Archiv der Kategorie: MEIN FREUND, DER ALLTAG

Erzählungen, Essays

MEIN FREUND, DER ALLTAG – FREITAG

Freitag. Endlich! Das ist doch der Tag, den ich schon am Montag herbeigesehnt habe. Jetzt ist er da. Schäume ich über vor Freude? Irgendwie nicht. Warum nicht? Ja gut, ich muss heute trotzdem arbeiten. Es ist nur die Aussicht auf das Wochenende. Aber da ist Stress angesagt. Wir wollen mit Freunden in die Pilze. Dort soll auch ein Picknick stattfinden. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Also meine Frau hat das in der Hand. Ich muss heute aber noch den Staubsauger schwingen. Das Auto muss gewaschen werden. Mein Geländewagen heißt Bobby. Er führt alle Attribute mit sich, die man heute nicht will: Er ist ein Mercedes, ein SUV, ein Diesel, war furchtbar teuer und ist es bei Reparaturen immer noch. Mein Fernlicht zum Beispiel, das geht laufend an. Es blinkt einfach auf. Mir kommen Autos entgegen. Einige hupen, Menschen auf den Fußwegen heben zum Gegengruß die Hand. Mir ist das so peinlich. Aber ich schiebe den Werkstatttermin immer wieder raus. Hast du erst einmal bei Mercedes die Werkstatt betreten, dann bist du schon 100,00 Euro los, gefühlt. Dafür säuselt eine Stimme: „Herr Dr. Müller, nehmen Sie doch bitte Platz, darf ich Ihnen einen Kaffee bringen?“
„Nein, danke, ich hol ihn mir selbst.“ Ich denke, ich spare mit der Antwort Geld. Denkste. Dann kommt der Berater. Er bittet dich zu seinem Tisch. Du erzählst etwas und er schreibt was völlig Anderes auf das Blatt, das du natürlich danach unterschreibst. Weil du dich nicht traust zu fragen, warum er jetzt aufschreibt, dass die gesamte Lichtanlage überprüft werden soll, wo doch nur wahrscheinlich ein Wackelkontakt irgendwo ist. Ich lasse das alles und fahre auf Risiko weiter. Heute morgen, kurz vor 06.00 Uhr, kurz nachdem ich meine Frau zum Bahnhof gefahren habe, war ich noch in der Sparkasse. Als ich wieder ins Auto stieg, blinkten die Scheinwerfer wieder wie verrückt, an und aus. Dann blieb das Fernlicht einfach an. Ich schrie Bobby an: „Jetzt mach doch mal halblang und halt deine Fresse!“ Hatte ich das wirklich zu meinem lieben Bobby gesagt. Ja, wirklich. In dieser Woche schon ein paar Mal. Zurück zum Freitag. Wann sauge ich? Wenn ich das noch vor mir habe, dann kann ich nicht richtig denken. Ich kriege schlechte Laune. Und Kreuzschmerzen. Mal einfach so vorneweg. Aber ich muss da jetzt durch.
Staubsaugen, Autowaschen, Pilze sammeln, Ausgang der Bundestagswahl verfolgen. Und dann ist endlich wieder Montag. Gott sei Dank.

