Archiv der Kategorie: OHNE KATEGORIE

Anna Henschel im Interview

Anna Henschel ist die Inhaberin des Pflegedienstes Herz & Hand in Duisburg

Frau Henschel, wie verlief Ihr beruflicher Werdegang?
Ich bin mit 14 Jahren von der Schule abgegangen.

Wann war das?
1970.

Was haben Sie danach gemacht?
Ich habe eine Friseurausbildung absolviert und war anschließend in verschiedenen Bereichen tätig – als Verkäuferin, zum Beispiel in einem Imbiss. Später wurde mein Mann arbeitslos. Das war eine schwere Zeit für uns. Mit 36 Jahren habe ich eine Umschulung zur Altenpflegerin begonnen.

Wie kam das?
Ich war in einer ABM-Maßnahme in einem Krankenhaus. Dort musste ich unter anderem einen älteren Herrn pflegen und betreuen. So begann ich allmählich, mich mit dem Bereich anzufreunden, Gefallen an dieser Tätigkeit zu finden.
Ich wollte also eine Umschulung zur Krankenpflegehelferin machen und später in einem Altenpflegeheim arbeiten.
Doch ich entschied mich dafür, eine dreijährige Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin zu absolvieren.

Wie kam’s zu dem gedanklichen Umschwung?
Ich habe mich auf dem Arbeitsamt beraten lassen.
Dort meinte der Arbeitsvermittler, dass es für eine Tätigkeit in einem Altenpflegeheim besser sei, gleich eine fundierte Ausbildung anzugehen.

Und wie sah das aus?
Ich habe zwei Jahre Schule absolviert und danach ein sogenanntes Anerkennungsjahr.

Wie ging es nach der Ausbildung weiter?
Ich war ab 2004 in verschiedenen Bereichen der Altenpflege tätig – im Altenpflegeheim und in der ambulanten Pflege.
Mein Mann war in dieser Zeit drei Jahre arbeitslos. Also entschieden wir uns, gemeinsam in die Selbstständigkeit zu gehen und einen eigenen Pflegedienst zu gründen.
Mein Mann hat zu dieser Zeit noch eine Ausbildung zum Qualitätsmanager absolviert. Am 01.11.2016 entschied ich mich, die Versorgungsverträge für mich allein abzuschließen.

Wie kam es dazu?
Mein Mann konnte nicht mehr im Pflegedienst weiterarbeiten; schließlich verstarb er.

Das war ja dann für Sie eine sehr schwierige Zeit, oder?
Ja, tatsächlich. So kann man es sagen.

Was ist Ihnen in den Anfängen schwer gefallen, wenn Sie an die Gründung zurückdenken?
Wir haben ohne Kunden angefangen. Ich bin von Arzt zu Arzt gegangen, in Krankenhäuser und habe mit Sozialschwestern gesprochen. So sind wir langsam bekanntgeworden. Hinzukam, dass ich kein Büromensch war. Ich habe immer mit Menschen gearbeitet – war in Bewegung und im Kontakt mit Kunden.
Mir fiel es am Anfang schwer, die Dokumentation zu führen. Das musste ich mir alles hart erarbeiten.

Welche Rolle spielt für Sie die individuelle Pflege?
Für mich ist wichtig, dass die Leute von Anbeginn gut versorgt werden. Ich habe ja selbst die Erfahrung gemacht, wie wichtig es ist, auf die Bedürfnisse der Menschen zu achten.

Können Sie dafür mal ein Beispiel nennen?
Ja. Ich hatte mal am Anfang einen Fall, da lag ein Patient im Sterben. Ich war die ganze Nacht bei ihm. Morgens bin ich noch gegen 06. 00 Uhr in die Pflege gegangen.  Als ich wieder bei ihm vorbeischaute, war er noch am Leben und lächelte sogar. Das hat mich sehr berührt und war einer der schönsten Momente für mich.
Ich habe einem Menschen nicht mehr viel helfen können, aber ich war in seinen schwersten Stunden bei ihm. Und das hat er sehr dankbar aufgenommen.

Wie wichtig ist Ihnen die Wertschätzung gegenüber den Patienten?
Sehr wichtig. Manchmal erlebe ich, dass Mitarbeiter die Kunden duzen. Das finde ich nicht gut.

