ANNA IST DEMENT (52)

VOM FLUCH DES VERGESSENS

Krümel ist krank und damit muss auch ihre Mama zuhause bleiben. Bisher war Krümel aufgrund ihres Fiebers noch nicht bereit, längere Gespräche oder gar Telefonate zu führen.

„Na, willst du denn mal den Opa am Telefon sprechen“, wurden von ihr kurz und knapp mit „ne“ beantwortet.
Jetzt geht es ihr wieder besser und nun reagiert und agiert sie auch wieder munterer.

„Wollen wir denn mal Uroma Anna anrufen?“, fragte Laura gestern.
„Ja“, sagte Krümel. Laura wählte die Telefonnummer und am anderen erklang die Stimme von Anna.

Dann war es eine Weile am Telefon still. Krümel hatte den Hörer in der Hand, aber sie sprach nicht. Wir kennen das schon, wenn wir mit ihr telefonieren. Ich singe dann einfach „la, la, la“, und Krümel stimmt ein.

Aber hier war es nun anders, Anna wartete darauf, dass sich jemand meldete, und Krümel dachte gar nicht daran auch nur ein Wort zu sagen.

„Ja, wer ist denn da?“, klang es nun schon ärgerlicher. Anna hatte keine Geduld. Sie hatte auf der Couch gelegen und ‚übergeschlafen‘, wie sie sagte.

Und das morgens um 09.00 Uhr. Aber Anna hatte überhaupt in den Vormittagsstunden Schwierigkeiten, sich zu aktivieren und ließ es schon gar nicht zu, wenn andere sie zu etwas überreden wollten.

„Oma ‚Kanna‘?“, fragte Krümel plötzlich. Sie konnte noch nicht Anna sagen.

„Ach du bist es, mein ‚Süssing‘, jetzt erkenne ich dich ja“, sagte Anna nun schon fast fröhlich.

„Wir ‚pielen‘“, sagte Krümel durch das Telefon und meinte, dass ihre Mama und sie am Tisch saßen und Blauklötze stapelten.

„Was macht ihr?“, fragte Anna.
„‘pielen‘“, meinte Krümel erneut.

„Ach weißt du Oma, Krümel ist krank, wir sind gerade zuhause und da dachten wir, dass wir dich mal anrufen“, mischte sich jetzt Laura ein.

„Das verstehe ich nicht“, sagte Anna.
„Was verstehst du nicht?“, hakte Anna nach. Und sie ergänzte: „Oma, Krümel ist krank und ich bin deshalb auch krankgeschrieben.“
„Wer ist Krümel?“, fragte Anna daraufhin.

ALLTÄGLICHES – (33)

MEIN ALBTRAUM HEUTE NACHT

Manchmal denke ich, dass ich noch einen weiteren kleinen Nebenjob beginnen sollte.
„Schieb‘ doch Krankenbetten im Krankenhaus hin -und her“, sagte Klara zu mir.

„Oh, das ist eine gute Idee, denn das habe ich beobachten können, als ich selbst im Krankenhaus lag“, antwortete ich begeistert.
Ich wurde von einem Hilfspfleger aus dem Krankenzimmer zum Operationssaal geschoben und nach der Operation wieder abgeholt.

Ich fand das toll. Man war bei dieser Tätigkeit in Bewegung und konnte ein wenig mit den Patienten plaudern.
„Aber warte, bis ich auch in Rente bin, dann komme ich mit“, sagte Klara noch.

„Warum?“, fragte ich sie.
„Weil du mit deinem Orientierungssinn sonst wo mit dem Bett landest, nur nicht dort, wo der Patient laut Anordnung hingefahren werden soll.“

Ich antwortete darauf nicht und schwieg lieber beleidigt.
Nachts träumte ich trotzdem von meiner vermeintlichen neuen Tätigkeit. Ich hatte die Arbeitskleidung eines Pflegers an und schob emsig Krankenbetten die Flure entlang.

Im Traum klingelte ständig mein Handy. Ich sollte mich beeilen, denn der OP wartete auf den Patienten.
„Wo muss ich entlang? Ich glaube, ich habe hier falsche Angaben bekommen“, sagte ich zu dem Anrufer.

„Rollen Sie das Bett immer den Gang entlang, bis ganz zum Ende des Flurs und dann kommen sie an eine Glastür. Die öffnen sie und fahren hindurch. Dann sind Sie da“, sagte die Stimme am Telefon.
Ich tat das, was der Anrufer mir gesagt hatte.

Ich war an der Glastür angekommen und drückte auf den Schalter an der rechten Seite. Die Tür öffnete sich.

„So jetzt haben wir es gleich geschafft“, sagte ich zu dem Patienten, der im Bett lag und alles ohne Worte ertragen hatte.
Als es plötzlich still wurde, keine Menschen auf dem Flur zu sehen waren, da wurde er laut.

„Um Gottes Willen, wo haben Sie mich nur hingefahren?“
„Kein Grund zur Beunruhigung“, entgegnete ich und suchte nach dem Eingang zum Operationssaal. Endlich entdeckte ich eine Schiebetür. Ich öffnete sie und im Raum waren zwei OP-Tische.
Auf dem einen Tisch schien bereits ein Patient zu liegen. Er war mit einem Tuch völlig abgedeckt.

„So, hier sind wir richtig“, sagte ich zum Patienten und half ihm dabei, aus dem Bett zu klettern und sich auf den kalten Tisch zu legen.
„Der Arzt kommt gleich“, sagte ich noch und begab mich aus dem Raum, um den nächsten Patienten abzuholen.
Als ich ein paar Meter gegangen war, hörte ich einen gellenden Schrei in meinem Rücken.