MEIN FREUND, DER ALLTAG – DONNERSTAG

Jetzt geht es dir an den Kragen, meine liebe Woche. Du kannst mir nichts mehr anhaben. Es ist Donnerstag, noch ein Tag, und es ist Wochenende. Was sagst du nun, Montag? Ich habe es geschafft. Mir kommt es vor, als liefe ich über Wasser. Aber ich musste balancieren, erst auf dem Montag, dann auf dem Dienstag, schließlich noch gestern der Mittwoch. Und jetzt ist Donnerstag. Ja, so kann es gehen. Und es geht schon ein ganzes Leben lang so. Du rennst dein Leben lang irgendeinem Tag hinterher und du versuchst ihn dann möglichst wieder schnell loszuwerden. Bis auf den Samstag und den Sonntag, natürlich. Aber sonst? Alles nur Ballast. Aber wenn ich so weiterdenke, dann wird es nichts mehr mit der Freundschaft zu meinem Alltag. Dabei passiert hier doch das Allermeiste im Leben. Sonntagsreden. Kennst du das Wort? Bestimmt. Das kommt von daher, dass du sonntags alles durch die rosarote Brille siehst. Du schmiedest Pläne, bis voller Energie, die überschwappt in Euphorie. Und dann kommt der Montag. Das schlimme Erwachen. Die Vorhaben verlegst du erst mal auf den Dienstag. Montags musst du ja erst einmal reinkommen in die Woche. Das verstehst du nicht, lieber Alltag. Du denkst: Warum schreibt der, ich sei als Alltag sein bester Freund? Dabei will er mich nur so schnell wie möglich wieder loswerden.
Das ist so banal. Ist es das? Ich glaube, es ist das Leben. Nur, dass du dir darüber keine Gedanken machst und darüber vergeht es auch, dein Leben. Übrigens: Ich denke beim Alltag in Farben. Der Montag ist rot, der Dienstag ist grün, der Mittwoch gelb, der Donnerstag braun und der Freitag wieder rot. Warum das so ist? Keine Ahnung. Weißt du, lieber Alltag, warum ich dich so nenne? Gut, kommt mal wieder keine Antwort. Also lassen wir das mal so stehen. Ich frage mich die ganze Zeit, warum ich über dich schreibe, lieber Alltag. Willst du es wissen? Nein? Ich sage es dir trotzdem. Weil ich dir deinen Schrecken nehmen will. Ich möchte, dass du genauso gefeiert wirst wie zum Beispiel ein Geburtstag. Ich kenne ein Sprichwort. Das geht so: Nichts ist schlimmer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen. Also ist etwas dran an dir lieber Alltag. Ich bleib da mal dran.

MEIN FREUND, DER ALLTAG – MITTWOCH

Das ist die Mitte der Woche. Ich finde den Tag gut. Besser als Dienstag und erst recht als Montag. Mittwoch, Mitte, das hat etwas mit Balance zu tun. Sollte man nicht jeden Tag denken und fühlen, als sei man schon am Mittwoch angekommen? Kann man versuchen. Wird das gelingen? Nein, ich glaube nicht. Du musst schon am Montag denken, warum du gute Laune haben solltest, obwohl es montags ist. Und nicht: Ach, heute ist Montag, aber ich fühle mich wie am Mittwoch. Dann denkt der Andere: Der hat schon wieder in den falschen Tablettenschrank gegriffen. Hättest du gedacht, dass man so viel über einen einzelnen Wochentag schreiben kann? Ich auch nicht. Aber das mit der Balance finde ich gut. Sich ausbalancieren. Work-Life- Balance- das ist doch jetzt der große Knaller. Da kannst du dich coachen lassen, für viel Geld, ja, ja. Sonst ist das nicht wertvoll. Ich stelle mir diesen Coach immer montagsfrüh vor. Wie wird wohl sein Gesicht aussehen? Sagt er: „Guten Morgen, ich finde den Montag zwar gruselig, aber morgen ist ja das Seminar, wo ich den Leuten erzähle, wie sie sich ausbalancieren können?“ Oder geht er einfach die Teilnehmerzahl durch und denkt: „Sch…., das reicht nicht, davon kann ich nicht leben.“ Aber gut, das ist jetzt seine Sache. Ich denke an meinen Mittwoch und warum ich in der Balance bin. Ich denke. Erst mal fällt mir nichts ein. Doch halt: Ich glaube, die Gesichter der Menschen in der S-Bahn, die am Montag so versteinert geschaut haben, schauen heute weicher, freundlicher. Das muss ich wirklich mal überprüfen. Und dann fällt mir ein, dass ich bald Opa werde. Das macht mich sehr glücklich. Eigentlich sollte ich das am Montag denken, da gibt es sonst nichts zu lachen. Warum fällt es uns Menschen so schwer, von innen heraus Freude zu empfinden? Uns Deutschen fällt es besonders schwer. Wir sind politisch korrekt, gut die meisten jedenfalls. Wir erzählen von der Arbeit und machen ein bedeutungsschweres Gesicht dabei. Wir wissen, wann wir uns zu freuen haben. Weihnachten zum Beispiel. Aber nicht sofort. Erst einmal hetzen, einkaufen, backen, vorbereiten und wie von Sinnen durch die Geschäfte surfen. Dann den Ablauf planen. Und schließlich ist Weihnachten. Am zweiten Weihnachtsfeiertag kannst du dich wirklich freuen. Denn nun werden die Fernsehsendungen lockerer, das Christkind ist abgereist und du weißt, morgen muss Schwiegermutter auch wieder los. Ach, es gibt so viel, wo du dich freuen kannst. Aber eine Frage habe ich doch noch: Warum können wir uns nicht einfach mal über den Moment freuen? Ja, über diesen Moment, den du jetzt gerade erlebst! Du sitzt zum Beispiel in der S-Bahn, schaust dir die Leute an und denkst: Ich bin einer der geilsten und aufregendsten Städte auf dieser Welt. Laufend kommen neue, spannende Menschen herein. Was sie wohl in dem Moment denken? Ich will, dass sie sich freuen. Aber nein, das denken wir nicht. Warum auch? Wenn ich mal auf der Straße in Gedanken bin und ich denke an meine Enkelin, ja die, die noch nicht geboren ist. Dann lächle ich vor mich hin. Und wenn ich schließlich in ein anderes Gesicht schaue, zufällig, schaut derjenige freundlich zurück. Es ist so einfach. Nein, nein, das wollen wir uns erst gar nicht angewöhnen. Sonst kommen wir aus unserem Alltagstritt. Und wovon soll dann der Work-Life-Balance- Coach leben? Immerhin: Ein schreckliches Wort.

