MEIN FREUND, DER ALLTAG (62)

DAS ERSTE FITNESSTRAINING

Ich hab’s getan.  Gestern früh, 06.07 Uhr, habe ich das Fitness-Center in Mitte betreten.

Das war gar nicht so einfach, denn ich musste mich zunächst in allem zurechtfinden.

Wir sind gestern Morgen kurz nach 05.00 Uhr losgefahren. Es war schon eine Menge Bewegung in Richtung Stadtzentrum. Nach 26 Minuten war ich im Zeitungsviertel Kreuzberg-Mitte angekommen.

Klara wollte, dass ich sie direkt vor einer Bäckerei absetze. Sie schwärmte von den türkischen Süßwaren, die es dort gibt.

„Das ist aber nicht gut für die Figur“, musste ich loswerden, als sie noch mit einem Bein im Auto war und mit einem Bein, jedenfalls mental, schon in der Bäckerei.

Klara wünschte mir viel Spaß im Sportstudio und ich düste zurück, in Richtung Alex. Es ist schön, morgens den Fernsehturm zu sehen, das Rote Rathaus, die vielen neuen Hochhäuser.

Mich inspiriert das, auch wenn ich danach wieder ins Dorf fahre und mich vor meinen Computer hocke und der Bauch sich über die Schreibtischplatte schiebt.
Nicht mehr lange.

Aber erst einmal musste ich in die Tiefgarage einbiegen. Nachdem ich ausgestiegen war, irrte ich im Parkhaus umher, weil ich den Eingang ins Fitnesscenter nicht fand. Schließlich stand ich im Fahrstuhl und fuhr nach oben.

Ich sah mich im Spiegel, von der Seite.
„Oh, Dicker, es wird höchste Zeit“, sagte ich in den Spiegel hinein.
Als ich den Eingang passiert hatte, sah ich die ersten Sportler an den Geräten schwitzen.

Ich schaute sie mir an und mir war klar:  Ich war mit Sicherheit nicht nur der Älteste, ich war auch der Dickste in der Runde.

Ich seufzte, ging nach unten, verstaute meine Tasche im Fach und lief immer noch motiviert die Treppen hinauf.
Ich suchte ein Fahrradergometer und schwang mich sofort in die Pedalen.

Nach der ersten Minute sprach mir mein kleiner Schweinehund, der auf der linken Schulter saß, ins Ohr: „Hör auf, es ist heute nur der Anfang. Du kannst noch so oft hier radeln, ohne vom Fleck zu kommen.“

Der rechte Kobold auf meiner Schulter aber brüllte mir ins Ohr: „Du willst schon aufgeben? Du Lusche! Willst du frühzeitig im Rollstuhl sitzen, dich nicht mehr bewegen können?“
Nein, das wollte ich auf keinen Fall.

Ich drehte die Belastung eine Stufe höher und trat in die Pedale.
Nach zwei Minuten sagte ich zu mir: „Komm, Dicker, dreh wieder eine Stufe zurück, fahr langsamer, aber halte zehn Minuten durch.“
Ich hielt durch und stieg erleichtert vom Ergometer.

„Wo stellt man das Gerät ab?“, fragte ich eine junge Frau, die neben mir radelte.
„Gar nicht“, sagte die.
„Die stellen sich von allein ab.“

Ich bedankte mich und dachte nur: umso besser.
Die nächste Station war ein Gerät auf dem man sich mit dem Bauch legte und dann fast auf den Boden fiel. Aber man konnte seine Füße hinter zwei gepolsterte Stangen klemmen und blieb so in der Haltung vornüber hängen.

„Wozu ist das gut?“, fragte ich meinen Nachbarn.
„Für den Rücken“, ächzte der, während er den Oberkörper nach oben bewegte.

Er hatte zusätzlich noch ein Eisengewicht in den Händen, 25 kg.
Das holte ich auch, schwang mich in die Ausgangsposition und kam nicht wieder hoch. Das Gewicht war zu schwer.

Ich schleifte das Gewicht zurück zum Regal und holte mir nun eine 5 kg schwere Scheibe. Das ging und ich machte dreimal 20 Übungen. Zwischendurch hatte ich den Eindruck, es würde mir gleich die Luft abgeschnürt. Ich hielt durch.

Danach war ich an verschiedenen Geräten. Plötzlich wurde mir schwindlig.
Meine Wasserflasche hatte ich nicht am Mann, sondern unten in der Garderobe.
Ich schleppte mich runter und trank die Flasche fast in einem Zug aus.

Fast anderthalb Stunden waren nun vergangen.
Das Studio füllte sich. Ich packte meine Tasche und ging nach draußen. Gehen ist nicht der richtige Ausdruck. Ich schleifte immer ein Bein nach, während das andere nach vorn trudelte.

Ein Fensterputzer sah mich an und musste schmunzeln.
Wahrscheinlich ging ich doch nicht als gestylter Fitnesstrainer durch.

Schließlich saß ich im Auto, aß eine Banane und die Kräfte kehrten zurück.
Ich hätte nun Bäume ausreißen können. Es war ein traumhaftes Gefühl.
Warum hatte ich damit solange gewartet?