ALLTÄGLICHES (1)

WIEVIEL FREUNDE HAT MAN IM LEBEN WIRKLICH?

Wer kennt das nicht, dass jemand so nebenher hinwirft: „Ich habe da einen guten Freund.“
In Wirklichkeit meint er vielleicht: „Wen ich den frage – ja, der hilft mir sofort. Von dem bekomme ich das ganz leicht.“

Oder solche Sätze: „Freunde von mir sagen…“
Ich bin da misstrauisch. Meine Erfahrung im Leben ist eine andere.
Ich hatte im Leben immer sehr wenige Freunde.

Klar, ich hatte stets gute Bekannte, Verwandte, zu denen ich ein ausgesprochenes freundschaftliches Verhältnis pflege.

Mein Schwager zum Beispiel ruft mich manchmal an und wir tauschen uns aus, wie wirkliche Freunde.

Oder natürlich: Meine Frau ist mein bester Freund.
Sie gibt wenig Ratschläge, redet sparsam, aber was sie sagt, das ist nicht ausgefeilt, doch es hat „Hand und Fuß“, wie der Volksmund sagt.

Aber außerhalb der Familie, da habe ich nur einen einzigen Freund.
Mit dem habe ich mich gerade richtig gefetzt.

Es ging um Ansichten darüber, wie man trainiert, wie man über die Jahre zu Höchstleistungen kommt, und wie man auf dem Boden bleibt, wenn man es geschafft hat.

Er sagte zu mir: „Das ist bei dir nicht schwer, am Boden zu bleiben, denn du hast das richtige Gewicht dafür.“
Das hat mich getroffen. Vor allem weil er ja recht hat mit meinem Übergewicht.

Also habe ich ihm zurückgeschrieben, dass mir manchmal seine Attitüden auf die Nerven gehen. Klara sagt: „Du kannst alles sagen und schreiben, aber leg‘ den Vorschlaghammer weg. Sonst ist hinterher keiner mehr am Leben, den du deinen Freund nennen kannst.“

Sie hat natürlich ins Schwarze getroffen, auch wenn ich keinen Vorschlaghammer genommen habe.
Nur einen schweren Säbel, während der andere ein Florett in der Hand hielt.

Ich sehe das immer alles ein, hinterher. Wie gesagt, wenn der Freund schwer getroffen wurde.
Erst dann werde ich wieder weich.

Schrecklich. Ich hasse diese Schwäche an mir. Aber wie gesagt, erst hinterher, leider.

Gibt es daran auch was Gutes?
Ja. Ich glaube nämlich, dass Freundschaft etwas ist, was nicht aus flüchtigen Umarmungen besteht.

Ich habe meinen Freund und seine Familie in einer Zeit kennengelernt, in der es mir nicht gut ging.
Trotzdem war er für mich da, hat geholfen.
Und ich war für ihn da.

Erst so wurde überhaupt eine Freundschaft daraus.
Sie ist mit Schweiß und Tränen in so manchen Stein gemeißelt.
Deshalb kann mein Freund heute zu mir sagen, was er will. Ja, er kann mir die Freundschaft kündigen. Ich nehme das einfach nicht an.
Manchmal verletzt man sich gerade dann tiefer, weil man sich eben näher steht.

Wichtig ist, dass man wieder auf einander zugeht.
Und dann merke ich umso mehr, wie wichtig mir dieser eine Freund ist.