Interview mit Maryam Parvari

Maryam Parvari ist die Geschäftsführerin des Mitra – Pflegedienstes in Hannover

Frau Parvari, wie verlief Ihr beruflicher Werdegang, bevor Sie Ihren Pflegedienst gegründet haben?
Ich habe 10 Jahre als angestellte Geschäftsführerin im Pflegedienst meines Bruders gearbeitet – beim KSD in Hannover.

Wann war das genau?
Von September 2002 bis 2011.
Zuvor habe ich eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten durchlaufen. Nebenberuflich habe ich mich außerdem noch in einer Privatakademie zur Qualitätsmanagerin weitergebildet.

Wann sind Sie eigentlich nach Deutschland gekommen?
Das war am 28.11.1993. Zu der Zeit war meine Tochter noch klein – ein Jahr alt. Mit ihr bin ich zur Sprachausbildung gegangen – das war mir sehr wichtig.

Das heißt, Sie sind mit Ihrer einjährigen Tochter zur Schule gegangen?
Ja. Es ging nicht anders. Ich wollte unbedingt die Sprache lernen.
Und es hat auch viel Spaß gemacht – ich habe die Zeit schon sehr genossen.

Würden Sie Ihre Erfahrungen an Menschen weitergeben, die heute zu uns ins Land kommen?
Auf jeden Fall. Vor zwei Jahren war ich übrigens Gast in einer Veranstaltung des Sozialministeriums des Landes Niedersachsen.
Ich habe dort berichtet, wie ich allein als Frau und Mutter in Deutschland meinen Weg begann. Das war sehr schwer. Ich sprach kein Wort Deutsch. Die kulturellen Unterschiede waren groß.
Da habe ich beschlossen: Du kämpfst um dein neues Leben – du lernst die Sprache, kämpfst um Bildung und du willst deiner Tochter mal einen guten Weg ermöglichen.
Ich habe die Chance in Deutschland bekommen, wofür ich noch heute sehr dankbar bin. Ich bin meinen Weg gegangen. Manchmal war ich verzweifelt.
Aber dann waren auch wieder Familie und Freunde an meiner Seite, die mir Mut gemacht haben.
Meine Tochter sagt heute zu mir: Mama, du bist mein Vorbild. Du hast nie aufgegeben.

Also würden Sie sagen, Flüchtlinge sollten hier Ihre Chance ebenso nutzen?
Ja, sie müssen die Chance bekommen. Und sie sollten sie nutzen. Wenn der Wille da ist, sich zu integrieren, Deutsch zu lernen, dann wird es Menschen geben, die ihnen dabei helfen. Davon bin ich überzeugt, gerade wenn ich selbst auf die letzten zwanzig Jahre zurückblicke.
Meine Tochter studiert heute an der Freien Universität in Berlin Psychologie.
Sie hat ihren Bachelor mit der Note 1,2 bestanden. Ab August geht sie nach San Diego und studiert weiter. Ich bin froh, dass ich ihr das ermöglichen kann und: dass es diese Chancen in Deutschland gibt.

Was war die Initialzündung für Sie, als selbstständige Unternehmerin in die Pflege zu gehen?
Ich brauchte nach rund zehn Jahren einfach neue Herausforderungen.
Die Firma meines Bruders war wie mein eigener Pflegedienst. Ich habe mich damit stark identifiziert. Manchmal glaubten die Patienten aufgrund meines Engagements, dass ich nicht nur die Geschäftsführerin, sondern gleichzeitig die Inhaberin bin.
Und trotzdem: Ich wollte mich weiter ausprobieren, mein eigenes Unternehmen haben, meine Philosophie dort hineinbringen, meine eigenen Mitarbeiter begeistern. Natürlich: Ich hatte Angst, dass es nicht klappt. Mir fehlte ein finanzielles Polster. Und so musste ich mir in der Familie Geld für den Anfang borgen. Das alles machte mir schon Sorgen. Sie können sich vorstellen: Ich habe mehr als nur eine Nacht wachgelegen.
Aber der Mut war größer, der Wunsch, es zu schaffen auch.
Wir haben mit vier Mitarbeitern im September 2011 angefangen. Heute sind wir 35.

Eine großartige Entwicklung. Was sagt Ihr Bruder zu dieser Entwicklung?
Damals war er enttäuscht und traurig, dass ich aus seinem Unternehmen ausscheiden wollte. Heute ist er stolz auf das, was ich geschafft habe. Wir unterstützen uns gegenseitig in unserer Arbeit.
Aber mir ist das nur gelungen, weil ich von Anbeginn wirklich tolle Mitarbeiter hatte. Ich denke nur an Sevda Nagiyeva. Sie war damals stellvertretende Pflegedienstleiterin. Heute hat sie die Pflegedienstleitung inne.
Sie hätte längst woanders arbeiten können. Doch sie sagt, sie fühlt sich hier am wohlsten und will mich nicht verlassen.

