Der erste Tag in der Ballettschule von Donezk

Die Diensthabende am Schuleingang erwartete bereits Iana, zusammen mit ihrem Bruder Jaroslav und ihrem Vater Anatoli.

„Herzlich willkommen. Unsere Schulleiterin ist informiert, dass Sie heute kommen. Bitte hier entlang.“

Die Direktorin war jung, hübsch und lächelte alle drei an.

„Bitte kommen Sie, ich zeige Ihnen alles“, sagte sie nach der Begrüßung.

Iana sah zum ersten Mal ihr Zimmer, in dem sie für viele Wochen und Monate wohnen sollte.

Jede Zimmerbewohnerin hatte eine kleine Ecke, die sie für private Zwecke nutzen konnte. Ein kleiner schwarzer Schrank musste für die persönlichen Sachen und die Garderobe reichen.

„Müssen wir in der Schule Ukrainisch sprechen, so wie es 1996 vom Staat verordnet wurde?“, fragte Iana die Schulleiterin.

„Du meinst, weil es seit vorigem Jahr  die offizielle Landessprache in der Ukraine ist?“

„Ja.“

„Nein, der Schulunterricht wird in Russisch abgehalten.“

Iana atmete auf. Sie war mit der russischen Sprache aufgewachsen. Ihre Eltern sprachen russisch, ihre Oma, ihre Brüder, ihre Freunde.

Später gingen alle drei über den Hof auf die andere Straßenseite, in das Gebäude, indem Vadim Pisarev residierte und die Ballett-Company leitete.

Dazu gehörte die Ballettschule, der Ort also, in dem Iana künftig viel Zeit verbringen würde.

 Iriana Pisareva – die Seele der Ballettschule

„Mein Name ist Irina Pisareva und ich leite die Ballettschule.“

Und bevor noch jemand etwas sagen konnte, fuhr sie fort:

„Vadim ist mein Bruder. Er kümmert sich um die künstlerische Leitung der Company. Ich nehme ihm die Arbeit hier ab, bin für alle Fragen in der Ballettschule zuständig.“

Sie blickte alle drei freundlich an, hatte zudem eine rundliche Figur und sie machte nicht den Eindruck einer durchtrainierten Tänzerin.“

Iana gefiel das. Es nahm ihr irgendwie den inneren Druck, den sie während des Vorstellungsgespräches verspürte.

„Möchte noch jemand ein Stück Kuchen?“, schaute Irina Pisareva in die Runde.

„Ja, mir können Sie noch eins geben und Tee bitte auch!“, meldete sich Jaroslaw.

Für ihn war die Sache gelaufen. Er würde hier schon seinen Weg gehen.

Und so blieb er vor allem ruhig. Nur einmal, als die Schulleiterin bei der Besichtigung der Unterkünfte ankündigte, dass jeder eine Nanny bekommen würde, die auf sie aufpassen sollte und die Verantwortung für die Kinder trug, da meldete er sich zu Wort: „Wozu eine Nanny? Für meine Schwester, gut. Aber ich? Ich bin schon erwachsen, kann für mich allein aufpassen.“

Anatoli beugte sich in dem Moment zu seinem Sohn vor und flüsterte ihm ins Ohr: „Du bist 15 Jahre alt und machst, was dir hier gesagt wird. Hast du das verstanden?“

Jaroslaw nickte stumm.

 Grand – Pas de deux

„So, wir möchten jetzt gern sehen, wie ihr beide tanzt, du und dein Bruder“, sagte unvermittelt Irina Pisareva.

Iana wirkte wie elektrisiert: „Ich bin doch gar nicht aufgewärmt. Ich kann das nicht.“

„Das schaffst du schon“, beruhigte Irina Pisareva sie.

„Bitte zieht euch um und Iana, vergiss die Spitzenschuhe nicht.“

Jaroslaw tanzte als erster. Einen Gopak, einen ukrainischen Spitzentanz.

Er tanzte sicher und leichtfüßig. Das Talent hatte er von seinem Vater geerbt. So wie Iana.

Jaroslaw war sehr ehrgeizig. Zuhause, da drehte er das Radio auf und tanzte zur Musik, drehte sich im Kreis, immer und immer wieder.

„Kannst du das auch?“, rief er dann Iana zu.

Die antwortete nicht, sondern drehte sich stattdessen im Kreis.

Es war ein ständiger Wettbewerb zwischen den beiden entbrannt.

Jetzt war Iana mit dem Vortanzen dran. Sie tanzte, stoppte, war verzweifelt, nicht zufrieden.

Danach tanzten beide Geschwister zusammen, einen Grand – Pas de deux, das Duett einer Tänzerin und eines Tänzers.

Sie tanzten sich durch die einzelnen Etappen hindurch – Entrèe, Adagio. Dazu die jeweiligen Variationen von Iana und Jaroslaw und schließlich zum Abschluss die Coda.

„Prima!“, sagte Irina Pisareva zufrieden.

