GESPRÄCHE MIT EINER PRIMA BALLERINA (9)

DER SCHOCK
Der Arzt im Krankenhaus von Donezk sagt, dass Iana nicht mehr tanzen könne. 

Krankenhaus in Donezk. 

„Du kannst nicht mehr tanzen, dein Rücken ist kaputt. Wenn du nicht aufhörst, dann wirst du bald nicht mehr laufen können“, sagte der Arzt im Krankenzimmer zu Iana.

Sie kämpfte mit den Tränen und ihr Mund war trocken. Sie war geschockt, ihr Körper schien gelähmt vor Angst. Sollte es zu Ende sein, bevor es so richtig begonnen hatte? Und was war mit ihren Träumen von einer großen, vielleicht sogar internationalen Karriere als Ballerina?

Die Schmerzen im Rücken waren mit der Zeit immer stärker geworden. Das harte Training, die psychischen Belastungen, Magersucht – all das waren wohl die Ursachen dafür, dass es ihr so schlecht ging. Iana war verzweifelt, sie sah keinen Ausweg mehr. Keine Behandlung, keine noch so ausgefeilte Therapie schlug an, sogar die Prozedur mit den Magneten zeigte keine Wirkung. Was blieb, das waren die Schmerzen von den Bandscheiben. Die Hoffnung auf eine Genesung schwand dahin.

Iana dachte in dem Moment daran, was sie schon alles erreicht hatte. Sie tanzte bereits als festes Mitglied in der Tanz – Company. Vadim Pisarev war nicht nur der Leiter dieses Ensembles. Er war zudem ihr Förderer und ermöglichte ihr, von den Großen zu lernen, den besten Balletttänzern, die er aus der ganzen Welt nach Donezk auf die Bühne holte. Iana konnte ihnen zuschauen, wenn sie tanzten, sie beobachten und daraus viel für sich lernen. Sie nutzte jede freie Minute, um zu trainieren, schlich sich abends noch in den Übungsraum im Internat und probierte Tanzschritte, Bewegungen, immer und immer wieder.

Die Sucht danach, perfekt zu sein
Iana schaute sich die Videos ihrer großen Vorbilder an und entdeckte darauf, dass die Tänzerinnen alle dünn, ja mager aussahen. Sie wollte auch so sein.
„Ich war fanatisch, habe einfach nichts mehr gegessen. Ich habe niemand mehr gesehen, nur mich selbst“, erinnert sie sich heute an diese Zeit zurück. Hinzukam, dass Iana von einer Modelkarriere träumte.

Sie wollte darum vor allem eins sein: dünn, perfekt – wie eben die Tänzerinnen, die sie im Video sah. Das schlug in eine regelgerechte Sucht um. Das Heimweh, die Sehnsucht nach ihrer Familie, ihren Eltern, der Drang danach, keine Fehler bei sich zuzulassen, taten ein Übriges.

Das alles beeinträchtigte ihren Gesundheitszustand, führte zu ihrer Magersucht, aus der sie sich offensichtlich nicht allein befreien konnte. Sie bekam Nasenbluten, konnte nicht schlafen, war weiß im Gesicht, dachte immer ans Essen. Als sie im Krankenhaus wegen ihres Bandscheibenvorfalls behandelt werden musste, sah sie selbst dort noch eine zusätzliche Chance, weiter zu hungern, ja sogar – überhaupt nichts mehr zu essen.

Irina Pisareva – Freundin und Helferin in einer schweren Zeit
In dieser dramatischen Situation sagte Irina Pisareva – Leiterin der Ballettschule in Donezk und Ehefrau von Vadim Pisarev – zu Iana: „Gut, ich nehme dich mit zu mir nach Hause. Du wirst bei mir gesund.“ Irina Pisareva war gerade schwanger und konnte sich deshalb die Zeit für Iana nehmen.

Iana war insgesamt zwei Wochen bei ihr zu Hause. Und tatsächlich: Die Fürsorge von Irina Pisareva brachte für Iana die Wende. Faktisch peppelte sie Iana wieder hoch. Anfangs hatte Iana noch Beschwerden, wenn sie etwas zu sich genommen hatte, so entwöhnt war ihr Körper bereits.
„Ich fühlte mich vollgestopft“, sagte Iana. Aber Irina Pisareva ließ nicht locker und sorgte dafür, dass sie wieder regelmäßig aß. In dieser Zeit ging Irina Pisareva mit Iana zu einer Wahrsagerin, deren dunkle Stimme Iana Angst einflößte. Die Wahrsagerin zog ihre Augen filmreif nach oben und sagte: „Richte deine Worte an Gott und bitte ihn um Verzeihung.“ Dazu reichte sie Iana effektvoll ein Wunderwasser, sogenanntes Weihwasser. Iana schmeckte nichts, außer normales Wasser aus der Leitung.

