Donezk – es roch nach Kohle, die Straßen waren eng und Iana war glücklich

Dezember 1997

Iana, ihr Bruder Jaroslaw und ihr Vater Anatoli schauten noch ein wenig verschlafen durch das Fenster im Abteil und sahen die ersten Umrisse der Häuser,  bevor der Zug aus Kiew in den Bahnhof von Donezk einrollte.

Die Bremsen quietschten und die Fahrgäste, die sich bereits in den Gängen des Eisenbahnwaggons drängten, wurden nach vorn gedrückt. Jeder wollte möglichst schnell aus dem Zug heraus und auf den Bahnsteig gelangen.

Sie waren die ganze Nacht gefahren, von abends, 08.00 Uhr bis morgens um 08.00 Uhr, zwölf Stunden waren sie unterwegs.

„Konntet ihr denn ein wenig schlafen?“, fragte Anatoli seine Kinder und schaute dabei Iana an. „Hm, gut“, brummte Jaroslaw.

„Ach, Papa, ich bin so gespannt, was uns der Tag heute bringt“, sagte Iana.

Anatoli schmunzelte. Er konnte die Aufregung seiner Tochter verstehen. Immerhin begann für sie ein ganz neuer Abschnitt in ihrem Leben.

„Was soll der schon bringen“, antwortete stattdessen ihr Bruder. „Wir sehen uns alles an und danach werden wir in die Ballettschule aufgenommen“, meinte Jaroslaw.

„Jetzt hab mal nicht so einen großen Mund, hilf mir lieber, den Koffer von oben herunterzuholen“, sagte Ianas Vater zu ihm und streckte sich,  um an den Koffer zu gelangen. Endlich konnten sie aussteigen.

Im Eisenbahnwaggon war es noch angenehm warm gewesen. Jetzt standen sie auf dem Bahnsteig und Iana zitterte. Vor Kälte und vor Aufregung. Iana hatte es geschafft und war ihrem Traum, eine große Tänzerin zu werden, wieder ein Stück nähergekommen. Vater Anatoli versuchte sich auf dem Bahnsteig zu orientieren und herauszubekommen, welchen Bus sie zur Ballettschule nehmen sollten.

Ianas Gedanken schweiften währenddessen ab. Sie konnte es noch gar nicht glauben, dass für sie nun ein neuer Lebensabschnitt begann. Mit ein wenig Wehmut dachte sie an ihre Lehrerin Traviata Iwanowna.

„Kind, du hast großes Talent und wenn du fleißig bist, dann wirst du es noch weit bringen.“

„Wie weit, Traviata Iwanowna?“

„Nun, das liegt ganz bei dir. Wenn du regelmäßig zum Unterricht kommst, deine Übungen absolvierst, dann ist schon viel getan.“

„Und was kann ich noch tun?“, bohrte Iana weiter. „Liebe den Tanz mit deiner ganzen Leidenschaft, die du in dir trägst. Lass dich nicht entmutigen, mach vor allem weiter, wenn du glaubst, dass es nicht mehr geht.“

Traviata Iwanowna selbst hatte ihr Rüstzeug an der berühmten Waganowa Schule in St. Petersburg erhalten. Sie hatte keine Kinder bekommen können und als sie ihren Mann kennenlernte, heirateten sie und zogen danach nach Kiew.

Dort war sie als Tanzlehrerin in der Ballettakademie tätig. Ein Glück für Iana. Traviata Iwanowna erkannte schnell das Talent von Iana und war umso strenger, damit diese ihr großes Ziel, eine Ballerina zu werden, tatsächlich erreichte.

„Du brauchst kräftige Rückenmuskeln, musst lernen, wie du deine Arme und Schultern korrekt hältst und bewegst“, sagte Traviata Iwanowna zu Iana.

„Und warum muss ich so oft das Grand allegro üben, soweit springen und immer wieder die Pirouetten drehen?“ Iana sank erschöpft auf den Tanzboden.

„Hab ich etwas von Pause gesagt?“, herrschte die Lehrerin sie an. Und versöhnlicher schob sie nach: „Aggripina Waganowa hat diese Trainingsmethode konzipiert. Sie hat als Ballerina und Lehrerin unser russisches Ballett in der ganzen Welt berühmt gemacht. Willst du so sein wie sie, dann frage nicht, warum du so viel üben sollst, sondern frage, was du noch tun kannst. Lerne von den Besten. Und ich sage dir, was dazu nötig ist. Auf, auf, es geht weiter, und bitte: Grand allegro!“

Iana fing wieder Feuer, ihre Erschöpfung war wie weggeblasen, als sie zum Sprung ansetzte.

Sommer 1996.

Pionierferienlager Artek. Iana gewann den ersten Preis im Tanzwettbewerb. Sie war überglücklich. Der ganze Streß, die Schule zwischendurch, immer wieder üben, die unerbittliche Härte ihrer Lehrerin – das alles zusammen hatte sie nun auf das Siegerpodest gebracht.

„Mamutschka, sieh doch, hier ist ein Brief aus St. Petersburg, von der Waganowa-Ballettakadmie“, rief Iana.

