MEIN FREUND, DER ALLTAG – DIENSTAG

Lieber Dienstag, ich freue mich, dich begrüßen zu können. Schleim hier nicht rum, du freust dich, dass du den Montag geschafft hast. Ich glaube, so würde der Dienstag antworten, wenn er denn reden könnte. Kann er aber nicht. Also lege ich mal wieder die Antworten fest. Ich freue mich tatsächlich, weil ich das Gefühl habe, dass ich auf dem Berg schon oben angekommen bin und jetzt nur noch abwärts laufen muss – bis zum Samstag. Ich stelle mir vor, ich stehe jetzt auf dem Berg, dem Montag, den ich erklommen habe und schaue hinab ins Tal. Da unten ist eine Kneipe. Gutes Bier gibt es da, gutes Essen, coole Leute, mit denen du abhängen kannst, weil nach Samstag der Sonntag kommt. Aber ich bin ja erst am Dienstag angekommen. Irgendwie ist es schon leichter geworden. Das sagt mein Gefühl. Ich habe meiner Frau heute früh gesagt: „Du wirst sehen, heute gucken die Leute nicht so grimmig wie gestern.“
„Ich sehe keine grimmigen Leute, ich löse Sudoku.“
„Du kannst aber heute nicht das Feuilleton kriegen“, sagte ich zu ihr.
„Warum nicht?“
„Da steht ein Artikel über einen Schriftsteller drin. Den will ich lesen“, entgegne ich. „Außerdem: Dann kannst du mal in die Gesichter der Leute schauen, die mit dir in der Kleinbahn fahren, dann in der S-Bahn und später noch in der U-Bahn. Das wäre auch noch interessant, ob sich die Leute irgendwie anders geben, wenn sie zum Beispiel von der Kleinbahn, dem Regionalzug, in die S-Bahn steigen“, setze ich nach. Ich glaube, in der Regionalbahn geht es noch dörflich zu. Die Leute schweigen sich an, schauen aus dem Fenster oder sehen zu, dass sie nicht vom Nachbarn erkannt werden. Mit dem jetzt reden, das geht gar nicht!
Das denke ich mir jedenfalls – wer hat schon Lust auf ein Gespräch, morgens, um 05.30 Uhr? Na gut, Ausnahmen gibt es immer. „Gibst du mir nun die Zeitung?“, reißt mich Karsta aus den Gedanken. Widerwillig gebe reiche ich ihr das Blatt. „Du kannst die doch noch heute Abend lesen“, sagt sie zu mir. Heute Abend? Da habe ich keine Lust mehr. Das Feuilleton sieht dann auch aus, als wäre es gefoltert worden. Überall sind Knicke drin. Und dann nicht mal gleichmäßig gefaltet. Das Sodoku-Feld ist vollgekritzelt mit Kugelschreiberminenbuchstaben. Nicht, dass ich das Kreuzworträtsel lösen will. Aber ich möchte der erste sein, der die Zeitung aufschlägt. Manchmal schaffe ich es noch beim Frühstück, den Feuilleton – Teil durchzusehen. Das ist Karsta aber auch nicht Recht. „Da waren Fettflecke auf der Vorderseite, das ist ja peinlich, wenn das einer sieht.“ Karsta schaut mich dann vorwurfsvoll an. Ich bin ehrlich, es berührt mich nicht im Geringsten. Der, der das beanstandet, hat sich doch nur vorgestellt, dass er selbst im Zug die Zeitung lesen will und nur der Fettfleck zwischen ihm und der Zeitung steht. Da kanns‘ te mal sehen, lieber Alltag, welche schwerwiegenden Probleme ich am Dienstag wälze, noch vor 06. 00 Uhr. Aber das ist ja noch gar nichts. „Wenn ich erst mal mit der politischen Diskussion beginne, kurz nach 05.00 Uhr.
„Also die Merkel, ich weiß nicht!“, sage ich dann zu Karsta und schaue sie an. Ihre Augen sagen: Bitte nicht schon wieder. Also höre ich gleich wieder auf und sage nur: „Naja, der andere, der Oberlehrer aus dem kleinen Ort, wie heißt der nochmal? Egal, der schafft es nicht mehr. Aber wen wählen wir?“ Karsta antwortet nicht. Sie ist klug. Sie will mir kein Futter geben für weitere Diskussionen. „Wir müssen los“, sagt sie stattdessen. Ja, wir müssen, lieber Dienstag, wollen wir auch? Ich muss darüber noch mal nachdenken.