Iana half etwas anderes, nämlich die Liebe und Fürsorge von Irina Pisareva. Und das tägliche Training. Iana übte, obwohl sie Schmerzen verspürte. Sie machte Yoga, baute Muskeln auf, um die Bandscheiben zu stabilisieren und zu entlasten. Endlich ging es ihr besser und sie konnte wieder in ihre Wohnung in Donezk zurückkehren, in der sie inzwischen mit einer Freundin aus dem Ballett wohnte.

Als Ianas Bruder Jaroslaw sie das erste Mal wieder nach diesen zwei Wochen sah, da waren seine ersten Worte zu ihr: „Na, Dickerchen!“ Es stimmte. Iana war kräftiger geworden, und es hatte ihr gut getan. Ianas Eltern hatten von alledem nichts mitbekommen – nichts von Ianas Magersucht und nichts von ihrem Rückenleiden.


„Für mich war das eine schlimme Zeit, weil ich dachte, ich könnte nie wieder tanzen, meine Karriere sei vorbei. „Ich war sehr depressiv“, erinnert sie sich heute zurück. Iana erfuhr aber auch, was echte Freundschaft und selbstlose Hilfe bewirken konnten. Sie hat Irina Pisareva deshalb für immer in ihr Herz geschlossen.

THE SHOCK

Hospital in Donetsk.
„You cannot dance anymore, your back is broken. If you do not stop, you will soon be unable to walk“, the doctor in the hospital room told Iana. She was struggling to hold back the tears and her mouth was dry. She was in shock. Her body was paralysed with fear. How could it be over before it had even really started? And what about her dreams of a great, maybe even international career as a ballerina?

The pain in her back had become stronger over time. The hard training, the mental stress, her struggle with anorexia – these were probably the reasons she felt so bad. Iana was desperate, she saw no way out. No treatment, no sophisticated therapy, even the procedure with the magnets showed no effect.

What remained was the pain from the intervertebral discs. The hope for a recovery faded away. Iana thought about what she had already achieved. She already danced as a permanent member of the dance company. Vadim Pisarev was not only the leader of this ensemble, he was also her patron and enabled her to learn from the greatest ballet dancers, who he brought from around the world to the Donetsk stage. Iana could learn a lot from watching them dance. She used every free minute to exercise, sneaking into the exercise room at boarding school in the evenings, rehearsing dance moves, over and over again. She had the desire to be perfect.

Iana watched the videos of her great role models and discovered that the dancers all looked thin, even skinny. She wanted to be like them. „I was fanatical. I just did not eat anything. I did not see anyone anymore, just myself“, she recalls today, adding that she had also dreamed of a modeling career. What she wanted to be more than anything was thin and perfect like the dancers she saw in videos. That turned into a strong addiction.

The homesickness, the longing for her family, her parents, the urge to make no mistakes made everything even worse. All this affected her health, leading to her anorexia, from which she obviously could not free herself. She got nosebleeds, could not sleep, was white in the face, and always thought about food. When she had to be treated at the hospital for her herniated disc, she saw the situation as an additional opportunity to starve herself. She ate nothing at all.

Irina Pisareva was a friend and helper during this difficult time.
Irina was the director of the Ballet School in Donetsk and wife of Vadim Pisarev. One day she told Iana, „Well, I’ll take you home with me. You will get well with me.“ Irina was pregnant and was able to stay at home and take care of Iana. Iana stayed with her for a total of two weeks. At the beginning, she had a lot of difficulty eating. „I feel stuffed“, Iana would say, but Irina never gave up on her and was able to get Iana to eat regularly again.

During this time, Irina went with Iana to a fortune-teller. Iana was afraid of the fortune-teller because she had a very dark and scary voice. „Address your words to God and ask forgiveness“, she told Iana, then she gave Iana what she called ‚miracle water‘ or ‚holy water‘. Iana did not taste anything special, only normal water.

Iana also continued some daily training through this period even though she felt pain. She did yoga in order to build muscles to stabilize the intervertebral discs. Finally Iana felt better and she was able to return to her apartment in Donetsk, where she lived with a girlfriend from the ballet.

When Iana’s brother Yaroslav saw her for the first time after these two weeks, his first words to her were, „Well, a little thick!“ It was true. Iana had become stronger, and she had done well. Through all of this, Iana’s parents had not heard about anything – nothing about Iana’s anorexia and none of her back pain.

„It was a bad time for me because I thought I would never dance again. I thought my career was over. I was very depressed,“ Iana recalls today. But she also learned what real friendship and selfless help could do. She is forever grateful for Irina Pisareva and has a very special place in her heart for her.