Warum?
Weil auch das eine Form ist, dem Gegenüber meinen Respekt zu erweisen. Und es ist die nötige Distanz gewahrt, die wir ebenfalls brauchen. Warmherzigkeit, Zuwendung zum Pflegebedürftigen, das kann man auch anders ausdrücken. Mir ist die Qualität in der Pflege und Versorgung wichtig, die Tatsache, dass alles getan wird für den Kunden. Wir haben übrigens auch von Anfang an darauf verzichtet, mit der „Stoppuhr zu hantieren“ und die einzelnen Schritte in der Pflege zeitlich zu messen. Sie sehen ja: Wir lagen damit nicht so falsch. Heute spricht alles von individueller Pflege. Sogar der Begriff der Pflegebedürftigkeit ist dafür neu gefasst worden.

Wie gehen Sie mit Problemen im Team um?
Ich spreche Probleme in der Teamsitzung an. Da geht es dann natürlich auch mal kontrovers zu.
Wir haben jetzt zum Beispiel ein Buch eingeführt, in das alles eingetragen wird, was wichtig ist und welche Anweisungen ich gegeben habe.

Zum Beispiel?
Die Leistungsnachweise sofort vorzunehmen und zu unterschreiben.

Was sind für Sie glücklichsten Momente?
Wenn ich mit meinem Enkel zusammen bin.

Frau Henschel, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Kontakt:
Anna Henschel
Pflegedienst Herz&Hand
Tunnelstr. 1
47137 Duisburg-Untermeiderich
Telefon: 0203 – 578 35 72
info@herz-und-hand-du.de
http://www.herz-und-hand-du.de

© Uwe Müller

 

 

Anna kann sich nicht an das kauende Kamel erinnern

Anna ist dement (15)

„Stell dir vor, Mutti wusste heute nicht mehr, dass sie gestern Gundula und ihren Mann zu Besuch hatte!“
Klara war empört und traurig zugleich.
„Wer ist Gundula?“, fragte Peter.
„Da haben wir gerade vor einer Stunde drüber gesprochen – Gunduuulahh aus Stuttgart!“
„Ach ja, Gundula, das kauende Kamel, ich erinnere mich. Ich dachte jetzt auch schon, bei mir fängt es an mit der Vergesslichkeit.“
„Ja, nicht nur mit der Vergesslichkeit, auch mit deinen Ohren. Also sei schön still.“
„Ich sag ja gar nichts mehr“, beschwichtigte Peter.
„Aber du musst doch zugeben, wenn Gundula den Mund öffnet und lacht, dann sieht sie aus wie ein Kamel, das die Zähne bleckt“, setzte Peter nach.
Klara antwortete darauf nicht. Ein Zeichen, dass sie es irgendwie satt hatte, mit den Spötteleien. Aber Peter setzte noch einen drauf.
„Ich denke, es war sooooh schön mit dem Kaffee trinken?“
„War es bestimmt auch. Nur Mutti weiß nichts mehr.“
„Und wie kommst du darauf, dass sich Anna nicht mehr erinnert?“
„Mutti sagte am Telefon, sie verstehe nicht, warum sich Gundula nicht bei ihr meldet.“
Jetzt schwieg Peter. Es war schon traurig und ein sicheres Zeichen, dass die Krankheit bei Anna weiter fortschritt.

© Uwe Müller

Anna ist dement (14)

