Archiv der Kategorie: ALLTÄGLICHES

Gesichichten, Erlebnisse aus dem Alltag

ICH – ALS ICH – ERZÄHLER

ALLTÄGLICHES (29)

Über die subjektive Erzählperspektive des Ich-Erzählers

Will man Näheres zu diesem Thema erfahren, so sind die Ausführungen von James N. Frey in seinem Buch „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ eine gute Informationsquelle, für mich auf alle Fälle (vgl. James N. Frey:  „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“, Emons Verlag GmbH,  ISBN 978-3-89705-32-1,              S. 124 ff).

Ich habe bisher fast ausschließlich aus der Erzählperspektive des Ich-Erzählers geschrieben. Das bringt dir Sicherheit, wenn du kein erfahrener Romanautor bist, denn du bewegst dich auf einem Terrain, dass du kennst.

So scheint es zunächst. Auf jeden Fall schreibst du ja so, wie du den Alltag erlebst und aus deinem Blickwinkel siehst. Du bist faktisch in jeder Situation der Augenzeuge.

Das heißt aber auch, dass du praktisch alles wissen musst, über das du schreibst. Du kannst nicht über eine Gegend schreiben, in der du noch nie gewesen bist.

Außerdem: Wie kriegst du es hin, andere Figuren in deiner Erzählung authentisch darzustellen?  Du kannst ja nur beschreiben, wie die Figur spricht, wie sie sich gibt und was sie tut. Das ist schon nicht ganz einfach.

Und hier sehe ich auch die Grenzen dafür, eine Geschichte nur aus dem Blickwinkel des Ich-Erzählers zu schreiben.

Hinzukommt, dass es für den Leser langweilig werden kann, wenn du nur aus dieser Perspektive heraus eine Geschichte schreibst.

Ich habe auf meinem Blog bisher fast ausschließlich Geschichten aus der Ich-Perspektive erzählt. Bisher jedenfalls. Ich hoffe, ich habe damit keinen gelangweilt. Sicher bin ich mir allerdings nicht.

Deshalb suche ich mal weiter und beschäftige mich im nächsten Text mit dem sogenannten auktorialen Erzähler, (vgl. ebenda, S. 126 ff.), und prüfe, was ich daraus für mich mitnehmen kann.

DIE OBJEKTIVE ERZÄHLPERSPEKTIVE – ANGEREICHERT MIT MUTMASSUNGEN

ALLTÄGLICHES (28)

Näher an die Figur und damit den Leser heranrücken

Im letzten Beitrag (Alltägliches -27) habe ich darüber nachgedacht, ob es ausreicht, meine Eindrücke von der Position des unbeteiligten Beobachters aus mitzuteilen.

Ich denke, es reicht nicht aus, weil ich dem Leser nicht die wirklichen inneren Gemütszustände einer Figur mitteilen kann. Also habe ich versucht, mich noch mehr in die Varianten der Erzählperspektive hineinzubegeben.

Ich weiß, das ist alles ein wenig theoretisch, trocken und wahrscheinlich auch langweilig für jemanden, der nach interessanten Stories sucht. Und trotzdem: Indem ich so vorgehe, erkunde ich quasi, was der beste Weg für mich ist, lebendig zu erzählen.

Manchmal komme ich mir vor, als würde ich durch einen Tunnel kriechen und dabei auf dem Kopf einen Helm tragen, auf dem eine kleine Lampe befestigt ist. Die Lampe ist mehr eine schwach leuchtende Funzel, und so komme ich nur langsam voran. Weiche ich auch nur ein klein wenig vom Weg ab, so stoße ich mit dem Kopf gegen einen unsichtbaren Felsvorsprung.

Es ist irgendwie mein Jakobsweg, an dessen Ende die Erleuchtung stehen soll, oder am Ende des Tunnels das Licht angeht.
Eine Möglichkeit, dichter an die Gefühle und Gedanken einer Figur heranzukommen ist, die Position des unbeteiligten Beobachters zu verlassen und Mutmaßungen darüber anzustellen, was eine Figur zu bestimmten Reaktionen oder Handlungen antreibt.

Zurück zu dem Beispiel aus dem vorangegangenen Text.
Ein Mann war in die S-Bahn gestiegen, mit einem traurigen, griesgrämigen Gesichtsausdruck: Der Mann schien abwesend zu sein, nichts zu bemerken, was um ihn herum vor sich ging.

