Warum erzählen? (1)

Erzählen klingt nach Märchen.
Jemand hat Zeit und erzählt. Keiner wird bestreiten, dass es wichtig ist, als Kind Märchen zu hören, sie erzählt zu bekommen oder sie selbst Kindern zu erzählen.
Erzählen ist viel mehr: Es ist eine Form für mich, auf Probleme aufmerksam zu machen, Geschichten zu erzählen, wie Menschen mit ihren Sorgen umgehen und wie sie es schaffen, trotzdem den Tag nicht nur „grau in grau“ zu sehen.
Demenz ist eine Krankheit. Über sie ist viel berichtet worden.
Es sind wissenschaftliche Forschungsergebnisse nachzulesen, es wurden Ratgeber für den Umgang mit demenzkranken Menschen herausgegeben.
Das ist zweifellos wichtig und kann auch nicht durch das Erzählen darüber ersetzt werden.
Trotzdem: Indem ich darüber schreibe, und du darüber liest, wie Angehörige ihre eigene Geschichte sehen, was sie selbst in der Familie erleben, wird deutlich, was Demenz eigentlich bedeutet – nämlich, dass es das Leben aller daran Beteiligten umkrempelt.
Eigentlich schreibe ich gar nicht über die Krankheit Demenz an sich. Vielmehr:
Ich schreibe darüber, dass wir das Leben darüber nicht vergessen dürfen, irgendwie damit klarkommen müssen, nicht die Kraft verlieren und vor allem den Glauben nicht an das, was schön im Leben ist.
Das ist ein Balanceakt. Keiner kann hier sagen, er wisse alles.
Der Erfahrungsaustausch hierzu kann viel bringen und regt dazu an, sich auszutauschen. Das ist mein Anliegen.
Manchmal denke ich: Leg den Füllhalter weg, geh lieber laufen. Aber wenn ich laufe, dann denke ich daran, wie ich weiterschreiben kann.
© Uwe Müller

Anna ist dement (13)