MEIN FREUND, DER ALLTAG – DIENSTAG

Lieber Dienstag, ich freue mich, dich begrüßen zu können. Schleim hier nicht rum, du freust dich, dass du den Montag geschafft hast. Ich glaube, so würde der Dienstag antworten, wenn er denn reden könnte. Kann er aber nicht. Also lege ich mal wieder die Antworten fest. Ich freue mich tatsächlich, weil ich das Gefühl habe, dass ich auf dem Berg schon oben angekommen bin und jetzt nur noch abwärts laufen muss – bis zum Samstag. Ich stelle mir vor, ich stehe jetzt auf dem Berg, dem Montag, den ich erklommen habe und schaue hinab ins Tal. Da unten ist eine Kneipe. Gutes Bier gibt es da, gutes Essen, coole Leute, mit denen du abhängen kannst, weil nach Samstag der Sonntag kommt. Aber ich bin ja erst am Dienstag angekommen. Irgendwie ist es schon leichter geworden. Das sagt mein Gefühl. Ich habe meiner Frau heute früh gesagt: „Du wirst sehen, heute gucken die Leute nicht so grimmig wie gestern.“
„Ich sehe keine grimmigen Leute, ich löse Sudoku.“
„Du kannst aber heute nicht das Feuilleton kriegen“, sagte ich zu ihr.
„Warum nicht?“
„Da steht ein Artikel über einen Schriftsteller drin. Den will ich lesen“, entgegne ich. „Außerdem: Dann kannst du mal in die Gesichter der Leute schauen, die mit dir in der Kleinbahn fahren, dann in der S-Bahn und später noch in der U-Bahn. Das wäre auch noch interessant, ob sich die Leute irgendwie anders geben, wenn sie zum Beispiel von der Kleinbahn, dem Regionalzug, in die S-Bahn steigen“, setze ich nach. Ich glaube, in der Regionalbahn geht es noch dörflich zu. Die Leute schweigen sich an, schauen aus dem Fenster oder sehen zu, dass sie nicht vom Nachbarn erkannt werden. Mit dem jetzt reden, das geht gar nicht!
Das denke ich mir jedenfalls – wer hat schon Lust auf ein Gespräch, morgens, um 05.30 Uhr? Na gut, Ausnahmen gibt es immer. „Gibst du mir nun die Zeitung?“, reißt mich Karsta aus den Gedanken. Widerwillig gebe reiche ich ihr das Blatt. „Du kannst die doch noch heute Abend lesen“, sagt sie zu mir. Heute Abend? Da habe ich keine Lust mehr. Das Feuilleton sieht dann auch aus, als wäre es gefoltert worden. Überall sind Knicke drin. Und dann nicht mal gleichmäßig gefaltet. Das Sodoku-Feld ist vollgekritzelt mit Kugelschreiberminenbuchstaben. Nicht, dass ich das Kreuzworträtsel lösen will. Aber ich möchte der erste sein, der die Zeitung aufschlägt. Manchmal schaffe ich es noch beim Frühstück, den Feuilleton – Teil durchzusehen. Das ist Karsta aber auch nicht Recht. „Da waren Fettflecke auf der Vorderseite, das ist ja peinlich, wenn das einer sieht.“ Karsta schaut mich dann vorwurfsvoll an. Ich bin ehrlich, es berührt mich nicht im Geringsten. Der, der das beanstandet, hat sich doch nur vorgestellt, dass er selbst im Zug die Zeitung lesen will und nur der Fettfleck zwischen ihm und der Zeitung steht. Da kanns‘ te mal sehen, lieber Alltag, welche schwerwiegenden Probleme ich am Dienstag wälze, noch vor 06. 00 Uhr. Aber das ist ja noch gar nichts. „Wenn ich erst mal mit der politischen Diskussion beginne, kurz nach 05.00 Uhr.
„Also die Merkel, ich weiß nicht!“, sage ich dann zu Karsta und schaue sie an. Ihre Augen sagen: Bitte nicht schon wieder. Also höre ich gleich wieder auf und sage nur: „Naja, der andere, der Oberlehrer aus dem kleinen Ort, wie heißt der nochmal? Egal, der schafft es nicht mehr. Aber wen wählen wir?“ Karsta antwortet nicht. Sie ist klug. Sie will mir kein Futter geben für weitere Diskussionen. „Wir müssen los“, sagt sie stattdessen. Ja, wir müssen, lieber Dienstag, wollen wir auch? Ich muss darüber noch mal nachdenken.

