel festmachen?
Wenn jemand ein ganzes Leben lang gelesen hat, und es geht jetzt nicht mehr kann, dann wird er vielleicht gern zuhören beim Vorlesen aus einem Buch, einer Zeitung.
Andere Gäste wiederum lieben Brettspiele. Und einem anderen macht Spaß, in seinem Fotoalbum zu blättern, sich zu erinnern, sich mitzuteilen.
Was ich meine: Biografiearbeit, Ausflüge organisieren, vielfältig sein im Angebot, an den Bedürfnissen des Einzelnen ausrichten – das trifft es im Kern.

Wie würden Sie die Tagespflege beschreiben, was ist charakteristisch, was fällt auf beim ersten Eindruck?
Besser, Sie fragen denjenigen, auf den das wirkt – den Gast oder den Angehörigen. Am besten, Sie schauen selbst mal vorbei.

Werde ich tun. Was erwartet mich?
Gemütliche Räume, freundliche und zugängliche Mitarbeiter.

Wie viele Mitarbeiter sind dort tätig?
Dort arbeiten zwei Männer als Fahrer, 2 Betreuerinnen, 1 Pflegehelferin und zwei Pflegefachkräfte. Übrigens: Ich liebe es zum Beispiel, kleine Galerien zu organisieren, Vernissagen und Finnissagen.
Dort stellen auch weniger bekannte Künstler aus. Die Bilder sind nicht nur für uns schön anzusehen.
Die Tagesgäste schauen sich die Bilder ebenfalls mit Interesse an. Manch ein Tagesgast vergisst aufgrund seiner Demenz wieder, was er gesehen hat. Aber am nächsten Tag erinnert er sich, oder entdeckt das Bild eben ganz neu.

Was gibt es noch für die Tagesgäste?
Es kommt der Friseur, der Physiotherapeut oder wir besuchen mal die Straußenfarm.
Wichtig sind zwei Dinge.

Nämlich?
Das Interesse des Tagesgastes wecken, ihn aktivieren und motivieren. Und: Ihn im Herzen berühren, ihm das Gefühl geben, dass er bei uns willkommen ist.

Was bedeutet Ihnen die individuelle Pflege?
Empathie ist sehr wichtig.

Was in diesem Zusammenhang heißt?
Sich wirklich in den Pflegebedürftigen hineinversetzen – gedanklich und von den Gefühlen her. Oft liest man, dass der Patient ganzheitlich gepflegt und betreut wird.
Doch das kostet Zeit, Kraft und den Willen, dranzubleiben.

Und, tun Sie das?
Ja, das tun wir. Dazu fühlen wir uns geradezu berufen. Wir hören genau hin, was der Pflegebedürftige für Wünsche und Bedürfnisse hat, was die Angehörigen sagen.
Wir setzen das auch um, was wir versprochen haben, obwohl das aufgrund der Größe unserer Firma manchmal nicht einfach ist.

Was ist, wenn Sie die Qualität nicht liefern können?
Dann sagen wir das. Wir hatten gerade heute so einen Fall. Angehörige wollten ihre Mama versorgt wissen, die schwer dement ist.
Sie hatten bereits einen guten Eindruck von uns gewonnen, weil wir die Mutter schon in der Tagespflege betreut haben.
Doch, wir mussten ganz offen sagen, dass wir vom personellen Aufwand her nicht schaffen, zurzeit jedenfalls nicht.

Was passierte dann?
Nun, ich habe bei einem anderen Pflegedienst angefragt und die Patientin dorthin empfohlen. Das gehört für uns zur Dienstleistung dazu.
Es ist besser so, als mit aller Macht zu versuchen, den Menschen zu betreuen, obwohl es von vornherein klar ist, dass wir es nicht schaffen.
Wenn also der Mensch wirklich im Mittelpunkt stehen soll, dann müssen wir ihn auch dort lassen und das für ihn beste organisieren. Und das war in dem Fall ein anderer Pflegedienst, der über offene Kapazitäten verfügte.