Ich lief zurück und sah meinen Patienten am ganzen Körper zitternd vor dem anderen OP-Tisch stehen. Er hatte das Tuch von dem anderen Patienten weggezogen. Der lag bewegungslos da und plötzlich schoss es mir wie ein Geistesblitz durch den Kopf. Ich war in der Pathologie gelandet und nicht im OP-Saal.

„Ist dir nicht gut?“, fragte mich meine Frau, die mich geweckt hatte.
„Warum?“
„Na, weil du entsetzlich aufgeschrien hast.“
„Nö, es ist nichts“, sagte ich kurz und drehte mich wieder auf die andere Seite.

Am nächsten Morgen sagte ich zu ihr:
„Du, das mit dem Nebenjob, das lass‘ ich erst einmal. Ich habe doch noch so viel mit der Schreiberei zu tun.“
Klara nickte und schmunzelte.

ALLTÄGLICHES – (32)

„…in Ruuuhe..“ – Teil (3)
Krümel hat Fieber und soll auf jeden Fall ihren Mittagsschlaf machen.

„Komm‘, wir gehen in dein Zimmer, suchen uns den Schlafanzug heraus und danach darfst du mal ausnahmsweise im Wohnzimmer Mittagsschlaf machen.“

Krümel nickte und fing sofort an in Richtung ihres Zimmers zu laufen. Als ich hereinkam, da hatte sie sich bereits auf ihr Bett geschmissen und den rosaroten Schlafanzug hervorgeholt. Ich war erleichtert, dass Krümel aktiv mitmachte. Sie zog von allein ihre Hosen aus und ich knöpfte in der Zwischenzeit den Schlafanzug auf.

„Wo ist hier eigentlich oben und unten Krümel?“, fragte ich sie.
„Mein Schlafanzug“, antwortete sie stattdessen.

„Und das soll auf jeden Fall so bleiben, denn Opa will zwar wieder ‚Modelmaße‘ durch sein Training bekommen, aber hier hinein, das werde ich wohl nicht schaffen“, sagte ich zu ihr.

Inzwischen versuchte ich, ihre Arme in den Schlafanzug zu zwängen.
„Arme, Opa“, sagte Krümel.

„Ja klar Arme“, sagte ich zu ihr und sah nun, dass ich versuchte ihre Arme da hineinzubekommen, wo ihre Füße reinsollten. Also alles noch einmal zurück. Ich drehte den Schlafanzug um, bugsierte ihre Hände Richtung Ärmel und hatte es endlich geschafft.

Jetzt musste ich nur noch die Druckknöpfe zubekommen. Als ich das geschafft hatte sah ich, dass die Knöpfe falsch zugeknöpft waren.

„Würde Monk so etwas hinnehmen?“, fragte ich mich im Stillen.
Ich liebte die Fernsehserie aus den USA. Nicht nur, weil die Figur so genial Kriminalfälle aufklärte, sondern weil sie fanatisch auf Ordnung bedacht war.

Obwohl Monk eigentlich in einer Serie ein Rennen beobachten wollte, kam ihm ein älterer Herr vor das Fernglas, dessen Jacke falsch zugeknöpft war. Monk drängte den älteren Herrn so lange, bis der entnervt seine Jacke aufknöpfte und wieder ordentlich zumachte. Daran musste ich nun denken. Also wieder alles bei Krümel aufknöpfen und von vorn beginnen. Krümel hatte kein Verständnis dafür und fing an zu weinen.

„Wir sind ja gleich fertig“, versuchte ich beruhigend auf sie einzuwirken, obwohl ‚gleich‘ in diesem Fall eher relativ gemeint war. Laura hätte in der Zeit sicherlich Krümel den Schlafanzug fünfmal ausgezogen, wieder angezogen und zugeknöpft. Aber ich war untrainiert. Überhaupt musste ich mich daran gewöhnen, dass der Anzug schräg zugeknöpft wurde.

Allein das war für mich schon eine Herausforderung. Ich war eben mehr für die geraden Sachen.
Mit dem Rest an Krümels Geduld war es nun endgültig vorbei. Sie schrie ihren Unmut laut hinaus. Ich fühlte mit der Hand an ihrer Stirn. Sie war heiß, als hätte sie eine Stunde in der glühenden Sonne gelegen.

Ich hob sie hoch, sie legte ihre Ärmchen um meinen Hals und ich trug sie ins Wohnzimmer, legte sie auf die Couch und versuchte sie zu beruhigen. Dann fiel mir ein, dass wir den Nuckel im Schlafzimmer vergessen hatten. Ich eilte über den Flur, griff im Vorbeigehen noch die Micky Maus und kam mit beiden Utensilien zurück.

Ich steckte Krümel den Nuckel in den Mund und drückte ihr die Stoffpuppe in die Hand. Sie legte die Puppe auf ihr Gesicht. Sie machte die Augen zu und schlief sofort ein.

Ich schaute sie erleichtert an. Zugegeben, ich war fertig, mit ‚Jack‘ und ‚Büx‘, aber ich war auch glücklich, als ich Krümel so friedlich schlafen sah.

„Werde wieder gesund“, sagte ich leise, legte mich auf die gegenüberliegende Seite der Couch und schlief ebenfalls sofort ein. Ohne Nuckel und Stoffpuppe.

Als wir aufwachten, stand Laura in der Tür.
Der Nuckel flog aus Krümels Mund, sie stürmte auf ihre Mutter zu. Laura nahm sie hoch und Krümel sah zufrieden aus, sehr zufrieden.

Da hast du als Opa keine Chance, und wenn du eine Rolle rückwärts machst und dabei ‚…kommt ein Vogel geflogen‘ zwitscherst.

