Yanochka, aufstehen, es schneit

Oma Ludmila stand am Fenster und machte ihre gymnastischen Übungen, wie jeden Morgen. Iana hatte längst gehört, dass ihre Oma aufgestanden war. Sie schlief neben ihr auf der Couch und die knarrte, wenn sich jemand bewegte.

Trotzdem antwortete Iana ihrer Oma nicht. Sie mochte sich noch nicht bewegen oder sprechen. Sie machte nur ein Auge auf und sah die kreisenden Arme von Babuschka.

„Schau‘ doch mal, es hat geschneit“, sagte Ludmila.

„Wirklich?“

„Komm‘ aus dem Bett und sieh‘ selbst nach.“

Mit einem Ruck schmiss Iana die Decke beiseite, sprang in ihre Pantoffel und lief zum Fenster. Draussen war alles weiß. Es fielen Schneeflocken und von weitem hörte Iana einen Hund bellen.

„Oma, Oma ich möchte raus und spielen!“ Iana hüpfte und sprang  freudig vor Ludmila auf und ab.

„Dann wasch‘ dich, zieh dich an und nach dem Frühstück kannst du vor die Tür.“

Iana lief zur Waschschüssel, benetzte flüchtig ihr Gesicht mit ein wenig Wasser und putzte sich die Zähne. Sie streifte die Kleider über und lief wieder zum Fenster.

„Oma, sieh‘ doch, das Tor ist zugeschneit, wir können es ja gar nicht öffnen.“

„Ja, ich muss nach dem Frühstück dort den Schnee wegschaufeln“, brummte Ludmila, während sie den Tee bereitete.

Endlich. Iana stand im Garten. Es glitzerte, alles sah so sauber aus. Sie ließ sich rücklings in den Schnee fallen und juchzte vor Freude. Ludmila hatte sie warm und dick angezogen, so dick, dass sie sich kaum noch bewegen konnte.

Nachmittags. Iana saß am Fenster. Es wurde langsam dunkel und es hatte aufgehört zu schneien. Sie konnte stundenlang aus dem Fenster schauen, auf das glitzernde Weiß. Es waren nur Ludmilas knirschende Schritte zu hören, wenn sie mit ihren dicken Filzstiefeln durch den Schnee stakte, den Besen in der Hand, um den Schnee am Gartenzaun wegzufegen.

Dann kam Ludmila herein.

„Yanochka, jetzt machen wir uns Tee. Ich habe die Piroschki mit Birnen zubereitet. Die isst du doch so gern.“

„Oh ja, Oma.“ Iana liebte die Piroschki, die Ludmila selbst buk und sie dann mit den Früchten aus dem eigenen Garten füllte.

„Diese Zeit muss niemals enden“, dachte Iana und träumte, während sie weiter aus dem Fenster sah, die Stille in sich aufnahm und nichts vermisste. Sie hatte fast nichts. Und es fehlte ihr an nichts. Sie war einfach nur glücklich, auf dem Hof zu sein, bei ihrer Großmutter, und das saubere Weiß zu bestaunen, das nun alles bedeckte.

„Iana, der Tee ist fertig“,  rief Marian, „willst du auch einen?“

„Oh ja, gern“, antwortete Iana und versuchte wieder in ihren Kindheitstraum zurück zu gelangen.