Archiv der Kategorie: ALLTÄGLICHES

Gesichichten, Erlebnisse aus dem Alltag

JEEPY (40)

AM NÄCHSTEN MITTWOCH HOLEN WIR DICH AUS DER KITA AB

 

Hallo lieber Krümel, hier ist wieder Jeepy, dein bester Freund, nach meinem Fahrer, der gleichzeitig dein Opa ist natürlich.

Mein Fahrer ist so aufgeregt, denn er kann dich nächste Woche aus der Kita holen, wenn du ausgeschlafen hast.

Deine Mama hat wieder eine Weiterbildung in der Nähe von Potsdam und sie schafft es nicht, dich rechtzeitig abzuholen.

Deshalb rief sie meinen Fahrer vor zwei Tagen an.
„Willst du Krümel am nächsten Mittwoch von der Kita abholen?“, fragte deine Mama ihn.

„Natürlich, immer gern!“, rief dein Opa laut. Dabei war er noch im Fitness-Center.

Da wird es nicht so gern gesehen, wenn die Handys klingeln und dann noch laut gesprochen wird.

Ein paar Leute drehten sich nach meinem Fahrer um und straften ihn mit missbilligenden Blicken.

Aber das war dem Fahrer egal. Er freute sich, dass er mal wieder mit dir umhertollen kann.

„Hoffentlich spielt das Wetter mit, und wir können noch ein bisschen über die Spielplätze streunen“, hat er zu mir gesagt.

Und ich? Ja, ich muss wieder in der Parklücke stehenbleiben. Aber ich hoffe ja, dass du auch noch zu mir kommst und dann wie immer laut ‚Jeepiiiii‘ rufst. Ja, dann freue ich mich natürlich auch ganz doll.

Deine Oma will ebenfalls mitkommen.
„Das lässt die sich doch nicht entgehen!“, sagt mein Fahrer zu mir.
Naja, mal ehrlich Krümel, sei froh, dass Oma mitkommt.

Dein Opa braucht doch sonst wieder ewig, bevor er alle Sachen gefunden hat.

Und wenn es nicht gut läuft, zieht er dir erst mal wieder die Hose und die Jacke vom Nachbarkind an und fährt anschließend mit dem falschen Kinderwagen aus der Kita.

Deswegen ist Oma lieber dabei und Opa, der freut sich ebenfalls, denn dann kann er sich nur darauf konzentrieren, mit dir möglichst viel Quatsch zu machen.

Also, bis nächsten Dienstag, lieber Krümel,
dein Jeepiiiiiii!

WAS IST MIT DEN ERINNERUNGEN AUS DER ZEIT VOR DER WENDE?

SCHREIB-ALLTAG (9)

Ein Freund rief an und holte mich zurück in eine Welt, die ich fast schon vergessen hatte. Was sollte ich damit anfangen – vielleicht aufschreiben?

Ich habe kürzlich einen alten Freund und Arbeitskollegen gesprochen. Er rief bei mir an, nannte seinen Namen. Ich musste zunächst innehalten, es war zulange her, seitdem wir uns gesehen und gesprochen hatten.

Aber gleich danach purzelten die Erinnerungen, so als würde eine Kiste im Regal umgestoßen. Und dann siehst du auf einmal wieder Dinge zum Vorschein kommen, die du ohne diesen Anstoß nie wieder gesehen hättest.

„Kennst du noch den Martin?“, fragte mich mein Freund.
„Ja, ich erinnere mich dunkel“, sagte ich.

„Der lebt nicht mehr, ist gestorben. Schon vor ein paar Jahren“, sagte er daraufhin.

„Aber der, den du nicht mochtest, weißt du, was aus dem geworden ist?“, bohrte er weiter.

„Was ist aus ihm geworden?“, setzte ich ungeduldig nach, obwohl ich es gar nicht so richtig wissen wollte.
„Du, der hat nach der Wende eine unglaubliche Karriere gemacht, ist viel im Ausland gewesen und kam zu unseren Treffen stets braungebrannt.“

Dann fragte er mich unvermittelt: „Warum kommst du eigentlich nicht, um ehemalige Gefährten zu treffen?“

Ich hatte keine Antwort darauf, schwieg und überlegte.
Ja warum eigentlich bin ich noch nie bei diesen Treffen dabei gewesen?

Ich wusste es nicht.
Zu lange her? Zu langweilig, um Gespräche über Vergangenes zu führen?

Alltägliche Sorgen, die mich umtrieben und noch heute umtreiben?
Vielleicht von jedem ein bisschen.

Trotzdem, diese Menschen, Freunde, Kollegen, sympathisch oder weniger sympathisch, gehörten mal zu meinem Leben.
Die Frage zwang mich zum weiteren Nachdenken:
„Was ist, wenn du davon etwas aufschreibst, festhältst?“, fragte ich mich.

Ich könnte mich zurückerinnern, an gute und an schlechte Tage, fröhliche Ereignisse und traurige.

Auf jeden Fall würde es mich beleben, meinen Alltag lebendiger machen.

Vielleicht sollte ich daraus kleine Geschichten machen – aus dem, was mal zu meinem Leben gehört hat. Ich werde darüber nachdenken.

BESUCH IM PFLEGEHEIM IN DRESDEN

ANNA IST DEMENT (48)

Peter geht an der Tür seines Vaters vorbei. Dort steht jetzt ein anderer Name auf dem Türschild. Peter muss schlucken.

Peter und Klara hatten sich am Samstagmorgen aufgemacht, um mit dem Auto nach Dresden zu fahren – ins Pflegeheim, dort wo Peters Mutter, Getrud Gerber, seit nun schon über anderthalb Jahrzehnten lebte. Sie war im Sommer 90 Jahre alt geworden und litt stark an Demenz.

„Ob sie uns wohl wiedererkennt?“, fragte Peter.
„Ich hoffe“, antwortete Klara, „aber genau wissen wir es erst, wenn wir vor ihr stehen“, setzte Klara nach.

Peter hatte einen Tag vorher noch die Pflegedienstleiterin, Schwester Eva, angerufen und gefragt, wie es seiner Mutter ginge.
„Ihre Mutter ist ganz munter und erkennt auch die Schwestern, wenn sie zur Tür hereinkommen“, sagte Schwester Eva.

„Das freut mich, dann haben wir ja eine Chance, dass sich meine Mutter freut, wenn wir eintreffen“, meinte Peter.
„Ja, ganz bestimmt“, versicherte die Schwester Peter. Dresden kam näher. Es war die Stadt, in der Peter sein Abitur gemacht hatte und mit der ihn viele Erinnerungen verbanden. Und trotzdem, das Gefühl von wirklicher Heimat wollte nicht aufkommen. Zu lange hatte Peter wohl im Norden gewohnt, in Schwerin und später in Stralsund.

Peter stellte das Navigationsgerät aus, denn er wusste, wie er fahren musste.
Sie fuhren an der Frauenkirche in die Tiefgarage und begaben sich zu Fuß zum Pflegeheim.

„Welchen Stock müssen wir drücken?“, fragte Klara, als im Foyer des Heimes in den Fahrstuhl stiegen.

„Ich glaube der dritte ist richtig“, antwortete Peter und ärgerte sich, dass sie es sich nie merkten, wo Getrud Gerber lag.

„Wir sind einfach zu wenig hier“, sagte Peter und wollte mit diesem Satz sein schlechtes Gewissen beruhigen. Als sie aus dem Fahrstuhl ausstiegen, gingen sie den Gang entlang, der zum Zimmer von Peters Mutter führte.

Sie mussten vorbeilaufen an dem Zimmer, in dem Peters Vater – Manfred Gerber – viele Jahre gewohnt hatte. Seine Frau und er wohnten in den letzten Jahren nicht mehr zusammen. Sie besuchten sich, solange es noch ging, aber die fortschreitenden Krankheiten bei beiden brachten es mit sich, dass die Pflege und Betreuung wirkungsvoller war, wenn beide in verschiedenen Zimmern untergebracht waren.

An der Tür von Manfred Gerber stand jetzt ein anderer Name. Peter bekam weiche Knie. Ihm wurde klar, wie endgültig es war, dass er seinen Vater nie wieder sehen oder sprechen würde.

Am Ende des Ganges war ein Buch aufgeschlagen, in dem die Todesnachrichten untergebracht waren. Peter blätterte das Buch durch und erblickte das Foto seines Vaters.

Es war nicht die letzte Seite. Im Herbst waren weitere Todesanzeigen hinzugekommen.

„Hier kommst nur wieder auf der Bahre raus“, hatte sein Vater mal zu Peter gesagt.

Peter schluckte. Er musste sich zusammenreißen, denn sie waren an der Tür von Getrud angekommen.

LAUFBAND – DIE ERSTE TRAININGSEINHEIT

50 KILO ABNEHMEN – (16)
Es geht immer mit dem Laufband los. Eine halbe Stunde ist schnell rum, nur nicht, wenn du dich die ganze Zeit anstrengen musst.

Fitness-Studio in Berlin-Mitte.

Ich bin schon seit kurz vor sechs Uhr hier und habe gerade die halbe Stunde auf dem Laufband beendet.

