Anna ist dement (4)

Heute ist Christi Himmelfahrt. Manche sagen auch Vatertag oder Herrentag.
Der Tag, an dem man mit dem Bollerwagen durch die Straßen ziehen kann und schmutzige Lieder grölen muss, um ernst genommen zu werden.
Peter hat keine Lust darauf. Er freut sich auf seinen Schreibtisch. Er kann heute in Ruhe die Sachen ordnen, vielleicht ein wenig schreiben, aber eben ohne Druck und ohne, dass er angerufen wird und selbst jemanden anrufen muss.
Laura ruft an. Sie gratuliert zum Vatertag. „Danke“, brummt Peter. Er ist noch nicht ganz da und sitzt am Frühstückstisch.
„Na, ich bin gespannt, ob deine Mutter heute anruft.“
„Das hat dich doch bisher eher gestört, wenn dich deine Schwiegermutter angerufen hat und zum Herrentag gratulierte“, sagte Klara.
„Na so ist es ja nun auch nicht. Ich habe mich schon gefreut.“
Aber das Telefon bleibt stumm. Anna hat den Tag schlichtweg vergessen.
Sie hat auch vergessen, ihrem Sohn Lukas zu gratulieren.
Lukas wohnt in Stralsund, ganz in ihrer Nähe. Er hat ein Haus mit einem Hof.  Anna geht dort täglich vorbei. Und an solchen Tagen hat sie Lukas meist eine Packung mit alkoholfreiem Bier mitgebracht.
Klara ruft bei Lukas an: „Hat Mutti dich angerufen und gratuliert?“
„Nein, hat sie nicht.“
Peter ist geschockt. Wieder mal ist es ein sicheres Zeichen dafür, dass Anna mehr und mehr vergisst. Klara nimmt den Hörer noch einmal in die Hand und fragt Anna direkt: „Mutti, du weißt schon, dass heute Vatertag ist, oder?“
„Ja, ja weiß ich“, beteuert sie. „Also grüß‘ Peter schön.“
„Das hat sie doch sonst immer selbst gemacht und mir gratuliert.“
Jetzt war Peter doch ein wenig beleidigt, obwohl er wusste, dass es einen Grund dafür gab.
Einen Grund, für den Anna keine Schuld traf.