„Mach‘ auf, was steht denn drin?“, fragte Ianas Mutter, während sie den Kascha für das Abendessen zubereitete. „Ich kann dort sofort anfangen, Mama, eine Ausbildung erhalten.“

„Yanochka, das können wir doch gar nicht bezahlen.“

Swetlana wusste, dass sie die Kosten für so eine Ausbildung ihrer Tochter nicht würden tragen können. Natürlich wusste sie auch, was es bedeutete, das ihrer Tochter klarzumachen. Iana war gerade aus Artek zurückgekehrt, hatte einen ersten Preis gewonnen. Sie war dabei einem Jurymitglied aufgefallen, die gleichzeitig als Lehrerin in St. Petersburg arbeitete. Nur ganz wenige Kinder kamen überhaupt in die engere Auswahl, an der Ballettakademie in St. Petersburg eine Ausbildung zu erhalten. Und noch weniger schafften die Aufnahmeprüfung. Iana aber, die durfte dort sofort anfangen.

„Yanochka, wir können nicht 50 Euro für dich und deinen Bruder bezahlen, das ist nicht drin“, sagte Swetlana, während sie die Teller auf den Tisch trug.

„Außerdem ist es viel zu weit weg und zu gefährlich. Du bist jetzt gerade mal 14 Jahre alt geworden.“ „Was soll mir schon passieren?“, entgegnete Iana, während sie mit den Tränen kämpfte.

Dabei wusste Swetlana gar nichts davon, was ihrer Tochter erst ein paar Wochen vorher passiert war. Es war spät abends und es war längst dunkel geworden.

Iana kam wie immer vom Tanztraining zurück. Sie hörte Schritte hinter sich. Sie drehte sich um und hinter ihr lief ein Mann. Er schien noch jung zu sein, vielleicht Anfang 20. Er schwankte leicht. Iana beschleunigte ihre Schritte. Sie erreichte ihre Haustür, schloß auf und verschwand im Flur. Der Mann war ihr gefolgt und stand nun ebenfalls an der Fahrstuhltür.

Der Fahrstuhl schien besonders lange bis unten zu brauchen. Als sich die Türen öffneten, schlüpfte Iana hinein und drückte sich an die hintere Wand des Fahrstuhls. „In welchen Stock willst du?“, fragte der Mann sie. Er kam dabei näher an Iana heran. Sein Atem roch nach Alkohol.

„In den 6. Stock“, antwortete Iana, obwohl sie eine Etage höher wohnte. Sie spürte ihr vor Angst rasendes Herz. Der junge Mann drückte den Knopf, die Türen gingen zu und der Fahrstuhl bewegte sich nach oben.

„Du bist so schön“, nuschelte der Mann, während er seinen alkoholgetränkten Atem in Ianas Gesicht hauchte  und sich immer stärker an sie herandrückte. Plötzlich versuchte er ihr unter den Rock zu greifen. Iana nahm all ihren Mut und ihre Energie zusammen. Als der Fahrstuhl hielt und die Türen aufgingen, schob sie den Unbekannten mit aller Kraft von sich weg, lief an ihm vorbei und verschwand aus dem Fahrstuhl.

„Daran hatte ich lange zu ‚knappern‘“, erinnert sie sich heute noch. Ihre Mutter durfte davon nichts erfahren. Auf gar keinen Fall. Sie hätte Iana nirgendwo zur Ausbildung hingelassen.

Traviata Iwanowna aber hatte wenig später die richtige Eingebung: „Warum gehst du nicht nach Donezk? Ich kenne dort den Leiter des Balletts, Vadim Pisarev?“, wandte sie sich eines Tages während des Unterrichtes an Iana. Iana und ihr Bruder Jaroslaw bekamen dank Traviata Iwanowna diese Chance, und zwar für wenig Kostgeld.

Bahnhofsvorplatz in Donezk

„Kinder, jetzt beeilt euch mal. Der Bus dort fährt zur Schule.“ Anatoli riss Iana aus ihren Gedanken. Nun spürte sie den starken Kohlegeruch, der von den großen Abraumhalden herüberwehte und die Stadt so prägte. Der Bus fuhr an den Häusern vorbei, die Iana klein vorkamen. Und sie bemerkte die engen Straßen, freute sich, wie gepflegt alles aussah. Sie waren an der Schule angekommen.

Ianas Herz pochte.

Translation, powered by Marian Walter 

December 1997
Iana, her brother Yaroslav and her father Anatoli looked a bit sleepy through the window in the compartment and saw the first outline of the houses before the train from Kiev rolled into the Donetsk train station.

The brakes creaked and the passengers, who were already in the corridors of the railroad car, were pushed forward. Everyone wanted to get out of the train as quickly as possible and onto the platform.

They had been driving all night, from 8 o'clock in the evening until 8 o'clock in the morning, twelve hours on the way.

Anatoli asked his children, while looking at Iana, „did you sleep a little?"
"Hm, good," grumbled Yaroslav.
"Oh, Dad, I'm so excited about what the day brings us today," said Iana.

Anatoli smiled. He understood the excitement of his daughter. After all, a whole new chapter in her life began for her.

