Anna ist dement (2) – Laura ist zu Besuch, Teil 1

Abends rief Anna an. Laura ging ran und sagte: „Hallo Omi!“ Am anderen Ende kam keine Antwort. Sie zögerte. „Wieso ist Laura dort? Die wohnt doch in Berlin?“ Anna brauchte um zu verstehen, dass Laura zu Besuch war.
Ihr Koordinatensystem war durcheinandergebracht. „Wo ist denn dein Freund? Ist der nicht mit?“ Jetzt hatte Anna offensichtlich wieder den Durchblick.
Sonntagmorgen. Peter ist in Richtung Schorfheide gefahren. Er liebt die Gegend. Kurz vor Zerpenschleuse biegt er nach links ab. Er bleibt mit dem Auto oben stehen, steigt aus und holt die Stöcke für Nordic Walking aus dem Kofferraum. Peter blickt aufs Wasser und er bekommt sofort gute Laune. Die Sonne scheint, es ist ruhig, der Kiefernwald duftet. Neben ihm liegt ein Plastiksack, den offensichtlich Leute dorthin verfrachtet haben. Peter ärgert sich. Früher hätte er sich nicht darüber aufgeregt, heute aber schon. Er versteht nicht, dass manche Menschen so faul sind und den Müll ordentlich entsorgen. Peter legt die Schlaufen von den Stöcken an und läuft los. Man müsste eher sagen, er latscht los. Er braucht immer ein bisschen, bis er auf Betriebstemperatur ist. Ihm entgegen kommt ein Fahrradfahrer in kurzen Hosen und kurzem Hemd. Der starrt ihn an. „Guten Tag!“ Peter grüßt jeden, wenn er jemanden trifft. Aber er stellt fest, dass immer weniger so freundlich angesprochen werden wollen. Also macht er es auch schon nicht mehr durchgehend bei jedem. Aber heute ist Sonntag. Da grüßt er beim Laufen jeden. Auf dem Fluss ist ein Motorengeräusch zu hören. Ein Boot kommt ihm entgegen. Die Maschinen stampfen. Peter liebt diese Geräusche. Er kennt sie aus seiner Kindheit vom Schweriner See. Dort hat er gern zugeschaut, wenn die großen Boote am Steg festmachten. Am liebsten mochte er in einen Schuppen gehen, in dem ein Boot lag und ein wenig schaukelte und er konnte vom Rand aus auf das Boot steigen. Das hatte was, auch wenn ihm die Boote nicht gehörten. Das Boot auf der Finow ist an ihm vorbeigefahren. Hinten lümmelten sich ein Mann und eine Frau und ließen die Arme über die Bordwand hängen.
„Haben die es gut“, dachte Peter. Doch dann kam ihm in den Sinn, was alles zu tun ist, wenn das Boot angelegt hat. Es gibt immer etwas zu wischen, der Bootsmotor muss gewartet werden. Peter erinnert sich an den Schweriner See zurück und wie ihn sein Vater gepiesackt hatte, damit das Boot und der Motor zu Wasser gelassen werden konnten. Und dabei handelte es sich nur um den „Delphin“, ein Boot, das von einer PVC-Haut überzogen wurde. Peter seufzt und ist froh, dass er nun nur vom Ufer aus die vorbeifahrenden Boote beobachten konnte. Für ihn war das Luxus, dass er am Tag einmal laufen konnte. Am Alltag lief er meist schon morgens, halb sechs, wenn er Klara zum Bahnhof gefahren hatte. Peter kehrte um. Auf dem Rückweg konnte er besser auf das Wasser schauen und freute sich an der Ruhe, die ihn umgab.
Am Auto zurück angekommen lag nun der schönste Moment vor ihm: Die Hecktür öffnen, sich in den Laderaum schwingen, Wasser trinken, die Beine baumeln lassen und ein wenig herumhängen.
Peter fährt ab. Das Autotelefon klingelt. Laura ist dran. „Wo steckst du?“
„Warum?“
„Ich bin auf dem Weg zu euch.“ Peter freute sich. Seine Tochter kam nur noch selten zu ihm aus Berlin zu ihnen. Er rief Klara an: „Ich fahr‘ gleich durch zum Bahnhof und hole Laura ab.“
„Ist gut!“, erwiderte Laura. Es kam Leben in die Bude. Die Regionalbahn lief in den Bahnhof ein, kurz nachdem Peter angekommen war. Er fuhr mit Laura zurück. Laura stieg am Haus aus dem Auto und Peter kurbelte das Lenkrad herum, damit er in den Carport einparken konnte. Die Sonne blendete ihn und er konnte nicht erkennen, ob zu beiden außenstehenden Pfosten genügend Platz wäre. Peter sah es nicht genau und fuhr trotzdem rückwärts in den Carport. Es knirschte. Der Mercedes hatte am linken Pfosten angedockt. Peter war sauer. Der Schmutzfänger war ein Stück abgerissen. Peter ging nie zum Arzt, nur wenn es gar nicht mehr ging.
Doch für Bobby tat er alles. Bobby, das war kein Mensch und es war kein Hund. Es war sein Auto, das er nun schon das 14. Jahr fuhr. „Ich muss mit Bobby morgen in die Werkstatt. Und ich habe keinen Hunger mehr, ihr müsst ohne mich essen“. Für Peter war der Tag gelaufen.

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