ALLTÄGLICHES (12)

DU HAST WOHL ANGST, DASS DU NICHT ZURÜCKFINDEST?
(Teil 1)

Freitagabend. Klara fragte mich, ob wir noch einmal in die Schorfheide fahren wollten, um Pilze zu sammeln.

Ich verspürte wenig Lust dazu und würde mich lieber vor den Fernseher hocken und eine Talkshow aus der Mediathek aufrufen.
„Ich denke, du willst dich darüber nicht mehr aufregen, was die in den Runden von sich geben?

Komm‘ lieber mit in den Wald. Du musst ja keine Pilze sammeln, sondern nur nebenher spazieren gehen“, versuchte sie mich zu überreden.

„Nur nebenher laufen, das ist ja wie ein bisschen schwanger sein, nichts Richtiges und nichts Ganzes. Dann mach‘ ich lieber Nordic Walking“, sagte ich zu ihr.

Also packte ich die Stöcke ein und zog mir die Turnschuhe an. Ich versuchte es jedenfalls. Denn in dem Moment, wo ich den Schuhanzieher zwischen meinen rechten Hacken und den Sportschuh stecken wollte, kam mein Nachbar vorbei. Ich legte den Schuhanzieher auf die Gartenbank vor dem Haus und hüpfte auf einem Bein zu ihm hin.

‚Das Training im Fitness-Studio hatte also doch schon was gebracht‘, dachte ich bei mir. Der Nachbar hatte Zeit und formulierte seine Sätze gemächlich, ich schwankte indessen auf einem Bein hin und her und hinter mir wartete Klara darauf, dass ich endlich den zweiten Schuh anzog.

Schließlich gelang es mir doch, mich aus dem Gespräch zu lösen. Wir fuhren los und waren schnell am Ziel.

„Ich gehe den Weg entlang“, sagte Klara und zeigte auf einen mit Moos und Gras bewachsenen Pfad, der sich durch den Wald schlängelt.

„Ich bleibe hier auf dem geraden Weg, da finde ich auch wieder zurück“, entgegnete ich.
Klara lächelte milde und sagte: „Du hast wohl Angst, dass du nicht zurückfindest?“

„Naja, das geht schneller, als du denkst. Immerhin sind wir in der Schorfheide und
nicht im Stadtpark von Berlin-Hohenschönhausen“, sagte ich beleidigt.

Klara stapfte in Richtung ihres Weges und ich legte meine Stöcke an und lief ebenfalls los.

Eine Zeit lang hörte ich noch das Rauschen der Autos auf der Landstraße, dann ebbte es aber mehr und mehr ab. Es roch gut. Ja, es duftete förmlich nach Tannennadeln, die auf dem Boden verstreut waren.

Der Farn war am Rand inzwischen braun geworden. Die Sonne tauchte noch einmal auf und schien durch die Bäume hindurch. Es war still, nur ab und zu hörte ich ein Knarren, wahrscheinlich von einem hin-und her schwankenden Baum.

‚Gut, dass Klara so hartnäckig war und wir jetzt hier in der Schorfheide waren‘, dachte ich bei mir.

Ich tauchte gedanklich in eine neue Welt ein und merkte, wie der Stress von mir abfiel.

An der rechten Seite des Weges war ein Holzstapel zu sehen. An einem der Baumstämme war mit grüner Farbe die Zahl 191 825 vermerkt.

‚Die merkst du dir jetzt aber nicht‘, versuchte ich mir einzuhämmern.
Doch genau das Gegenteil passierte. Ich kriegte die Zahl nicht mehr aus meinem Kopf. Wahrscheinlich, weil ich mich von anderem unnötigen Gedankenballast befreit hatte und nun Platz war für neue Gedankenspiele.

Außerdem: Ich merkte mir Zahlen gern. Das klebte wie ein Fluch an mir, weil es Dinge waren, die keiner brauchte und wissen wollte.

Zum Beispiel das Autokennzeichen von unserem ersten Trabbi aus Dresden: ‚YE-78-44‘. Wer wollte das schon wissen.

Wenn ich das sagte, dann schauen mich meistens die anderen in der Runde an und dachten wohl: „Ja, der Dicke, mit dem geht es nun auch abwärts, seitdem er in Rente ist.“