Yanochka, wo treibst du dich wieder rum?

Es ist Sommer. In Fastiv, einem kleinen Ort in der Nähe von Kiew, ist die Aufregung groß.  Iana Salenko wird auf dem Hof ihrer Großmutter Ludmila am 19. Juli 1983 geboren. Keiner konnte zu dem Zeitpunkt ahnen, dass es sich hier um das Mädchen handelte, dass später einmal auf den großen Bühnen dieser Welt stehen würde.

Es war noch keine Prima Ballerina geboren. Vielmehr: ein Kind, für das der Hof mit seinen Kühen, Schweinen, Hühnern, dem schiefen Zaun, den Holzbalken, die ausgeblichen waren, viel Geborgenheit ausstrahlte. Iana trägt diese Erinnerungen wie einen besonderen Schatz in ihrem Herzen.

Sie liebte ihre Oma Ludmila sehr und Ludmila liebte ihre kleine Enkelin. Ein Jahr nach ihrer Geburt zog Iana mit ihren Eltern nach Kiew,  70 km von Fastiv entfernt. Doch für Iana blieb der Hof in Fastiv ein wichtiger Lebensmittelpunkt. Hier spielte sie, saß in den Bäumen, schrammte sich die Knie auf, ärgerte den Hund an der Leine und konnte sich nicht vorstellen, dass es einen schöneren Ort auf diesem Erdball gab.

Fastiv ist inzwischen eine Stadt in der Ukraine, unweit von Kiew, in der über 50 Tausend Menschen wohnen. „ ‚Fastiv‘ ist auf Ukrainisch ausgesprochen, ‚Fastow‘ heißt es auf Russisch“, sagt Iana und betont damit die enge Verbindung zwischen der Ukraine und Russland.

„Das ist für mich manchmal gar nicht so leicht zu erklären“, sagt Iana, wenn sie auf das Verhältnis der Länder zu sprechen kommt, die heute beide als souveräne Staaten existieren.

„Es gab schon immer Liebe und Hass, enge Verbindungen und kriegerische Auseinandersetzungen“, erklärt sie im Gespräch. Man merkt ihr an, dass sie sich nichts sehnlicher wünscht, als Frieden zwischen den Menschen.

„Das kleine Städtchen Fastiv wird erstmals 1390 erwähnt. Später nach 1870 erhielt der Ort durch den Bau der Eisenbahn eine größere Bedeutung als ein wichtiges Transportzentrum. Aber für mich war der Mittelpunkt der Hof meiner Oma Ludmila, die dörfliche Umgebung überhaupt“, erläutert sie.

Das Haus der Oma war aus Stein errichtet. Davor ein Ziehbrunnen, aus dem Wasser herausgeholt wurde. Außerhalb des Hauses, im Garten, befand sich ein kleines Häuschen, das als Klo diente. Nachts wurde ein Eimer in die Küche gestellt, damit Iana nicht aus dem Haus heraus musste, um auszutreten.

„Hast du  ‚Pippi‘ gemacht?“ fragte Ludmila eines Abends ihre Enkelin.

„Warum, Oma?“

„Weil du auf die Kartoffeln gepullert hast, die ich morgen zum Mittag machen wollte“, sagte Ludmila.

Ludmila konnte sehr lustig sein. Sie klatschte in die Hände, damit Iana sich im Kreis drehen und tanzen konnte.

„Meine Oma hat das Fundament für meine Tanzkarriere gelegt“, sagt Iana heute scherzhaft.

Die Tiere, die auf dem Hof lebten – die Kühe, Schweine, Hühner, sie  wurden auch dort geschlachtet. Das gehörte für Iana mit zum Dorfleben dazu. Die Wäsche wurde im Fluss gewaschen und so hatte ihre Oma oft Schmerzen in den Beinen.

Iana berichtet noch heute von der Farbenpracht, die sich im Frühjahr entfaltete und den ganzen Sommer und im Herbst den Reiz dieser Gegend ausmachte.

„Im Sommer blühten im Garten viele Pflanzen, die mit ihrem Grün und den bunten Farben ein fröhliches Bild zeichneten, an das ich mich noch heute gern erinnere“, sagt sie.

„Ich habe oft am Morgen von den Hühnern die frischen Eier geholt. Und nach dem Frühstück ging es stets nach draußen. Wir haben getobt, sind auf die Bäume geklettert, haben mit unserem Hund gespielt und ihn geärgert“, schwärmt Iana.

Sie erinnert sich, dass Ludmila sie oft  zum Mittag rief: „Yanochka,  wo treibst du dich wieder herum?“

Und sie berichtet weiter: „Meine Großmutter stützte sich mit einer Hand auf den Gartenzaun, der ohnehin schon schief und wackelig war. Mit der anderen Hand schirmte sie ihr Gesicht ab, weil die Sonnenstrahlen im Sommer unbarmherzig auf ihre Augen niederprasselten. Im Hintergrund krähte ein Hahn und aus dem Stall war das Grunzen der Schweine zu hören. Ludmila rief erneut in die Richtung, in der sie mich vermutete:  ‚Yanochka, es gibt Borschtsch‘. Ich liebte den Borschtsch von meiner Oma. Eine Suppe, zubereitet aus Roter Beete und angereichert mit Schmand und Dill. Das lockte selbst mich von meinen Spielgefährten weg.“

Oma Ludmila erzählte dann manchmal Ianas Eltern: „Plötzlich kamen aus den Ästen und Blättern des nahegelegenen Baumes zwei Beine zum Vorschein. Sie schaukelten hin und her und dann sprang Yanochka auf den Boden.“ Iana rief dann schon von weitem: „Oma, ich habe großen Hunger, können wir gleich essen?“

Und Oma antwortete: „Ja, können wir, aber nimm‘ die Schüssel und wasch‘ dir die Hände. Und überhaupt: Wie siehst du wieder aus?“ Iana antwortete darauf erst gar nicht. Vielmehr lief sie in die Küche, wo die Suppe bereits herrlich duftete.

Wenn  Iana  diese kleinen Begebenheiten erzählt, dann merkt man ihr  an, wie glücklich sie noch heute ihre Kinder-und Jugendjahre empfindet.