ALLTÄGLICHES – (31)

„…in Ruuuhe..“ – Teil (2)


„Was willst du denn essen?“, fragte ich Krümel, nachdem sie den Kartoffelbrei mit Möhren abgelehnt hatte.
„Butter“, sagte Krümel. Für sie war alles Butter, ob ein Brot mit Butter, mit Käse oder auch Wurst drauf.

Also nahm ich ein Knusperbrot und beschmierte es mit Butter. Ich ging in das Wohnzimmer, setzte mich neben Krümel und reichte es ihr. Krümel biss einmal ab und gab es mir zurück. Sie würgte an dem einen Bissen und ich verdrückte neben ihr den Rest, den größten Teil des verbliebenen Knusperbrotes.

Dabei saßen wir nebeneinander und schauten einen Kinderfilm, in dem es um ein gestohlenes Passwort für ein wichtiges Computergeheimnis ging. Ob es Laura gutheißen würde, dass wir nicht in der Küche saßen, am Tisch, nebeneinander, so wie es sich gehörte? Egal. Krümel war krank und da sollte eine Ablenkung nur recht sein.

Wir schauten, und wir waren im Film drin, krochen nahezu gebannt fast in den Bildschirm hinein. Würde die Polizei den Dieb rechtzeitig fassen, um ein Unglück zu verhindern?

Krümel stand vom Sofa auf und ging direkt vor den Fernseher.
„Krümel nein, komm‘ wieder hierher zurück!“
„Ne“, sagte Krümel.
„Ne“ sagen, das hatte sie schnell gelernt, schneller, als auf das zu hören, was ich ihr in dem Moment sagte.
„Krümel, bitte“ wiederholte ich meine Aufforderung.
„In Ruuuuhe…!“, antwortete Krümel nun trotzig. Da war sie wieder die Ablehnung für etwas, was sie nicht tun wollte.

Ich musste etwas unternehmen, damit sie nicht länger vor dem Fernseher stand.
Ich drückte auf die Fernbedienung, der Bildschirm wurde dunkel und Krümel fing an zu weinen.

„Komm‘, Opa zieht dir den Schlafanzug an und dann schläfst du schön, damit wieder ganz gesund wirst“, sagte ich mit möglichst einschmeichelnder Stimme.

Jetzt ging Krümels Sirene so richtig an. Sie weinte noch stärker. Es war schon eher ein Plärren. Was sollte ich nur tun?

„Was willst du denn?“, fragte ich sie erneut.
„In Ruuuhe“, schleuderte sie mir entgegen.
Was sollte ich nur tun? Laura anrufen? Die wäre nur noch beunruhigter.

„Oh, oh“, sagte ich mit möglichster tiefer Stimme und hob meinen Zeigefinger.
Krümel lief weinend aus dem Wohnzimmer, über den Flur und warf sich im Kinderzimmer auf den Boden.
Ich saß ratlos daneben.

„Möchtest du einen Nuckel haben?“
„Ja“, antwortete sie sofort.
„Aber ich weiß nicht, wo der Nuckel ist.“
Krümel schaute mich sehr prüfend an, bereit, erneut in den passiven Widerstand zu gehen.

„Ruf mal nach dem Nuckel“, sagte ich zu ihr.
Und schon rief Krümel aus voller Kehle: „Nuckel, wo bist du?“ Donnerwetter, mit einem Mal konnte sie einen ganzen Satz bilden.
Ich zog den Nuckel aus der Hosentasche.

„Hier ist der Nuckel, er hat dich gehört.“
Krümel nickte und steckte ihn sofort in den Mund.
Gut, dass Laura dies alles nicht sah. Aber schließlich waren wir im Notstand, Krümel hatte hohes Fieber. Da musste ich Zugeständnisse machen.

„Willst du im Wohnzimmer bei mir auf der Couch liegen?“, fragte ich weiter.

„Ja“, sagte sie kurz und schmerzlos.
‚Na bitte, geht doch‘, dachte ich bei mir und hörte schon, wie Laura alle diese Regelverstöße auf eine Tafel mit quietschender Kreide schrieb. Aber das war nur so ein Tagtraum.
Jetzt kam die nächste Hürde. Ich musste Krümel den Schlafanzug als tolles Kostüm verkaufen.

ALLTÄGLICHES – (30)

„…in Ruuuhe“… – (Teil 1)

Kinder zeigen ihr ehrliches Gesicht, sie verbergen ihren Unmut, ihren Ärger nicht hinter einem freundlicheren oder undurchsichtigeren Ausdruck. Das ist toll. Aber wenn sie das sagen oder wenigstens in der Mimik ausdrücken, was sie denken und fühlen in dem Moment, dann ist es uns Erwachsenen manchmal auch nicht recht. Krümel sagt in Momenten, in denen sie etwas nicht möchte, zum Beispiel etwas nicht essen: „Lass mich in Ruhe, oder einfacher, weil sie es mit ihren zwei Jahren und drei Monaten noch nicht sagen kann „…in Ruhe“. Dabei zieht sie das ‚u‘ energisch auseinander und es kommt „…in Ruuuhe“ heraus. So auch mehrfach, als ich Krümel für zwei Tage betreute, weil sie Fieber hatte.

Seitdem ich in Rente bin, arbeite ich noch intensiver an meinen Projekten. So sehe ich das. Aber sehen das meine Freunde und Bekannten auch so? Nein, sie meinen eher das Gegenteil. „Na, warst Du schon mal im Historischen Museum?“, fragte mich jüngst ein Freund.

„Keine Zeit!“, antwortete ich knapp und erntete daraufhin einen verständnislosen Blick.