Peter ist allein

Peter war nicht mitgefahren zu Dr. Silberfisch nach Stralsund. Er konnte  nicht von seinem Schreibtisch weg. Er wollte noch einige Artikel fertigstellen. Trotzdem: Er war es nicht gewohnt, allein zu sein. Dann musste  er ja alles selber machen – das Frühstück, abwaschen und was eben sonst noch so im Haushalt anfiel.
Peter war nicht faul. Er schrieb, arbeitete ununterbrochen. Na gut, auf jeden Fall fühlte es sich so für ihn an. Und wenn er jetzt vor dem Schreiben noch etwas tat, was körperlich anstrengend war, so fiel er danach erschöpft auf seinen Schreibtischstuhl und mochte nicht mehr arbeiten.
Die Kreativität ist dann weg, bildete er sich ein. Er pflanzte sich in dem Fall schon lieber vor den Fernseher, sah sich eine Talkshow an und fluchte über die,  die meinten, das Leben, die Politik und die Menschen zu verstehen.
„Du kannst aufhören, in den Fernseher hineinzureden, denn dich hört keiner“, pflegte Klara zu sagen, wenn sie zufällig dabei war.
Heute musste Peter eine Entscheidung treffen – gleich an den Schreibtisch oder zuerst die ungeliebten Arbeiten im Haus?
Peter gab sich einen Ruck. Er ging in den Garten, holte den Rasenmäher heraus und wollte Klara mit einem frisch gemähten Rasenstück überraschen. Also rollte er das Kabel von der Trommel und steckte den Stecker in die Steckdose am Rasenmäher. So, jetzt konnte es ja gleich losgehen. Doch es bewegte sich nichts. Peter schlurfte in den Schuppen und schaute, ob er dort einen Schalter umlegen musste. Er probierte es und knipste den Hebel auf die andere Seite. Aber jetzt. Peter ging schwungvoll zurück. Er drückte auf den Knopf am Mäher. Wieder nichts.
Hatte er etwa den falschen Hebel umgelegt? Davon waren ja zwei  an der Steckdose. Peter probierte es noch einmal. Wieder nichts. Verdammt, Klara hatte bestimmt irgendeinen Trick, den sie ihm nicht verraten hatte.
Eigentlich wollte Klara gar nicht, dass Peter den Rasen quälte. Er mähte ihr immer zu viel vom Rasen weg, und außerdem mussten auch ein paar Blumen daran glauben, wenn er sich ans Werk machte. Aber das kam ja nicht allzu oft vor. Peter kam nicht weiter, der Mäher sprang nicht an, obwohl er nun schon gefühlt einen kleinen Marathon zurückgelegt hatte – zwischen der Steckdose im Schuppen und dem Rasenmäher.
Peter überlegte. Kurzerhand schloss er die Wohnungstür auf, schleifte das Kabel hinter sich her und steckte es in die Steckdose im Gäste–WC.  Die Kabeltrommel platzierte er im Waschbecken. Klara sah das ja nicht.  Der Mäher sprang sofort an und schnurrte. Peter konnte beginnen. Doch dann sah er die beiden Liegestühle. Verdammt, die mussten auch noch beiseite geräumt werden. Schließlich kam er vorwärts und mähte entschlossen Streifen für Streifen. Als er an den Kirschbaum kam, stieß er sich den Kopf und fluchte.  Er hatte  sich das nicht so vorgestellt. Eine kleine Rasenfläche und tausend Hindernisse. Peter vergaß, die Fläche hinter dem Baum zu mähen. Er stellte die Liegestühle wieder an ihren Platz und begutachtete sein Meisterwerk.
Jetzt bemerkte er es: Er hatte eine kleine Ecke vergessen. Das Stück genau hinter dem Baum. Aber nun war der Mäher schon weggestellt, das Kabel aufgerollt. Das ist nicht so schlimm, sagte sich Peter. Aber es ärgerte ihn trotzdem.
Abends rief Klara an. „Na, wie hast du den Tag verbracht?“
„Och, ich habe den Rasen gemäht.“
„Was, das solltest du doch gar nicht!“ „Und ich dachte, du freust dich.“
„Ja, ich freue mich schon“, lenkte Klara ein.
„Aber, sag mal“, fragte Peter, „wo ist der Hebel für den Strom?“
„Welcher Hebel und welcher Strom?“ „Na, damit der Mäher anspringt, wenn ich das Kabel in die Steckdose am Schuppen stecke.“
„Da musst du im Wohnzimmer, hinter der Gardine den einen Schalter anmachen. Dann geht es.“
„Stimmt ja“. Jetzt ärgerte sich Peter, dass er nicht allein darauf gekommen war. „Und wie war es bei Dr. Silberfisch?“
„Das erzähle ich dir morgen.

© Uwe Müller

Anna ist dement (12)

Bei Dr. Silberfisch

Klara ist nach Stralsund gefahren. Ihr hat es keine Ruhe gelassen damit, wie sie weiter mit Anna umgehen soll. Sie hat einen Termin bei Dr. Silberfisch, gemeinsam mit ihrem Bruder Lukas.
„Ich habe es auch schon bemerkt, dass Ihre Mutter nicht immer mehr auf der gedanklichen Höhe ist.“
Ja, da hatte er recht. Klara fährt fort: „Herr Doktor, Sie müssen vielleicht ein paar Dinge wissen, die für uns eindeutige Zeichen einer beginnenden Demenz sind.“
„Was meinen Sie genau?“, hakt Dr. Silberfisch nach.
„Da war die Sache mit der Bank. Meine Mutter ist dort über Jahrzehnte Kundin. Eigentlich schon zu Zeiten der DDR. Nur dass die Bank damals anders hieß und eine andere war.“
Dr. Silberfisch schaut sie schweigend an. Man merkt ihm an, dass er sich auf das konzentriert, was nun kommt.
„Also um es kurz zu machen – meine Mutter hatte sich nach einer Beratung damit einverstanden erklärt, dass ihr gesamtes Erspartes in verschiedenen Fonds angelegt wird; insgesamt mehrere Tausend Euro.“
„Wirklich?“ „Ja, wirklich.“
„Können Sie sich vorstellen, wie geschockt wir waren?“
„Ja, durchaus.“ „Aber wie haben das denn die Berater angestellt?“
„Herr Doktor“, Klara blickt den Arzt fest an, „können Sie sich vorstellen, wie sich ein älterer Mensch fühlt, dem eine Mitarbeiterin mit Entschlossenheit einen Fonds verkauft, und sie zudem versichert, dass es das Beste für meine Mutter sei, was sie mit Geld anstellen könnte?“
„Ja, schon. Ich kann mir das vorstellen. Aber da gibt es doch eine ethische Komponente.“
„Sehen Sie Herr Doktor, da sind wir ganz einer Meinung. Aber meiner Mutter haben sie gesagt, dass es für eine große und auch ziemlich sichere Sache sei, wenn sie das Geld in verschiedene Aktien – und Immobilienfonds geben.“
„Was hat denn Ihre Mutter geantwortet?“
Sie meinte: „Na gut, dann machen Sie das.“
Und während die Mitarbeiterin die Anträge ausfüllte, da hat meine Mutter ihr erzählt, dass ihr Vater früher in der gleichen Bank gearbeitet hätte, und  sie wüsste, was für eine schwere Arbeit die Mitarbeiterin jetzt  beim Ausfüllen der Anträge leisten müsste.“
Dr. Silberfisch sagte nichts. Er war sprachlos.

