MEIN FREUND, DER ALLTAG (32)

ES SIND IM LEBEN NIE DIE GROßEN FELSEN, ÜBER DIE WIR HINWEGLAUFEN MÜSSEN – ES SIND MEIST DIE KLEINEN STEINE
Jeepy erzählt Krümel, wie sich sein Fahrer bei der Lesung zur Frauentagsfeier in Altlandsberg geschlagen hat.
(Angelehnt an die Erzählform von JEEPY)

Hallo Krümel, hier ist Jeepy. Ich wollte dir doch noch erzählen, wie die Geschichten meines Fahrers über den ganz normalen Alltag bei den Teilnehmern der Lesung angekommen sind.

Ich glaube, ganz gut. Einige der Frauen haben gelacht, andere wiederum geschmunzelt und manche haben einfach still zugehört. Du kannst immer nur von deinem eigenen Gefühl ausgehen.

Was andere Menschen tatsächlich darüber denken, das ist sehr schwer einzuschätzen und das will mein Fahrer auch gar nicht versuchen. Auf jeden Fall: Es hat ihm wohl einen riesen Spaß gemacht, die Atmosphäre war locker und er sah zufrieden aus, als er bei mir einstieg.

Mein Fahrer ist ein wenig früher gegangen, weil er ja nur der Gast war, der etwas vorlesen sollte. Aber als er die Tür erreichte, drehte sich eine Frau zu ihm um und sagte: „Komm‘ wieder.“ Das hat ihn gerührt, im Stillen natürlich.

Heute hat er sich überhaupt nicht bei mir draußen blicken lassen. Es hat fast den ganzen Tag geregnet, es hat Wasserkübel geschüttet. Und denkst du, der ist mal auf die Idee gekommen, mich ein Stück weiter unter das Carportdach zu fahren? Nein, warum auch? Er saß ja im Trockenen. Nur meine Schnauze war nass, weil ununterbrochen die Tropfen von oben auf die Motorhaube krachten.

Aber ich weiß, dass er heute viel gearbeitet hat und deshalb will ich ihm das mal durchgehen lassen. Er hat heute damit begonnen, für einen Sachbuchautor eine Rezension zu schreiben, und die will er diese Woche noch fertigbekommen.

Er ringt mit sich, auch einen Ratgeber zu schreiben. Themen hätte er genug, und das Schreiben würde ihm jetzt auch nicht so schwer fallen. Aber dann denkt er wieder, dass er an seinen kleinen Geschichten über den Alltag dranbleiben will.

Weißt du Krümel, was ihm eigentlich so daran gefällt? Du wirst es später vielleicht verstehen, dann, wenn mein Fahrer längst in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist und von oben herab schimpft, dass er keine Zeit hat, weil noch so viel zu tun ist.

Er sagt zu mir: „In meinem Leben waren es nie die großen Felsen, die mich aufgehalten haben und besondere Schwierigkeiten machten. Nein. Es waren die kleinen Steine, über die er meistens gestolpert ist, weil er sie nicht ernst genommen hat. Und es gibt noch einen Grund für meinen Fahrer.

Er hat ein Leben lang mit Wissenschaftlern, Managern diskutiert, mit Leuten, wo der eine immer noch einen gebenüber dem anderen draufzusetzen hatte. Dabei hat er manchmal das ganz normale Leben vergessen. Ihm macht es heute viel mehr Spaß, mit dir auf dem Spielplatz die Kinder zu beobachten, die Leute, die vorbeischlendern und sich zu fragen, was den Einzelnen wohl in dem Moment so bewegt.

Das ist für ihn jetzt das wirkliche Leben, und ich muss mir von ihm den ganzen Quatsch anhören, lieber Krümel. Aber es ist ja auch oft lustig. Bis bald mal, Krümel, dein bester Freund und der zweitbeste meines Fahrers, denn zuerst kommst ja du.