„Oh Gott, wie soll ich das bloß durchhalten?“, dachte ich noch, bevor ich auf das Laufband stieg. Doch ich habe die Geschwindigkeit auf 2,0 gestellt, die ersten fünf Minuten jedenfalls. Das war mehr ein vor sich hinschleppen.

„Was wohl die Putzfrau von mir dachte, als sie mich sah, während sie selber um mich herum wischte? Auf jeden Fall ist sie unglaublich fleißig und flink noch dazu.

In der sechsten Minute habe ich damit begonnen, die Geschwindigkeit zu erhöhen, und zwar ab da jede neu angebrochene Minute ein bisschen mehr. Zum Schluss war ich bei der Geschwindigkeit 5,0 angelangt.

Das kann man mit sehr schnellem Walken vergleichen. 1,94 km zeigte das Display an, als ich fertig war. Wenn die magische Zahl 30‘ auftaucht, und ich auf ‚Stopp‘ drücke, kann ich es immer gar nicht glauben, dass die Zeit doch so schnell vergangen ist.

Und so war es an diesem Tag auch. Das liegt ganz sicher an der Musik, der ich mich anzupassen versuche, um mich rhythmischer zu bewegen, beschwingter eben.

Manchmal stellt sich ein junger Mann neben mich auf das Laufband, was an sich nichts Ungewöhnlich ist in einem Fitness-Studio. Doch dieser steigt auf das Laufband und fängt an zu laufen, als gäbe es kein Morgen mehr.

Wie im Vollrausch hämmert er seine Füße auf das Band und übertönt sogar die Musik, aber der Spuk ist nach 10 Minuten vorbei, Gott sei Dank.

Auf jeden Fall kann ich nicht so schnell laufen und da bewundere ich ihn auch, aber dafür halte ich die dreifache Zeit aus. Und ich weiß, dass es für mich darauf ankommt, meine Knie mit meinem Übergewicht nicht übermäßig zu belasten.

Nachdem ich vom Band gestiegen bin, hole ich mir ein Tuch, um die Stellen abzuwischen, die ich mit den Händen angefasst habe.

Der innere Motivationsschub signalisierte danach: „Die erste Trainingseinheit ist geschafft.“

Ich habe mich trotzdem damit nicht lange aufgehalten, sondern mich an die nächste Station begeben – zum Rudern.

MORGENS ERST MAL DEN ZEITUNGSBOTEN ERSCHRECKEN

ALLTÄGLICHES (17)

Es ist 03.45 Uhr und der Wecker vom iphone klingelt, besser die Grillen zirpen mal wieder. Mich trifft der Schlag, denn mir ist, als wäre ich gerade erst ins Bett gegangen.

Aber das Zirpen ist unerbittlich und so taste ich nach dem kleinen Störenfried, finde die Stopptaste und kann den Krach abstellen. Ich schwinge die Beine aus dem Bett und sitze auf der Kante.

„Es kann doch nicht wahr sein, dass ich wirklich aufstehen muss“, schießt mir durch den Kopf. Klara rührt sich nicht. Ich mache das Bett, so leise wie es geht.

Aber ich kann nicht leise sein, sagt Klara immer. Gut, dann eben nicht. Also haue ich zum Schluss mit der flachen Hand auf das Kissen, damit es schön flach liegt. Jetzt dreht sich Klara um, sagt aber nichts.

Ich gehe raus, rasiere mich. Mehr mach‘ ich morgens nicht, außer noch Zähneputzen. Wenn ich ins Fitness-Studio nach Berlin reinfahre, dann dusche ich mich erst, wenn ich zurück bin. Jetzt gehe ich hinunter und schaue nach, ob die Zeitung schon da ist.

Vorgestern habe ich dem Zeitungsboten einen großen Schrecken eingejagt . Er stand plötzlich vor mir, als ich die Haustür aufmachte und im Begriff war, in den Briefkasten zu schauen. Er zuckte panisch zusammen. „Nicht erschrecken“, sagte ich.

„Doch, ist bereits passiert“, meinte er, und wir mussten beide lachen.
Heute stelle ich den Tee zum Abkühlen auf die Gartenbank.
Es ist kalt. Der Tag ist wach und ich bin es nun auch.

JEEPY (39)

JEEPY’S GESUNDHEITS-WINTERCHECK

Guten Morgen lieber Krümel,
hier ist Jeepy‘s Fahrer.

Jeepy kann gerade nicht sprechen, er ist zum Gesundheitscheck. Naja, das ist ein bisschen übertrieben.

Aber du kennst das ja, wenn du mit deiner Mama zum Arzt gehst und der Doktor dann sagt: „Mund auf.“ Und wenn du ihn aufgemacht hast, steckt er dir einen Holzspachtel in den Mund und sagt: ‚Weiter aufmachen, noch weiter.“

Dabei hast du den Mund schon auf und kannst nur noch krächzen und die Augen sind auch weit aufgerissen.

Das passiert nun in der Werkstatt, nur diesmal mit Jeepy eben.
Wahrscheinlich prüfen sie gerade seinen Ölstand oder ziehen ihm die Schuhe aus, ich meine, drehen ihm die Räder ab.

Und ich sitze hier lieber Krümel, habe die Beine weit von mir gestreckt, direkt unter dem Tisch.

Also schreibe ich ein bisschen an dich, auf dem iPhone und erwische mit meinen dicken Daumen oft den falschen Buchstaben. Aber das ist nicht so schlimm.

Jeepy geht’s im Moment schlechter.
Der muss sich allerhand Untersuchungen gefallen lassen. Doch dann sind wir auf der sicheren Seite, wenn wir im Dezember zusammen an die Ostsee fahren, und wir gemeinsam das Lied „Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein‘ Fuß“ singen.

Ich kenne ja nur die erste Strophe. Danach muss deine Mama einspringen.

Zum Schluss sagst du dann: „Noch mal“.
Und spätestens dann versucht uns Jeepy zu entfliehen.

Kann er aber nicht, denn wir sitzen ja bei ihm drinnen und singen ungerührt weiter, aus voller Kehle. Das wird wieder lustig.
Bis bald mal, lieber Krümel, und schöne Grüße von ‚Jeepiii‘, der dir aus der Werkstatt winkt.

ANNA IST DEMENT (47)

WIE FIGUREN BEI ‚ANNA IST DEMENT‘ RICHTIG EINFÜHREN UND BESCHREIBEN?

Wir lassen uns mehr von unseren Gefühlen leiten, als wir es selbst manchmal wahrhaben wollen.

Wir hören vor allem deshalb gern Schlager, weil die Melodien in einen Zustand des Glücks versetzen.
Ein anderer hört vielleicht klassische Musik und kann darüber seinen Gefühlen freien Lauf lassen.

In jedem Fall können wir ohne diese Gefühle nicht existieren, oder nur sehr eingeschränkt.
Aber wie bekomme ich es hin, diese Gefühle auf meinen Seiten, speziell bei ‚Anna ist dement‘ zu transportieren?

Klar, ich kann beschreiben, wie Anna aus ihrer Wohnung schaut, auf den Stralsunder Hafen und sich an den Schiffen erfreut, die dort an der Pier liegen.

Aber ich glaube, auf die Dauer wird das langweilig.
Ich muss dazu übergehen, die handelnden Personen näher zu charakterisieren.

Anna zum Beispiel, oder Peter. Zumal das ja Figuren sind, die im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Ich muss sie noch näher beschreiben, damit der Leser sich ein Bild machen kann, in die Gefühlswelt meiner Figuren eintauchen kann.

Und ehrlich: Das habe ich bisher immer vernachlässigt, zumindest wenn es darum ging, in die Tiefe zu gehen.
Natürlich weiß ich, dass es ohne richtige Figuren keine fesselnde Geschichte geben kann.

Und trotzdem tue ich mich schwer damit, die eigenen Gedanken, Gefühle, quasi die eigene Seele dem Leser zu öffnen.
Auf der anderen Seite weiß ich, dass es der einzige Weg überhaupt ist, den Leser tatsächlich zu berühren.

Du fängst also an, dich näher mit deinen Figuren zu befassen, du begibst dich faktisch in sie hinein. Und siehe da, du bist schon bei dir selbst.

Das kannst du gar nicht vermeiden, weil du deine Sicht auf die Person wiedergeben musst und du dich also fragst, warum du sie so und nicht anders siehst.

Wenn ich es schaffen will, dass meine handelnden Personen vom Leser angenommen werden, muss ich schon auch ein klein wenig in die Seele des anderen einsteigen.

Das macht mir Spaß. Ich frage mich immer, warum mir jemand in dem Moment etwas fragt und warum er teilweise gar nicht auf das reagiert, was ich selbst gerade gesagt habe.

Wahrscheinlich, weil es ihn nicht interessiert hat. Aber herauszubekommen, was einem anderem Menschen Spaß macht, was ihn für Motive umtreiben, das ist schon etwas, was ich sehr gern tue.

Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich an die Charakterskizzen meiner einzelnen Figuren zu machen.

50 KILO ABNEHMEN (15)

DER KAMPF HAT NOCH GAR RICHTIG ANGEFANGEN


Ich habe mich ganz gut reingefunden, in das Fitness-Leben. Das ist ein wichtiger Meilenstein in dem Gezerre darum, soviel Gewicht zu verlieren.