Wahrscheinlich hatte er am Morgen Ärger mit seiner Frau gehabt. Vielleicht hat sie ihm beim Frühstück erklärt, dass sie sich neu verliebt hat und sich von ihm trennen möchte.

Der Mann war wortlos vom Tisch aufgestanden, hatte seinen Mantel angezogen und war zur Tür hinausgegangen, direkt zur S-Bahn-Station.

Fazit:
Die Erzählperspektive bleibt objektiv, aber der Leser fühlt sich durch die Mutmassungen mehr mitgenommenr. Er kommt so dichter an die Gefühlswelt der beschriebenen Figur heran. Es sind zwar in dem Fall Vermutungen, die ich angestellt habe. Aber sie regen den Leser an, mitzudenken, eigene Ideen zu entwickeln.
Demnächst will ich mich stärker der sogenannten subjektiven Erzählperspektive zuwenden.

VON DER SCHWIERIGKEIT, VON DER RICHTIGEN PERSPEKTIVE AUS ZU ERZÄHLEN

ALLTÄGLICHES (27)

Von welcher Erzählperspektive aus kann ich am besten dem Leser die innersten Gedanken und Gefühle meiner Figuren vermitteln?

Ich will nicht nur oberflächlich über den Alltag schreiben, was wir unmittelbar sehen, fühlen.

Vielmehr darüber, welche Motive den handelnden Figuren zugrunde liegen, wenn es bei ihnen zu Gefühlsausbrüchen kommt, warum sie sich im Alltagsgetümmel mitunter zu reflexartigen Emotionen hinreißen lassen.

Zum Beispiel, wenn wir mit etwas nicht zufrieden sind, dann können wir das durch einen Wutanfall nach außen tragen. Inwieweit wird uns das helfen?

Im ersten Moment vielleicht, weil wir uns sozusagen Luft verschaffen.

Aber besser ist es, wenn wir Wege finden, mit unseren Ängsten, Depressionen, Niederlagen umzugehen. Dazu ist es wichtig, dass wir uns gewissermaßen auch selbst beobachten.

Pater Anselm Grün hat kürzlich in einem Interview mit der Berliner Zeitung gesagt, dass wir einen inneren Raum brauchen, zu dem der äußere Lärm keinen Zugang hat.

Nur so können wir uns auch selbst erkennen. (Vgl. Berliner Zeitung vom 4./5.Januar 2020, S. 2/3)

Auf den ersten Blick würde hierzu die objektive Erzählweise passen.
Ich erzähle dabei über Menschen, indem ich sie beobachte, quasi auf einer Zuschauerbank sitze und deren Handlungen kommentiere.

Der Nachteil besteht nur darin, dass ich nicht in deren ‚inneren Raum‘ vordringe. Ich weiß also nicht wirklich, was die Figur denkt und fühlt, denn ich kann ja nur meine Beobachtungen wiedergeben.

Ein Beispiel:
„Ich sitze in der S-Bahn und schaue durch das Fenster nach draußen. Wir fahren in den Bahnhof ein. Auf dem Bahnsteig fällt mir ein Mann auf.

Er ist gut gekleidet, vielleicht Mitte 50. In der linken Hand hält er eine Zeitung, die ziemlich zerknüllt aussieht. Der Mann steigt ein und setzt sich mir gegenüber auf die Bank.

Er schaut kaum nach oben. Seine Mundwinkel sind nach unten gezogen. Er sieht sehr traurig aus. Was mag ihn bewegen? Hat ihn seine Frau verlassen oder ist er gerade von seinem Chef gekündigt worden?

Ein kleines Mädchen, das neben ihm sitzt, spricht ihn an und lacht dabei.

Ich verstehe nicht, was sie sagt, aber das Gesicht des Mannes hellt sich ein wenig auf. Ich muss aussteigen und werde nicht erfahren, was dieser Mann gerade fühlt, warum er traurig ist. Das bleibt sein Geheimnis.“

Ich muss also weitersuchen, nach anderen Möglichkeiten, in die Gedanken- und Gefühlswelt meiner Figuren einzudringen.

OBJEKTIVE ODER SUBJEKTIVE ERZÄHLPERSPEKTIVE?

ALLTÄGLICHES (26)

Bisher habe ich in meinen Erzählungen über ‚Alltägliches‘ die Erzählform aus der ‚Ich-Perspektive‘ gewählt.