Antje Gehrmann im Interview

Antje Gehrmann hat im Pflegedienst Gehrmann GbR die Geschäftsleitung inne.
Der Pflegedienst ist im Raum Oranienburg/ Brandenburg tätig.

Frau Gehrmann, wie verlief Ihr beruflicher Werdegang vor der Gründung des Pflegedienstes?
Ich bin in der Pflege eine Quereinsteigerin. Ursprünglich war ich mal Imkerin. Das war mir in die Wiege gelegt worden. Mein Großvater hat mir 30 Völker vererbt, also ein ganzes Bienenhaus. Doch dann war 1992 eine schwere Bombendetonation – keine 100 Meter von unserem Haus entfernt. Die Druckwelle zerstörte die Traube. Die Bienen haben dadurch in der Mehrzahl nicht überlebt.

Wie ging es bei Ihnen weiter?
Ich habe in Bernburg begonnen, Agraringenieurwesen für Bienenwirtschaft zu studieren. Doch die Schule wurde nach der Wende aufgelöst. Ich bin dann zurück nach Oranienburg gegangen und habe an der Oberschule meinen Abschluss als Betriebswirt mit Abitur gemacht. Das war 1993. Danach gab es einen kleinen Abstecher in die Museologie. Parallel zum Studium habe ich Ausstellungen mitorganisiert.

Wie sind Sie dann zur Pflege gekommen?
Meine Mutter, Christine Gehrmann, hat sich 1994 selbstständig gemacht. Ich habe von Anfang an in der Pflege mitgeholfen – in der Verwaltung, beim Vorbereiten von Verträgen oder in der Abrechnung.  Der ambulante Pflegedienst hieß damals noch „Schwester Christine“.

Und wann sind Sie richtig eingestiegen?
Im Jahr 1999. Gemeinsam mit meiner Mutter bilde ich seitdem die Geschäftsleitung. Gleichzeitig wurde die Firma in „Pflegedienst Gehrmann GbR“ umbenannt.

Worauf sind Sie heute besonders stolz?
Auf das Wachstum und unser Mitarbeiterteam.

Was macht Ihre Stärken aus?
Das ist für mich schwierig, darauf zu antworten.

Was glauben Sie denn?
Ich denke Vielseitigkeit spielt eine Rolle. Und: Ich kann mich gut auf neue Situationen einstellen. Ich trage auch eine gewisse Ruhe in mir, verliere nicht gleich den Kopf, wenn es mal stressig oder unübersichtlich wird.

Was macht Ihrer Meinung nach ein starkes Team aus?
Nun, ich kann nur von dem sprechen, was ich sehe und erlebe.
Bei uns ist es so, dass der eine für den anderen einspringt. Wir teilen die Aufgaben fair unter uns auf. Einer hilft wirklich dem anderen. Ich denke, das ist es, was uns stark macht.

