ALLTÄGLICHES (14)

DAS LIEBLICHE GRILLENZIRPEN

03.50 Uhr.
Ich komme mir vor wie ein Schichtarbeiter, der zur Arbeit muss. Ich arbeite zwar, bin aber hauptberuflich Rentner.

Ich habe das iPhone so eingestellt, dass um diese Zeit der Wecker klingelt. Er klingelt eigentlich nicht, es ist vielmehr ein Geräusch, das an ein Zirpen der Grillen erinnert.

Und so binde ich das Geräusch erst einmal in meine Träume ein und denke gar nicht daran, aufzustehen, bis Klara mich anstößt.

„Dein Telefon!“, brummt sie genervt. Sie hat ja noch zehn Minuten Zeit. Dann geht der Radiowecker so laut an, dass du bereit bist, sofort aus dem Bett zu schnellen.

Deshalb stehe ich früher auf und kann mich sogar noch in Ruhe rasieren.

„Lass doch die Grillen zirpen“, sage ich zu Klara und drehe mich vorsichtshalber um. Aber die Grillen fangen an zu nerven und Klara gibt auch keine Ruhe.

„Jetzt dreh‘ doch endlich diesem scheußlichen Weck-Ton den Hahn ab“, schnauft sie. Sie will noch ihre paar verbliebenen Minuten bis zum Aufstehen vor sich hin dösen.

„Das ist kein scheußliches Signal, sondern das liebliche Grillenzirpen“, sage ich und staune, dass ich überhaupt schon einen Satz herausbringe.

Ich stelle den Wecker abends am iPhone ein und lasse es auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer liegen.

Und so bin gezwungen, morgens sofort aus dem Bett zu kommen, um den Wecker am Telefon auszustellen. Und was weiter? Ja dann stehe ich ja bereits und bleibe natürlich auf. Ich liebe es eben, wenn morgens alles nach Plan läuft.

Zwei Stunden weiter, 05.55 Uhr: Ich habe Klara zur Arbeit gegenüber vom Springerhochhaus gefahren und biege in die Tiefgarage des Fitness-Studios ein. Eine Viertelstunde später stehe ich auf dem Laufband. Jetzt beginnt der Tag wirklich.