LIEPNITZSEE – MEIN PERSÖNLICHER JAKOBSWEG (2)

Gestern besuchte mich ein Freund. Wir haben uns lange nicht gesehen und ich fragte ihn, wie alt er eigentlich in diesem Jahr würde.

„Ich werde 80 Jahre“, sagte er und lachte, weil ich aus dem Staunen nicht herauskam. Das Alter sah man ihm wirklich nicht an. Vielleicht lag es daran, dass er eine 40 Jahre jüngere Frau hat und eine Tochter, die erst neun Jahre alt ist.

Wir haben uns zunächst über das politische Geschehen ausgetauscht, geschimpft, gelacht und schließlich haben wir resigniert abgewinkt, weil wir ohnehin nichts ändern konnten, ja vor allem keine eigene Energie in Veränderungen legen wollten.

Dann kamen wir auf den Alltag zu sprechen. Mein Freund sitzt beileibe nicht zu Hause. Nein, er verkauft medizinische Produkte an Kliniken und Pflegeheime.

„Hör‘ bloß nicht auf zu arbeiten“, sagte er zu mir. Er hielt zwar nichts davon, dass ich Pressetexte und Interviews verfasste, weil man so nicht wirklich Geld verdienen konnte, aber er bewunderte mich, dass ich es immer wieder schaffte, ein paar Groschen darüber hereinzuholen.

Mein Freund versuchte mich trotzdem mit in sein ‚Boot‘ zu ziehen.
Er hatte mich als Verkaufsleiter im Immobilienunternehmen erlebt, als Geschäftsführer in einer Coaching-Firma oder auch als Manager in einer Beratungsfirma. Das war für ihn respektabel. Aber schreiben? Um Gottes willen.

„Warum hast du das alles aufgegeben? Du hättest doch wenigstens noch ein paar Stunden dort was machen können“, sagte er zu mir.
„Das stimmt schon, aber ich habe mich anders entschieden. Und das verdanke ich meinem Jakobsweg“, entgegnete ich.

Mein Freund sah mich prüfend an, ob ich möglicherweise unter Drogen oder Alkohol stand.
„Du erfährst viel über dich selbst und kannst gut Entscheidungen treffen, wenn du am See läufst“, sagte ich noch.
„Ich lass dir trotzdem mal die Verkaufsmappe hier.“ Mein Freund gab nicht so schnell auf. Gestern lag die Mappe bei mir auf dem Schreibtisch, auf der Ablageseite.

Heute Morgen wanderte sie auf die Fläche in der Bücherwand. Und jetzt komme ich gerade vom Nordic Walking zurück, bin gut gelaunt, konnte nachdenken.

Unterwegs habe ich Waldi getroffen, den Dackel, und natürlich seinen Besitzer, den Förster. Waldi hatte mir vor zwei Jahren ins Bein gebissen, besser gezwickt. Er kam nicht ganz durch, durch meine dicke Wade.

Heute knurrte er nur. Wir grüßten uns, der Förster und ich, und ich lief fröhlich weiter. Nun erblicke ich die Verkaufsmappe mit den medizinischen Produkten wieder.

Ich werde sie wohl in die Blaue Tonne tun, da wo bereits tausende Blätter gelandet sind.