Es gibt eine Ausnahme, und zwar dann, wenn meine Tochter einen Hilferuf absetzt und ich auf Krümel aufpassen soll.
Dann schiebe ich alles beiseite, mach‘ den Computer aus und eile zu Krümel und Laura nach Hause, um zu helfen.
Das habe ich ja auch Klara versprochen, damit ich weiter an meinen Buchprojekten arbeiten kann, dafür aber Fahrdienste und Serviceleistungen jeglicher Art für die Familie auf mich nehme.

Erst kürzlich klingelte das Telefon, als ich gerade vom Fitness-Center zurück war und mich auf eine zweite Tasse Kaffee freute, bevor ich dann an den Schreibtisch wollte.

„Krümel hat fast 40 Grad Fieber, sie ist am ganzen Körper heiss, kannst du auf sie aufpassen?“, fragte Laura mich.
„Klar, kann ich“, antwortete ich, ohne zu zögern.
„Wo ist sie denn jetzt?“, fragte ich weiter.
„In der Kita, hier bei mir“, sagte Laura.
„Gut, ich komme, so schnell ich kann.“

Ich duschte mich kurz, verzichtete auf den Kaffee, stieg ins Auto und eilte in die Kita.
Krümel schaute mich mit einem erstaunten Blick an.
„Opa“, sagte sie leiser als sonst.

Ich bekam von Laura noch ein paar Instruktionen und schon war ich mit Krümel auf dem Weg in ihre Wohnung.
Sie lag still im Kinderwagen. Es war ungewöhnlich. Sonst sangen wir auf dem Rückweg solche Lieder wie „…kommt ein Vogel geflogen…“. Ich singe vor und Krümel wiederholt ein Wort aus der Liedzeile, „…auf mein ‚Fuuuuß‘“, zum Beispiel.
Dann geht es mit „la la“ munter weiter, bis wir nicht mehr können. Und meist kann ich zuerst nicht mehr.

Jetzt aber hörte man von Krümel gar nichts.
Endlich, wir waren Zuhause angekommen. Ich zog ihr schnell die Wintersachen aus und Krümel lief ins Wohnzimmer.
„Willst du einen Trickfilm sehen?“, fragte ich sie.
„Ja‘, sagte sie leise. Ich wusste nicht, ob es Laura recht war, aber ich wollte Krümel erst mal beschäftigen.

Ich ging in die Küche. Dort hatte Laura schon das Mittagessen vorbereitet. Im Mixer waren Kartoffeln und Möhren. Ich sollte noch ein bisschen Butter dazutun, ein wenig Salz und dann das Ganze verrühren.

Als alles fertig war, rief ich Krümel und füllte ihr einen kleinen Klecks davon auf den Teller.
Es war ulkig. Ich konnte diesen Brei nicht sehen und nicht riechen, obwohl alles frisch war.
„Krümel, komm‘ essen“, rief ich erneut und Krümel schlurfte den Flur entlang.

Als sie auf dem Stuhl saß und ich den Brei vor mir hatte, musste ich würgen und aufpassen, dass ich mich nicht übergab.
Krümel schaute mich aufmerksam an.

„’Leecker‘!“, rief ich. „Willst du einen Löffel haben?“, fragte ich danach schnell. Krümel sah auf den Löffel, dann auf mein Gesicht. Ich verzog es immer noch und würgte ein wenig.

Krümel hatte sich entschieden. „Nee!“, sagte sie entschieden und rutschte vom Stuhl.

„Probier‘ doch mal, Opa hat auch schon davon genascht“, sagte ich so salbungsvoll wie möglich.

Krümel hatte mich durchschaut, „in Ruuuhe…“, rief sie beim Rauslaufen aus der Küche. Ich konnte ihr nichts vormachen, aber was sollte ich ihr nun zu essen geben?
Ich musste mir was einfallen lassen.

ICH – ALS ICH – ERZÄHLER

ALLTÄGLICHES (29)

Über die subjektive Erzählperspektive des Ich-Erzählers

Will man Näheres zu diesem Thema erfahren, so sind die Ausführungen von James N. Frey in seinem Buch „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ eine gute Informationsquelle, für mich auf alle Fälle (vgl. James N. Frey:  „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“, Emons Verlag GmbH,  ISBN 978-3-89705-32-1,              S. 124 ff).

Ich habe bisher fast ausschließlich aus der Erzählperspektive des Ich-Erzählers geschrieben. Das bringt dir Sicherheit, wenn du kein erfahrener Romanautor bist, denn du bewegst dich auf einem Terrain, dass du kennst.

So scheint es zunächst. Auf jeden Fall schreibst du ja so, wie du den Alltag erlebst und aus deinem Blickwinkel siehst. Du bist faktisch in jeder Situation der Augenzeuge.

Das heißt aber auch, dass du praktisch alles wissen musst, über das du schreibst. Du kannst nicht über eine Gegend schreiben, in der du noch nie gewesen bist.

Außerdem: Wie kriegst du es hin, andere Figuren in deiner Erzählung authentisch darzustellen?  Du kannst ja nur beschreiben, wie die Figur spricht, wie sie sich gibt und was sie tut. Das ist schon nicht ganz einfach.

Und hier sehe ich auch die Grenzen dafür, eine Geschichte nur aus dem Blickwinkel des Ich-Erzählers zu schreiben.

Hinzukommt, dass es für den Leser langweilig werden kann, wenn du nur aus dieser Perspektive heraus eine Geschichte schreibst.

Ich habe auf meinem Blog bisher fast ausschließlich Geschichten aus der Ich-Perspektive erzählt. Bisher jedenfalls. Ich hoffe, ich habe damit keinen gelangweilt. Sicher bin ich mir allerdings nicht.

