DIGITAL BRINGT MANCHMAL ERINNERUNGEN IN DIR HOCH

Manchmal denke ich zurück an meine Kindheit. Wie glücklich wir waren, in Schwerin. Da bin ich die ersten Jahre aufgewachsen, bevor wir nach Dresden zogen. Das war ein Kulturschock, in jeder Hinsicht.

Mir fehlte vor allem meine Oma. Oma Martha war das Herz und die Seele in unserer Kindheit. Sie heizte morgens den Ofen an, brachte Streuselschnecken vom Bäcker mit und ließ uns vor allem um den Tisch toben, bis irgendetwas umfiel. Das war schön, besonders weil mein Vater in Berlin an seiner Doktorarbeit schrieb. Das war uns völlig egal. Hauptsache, er störte uns nicht zuhause.

Als wir in Dresden waren und die ersten Nächte nicht richtig in den Schlaf kamen, weil wir – also meine Schwester, mein Bruder und ich – so traurig waren, dass Oma Martha nicht da war, da war es für uns eine schwere Zeit. Nicht das ‚Sächsische‘ machte uns zu schaffen. Nein. Na gut, das war schon grausam genug, wie die Kinder sprachen, welche Ausdrücke sie verwendeten.
‚Baahne, du Rindvieh‘, ja so herzlich wurden wir auf der Rodelbahn aufgenommen. Für uns Norddeutsche war das wohl schon immer eine Herausforderung. Aber das verkrafteten wir  irgendwie. Doch, dass Oma Martha nicht da war, ja das war schwer.

Daran musste ich gestern denken. Wir sprachen abends über Skype mit Krümel. Ich sang wieder eines meiner Lieder vor, nicht kindgerecht, sondern „Auf der Reeperbahn“. Meine Textekenntnisse sind ja schnell am Ende und so summe und brumme ich Krümel was vor. Sie lacht beim Zuhören, verliert ihren Schnuller, weil sie den Mund öffnet. Sie juchzt und schunkelt, und sie beugt sich nach vorn. Sie prüft wohl, ob sie in den Computer hineingehen kann und bei uns dann ankommt. Leider geht das nicht. Noch nicht. Wer weiß.

Aber jetzt stell dir mal vor, ich hätte schon mit Oma Martha von Dresden aus ’skypen‘ können. Genial. Wir reden über Digital und über seine Gefahren. Ja, stimmt schon. Aber Krümel in der Woche zu erleben, obwohl sie nicht bei uns ist, das ist einfach phantastisch. Du bist irgendwie glücklich.

Heute Morgen, als ich den Computer anmachte, das Bild von Krümel sah, wie sie mich anlacht, mit ihren gerade mal zwei Mausezähnchen, das macht dich munter. Oma Martha, wir erzählen viel über dich. Ich tue das. Und dann landen wir bei Klaras Oma und Opa, die ich auch sehr mochte. Meist erzählen wir am Samstagvormittag beim Frühstück darüber. Dann merkst du, dass du Glück nicht immer so aufblasen musst. Du kannst dich auch im Kleinen freuen.

DER SCHOCK

Krankenhaus in Donezk. 

„Du kannst nicht mehr tanzen, dein Rücken ist kaputt. Wenn du nicht aufhörst, dann wirst du bald nicht mehr laufen können“, sagte der Arzt im Krankenzimmer zu Iana.

Sie kämpfte mit den Tränen und ihr Mund war trocken. Sie war geschockt, ihr Körper schien gelähmt vor Angst. Sollte es zu Ende sein, bevor es so richtig begonnen hatte? Und was war mit ihren Träumen von einer großen, vielleicht sogar internationalen Karriere als Ballerina?

Die Schmerzen im Rücken waren mit der Zeit immer stärker geworden. Das harte Training, die psychischen Belastungen, Magersucht – all das waren wohl die Ursachen dafür, dass es ihr so schlecht ging. Iana war verzweifelt, sie sah keinen Ausweg mehr. Keine Behandlung, keine noch so ausgefeilte Therapie schlug an, sogar die Prozedur mit den Magneten zeigte keine Wirkung. Was blieb, das waren die Schmerzen von den Bandscheiben. Die Hoffnung auf eine Genesung schwand dahin.

