INTERVIEW MIT CLAUDIA LECHNER

Claudia Lechner ist die Inhaberin der Tagespflege Haus Matthäus

Wie verlief Ihr beruflicher Werdegang vor der Gründung des Pflegedienstes?
Nach der mittleren Reife habe ich Schriftsetzer gelernt – in Bamberg.  Mit vier Kindern war es allerdings sehr schwierig, noch arbeiten zu gehen.
Hinzukam: Wir haben zwei Pflegekinder aufgenommen. Und so bin ich auf den Gedanken gekommen, Tagesmutter zu sein.
Lea, eines der Pflegekinder, hat heute selbst zwei Kinder. Für sie bin ich immer noch der Mama- Ersatz.
Ich hatte stets im Blick, Familie und Beruf miteinander zu verbinden.
Bereits vor der Gründung der Tagespflege habe ich mit dem Jugendamt zusammengearbeitet und einen Verein für Kindertagespflege gegründet. Im Verein waren Frauen, die in die Familien gingen und sich dort um Jugendliche kümmerten. Hier keimte das erste Mal die Idee auf, mich beruflich stärker der Pflege und Betreuung zuzuwenden.

War das die Initialzündung dafür als selbstständige Unternehmerin in die Pflege zu gehen?
Im Prinzip schon. Nur wurde der Verein für Kindertagespflege später aufgelöst. Die Frage blieb, wie man die Arbeit fortsetzen kann – also den Familien hilft sowie Pflege und Betreuung für die Menschen in unserem Landkreis organisiert.
Und so gründeten wir zunächst einen ambulanten Pflegedienst.
Im Zusammenhang damit konfrontierten uns Senioren und Angehörige immer stärker mit der Frage nach einer Tagespflege.

Dann kam mir ein glücklicher Zufall entgegen. Eine Nachbarin verkaufte ein Haus – es war die Enkelin von Matthäus, dem Namensgeber der heutigen Tagespflege. Ich erwarb es im Dezember 1996. Das war der Beginn davon, die Idee von einer Tagespflegeeinrichtung in die Tat umzusetzen. Im April 1997 dann war es soweit: Wir haben die Tagespflege gegründet.
2000 folgte eine Ausbildung zum Heimleiter und ein Jahr später zur Qualitätsmanagementbeauftragten.

Was ist Ihnen am Anfang am leichtesten gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten, hineinzuwachsen?
Der Anfang war sehr schwer. Manche Pfarrer in unserem Landkreis predigten von der Kanzel, dass die Leute nicht zu uns in die Tagespflege gehen sollten.

Warum?
Weil wir ein privater Träger waren. Das war vor fast zwanzig Jahren noch nicht geläufig. Man ging zu den öffentlichen Sozialträgern.
Die Pflegekassen haben uns anfänglich nicht weiterempfohlen.
So haben wir zu Beginn noch von den Einnahmen aus dem ambulanten Pflegedienst gelebt. 1998, als es begann zu laufen, habe ich ihn dann abgegeben.

Und was ist Ihnen leicht gefallen?
Leicht ist mir gefallen, mit den Leuten zu reden, einfach für sie da zu sein.

Was macht Ihrer Meinung nach ein starkes Team aus?
Dass es keine Konkurrenz untereinander gibt. Wir sind alle für eine Sache da. Ich arbeite als Chefin ebenfalls mit. Und da können mir die Mitarbeiter sagen, was ich falsch gemacht oder vergessen habe.
Wichtig ist, keine Vorwürfe gegenüber dem Mitarbeiter zu erheben.
Ich sage stets, dass wir gemeinsam arbeiten, gemeinsam Fehler machen und diese Fehler auch gemeinsam beheben.
Das gilt ebenfalls für die Angehörigen: Sie können mir genauso frei heraus sagen, was falsch ist und was wir verändern müssen.
Das Wichtigste ist, dass wir zusammen die gleichen Werte vertreten – deren Leitlinie die christliche Nächstenliebe ist.

Wo sehen Sie die Gründe für den mitunter schlechten Ruf von Pflegediensten in der Öffentlichkeit?
Ich glaube: in der mangelnden Kommunikation mit den Angehörigen. Deren Ansichten sollte man auf jeden Fall respektieren. Wenn es medizinisch und pflegerisch vertretbar ist, dann machen wir es so, wie es die Pflegebedürftigen wollen.

