MEIN FREUND, DER ALLTAG – MITTWOCH

Das ist die Mitte der Woche. Ich finde den Tag gut. Besser als Dienstag und erst recht als Montag. Mittwoch, Mitte, das hat etwas mit Balance zu tun. Sollte man nicht jeden Tag denken und fühlen, als sei man schon am Mittwoch angekommen? Kann man versuchen. Wird das gelingen? Nein, ich glaube nicht. Du musst schon am Montag denken, warum du gute Laune haben solltest, obwohl es montags ist. Und nicht: Ach, heute ist Montag, aber ich fühle mich wie am Mittwoch. Dann denkt der Andere: Der hat schon wieder in den falschen Tablettenschrank gegriffen. Hättest du gedacht, dass man so viel über einen einzelnen Wochentag schreiben kann? Ich auch nicht. Aber das mit der Balance finde ich gut. Sich ausbalancieren. Work-Life- Balance- das ist doch jetzt der große Knaller. Da kannst du dich coachen lassen, für viel Geld, ja, ja. Sonst ist das nicht wertvoll. Ich stelle mir diesen Coach immer montagsfrüh vor. Wie wird wohl sein Gesicht aussehen? Sagt er: „Guten Morgen, ich finde den Montag zwar gruselig, aber morgen ist ja das Seminar, wo ich den Leuten erzähle, wie sie sich ausbalancieren können?“ Oder geht er einfach die Teilnehmerzahl durch und denkt: „Sch…., das reicht nicht, davon kann ich nicht leben.“ Aber gut, das ist jetzt seine Sache. Ich denke an meinen Mittwoch und warum ich in der Balance bin. Ich denke. Erst mal fällt mir nichts ein. Doch halt: Ich glaube, die Gesichter der Menschen in der S-Bahn, die am Montag so versteinert geschaut haben, schauen heute weicher, freundlicher. Das muss ich wirklich mal überprüfen. Und dann fällt mir ein, dass ich bald Opa werde. Das macht mich sehr glücklich. Eigentlich sollte ich das am Montag denken, da gibt es sonst nichts zu lachen. Warum fällt es uns Menschen so schwer, von innen heraus Freude zu empfinden? Uns Deutschen fällt es besonders schwer. Wir sind politisch korrekt, gut die meisten jedenfalls. Wir erzählen von der Arbeit und machen ein bedeutungsschweres Gesicht dabei. Wir wissen, wann wir uns zu freuen haben. Weihnachten zum Beispiel. Aber nicht sofort. Erst einmal hetzen, einkaufen, backen, vorbereiten und wie von Sinnen durch die Geschäfte surfen. Dann den Ablauf planen. Und schließlich ist Weihnachten. Am zweiten Weihnachtsfeiertag kannst du dich wirklich freuen. Denn nun werden die Fernsehsendungen lockerer, das Christkind ist abgereist und du weißt, morgen muss Schwiegermutter auch wieder los. Ach, es gibt so viel, wo du dich freuen kannst. Aber eine Frage habe ich doch noch: Warum können wir uns nicht einfach mal über den Moment freuen? Ja, über diesen Moment, den du jetzt gerade erlebst! Du sitzt zum Beispiel in der S-Bahn, schaust dir die Leute an und denkst: Ich bin einer der geilsten und aufregendsten Städte auf dieser Welt. Laufend kommen neue, spannende Menschen herein. Was sie wohl in dem Moment denken? Ich will, dass sie sich freuen. Aber nein, das denken wir nicht. Warum auch? Wenn ich mal auf der Straße in Gedanken bin und ich denke an meine Enkelin, ja die, die noch nicht geboren ist. Dann lächle ich vor mich hin. Und wenn ich schließlich in ein anderes Gesicht schaue, zufällig, schaut derjenige freundlich zurück. Es ist so einfach. Nein, nein, das wollen wir uns erst gar nicht angewöhnen. Sonst kommen wir aus unserem Alltagstritt. Und wovon soll dann der Work-Life-Balance- Coach leben? Immerhin: Ein schreckliches Wort.

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