SIE GING OHNE ABSCHIED

Link to the english version:
https://uwemuellererzaehlt.de/2019/02/02/she-left-without-saying-goodbye/

 

Iana stieg in Donetsk in den Zug. Sie freute sich darauf, endlich wieder nach Hause zu fahren, nach Kiew, und dieses Mal für immer. Wirkliche Glücksgefühle aber kamen in ihr trotzdem nicht hoch. Im Gegenteil. Sie war traurig, sehr traurig. Der Zug ruckte langsam an und die Räder der Eisenbahnwaggons begannen sich zu drehen. Iana lehnte sich zurück, schloss die Augen. Vor ihrem Inneren liefen Bilder der letzten Jahre ab, das Für und Wider, warum sie heute überhaupt im Zug saß, um einem neuen Ziel entgegenzufahren.

Das schlechte Gewissen meldete sich immer wieder


In Donetsk ließ Iana viele Freunde zurück. Sie hatte sich sehr wohl gefühlt in dieser Stadt, mochte die Menschen. Hier hatte alles begonnen – die professionelle Ausbildung zu einer Balletttänzerin, die vielen Trainings, die ersten Aufführungen auf der Bühne, der erste tosende Applaus des Donetsker Publikums. Und da war noch eine Sache: Sie war einfach so gegangen, ohne sich von ihren größten Förderern und Unterstützern zu verabschieden – von Irina Pisareva und Vadim Pisarev. Das liegt ihr auf der Seele, bis heute. Irina Pisareva hatte Iana in ihren schwersten Stunden zu sich genommen, als sie nicht mehr wusste, ob sie jemals wieder tanzen könnte. Sie hatte Iana gepflegt, sie mit Essen versorgt, ihr Kraft gegeben, mit ihrer Liebe und Fürsorge.

 

Vadim Pisarev – väterlicher Freund, Lehrer und großartiger Tänzer


„Vadim Pisarev war damals bereits berühmt, als mein Bruder und ich an der Schule mit der Ballettausbildung begannen. Er war nicht nur ein berühmter ukrainischer Tänzer, sondern auch der künstlerische Leiter des Staatlichen Akademischen Opern- und Balletttheaters von Donetsk, bekannt weit über die Grenzen der Ukraine hinaus. Vadim Pisarev gründete weiter das internationale Festival World Ballet Stars, deren Direktor er auch wurde. Er schuf ebenso die choreografische Meisterschule. Mein Bruder und ich, wir hatten also das Glück, bei einem wahren Meister der Ballettkunst zu lernen.“

Donetsk, liebgewonnene neue Heimat und kreative Stätte zugleich

Iana fehlte es in Donetsk an nichts, sieht man ab von ihrem Heimweh zu ihrer Familie in Kiew. Sie wohnte gemeinsam mit einer Balletttänzerin in einer Wohnung. Darüber waren sie glücklich. Vadim Pisarev hatte das ermöglicht.
„Wir bekamen so mehr Freiheiten, mussten uns nicht mehr nach der Nanny richten, die uns in der Internatszeit überall hin begleitete“, erinnert sich Iana. Iana entfaltete sich kreativ, nicht nur im Rahmen ihrer Ballettausbildung und ihrer Auftritte an der Bühne in Donetsk. Sie nahm außerdem an einer Ausbildung zum Fotomodel teil.
„Da war ich gerade 17 Jahre alt. Die Schule war nahe am Theater gelegen. Wir lernten solche Fächer kennen wie Make up, Laufen oder Casting.“ Sogar eine Pariser Fotoagentur meldete sich bei ihr und machte ihr ein Angebot, dort mitzuarbeiten.
„Das war alles so aufregend. Und Vadim Pisarev hat das mitunterstützt. Er wollte einfach, dass ich mich weiterentwickeln konnte, meine kreativen Fähigkeiten ebenfalls auf anderen Gebieten ausprobierte“, sagt Iana. Sogar in der Dramaturgie durfte sie sich am Theater ausbilden lassen.
„Das hieß natürlich, wenig Freizeit, keine Party, sondern nur lernen, trainieren“, erinnert sie sich zurück.

 

Der Entschluss aus Donetsk wegzugehen reifte langsam

Donetsk zu verlassen, diese Entscheidung fällte Iana nicht über Nacht. Sie rang mit sich. Sollte sie das alles hier aufgeben? In der Stadt, in der sie so viel Liebe, Hilfe und Unterstützung erfahren hatte? Wo die besten Lehrer und Balletttrainer ihr zu dem verhalfen, was sie zum Ende ihrer Ausbildung und zu Beginn ihrer Karriere war? Nämlich eine verheißungsvolle Künstlerin, die nun ein wenig von dem, was sie bekam, zurückzugeben könnte. Ianas Gefühle schienen sich zu überschlagen, wenn sie daran dachte, was sie tun sollte.
„Ich war hin- und her gerissen, wusste nicht, was richtig war, fraß das alles in mich hinein, traute mich nicht, mit jemandem darüber offen zu sprechen“, sagt Iana.

