MEIN FREUND, DER ALLTAG – MONTAG

Das glaubt mir doch kein Mensch: Ich freue mich auf Montag.
Das habe ich mir gestern vorgestellt, am Sonntag.
Ich war zum Nordic Walking in der Schorfheide unterwegs.
Meine Tochter und meine Frau waren in dieser Zeit zum Pilzesammeln ausgeschwärmt. Die Sonne schien durch die Bäume, die Blätter wiederum schienen bunt zu leuchten. Ich war begeistert, denn so stellte ich mir den Tag vor: Die, die ich liebte, waren in meiner Nähe und ich konnte trotzdem tun, was ich wollte, nämlich vor mich hinlaufen. Wenn du so auf weichem Boden läufst, und das aufgestapelte Holz an der Seite verströmt seinen Duft, und dir begegnet keiner, dann hat das was mit Meditation zu tun. Ich stelle mir sowas immer vor und ich bin bei dem Gedanken glücklich, wirklich in dem Moment das zu tun, was ich auch will. Aber wie würde es morgen sein, wenn 04.30 Uhr der Wecker klingelt und ich denke noch, dass ich mich bestimmt verhört habe.
Rede ich dann noch so geschwollen, so voller Glückshormone? Heute Morgen war es soweit, die Chance, zu jubeln, war da: Moin, moin, lieber Montag, ich hab‘ dich wieder und du hast mich auch wieder. Das mit dem Jubeln fiel erst einmal aus. Das ist doch auch so bei neuen Freunden. Du tastest sie ja ebenfalls ab, ob sie deine wirklichen Freunde sind, oder nicht eher verkappte Feinde. Ich dachte jetzt daran, wie die Leute in der S-Bahn sitzen. Das Wochenende vorbei, die Aussicht auf den nächsten Samstag weit weg, in unendlich weiter Ferne. Und dann die Gesichter der Leute, die auf den Bänken in der Bahn durchgeschüttelt werden – gleichgültig, verbittert, schlecht gelaunt. Da bin ich schon mal besser dran. Gut, meine Frau nicht. Die muss nämlich gleich zur Bahn. Aber dann hat es wenigstens einer aus der Familie besser. Da kann ich heute anknüpfen in meiner Motivation. Ich hatte den Alltag ja bewusst zum Freund gemacht. „Morgen Montag, morgen mein lieber Alltag!“ Hatte ich das jetzt wirklich im Stillen gesagt? Ich glaub‘, ich dreh am falschen Ende des Rades. Aber dann denke ich: Wie viele Leute gibt es, die alles haben – Geld, vielleicht ein Haus. Sie sind jedoch ans Bett gefesselt, sind pflegebedürftig. Im Gegensatz dazu geht es mir blendend. Jetzt habe ich es: Ich muss mit meinem neuen Freund reden, mit ihm in den Dialog treten. Gut, er wird nicht antworten, es sei denn, ich gebe die Antworten vor. Ich laufe inzwischen am Liepnitzsee – die Sonne scheint, die Blätter an den Bäumen leuchten. Dürfen die das eigentlich am Montag? Es sieht so aus. Na gut, dann werde ich meinen Blick darauf verändern und es am Montag im Wald ebenso schön finden, wie gestern am Sonntag. Diese Gedanken und vor allem die inneren Selbstgespräche sind irgendwie bescheuert. Aber: Der Montag, der erste Alltag in der neuen Woche hat ein wenig von seinem Schrecken verloren.