Wie ist das bei Ihnen im Haus?
Wir setzen auf Langfristigkeit. Der Idealfall für uns wäre: Jemand beginnt seine Ausbildung oder sein Praktikum hier und bleibt möglichst lange bei uns. Zum Beispiel kommen bei uns die Mitarbeiter auch nach der Elternzeit wieder. Natürlich manchmal nur eingeschränkt, aber sie kommen wieder.

Was hat sich geändert, wenn Sie heute die Pflege und Betreuung ansehen und das mit den Bedingungen vor etwa zwanzig Jahren vergleichen?
Die Bürokratie hat zugenommen. Wir dokumentieren immer mehr. Was geblieben ist: Die Arbeit ist schon schwer – körperlich und psychisch.

Was macht für Sie individuelle Pflege und Betreuung aus?
Der Klient entscheidet, was gemacht wird, wie und wann es gemacht wird. Für uns ist ganz wichtig: Die Pflegeperson darf nicht ständig wechseln. Wir haben da eine gute Kontinuität.

Wie sieht bei Ihnen die Pflegeberatung aus?
In den meisten Fällen machen wir einen Termin in der   Häuslichkeit. Die Pflegedienstleitung schaut direkt vor Ort, was nötig ist, was die Familie sagt. Natürlich kann der Klient uns auch erst einmal in unserem Haus zu einem allgemeinen Gespräch besuchen. Die Information und Beratung, unabhängig von der Entscheidung danach – das macht unseren Service aus.

Was ist für Sie persönlich Glück?
Ich bin glücklich. Vor allem unser super Team hat viel mit meinem persönlichen Glück zu tun. Der Beruf stimmt. Für mich ist er zur wirklichen Berufung geworden.

Frau Gehrmann, vielen Dank für das Gespräch.

Kontakt:
Pflegedienst Gehrmann GbR
Weimarer Str. 3 – 5
16 515 Oranienburg
Telefon: 03301 – 677 47 0
E-Mail: hkp.gehrmann@t-online.de
„Tagespflege Süd“
Berliner Straße 177 – 179
16 515 Oranienburg

http://www.oranienburger-pflegedienst.de

© Dr. Uwe Müller

 

Annas Erinnerungen (2)

