TSCHÜSS TANNENBAUM

‚Du musst dich mehr bewegen, nach den üppigen Feiertagen‘, sagte mir Klara am Telefon.

„Ich war im Fitness-Center“, gab ich zurück.
Das stimmte im Prinzip auch, allerdings hatte ich gestern etwas vergessen und musste zurückfahren, ohne Training.

„Dann kannst du ja wenigstens mal schon anfangen, den Tannenbaum abzurüsten“, sagte Klara nun.

Als hätte ich nichts zu tun und würde mich langweilen.
Das E-Book ‚Gespräche mit einer Prima Ballerina‘ muss im Januar fertig werden, neue Blog-Texte sind zu schreiben. Naja und der Korb mit den unerledigten Schriftstücken quillt nach den Feiertagen auch über.

Trotzdem: Ich wollte Klara eine Freude machen und begann, den Baum von seinem Schmuck zu befreien.

Ich ging systematisch vor. Zuerst die Kugeln, dann die Lichter und schließlich der Kleinkram, Weihnachtsketten und so was.
Das alles dauerte über eine Stunde.

Schließlich war ich soweit, ich konnte den Weihnachtsbaum aus dem Ständer herausheben.

Denkste, denn der saß so fest, dass ich es nicht schaffte.
Ich beschloss, den Baum samt Ständer nach draußen auf die Terrasse zu heben.

Dazu musste ich ihn ein wenig schräg halten, damit ich durch die Tür kam. Unten plätscherte es verdächtig. Das Wasser lief aus dem Ständer aus, direkt auf den hellen Teppichboden. Es bildete sich gleich ein großer Fleck.

Darum konnte ich mich nicht kümmern.
Ich fummelte an der Befestigung herum und bekam schließlich den Baumstamm aus dem Ständer heraus.

Jetzt nur noch die Sitze im Auto herunterklappen, den Baum hineinhieven, zum Ablageplatz fahren.

Auf dem Flur waren ebenfalls noch Zweige, die ich gleich mitentsorgte. Wie hatte das Klara nur all die Jahre vorher geschafft? Und ohne zu murren?

Ich hatte mich damit nie abgeben. Ich kaufte den Baum, half beim Aufstellen und das war es dann für mich. Ich kümmerte mich danach wieder um die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Versteht sich.

Jetzt wollte ich wieder ‚Boden gutmachen‘ und half, wo ich konnte. Gott sei Dank kann ich nicht viel.

Aber selbst das, was ich machte, das erschöpfte mich total. Lieber ins Fitness-Studio gehen und in Ruhe die Arme ab und zu bewegen.

Nachdem alles so einigermaßen im Lot war, ich die Zimmer auch noch staubgesaugt hatte, befasste ich mich mit dem Wasserfleck auf dem Teppichboden. Er war leicht braun gefärbt.

Wenn Klara das sah, dann fiel ihr Lob wahrscheinlich schmallippig aus.
Also rief ich Laura an, was man tun könnte, um den Fleck wegzukriegen.

„Papa, auf jeden Fall mit Tüchern trockentupfen.“
Ich tupfte eine Weile, dann hatte ich genug.

Ich holte den Fön aus dem Badezimmer, schloss ihn an und begann damit, den Wasserfleck systematisch trockenzulegen.

Ich kam soweit mit dem Fön nach unten, dass es schon verbrannt roch. Dann strich ich mit der Hand über den Boden, sodass ich besser an die Feuchtigkeit herankam.

Je mehr ich das tat, umso mehr hatte ich den Eindruck, dass es noch feuchter wurde.

Ich holte einen kleinen Hocker in die Ecke und legte eine Decke darauf. Auf die andere Seite stellte ich eine große Pflanze.
Jetzt probierte ich noch aus, wie ich das Licht so anstellte, dass es nicht zu hell war und der Fleck zu aggressiv zu sehen war.

„Freust du dich nicht?“, fragte ich Klara, als sie zur Tür hereinkam.
Sie schwieg, schaute sich um.

„Doch“, sagte sie einsilbig.
„Du glaubst nicht, was das für eine Arbeit war“, sagte ich.
„Glaube ich. Aber sag‘ mal, was ist das für ein Fleck auf dem Boden?“
Jetzt musste ich schnell und ohne vordergründig zu wirken, reagieren.

„Och, da ist ein bisschen Wasser aus dem Ständer herausgelaufen. Ich wollte den Fleck nicht bearbeiten, damit du es fachmännisch tun kannst“, erwiderte ich wie nebenbei.

„Und wieso ist das Wasser überhaupt ausgelaufen?“
„Der Ständer war so stark am Stamm befestigt“, sagte ich.

„Hast du denn das Schloss nicht zuerst gelöst?“
Wusste ich es doch. Irgendwas war da noch. Aber ich hatte keine Lust gehabt, mich unter den Baum zu bücken.

„Irgendwie habe ich den Eindruck, du freust dich gar nicht darüber, dass ich es allein geschafft habe“, antwortete ich.
Klara schwieg. Ich hatte mit meiner Vermutung ins Schwarze getroffen.

Ich zog mich in mein Arbeitszimmer zurück.
Nächstes Jahr, da kaufen wir einen Baum, der nicht größer ist, als 1,30 m. Dann stimmt der Preis auch, der angeschrieben ist –‚Jede Nordmanntanne nur 12,98 Euro‘– ja, wenn er nicht größer als 1,30 ist.

„Willst du noch was essen, ich habe noch schönen Kartoffelsalat von gestern“, sagte Klara.

„Also gut, heute esse ich noch mit, aber morgen, da geht es wieder anders rum“, sagte ich.

Beim Krimi dann bin ich eingeschlafen. Eigentlich wollte ich um die Zeit noch am Schreibtisch sitzen und arbeiten.

Naja, das richtige neue Jahr beginnt erst am Montag. Dazwischen sind noch der Samstag und der Sonntag, Gott sei Dank. Und dann schauen wir mal weiter, im neuen Jahr.