„ANNA IST DEMENT“ – Teil 18

Das wird noch schlimmer
Ein paar Tage war es ruhig gewesen. Anna rief regelmäßig abends an. Doch die Telefonate waren nicht aufregend. Sie war nicht depressiv, sie sprach klar und man merkte nicht sofort, dass sie an Demenz erkrankt war. Peter stand auf dem Parkplatz vor dem Aldi und überlegte, ob er die Telefonnummer von Anna wählen sollte. Er saß im Auto und hatte Langeweile. Klara hatte ihn überredet, doch noch mal schnell beim Aldi vorbeizufahren. Sie wollte dann gleich bei Kick reinschauen. Dort konnte sie so schön wühlen und nach weiteren Stramplern und Babymützen suchen.
„Hoffentlich reißt du nicht das Kick-Dach ab und packst es bei deiner Kaufwut gleich mit ein.“ Klara reagierte darauf gar nicht. Sie war im Kaufrausch. Krümel war noch nicht auf der Welt. Aber sie nahm Stück für Stück einen größeren Platz im Denken ein, von Klara und Peter. Laura hat ihren Geburtstermin Anfang Oktober. „Wir müssen jetzt einen Notfallplan aufstellen, damit wir wissen, was jeder zu tun hat, wenn es soweit ist“, sagte Peter zu ihr. „Was soll denn das für ein Plan sein?“ Klara schaute ihn verwundert beim Frühstück an. „Naja, wenn die Wehen bei Laura anfangen“, meinte Peter. „Dann fällst du doch schon in Ohnmacht“, konterte Klara. „Na dann versinkt eben alles im Chaos“, gab Peter beleidigt zurück. Peter wurde aus seinen Gedanken gerissen. Ein Geländewagen sauste vor ihm heran und bog scharf in die freie Parklücke ein. Eine Frau stieg aus, schlug ohne hinzusehen die Tür hinter ihrem Rücken zu und stampfte auf den Aldi – Markt zu.
„Wieder mal typisch“, dachte Peter. „Kann die sich nicht richtig in die Parklücke stellen?“ Das Auto stand mit zwei Rädern schon auf dem anderen Parkplatz. „Wahrscheinlich ist die gerade von der Arbeit gekommen und muss noch was für die Familie einkaufen. Einfach haben die es ja nicht gerade“, dachte Peter versöhnlich. Peter hatte nichts zu lesen mitgenommen. Er mochte nicht mitgehen, wenn sich Klara von einem Wühltisch zum anderen hangelte und ihre Begeisterung nicht zu bremsen war, wenn sie wieder mal ein paar Babysachen hochhielt. So stellte sich Peter die Hölle vor: eine Menschentraube an den Wühltischen und keinen Stuhl zum Hinsetzen, wo man wenigstens die Leute beobachten konnte. Das machte Peter dann schon mal gern. Jemanden beobachten, ihn einschätzen, was er wohl beruflich machte oder was das überhaupt für ein Mensch war, der vor ihm stand und in den Sachen herumfingerte. Diesmal wartete Peter also im Auto. Er wählte die Nummer von Anna. „Sturm!“, ertönte die Stimme von Lukas. „Stör‘ ich?“, fragte Peter. „Ich liege gerade auf dem Boden und repariere das Radio von Mutti.“
„Oh, dann will ich dich nicht weiter davon abhalten, wir können ja später telefonieren.“
„Ja“, antwortete Lukas. Peter drückte auf die rote Taste am Telefon. Bei Anna schien wieder der Teufel los zu sein. Lukas hatte seine schlechte Laune am Telefon kaum verbergen können.
Klara war mit dem Einkauf fertig und steuerte auf das Auto zu. „Na, Kick – Dach eingepackt?“ „Guck doch mal, wie niedlich!“ Klara reagierte gar nicht auf die Frage von Peter.
Sie hielt ihm eine Baby-Decke vor die Nase, auf der lauter niedliche Tiere zu sehen waren. „Mensch, die haben heute Sachen, da kann man nur staunen“, sagte Peter. Jetzt war er auch begeistert und sah schon vor seinem Auge Krümel auf der Decke liegen. Er würde sie sogar windeln. Das hatte er sich fest vorgenommen. Das war bei Laura noch anders. „Ich habe Rückenschmerzen“, hatte er damals immer gesagt. Doch nun war es anders. Er wollte für seine Enkelin von Anfang an da sein. „Ich wollte deine Mutter anrufen“, sagte Peter und drehte den Zündschlüssel um.
„Und?“ „Dein Bruder war dran. Er ächzte und keuchte, lag wohl auf dem Boden wegen dem Radio von deiner Mutter.“ „Schon wieder?“ Klara war entsetzt. Gerade hatte Lukas ihr gesagt, dass er das Radio wieder hinbekommen hatte, nachdem Anna alles rausgerissen hatte. Sie fuhren schweigend nach Hause. Abends rief Lukas zurück. „Ich krieg noch einen zu viel“, stöhnte er sofort los.
„Warum?“, fragte Klara ihn. „Mutti hört nicht zu. Sie lässt sich nicht erklären, was sie falsch gemacht hat und fragt ständig dazwischen. Du wirst wahnsinnig.“ „Sie lässt sich nichts sagen, hört nicht zu, ist aufgeregt. Zum Schluss habe ich ihr gesagt, dass ich es nicht mehr aushalte.“ „Und was hat sie geantwortet?“ „Du brauchst hier nicht pampig zu werden, Lukas. Das wird noch schlimmer.“
Klara war still. Dann fing sie an zu lachen und Lukas stimmte ein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.