Bruder Jaroslaw kehrt nicht mehr nach Donetsk zurück

 

Iana reiste mit ihrem Bruder in die USA, nach Boston zu einer Tournee. Jaroslaw bekam dort ein Angebot vom Direktor des Bostoner Balletts, in den USA zu bleiben und als Tänzer zu arbeiten.
„Dieses Angebot bekam ich auch. Aber ich mochte nicht. Ich wollte zurück nach Donetsk, noch mehr trainieren, mich auf der Bühne weiter ausprobieren“, sagt Iana. Jaroslaw ist nicht in Boston geblieben, sondern weitergezogen nach Miami. Das Angebot dort schien ihm besser zu sein. Doch das hatte keinen Einfluss auf Iana. Sie flog zurück nach Donetsk und war künftig dort allein. Das schürte ihr Heimweh noch mehr, ihre Sehnsucht, zur Familie nach Kiew zurückzukehren.

Der neue Verehrer – ein japanischer Tänzer aus Kiew


Das Gefühlskarussell kam bei Iana nicht zur Ruhe. In ihr Leben trat ziemlich unverhofft ein Tänzer aus Japan, der aber in Kiew lebte und dort am Ballett arbeitete. Ein Balletttänzer also wie sie, der bereits sehr erfolgreich war.
„Er sah mich bei einem seiner Besuche zu einem Auftritt in Donetsk. Er war sofort verliebt in mich, wie er mir später gestand“, sagt Iana.
„Mein neuer japanischer Freund war regelgerecht vernarrt in mich.“
Er war fasziniert von Ianas Art zu tanzen, grazil und kraftvoll zugleich, von ihrer Fähigkeit mit wenigen Bewegungen der Bühnenfigur Leben einzuhauchen, das Publikum zu berühren. Der japanische Freund kam immer öfters nach Donetsk, bedrängte Iana, mit ihm nach Kiew zu gehen und dort im Ballett angestellt zu werden. Sollte sie dem wirklich nachgeben? Sie wusste es nicht.

‚Lass uns gemeinsam in Kiew leben und arbeiten‘

Iana fühlte sich einerseits sehr geschmeichelt, wie ihr neuer japanischer Freund sie umwarb, alles tat, damit sie ihn erhörte. Und andererseits flammte der Gedanke auf, weiter unabhängig zu bleiben, den eigenen Weg zu gehen. In dieser Zeit lud ihr Freund sie ein, mit zu ihm nach Japan zu kommen, in seine Heimat und an einem internationalen Wettbewerb teilzunehmen.
Dort lernte Iana die Mutter ihres neuen Freundes kennen, die dieser sehr verehrte, wie eine Göttin.
„Das war für mich alles sehr interessant und neu, zu sehen, was es für Traditionen, Kulturen in diesem Land gab. Die Freundlichkeit, mit der ich empfangen wurde, der Respekt, der uns als Tänzern entgegengebracht wurde, das alles berührte mich sehr“, sagt Iana. Sie erhielt dort nach dem Wettbewerb einen Preis. All diese Eindrücke brachten Iana ein Stückchen näher an ihren Entschluss heran, tatsächlich nach Kiew zu gehen.

Wenn du ein Herz hast, vergisst du nicht die guten Menschen an deiner Seite


Was war nun der entscheidende Auslöser dafür, nach Kiew zurückzugehen?
„Ich kann darauf bis heute keine hinreichend nachvollziehbare Antwort geben. Es ist ja so: Erst wenn du losgelassen hast, dann spürst du wirklich den Schmerz, wie dir das Herz wehtut, weil du liebe Menschen und Freunde zurücklässt, die sicher auch enttäuscht von dir sind. Ich habe nie meine Gefühle groß nach außen gezeigt. Entweder habe ich sie mit meinem Tanzen ausgedrückt, oder ich habe sie nach innen verarbeitet, so manches Mal auch in mich hineingefressen“, sagt Iana. Sie wollte sich auf neuen Bühnen ausprobieren, weiterlernen, sich weiterentwickeln. Die Aussicht, mit ihrem Freund in Kiew zu sein, ihre Familie wieder um sich zu haben, das waren entscheidende Impulse für ihren Entschluss zur Rückkehr nach Kiew.

Rückblick

„Der Zug wird in wenigen Minuten in Kiew eintreffen“, ertönte die Stimme aus dem Lautsprecher. Iana machte die Augen auf. Gleich würde sie ihre Familie wiedersehen.
„Papa, kannst du nicht noch einmal nach Donetsk fahren und Vadim Pisarev erklären, warum ich ihm nicht persönlich auf Wiedersehen sagen konnte?“
Iana blickte ihren Vater Anatoli flehend an, als die ersten Wiedersehenstränen getrocknet waren. Anatoli wollte seiner Tochter diese Bitte nicht abschlagen, fuhr nach Donetsk und erklärte Vadim Pisarev, warum Iana nun wieder in Kiew war. Er versuchte es, wirkte dabei ein wenig hilflos und traf trotzdem auf viel Verständnis bei seinem Gesprächspartner. Iana hat das alles nie in Ruhe gelassen. Sie sagt deshalb zum Schluss unseres Gespräches:
„Ich bin heute mehr denn je davon überzeugt, dass ich meine tänzerische Ausbildung an einer der besten Ballettschulen in der Welt bekommen habe. Danke dafür, lieber Vadim Pisarev, danke Irina Pisareva – für eure Liebe und eure Tatkraft. Ihr seid für immer in meinem Herzen!“