Klara kommt zurück aus Stralsund

Klara saß im Zug zurück nach Berlin. Sie war froh, dass sie abends wieder in ihrem Bett liegen konnte.
„Ich bin im letzten Waggon“, flötete Klara fröhlich durchs Telefon.
„Ist gut“, brummte Peter. Er war schon auf dem Weg nach Bernau zum Bahnhof. Von dort aus war es am bequemsten, mit dem Auto nach Hause zu fahren.
„Laura kommt auch. Sie ist schon unterwegs hierher“, sagte Peter noch.
„Ach, das ist ja schön“, erwiderte Klara.
„Oh Gott, haben wir denn genug eingekauft?“, fragte Klara gleich weiter.
„Du kannst alle Nachbarn am Wochenende einladen. Wir haben genug im Kühlschrank“, antwortete Peter.
„Na gut, dann bis gleich.“
Peter drückte auf den Telefonknopf im Auto und bog in die Straße zum Bahnhof ein. Er fand schnell einen Parkplatz, stieg aus und überlegte kurz, ob er einen Parkschein lösen sollte.
Er ließ es und ging das Risiko ein, dass er erwischt wurde.
Peter schlenderte auf das Bahnhofsgebäude zu. Es dauerte nicht lange und Laura begrüßte ihn freudig. Sie war für ihn wie aus dem Nichts gekommen.
Aber Peter hatte wie immer die Orientierung verloren, was die Bahnsteige anbetraf, auf denen die S-Bahnen einfuhren. Dabei gab es nur einen, der dafür vorgesehen war.
Peter konnte auch keinen Fahrschein allein lösen. Er fuhr nur mit dem Auto. Und wollte er dann mal ein Ticket selbst kaufen, dann dauerte es Klara und Laura meist zu lange, bis er begriffen hatte, wie das mit dem Fahrscheinautomaten lief. Peter stellte sich gern dumm. Es half ihm.
Aber wehe, wenn er mal allein dastand und es schnell gehen musste.
Peter wusste auch nicht, wie die Waschmaschine anging.
Ein Frevel, wie er selber fand. „Was ist nur, wenn ich krank bin“, sagte einmal Karla. „Ja, dann haben wir ein Problem mit der Waschmaschine“, antwortete Peter.
Er konnte es nicht lassen, Klara oder Laura zu ärgern oder auch beide.
„Das sollte doch eine Überraschung sein“, Papa. Laura hatte ihn aus seinen Gedanken gerissen.
„Ist es ja auch. Jetzt kann Mama sich ein wenig von dem Schrecken erholen und ist darauf eingerichtet“, scherzte Peter.
Laura und Peter stiegen fröhlich die Treppen zum Bahnsteig hinauf.
Peter schnaufte und war froh, dass er die letzte Stufe nehmen konnte. „Lass uns da hinsetzen“, sagte Laura und zeigte auf eine freie Bank, die mit ihrem silbernen Metall in der Sonne glänzte.
Sie saßen kaum, da bewegte sich ein Bettler auf sie zu. Ein Rumäne, vermutete Peter. Der Mann schlurfte an sie heran und schüttelte seinen Becher. Ein Coffee-to-Go – Becher. Wenigstens ist das jetzt ein Mehrweggefäß, dachte Peter bei sich. Der junge Mann schüttelte den Becher und schaute wie ein Hund, der um eine leckere Wurst bettelte. Aber Laura und Peter blieben hart. Irgendetwas stimmte mit dem Mann nicht.
Er zog unverrichteter Weise wieder ab und setzte sich auf die Bank, die hinter Laura und Peter befestigt war.
Peter fühlte sich unbehaglich. Zuviel hatte er schon von den Taschendiebstählen gehört. Doch dieser junge Mann schien nichts Derartiges im Schilde zu führen.
Der lümmelte sich auf die Bank, krachte die Beine mit den dreckigen Schuhen darauf und begann Musik abzuspielen. Nicht leise. Nein, er drehte die Musik auf, dass sie unter dem Hallendach stark widerhallte. Ein Gemisch aus orientalischer Tönen und anderen nicht näher zu bestimmenden Rhythmen drang zu den beiden rüber. Peter drehte sich um. Der junge Mann schaute ihn provozierend an. Na gut, dachte Peter bei sich. Er hat kein Geld bekommen. Dann soll er die Musik dudeln. Eine Ansage kam durch den Lautsprecher: „Bitte Vorsicht an den Bahnsteigen, zwei durchfahrende Züge.“ Es vergingen Sekunden und aus der einen Richtung rauschte der Zug heran. Die Güterwagen rumpelten und schepperten, als würden sie gleich aus den Schienen springen.
Da war die Musik von nebenan ein Ohrenschmaus gegen den Höllenlärm. Jetzt donnerte der Zug aus der anderen Richtung über die Schienen. Wieder hatte Peter das Gefühl, die Waggons brechen gleich durch in die untere Bahnhofshalle hinein, so einen Lärm machten sie. Endlich Stille. Leise Musik drang an Peters Ohren – es war immer noch die gleiche aus dem Player des jungen Mannes.
Endlich. Der Zug aus Stralsund lief ein. Klara stieg aus und freute sich, dass Laura auch auf dem Bahnhof war.
„Und, was sagt Anna?“ Peter schaute Klara an.
„Ach, lass uns doch erst einmal nach Hause fahren.“
Klara mochte jetzt nicht darüber reden. Peter konnte das verstehen.
Sie stiegen ins Auto und fuhren nach Hause. Alle freuten sich auf ein paar schöne Tage zu Pfingsten. Es war ja genug Zeit, über alles zu sprechen.
„Ach übrigens, Gundula und ihr Mann besuchen heute Anna.“
„Wer?“
„Na Gundula und Hans – Georg“, sagte Klara.
„Ach du meinst das kauende Kamel?“, fragte Peter.
Peter nannte Gundula so. Irgendwie waren sie mal darauf gekommen. Gundula hatte ein großes Gesicht und noch größere Zähne. „Ich finde das nicht schön, dass du so etwas sagst.“
„Du hast Recht“, antwortete Peter, denn Gundula war ein herzensguter Mensch. Nur ein wenig sparsam. Aber das konnte ja nie verkehrt sein. Schließlich waren sie Schwaben. Aber das war wieder ein anderes Feld.