Iana dachte in dem Moment daran, was sie schon alles erreicht hatte. Sie tanzte bereits als festes Mitglied in der Tanz – Company. Vadim Pisarev war nicht nur der Leiter dieses Ensembles. Er war zudem ihr Förderer und ermöglichte ihr, von den Großen zu lernen, den besten Balletttänzern, die er aus der ganzen Welt nach Donezk auf die Bühne holte. Iana konnte ihnen zuschauen, wenn sie tanzten, sie beobachten und daraus viel für sich lernen. Sie nutzte jede freie Minute, um zu trainieren, schlich sich abends noch in den Übungsraum im Internat und probierte Tanzschritte, Bewegungen, immer und immer wieder.

Die Sucht danach, perfekt zu sein
Iana schaute sich die Videos ihrer großen Vorbilder an und entdeckte darauf, dass die Tänzerinnen alle dünn, ja mager aussahen. Sie wollte auch so sein.
„Ich war fanatisch, habe einfach nichts mehr gegessen. Ich habe niemand mehr gesehen, nur mich selbst“, erinnert sie sich heute an diese Zeit zurück. Hinzukam, dass Iana von einer Modelkarriere träumte.

Sie wollte darum vor allem eins sein: dünn, perfekt – wie eben die Tänzerinnen, die sie im Video sah. Das schlug in eine regelgerechte Sucht um. Das Heimweh, die Sehnsucht nach ihrer Familie, ihren Eltern, der Drang danach, keine Fehler bei sich zuzulassen, taten ein Übriges.

Das alles beeinträchtigte ihren Gesundheitszustand, führte zu ihrer Magersucht, aus der sie sich offensichtlich nicht allein befreien konnte. Sie bekam Nasenbluten, konnte nicht schlafen, war weiß im Gesicht, dachte immer ans Essen. Als sie im Krankenhaus wegen ihres Bandscheibenvorfalls behandelt werden musste, sah sie selbst dort noch eine zusätzliche Chance, weiter zu hungern, ja sogar – überhaupt nichts mehr zu essen.

Irina Pisareva – Freundin und Helferin in einer schweren Zeit
In dieser dramatischen Situation sagte Irina Pisareva – Leiterin der Ballettschule in Donezk und Ehefrau von Vadim Pisarev – zu Iana: „Gut, ich nehme dich mit zu mir nach Hause. Du wirst bei mir gesund.“ Irina Pisareva war gerade schwanger und konnte sich deshalb die Zeit für Iana nehmen.

Iana war insgesamt zwei Wochen bei ihr zu Hause. Und tatsächlich: Die Fürsorge von Irina Pisareva brachte für Iana die Wende. Faktisch peppelte sie Iana wieder hoch. Anfangs hatte Iana noch Beschwerden, wenn sie etwas zu sich genommen hatte, so entwöhnt war ihr Körper bereits.
„Ich fühlte mich vollgestopft“, sagte Iana. Aber Irina Pisareva ließ nicht locker und sorgte dafür, dass sie wieder regelmäßig aß. In dieser Zeit ging Irina Pisareva mit Iana zu einer Wahrsagerin, deren dunkle Stimme Iana Angst einflößte. Die Wahrsagerin zog ihre Augen filmreif nach oben und sagte: „Richte deine Worte an Gott und bitte ihn um Verzeihung.“ Dazu reichte sie Iana effektvoll ein Wunderwasser, sogenanntes Weihwasser. Iana schmeckte nichts, außer normales Wasser aus der Leitung.

Iana half etwas anderes, nämlich die Liebe und Fürsorge von Irina Pisareva. Und das tägliche Training. Iana übte, obwohl sie Schmerzen verspürte. Sie machte Yoga, baute Muskeln auf, um die Bandscheiben zu stabilisieren und zu entlasten. Endlich ging es ihr besser und sie konnte wieder in ihre Wohnung in Donezk zurückkehren, in der sie inzwischen mit einer Freundin aus dem Ballett wohnte.

