GESPRÄCHE MIT EINER PRIMA BALLERINA (15)

DER KLEINE WILLIAM IST DA (2)
SIE KÖNNEN ERST NOCH WIEDER NACH HAUSE GEHEN

Link to the english version:

https://uwemuellererzaehlt.de/2019/09/11/the-little-william-is-there-2/

„Mami, es geht los. Kannst du gleich mal kommen?“, fragte Marian seine Mutter aufgeregt am Telefon.

„Aber ich habe doch heute Abend noch meinen Sport. Das schaffe ich ja gar nicht“, sagte sie in einer ersten Reaktion zu ihrem Sohn.

Sylvia war in dieser Situation mit ganzem Herzen bei der Familie. Sie half, wo sie nur konnte. Und sie liebte Marley über alle Maßen. Also war klar, dass sie nun alles stehen und liegen lassen würde, um bei ihrem Enkel zu sein und so Marian und Iana zu entlasten.

Aber sie hatte eben auch ihr eigenes Leben, verfolgte ihre eigenen Aktivitäten. Sie haderte deshalb mit sich, den geplanten Sport einfach ausfallen zu lassen, und sich stattdessen sofort zum Haus von Marian und Iana zu begeben.

Marian lief während des Telefonats mit seiner Mutter auf der Terrasse aufgeregt hin- und her. Er wusste nicht so recht, ob Iana und er die Nacht im Krankenhaus verbringen würden, oder ob sie noch einmal nach Hause fahren konnten. Diese Ungewissheit machte ihn zusätzlich nervös.

„Mami“, versuchte es Marian erneut. Doch er musste gar nichts mehr sagen.

„Ist ja gut, ich bin gleich da“, besänftigte ihn seine Mutter.
Während alle um Iana herum wie im Chaos wirkten, war sie die Ruhe selbst.

Marian ging, nachdem er mit seiner Mutter telefoniert hatte, zu ihr ins Bad.
Iana stand mit Lockenwicklern im Haar vor dem Spiegel und wirkte fröhlich, ja fast ausgelassen, so als wollte sie sagen: „Endlich passiert etwas. Das Warten hat ein Ende.“

Wieder trat ein wenig Fruchtwasser bei ihr aus.
Marian wurde noch unruhiger.
„Wir müssen ins Krankenhaus, um zu erfahren, woran wir sind“, drängte er sie nun.

Sie machten sich auf den Weg und kamen kurz vor halb acht abends im Krankenhaus an.

Die Hebamme untersuchte Iana zunächst auf ihren Allgemeinzustand hin, und schloss sie danach an den ‚Wehenschreiber‘ an.

Iana hatte sich körperlich und mental gründlich darauf vorbereitet, was sie erwartete, wenn das Kind kam.

„Mir ist, als würde ich zum Training gehen“, spaßte sie trotzdem.
Die Hebamme kam wieder herein: „Ihr Gebärmuttermund ist noch geschlossen“, sagte sie zu Iana und schaute sie dabei freundlich an.
„Sie können also wieder beruhigt nach Hause fahren“, ergänzte sie noch.

Iana schaute die Hebamme fragend und zugleich zweifelnd an.
Sie spürte, dass es nicht gut war, wieder aus dem Krankenhaus wegzugehen, nur um wenig später erneut aufzutauchen.

Es war ruhig im Raum. Nichts deutete auf den ersten Blick darauf hin, wie angespannt jetzt Iana war. Sie hatte ihre Erfahrungen und sie spürte, dass es sich nicht richtig anfühlte, wenn sie dem Rat der Hebamme folgte.

Marian blickte fragend zu Iana herüber.
Nach einer kurzen Pause sagte sie:

„Bei der ersten Geburt war es auch so, dass es danach aussah, als würde es noch nicht soweit sein. Aber dann ging alles sehr schnell.“

Die Hebamme schaute Iana an: Und sie merkte, dass hier nicht nur mal jemand ins Blaue hinein seine Zweifel daran äußerte, was sie als Hebamme gerade gesagt hatte.

Vielmehr: dass in ihren Augen die junge Frau vor ihr genau um ihren eigenen Zustand wusste, ihren Körper kannte, einfach den Beginn der Geburt spürte.

Für Iana war im Kopf ohnehin jeder Schritt vorprogrammiert, so intensiv hatte sie die Bilder der Geburt vor ihrem inneren Auge, und dass vermittelte sie an die Hebamme, faktisch ohne Worte.

„Ich bespreche das mal mit der Ärztin“, meinte diese deshalb und wandte sich zur Tür.
Iana lief auf und ab, Marian schwieg. Die Anspannung war beiden anzumerken.

Sie waren in den Wartebereich direkt vor dem Kreissaal geschickt worden.
Sie wollten nun die endgültige Gewissheit darüber bekommen, dass es sich bei Iana tatsächlich um Fruchtwasser handelte, das ausgetreten war.

Und dann war es soweit. Iana wurde erneut untersucht. Jetzt hatten sie gleich
Sie konnte schlecht stillsitzen. Sie atmete kürzer, sie bekam Krämpfe und die Wehen setzten ein.

„Das sind Schmerzen zum Genießen“, scherzte sie in dem Augenblick mit Marian.

Der lächelte zurück, wirkte äußerlich ruhig. Aber Iana kannte ihren Mann. Sie wusste, wie er mitfieberte, und wie aufgeregt er innerlich war.

„Ich habe das Gefühl, als ob das Baby strampeln würde“, sagte Iana zur Ärztin.

Die schaute zu ihr herüber und lächelte, während sie das Ultraschall – Bild betrachtete, auf dem zu erkennen war, dass Ianas Muttermund kurz davor war, sich zu öffnen.

„Wir behalten Sie da“, sagte sie dann nach einer nochmaligen Abstimmung mit der Hebamme zu Iana.

Sie bekamen gleich nach der Untersuchung ein Zweibettzimmer, so eingerichtet, dass der Partner dort auch mit sein konnte. Marian legte sich neben sie ins Doppelbett und versuchte beruhigend auf sie einzuwirken. Iana musste schmunzeln, spürte sie doch seine eigene Unruhe hautnah.

Marian schaltete das Handy mit Musik an, zur Entspannung.

„Gib‘ mir bitte ein Glas Wasser“, sagte sie zu ihm.
„Und bitte, reich‘ mir den Lippenbalsam“, sagte sie noch und lächelte ihn an.

Die Wehen wurden immer stärker. Damit es für Iana erträglicher wurde, verabreichte die Hebamme ihr ein leichtes Schmerzmittel.