ALLTÄGLICHES (11)

DIE WELT IST EIN DORF

Es war ein heißer Tag geworden. Und das, obwohl wir Mitte Oktober schreiben.
Klara war dabei die Hecke zu schneiden und ich ging zu ihr, um das abgeschnittene Grün zusammenzufegen.

Klara hielt mich für talentiert genug, diese Sache ordentlich zu erledigen.
Aber an die Hecke – nein, da ließ sie mich nicht ran.
Schließlich war sie mit dem Heckeschneiden fertig und es ging nur noch darum, ein paar Äste am Baum zu kürzen, die über die Hecke ragten.

„Kann ich auch mal?“, fragte ich schüchtern.
„Ja, na klar!“, antwortete Klara großzügig und kam von der Leiter herunter.

„Pass bloß auf, dass du nicht herunterfällst“, sagte sie noch, als ich mich bereit machte, die Leiter zu erklimmen.

„Zeigst du mir, welchen Ast ich abschneiden soll?“, fragte ich vorsichtshalber.

„Nein, das machst du schon“, meinte sie hingegen.
Also ging ich ans Werk und kappte den ersten Ast.
„Also der sollte eigentlich dranbleiben“, hörte ich Klara zu mir heraufrufen.

Ich störte mich nicht daran und kappte die Äste weiter.
„Oh Gott, warum hast du denn jetzt den gekürzt?“

„Warum nicht?“, fragte ich zurück.
„Das ist ein Fliederbaum, und du musst aufpassen, welchen Ast du kürzt“, sagte sie daraufhin.

„Dann mach‘ doch deine Arbeit alleine“, brummte ich und stieg wieder die Leiter hinab.

Wortlos kehrten wir noch Äste zusammen, packten alles ein und gingen zur anderen Seite des Hauses zurück.

Der Schweiß lief mir herunter. Ich hatte den dicken Pullover an. Ich hatte mich bereits auf Winter eingestellt und erwartete das gleiche jetzt vom Wetter.

Schließlich sank ich auf die Bank vor unserer Eingangstür und schaute schlecht gelaunt vor mich hin.
Da kam der Briefträger. Der, der immer mit dem Fahrrad kommt und spezielle Post verteilt.

Meist waren das die Rechnungen. Jetzt wieder. Er überreichte mir einen Brief von der Telekom, mit einer Rechnung natürlich.
„Oh, sammeln Sie auch Steine von der Ostsee?“, fragte der Postbote mich und zeigte interessiert auf die Rückseite der Carportwand.

Dort hingen Steine, die Klara an einem Band befestigt hatte.
„Ja, wir sind Ostseefans“, antwortete ich kurz, obwohl ich kaum Lust hatte, meinen Mund zu öffnen.

„Und wo fahren Sie da hin?“, hakte der Postbote weiter nach.
„Wir fahren nach Rügen, an den Jasmunder Bodden. Aber das werden Sie vielleicht nicht kennen.“

„Und in welchen Ort?“, fragte er.
„Polchow“, sagte ich und war der festen Überzeugung, dass er dieses kleine Dorf auf keinen Fall kennen konnte.

„Nein!“, rief er aus.
„Doch!“, sagte ich.
„Wir hatten da viele Jahre eine Laube, in der wir die Ferien verbrachten.“

„Und wo da genau?“, fragte er mich, so als würde er den Wahrheitsgehalt meiner Worte überprüfen wollen.

„Sie kennen ja die Kappstraße, oder?“
„Kenn‘ ich“, sagte er.
„Links geht es zum Wasser, rechts ins Dorf und geradeaus zu unserem geliebten Bungalow“, sagte ich.

Der Postbote schaute mich an, zückte seine Brieftasche, holte den Ausweis heraus und gab ihn mir.
Dort stand sein Geburtsort: Polchow!

„Nein“, rief ich jetzt.
„Oh doch“, antwortete der Postbote schmunzelnd.
„Meine Schwester wohnt dort heute noch.“

Als er uns ihren Namen verriet, da sagte Klara: „Ihre Schwester hat viele Jahre direkt in Sassnitz in unserem Haus gewohnt, eine Wohnung unter uns.

Wir verabschiedeten uns fröhlich und meine schlechte Laune war wie verflogen.

„Die Welt ist ein Dorf“, sagte ich zu Klara und biss herzhaft in den Streuselkuchen, den ich gar nicht mehr essen wollte.