Ich denke, ich muss noch mehr tun, was die Umstellung der Ernährung angeht.
Ich verstehe mich manchmal selbst nicht mehr.

Für jedes noch so kleines Projekt plane ich bis ins Detail, lege die Zwischenschritte fest und gleiche regelmäßig das Erreichte ab.
Aber in dem ‚Großprojekt‘ 50 Kilo abnehmen gehe ich ziemlich laienhaft vor.

Dabei könnte es so einfach sein. Aber einfach ist es eigentlich stets nur für den, der darüber nur redet oder nur schreibt. Das trifft auf mich natürlich zu.

Doch es kommt etwas Wichtiges hinzu: Ich muss das, was ich sage, auch noch selbst umsetzen. Und da hört die Freundschaft schon auf, denn das hat viel mit Schweiß, Verzicht und Disziplin zu tun.

Aber ich will nicht jammern. Nein, ich habe es ja selbst so gewollt. Ab heute werde ich aufschreiben, was ich zu mir nehme, um quasi eine Bestandsaufnahme zu erreichen.

Anschließend werde ich das alles analysieren, am besten am Wochenende, um danach Schlussfolgerungen zu ziehen. Hoffentlich die richtigen.

Jetzt noch mal ohne Analyse: Ich habe 800 Gramm in der vergangenen Woche abgenommen.

Sicher, das ist nicht viel, aber es geht vorwärts, und in dem Fall abwärts.

Es grüßt der Dicke, der die Hoffnung und den Kampf nicht aufgibt, kräftig Pfunde zu verlieren.

ALLTÄGLICHES (16)

DER ALLTAG BEGINNT MIT FITNESS

Eine alte Woche liegt hinter mir und eine neue ist gerade angebrochen. Das morgendliche Training im Fitness-Studio gibt mir viel Energie.

Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal jeden Morgen auf dem Laufband stehe, danach beginne zu rudern, anschließend die Beine hebe und senke und erst dann noch an 14 Geräten Übungen absolviere.

Unvorstellbar, wenn mir das jemand noch vor ein paar Jahren gesagt hätte. Doch nun stehe ich schon den fünften Monat morgens auf, bringe Klara nach Berlin-Kreuzberg zur Arbeit, drehe um und fahre im Prenzlauer Berg in die Tiefgarage.

Das ist schon zu einem Ritual geworden. Klara beschwert sich, dass ich bereits um 05.00 Uhr mit zu viel Power auf der Piste bin und versuche, in angeregte Gespräche zu verwickeln. Aber Klara kann um diese Zeit eisenhart schweigen.

Und trotzdem genießt sie es, dass ich sie fahre und sie nicht in den Vorortzug steigen muss, später in die S- und U-Bahn. Ist das alles so toll, und springe ich mit freudiger Erwartung aus dem Bett, wenn das iPhone klingelt, besser die Grillen zirpen?

Ja, vergiss es.
Und wenn ich in die Tiefgarage am Fitness-Center einbiege, aussteige und über mir das Stampfen und Rollen der Gewichte bereits zu hören ist, ja dann habe ich gar keine Lust. Aber nun gibt es kein Zurück mehr.

Ich setze ein Bein vor das andere, steige die Treppen hoch, ziehe die Karte für den Einlass ins Studio durch, kleide mich um und los geht’s. Dann stelle ich mich auf das Laufband, fange langsam an und stelle jede Minute die Geschwindigkeit etwas höher, bis ich in meinem Modus angelangt bin.

Ich schaue auf den Fernsehmonitor vor mir, höre die Musik und komme allmählich in den Rhythmus hinein. Auf der Straße hasten Leute umher, Autos brettern vorüber.

Ich spüre die Energie in mir hochsteigen und gute Laune aufkeimen. Den Tag habe ich auf diese Art jedenfalls geknackt. So war es die gesamte vergangene Woche. Und diese Woche wird es wieder so.

50 KILO ABNEHMEN (14)

MEIN ZIEL ZWISCHENDURCH ZU VERFEHLEN PASSIERT- MEIN ZIEL NICHT ZU KENNEN HINGEGEN DARF NICHT SEIN

Ich muss zurückdenken an den Tag, an dem ich den Entschluss fasste, mich auf das Abenteuer einzulassen, öffentlich darüber zu schreiben, dass ich insgesamt 50 Kilo abnehmen will. Das war der 03. Juli in diesem Jahr.

Manchmal kommen mir echte Zweifel, ob das überhaupt auf einen Blog gehört.

Doch dann sage ich mir wieder, dass ich nicht authentisch wäre, würde ich lediglich theoretisch über Lebensqualität im Alter schreiben.

Und im Kern generiert sich ja bekanntermaßen die Qualität im Leben vor allem durch die Gesundheit. Also: Was liegt näher, alles zu tun, damit die in der Vergangenheit gemachten Fehler nicht fortgeführt werden und das Übergewicht möglicherweise noch anwächst?

Ich wollte unbedingt einen Schlussstrich unter diese Art von Leben ziehen und sofort damit beginnen, meine auf dem Papier festgehaltenen Ziele in die Tat umzusetzen.

Wenn ich davon ausgehe, dass ich im Januar 2019 noch 131 kg wog und jetzt auf 122,8 kg herunter gekommen bin, dann finde ich das schon nicht schlecht.

Das sind rund 8 Kilo, die ich in zehn Monaten verloren habe.
So ganz zufrieden bin ich trotzdem nicht. Ich wollte schon unterhalb der 120 KILO Grenze sein.

Das Gute wiederum daran ist: Ich habe Ziele und ich kenne sie.
Ich ‚schwimme‘ also nicht mehr in einem Ozean und lasse mich treiben, ohne wirklich den Kurs zu kennen.

Das Ziel zu kennen, die Zahlen festzulegen – sie sind in diesem Zusammenhang ausschlaggebend für mich, damit ich dranbleibe, am Abnehmen und am Gesundbleiben.

50 KILO ABNEHMEN (13)

EIN SCHRITT NACH VORN – ABER MANCHMAL AUCH WIEDER ZWEI ZURÜCK

Sonntagmorgen. Ich fertige die Liste für den neuen Monat an – November 2019.

Vorher schaue ich auf das Ergebnis im Oktober. Ich bin ganz zufrieden, denn immerhin sind es 3,5 kg weniger, die ich seit Monatsbeginn auf die Waage bringe.

Am 07.10.2019 waren es 126,3 kg und nun am Monatsende sind es nur noch 122,8 kg.

Es fällt mir nicht leicht, davon zu berichten. Es ist, als würdest du irgendwie nackt dastehen. Doch es geht nicht anders.

Ich will zeigen, dass es sich lohnt zu kämpfen. Aber nicht nur das. Ich möchte darüber schreiben, wie mühselig es ist, wie oft auf einen kleinen Schritt nach vorn zwei Schritte folgen, die in die andere Richtung gehen, nämlich rückwärts.

Aber wer glaubt auch schon, dass jemand mit 50 kg Übergewicht in wenigen Wochen wieder auf sein Normalgewicht zurückgelangt? Ich denke niemand.

Der Weg ist deshalb stets ein wenig das Ziel. Ich gehe jeden Wochentag ins Fitness-Studio im Prenzlauer Berg, ackere inzwischen zwei Stunden an den Geräten. Ich merke es, denn so langsam wachsen die Muskeln wieder.

Jetzt kommt es darauf an, noch mehr in Sachen Ernährung zu tun. Das ist bei mir der ‚Pferdefuß‘. Ich will es hier aus eigener Kraft schaffen und mich nicht in die Hand von Ernährungsberatern begeben.

Das heißt auf der anderen Seite, sich selbst schlau zu machen, zu lesen, zu analysieren. Seit heute notiere ich mir, was ich jeweils gegessen habe.

Ich tippe das sofort ins iPhone, denn das schleppe ich ja ohnehin überall mit mir rum. Am Wochenende werde ich das Ganze dann auswerten.

Es ist nicht nur physisch anstrengend, nein, es braucht genauso die mentale Kraft, die Geduld und den Biss, alles aufzuschreiben, die richtigen Schlüsse aus dem Protokollierten zu ziehen. Ich bleibe dran.

Am 04.12.2019 will ich bei 119,7 kg sein. Das wäre ein phantastisches Ergebnis. Doch das wird kein Spaziergang, es wird hart, durchzuhalten.

ALLTÄGLICHES (15)

WAS HEISST DAS – RUHESTAND GENIESSEN?

In den letzten Tagen habe ich viel darüber in Zeitungen und Zeitschriften gelesen, wie man seinen perfekten Ruhestand verlebt. Sicher, es gibt vieles, was man beachten muss, wenn dieser Zeitpunkt heranrückt.

„Jetzt können Sie endlich Ihren Ruhestand genießen“, „ab sofort brauchen Sie nie wieder früh aufzustehen“, das und anderes hörst du, wenn du sagst, du gehst in Rente, oder du bist es schon.
Aber will man diesen Bruch wirklich? Ich wollte ihn nicht, so jedenfalls nicht.

„Ja, du hast gut reden, du verdienst mit dem Schreiben dein Geld, musst ohnehin nicht aus dem Haus“, gaben mir Freunde und Bekannte zu verstehen, als ich sagte, dass ich weiterarbeiten würde, trotz oder gerade wegen des Ruhestands.

