MEIN FREUND, DER ALLTAG (41)

AUSZEIT VOM ALLTAG
Es ist kurz vor Ostern und ich denke schon an die Tage, die wir in einer Ferienwohnung verbringen werden, gemeinsam mit Krümel und ihrer Mutter.

Ich werde wohl mal nicht schreiben. Das nehme ich mir jedenfalls vor. Während ich diese Sätze hier formuliere, denke ich gerade daran, wie ich vor ca. zehn Jahren darüber nachgedacht habe, wie ich mein Leben verändern könnte, damit ich mehr zur Ruhe käme, nicht mehr die Verantwortung für so viele Leute hätte und aus meinem eigenen Büro heraus agieren kann.

Ich verfiel auf das Schreiben. Und ich höre noch, wie viele meiner Kollegen mich davor warnten, diesen Weg zu gehen. Hätte ich auch nur geahnt, dass es viel schlimmer würde, als ich es selbst hätte vorhersehen können, ich wäre niemals diesen Weg gegangen, ja ich hätte ihn nicht einmal vom Gedanken her in meinem Kopf zugelassen.

Damals aber konnte mich keiner davon abbringen, diesen Weg zu gehen. Es folgten einige meiner härtesten Jahre, die ich in meiner Selbstständigkeit erlebte.

Es gab Zeiten, da mochte ich mich nicht mehr mit meinen Freunden treffen, weil es mir mental einfach schlecht ging. Ich fühlte mich als wirklicher ‚Looser.‘

Und dann wieder traf ich auf Menschen, auf die ich nie getroffen wäre, wenn ich nicht die Interviews geführt hätte, die Gespräche mit ihnen gesucht hätte, angefangen hätte, zu schreiben. Mir fiel zum Beispiel ein Satz von Maxim Gorki förmlich in die Hände. Er sagte, er hätte seine Geschichten von der Landstraße aufgelesen.

Seitdem bin ich da drangeblieben und weiß heute mehr denn je, welches Glück es bedeutet, die Alltagsgeschichten aufzuschreiben. Manchmal sagen mir Freunde, ich solle doch darüber schreiben, wie das Leben im Osten war, warum ich so viel in den Jahren meines Studiums von den Menschen gelernt habe, die ich wiederum in der ‚Elektritschka‘ und in der Metro kennenlernte, und die mir gegenüber nie ein hässliches Wort äußerten, selbst nachdem sie wussten, dass ich ein Deutscher war.

Wenn du das über viele Jahre erlebt hast, die Sprache wirklich sprichst, dann hast du das im Herzen, und dann können dir andere sagen, was sie wollen – du hast deine eigenen Erfahrungen und Herzenserlebnisse.

Und woher?
Von der Straße. Weniger aus den Hörsälen, in denen ich mein halbes Leben lang gesessen oder vor Studenten gestanden habe. Sollte es mir gelingen, nur den Gedanken an Krümel weiterzugeben, nämlich, dass du sensibel zuhören und beobachten musst, in jedem Menschen seinen Reichtum suchen kannst und immer etwas findest, ja dann wäre ich glücklich.

Ich steige in die Osterpause, bis zum 29.04.2019. Ich wünsche allen, die ab und an mal bei mir vorbeischauen, ein wunderbares Osterfest und viel Spaß in der Familie, mit Freunden, mit Menschen, die man gern trifft. Bis bald mal, wenn wir sagen, dass der Alltag doch das schönste ist, was wir haben.