Als Ianas Bruder Jaroslaw sie das erste Mal wieder nach diesen zwei Wochen sah, da waren seine ersten Worte zu ihr: „Na, Dickerchen!“ Es stimmte. Iana war kräftiger geworden, und es hatte ihr gut getan. Ianas Eltern hatten von alledem nichts mitbekommen – nichts von Ianas Magersucht und nichts von ihrem Rückenleiden.


„Für mich war das eine schlimme Zeit, weil ich dachte, ich könnte nie wieder tanzen, meine Karriere sei vorbei. „Ich war sehr depressiv“, erinnert sie sich heute zurück. Iana erfuhr aber auch, was echte Freundschaft und selbstlose Hilfe bewirken konnten. Sie hat Irina Pisareva deshalb für immer in ihr Herz geschlossen.

THE SHOCK
Hospital in Donetsk.
„You cannot dance anymore, your back is broken. If you do not stop, you will soon be unable to walk, „the doctor in the hospital room told Iana. She was struggling with tears and her mouth was dry, shocked. Her body was paralysed from fear. Should it be over before it really started?


And what about her dreams of a great, maybe even international career as a ballerina? The pain in the back had become stronger over time. The hard training, the mental stress, anorexia – all these were probably the reasons that she felt so bad. Iana was desperate, she saw no way out. No treatment, no sophisticated therapy, even the procedure with the magnets showed no effect.

What remained was the pain from the intervertebral discs. The hope for a recovery faded away. Iana thought about what she had already achieved. She already danced as a permanent member of the dance company. Vadim Pisarev was not only the leader of this ensemble. He was also her patron and enabled her to learn from the greatest, the best ballet dancers he brought from the whole world to Donetsk on stage. Iana could watch them dancing, watching and learning a lot for herself. She used every free minute to exercise, sneaking into the exercise room at boarding school in the evenings, rehearsing dance moves, over and over again.

The desire to be perfect
Iana watched the videos of her great role models and discovered that the dancers all looked thin, even skinny. She wanted to be like them.
„I was fanatical, I just did not eat anything. I did not see anyone anymore, just myself, “ she recalls today, adding that Iana dreamed of a modeling career. The most thing she wanted to be: thin, perfect – like the dancers she portrayed in the videos. That turned into a strong addiction.

The homesickness, the longing for her family, her parents, the urge to admit no mistakes to herself did the rest. All this affected her health, leading to her anorexia, from which she obviously could not free herself. She got nosebleeds, could not sleep, was white in the face, and always thought about food. When she had to be treated at the hospital for her herniated disc, she saw the situation as an additional opportunity to go starving , and even – eat nothing at all.

Irina Pisareva – friend and helper in a difficult time
In this dramatic situation, Irina Pisareva, director of the Ballet School in Donetsk and wife of Vadim Pisarev, told Iana: „Well, I’ll take you home with me. You will get well with me.“ Irina Pisareva was pregnant and could therefore take the time for Iana. Iana stayed with her for a total of two weeks. And indeed: The care of Irina Pisareva brought the turning point for Iana. In fact, she feed Iana up again. In the beginning, Iana still had difficulties when she had eaten something, her body was already weaned.


„I felt crammed,“ Iana said.
But Irina Pisareva did not give up and made her eat regularly again. During this time, Irina Pisareva went with Iana to a fortuneteller, her dark voice made Iana fear. The fortuneteller raised her eyes as if in cinematic form and said, „Address your words to God and ask forgiveness.“
For this she gave Iana effective a miracle water, so-called holy water. Iana did not taste anything except normal water from the pipe.

Iana helped something else, the love and care of Irina Pisareva. And the daily training. Iana practiced, although she felt pain. She did yoga, building muscles to stabilize and relieve the intervertebral discs. Finally Iana felt better and she was able to return to her apartment in Donetsk, where she now lived with a girlfriend from the ballet.


When Iana’s brother Yaroslav saw her for the first time after these two weeks, his first words to her were: „Well, a little thick!“
It was true. Iana had become stronger, and she had done well. Iana’s parents had not heard of anything – nothing about Iana’s anorexia and none of her back pain.

„It was a bad time for me because I thought I would never dance again, my career was over. „I was very depressed,“ she recalls today. But Iana also learned what real friendship and selfless help could do. She has forever closed her heart to Irina Pisareva.