Das stimmt schon, aber es stimmt irgendwie auch nicht. Ich glaube der Unterschied liegt im Denken, darin nämlich, wie ich mein Leben weiter verbringen will. Leben ist nur lebenswert, wenn man nicht direkt auf das Abstellgleis geschoben wird, und wenn dort noch so ein komfortabler Lebensabendwaggon steht.

Ich will auf dem Hauptgleis bleiben, im Lebensfluss mit anderen Menschen. Und wenn du daran festhältst, weiter arbeitest, dann kannst du tatsächlich ein paar Vorzüge des Rentendaseins genießen. Zum Beispiel, dass ich jeden Morgen für zwei Stunden ins Fitness-Studio fahre und erst danach mit der Arbeit beginne.

Rentenzeit ist weiterhin Lebenszeit, auch wenn sie im letzten Drittel des Menschenalters liegt. Ich glaube fest daran, dass man sich selbst im Alter anstrengen sollte, weil man nur so fähig ist, wirklich zu genießen.

50 KILO ABNEHMEN (12)

DER SCHRITTZÄHLER

Am Wochenende kamen wir von einem Ausflug aus der Schorfheide.
„Papa, halt mal bitte am Drogeriemarkt an“, sagte Laura zu mir.

Ich habe angehalten, ohne groß nachzufragen.
Als wir wieder zuhause waren und Laura ihren Einkauf auspackte, da kam ein Schrittzähler zum Vorschein.

„Der ist für dich“, sagte Laura zu mir und zeigte mir ein kleines schwarzes Ding.

„Was ist das?“, fragte ich zurück.
„Ein Schrittzähler.“

„Ich stelle ihn dir noch nach deinem Schrittmaß ein und dann kannst du deine 10.000 Schritte am Tag gehen“, sagte sie zu mir.
„Kein Problem!“, meinte ich.

Ich wusste ja, dass ich bereits auf dem Laufband eine Menge an Schritten ‚abreißen‘ konnte.

Also steckte ich ihn mir nach dem Umziehen im Fitness-Studio an die Hose und stieg auf das Laufband. Als 30 Minuten vorbei waren, da hatte ich genau 2461 Schritte geschafft.

Ein wenig war ich ja enttäuscht, denn im Stillen hatte ich mit wesentlich mehr gerechnet.
Ich schrieb es trotzdem per WhatsApp stolz an Laura.

„Klingt doch gut … fehlen noch 7500“, schrieb sie zurück.
Das konnte einen niederschlagen. Immerhin müsste ich noch dreimal auf das Laufband, um die restlichen Schritte zu schaffen.

Ich drehte meine Runde an den Geräten und dann überlegte ich, was ich noch tun könnte.

Das Gerät für das Treppensteigen, das gefiel mir. Kurz entschlossen stieg ich rauf und drückte auf Start. Ich kam mir vor, wie ein Wasserträger, der von seinem Gefährten auch ein paar Krüge übergeholfen bekommen hatte.

Das war nichts für mich. Ich ging doch noch einmal auf das Laufband. Wieder 30 Minuten.

Inzwischen war es kurz nach 08.00 Uhr. Ich war bereits knapp zweieinhalb Stunden im Studio.

6302 zeigte der Zähler nun an. Das las sich schon gut.
Ich musste zurück, weil die Arbeit am Schreibtisch auf mich wartete.
Schließlich war ich an der Haustür, schloss auf und war froh, dass ich es geschafft hatte.

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte Klara versprochen, dass ich sauge.
Am Wochenende waren wir nicht dazugekommen, da Krümel uns in Atem gehalten hatte.

Ich schleppte also die Teppiche runter, schüttelte sie aus, schmiss den Staubsauger an und saugte durch die gesamte Wohnung. Ich ging die Treppen rauf und wieder runter. Ich schüttete noch die Papierkörbe aus und war endlich fertig. Jetzt war ich gespannt.

Ich schaute auf den Schrittzähler. 6388 Schritte zeigte er an.
Das reichte ja immer noch nicht. 13.30 Uhr. Ich hatte ein wenig an den Pressetexten gearbeitet und konnte eine Pause gebrauchen.

Also zog ich die Strümpfe aus, machte die Haustür auf, damit noch mehr Sauerstoff hereinkam und stapfte die Treppen fünfmal rauf und runter.

Ich war danach bei 6980 und fix und fertig. Und das wollte ich jetzt wirklich jeden Tag machen?
Ich legte mir erst einmal eine Liste an und schrieb die bisher erreichte Schrittzahl auf.

Noch 3020 Schritte notierte ich in die letzte Spalte, die ich mit ‚bis 10.000‘ überschrieben hatte.

Wenn ich davon ausging, dass ich mit einmal die Treppen hoch – und runter 66 Schritte brauchte, dann musste ich ja nur noch knapp 46 Mal die Übung wiederholen.

Ich bekam schlechte Laune und konzentrierte mich erst einmal auf meine Arbeit.
7599 Schritte habe ich am Montag geschafft.

Immerhin, ich hatte angefangen.

ANNA IST DEMENT (46)

FRIEDA IST EINE SCHRECKLICH LAUTE PERSON

Peter dachte noch immer daran, wie er sich Anna gegenüber verhalten hatte. Er fühlte sich im Recht, als er sie bat, den Gurt im Auto anzulegen.

Doch er hatte das außeracht gelassen, was er stets zu Klara in solchen Situationen sagte: „Anna ist dement und wir sind es nicht. Anna kann ihr Verhalten nur noch bedingt steuern.

Wir aber, wir können das und wir haben deshalb die Verantwortung dafür, mit entstandenen Situationen umzugehen.“

Das waren seine Worte. Und nun, wo es darauf angekommen war, sie tatsächlich zu berücksichtigen, da versagte er doch glatt.

Peter hatte darüber mit einer Inhaberin eines Pflegenternehmens telefoniert. Er kannte sie nicht persönlich, aber er wusste, dass sie ihn bestens verstand.

Im Grunde wusste er selbst sehr genau, was er falsch gemacht hatte, aber es tat gut, dass ihm jemand zuhörte, der nicht nur vom Fach kam, sondern auch menschlich nachfühlte, was auf beiden Seiten vorging, auf der Seite von Anna und auf seiner Seite.

Wieviel Konfliktstoff barg die Betreuung von Anna in sich?

Ihre Krankheit stellte jedenfalls alle auf die Probe – Klara, Lucas, die ganze Familie eben.

„Wie geht es euch?“, fragte Anna einige Tage später Klara am Telefon.
Sie hatte längst vergessen, welche Auseinandersetzung sie mit Peter und Klara hatte.

„Manchmal hat die Demenz auch gute Seiten“, sagte Peter.
Klara schaute ihn empört an.

„Das ist ja wohl nicht dein Ernst“, sagte sie.
„Du hast Recht. Es ist schlimm genug, dass Anna vieles gar nicht mehr mitbekommt.“

„Und vor allem, meine Mutter mag dich doch so gern. Sie hat in den ganzen Jahren unserer Ehe nie ein böses Wort über dich gesagt“, setzte Klara nach.

„Ja, ich weiß.“
Peter schmunzelte.

„Warum lachst du?“, fragte Klara.
„Weißt du noch, wie ich mit Frieda über Politik stritt und es emotionaler wurde?“

„Ja, und?“
„Naja, hinterher sagte Anna nicht etwa, dass ich zu laut gesprochen hätte. Nein, sie meinte, dass Frieda nur so eine schrecklich laute Person sei.“

ALLTÄGLICHES (14)

DAS LIEBLICHE GRILLENZIRPEN

03.50 Uhr.
Ich komme mir vor wie ein Schichtarbeiter, der zur Arbeit muss. Ich arbeite zwar, bin aber hauptberuflich Rentner.

Ich habe das iPhone so eingestellt, dass um diese Zeit der Wecker klingelt. Er klingelt eigentlich nicht, es ist vielmehr ein Geräusch, das an ein Zirpen der Grillen erinnert.

Und so binde ich das Geräusch erst einmal in meine Träume ein und denke gar nicht daran, aufzustehen, bis Klara mich anstößt.

„Dein Telefon!“, brummt sie genervt. Sie hat ja noch zehn Minuten Zeit. Dann geht der Radiowecker so laut an, dass du bereit bist, sofort aus dem Bett zu schnellen.

Deshalb stehe ich früher auf und kann mich sogar noch in Ruhe rasieren.

„Lass doch die Grillen zirpen“, sage ich zu Klara und drehe mich vorsichtshalber um. Aber die Grillen fangen an zu nerven und Klara gibt auch keine Ruhe.

„Jetzt dreh‘ doch endlich diesem scheußlichen Weck-Ton den Hahn ab“, schnauft sie. Sie will noch ihre paar verbliebenen Minuten bis zum Aufstehen vor sich hin dösen.

„Das ist kein scheußliches Signal, sondern das liebliche Grillenzirpen“, sage ich und staune, dass ich überhaupt schon einen Satz herausbringe.

Ich stelle den Wecker abends am iPhone ein und lasse es auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer liegen.

Und so bin gezwungen, morgens sofort aus dem Bett zu kommen, um den Wecker am Telefon auszustellen. Und was weiter? Ja dann stehe ich ja bereits und bleibe natürlich auf. Ich liebe es eben, wenn morgens alles nach Plan läuft.

