SCHREIE GELLTEN DURCH DIE NACHT

SCHREIE GELLTEN DURCH DIE NACHT

„Hilfe, so helft mir doch!“

Es war die verzweifelte Stimme von Ludmilla, Ianas geliebter Großmutter. Sie blutete.

Wassili, Ludmillas Ehemann, hatte auf sie eingestochen, brüllend vor Trunkenheit.

Als Iana das wiedergab, da war Stille im Raum.

„Oma hat es mir erzählt, nachdem ich sie immer wieder dazu gedrängt hatte“, erinnert sie sich heute.

„Es war für mich, als würde ich selbst unter diesen Schmerzen leiden. Oma war aus dem Haus gelaufen, in den Garten, zu ihrem Lieblingsbaum, in der Hoffnung, sie würde von jemandem auf der gegenüberliegenden Straße gehört werden.“

Für Iana ist es noch heute ein Wunder, wie ihre Großmutter Ludmilla das alles ertrug. Und später  sich das ganze Leid, das ihr wiederfahren war, nie groß anmerken ließ.

„Oma bekam mit 14 Jahren ihr erstes Kind. Sie hatte keine durchgehende Schulbildung erhalten. 1920 geboren ging es für sie immer ums Überleben“, erzählt Iana mit trauriger Stimme.

Und weiter: „Oma hat schon als Kind selbst viel Leid ertragen müssen und fürchterliche  Dinge gesehen. Anfang der dreißiger Jahre brach in der Ukraine eine große Hungersnot aus. Über drei Millionen Menschen starben. Die damalige Sowjetregierung erließ einen ‚Ukas‘, nachdem die Bauern nahezu 100 Prozent der Getreideernte abgeben mussten, und so selbst fast nichts für die eigene Versorgung behielten“, erinnert sich Iana an die Berichte ihrer Großmutter.

„Ich sah als Kind, wie andere Kinder verhungerten. Die Bilder waren kaum zu ertragen. Ein Stück Brot war in der Zeit tatsächlich mit Gold aufzuwiegen“, erzählte Ludmilla später ihrer Enkelin.

Ludmilla heiratete einen Lehrer. Der kämpfte im 2. Weltkrieg gegen die Deutschen und fiel an der Front.

Später, nach dem Krieg heiratete Ludmilla ein zweites Mal – Wassili.

Wassili ist der Großvater von Iana und der Vater ihrer Mutter, Swetlana.

„Ich kenne Wassili nur aus den Erzählungen“, sagt Iana.

„Dein Großvater war ein Säufer und Taugenichts.“

Das klang hart aus Ludmillas Mund. Doch die erlittenen Verletzungen, seelisch und physisch, saßen tief.

„Oma, von Anfang an?“

„Nein, Yanochka, nicht von Anfang an, das war er nicht. Wie hätte ich ihn sonst heiraten können?“

„Ja, Babuschka.“

„Dein Großvater litt sehr stark unter den Kriegserlebnissen. Er muss viel Grausames gesehen haben. ‚Hände hoch‘, so rief er manchmal im Schlaf. Später, da begann er zu trinken und mich zu schlagen. Das war schlimm.“

Iana beobachtete ihre Großmutter, wenn sie darüber sprach. Ihr herbes Gesicht wurde noch herber, die Falten schienen sich dann noch tiefer einzugraben.

„Großvater hat sich das Leben genommen. Er hat es wahrscheinlich nicht mehr ertragen, dass ich mich von ihm getrennt habe, dass ihn die Kriegserlebnisse in den nächtlichen Träumen einholten und dass ihn der Alkohol nach und nach zerstörte, den Rest an Würde nahm“, beschloss Ludmilla die Erinnerungen an ihren Mann.

Dabei war Ludmilla mal eine schöne Frau. Knapp 1,50 groß, schlank, mit fraulicher Figur.

„Oma trug stets ein Kopftuch, hatte dunkles, gewelltes Haar. Sie wollte aber nicht, dass dies andere Dorfbewohner sahen“, erinnert sich Iana.

„Manchmal bekam ich Angst vor Oma, wenn sie ernst schaute. Es war der Blick einer leidgeprüften Frau, mit einer dunklen Stimme, die zudem auch noch furchteinflößend klang.“

Yanochka aber, das war der Liebling von Ludmilla. Ihre Enkelin brachte viel Sonnenschein in ihr Herz. Und Iana wusste: auch wenn Oma streng schaute, mit tiefer Stimme sprach, ihre Seele viele Narben trug, so war sie doch ein Mensch, mit einem großen Herzen. Ein Mensch, der mit all der Kraft, die ihr verblieben war,  sich für die Familie aufopferte.

„Yanochka, komm runter vom Baum, es gibt Piroschki, gefüllt mit Birnen“, rief Ludmilla an einem sonnigen Nachmittag. Einem Tag wie ihn Iana vielfach erlebte, und die ihr vor allem in den Momenten in  Erinnerung sein werden, in denen sie an ihre geliebte Großmutter Ludmilla denkt.