"What should he bring," her brother answered instead.
"We'll look at everything and then we'll be admitted to the ballet school," Jaroslaw said.

"Now do not have such a big mouth, help me to bring the suitcase down from above," said Iana's father to him and stretched to get to the suitcase.

Finally they were able to get out. The train wagon had been pleasantly warm still. Now they stood on the platform and Iana shivered. From cold and excitement.

Iana had made it and was a little closer to her dream of becoming a great ballerina.
Father Anatoli tried to orient himself on the platform and figure out which bus to take to the ballet school.

Iana's thoughts wandered off. She still could not believe that a new phase of life was beginning for her now.
With a little sadness she thought of her teacher Traviata Ivanovna.

"Child, you have great talent and if you are diligent then you will go far."
"How far, Traviata Ivanovna?"
"Well, that's up to you. If you come to class regularly, do your exercises, then a lot has already been done. "
"And what else can I do?" Iana continued.

"Love the dance with all your passion that you carry in yourself. Do not be discouraged, especially if you think you can not do it anymore."

Traviata Ivanovna herself had received her ability at the famous Vaganova School in St. Petersburg.
She had no children and when she met her husband, they got married and moved to Kiev.
There she worked as a teacher in the ballet academy.

Lucky for Iana. Traviata Ivanovna quickly recognized Iana's talent and was evenstricter to make her achieve her great goal of becoming a ballerina.

"You need strong back muscles, you have to learn how to hold and move your arms and shoulders correctly," Traviata Ivanovna told Iana.
"And why do I have to practice the Grand Allegro so often, jump so far and make the pirouettes again and again?"
Iana sank exhausted on the dance floor.

"Did I say something about a break?" The teacher prompted.
And more forgiving, she added: "Aggripina Vaganova has designed this training method.
As a ballerina and teacher, she has made our Russian ballet famous all over the world.

If you want to be like them, then do not ask why you should practice so much, but ask what else you can do.

Learn from the best. And I'll tell you what's needed. Up, up, it goes on, and please: Grand allegro! "
Iana caught fire again, her exhaustion was blown away as she jumped.

 Summer 1996.
Pioneer camp Artek. Iana won the first prize in the dance competition. She was overjoyed.

All the stress, the school in between, practice again and again, the relentless harshness of her teacher - all this brought her now on the podium.

"Mamutschka, look, here's a letter from St. Petersburg, from the Vaganova ballet-cadre," said Iana.
"Open up, what's in it?", Iana's mother asked, preparing the kasha for dinner.
"I can start right there, mom, to get an education."
"Yanochka, we can not pay for that."

Svetlana knew that she would not be able to bear the costs of training her daughter.
Of course, she also knew what it meant to make that clear to her daughter.

Iana had just returned from Artek, winning a first prize. She noticed a jury member who also worked as a teacher in St. Petersburg. Very few children were even shortlisted to receive training at the Ballet Academy in St. Petersburg. And even less did the entrance exam.
But Iana, she was allowed to start there immediately.

"Yanochka, we can not pay 50 euros for you and your brother, that's not in possible," Svetlana said as she carried the plates to the table.
"Besides, it's way too far and too dangerous. You're just 14 years old now. "

"What should happen to me?", Iana replied while she was struggling with tears.

At the same time, Svetlana knew nothing of what had happened to her daughter only a few weeks before.
It was late in the evening and it was already dark. Iana came back as always from dance training. She heard footsteps behind her.

She turned around and behind her walked a man. He seemed to be still young, maybe in his early twenties.
He swayed slightly. Iana started to walk faster. She reached her front door, unlocked it and disappeared into the hallway.

The man had followed her and was now standing at the elevator door.
The elevator seemed to take even longer to get down.
As the doors opened, Iana glided inside and pressed herself against the back wall of the elevator.

"Which floor do you want go?", the man asked her. He came closer to Iana. His breath smelled of alcohol.

"To the sixth floor," Iana answered, even she lived one floor higher.
She felt her heart racing with fear.
The young man pushed the button, the doors closed and the elevator moved up.

"You're so beautiful," mumbled the man as he breathed his alcohol-soaked breath into Iana's face and moved closer and closer to her.
Suddenly he tried to reach under her skirt.
Iana took all her courage and energy together.

When the elevator stopped and the doors opened, she pushed the stranger away with all her power, ran past him and disappeared from the elevator.
"For a long time, I've had to fight with it," she recalls today.

Her mother was not allowed to hear about it. Absolutely no way. She would not have let Iana go to education anywhere.
Traviata Ivanovna, however, had soon after the right inspiration:
She turned to Iana one day during class.

"Why don’t you go to Donetsk? I know there the head of the ballet company Wadim Pisarev? ",
Iana and her brother Yaroslav got this opportunity thanks to Traviata Ivanovna, and for very little money.

 Train station in Donetsk
"Kids, hurry up now. The bus there goes to school. "
Anatoli tore Iana out of her thoughts. Now she could feel the strong smell of coal that blew over from the large industrial yards and shaped the city.

The bus drove past the houses, which seemed small to Iana. And she noticed the narrow streets, was pleased, how well maintained everything looked.

They had arrived at the school.

Iana's heart throbbed.