© Uwe Müller

 

 

 

Sandra Naber im Interview

Sandra Naber ist die Inhaberin des Häuslichen Pflegedienstes „Schwester Andrea Berkner“.

Frau Naber, wie verlief Ihr beruflicher Werdegang vor der Gründung des Pflegedienstes?
Ich bin von 1991 bis 1994 in der Ausbildung zur Krankenschwester gewesen.  Anschließend habe ich im Krankenhaus gearbeitet – allerdings befristet.
1996 bin ich dann in einen ambulanten Pflegedienst gewechselt und habe dort zweieinhalb Jahre gearbeitet.  Danach schied ich dort aus.
Am 01. Januar 1999 wurde das Unternehmen „Schwester Andrea Berkner“ gegründet.
Im Jahr 2000 verstarb leider Frau Berkner. Ihr Ehemann hat zunächst das Unternehmen weitergeführt.
Nachdem ich 2001 eine Ausbildung zur Pflegedienstleiterin absolviert hatte, war ich dort als PDL tätig.
2007 wollte der Ehemann von Frau Berkner den Pflegedienst nicht mehr weiterführen. Das hätte aber bedeutet, dass es für die Kunden keine Versorgung mehr gegeben hätte und die Mitarbeiter wären arbeitslos geworden. Also entschloss ich mich, den Pflegedienst zu kaufen. Den Namen „Schwester Andrea Berkner“ habe ich so belassen – er war ja inzwischen sehr bekannt in und um Templin.

Was war für Sie die Initialzündung, in die Pflege zu gehen?
Das ausschlaggebende Motiv war: Ich wollte den Kunden und den Mitarbeitern eine Perspektive geben.

Was ist Ihnen am Anfang leicht gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten?
Leicht ist mir der weitere Umgang mit den Kunden gefallen. Daran war ich ja gewöhnt. Schwer war es für mich, die kaufmännischen, steuerlichen Fragen in den Griff zu bekommen und überhaupt den gesamten Dokumentationsaufwand zu bewältigen.

Was macht Ihrer Meinung nach Ihr Team stark?
Wir haben eine familiäre Atmosphäre bei uns. Wir treffen uns auch privat – reden miteinander, feiern zusammen. Dann lässt es sich besser miteinander umgehen. Und wir diskutieren auch offen unsere Probleme. Ich glaube, das ist es, was uns stark macht.

Wo sehen Sie Gründe für den mitunter noch schlechten Ruf von Pflegediensten?
Pflege ist nichts anderes als eine Dienstleistung. Und da muss man sich anstrengen. Da kann man kaum reich werden. Ich denke, das unterschätzen manche, die sich in diesen Bereich begeben und damit Geld verdienen wollen.
Des Weiteren: Die Preise werden von manchen Angehörigen oder Pflegebedürftigen anfangs für bestimmte Handlungen als zu hoch angesehen. Hier hilft das Gespräch mit den Kunden und eine wirklich gute Pflege und Betreuung. Nur so kann man die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen für sich gewinnen.

Was hat sich für Sie geändert seit der Gründung Ihres Pflegedienstes?
Ich denke, die Herausforderungen sind größer geworden – quantitativ und qualitativ.
Es ist schon schwierig, stets unter Zeitdruck zu arbeiten und trotzdem den persönlichen Bezug zum Kunden nicht zu verlieren.
Früher war das aus meiner Sicht ein wenig entspannter. Und trotzdem setzen wir alles daran, individuell zu pflegen und zu betreuen.

Was macht für Sie individuelle Pflege aus?
Wir sind ein kleines Team und haben ein relativ stetiges Personal. Die Fluktuation ist bei uns gering.
Wir erreichen die Qualität durch kontinuierliches und beharrliches Arbeiten. Der Patient hat es dadurch auch leichter, sich fallenzulassen. Denn: Er weiß, wer kommt und hat zur Pflegekraft Vertrauen aufgebaut.

Was sagen Sie zum Vorhaben der generalistischen Pflegeausbildung in der Zukunft?
Grundsätzlich finde ich es gut, wenn die Ausbildung auf breitere Füße gestellt wird. Wir haben ja selbst Auszubildende bei uns in der Firma.  Es fehlt manchmal das medizinische Grundwissen bei den Pflegekräften. Es gibt ja zum Beispiel auch jüngere Leute mit Akutkrankheitsbildern – da ist es gut, wenn hier mehr Inhalte in die Ausbildung einfließen. Ich fahre nicht zuletzt auch deshalb heute immer noch mit raus zu den Patienten, um selbst genau zu wissen, wie es den einzelnen Menschen geht.