Was ist Ihnen am Anfang leicht gefallen und wo hatten Sie Schwierigkeiten, hineinzuwachsen?
Der Kontakt mit Menschen fällt mir leicht – mit Patienten, mit Mitarbeitern, Geschäftspartnern. Sicherlich fordert alles seinen Tribut – und am Abend bin ich ziemlich fertig. Doch am Ende jedes Tages steht ebenso fest: Es macht sehr viel Spaß. Und das ist es, was für mich zählt.
Ich denke nicht an Geld, ich denke daran, wie viel Freude mir die Arbeit bereitet.

Aber das Kaufmännische muss ebenfalls stimmen, oder?
Ja, selbstverständlich. Die Mitarbeiter wollen bezahlt werden, die Kosten müssen gedeckt sein.
Mein Gefühl sagt mir nur: Selbst wenn ich nicht mehr arbeiten müsste, weil ich es finanziell geschafft hätte – ich würde trotzdem weitermachen.
Meine Mitarbeiter sagen zu mir: Du kommst so oder so jeden Morgen durch die Tür.

Was zeichnet Ihr Team aus?
Das Ziel, das uns alle eint ist die bestmögliche Versorgung der Pflege- und Hilfsbedürftigen. Das gelingt dann am besten, wenn wir viel Spaß an der Arbeit haben. Und ich glaube: diese Freude im Umgang untereinander und mit den Patienten – das ist der größte Antriebsmotor für uns; dadurch sind wir so stark; das ist faktisch unser Alleinstellungsmerkmal.

Können Sie das mal anhand von Beispielen untersetzen?
Wissen Sie, ich gehe morgens gern ins Büro. Ich freue mich auf die Menschen, die ich dort treffe. Das geht den meisten Mitarbeitern so.
Sie wollen miteinander Zeit verbringen, sich austauschen, miteinander reden, die freudigen und die traurigen Momente zusammen teilen.
Die Mitarbeiter telefonieren oft mit den Patienten, fragen, wie es ihnen geht und ob sie etwas brauchen. Oder: Eine Mitarbeiterin bereitet ein schönes Frühstück für eine Patientin und verbringt zusätzliche Zeit mit ihr, und zwar ohne, dass sie es bezahlt bekommt und ohne, dass ich etwas gesagt hätte. Manche gehen mit den Pflegebedürftigen außerhalb der Arbeitszeit spazieren. Sie wollen das selbst so und haben Freude daran.
Das ist mein größtes Glück, wenn ich davon erfahre.
Ich habe auch schon erlebt, dass Mitarbeiter und Patienten über mich sprechen.

Ich hoffe, nur Gutes, oder?
Ja, zumindest berichten sie es so. Es entsteht dadurch eine gute Verbindung zwischen dem einzelnen Patienten und dem jeweiligen Mitarbeiter.
Manchmal fragen die Patienten direkt, wann ich mal wieder vorbeikomme.

Und gehen Sie hin?
Ja, sowie ich es einrichten kann. Ich nehme Kuchen mit und mache mich auf den Weg. Das ist das eigentliche Wertvolle an diesem Beruf – mit Kleinigkeiten den Menschen Mut zu machen, gemeinsam zu lachen oder zu trösten. Ich gehe aber auch hin, wenn es Probleme zu besprechen gibt. Dann ist es ja erst recht wichtig, direkt vor Ort zu sein.
Aber ich möchte zu meinem Team noch etwas sagen.

Bitte, gern!
Wissen Sie, die Zeit reicht hier nicht, um alle Mitarbeiter vorzustellen.
Ich will hier stellvertretend Sharon Ahlvers und Sven Peckmann anführen.
Sharon Ahlvers arbeitet seit März 2014 hier im Büro. Sie leistet als medizinische Fachangestellte in der Verwaltung eine großartige Arbeit.
Ich bin froh, dass sie sich gut eingearbeitet hat. Noch viel wichtiger aber ist, was sie sagt, nämlich, dass sie sich bei uns sehr wohl fühlt und hier gern arbeitet.
Ich denke, das macht die Stärke unseres Teams von innen heraus aus: Sich wohlfühlen in der Firma, mit Spaß arbeiten, gutes für die Pflegebedürftigen tun- jeder an seinem Platz. Sven Peckmann: In unserem Haus ist er für die Verwaltung und Logistik zuständig. Er hat hier vor vier Jahren angefangen – im August 2012.
Er ist ausgebildeter Altenpfleger. Jetzt ist er Kaufmann im Gesundheitswesen. Diese Umschulung hat er in der Zeit absolviert, als er schon in unserer Firma gearbeitet hat. Immerhin ist er inzwischen schon 20 Jahre in der Altenpflege tätig.
Es ist also toll zu sehen, wie sich Menschen entwickeln, ihre Stärken immer mehr zum Vorschein kommen. Sven Peckmann kommt gut mit Menschen klar – er mag sie und sie mögen ihn – Mitarbeiter und Pflegebedürftige gleichermaßen.
Ich könnte die Reihe solcher motivierten Mitstreiter fortsetzen. Vielleicht ergibt sich ja noch die Gelegenheit.