Zwei Stunden weiter, 05.55 Uhr: Ich habe Klara zur Arbeit gegenüber vom Springerhochhaus gefahren und biege in die Tiefgarage des Fitness-Studios ein. Eine Viertelstunde später stehe ich auf dem Laufband. Jetzt beginnt der Tag wirklich.

ALLTÄGLICHES (13)

DU HAST WOHL ANGST, DASS DU NICHT ZURÜCKFINDEST?
(Teil 2)

Ich schaute auf die Uhr, kehrte auf dem Weg um und ging langsam zurück. Ich war lange nicht gelaufen und gestand mir deshalb eine Reihe von Kompromissen zu. Zuerst wollte ich eine Stunde laufen und deshalb nach einer halben Stunde umkehren.

Dann bin ich auf 50 Minuten heruntergegangen und wollte nach 25 Minuten den Rückweg antreten. Schließlich blieb ich bei 40 Minuten hängen und dann waren 20 Minuten erreicht. Ich konnte also umdrehen.

Als ich das Auto sah, schnallte ich die Stöcke ab und schlenderte die letzten Meter zurück.
Das tat ich besonders gern, weil ich dann noch einmal die Ruhe im Wald genießen konnte.

Klara war noch nicht zurück. Ich nahm mein Handy heraus und fing an in dem Notizteil zu schreiben. Inzwischen kam ich damit gut klar, auch wenn mein iPhone klein war und ich oft mit meinen Fingern auf den falschen Buchstaben tippte.
Plötzlich klingelte es.

„Kannst du mich sehen?“, fragte Klara mich.
„Ich kann dich nicht sehen!“, antwortete ich.

„Wo bist du denn?“
„Ja, wenn ich das wüsste“, sagte sie mit kläglichem Unterton.
„Ich hupe mal, vielleicht hörst du das ja“, schlug ich ihr vor.

Ich drückte auf die Hupe, aber sie hörte mich nicht.
„Dann musst du es eben so weiter versuchen, klarzukommen“, sagte ich zu ihr.

Sie sagte nichts weiter. Anfangs hatte sie mich noch spöttisch angesehen, dass ich nicht vom Weg abweichen wollte. Jetzt aber sah sie, dass dies nicht die schlechteste Idee war.

Es vergingen einige Minuten und ich sah in der Ferne eine Gestalt, die hin- und her schwankte.

Sollte sie das etwa sein? Ich fuhr das Auto von der Seite auf die Lichtung und machte das Scheinwerferlicht an.
Es musste Klara sein, auch wenn sie nicht winkte und nicht ans Handy ging.

Also fuhr ich ihr kurzentschlossen entgegen. Aber mir war nicht wohl bei dem Gedanken, denn eigentlich durfte der Waldweg nicht befahren werden.

Doch jetzt war das für mich eine Notsituation.
Schnell kam ich dem Schatten näher. Es war Klara.

„Gut, dass du mir entgegengekommen bist, ich kann nicht mehr“, sagte sie zu mir mit letzter Kraft.

In der Hand hielt sie den Korb, bis oben hin voll mit Pilzen.
Sollte ich jetzt also sagen: „Ja, du wolltest ja alles besser wissen und nicht auf mich hören. Nämlich, dass wir uns abstimmen, wo genau wir hingehen, und wann genau wir am Auto zurück sind.“
Das klang alles so spießig, auch wenn es vernünftig war.

„Du hast ja den Korb tatsächlich mit Pilzen voll bekommen“, sagte ich stattdessen und war stolz auf mich, dass ich es geschafft hatte, meine Belehrungen zu unterlassen.

ALLTÄGLICHES (12)

DU HAST WOHL ANGST, DASS DU NICHT ZURÜCKFINDEST?
(Teil 1)

Freitagabend. Klara fragte mich, ob wir noch einmal in die Schorfheide fahren wollten, um Pilze zu sammeln.

Ich verspürte wenig Lust dazu und würde mich lieber vor den Fernseher hocken und eine Talkshow aus der Mediathek aufrufen.
„Ich denke, du willst dich darüber nicht mehr aufregen, was die in den Runden von sich geben?

Komm‘ lieber mit in den Wald. Du musst ja keine Pilze sammeln, sondern nur nebenher spazieren gehen“, versuchte sie mich zu überreden.

„Nur nebenher laufen, das ist ja wie ein bisschen schwanger sein, nichts Richtiges und nichts Ganzes. Dann mach‘ ich lieber Nordic Walking“, sagte ich zu ihr.

Also packte ich die Stöcke ein und zog mir die Turnschuhe an. Ich versuchte es jedenfalls. Denn in dem Moment, wo ich den Schuhanzieher zwischen meinen rechten Hacken und den Sportschuh stecken wollte, kam mein Nachbar vorbei. Ich legte den Schuhanzieher auf die Gartenbank vor dem Haus und hüpfte auf einem Bein zu ihm hin.

‚Das Training im Fitness-Studio hatte also doch schon was gebracht‘, dachte ich bei mir. Der Nachbar hatte Zeit und formulierte seine Sätze gemächlich, ich schwankte indessen auf einem Bein hin und her und hinter mir wartete Klara darauf, dass ich endlich den zweiten Schuh anzog.

Schließlich gelang es mir doch, mich aus dem Gespräch zu lösen. Wir fuhren los und waren schnell am Ziel.

„Ich gehe den Weg entlang“, sagte Klara und zeigte auf einen mit Moos und Gras bewachsenen Pfad, der sich durch den Wald schlängelt.

„Ich bleibe hier auf dem geraden Weg, da finde ich auch wieder zurück“, entgegnete ich.
Klara lächelte milde und sagte: „Du hast wohl Angst, dass du nicht zurückfindest?“

„Naja, das geht schneller, als du denkst. Immerhin sind wir in der Schorfheide und
nicht im Stadtpark von Berlin-Hohenschönhausen“, sagte ich beleidigt.

Klara stapfte in Richtung ihres Weges und ich legte meine Stöcke an und lief ebenfalls los.

Eine Zeit lang hörte ich noch das Rauschen der Autos auf der Landstraße, dann ebbte es aber mehr und mehr ab. Es roch gut. Ja, es duftete förmlich nach Tannennadeln, die auf dem Boden verstreut waren.

Der Farn war am Rand inzwischen braun geworden. Die Sonne tauchte noch einmal auf und schien durch die Bäume hindurch. Es war still, nur ab und zu hörte ich ein Knarren, wahrscheinlich von einem hin-und her schwankenden Baum.

‚Gut, dass Klara so hartnäckig war und wir jetzt hier in der Schorfheide waren‘, dachte ich bei mir.

Ich tauchte gedanklich in eine neue Welt ein und merkte, wie der Stress von mir abfiel.

An der rechten Seite des Weges war ein Holzstapel zu sehen. An einem der Baumstämme war mit grüner Farbe die Zahl 191 825 vermerkt.

‚Die merkst du dir jetzt aber nicht‘, versuchte ich mir einzuhämmern.
Doch genau das Gegenteil passierte. Ich kriegte die Zahl nicht mehr aus meinem Kopf. Wahrscheinlich, weil ich mich von anderem unnötigen Gedankenballast befreit hatte und nun Platz war für neue Gedankenspiele.

Außerdem: Ich merkte mir Zahlen gern. Das klebte wie ein Fluch an mir, weil es Dinge waren, die keiner brauchte und wissen wollte.

Zum Beispiel das Autokennzeichen von unserem ersten Trabbi aus Dresden: ‚YE-78-44‘. Wer wollte das schon wissen.

Wenn ich das sagte, dann schauen mich meistens die anderen in der Runde an und dachten wohl: „Ja, der Dicke, mit dem geht es nun auch abwärts, seitdem er in Rente ist.“

JEEPY (36)

JEEPY KRIEGT WINTERSCHUHE

Hallo Krümel,
hier meldet sich dein bester Freund, nach ‚Bubba‘, deinem Opa und meinem Fahrer, selbstverständlich.

Wir wollen heute ins Autohaus. Ich kriege wieder Winterschuhe an, ich meine Winterreifen.

Die stehen dort seit einem halben Jahr im Regal und warten sehnsüchtig, dass sie ans Tageslicht dürfen. Ich muss deshalb meine Sommerschuhe abgeben, die ebenfalls bis nächsten Ostern im Regal verschwinden.

Der ‚Schuhwechsel‘ ist gar nicht so einfach. Ja du, du hockst einfach auf den Fußboden, hebst deinen kleinen Fuß in Mamas Richtung oder wenn dein ‚Bubba‘ da ist, eben in seine Richtung. Und den Rest kannst du getrost beobachten und abwarten. Aber du willst ja schon alles allein machen und bald beherrscht das Schuhe anziehen auch.

Doch ich, ich werde auf einer Bühne nach oben befördert, wenn an meinen ‚Schuhen‘ herumgeschraubt wird.

Und der Fahrer? Ja der, der wird sich wieder genüsslich im Autohaus umschauen, ob er nicht ein größeres Auto findet, mit einem größeren Kofferraum, wie er meint.

