MEIN FREUND, DER ALLTAG (16)

GETRÄUMT ODER ERLEBT?
Ich schreibe auf, was im Haus meiner Großmutter geschah, als ich acht oder neun war. Aber ist es tatsächlich passiert? Ich weiß es nicht. Mit Gewissheit jedenfalls nicht. 

Schwerin, Glasinenstrasse. Das Haus, in dem meine Großmutter wohnte, war aus rotem Backstein. Es war schmal und hatte zwei Stockwerke. Im oberen Stockwerk waren das Bad, das Schlafzimmer und ein kleines Nähzimmer.

An jenem Tag im Sommer waren wir mal wieder bei Oma zu Besuch. Meine Schwester, mein Bruder und ich hielten uns im Wohnzimmer auf. Wir spielten gern auf Omas Plüschsofa.

Das konnten wir an dem Tag nicht tun. Nur wenn wir allein da waren, ohne Mama und Vati, dann hüpften wir nach Herzenslust darauf herum. Wir machten nur eine Pause, wenn Oma uns in die Küche holte und wir ein Stück Streuselkuchen bekamen.

Auf dem Hof waren Teppichstangen angebracht. Um dieseStangen sausten wir auch gern. Wenn ich mir eine Beule holte, weil ich mal wieder gegen eine der Stangen gelaufen war, lief ich schreiend zurück ins Haus. Oma Martha hielt mir dann ein Messer an die Stirn und schickte mich wieder nach draußen. Das war unsere kleine, heile Welt. Wir kannten nichts Anderes. Wirwollten gar nichts weiter kennen. Uns reichte einfach der Hof mit den beidenTeppichstangen und das alte Plüschsofa, wo wir ungestört toben konnten.

An dem Tag, an den ich mich zu erinnern glaube, kam meine Oma aus Kiel zurück. Sie hatte ihren Bruder besucht. Der handelte mit Schokolade. Er war Großhändler. Und so freuten wir Kinder uns riesig, wenn Oma in der Küche stand und eine der mitgebrachten Tafeln umständlich aus der Tasche kramte. Endlich war es soweit. Sie entfernte das Papier, Silberpapier kam zum Vorschein und die einzelnen Riegel waren zu sehen.

Es roch herrlich nach Schokolade. Wir konnten es kaum erwarten, bis Oma Martha für jeden ein Stück abbrach und uns rüberreichte. Vati stand hinter uns, an die Küchentür gelehnt. Er schaute grimmig drein. Er mochte die Schokolade nicht. Jedenfalls sagte er das. Wir glaubten ihm nicht. Es war uns auch egal, wenn wir nur die Schokolade in die Hände bekamen.

„Möchtest du auch ein Stück?“, fragte Oma Vati.
„Gib‘ schon her“, brummte der und biss hinein. Er verzog das Gesicht, als hätte man ihm gerade Gift eingeflößt.
„Dein Bruder ist ein verdammter Kapitalist“, sagte er, während er wieder ein großes Stück von seinem Teil abbrach und in den Mund schob. Uns machte das nichts aus, das mit dem Kapitalisten.

Wenn man dadurch doch an so eine Schokolade kam, die roch, als wäre sie nur gemacht, damit Oma uns eine Freude bereiten konnte. Ich wollte auch Kapitalist werden, das war sonnenklar.
Vati sagte ich aber nichts davon. Als ich acht Jahre alt war, am Tag, als Oma zurück war aus Kiel, da war ihr Bruder, der Kapitalist also, oder wie Oma sagte „min Broder“ unser allerbester Freund.

Davon wollten wir uns von keinem abbringen lassen. Selbst Vati hatte da keine Chance. Wir kannten unseren Großonkel zwar nicht persönlich, doch musste der ein gutes Herz haben. Das war klar. Sowieso war er ja Oma‘s Bruder. Und er verschenkte Schokolade.

„Dürfen wir wieder in das Wohnzimmer gehen?“, fragten wir Oma.
„Ja, geht nur. Und tobt nicht so“, sagte sie, während sie jedem von uns noch schnell einen Riegel unter den misstrauischen Blicken von Vati in die Hände drückte. Wir saßen im Wohnzimmer, auf dem Sofa und kauten und lutschten auf der Schokolade herum. Es war einer der wenigen Momente, wo wir still und friedlich nebeneinander saßen. Mama und Vati unterhielten sich lautstark auf dem Flur mit Oma Martha.

Plötzlich hörten wir klatschende Geräusche. Wir sahen uns mit schreckgeweiteten Augen an. Wir kannten dieses dumpfe Klatschen, nämlich wenn Vati einen von uns Kindern schlug.
Hatte es jetzt auch Oma Martha erwischt? Keiner sagte etwas. Wir hielten die Schokolade in den Händen, so als würde sie gar nicht zu uns gehören. Wir waren wie gelähmt.

Dann löste ich mich aus dem Schock und schlich zur Tür. Die Dielen knarrten und ich versuchte nur noch auf den Zehenspitzen zu laufen. Vorsichtig drückte ich die Klinke nach unten und öffnete die Tür, nur einen Spalt breit. Oma wimmerte.

