ANNA IST DEMENT

Du kannst über Demenz reden, aber du kannst sie nicht weg reden
„Das mag ja alles so sein. Aber ich denke, dass sie schon noch mitbekommt, dass sie stets dasselbe fragt. Nur, dass sie eben die Antwort darauf nicht mehr kennt.“
Karla mochte nicht mehr weiter darüber reden. Annas Krankheit, die Sorge darum, was noch alles passieren kann, das belastete alle. Irgendwie zog sich das durch sämtliche Gedankengänge. Manchmal sprachen sie schon morgens, 05.00 Uhr beim Frühstück, was Anna am Tag zuvor von sich gegeben hatte. „Wenn wir in Stralsund wohnen würden und wir hätten ein Haus, wo deine Mutter eine Wohnung mit hätte, im Haus oder dicht dabei, ich glaube, dann wäre alles einfacher“, sagte Peter und biss in sein Brötchen. „Entweder du erzählst morgens schon von Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik oder über meine Mutter und ihre Krankheit.“ Klara war noch nicht bereit überhaupt zu sprechen.

Peter sagte nichts mehr. Er schlug die Zeitung auf und las einen Artikel darüber, warum die AFD in Ostdeutschland so stark geworden war. Die Ossis lebten vierzig Jahre in einer Diktatur, waren intolerant gegenüber Flüchtlingen, die es bei ihnen gar nicht gab und gingen zudem noch rechtsextremen Positionen auf den Leim. „Und warum haben in München in einem Stadtteil die AFD – Leute so einen großen Zuspruch erhalten? Die machen es sich mal wieder einfach.“ Peter knüllte die Zeitung zusammen und nahm den Sportteil zur Hand. „Wovon redest du?“ Klara schaute ihn an. „Ach nichts. Ich möchte bloß mal wissen, wieviel Mühe sich manche Journalisten machen, um Ursachen von bestimmten Stimmungen tatsächlich auf den Grund zu gehen. Die haben doch ihre Vorurteile im Kopf, wissen, was der Chefredakteur lesen will und bedienen diese Pauschalannahmen mit Fakten, die keine sind.“ Peter konnte sich darüber aufregen. Aber er würde nichts ändern. Er müsste sich selbst bewegen, einmischen. Vielleicht sollte er das auch tun. Seine Geschichte erzählen, die er kennt, wo er der Kapitän ist, und wo ihm keiner sagen kann: „Das war ganz anders.“ Er hat ein Bild im Kopf von Ost und West, das gar nicht so grau ist. Bunt. Das ist es schon eher, wenn er an die vielen Diskussionen denkt, die er in Bochum geführt hat, in Bad Hersfeld oder in Bayern, so ziemlich gleich nach der Wende. Würde man sich mehr diese Geschichten erzählen, dem Anderen zuhören, dann wäre vieles einfacher, glaubt Peter. Er sollte schreiben – über sich und andere. Und wenn das keiner liest? Darüber konnte er nicht nachdenken. Es half ihm dabei, den Tag schöner zu finden, das Gefühl zu haben, dass nicht alles im Leben falsch oder ein Irrtum war. Und dann kann man auch über Fehler schreiben. Anna würde das nicht mehr begreifen. Aber es ist gut, dass sie sich kümmerten, um Anna. Dafür war Peter vor allem Karla sehr dankbar.