Was ist für Sie persönlich Glück?
Ich bin dann glücklich, wenn alle gesund sind – in der Familie und im Unternehmen. Fühlen sich die Mitarbeiter wohl, dann fühle auch ich mich wohl und bin glücklich.

Frau Naber, vielen für das Gespräch.

Kontakt:
Häuslicher Pflegedienst „Schwester Andrea Berkner“
Inhaberin: Schwester Sandra Naber
Otto – Lilienthal- Strasse 9
17268 Templin
Telefonnummer: (03987) 54830
Telefaxnummer: (03987) 54830
E-Mail: pflegedienst.templin@gmx.de

© Uwe Müller

 

 

100 gute Worte für deine Kollegin, deinen Kollegen

Stress im Team, wenig ausgeprägte Bereitschaft, miteinander zu sprechen, lieber übereinander herziehen als es gemeinsam zu versuchen?

Das gibt es bei dir nicht? Wunderbar! Dann bist du ein glücklicher Mensch, zumindest, was deine Arbeitsumgebung anbetrifft.
Aber Hand aufs Herz, wer hat das nicht schon mal erlebt: Du kommst morgens zur Tür rein und triffst auf eine Kollegin oder einen Kollegen, den du jetzt gar nicht treffen wolltest.
Nennen wir die Kollegin Cornelia. Du magst Cornelia nicht. Besser: Besonders in letzter Zeit geht sie dir gehörig auf die Nerven. Warum?
„Die vergisst doch laufend, die Dokumentation rechtzeitig fertigzustellen!“, sagst du. Du nennst sie schon nicht mehr beim Namen, sondern „die“ reicht dir vollends.
„Außerdem hält sie sich nicht an die getroffenen Absprachen bei der Veränderung des Tourenplanes. Herr M. soll die Grundpflege seit gestern eine Stunde früher erhalten.“
Du magst da Recht haben mit deiner Kritik. Doch ist Cornelia frühzeitig genug eingewiesen worden. Ist die Feinabstimmung zum Tourenplan tatsächlich mit allen erfolgt?
Oder sollte nicht noch jemand Cornelia informieren?
Also, du könntest ja noch mehr anführen. Aber du willst ja keinen schlecht machen. Wirklich nicht?
Dann mach‘ die Probe aufs Exempel. Nimm‘ dir einen Zettel, möglichst weißes Papier. Darauf hältst du in 100 Worten fest, was du gut an Cornelia findest. Für so einen Quatsch hast du keine Zeit?
Dir fällt gar nicht ein, was „die“ für Stärken haben soll?
Oh doch! Wo Schatten ist, da muss doch irgendwie auch Licht sein, oder?
Du willst dich jetzt nicht damit beschäftigen? Ja, gut.
Aber warum sollte eine andere Kollegin oder ein anderer Kollege sich für dich die Zeit nehmen und herausfinden, wo deine besonderen Stärken liegen?
© Uwe Müller

Was ist faszinierend am Alltag?

Es ist ein Tag nach Pfingstmontag. Nichts Ungewöhnliches. Vielleicht, dass der Alltag wieder eingezogen ist. Mir fällt es schwer, mich wieder aufzuraffen und an die Arbeit zu gehen. Obwohl: Ich habe gestern noch zu einer Pressemitteilung gearbeitet. Und trotzdem, Feiertag ist Feiertag, und du gehst an alles viel entspannter ran. Aber wie viele Menschen würden sich wünschen, wieder an eben diesem Alltag teilzuhaben, in das „Grau“ des sich Abmühens einzutauchen?
Ich ertappe mich oft mich oft dabei, dass ich denke: „Wenn du erst in Rente bist, ja dann kannst du durchatmen“ Aber werde ich mich nicht zurücksehnen nach alledem, wozu ich jetzt herzlich wenig Lust habe?
Schreiben, mit Klienten reden, Rechnungen nachjagen, Termine abarbeiten?
Manchmal denke ich: Der eigentliche Luxus, der wirkliche Charme des Lebens liegt genau darin. Vielleicht muss ich diesen Gedanken nur zulassen.
© Uwe Müller

Warum erzählen? (1)