Vati brüllte: „Willst du uns im Stich lassen, wenn wir mit den Kindern nach Dresden ziehen?“ Mein Herz raste, pochte bis zum Hals. Die Knie zitterten und ich traute mich nicht, mich zu bewegen, nicht mal einen Zentimeter, obwohl ich kaum noch in der verkrampften Haltung stehen konnte. Oma Martha war von kleinem Wuchs. Ihr Rücken schien sich von Jahr zu Jahr mehr zu krümmen und in dem schrecklichen Moment sah sie noch kleiner aus.

Sie hielt ihre Hände schützend vor das Gesicht. Man konnte trotzdem ihre Tränen sehen und sie schluchzen hören. In mir krampfte sich alles zusammen. Sollte Vati doch uns schlagen. Aber nicht Oma. Bloß nicht Oma. Sie war für uns das wichtigste Stück Glückseligkeit, das wir hatten.

Wie es weiterging an dem Tag, das weiß ich nicht mehr.

Auf jeden Fall verstanden wir Kinder Oma, dass sie nicht mitziehen wollte. Sie hatte sich jahrelang um uns gekümmert. Sie kam frühmorgens in unsere Wohnung, heizte den Ofen an, machte das Frühstück, weckteuns. Sie kochte Mittagessen, nähte und stopfte unsere Kleider, wischte den Flur. Erst spät abends, wenn wir eingeschlafen waren, oder so taten, als würden wir schlafen, ging sie zurück in ihr Haus. Wir konnten unsein Leben ohne Oma gar nicht vorstellen.

Für Vati und Mama war sie ebenfalls unersetzlich. Schmiss sie doch den gesamten Haushalt, anstelle von Mama. Die ging in dieser Zeit in Schwerin arbeiten. Vati studierte in Berlin, promovierte sofort im Anschluss daran. Doch nun war der Zeitpunkt heran, dass Vati fertig war mit alledem. Das bedauerten wir sehr. Es war vorbei mit dem schönen Leben, wo wir toben konnten, ohne dass Vati eingriff. Vati wollte jetzt mit uns nach Dresden gehen und dort als Hochschullehrer arbeiten.

Wir aber sträubten uns dagegen, wollten lieber in Schwerin bleiben, bei Oma. Vati bekniete sie schon wochenlang, damit sie mitziehen würde und sich weiter um uns Kinder kümmern konnte. Sie hätte ein eigenes Zimmer bekommen. Klein zwar, doch das war es nicht, was sie davon abhielt, mit uns mitzuziehen.

Oma wäre gern bei uns Kindern geblieben. Liebend gern. Aber sie fürchtete, dass Vati sie noch mehr drangsalieren würde, als er es in Schwerin schon getan hatte, körperlich und seelisch. Wir waren klein, doch wir verstanden das schon sehr gut, wir fühlten es noch mehr, ohne Worte eben.

Wir alle hatten Angst vor Vati, vor seinen Wutausbrüchen und seinen brutalen Schlägen, von denen keiner verschont blieb. Darum wollten wir Oma lieber in Schwerin besuchen, als dass sie in Dresden an dieser Situation kaputtgehen würde. Wir sprachen nicht mit ihr darüber. Wir lagen nur abends traurig in unseren Betten, als der Tag des Abschieds von ihr immer näher rückte.

Wir zogen nach Dresden um, ohne Oma. Ich sprach viele Jahre mit niemandem darüber, was ich erlebt hatte. Selbst mit meiner Frau, Klara, nicht. Und das, obwohl sie alles von mir wusste, das meiste jedenfalls.

Später begann ich Klara doch davon zu erzählen. Und immer hatte ich ein schlechtes Gewissen. So, als hätte ich mir das alles nur ausgedacht. Allerdings: Die Erinnerungen sind eingebrannt. Ich kann sie nicht löschen. Trotzdem will ich sie nicht wahrhaben, behandle sie, als wären sie eine Fata Morgana. Ich überliste mich selbst, erfinde Gründe, warum sich das alles vielleicht nur in meinem Kopf abgespielt hat.

„Uwe träumt gern, hat viel Phantasie, verwechelt manchmal Erdachtes mit dem wahren Leben“ , schrieb mein Klassenlehrer nach Abschluss der dritten Klasse in mein Zeugnis. Trafen diese Worte auch auf meine geschilderten Erlebnisse in Omas Haus zu? Nur was machte ich mit den Bildern von Oma, die sich in mein Gehirn, in meine Seele eingebrannt hatten?

Sie waren wie ein schlechtes Tattoo, das man nie haben wollte, aber trotzdem bekam und wusste, dass man es nie wieder loswerden würde. Und deshalb tut es manchmal gut, wenn man sich einfach sagen kann, dass es ja schon so lange her sei und man vielleicht Erlebtes und Erdachtes gar nicht mehr auseinanderhalten könne.