Können Sie das näher erläutern?
Wir identifizieren uns mit den Bedürfnissen der Gäste. Wenn zum Beispiel ein Herr ein Leben lang gelbe Limonade zum Mittagessen getrunken hat, ja dann bekommt er sie eben.
Der Kontakt zu den Angehörigen sollte nie abreißen. Ich fahre zum Beispiel früh immer mit, wenn die Pflegebedürftigen abgeholt werden und abends in der Regel auch. Da reißt der Kommunikationsfaden nicht ab. Ich weiß sofort, wenn es etwas nicht stimmt und ich helfen kann.
Wir haben auch Verständnis, wenn zum Beispiel ein Gast morgens die Zähne nicht geputzt hat. Dann machen wir das eben und hängen das nicht an die „große Glocke“.
Die Leute wollen keine Perfektion. Die Angehörigen möchten, dass wir uns im Sinne der Menschlichkeit wirklich um die täglichen Dinge kümmern und nicht große Worthülsen verbreiten. Ich glaube das ist es, was einen guten Ruf ausmacht – sich einfach kümmern, nahe bei den Angehörigen und den Pflegebedürftigen sein. Und wenn wir mal Fehler machen, dann geben wir das auch gegenüber den Angehörigen zu. Gemeinsam schaffen wir alles.

Was würden Sie heute anders machen als vor zwanzig Jahren?
Den Betrieb würde ich genauso wieder aufbauen.
Aus heutiger Sicht hätte ich die Ausbildung zur Pflegedienstleitung absolvieren sollen, damit ich unabhängiger bin.

Und worauf sind Sie besonders stolz?
Die Einrichtung ist eine zutiefst menschliche Einrichtung – wir leben hier so die Werte, wie wir sie auch kommunizieren.

Was heißt das?
Das heißt, sich dem Menschen zuwenden, ihm zuhören, seine Wünsche und Bedürfnisse kennen und sie berücksichtigen.

Was macht für Sie individuelle Pflege aus?
Die Gewohnheiten respektieren – das ist ein wichtiger Punkt im Kontext der individuellen Pflege.
Ich versuche das mal an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wenn jemand morgens sein Hörnchen haben will, dann bekommt er es. Da fahre ich extra zum Bäcker.
Oder: Es gibt Männer, die sind es nicht gewohnt, mittags zu warm zu essen. Dann akzeptieren wir das und versuchen nicht mit Druck etwas umzusetzen. Alles was den Gruppenablauf nicht hindert, das machen wir möglich.

Was sagen Sie zur Generalistik in der Pflegeausbildung?
Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll.
Ich sehe jedenfalls die Gefahr, dass die Besonderheiten in der Altenpflege nicht genügende Beachtung bekommen. Die psychologischen Besonderheiten in der Situation des Pflegebedürftigen zu erkennen – das ist zum Beispiel so ein Punkt. Die Ausbildung für eine Tätigkeit im Krankenhaus setzt notgedrungen stärker auf die Krankheiten des Patienten. Wir müssen die kognitiven, die psychischen und die physischen Aspekte in der Pflege und Betreuung beachten. Da ist meines Erachtens noch nicht alles ausgewogen zu Ende gedacht.
Außerdem: Wenn die Bezahlung schlechter ist in der Altenpflege und im medizinischen Bereich besser, wo werden wohl die jungen Kräfte hingehen?

Was ist für Sie persönlich Glück?
Ich bin glücklich, dass ich meine Ideale umsetzen darf. Ich habe einen starken Rückhalt in der Familie. Meine Kinder gehen von den gleichen Werten aus wie ich: sich in den anderen Menschen hineinzuversetzen. Sich die Mühe zu machen und ergründen wie sich der andere fühlt – und dann die Dankbarkeit desjenigen Gastes zu spüren, das ist Glück für mich. In der Pflege kann man keinen Gewinn machen. Man kann aber reich sein, wenn man an die richtigen Werte glaubt.

Frau Lechner, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Kontakt:
Tagespflege Haus Matthäus
Frankenstr. 17
96135 Stegaurach
Claudia Lechner
Einrichtungsleiter und Ansprechpartner
Telefon: 0951 9921004
Telefax: 0951 9921008
E-Mail: Haus-Matthaeus@web.de
Internet: http://www.haus-matthaeus.de

Rosemarie Forstmeier
Pflegedienstleitung
Telefon: 0951 9921004
E-Mail: Haus-Matthaeus@web.de
Telefax: 0951 9921008

 

 

 

 

 

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