Das macht mich ganz traurig. Aber du Krümel, du bist ja auch noch da.
Also, wenn du mich das nächste Mal siehst, dann ruf‘ ganz laut: „Jeeeppiiii!“

Und dazu stampfst du vor Freude mit den Beinen auf, so wie du es das letzte Mal bei unserem Treffen getan hast. Ja, dann wird der Fahrer ganz weich und wird mich bestimmt nicht umtauschen.

Also Krümel, denk‘ dran: Du hast es in der Hand!
Bis bald mal, dein heimlich bester Freund „Jeepy“

ALLTÄGLICHES (11)

DIE WELT IST EIN DORF

Es war ein heißer Tag geworden. Und das, obwohl wir Mitte Oktober schreiben.
Klara war dabei die Hecke zu schneiden und ich ging zu ihr, um das abgeschnittene Grün zusammenzufegen.

Klara hielt mich für talentiert genug, diese Sache ordentlich zu erledigen.
Aber an die Hecke – nein, da ließ sie mich nicht ran.
Schließlich war sie mit dem Heckeschneiden fertig und es ging nur noch darum, ein paar Äste am Baum zu kürzen, die über die Hecke ragten.

„Kann ich auch mal?“, fragte ich schüchtern.
„Ja, na klar!“, antwortete Klara großzügig und kam von der Leiter herunter.

„Pass bloß auf, dass du nicht herunterfällst“, sagte sie noch, als ich mich bereit machte, die Leiter zu erklimmen.

„Zeigst du mir, welchen Ast ich abschneiden soll?“, fragte ich vorsichtshalber.

„Nein, das machst du schon“, meinte sie hingegen.
Also ging ich ans Werk und kappte den ersten Ast.
„Also der sollte eigentlich dranbleiben“, hörte ich Klara zu mir heraufrufen.

Ich störte mich nicht daran und kappte die Äste weiter.
„Oh Gott, warum hast du denn jetzt den gekürzt?“

„Warum nicht?“, fragte ich zurück.
„Das ist ein Fliederbaum, und du musst aufpassen, welchen Ast du kürzt“, sagte sie daraufhin.

„Dann mach‘ doch deine Arbeit alleine“, brummte ich und stieg wieder die Leiter hinab.

Wortlos kehrten wir noch Äste zusammen, packten alles ein und gingen zur anderen Seite des Hauses zurück.

Der Schweiß lief mir herunter. Ich hatte den dicken Pullover an. Ich hatte mich bereits auf Winter eingestellt und erwartete das gleiche jetzt vom Wetter.

Schließlich sank ich auf die Bank vor unserer Eingangstür und schaute schlecht gelaunt vor mich hin.
Da kam der Briefträger. Der, der immer mit dem Fahrrad kommt und spezielle Post verteilt.

Meist waren das die Rechnungen. Jetzt wieder. Er überreichte mir einen Brief von der Telekom, mit einer Rechnung natürlich.
„Oh, sammeln Sie auch Steine von der Ostsee?“, fragte der Postbote mich und zeigte interessiert auf die Rückseite der Carportwand.

Dort hingen Steine, die Klara an einem Band befestigt hatte.
„Ja, wir sind Ostseefans“, antwortete ich kurz, obwohl ich kaum Lust hatte, meinen Mund zu öffnen.

„Und wo fahren Sie da hin?“, hakte der Postbote weiter nach.
„Wir fahren nach Rügen, an den Jasmunder Bodden. Aber das werden Sie vielleicht nicht kennen.“

„Und in welchen Ort?“, fragte er.
„Polchow“, sagte ich und war der festen Überzeugung, dass er dieses kleine Dorf auf keinen Fall kennen konnte.

„Nein!“, rief er aus.
„Doch!“, sagte ich.
„Wir hatten da viele Jahre eine Laube, in der wir die Ferien verbrachten.“

„Und wo da genau?“, fragte er mich, so als würde er den Wahrheitsgehalt meiner Worte überprüfen wollen.

„Sie kennen ja die Kappstraße, oder?“
„Kenn‘ ich“, sagte er.
„Links geht es zum Wasser, rechts ins Dorf und geradeaus zu unserem geliebten Bungalow“, sagte ich.

Der Postbote schaute mich an, zückte seine Brieftasche, holte den Ausweis heraus und gab ihn mir.
Dort stand sein Geburtsort: Polchow!

„Nein“, rief ich jetzt.
„Oh doch“, antwortete der Postbote schmunzelnd.
„Meine Schwester wohnt dort heute noch.“

Als er uns ihren Namen verriet, da sagte Klara: „Ihre Schwester hat viele Jahre direkt in Sassnitz in unserem Haus gewohnt, eine Wohnung unter uns.

Wir verabschiedeten uns fröhlich und meine schlechte Laune war wie verflogen.

„Die Welt ist ein Dorf“, sagte ich zu Klara und biss herzhaft in den Streuselkuchen, den ich gar nicht mehr essen wollte.

ALLTÄGLICHES (10)

MEINE ART, ZUM GEBURTSTAG ZU GRATULIEREN – NICHT AUF DEN SONNTAG, SONDERN AUF DEN ALLTAG SCHAUEN

Ich habe heute Morgen einem Geschäftspartner zum Geburtstag gratuliert und ihm zum Schluss folgendes geschrieben: „Ihr größtes Geschenk in Ihrem Leben kann in der Erkenntnis liegen, dass der größte Reichtum tatsächlich nicht zwingend in den monetären Dingen zu finden ist, sondern in den kleinen Dingen und Widrigkeiten des Alltags – zum Beispiel, wenn man dem geliebten Hund hinterherpfeifen muss, weil selbst der seinen eigenen Kopf hat.“

50 KILO ABNEHMEN (11)

ICH WILL ABNEHMEN – UND TROTZDEM KEIN VORBILD SEIN

Letzter Freitag, vergangener Woche: Das war wieder ein guter Tag.
Ich kriege die ‚volle Dröhnung‘ an positiver Energie im Fitness-Studio.

Ein guter Freund sagte mir, dass ich für andere kein Vorbild bin, weil es beim Abnehmen mal vor und zurückgeht.
Aber will ich überhaupt ein Vorbild sein?

Ich denke nicht, denn mir geht es um etwas anderes.
Ich will zeigen, dass es kein Spaziergang ist, auf dem du nur einfach deine Übungen machen musst, die richtigen Ernährungstipps befolgen sollst, und schon klappt es.

Das ist wichtig, aber entscheidend ist, ob ich meine Einstellung zum Leben verändern kann.

Warum? Nun, weil ich über Jahrzehnte nachlässig mit meinem Körper, meiner Gesundheit umgegangen bin. Karriere, die Wende mit ihren gewaltigen Veränderungen im beruflichen Bereich bewältigen – es gibt viele Gründe, warum ich überhaupt so viel Übergewicht angesammelt habe.

Und wer würde mir schon abnehmen, dass es von nun an nur noch mit dem Gewicht abwärts geht?

Kein Mensch. Die Härte besteht darin, die Einsicht zu gewinnen, das ich etwas tun muss, damit beginne und schließlich nicht aufhöre. Meine inneren Motivationskräfte hochzuhalten, damit ich nicht ins alte Muster zurückfalle, das ist das Erfolgspotenzial.

Das wird mir klar, wenn ich an den Geräten bin und deshalb schreibe ich in den Pausen zwischen den einzelnen Trainingseinheiten darüber.

Indem ich aufschreibe, was ich gerade für eine Trainingseinheit absolviert habe, bekomme ich wieder gute Laune.

Montag geht es weiter, denn Punkt 06.00 Uhr steige ich auf das Laufband und danach absolviere ich weitere 10 Stationen. Und so klappt es auch mit dem Abnehmen.

Ich freu‘ mich drauf, auch wenn es kein Spaziergang wird. Aber nur so entsteht ja die nötige positive Energie.

SCHREIB-ALLTAG (8)

WARUM AUSGERECHNET DER ALLTAG?

Ich habe in den vergangenen Tagen noch einmal darüber nachgedacht, warum ich gerade den Alltag zur Vorlage für meine Texte nehme.

Und wie passt dazu zum Beispiel die Pflege?

Um mir selbst noch einmal zu verdeutlichen, warum gerade der Alltag im Fokus meines Schreibens steht, habe ich die Rubrik ‚WARUM ICH ÜBER DEN ALLTAG ERZÄHLE‘ überarbeitet und zum großen Teil neu gefasst:

Unser ganzes Leben besteht aus Alltäglichem – aus kleinen Sorgen und großen, aus Kummer, Liebe, Leidenschaft, fantastischen Erfolgen und schlimmen Niederlagen.

Der Sonntag oder der Feiertag, sie sind wichtig, dienen meistens dem Innehalten, aber unsere Energie, unsere Motivation stecken wir in den Alltag.

Diese ‚alltägliche Wirklichkeit‘ erlebt jeder anders, nimmt sie ganz individuell wahr.

Deshalb will ich keine allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten herausarbeiten, die man vielleicht im Alltag beachten sollte.

Nein, ich kann nur von meinem Erfahrungshorizont aus schreiben.
Darum wähle ich auch in den meisten Texten die ‚Ich-Erzählperspektive‘.

