Oma, ich will für dich tanzen

Ludmilas Haus war klein, was es noch gemütlicher erscheinen ließ. Es gab insgesamt drei Zimmer, von denen keines größer war als  10 bis 15 Quadratmeter.

Bevor Iana mit ihren Eltern und den Brüdern nach Kiew zog, wohnten dort auf engem Raum sieben Personen – Ludmilla, Ianas Eltern Swetlana und Anatoli, und ihre vier Brüder Roman, Ruslan, Bogdan  und Yaroslaw.

Das Dach war mit Welldachplatten gedeckt, aus Metall. Es gab einen Hühnerstall, einen Schweinestall, und im Keller war ein großer Raum, in dem die Lebensmittel, wie Fleisch und Gemüse, gelagert wurden.

Vor dem Haus befand sich ein gut befestigter Weg, auf dem Iana gern spielte und auch tanzte. Das war ihre kleine Bühne. Der Weg führte zu einem Brunnen und davor hatte sich Ludmila einen kleinen Sitzplatz eingerichtet. Sie saß dort gern, zwischen all den Bäumen, Sträuchern, dem Gemüse und den Blumen.

So war es auch an einem Sommerabend. Es war noch hell, die Arbeit getan und Ludmilla setzte sich auf die Bank. Ihre Knie taten ihr weh und sie wollte ein wenig die Abendsonne genießen. Ludmilla schaute zu Iana, die mal wieder in ihrem Lieblingsbaum, dem Birnenbaum hockte.

„Yanochka, tanz‘ ein bisschen für mich“, rief Ludmilla ihrer Enkelin zu und wie zur Bekräftigung klatschte sie in die Hände.

Iana ließ sich nicht lange bitten. Sie kam zu Ludmilla gelaufen, schwang die Beine, wackelte mit den Hüften und drehte sich im Kreis vor ihrer Oma.

Das waren für beide die schönsten Momente. So sieht es Iana heute noch. Sie erinnert sich heute sehr gern an diese kleinen Begebenheiten, und ihr Herz geht dabei auf: „Das ist der eigentliche Reichtum im Leben. Du denkst, du bekommst noch mehr. Das ist vielleicht auch so. Aber die wirklichen Minuten des Glücks, die entstehen durch ein glückliches Familienleben, eine glückliche Kindheit durch die Liebe, die mir meine Oma gab. Das vergisst du nie und du zehrst ein Leben lang davon.“

Iana erinnert sich auch gern daran, wie ihre Oma mit den Fingern Schattenspiele machte, kleine Gutenachtgeschichte damit erzählte. Ludmila sprach auch von Sirko, dem alten Hund, den der Bauer von seinem Hof in der Ukraine jagte.

„Das würden wir nie tun. Stimmt’s Oma?“

„Ja, mein Kind, das wäre herzlos.“

Und wie auf Kommando hörte Iana von draussen das fröhliche Bellen von Ludmilas Hund.

Wenn Ludmila die Geschichte fertig erzählt hatte und Iana immer noch nicht schlafen mochte, drängte sie Ludmila: „Oma, erzähl‘ mir von früher, wie du jung warst.“

„Ach, weißt du Kind, das ist so lange her.“

„Bitte, Oma, erzähl. Wer war diese Frau, die so gut tanzen konnte?“

„Meinst du die Plissetzkaja?“

„Ja, Oma, die meine ich.“

Ludmilla verehrte Maja Plissetzkaja.

„Das ist eine große russische Prima Ballerina“, hob sie an zu sprechen. Auch wenn Ludmila oft nicht gut auf die Russen zu sprechen war, hier machte sie eine Ausnahme.

„Sie kam aus einer russisch-jüdischen Ballettfamilie und wurde 1925 in Moskau geboren. Sie ist eine der erfolgreichsten Balletttänzerinnen und Choreografen weltweit.“

„Was hat sie getanzt, Oma?“

„Ihre Glanzrolle war der ‚Sterbende Schwan‘. Ach, das konnte sie am besten.“

„Tanzt sie denn noch?“, fragte Iana sie. Es war Mitte der achtziger Jahre.

„Ja, aber natürlich. Nicht mehr so viel wie früher. Aber sie ist noch aktiv und lebt, so glaube ich in Deutschland.“

„Kind, wenn du gern tanzt, dann musst du dir die großen Künstler auf dieser Welt zum Vorbild nehmen.“

„Warum, Oma?“

„Weil du dich an ihnen orientieren kannst, an ihrem Willen, etwas zu erreichen. Und wenn du größer bist, dann kannst du ihnen nacheifern.“

„Aber ich will das jetzt schon, rief Iana und schwang sich noch einmal aus dem Bett, um sich vor ihrer Oma im Kreis zu drehen.“

„Gut, jetzt aber ins Bett“, schmunzelte Ludmila.

Ludmila seufzte.

„Oma, bist du traurig“, fragte Iana.

„Nein, Yanochka. Ich denke nur daran, dass die Plissetzkaja auch kein leichtes Leben hatte. Und da kam mir mein Leben in den Sinn. Wir sind ja fast ein Alter. Gut, die Plissetzkaja ist fünf Jahre jünger.“

„Was war denn so schwer in ihrem Leben?“

„Ihr Vater wurde verhaftet und hingerichtet, unter Stalin. Und die Mutter saß auch in einem Lager“, seufzte Ludmilla.

„Oma, sei nicht traurig. Du hast doch mich.“

„Ich weiß“, sagte Ludmilla mit ihrer dunklen und etwas traurigen Stimme und strich ihrer Yanochka liebevoll über das Haar.

„Oma, wenn morgen früh die Sonne scheint, dann tanze ich wieder draußen auf dem Hof für dich und du klatscht dazu in die Hände. Ich will so werden wie diese Plissetzkaja.“

„Das wirst du Yanochka. Geh‘ deinen Weg und werde vor allem glücklich im Leben. Dann kannst du alles erreichen“, sagte Ludmilla und löschte das Licht.

Iana drehte sich auf die Seite, sah den hellen Mond durch das Fenster scheinen und träumte davon, eine Tänzerin auf einer großen Bühne zu sein.