Annas 80. Geburtstag
© Kristina Müller

Annas Aufregung am heutigen Tage rührte vor allem von der Besonderheit des Tages her. Kein Tag wie jeder andere – selbstverständlich. Immerhin würde sie heute ihren achtzigsten Geburtstag feiern. Dementsprechend stand sie früh auf und konnte es kaum erwarten, dass Klara und Peter sie abholen würden. Ihre liebste Tochter hatte Brunch und Essen in einem hübschen Café mit Blick auf den Strelasund organisiert. Schon vor Wochen war Anna zur Bank gegangen, um das benötigte Geld abzuholen, welches seitdem in einen Umschlag gebettet in ihrer Nachttischschublade ruhte. Ein Blick zur Uhr zeigte ihr, dass sie wohl doch zu früh dran war. Klara und Peter würden frühestens eine Stunde vor Beginn der Feier, die um 11 Uhr sein sollte, bei ihr sein. Anna seufzte und warf einen Blick aus dem Fenster auf das in der Sonne glitzernde Wasser.
Der 22.04.1937 war ein Donnerstag und alles andere als so sonnig wie heute. Den ganzen Tag war es bewölkt und immer wieder gingen Regenschauer über der Stadt nieder. Ihre Mutter Heide lag schon seit der Nacht in den Wehen. Ihr Vater, Alfred Roth, so aufregend es auch sein mochte, war wie jeden Tag zur Arbeit in die Bank gegangen. Ihr Großvater und ihr Onkel Gottfried befanden sich wahrscheinlich irgendwo auf dem Meer, um die Netze einzuholen. So blieb lediglich Öming, die Heide zur Seite stand. Zwar besaß Heide noch eine Schwester, doch diese saß aufgrund einer Behinderung meist nur stumm in ihrem Sessel und beobachtete das Treiben um sich herum. Heide störte es nicht, dass nur ihre Mutter helfen konnte. Zur damaligen Zeit war es nichts Ungewöhnliches, sein Kind im eigenen Bett zu gebären. Öming selbst hatte drei Kinder so zur Welt gebracht und wusste, was zu tun war. Als es zum kritischen Punkt kam, standen schon eine Schüssel mit heißem Wasser, Handtücher und was man sonst so brauchen würde bereit. Der Regen peitschte gerade heftig gegen das Fenster, als Annas erster Schrei durch Ömings Haus hallte.
Nachdem das kleine Baby von seiner Großmutter gewaschen und angekleidet worden war, schickte diese sich an, Alfred und ihren Mann zu informieren. Alfred, dessen Chef bereits von der bevorstehenden Geburt informiert war, durfte seinen Posten hinter dem Bankschalter verlassen und eilte schnell nach Hause, um seine neugeborene Tochter zu bestaunen. Währenddessen ging Öming weiter in den Hafen, in der Hoffnung Gottfried und ihren Mann schon zurück zu sehen und ihnen die freudige Botschaft überbringen zu können.
Aufgeregt betrat Alfred das kleine Schlafgemach seiner Frau und sich. Heide lag dösend im Bett und öffnete träge die Augen, als sie das Knarren der Dielen hörte. Ihre Hand ruhte auf dem Bauch ihrer Tochter, die in einem Korb neben dem Bett lag und ebenfalls schlummerte. Leise trat der frischgebackene Vater näher und betrachte das kleine Bündel Leben, welches seine Heide und er zustande gebracht hatten. Wenig später kamen auch Öming, ihr Mann und Gottfried nach Hause, gespannt die kleine Anna kennen zu lernen. Zur Feier des Tages entschied Öming noch Kuchen zu backen.
So erinnerte sich Anna an die Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern, wie es am Tag ihrer Geburt war, während sie zum Zeitvertreib in ihren alten Fotoalben blätterte. Sie liebte die alten Alben und hegte selber auch viele solcher, die die letzten Jahrzehnte ihres Lebens dokumentierten. Fein säuberlich im Schrank eingeordnet, die Jahreszahlen darauf vermerkt, konnte sie so auf viele Ereignisse zurückschauen. Auch heute würde sicher jemand Fotos machen, die weitere Seiten in ihrem Alben füllen würden. Immerhin waren achtzig Lebensjahre ein guter Grund zu feiern und zu fotografieren.

Uwe Müller

 

Anna ist dement (11)

Das Geld ist verschwunden

„Mutti, du musst jetzt irgendwann in der Bank gewesen sein. Im letzten Monat waren doch noch 53.000 Euro auf dem Sparbuch. Also muss irgendwo das übrige Geld sein, oder?“
Klara war entsetzt: „Mutti, bitte denk‘ jetzt nach. Hast du in der Bank mit jemandem darüber gesprochen?“
„Ja, ich habe mit der netten Frau von der Bank gesprochen. Sie war wirklich nett, Klara.“
„Ja, Mutti, was hast du denn mit ihr besprochen?“
„Ach, ich weiß das nicht mehr. Das ist aber auch ein Scheiß.“
„Mutti, du musst doch wissen, was du in der Bank getan oder besprochen hast, mit der so netten Mitarbeiterin!“
Anna bekam den beißenden Spott nicht mehr mit. Sie war jetzt völlig durcheinander.  Sie sprang auf, rannte in das andere Zimmer. Da, wo ihre anderen Unterlagen lagen.

„Mutti, jetzt bleib‘ doch mal hier. Es ist doch furchtbar, wenn du nicht mal eine Minute still sitzen kannst.“ Klara fühlte, dass es falsch war, jetzt so mit ihrer Mutter zu reden. Aber sie war einfach empört, über das, was ihre Mutter angestellt hatte, oder dass sie zuließ, dass man mit ihr etwas so Gemeines anstellen konnte.
Sie war wütend zugleich darüber, dass eine Bankmitarbeiterin es geschafft hatte, ihrer Mutter diesen Wahnsinn aufzuschwatzen. Klara hoffte, das Geld wäre wenigstens in halbwegs soldie Finanzanlagen gesteckt worden – und nicht, wie sie befürchtete,   bereits gänzlich verloren sei.

© Uwe Müller