„Ihr seid beide in die Schule aufgenommen“.

„Du hast getanzt wie eine Schnecke, nur noch langsamer“.

Du musst noch viel lernen,  Iana

Während Jaroslaw das sagte, strotzte er nur so vor Selbstbewusstsein und Iana schaute geknickt drein.

Anatoli blickte nicht begeistert zu Iana herüber. Er war von seiner Tochter enttäuscht.

„Nun gut, ihr habt beide bestanden, wir müssen nur ganz wenig Kostgeld bezahlen und ihr könnt hier viel lernen“, sagte er dann nach einer Weile.

Sie verabschiedeten sich von Irina Pisareva und fuhren zurück zum Bahnhof.

Anatoli packte im Zug die Piroschki zum Abendessen aus und Jaroslaw langte als erster zu.

„Du musst noch viel üben, um lockerer zu werden“, sagte er kauend und mit vollgestopften Backen zu Iana.

Sie antwortete ihm nicht. Sie war trotzdem glücklich. Nach dem Weihnachtsfest konnten sie ihre langersehnte Ausbildung in Donezk beginnen.

 The first day at the ballet school of Donetsk

The servant at the school entrance was already waiting for Iana, together with her brother Jaroslav and her father Anatoli.

„Welcome. Our headmistress is informed that you are coming today. This way please.“

The director was young, pretty, and smiled at all three of them.

„Please come, I’ll show you everything,“ she said after the welcome.

Iana saw her room for the first time, where she will live for many weeks and months.

Each roommate had a small corner that she could use for private purposes. A small black cabinet had to be enough for the personal belongings and the wardrobe.

„Do we have to speak Ukrainian at school as it was ordained by the state in 1996?“, Iana asked the Headmistress.

„You mean because it’s the official language in Ukraine since last year?“

„Yes.“

„No, the lessons are given in Russian.“

Iana breathed. She grew up with the Russian language. Her parents spoke Russian, her grandma, her brothers, her friends.

Later, all three walked across the courtyard to the other side of the street, into the building, where Vadim Pisarev resided and ran the Ballet Company.

This included the ballet school, the place where Iana would spend a lot of time in the future.

 Iriana Pisareva – the soul of the ballet school

„My name is Irina Pisareva and I run the ballet school.“

And before anyone could say anything, she went on:

„Vadim is my brother. He takes care of the artistic direction of the company. I take his work off here, I’m responsible for all questions in the ballet school. “

She looked friendly at all three , her figure was plump and she did not give the impression of a well-trained dancer.

Iana liked that. It somehow took away the inner pressure she felt during the interview.

„Anyone else want a piece of cake?“, Irina Pisareva looked around.

„Yes, you can give me one more and tea as well, please!“,Yaroslav answered.

For him it was very clear. He would go his way here.

And so he remained calm above everybody else. Only once, when the headmistress announced that everyone would get a nanny to take care of them and take responsibility for the children, he said, „Why a nanny? For my sister, good. But me. I’m already grown up, I can take care of myself alone “

Anatoli leaned forward to his son and whispered in his ear: „You are 15 years old and do what you are told here. Did you understand that?“

Yaroslav nodded silently.

 Grand – Pas de deux

„Well, we’d like to see you both dancing now, you and your brother,“ Irina Pisareva said suddenly.

Iana looked electrified: „I’m not warmed up. I can’t .“

„You can do that,“ Irina Pisareva reassured her.

„Please change, and Iana do not forget the pointe shoes.“

Yaroslav danced first. A gopak, a top Ukrainian dance.

He danced confident and light. He got the talent from his father. Like Iana.

Yaroslav was very ambitious. At home, he turned on the radio and danced to the music, spinning in circles, over and over again.

„Can you do that too?“ He shouted to Iana.

She did not answer, but instead turned in a circle.

There was a constant competition between the two.

Now it was Iana’s turn to do the audition. She danced, stopped, was desperate, not satisfied.

After that both siblings danced together, a grand – pas de deux, the duet of two dancers.

They danced through the whole pas de deux – Entrèe, Adagio. In addition the respective variations of Iana and Jaroslaw and finally the Coda.

„Great!“ Irina Pisareva said with satisfaction.

„You both have been admitted to school“.

„You danced like a snail, only slower“.

 You still have a lot to learn, Iana

While Jaroslaw said that, he was full of self-confidence and Iana looked miserably down.

Anatoli did not look  very enthusiastically over at Iana. He was disappointed with his daughter.

„Well, you both passed, we only have to pay very little money and you can learn a lot here,“ he said after a while.

They said goodbye to Irina Pisareva and drove back to the station.

Anatoli grabbed the Piroshki for dinner on the train and Jaroslaw was the first to grab some.

„You still have to practice a lot to get relaxed,” he said, chewing and packing his cheeks to Iana.

She did not answer him. She was happy anyway. After Christmas they could start their long-awaited education in Donetsk.