MEINE KERNTHEMEN SIND:
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ANNA IST DEMENT (45)

LEG‘ DEN GURT RICHTIG UM, BITTE
Klara und Peter wollen mit Anna einen Ausflug machen.Anna stöhnt, weil sie sich anschnallen muss. Peter kommt an seine Grenzen, er wird lauter, und er ist erschrocken - seinetwegen. 

„Wir wollen einen Ausflug machen“, sagte Klara zu Anna.

„Wohin?“, fragte Anna.

„Nach Altefähr“, antwortete Klara.

Anna schaute Klara mit wirren Augen an.

„Wieso willst du einen Ausflug machen, ich versteh‘ das nicht.“

„Mutti!“, Klara hatte Mühe, sich zu beherrschen, „wir wollen, dass du mal an die frische Luft kommst und nicht immer zu Hause herumhockst!“

„Warum hocke ich rum?“, fragte Anna vorwurfsvoll zurück.

„Ich halte das nicht mehr aus“, sagte Klara zu Peter, als sie wieder aus der Wohnung raus waren.

„Aber du weißt doch, dass das ihre Krankheit ist“, versuchte Peter sie zu beruhigen. Sie sprachen nicht mehr darüber.

Am nächsten Tag fuhren Klara und Anna zu Annas Haus, um sie zum Ausflug abzuholen.

„Ich geh‘ hoch und helfe Mutti beim Anziehen“, sagte Anna, bevor sie aus dem Auto stieg, um die Treppen zu Annas Wohnung hinaufzugehen. Peter wartete im Auto.

Er war in sein Handy vertieft, als es an die Autoscheibe klopfte.  Peter schaute nach draußen. Klara winkte. Hinter ihr stand Anna, mit  mürrischen Blick.

Peter stieg aus dem Auto aus und ging zu Anna, um ihr ins Wageninnere zu helfen. Anna stöhnte und als sie schließlich saß, da zerrte sie an dem Gurt, als würde der sie umbringen.

„Was ist denn das für ein Scheiß“, fluchte Anna.  So etwas hätte sie früher nicht gesagt, als sie noch gesund war.

„Steck‘ bitte den Gurt in die Schnalle.“

„Welche Schnalle?“, fragte Anna Peter und schaute ihn böse an.

„Ich komme jetzt auch nicht auf den richtigen Begriff, aber warte, ich mach das für dich.“

Peter stieg hinten ein und befestigte Annas Gurt wortlos.

„Ach, das ist mir zu eng“, sagte Anna und schaute Peter vorwurfsvoll an. Gleichzeitig zerrte sie am Gurt und hielt ihn mit einer Hand vom Oberkörper weg.

„Bitte nimm die Hand da raus“, sagte Peter.

„Warum?“

„Weil ich der Fahrer bin und die Verantwortung für deine Sicherheit trage.“

Anna schaute ihn spöttisch an: „Du bist wohl der Kapitän auf einem großen Schiff?“

„Wenn du jetzt nicht das tust, was ich dir sage, dann kann ich dich nicht mitnehmen.“

Peter erschrak über seine laute Stimme. Es fiel ihm schwer, Anna so zu nehmen, wie sie gerade war.

Klara hatte auch ihre Probleme damit. Aber sie schluckte es runter. Doch Peter konnte das nicht alles bei sich behalten. So wie ein altes Stück Fleisch, das man schließlich doch zerkaute und mit Mühe herunterwürgte, bis er es ab einem bestimmten Punkt wieder nach oben brachte und es auskotzte, vor die Füße der anderen.

Und so war bei Anna, als sie zu ihm spöttisch sagte, dass er ja wohl nicht der große Kapitän auf einem Schiff sei, sondern nur der kleine Fahrer von einem kleinen Auto.

Da brach es aus ihm heraus:

„Du brauchst mich hier nicht zu verspotten. Wir sind nur hierhergekommen, um nach dir zu sehen, uns um dich zu kümmern. Klara tut alles, damit du in deiner Wohnung klarkommst. Ich schreibe die Unternehmen und die Leute an, mit denen du unnötige Verträge geschlossen hast, um dich da wieder herauszuholen. Du musst dich dafür nicht bedanken, aber wir wollen nicht auch noch von dir verhöhnt werden.“

Peter hielt inne. Er wusste, dass er zu weit gegangen war. Klara schwieg.

Aber es war dieses Schweigen, was ihm signalisierte: „Warum sagst du das alles? Das kommt doch gar nicht an bei meiner Mutter. Du bringst sie nur noch mehr durcheinander.“

Peter sagte nichts mehr. Er stieg nach vorn ins Auto und fuhr einfach los. Anna hatte die Hand aus dem Gurt herausgenommen.

 

 

ANNA IST DEMENT (44)

ICH BITTE UM DIE TABLETTEN AUS DER KISTE
Lukas ist auf dem Weg zu Anna, wie jeden Tag.
Anna schaut ihn mit wirrem Blick an.
Sie versteht nicht, warum die Kiste mit den Spritzen verschlossen ist, und warum nur der Pflegedienst sie aufmachen darf.

Lukas ist auf dem Weg zu Anna.

Vorher hatte er noch im Stralsunder Hafen bei einem älteren Ehepaar aus Hamburg vorbeigeschaut, die in ihrer Ferienwohnung Urlaub machten, und die ihn mit der Betreuung der Feriengäste betraut hatten.

Im Herbst, wenn der Ansturm der Urlauber abflaute, kamen die Eigentümer selbst, um sich ein wenig von Hamburg zu erholen.
Sie freuten sich, wenn Lukas vorbeikam und sich nach ihrem Befinden erkundigte.

Aber nun war er auf dem Weg zu Anna. Als er in der Tür stand, schaute sie ihn mit wirrem Blick an.

„Du kommst ja ganz schön viel, hast du nichts zu tun?“

Lukas schwieg. Er kämpfte seinen Ärger hinunter. Er hatte sich extra beeilt. Und nun dieser Vorwurf von Anna.

„Jetzt lass mich doch erst einmal hereinkommen!“, sagte er stattdessen.

In seine Stimme war ein klein wenig mehr Schärfe gekommen, als er es selbst wollte. Er ging ins kleine Zimmer, in der die Kiste mit den Spritzen und Tabletten stand.

„Ich versteh‘ nicht, warum die Kiste hier verschlossen ist“, sagte Anna mit vorwurfsvollem Unterton zu Lukas.

„Mutti, damit du dort nicht rangehst und dir eigenständig die Spritzen und Tabletten rausholst.“

„Aber wer soll das denn sonst tun?“, fragte Anna.

„Mutti!“, Lukas hielt inne, weil er Angst hatte, dass er zu laut wurde. Sein Blick fiel auf zwei Zettel, die auf der Kiste lagen.

„Achtung! Wer gibt mir die Tabletten aus der Kiste?“, hatte Anna dort draufgeschrieben.

„Wie regeln? Morgens muss ich meine Tabletten einnehmen. Das ist alles in der Kiste!“

Lukas stockte der Atem. Anna hatte nichts begriffen, im Gegenteil, sie versuchte immer noch an die Kiste heranzukommen.

„Habe also nichts eingenommen. Abends kann ich so nicht arbeiten.“

„War der Pflegedienst schon hier und hat dich gespritzt?“, fragte Lukas.

„Nein, hier war keiner. Und die Kiste ist auch zu. Es ist zum Verzweifeln.“

Lukas schlug das Buch auf, in dem die Mitarbeiter des Pflegedienstes regelmäßig eintrugen, wann sie dagewesen waren.

„Hier steht doch, dass vor zehn Minuten der Pflegedienst da war, dich gespritzt hat und dir die Tabletten verabreicht hat.“

„Das kann doch nicht sein, dass ich das schon wieder vergessen habe“, sagte Anna resigniert.

 

ALLTÄGLICHES (9)

DER ERSTE TAG NACH DEM URLAUB

Ich sitze heute das erste Mal nach dem Kurzurlaub wieder am Schreibtisch.

Heute Morgen bin ich 03.59 Uhr aufgewacht und wusste, dass in einer Minute der Wecker klingelt.

Ich habe nur gedacht: „Das kann doch nicht wahr sein.“

In schwierigen Situationen kann eine Minute richtig lang sein.
Doch heute war es, als wäre nur eine Sekunde vergangen. Ich habe mein Bein noch in die Decke eingekuschelt und so getan, als würde ich nichts hören.

Aber: 05.00 Uhr saßen wir dennoch im Auto. Nicht ganz, denn Klara hatte die Brille vergessen, wie gewöhnlich also.

Die Straßen waren ziemlich leer und ich kam sehr gut durch. Bis auf die Gegend um das Rote Rathaus, denn da ist viel gesperrt oder die Fahrbahnen sind eingeengt.

Ich dachte kurz daran, wie es wohl heute Mittag sein würde, wenn die Klimaaktivisten so richtig loslegten.

Ich finde es gut, wenn sich Menschen dafür einsetzen. Und trotzdem: es nervt.

Aber vielleicht geht es nicht anders, wenn sich wirklich etwas tun soll. Ich glaube nur, dass Hysterie auch nichts bringt.

Würden wir das alles bei dem Getöse konsequent zu Ende denken, so müssten wir sofort unsere Handys abgeben, Pferdefuhrwerke besteigen und auf diese Weise ins Zentrum fahren. Das wäre konsequent. Oder?

