Anna ist dement

Sonntag. Klara sitzt an ihrem Schreibtisch und rechnet. Sie tut das, was sie gar nicht mag – die Buchhaltung auf Vordermann bringen.
Und wenn sie fertig ist, dann nimmt die Unzufriedenheit bei ihr zu – die Zahlen stimmen zwar, aber sie sind im Minus, wie immer. „Kommt da nächste Woche noch was rein?“, ruft sie laut.
Nebenan sitzt Peter und murmelt etwas Unverständliches. Er lebt vom Schreiben. Besser: Er denkt noch, dass er es eines Tages kann. Dabei geht er nächstes Jahr in Rente.
„Ein Artikel ist noch offen“, antwortet Peter. „Was, mehr nicht?“ Klara ist enttäuscht. „Morgen klemm‘ ich mich ans Telefon.“ Klara schweigt und Peter sagt auch lieber nichts.
Sie könnten sich so freuen, denn sie werden bald Oma und Opa. Laura, ihre Tochter, bekommt im Herbst ihr erstes Kind. Wahrscheinlich wird es ein Mädchen. Peter hat sich immer eine Enkelin gewünscht. Dann könnte er mit ihr das nachholen, was er bei Laura nicht konnte: sich Zeit nehmen, Geschichten erzählen, einfach Quatsch machen. Doch da ist noch eine andere Sache, die alles überlagert. Anna, die Mutter von Klara, ist dement.
„Ich gehe morgen zur Diamantenen Hochzeit“, sagt Anna zu Klara am Telefon. „Mutti, schau doch einfach auf den Kalender – Charly und Berta haben doch erst nächste Woche ihren Hochzeitstag.“
Anna schweigt am Telefon. Sie wohnt in Stralsund und ihre Tochter in der Nähe von Berlin. Abends, jeden Abend, ruft Anna an. Halb sieben, dann klingelt das Telefon. Peter sagt dann: „Das betreute Wohnen ist dran.“ Klara erwidert darauf nichts. Doch es ist ein Stich, der ihr ins Herz geht. Peter weiß das und hat sich vorgenommen, es nicht mehr zu sagen. Aber die Verführung ist zu groß, zu sticheln und sich so zu wehren gegen die Anrufe, die nun schon über Jahre geführt werden und nichts Substanzielles an Gesprächsinhalten mit sich bringen. Peter weiß, dass es selbst dumm ist, so zu denken. Doch seine Gefühle übermannen ihn in dem Moment. Nun ist es anders. Schwiegermutter vergisst sehr viel. Sie versteht die Spitzen von Peter nicht mehr. Gerade waren sie in Stralsund. Sie sind im Hafen an der Mole entlang gegangen in Richtung der Fahrgastschiffe. „Ich liebe Stralsund, meine Heimat.“ „Na, dann sind wir ja froh, dass wenigstens einer seine Heimat liebt“, erwidert Peter bissig. Als würde Peter Stralsund nicht lieben. Klara wirft ihm einen wütenden Blick zu. Peter stimmt ein Lied aus alten Zeiten an: „Unsere Heimat, das sind nicht nur die….“ Klara schäumt. Plötzlich stimmt Anna in das Lied mit ein. Peter ist geschockt. Was Spott sein sollte, das nimmt Anna als Liebeserklärung an ihre Stadt.
„Ich darf das nicht mehr tun, ich muss mich anders verhalten. Anna ist dement“, denkt Peter und bekommt ein schlechtes Gewissen, dass er Klara nicht mehr unterstützt.

Copyright Kristina Müller
Anna ist Dement
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