MEIN FREUND, DER ALLTAG – MONTAG

Das glaubt mir doch kein Mensch: Ich freue mich auf Montag.
Das habe ich mir gestern vorgestellt, am Sonntag.
Ich war zum Nordic Walking in der Schorfheide unterwegs.
Meine Tochter und meine Frau waren in dieser Zeit zum Pilzesammeln ausgeschwärmt. Die Sonne schien durch die Bäume, die Blätter wiederum schienen bunt zu leuchten. Ich war begeistert, denn so stellte ich mir den Tag vor: Die, die ich liebte, waren in meiner Nähe und ich konnte trotzdem tun, was ich wollte, nämlich vor mich hinlaufen. Wenn du so auf weichem Boden läufst, und das aufgestapelte Holz an der Seite verströmt seinen Duft, und dir begegnet keiner, dann hat das was mit Meditation zu tun. Ich stelle mir sowas immer vor und ich bin bei dem Gedanken glücklich, wirklich in dem Moment das zu tun, was ich auch will. Aber wie würde es morgen sein, wenn 04.30 Uhr der Wecker klingelt und ich denke noch, dass ich mich bestimmt verhört habe.
Rede ich dann noch so geschwollen, so voller Glückshormone? Heute Morgen war es soweit, die Chance, zu jubeln, war da: Moin, moin, lieber Montag, ich hab‘ dich wieder und du hast mich auch wieder. Das mit dem Jubeln fiel erst einmal aus. Das ist doch auch so bei neuen Freunden. Du tastest sie ja ebenfalls ab, ob sie deine wirklichen Freunde sind, oder nicht eher verkappte Feinde. Ich dachte jetzt daran, wie die Leute in der S-Bahn sitzen. Das Wochenende vorbei, die Aussicht auf den nächsten Samstag weit weg, in unendlich weiter Ferne. Und dann die Gesichter der Leute, die auf den Bänken in der Bahn durchgeschüttelt werden – gleichgültig, verbittert, schlecht gelaunt. Da bin ich schon mal besser dran. Gut, meine Frau nicht. Die muss nämlich gleich zur Bahn. Aber dann hat es wenigstens einer aus der Familie besser. Da kann ich heute anknüpfen in meiner Motivation. Ich hatte den Alltag ja bewusst zum Freund gemacht. „Morgen Montag, morgen mein lieber Alltag!“ Hatte ich das jetzt wirklich im Stillen gesagt? Ich glaub‘, ich dreh am falschen Ende des Rades. Aber dann denke ich: Wie viele Leute gibt es, die alles haben – Geld, vielleicht ein Haus. Sie sind jedoch ans Bett gefesselt, sind pflegebedürftig. Im Gegensatz dazu geht es mir blendend. Jetzt habe ich es: Ich muss mit meinem neuen Freund reden, mit ihm in den Dialog treten. Gut, er wird nicht antworten, es sei denn, ich gebe die Antworten vor. Ich laufe inzwischen am Liepnitzsee – die Sonne scheint, die Blätter an den Bäumen leuchten. Dürfen die das eigentlich am Montag? Es sieht so aus. Na gut, dann werde ich meinen Blick darauf verändern und es am Montag im Wald ebenso schön finden, wie gestern am Sonntag. Diese Gedanken und vor allem die inneren Selbstgespräche sind irgendwie bescheuert. Aber: Der Montag, der erste Alltag in der neuen Woche hat ein wenig von seinem Schrecken verloren.