Annas Erinnerungen (2)

Annas 80. Geburtstag
© Kristina Müller

Annas Aufregung am heutigen Tage rührte vor allem von der Besonderheit des Tages her. Kein Tag wie jeder andere – selbstverständlich. Immerhin würde sie heute ihren achtzigsten Geburtstag feiern. Dementsprechend stand sie früh auf und konnte es kaum erwarten, dass Klara und Peter sie abholen würden. Ihre liebste Tochter hatte Brunch und Essen in einem hübschen Café mit Blick auf den Strelasund organisiert. Schon vor Wochen war Anna zur Bank gegangen, um das benötigte Geld abzuholen, welches seitdem in einen Umschlag gebettet in ihrer Nachttischschublade ruhte. Ein Blick zur Uhr zeigte ihr, dass sie wohl doch zu früh dran war. Klara und Peter würden frühestens eine Stunde vor Beginn der Feier, die um 11 Uhr sein sollte, bei ihr sein. Anna seufzte und warf einen Blick aus dem Fenster auf das in der Sonne glitzernde Wasser.
Der 22.04.1937 war ein Donnerstag und alles andere als so sonnig wie heute. Den ganzen Tag war es bewölkt und immer wieder gingen Regenschauer über der Stadt nieder. Ihre Mutter Heide lag schon seit der Nacht in den Wehen. Ihr Vater, Alfred Roth, so aufregend es auch sein mochte, war wie jeden Tag zur Arbeit in die Bank gegangen. Ihr Großvater und ihr Onkel Gottfried befanden sich wahrscheinlich irgendwo auf dem Meer, um die Netze einzuholen. So blieb lediglich Öming, die Heide zur Seite stand. Zwar besaß Heide noch eine Schwester, doch diese saß aufgrund einer Behinderung meist nur stumm in ihrem Sessel und beobachtete das Treiben um sich herum. Heide störte es nicht, dass nur ihre Mutter helfen konnte. Zur damaligen Zeit war es nichts Ungewöhnliches, sein Kind im eigenen Bett zu gebären. Öming selbst hatte drei Kinder so zur Welt gebracht und wusste, was zu tun war. Als es zum kritischen Punkt kam, standen schon eine Schüssel mit heißem Wasser, Handtücher und was man sonst so brauchen würde bereit. Der Regen peitschte gerade heftig gegen das Fenster, als Annas erster Schrei durch Ömings Haus hallte.
Nachdem das kleine Baby von seiner Großmutter gewaschen und angekleidet worden war, schickte diese sich an, Alfred und ihren Mann zu informieren. Alfred, dessen Chef bereits von der bevorstehenden Geburt informiert war, durfte seinen Posten hinter dem Bankschalter verlassen und eilte schnell nach Hause, um seine neugeborene Tochter zu bestaunen. Währenddessen ging Öming weiter in den Hafen, in der Hoffnung Gottfried und ihren Mann schon zurück zu sehen und ihnen die freudige Botschaft überbringen zu können.
Aufgeregt betrat Alfred das kleine Schlafgemach seiner Frau und sich. Heide lag dösend im Bett und öffnete träge die Augen, als sie das Knarren der Dielen hörte. Ihre Hand ruhte auf dem Bauch ihrer Tochter, die in einem Korb neben dem Bett lag und ebenfalls schlummerte. Leise trat der frischgebackene Vater näher und betrachte das kleine Bündel Leben, welches seine Heide und er zustande gebracht hatten. Wenig später kamen auch Öming, ihr Mann und Gottfried nach Hause, gespannt die kleine Anna kennen zu lernen. Zur Feier des Tages entschied Öming noch Kuchen zu backen.
So erinnerte sich Anna an die Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern, wie es am Tag ihrer Geburt war, während sie zum Zeitvertreib in ihren alten Fotoalben blätterte. Sie liebte die alten Alben und hegte selber auch viele solcher, die die letzten Jahrzehnte ihres Lebens dokumentierten. Fein säuberlich im Schrank eingeordnet, die Jahreszahlen darauf vermerkt, konnte sie so auf viele Ereignisse zurückschauen. Auch heute würde sicher jemand Fotos machen, die weitere Seiten in ihrem Alben füllen würden. Immerhin waren achtzig Lebensjahre ein guter Grund zu feiern und zu fotografieren.

Uwe Müller

 

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