Deshalb suche ich mal weiter und beschäftige mich im nächsten Text mit dem sogenannten auktorialen Erzähler, (vgl. ebenda, S. 126 ff.), und prüfe, was ich daraus für mich mitnehmen kann.

DIE OBJEKTIVE ERZÄHLPERSPEKTIVE – ANGEREICHERT MIT MUTMASSUNGEN

ALLTÄGLICHES (28)

Näher an die Figur und damit den Leser heranrücken

Im letzten Beitrag (Alltägliches -27) habe ich darüber nachgedacht, ob es ausreicht, meine Eindrücke von der Position des unbeteiligten Beobachters aus mitzuteilen.

Ich denke, es reicht nicht aus, weil ich dem Leser nicht die wirklichen inneren Gemütszustände einer Figur mitteilen kann. Also habe ich versucht, mich noch mehr in die Varianten der Erzählperspektive hineinzubegeben.

Ich weiß, das ist alles ein wenig theoretisch, trocken und wahrscheinlich auch langweilig für jemanden, der nach interessanten Stories sucht. Und trotzdem: Indem ich so vorgehe, erkunde ich quasi, was der beste Weg für mich ist, lebendig zu erzählen.

Manchmal komme ich mir vor, als würde ich durch einen Tunnel kriechen und dabei auf dem Kopf einen Helm tragen, auf dem eine kleine Lampe befestigt ist. Die Lampe ist mehr eine schwach leuchtende Funzel, und so komme ich nur langsam voran. Weiche ich auch nur ein klein wenig vom Weg ab, so stoße ich mit dem Kopf gegen einen unsichtbaren Felsvorsprung.

Es ist irgendwie mein Jakobsweg, an dessen Ende die Erleuchtung stehen soll, oder am Ende des Tunnels das Licht angeht.
Eine Möglichkeit, dichter an die Gefühle und Gedanken einer Figur heranzukommen ist, die Position des unbeteiligten Beobachters zu verlassen und Mutmaßungen darüber anzustellen, was eine Figur zu bestimmten Reaktionen oder Handlungen antreibt.

Zurück zu dem Beispiel aus dem vorangegangenen Text.
Ein Mann war in die S-Bahn gestiegen, mit einem traurigen, griesgrämigen Gesichtsausdruck: Der Mann schien abwesend zu sein, nichts zu bemerken, was um ihn herum vor sich ging.

Wahrscheinlich hatte er am Morgen Ärger mit seiner Frau gehabt. Vielleicht hat sie ihm beim Frühstück erklärt, dass sie sich neu verliebt hat und sich von ihm trennen möchte.

Der Mann war wortlos vom Tisch aufgestanden, hatte seinen Mantel angezogen und war zur Tür hinausgegangen, direkt zur S-Bahn-Station.

Fazit:
Die Erzählperspektive bleibt objektiv, aber der Leser fühlt sich durch die Mutmassungen mehr mitgenommenr. Er kommt so dichter an die Gefühlswelt der beschriebenen Figur heran. Es sind zwar in dem Fall Vermutungen, die ich angestellt habe. Aber sie regen den Leser an, mitzudenken, eigene Ideen zu entwickeln.
Demnächst will ich mich stärker der sogenannten subjektiven Erzählperspektive zuwenden.

VON DER SCHWIERIGKEIT, VON DER RICHTIGEN PERSPEKTIVE AUS ZU ERZÄHLEN

ALLTÄGLICHES (27)

Von welcher Erzählperspektive aus kann ich am besten dem Leser die innersten Gedanken und Gefühle meiner Figuren vermitteln?

Ich will nicht nur oberflächlich über den Alltag schreiben, was wir unmittelbar sehen, fühlen.

Vielmehr darüber, welche Motive den handelnden Figuren zugrunde liegen, wenn es bei ihnen zu Gefühlsausbrüchen kommt, warum sie sich im Alltagsgetümmel mitunter zu reflexartigen Emotionen hinreißen lassen.

Zum Beispiel, wenn wir mit etwas nicht zufrieden sind, dann können wir das durch einen Wutanfall nach außen tragen. Inwieweit wird uns das helfen?

Im ersten Moment vielleicht, weil wir uns sozusagen Luft verschaffen.

Aber besser ist es, wenn wir Wege finden, mit unseren Ängsten, Depressionen, Niederlagen umzugehen. Dazu ist es wichtig, dass wir uns gewissermaßen auch selbst beobachten.

Pater Anselm Grün hat kürzlich in einem Interview mit der Berliner Zeitung gesagt, dass wir einen inneren Raum brauchen, zu dem der äußere Lärm keinen Zugang hat.

Nur so können wir uns auch selbst erkennen. (Vgl. Berliner Zeitung vom 4./5.Januar 2020, S. 2/3)

Auf den ersten Blick würde hierzu die objektive Erzählweise passen.
Ich erzähle dabei über Menschen, indem ich sie beobachte, quasi auf einer Zuschauerbank sitze und deren Handlungen kommentiere.

Der Nachteil besteht nur darin, dass ich nicht in deren ‚inneren Raum‘ vordringe. Ich weiß also nicht wirklich, was die Figur denkt und fühlt, denn ich kann ja nur meine Beobachtungen wiedergeben.

Ein Beispiel:
„Ich sitze in der S-Bahn und schaue durch das Fenster nach draußen. Wir fahren in den Bahnhof ein. Auf dem Bahnsteig fällt mir ein Mann auf.

Er ist gut gekleidet, vielleicht Mitte 50. In der linken Hand hält er eine Zeitung, die ziemlich zerknüllt aussieht. Der Mann steigt ein und setzt sich mir gegenüber auf die Bank.