Erzählen klingt nach Märchen.
Jemand hat Zeit und erzählt. Keiner wird bestreiten, dass es wichtig ist, als Kind Märchen zu hören, sie erzählt zu bekommen oder sie selbst Kindern zu erzählen.
Erzählen ist viel mehr: Es ist eine Form für mich, auf Probleme aufmerksam zu machen, Geschichten zu erzählen, wie Menschen mit ihren Sorgen umgehen und wie sie es schaffen, trotzdem den Tag nicht nur „grau in grau“ zu sehen.
Demenz ist eine Krankheit. Über sie ist viel berichtet worden.
Es sind wissenschaftliche Forschungsergebnisse nachzulesen, es wurden Ratgeber für den Umgang mit demenzkranken Menschen herausgegeben.
Das ist zweifellos wichtig und kann auch nicht durch das Erzählen darüber ersetzt werden.
Trotzdem: Indem ich darüber schreibe, und du darüber liest, wie Angehörige ihre eigene Geschichte sehen, was sie selbst in der Familie erleben, wird deutlich, was Demenz eigentlich bedeutet – nämlich, dass es das Leben aller daran Beteiligten umkrempelt.
Eigentlich schreibe ich gar nicht über die Krankheit Demenz an sich. Vielmehr:
Ich schreibe darüber, dass wir das Leben darüber nicht vergessen dürfen, irgendwie damit klarkommen müssen, nicht die Kraft verlieren und vor allem den Glauben nicht an das, was schön im Leben ist.
Das ist ein Balanceakt. Keiner kann hier sagen, er wisse alles.
Der Erfahrungsaustausch hierzu kann viel bringen und regt dazu an, sich auszutauschen. Das ist mein Anliegen.
Manchmal denke ich: Leg den Füllhalter weg, geh lieber laufen. Aber wenn ich laufe, dann denke ich daran, wie ich weiterschreiben kann.
© Uwe Müller

Anna ist dement (13)

Peter ist allein

Peter war nicht mitgefahren zu Dr. Silberfisch nach Stralsund. Er konnte  nicht von seinem Schreibtisch weg. Er wollte noch einige Artikel fertigstellen. Trotzdem: Er war es nicht gewohnt, allein zu sein. Dann musste  er ja alles selber machen – das Frühstück, abwaschen und was eben sonst noch so im Haushalt anfiel.
Peter war nicht faul. Er schrieb, arbeitete ununterbrochen. Na gut, auf jeden Fall fühlte es sich so für ihn an. Und wenn er jetzt vor dem Schreiben noch etwas tat, was körperlich anstrengend war, so fiel er danach erschöpft auf seinen Schreibtischstuhl und mochte nicht mehr arbeiten.
Die Kreativität ist dann weg, bildete er sich ein. Er pflanzte sich in dem Fall schon lieber vor den Fernseher, sah sich eine Talkshow an und fluchte über die,  die meinten, das Leben, die Politik und die Menschen zu verstehen.
„Du kannst aufhören, in den Fernseher hineinzureden, denn dich hört keiner“, pflegte Klara zu sagen, wenn sie zufällig dabei war.
Heute musste Peter eine Entscheidung treffen – gleich an den Schreibtisch oder zuerst die ungeliebten Arbeiten im Haus?
Peter gab sich einen Ruck. Er ging in den Garten, holte den Rasenmäher heraus und wollte Klara mit einem frisch gemähten Rasenstück überraschen. Also rollte er das Kabel von der Trommel und steckte den Stecker in die Steckdose am Rasenmäher. So, jetzt konnte es ja gleich losgehen. Doch es bewegte sich nichts. Peter schlurfte in den Schuppen und schaute, ob er dort einen Schalter umlegen musste. Er probierte es und knipste den Hebel auf die andere Seite. Aber jetzt. Peter ging schwungvoll zurück. Er drückte auf den Knopf am Mäher. Wieder nichts.
Hatte er etwa den falschen Hebel umgelegt? Davon waren ja zwei  an der Steckdose. Peter probierte es noch einmal. Wieder nichts. Verdammt, Klara hatte bestimmt irgendeinen Trick, den sie ihm nicht verraten hatte.
Eigentlich wollte Klara gar nicht, dass Peter den Rasen quälte. Er mähte ihr immer zu viel vom Rasen weg, und außerdem mussten auch ein paar Blumen daran glauben, wenn er sich ans Werk machte. Aber das kam ja nicht allzu oft vor. Peter kam nicht weiter, der Mäher sprang nicht an, obwohl er nun schon gefühlt einen kleinen Marathon zurückgelegt hatte – zwischen der Steckdose im Schuppen und dem Rasenmäher.
Peter überlegte. Kurzerhand schloss er die Wohnungstür auf, schleifte das Kabel hinter sich her und steckte es in die Steckdose im Gäste–WC.  Die Kabeltrommel platzierte er im Waschbecken. Klara sah das ja nicht.  Der Mäher sprang sofort an und schnurrte. Peter konnte beginnen. Doch dann sah er die beiden Liegestühle. Verdammt, die mussten auch noch beiseite geräumt werden. Schließlich kam er vorwärts und mähte entschlossen Streifen für Streifen. Als er an den Kirschbaum kam, stieß er sich den Kopf und fluchte.  Er hatte  sich das nicht so vorgestellt. Eine kleine Rasenfläche und tausend Hindernisse. Peter vergaß, die Fläche hinter dem Baum zu mähen. Er stellte die Liegestühle wieder an ihren Platz und begutachtete sein Meisterwerk.
Jetzt bemerkte er es: Er hatte eine kleine Ecke vergessen. Das Stück genau hinter dem Baum. Aber nun war der Mäher schon weggestellt, das Kabel aufgerollt. Das ist nicht so schlimm, sagte sich Peter. Aber es ärgerte ihn trotzdem.
Abends rief Klara an. „Na, wie hast du den Tag verbracht?“
„Och, ich habe den Rasen gemäht.“
„Was, das solltest du doch gar nicht!“ „Und ich dachte, du freust dich.“
„Ja, ich freue mich schon“, lenkte Klara ein.
„Aber, sag mal“, fragte Peter, „wo ist der Hebel für den Strom?“
„Welcher Hebel und welcher Strom?“ „Na, damit der Mäher anspringt, wenn ich das Kabel in die Steckdose am Schuppen stecke.“
„Da musst du im Wohnzimmer, hinter der Gardine den einen Schalter anmachen. Dann geht es.“
„Stimmt ja“. Jetzt ärgerte sich Peter, dass er nicht allein darauf gekommen war. „Und wie war es bei Dr. Silberfisch?“
„Das erzähle ich dir morgen.

