MEIN FREUND, DER ALLTAG (20)

STAUBWISCHEN IM ARBEITSZIMMER

„Ich wisch‘ mal Staub bei dir?“, sagt Klara zu mir.
„Warum?“, frage ich. Ich weiß natürlich warum. Aber musste das jetzt sein? Ich hatte mich gerade gefreut, mich an den Schreibtisch zu setzen, den Füller in die Hand zu nehmen und auf einem Stück Papier eine Skizze des nächsten Pressetextes zu fertigen.

Das alles mag ich nicht sehr. Ehrlich gesagt, ich hasse es. Lieber trödele ich am Computer herum, klicke mal auf Facebook, freue mich, wenn jemand meine kleinen Geschichten bemerkt hat. Aber die andere Arbeit musste ja auch sein.

Ich meine das Schreiben der PR-Texte. Schließlich bekam ich ausschließlich dafür das Geld. Doch wie lieb hast du das, was bezahlt wird? Genauso lieb wie den Mülleimer rausbringen.

Nur Staubwischen hab‘  ich noch weniger lieb. Am besten, ich blendete das aus. Und das tat ich seit Wochen. Wenn ich morgens die Lampe anknipse, dann mach‘ ich die Augen zu, weil mir sonst der Dreck gleich entgegenspringt. Ich schließe die Augen und knipse die Lampe an.
„Warum kneifst du die Augen zusammen, wenn du die Lampe anmachst?“, fragte Klara mich, als sie mich dabei sah.

„Och, das Licht blendet so, wenn ich direkt in die Glühbirne schaue“, sagte ich.
„Dann mach‘ eine schwächere Birne rein“, sagte sie.
Nö, wollte ich nicht. Staubwischen auch nicht.
„Bei dir ist der Dreck schon meterhoch zu sehen“, reißt Klara mich aus den Gedanken.
„Wunderbar, dann kann ich darauf ja auch noch Bücher stapeln.“
Klara antwortet darauf nicht. Ihr ist das zu blöd.


„Ich wische jetzt Staub, solltest du es nicht tun“, sagt sie drohend.
Das wäre mir schon recht. Doch sie würde den Korbstuhl abrücken, der bei mir in der Ecke steht, denn der stört beim Wischen auf der ehemaligen Wohnzimmeranbauwand, die seit über zwei Jahrzehnten nun mein Bücherregal ist.

Darauf stehen viele Sache, die wir aus Moskau mitgebracht haben – ein Samowar, ein paar Holzlöffel, die bunt bemalt sind, fein mit Blattgold verzierte Vasen. Die waren alle mit einer dicken Staubschicht überzogen. Wäre günstig, wenn Klara die mitabwischt. Aber hinter dem Korbstuhl, der mal in Polchow in unserem Bungalow stand, da tut sich das Grauen auf.

Ich habe daneben ein Stehpult errichtet. Es dient dazu, dass ich dort schreibe, wenn ich vom Sitzen Rückenschmerzen bekomme. Das Stehpult ist perfekt befestigt. Ich habe überall noch um die Füße Klebeband gewickelt. Das weiß Klara.

Was sie nicht weiß: Die Klebebänder sind auch an der hinteren Wand befestigt. Jetzt ist das Stehpult ein richtiges Standpult, unverrückbar. Nur die Klebebänder, die sehen natürlich grottenhässlich aus. Deshalb habe ich den Korbsessel davor gestellt, damit die Bänder nicht zu sehen sind. Vor allem Klara darf das nicht wissen, sonst kriegt sie einen Anfall.

„Warum schiebst du eigentlich den Sessel immer so weit in die Ecke?“, hat sie mich mal gefragt.
„Du, da kann ich am besten sitzen und lesen“, habe ich geantwortet.
„Was ist jetzt, soll ich Staub wischen?“, fragt Klara nun.
„Nein, das kann ich noch selbst. Schließlich will ich dir ja auch mal helfen. Du hast genug damit zu tun, die Böden aufzuwischen“, antworte ich.
Klara schweigt. Sie traut mir nicht und geht die Treppe runter. Ich ziehe schnell den Korbstuhl nach vorn und das Grauen nimmt seinen Lauf. Wer kann nur so kulturlos sein und hat hier die hässlichen Bänder an die Wand geklebt?

Das hätte ich gefragt, wenn ich das nicht selbst gewesen wäre. Ich arbeite blitzschnell.
Als Klara von unten hoch kommt, da schiebe ich gerade den Korbstuhl zurück.

„Das ging aber zügig“, sagt Klara.
„Hm, ich muss auch wieder an den Schreibtisch“, brumme ich und sacke in den Schreibtischsessel.


„Na, der macht wohl auch nicht mehr lange, und den Korbstuhl könnten wir auch mal entsorgen“, sagt Klara.
„Um Gottes willen! Denk‘ mal daran, wieviel Erinnerungen von unserem geliebten Polchow allein an diesem Korbsessel hängen.“
Das sah Klara ein.