Abends dann im Wald Beeren sammeln und in einer Hütte aus selbstgeschnittenem Schilf übernachten.

Naja, jedenfalls war ich im Fitness-Studio, habe meine Übungen diszipliniert durchgezogen und bin motiviert zurückgefahren – ohne an Straßensperren von Klimaaktivisten vorbeizukommen. Der Berliner Norden und das Umland sind ja auch nicht so interessant für sie. Für mich ist das gut.

Auf jeden Fall habe ich mir schon ein kleineres Auto gekauft, nachdem ich jahrelang einen SUV-Mercedes gefahren bin und davor einen 7er BMW. Schande über mich.

Aber schön war es trotzdem.

 

ANNA IST DEMENT (43)

ANNA IST ÜBERFORDERT, LUKAS AUCH
RÜCKBLICK - ANNA IST DEMENT (42)
Lukas war mit der Situation, die sich ihm bot, überfordert.
Seine Mutter fragte laufend nach, warum er das alles eingekauft hatte, Frieda, Annas Freundin, stand hinter Anna und beobachtete mit Argusaugen, was sich zwischen Mutter und Sohn abspielte.

Frieda war von Herzen gut, selbst sehr organisiert in ihrem eigenen Leben, aber sie war eben auch von einer zügellosen Neugier getrieben.

Sie musste alles wissen – was im Kühlschrank von Anna war, warum Anna ihr nichts davon erzählt hatte, dass sie auf einer Beerdigung von einer guten Bekannten gewesen war.

Frieda machte es für Lukas nicht gerade leicht, in dem Moment, wo er so schnell wie möglich wieder losfahren wollte.
Auf ihn warteten seine Kunden. Die einen wollten ihren Garten gemäht haben und die anderen waren Gäste in einer Ferienwohnung und drängten darauf, dass die Herdplatte wieder anging.

Dazwischen Frieda Krüger mit ihren Bemerkungen, die die ganze Situation noch verschlimmerte.

„Anna, ich verstehe nicht, warum du die Bestellungen nicht gleich für eine ganze Woche auf den Zettel schreibst und sie dann Lukas gibt‘s. Der kann dann einkaufen, wenn er Zeit dafür hat.“

Frieda meinte es gut, aber das alles sagte sie zu einem Zeitpunkt, wo es wirklich nicht angebracht war, denn Lukas hatte ja nun gerade eingekauft.

„Was meinst du mit dem Einkaufszettel? Warum soll ich einen Einkaufszettel schreiben?“, fragte Anna unwirsch dazwischen.

„Und die Schwestern kommen auch nicht zum Spritzen.“
„Mutti, es ist jetzt kurz vor zwölf. Die Schwestern werden gleich kommen, und du bekommst dann deine Spritze.“
Hast du denn kein Buch, wo das eingetragen wird?“, fragte Frieda.

„Was für ein Buch?“, fragte Anna.
„Ich habe noch nie ein Buch gesehen“, erwiderte Anna trotzig.

 

50 KILO ABNEHMEN (10)

ZIEL NICHT ERREICHT – IM GEGENTEIL

Heute ist der Tag, an dem ich für den Monat September Bilanz ziehe.

Eine negative Bilanz: Mein Ziel war es, von 124,4 kg auf 117,8 kg zu kommen, also 6,6 kg weniger.

Das Gegenteil ist eingetreten, ich habe nämlich zugelegt: von 124,4 auf 125,3 kg.

Damit wiege ich am 30.09.2019 insgesamt 900 Gramm mehr, als ich am 01.09.2019 wog.

Das Gute daran: Ich weiß es, weil ich inzwischen jeden Tag auf die Waage steige.

Im Januar wog ich noch 131 kg. Jetzt also rund 6 Kilo weniger.

Trotzdem: Ich muss hier noch konsequenter vorgehen, weil ich es sonst nicht schaffe, selbst bei regelmäßigem Sport nicht.

Am Samstag hatten wir eine Feier zum 70. Geburtstag eines guten Freundes.

Da habe ich Sekt und Wein getrunken. Allein das war schon falsch.

Na gut, ich schaue nach vorn. Jetzt habe ich für ein paar Tage Urlaub.

Da denke ich auch nicht so sehr ans Abnehmen.

Wie auch immer: Ich mache weiter und werde mein Ziel, 50 Kilo abzunehmen, nicht aus den Augen verlieren.

SCHREIB-ALLTAG (7)

WAS ICH AN DER SCHREIBEREI IM ALLTAG ÄNDERN WILL

Die erste gute Nachricht ist: Ich bin von Morgen an im Urlaub, die ganze nächste Woche.

Es gibt genug zu tun, aber natürlich vor allem Erholung.
Ich habe nachgedacht, wie ich die ganze Schreiberei noch besser organisieren kann.

Natürlich lasse ich mich vor allem davon leiten, was interessant sein könnte.

Ich glaube, es sind weiterhin die kleinen Fäden, die man aufgreift, wenn man sie am ‚alltäglichen Boden‘ liegen sieht und daraus eine Geschichte spinnt, die inspiriert ist von den eigenen Erlebnissen.
Aber ich muss das alles in Einklang mit dem Geldverdienen bringen, ein Korsett, das jeder trägt.

Klar, ich bin nun schon Rentner, und manches ist leichter geworden, aber wenn du etwas produzieren und verkaufen willst, dann brauchst du die Zeit und Energie, um das wirklich umzusetzen.

Sicher, ich verdiene mit dem Schreiben mein Geld, und mit dem Schreiben erfülle ich meinen Traum davon, ein bisschen zu plaudern, über Dinge nachzudenken, wozu ich früher nicht gekommen bin, oder wo ich oft auch keine Lust zu hatte.

Also insofern geht es jetzt nur noch um die Schreiberei.
Trotzdem gibt es Unterschiede, denn das eine sind die sogenannten PR-Texte und das andere sind Texte, die aus persönlichen Motivation und Freude heraus entstehen.
Beides ist wichtig.

Damit ich noch effektiver werde, habe ich mir überlegt, über die Zeit von einer Woche ein Thema zu bearbeiten.

Ab dem 07. Oktober beginne ich damit, eine Woche lang Geschichten über ‚Anna ist dement‘ zu veröffentlichen.
Ich werde zu jeder Erzählung einen kleinen ‚Klappentext‘ schreiben, damit sofort klar wird, worum es geht. Dazu gebe ich den Link vom Blog an.

Und wen es interessiert, der geht auf den Blog und wen nicht, den will ich natürlich auch nicht langweilen. Ich lese ja ebenfalls nicht alles.

Was bleibt: Ich freue mich riesig über jeden Like, jeden Kommentar.
Das ist schon Motivation pur.

Ich zieh‘ das mal einen Monat durch.
Nach ‚Anna ist dement‘ kommen eine Woche lang Texte zu ‚50 Kilo abnehmen‘, danach zu ‚Alltägliches‘ und schließlich zu ‚Jeepy‘.

Meine Texte über den ‚Schreib-Alltag‘ veröffentliche ich nur auf dem Blog, denn ich glaube, dass dies die wenigsten Leser interessiert, vielleicht ein paar Freaks, die genauso wie ich an ihrem ‚Handwerk‘ feilen.

Also, auf geht’s. Erst mal in den Urlaub.
Bis bald.
Uwe

 

ANNA IST DEMENT (42)

LUKAS RACKERT SICH AB

Lukas keuchte die Treppen bei Anna rauf.
Er hatte zwei schwere Taschen in der Hand, in jeder eine. Die zerrten an seinen Handgelenken, schnürten ihm das Blut in den Fingern ab.

Als er endlich an der Tür angekommen war, ließ er sich schnaufend auf den Stuhl fallen, den Anna vor die Wohnungstür gestellt hatte.
Schließlich erhob er sich ächzend und drückte auf den Klingelknopf.

Es dauerte eine Weile, bis sich drinnen jemand bemerkbar machte.
Die Tür öffnete sich und Anna blickte Lucas erstaunt an.
„Mit dir hätte ich ja nun gar nicht gerechnet“, sagte sie und schaute mürrisch drein.

„Mutti, wir haben doch heute Morgen erst besprochen, dass ich für dich einkaufe, und dafür hast du mir ja sogar einen Zettel geschrieben.“

Lukas konnte seine Enttäuschung darüber, dass sich Anna nicht freute, kaum verbergen.

Hinter Anna ertönte eine fröhliche Stimme: „Guten Tag, Lukas.“
Es war Frieda Krüger, eine gute Freundin von Anna. Sie kannten sich schon von ihrer gemeinsamen Schulzeit aus dem Krieg her.
Frieda ist herzensgut und sie glaubt, sie müsse alles wissen, was so bei den anderen passiert.

Neugierig sagen die einen über sie, wissbegierig sie über sich selbst. Und bereit zu helfen.

Lukas hatte das wohl nicht im Blick, als er Frieda sah.
„Die fehlt jetzt noch in meiner Sammlung“, sagte er sich, besser, er dachte es. Denn laut sagen würde er das nie. Das traute er sich nicht.

Da war Lukas einfach zu feige, oder klug genug, nicht noch zusätzliche Konflikte zu provozieren.

Fortsetzung in ‚ANNA IST DEMENT (43)‘