© Uwe Müller

Anna ist dement (12)

Bei Dr. Silberfisch

Klara ist nach Stralsund gefahren. Ihr hat es keine Ruhe gelassen damit, wie sie weiter mit Anna umgehen soll. Sie hat einen Termin bei Dr. Silberfisch, gemeinsam mit ihrem Bruder Lukas.
„Ich habe es auch schon bemerkt, dass Ihre Mutter nicht immer mehr auf der gedanklichen Höhe ist.“
Ja, da hatte er recht. Klara fährt fort: „Herr Doktor, Sie müssen vielleicht ein paar Dinge wissen, die für uns eindeutige Zeichen einer beginnenden Demenz sind.“
„Was meinen Sie genau?“, hakt Dr. Silberfisch nach.
„Da war die Sache mit der Bank. Meine Mutter ist dort über Jahrzehnte Kundin. Eigentlich schon zu Zeiten der DDR. Nur dass die Bank damals anders hieß und eine andere war.“
Dr. Silberfisch schaut sie schweigend an. Man merkt ihm an, dass er sich auf das konzentriert, was nun kommt.
„Also um es kurz zu machen – meine Mutter hatte sich nach einer Beratung damit einverstanden erklärt, dass ihr gesamtes Erspartes in verschiedenen Fonds angelegt wird; insgesamt mehrere Tausend Euro.“
„Wirklich?“ „Ja, wirklich.“
„Können Sie sich vorstellen, wie geschockt wir waren?“
„Ja, durchaus.“ „Aber wie haben das denn die Berater angestellt?“
„Herr Doktor“, Klara blickt den Arzt fest an, „können Sie sich vorstellen, wie sich ein älterer Mensch fühlt, dem eine Mitarbeiterin mit Entschlossenheit einen Fonds verkauft, und sie zudem versichert, dass es das Beste für meine Mutter sei, was sie mit Geld anstellen könnte?“
„Ja, schon. Ich kann mir das vorstellen. Aber da gibt es doch eine ethische Komponente.“
„Sehen Sie Herr Doktor, da sind wir ganz einer Meinung. Aber meiner Mutter haben sie gesagt, dass es für eine große und auch ziemlich sichere Sache sei, wenn sie das Geld in verschiedene Aktien – und Immobilienfonds geben.“
„Was hat denn Ihre Mutter geantwortet?“
Sie meinte: „Na gut, dann machen Sie das.“
Und während die Mitarbeiterin die Anträge ausfüllte, da hat meine Mutter ihr erzählt, dass ihr Vater früher in der gleichen Bank gearbeitet hätte, und  sie wüsste, was für eine schwere Arbeit die Mitarbeiterin jetzt  beim Ausfüllen der Anträge leisten müsste.“
Dr. Silberfisch sagte nichts. Er war sprachlos.