Was macht die SAPV aus?
In der Spezialisierten Ambulanten Palliativ-Versorgung arbeitet ein Team von vier Palliativ-Care-Kräften.
Wir wollten schon immer in die palliative Versorgung einsteigen. Vor Jahren hat Rüdersdorf einen Pflegedienst gesucht, der in das Netzwerk miteinsteigt.
Das hat uns ja auch Geld gekostet. Zum Beispiel die Ausbildung der Fachkräfte.

Also noch eine zusätzliche Ausbildung?
Ja. Ein Jahr Sonderausbildung. Die künftige Palliativ-Care Fachkraft muss unter anderem in einer onkologischen Praxis hospitiert haben, oder zum Beispiel auch in einem Hospiz.
Das alles dient dazu, sich sehr intensiv in dieses sehr sensible Fachgebiet einzuarbeiten.

Warum haben Sie sich entschlossen, in eine Versorgung einzusteigen, die so komplex und schwierig ist?
Wir wollten schon immer Palliativ machen. Die meisten Pflegedienste haben nicht das Fachpersonal. Ich hatte diese Fachkräfte. Und: Ich habe für deren Ausbildung Geld in die Hand genommen.
Außerdem: Auf diese Weise konnte ich meiner Berufung als Krankenschwester wieder mehr nachgehen – einfach als Schwester Evelin für die Patienten da sein.
Inzwischen haben wir ein ganzes Palliativnetzwerk aufgebaut.

Was ist das Hauptmotiv für die Palliativ-Versorgung?
Wir möchten, dass der Patient zu Hause sterben kann – also da, wo er sich geborgen fühlt, im Kreise seiner Lieben.
Bei uns in der Region gibt es kein Hospiz, noch nicht. Umso mehr wollen wir für schwerstkranke Patienten und deren Angehörige Ansprechpartner sein.
Die Patienten, die wir betreuen, sind mindestens 18 Jahre alt. Sie sind austherapiert. Sie wissen, dass sie sterben werden.
Wir sind rund um die Uhr erreichbar. Und ein Doktor steht ebenfalls 24 Stunden am Tag zur Verfügung.

Was gehört zu dieser Arbeit?
Es geht darum, Medikamente zu verabreichen oder zum Beispiel die Flüssigkeitszufuhr zu regeln. Aber, das was die Arbeit ausmacht ist:
ein Gespür für den Patienten zu entwickeln – nicht nur, um eventuellen Angstattacken zu begegnen, sondern selbst in diesem Stadium für Lebensqualität zu sorgen.

Was ist das Besondere an Ihrem Führungsteam?
Wir sind in der Führung ein „Dream-Team“

Klingt abgehoben, oder?
Vielleicht klingt es so. Doch ich stehe dazu. Wir haben insgesamt ein wirklich tolles Team aus 38 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – gut ausgebildet, sehr engagiert.
Und ich weiß, dass dies nicht mein Verdienst allein ist. Vielmehr: Das ist das Ergebnis einer wirklich guten Arbeit unseres Führungsteams.

Wer gehört dazu?
Daniela Wraske, Sandra Thiele und ich. Daniela Wraske ist jung, hat Energie, bringt frische Ideen mit.
Sie ist unsere „Konzeptdame“, also diejenige, die die Konzeptionen zur SAPV schreibt, die Verträge vorbereitet, Dienstleistungsangebote entwirft.
Sandra Thiele wiederum ist unser Ruhepol. Sie hat den Überblick über die Touren, ist der Ansprechpartner für die Mitarbeiter, achtet auf die betriebswirtschaftlichen Erfordernisse.
Für mich sind das ganz einfach wunderbare Menschen. Wir alle drei ergänzen einander, hören darauf, was der andere zu sagen hat.
Und: Wir verlieren dabei nicht das Wesentliche aus den Augen: den Patienten. Der kommt an erster Stelle, für ihn tun wir das ja alles.
Was glauben Sie zum Beispiel, wie die beiden beim Erstgespräch hinhören! Sie stellen die richtigen Fragen, sind einfach empathisch. Das ist es, was ich meine, wenn ich von einem „Dream-Team“ spreche.

Was denken Sie am Wochenanfang, montags also, wenn Sie in den Pflegedienst fahren?
Ich bin gut gelaunt, neugierig auf den Tag – es ist immer anders, spannend eben.

Frau Funke, vielen Dank für das Gespräch.

© Dr. Uwe Müller

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