Er schaut kaum nach oben. Seine Mundwinkel sind nach unten gezogen. Er sieht sehr traurig aus. Was mag ihn bewegen? Hat ihn seine Frau verlassen oder ist er gerade von seinem Chef gekündigt worden?

Ein kleines Mädchen, das neben ihm sitzt, spricht ihn an und lacht dabei.

Ich verstehe nicht, was sie sagt, aber das Gesicht des Mannes hellt sich ein wenig auf. Ich muss aussteigen und werde nicht erfahren, was dieser Mann gerade fühlt, warum er traurig ist. Das bleibt sein Geheimnis.“

Ich muss also weitersuchen, nach anderen Möglichkeiten, in die Gedanken- und Gefühlswelt meiner Figuren einzudringen.

OBJEKTIVE ODER SUBJEKTIVE ERZÄHLPERSPEKTIVE?

ALLTÄGLICHES (26)

Bisher habe ich in meinen Erzählungen über ‚Alltägliches‘ die Erzählform aus der ‚Ich-Perspektive‘ gewählt.

Das heißt, ich habe geschrieben, welche Erfahrungen ich persönlich gemacht habe, wie ich Situationen und Menschen aus meiner ganz subjektiven Sicht bewerte.

Jetzt stelle ich mir die Frage, ob es nicht besser ist, eine andere Perspektive zu wählen.

Denn so, wie ich den Ort wähle, von dem aus ich erzähle, so wird auch der Leser das betrachten und bewerten, was ich schreibe.
Soll ich also jemand sein, der aus der sogenannten objektiven Sicht heraus erzählt?

Als jemand, der die Gedanken und Gefühle der anderen Figuren kennt, sozusagen allwissend ist?

Oder soll ich lieber selber eine Figur schaffen, von der aus ich schreibe, und deren Inneres ich genau kenne, währenddessen mir die Gedanken und Gefühle der anderen handelnden Menschen verschlossen bleiben?

Ich habe dazu bereits vor mehr als einem Jahr ein Buch von James N. Frey gelesen: „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt.“
Der Autor geht dort auf die Möglichkeiten ziemlich detailliert ein, aus verschiedenen Perspektiven heraus zu erzählen.

Mein Dilemma ist allerdings, dass ich im Prinzip gar keinen Roman schreiben will, sondern nur Kurzgeschichten über den Alltag.

Trotzdem gelten dabei die gleichen Gesetze des Erzählens, egal wie lang eine Geschichte ist.

Das Buch von James N. Frey hatte ich in 2018 am Strand gelesen, als wir in Juliusruh im Urlaub waren.

Um mich herum waren viele Leute, die auf ihren Badetüchern lagen, das Geschrei der Möwen, Krümel, die mit Ostseesand und kleinen Kuchenformen experimentierte und Klara, die mich aufforderte, mich um meine Familie zu kümmern.

Ich aber war vertieft in das Buch, habe es geradezu verschlungen.
Es ist schon interessant, die Erfahrungen von sehr erfolgreichen Autoren zu kennen.

Eine Variante, die Frey beschreibt, ist die objektive Erzählperspektive. (Vgl. James N. Frey, Wie man einen verdammt guten Roman schreibt, Emons Verlag, 1993, S. 122 ff.)
Ob das für mich infrage kommt, dazu mehr in ALLTÄGLICHES (27).

WIE WEITER MIT ‚UWE MUELLER ERZAEHLT‘?

ALLTÄGLICHES (25)

Warum ich stärker aus der Perspektive des Geschichtenschreibers über den Alltag erzählen will

Freitag. Im neuen Jahr ist nun schon der 10. Tag angebrochen. Ich habe den Eindruck, als würden einem die Tage einfach so durch die Finger rieseln.

Im letzten Beitrag habe ich geschrieben, dass ich so weitermache, wie ich in 2019 aufgehört habe und mir keine prinzipiell neuen Ziele setze.

Vielmehr werde ich mit Energie an den bereits laufenden Vorhaben arbeiten.
Daran hat sich nichts geändert.

Nur: Ich muss ich unbedingt ‚eine Kohle zulegen‘.
Ich arbeite mit Hochdruck an meinem ersten Buchprojekt ‚Gespräche mit einer Prima Ballerina‘, das Ende Januar als E-Book bei Amazon erscheinen soll.

Da gibt es genügend zu tun.
Und trotzdem will ich den Beginn des neuen Jahres auch dafür nutzen, um zu überlegen, in welche Richtung ich weitererzählen will.

‚Uwe Mueller erzählt‘ – dieser Titel für meinen Blog ist ja bewusst von mir gewählt worden. Ich wollte keinen ‚Schnickschnack‘ drum herum machen, sondern sagen und schreiben, dass ich erzählen möchte.

Und zwar über den Alltag, über Menschen im Alltag und deren Geschichten, über meine eigenen täglichen Eindrücke auf der Straße, im Fitness-Studio, im Urlaub.

Der Reichtum und die Vielfalt der Erlebnisse sind hier unendlich.
Mitunter frage ich mich, warum ich diesen doch recht steinigen Weg gewählt habe.

Warum schreibe ich zum Beispiel nicht explizit zu politischen Ereignissen, analysiere sie als Politikwissenschaftler?
Habe ich dazu keine Lust mehr? Das kann man so nicht sagen. Aber ich denke, dass ich inzwischen von einer anderen Perspektive aus erzählen will.

Ich möchte näher an die Gefühle der Menschen ran, an ihre wahren Motive, die hinter ihren Taten oder ihrem Nichtstun stehen.
Zu Weihnachten schenkte mir meine Frau die Autobiografie von Gregor Gysi. Beim Durchblättern fiel mir ein Foto auf, das genau am 04. November 1989 während der großen Demonstration auf dem Alex gemacht wurde.