Das ist immer gut, wenn Mitarbeiter selbst zu Wort kommen und: Wenn die Chefin sie in ihrem eigenen Interview nicht vergisst!
Ich schließe daran meine nächste Frage an:
Was verstehen Sie unter individueller Pflege?
Das ist für uns sehr wichtig: Wir sind Gast im Haus des Patienten und seiner Angehörigen. Also achten wir die individuellen Besonderheiten und Gewohnheiten des Pflegebedürftigen. Wenn er zum Beispiel Angst vor dem Duschen hat, dann werden wir es ihm nicht aufzwingen, sondern andere Wege der Körperpflege finden. Oder: Mitunter wollen weibliche Patienten keine männliche Pflegekraft; das berücksichtigen wir ebenfalls.
Ich versuche so viel wie nur möglich zu ergründen – neben der Anamnese, die individuellen Wünsche und Bedürfnisse, die Biographie des Patienten – all das fließt mit in die Pflegeplanung mit ein.

Was ist für Sie persönlich Glück?
Ich bin sehr glücklich. Die Arbeit ist mein Glück.
Wenn ich morgens aufstehe und ins Büro gehe, ja dann freue ich mich auf den Tag, auf mein Team, die Patienten.
Ein Leben ohne meine Mitarbeiter, meine Familie, meine Patienten – das kann ich mir gar nicht vorstellen.
Jeder von uns muss Geld verdienen – für den Lebensunterhalt. Aber ich sage ganz ehrlich: Mein Glück besteht in dem, was ich tue. Manche nennen es Berufung. Ich sage, es ist mein persönliches Glück, dass ich das alles tun kann. Mir ist deshalb auch wichtig, dass wir uns für unsere Patienten schick machen – natürlich nicht wie für die Oper; aber schon, dass sie sehen: Ihr liebe Patienten bedeutet uns was.
Und wir achten darauf, dass sich die Patienten auch schick machen, das Leben genießen, sich gut anziehen, wenn sie es noch können.
Wir machen bald wieder einen internationalen Abend:
da bringen alle Mitarbeiter kulinarische Köstlichkeiten mit – gemacht aus Rezepten verschiedener Länder.
Wir haben Mitarbeiter aus dem Iran, aus Aserbaidshan, aus der Türkei, Russland, Griechenland, Philippinen, Spanien und: natürlich aus Deutschland.
Da ist die Freude immer groß, wenn wir diesen Abend veranstalten. Das ist Glück – mit diesen Menschen zu arbeiten und zu feiern.
Wir wollen dann nicht über die Arbeit reden; doch das gelingt nicht. Wir sind schnell wieder bei diesem Thema – weil es eben unser Leben, unsere Freude ist.
Was mir noch wichtig ist, wenn ich über persönliches Glück spreche:
Es ist meine Familie.
Ich habe Ihnen gesagt, dass ich vor 22 Jahren nach Deutschland kam, mit meiner Tochter im Arm. Sie ist hier aufgewachsen, Deutsch ist ihre Muttersprache, sie studiert – Psychologie. Das wollte ich auch mal studieren. Das war mein Traum. Heute kann ich es meiner Tochter ermöglichen. Das macht mich glücklich. Es ist, als würde ich es tun.
Verstehen Sie das? Ich jedenfalls weiß heute besser als vor zwanzig Jahren, was es heißt, glücklich zu sein, und: was es für andere Menschen, mit denen man es zu tun hat, bewirkt.

Das verstehe ich gut, sehr gut sogar. Und ich kann es außerordentlich gut nachvollziehen. Frau Parvari, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Kontakt:
Mitra Pflegedienst
Inhaberin: Maryam Parvari
PDL: Sevda Naghiyeva
Stellv. PDL Sven Peckmann
Lister Kirchweg 1
30163 Hannover
Telefon: 05 11-39491345
Telefax: 0511 – 39 49 13 46
E-Mail: info@mitra-pflegedienst.de
http://www.mitra-pflegedienst.de

 

 

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