Annas Erinnerungen (2)

Annas 80. Geburtstag
© Kristina Müller

Annas Aufregung am heutigen Tage rührte vor allem von der Besonderheit des Tages her. Kein Tag wie jeder andere – selbstverständlich. Immerhin würde sie heute ihren achtzigsten Geburtstag feiern. Dementsprechend stand sie früh auf und konnte es kaum erwarten, dass Klara und Peter sie abholen würden. Ihre liebste Tochter hatte Brunch und Essen in einem hübschen Café mit Blick auf den Strelasund organisiert. Schon vor Wochen war Anna zur Bank gegangen, um das benötigte Geld abzuholen, welches seitdem in einen Umschlag gebettet in ihrer Nachttischschublade ruhte. Ein Blick zur Uhr zeigte ihr, dass sie wohl doch zu früh dran war. Klara und Peter würden frühestens eine Stunde vor Beginn der Feier, die um 11 Uhr sein sollte, bei ihr sein. Anna seufzte und warf einen Blick aus dem Fenster auf das in der Sonne glitzernde Wasser.
Der 22.04.1937 war ein Donnerstag und alles andere als so sonnig wie heute. Den ganzen Tag war es bewölkt und immer wieder gingen Regenschauer über der Stadt nieder. Ihre Mutter Heide lag schon seit der Nacht in den Wehen. Ihr Vater, Alfred Roth, so aufregend es auch sein mochte, war wie jeden Tag zur Arbeit in die Bank gegangen. Ihr Großvater und ihr Onkel Gottfried befanden sich wahrscheinlich irgendwo auf dem Meer, um die Netze einzuholen. So blieb lediglich Öming, die Heide zur Seite stand. Zwar besaß Heide noch eine Schwester, doch diese saß aufgrund einer Behinderung meist nur stumm in ihrem Sessel und beobachtete das Treiben um sich herum. Heide störte es nicht, dass nur ihre Mutter helfen konnte. Zur damaligen Zeit war es nichts Ungewöhnliches, sein Kind im eigenen Bett zu gebären. Öming selbst hatte drei Kinder so zur Welt gebracht und wusste, was zu tun war. Als es zum kritischen Punkt kam, standen schon eine Schüssel mit heißem Wasser, Handtücher und was man sonst so brauchen würde bereit. Der Regen peitschte gerade heftig gegen das Fenster, als Annas erster Schrei durch Ömings Haus hallte.
Nachdem das kleine Baby von seiner Großmutter gewaschen und angekleidet worden war, schickte diese sich an, Alfred und ihren Mann zu informieren. Alfred, dessen Chef bereits von der bevorstehenden Geburt informiert war, durfte seinen Posten hinter dem Bankschalter verlassen und eilte schnell nach Hause, um seine neugeborene Tochter zu bestaunen. Währenddessen ging Öming weiter in den Hafen, in der Hoffnung Gottfried und ihren Mann schon zurück zu sehen und ihnen die freudige Botschaft überbringen zu können.
Aufgeregt betrat Alfred das kleine Schlafgemach seiner Frau und sich. Heide lag dösend im Bett und öffnete träge die Augen, als sie das Knarren der Dielen hörte. Ihre Hand ruhte auf dem Bauch ihrer Tochter, die in einem Korb neben dem Bett lag und ebenfalls schlummerte. Leise trat der frischgebackene Vater näher und betrachte das kleine Bündel Leben, welches seine Heide und er zustande gebracht hatten. Wenig später kamen auch Öming, ihr Mann und Gottfried nach Hause, gespannt die kleine Anna kennen zu lernen. Zur Feier des Tages entschied Öming noch Kuchen zu backen.
So erinnerte sich Anna an die Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern, wie es am Tag ihrer Geburt war, während sie zum Zeitvertreib in ihren alten Fotoalben blätterte. Sie liebte die alten Alben und hegte selber auch viele solcher, die die letzten Jahrzehnte ihres Lebens dokumentierten. Fein säuberlich im Schrank eingeordnet, die Jahreszahlen darauf vermerkt, konnte sie so auf viele Ereignisse zurückschauen. Auch heute würde sicher jemand Fotos machen, die weitere Seiten in ihrem Alben füllen würden. Immerhin waren achtzig Lebensjahre ein guter Grund zu feiern und zu fotografieren.

Uwe Müller