Ich bin darauf ebenfalls zu sehen.
Ich stand ziemlich weit vorn, fast unmittelbar vor der Rednertribüne. Das alles mag schon interessant klingen.

Viel interessanter für mich ist allerdings heute, mit welchen Gefühlen ich dort damals stand, was ich gedacht habe, als ich die mit viel Liebe und Humor gefertigten Plakate auf dieser ersten freien Demonstration in der damaligen DDR sah.

Das kann ich natürlich alles beschreiben, aber ob ich damit jemanden erreiche, das bezweifle ich.

Eine Figur allerdings, die ich in eine Geschichte in dieser Zeit einführe, die in ihren Handlungen zeigt, wie sie dachte, fühlte, Hoffnungen und Ängste hatte – die kann den Leser mehr berühren, kann authentisch sein, die Situation von damals besser skizzieren.

Das meine ich jedenfalls.
Also werde ich den Weg des belletristischen Schreibens weitergehen.

Ob ich beim Erzählen dabei bei der ‚Ich-Perspektive‘ bleibe, das weiß ich noch nicht. Ich muss mich da erst heranarbeiten. Mehr dazu in ‚Alltägliches – 26‘.

ZWISCHENDURCH ERZÄHLT

Montagfrüh. 06.10 Uhr.

Ich bin im Fitness-Center angekommen, habe mich umgezogen und stehe bereits auf dem Laufband.

Ich kann nicht glauben, dass das Wochenende schon wieder Geschichte ist.

Ich beginne mit dem Laufen schwerfällig und lustlos.
Anderthalb Stunden später: Ich bin im Fluss, kämpfe mich von Gerät zu Gerät.

Die Motivation ist gestiegen, die Laune auch. Jetzt Bauchpresse. Und es gibt viel zu pressen. Was soll’s, ich mach‘ einfach weiter.

ICH MACH‘ SO WEITER-WIE ICH AUFGEHÖRT HABE

ALLTÄGLICHES (24)

Einfach so weitermachen heißt aber nicht, dass nichts Neues entsteht, im Gegenteil.

Das neue Jahr ist sechs Tage alt.
Normalerweise ist das noch die Zeit, in der man alles unternimmt, um die eigenen Ziele im noch jungen Jahr mit Schwung in die Tat umzusetzen.

Ich mach‘ da keine Ausnahme.
Und trotzdem ist es diesmal anders.
Ich habe mir erst gar nichts vorgenommen.
Nichts Neues jedenfalls. Ich will da weitermachen, wo ich im vergangenen Jahr aufgehört habe.

Ich will abnehmen, weiter an Gewicht verlieren.
Das war in 2019 mit Rückschlägen verbunden, und es ging nicht so schnell voran, wie ich es vorhatte.

Doch ich habe nicht aufgehört, sondern bin trotz der Rückschläge den Weg einfach weitergegangen.
Das will ich auch dieses Jahr tun.

Weitergehen, nicht stehenbleiben, nicht umdrehen.
Das ist besser, als euphorisch nach Neujahr zu beginnen und dann aufzuhören, weil man doch nicht so vorankommt, wie man es wollte.
Und ich will mit dem Schreiben weitermachen.

Ich habe dabei gemerkt, dass es besser ist, wenn ich mich darauf konzentriere, nur eine Sache zu machen.
Ich hätte nie gedacht, dass es einmal der Alltag sein würde, wo ich die meisten Einfälle hätte.

Es sind sogar keine Einfälle nötig, denn die Geschichten fallen mir ja geradezu in den Schoss.
Allein wenn ich ins Fitness-Studio laufe, mich umziehe treffe ich auf Menschen, die sich unterschiedlich verhalten. Der eine grüßt dich, nimmt seine Sachen beiseite, damit du auch ein wenig Platz hast.

Ein anderer kommt, schmeißt seine Tasche auf die Bank, holt seine Schuhe heraus, laviert sie auch noch auf die Bank, schiebt deine Sachen beiseite, damit er sein Handy und seine designte Wasserflasche platzieren kann.

Und schon beginnen in meinem Kopf die Gedankenräder zu rattern.
Was ist der Eine für ein Mensch, der höflich grüßt, bescheiden ist und Rücksicht nimmt? Was wird er wohl beruflich machen? Studieren oder in einer Unternehmensberatung arbeiten?

Und der Zweite?
Ist er es gewohnt, dass ihm andere Platz machen? Wohnt er noch bei seinen Eltern und seine Mutter räumt ihm die Sachen nach? Hat er einen Beruf oder sein Studium abgebrochen?
Wie könnte ich diese beiden in einer Alltagsgeschichte unterbringen?

Da ist ein wenig Fiktion, Phantasie dabei. Du kannst sagen dazu, was du willst. Die Hauptsache bleibt – du schreibst über das, was du im Alltag erlebst, siehst.

Über den Faden nämlich, der zufällig auf dem Fußboden, den du aufhebst, um ihn ‚weiterzuspinnen‘.

Wie ich das im Detail tue, darüber denke ich viel nach.
Also gilt für mich in allen Bereichen: dranbleiben und nicht Neues erfinden, weitermachen. Und das kostet genügend Energie.

TSCHÜSS TANNENBAUM

‚Du musst dich mehr bewegen, nach den üppigen Feiertagen‘, sagte mir Klara am Telefon.

„Ich war im Fitness-Center“, gab ich zurück.
Das stimmte im Prinzip auch, allerdings hatte ich gestern etwas vergessen und musste zurückfahren, ohne Training.

„Dann kannst du ja wenigstens mal schon anfangen, den Tannenbaum abzurüsten“, sagte Klara nun.

Als hätte ich nichts zu tun und würde mich langweilen.
Das E-Book ‚Gespräche mit einer Prima Ballerina‘ muss im Januar fertig werden, neue Blog-Texte sind zu schreiben. Naja und der Korb mit den unerledigten Schriftstücken quillt nach den Feiertagen auch über.

Trotzdem: Ich wollte Klara eine Freude machen und begann, den Baum von seinem Schmuck zu befreien.

Ich ging systematisch vor. Zuerst die Kugeln, dann die Lichter und schließlich der Kleinkram, Weihnachtsketten und so was.
Das alles dauerte über eine Stunde.

Schließlich war ich soweit, ich konnte den Weihnachtsbaum aus dem Ständer herausheben.

Denkste, denn der saß so fest, dass ich es nicht schaffte.
Ich beschloss, den Baum samt Ständer nach draußen auf die Terrasse zu heben.

Dazu musste ich ihn ein wenig schräg halten, damit ich durch die Tür kam. Unten plätscherte es verdächtig. Das Wasser lief aus dem Ständer aus, direkt auf den hellen Teppichboden. Es bildete sich gleich ein großer Fleck.

Darum konnte ich mich nicht kümmern.
Ich fummelte an der Befestigung herum und bekam schließlich den Baumstamm aus dem Ständer heraus.

Jetzt nur noch die Sitze im Auto herunterklappen, den Baum hineinhieven, zum Ablageplatz fahren.

Auf dem Flur waren ebenfalls noch Zweige, die ich gleich mitentsorgte. Wie hatte das Klara nur all die Jahre vorher geschafft? Und ohne zu murren?

Ich hatte mich damit nie abgeben. Ich kaufte den Baum, half beim Aufstellen und das war es dann für mich. Ich kümmerte mich danach wieder um die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Versteht sich.

Jetzt wollte ich wieder ‚Boden gutmachen‘ und half, wo ich konnte. Gott sei Dank kann ich nicht viel.

Aber selbst das, was ich machte, das erschöpfte mich total. Lieber ins Fitness-Studio gehen und in Ruhe die Arme ab und zu bewegen.

Nachdem alles so einigermaßen im Lot war, ich die Zimmer auch noch staubgesaugt hatte, befasste ich mich mit dem Wasserfleck auf dem Teppichboden. Er war leicht braun gefärbt.

Wenn Klara das sah, dann fiel ihr Lob wahrscheinlich schmallippig aus.
Also rief ich Laura an, was man tun könnte, um den Fleck wegzukriegen.

„Papa, auf jeden Fall mit Tüchern trockentupfen.“
Ich tupfte eine Weile, dann hatte ich genug.

Ich holte den Fön aus dem Badezimmer, schloss ihn an und begann damit, den Wasserfleck systematisch trockenzulegen.

Ich kam soweit mit dem Fön nach unten, dass es schon verbrannt roch. Dann strich ich mit der Hand über den Boden, sodass ich besser an die Feuchtigkeit herankam.

Je mehr ich das tat, umso mehr hatte ich den Eindruck, dass es noch feuchter wurde.

Ich holte einen kleinen Hocker in die Ecke und legte eine Decke darauf. Auf die andere Seite stellte ich eine große Pflanze.
Jetzt probierte ich noch aus, wie ich das Licht so anstellte, dass es nicht zu hell war und der Fleck zu aggressiv zu sehen war.

„Freust du dich nicht?“, fragte ich Klara, als sie zur Tür hereinkam.
Sie schwieg, schaute sich um.

„Doch“, sagte sie einsilbig.
„Du glaubst nicht, was das für eine Arbeit war“, sagte ich.
„Glaube ich. Aber sag‘ mal, was ist das für ein Fleck auf dem Boden?“
Jetzt musste ich schnell und ohne vordergründig zu wirken, reagieren.

„Och, da ist ein bisschen Wasser aus dem Ständer herausgelaufen. Ich wollte den Fleck nicht bearbeiten, damit du es fachmännisch tun kannst“, erwiderte ich wie nebenbei.

„Und wieso ist das Wasser überhaupt ausgelaufen?“
„Der Ständer war so stark am Stamm befestigt“, sagte ich.

„Hast du denn das Schloss nicht zuerst gelöst?“
Wusste ich es doch. Irgendwas war da noch. Aber ich hatte keine Lust gehabt, mich unter den Baum zu bücken.

„Irgendwie habe ich den Eindruck, du freust dich gar nicht darüber, dass ich es allein geschafft habe“, antwortete ich.
Klara schwieg. Ich hatte mit meiner Vermutung ins Schwarze getroffen.

Ich zog mich in mein Arbeitszimmer zurück.
Nächstes Jahr, da kaufen wir einen Baum, der nicht größer ist, als 1,30 m. Dann stimmt der Preis auch, der angeschrieben ist –‚Jede Nordmanntanne nur 12,98 Euro‘– ja, wenn er nicht größer als 1,30 ist.

„Willst du noch was essen, ich habe noch schönen Kartoffelsalat von gestern“, sagte Klara.

„Also gut, heute esse ich noch mit, aber morgen, da geht es wieder anders rum“, sagte ich.

Beim Krimi dann bin ich eingeschlafen. Eigentlich wollte ich um die Zeit noch am Schreibtisch sitzen und arbeiten.

Naja, das richtige neue Jahr beginnt erst am Montag. Dazwischen sind noch der Samstag und der Sonntag, Gott sei Dank. Und dann schauen wir mal weiter, im neuen Jahr.