Das heißt, ich habe geschrieben, welche Erfahrungen ich persönlich gemacht habe, wie ich Situationen und Menschen aus meiner ganz subjektiven Sicht bewerte.

Jetzt stelle ich mir die Frage, ob es nicht besser ist, eine andere Perspektive zu wählen.

Denn so, wie ich den Ort wähle, von dem aus ich erzähle, so wird auch der Leser das betrachten und bewerten, was ich schreibe.
Soll ich also jemand sein, der aus der sogenannten objektiven Sicht heraus erzählt?

Als jemand, der die Gedanken und Gefühle der anderen Figuren kennt, sozusagen allwissend ist?

Oder soll ich lieber selber eine Figur schaffen, von der aus ich schreibe, und deren Inneres ich genau kenne, währenddessen mir die Gedanken und Gefühle der anderen handelnden Menschen verschlossen bleiben?

Ich habe dazu bereits vor mehr als einem Jahr ein Buch von James N. Frey gelesen: „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt.“
Der Autor geht dort auf die Möglichkeiten ziemlich detailliert ein, aus verschiedenen Perspektiven heraus zu erzählen.

Mein Dilemma ist allerdings, dass ich im Prinzip gar keinen Roman schreiben will, sondern nur Kurzgeschichten über den Alltag.

Trotzdem gelten dabei die gleichen Gesetze des Erzählens, egal wie lang eine Geschichte ist.

Das Buch von James N. Frey hatte ich in 2018 am Strand gelesen, als wir in Juliusruh im Urlaub waren.

Um mich herum waren viele Leute, die auf ihren Badetüchern lagen, das Geschrei der Möwen, Krümel, die mit Ostseesand und kleinen Kuchenformen experimentierte und Klara, die mich aufforderte, mich um meine Familie zu kümmern.

Ich aber war vertieft in das Buch, habe es geradezu verschlungen.
Es ist schon interessant, die Erfahrungen von sehr erfolgreichen Autoren zu kennen.

Eine Variante, die Frey beschreibt, ist die objektive Erzählperspektive. (Vgl. James N. Frey, Wie man einen verdammt guten Roman schreibt, Emons Verlag, 1993, S. 122 ff.)
Ob das für mich infrage kommt, dazu mehr in ALLTÄGLICHES (27).

WIE WEITER MIT ‚UWE MUELLER ERZAEHLT‘?

ALLTÄGLICHES (25)

Warum ich stärker aus der Perspektive des Geschichtenschreibers über den Alltag erzählen will

Freitag. Im neuen Jahr ist nun schon der 10. Tag angebrochen. Ich habe den Eindruck, als würden einem die Tage einfach so durch die Finger rieseln.

Im letzten Beitrag habe ich geschrieben, dass ich so weitermache, wie ich in 2019 aufgehört habe und mir keine prinzipiell neuen Ziele setze.

Vielmehr werde ich mit Energie an den bereits laufenden Vorhaben arbeiten.
Daran hat sich nichts geändert.

Nur: Ich muss ich unbedingt ‚eine Kohle zulegen‘.
Ich arbeite mit Hochdruck an meinem ersten Buchprojekt ‚Gespräche mit einer Prima Ballerina‘, das Ende Januar als E-Book bei Amazon erscheinen soll.

Da gibt es genügend zu tun.
Und trotzdem will ich den Beginn des neuen Jahres auch dafür nutzen, um zu überlegen, in welche Richtung ich weitererzählen will.

‚Uwe Mueller erzählt‘ – dieser Titel für meinen Blog ist ja bewusst von mir gewählt worden. Ich wollte keinen ‚Schnickschnack‘ drum herum machen, sondern sagen und schreiben, dass ich erzählen möchte.

Und zwar über den Alltag, über Menschen im Alltag und deren Geschichten, über meine eigenen täglichen Eindrücke auf der Straße, im Fitness-Studio, im Urlaub.

Der Reichtum und die Vielfalt der Erlebnisse sind hier unendlich.
Mitunter frage ich mich, warum ich diesen doch recht steinigen Weg gewählt habe.

Warum schreibe ich zum Beispiel nicht explizit zu politischen Ereignissen, analysiere sie als Politikwissenschaftler?
Habe ich dazu keine Lust mehr? Das kann man so nicht sagen. Aber ich denke, dass ich inzwischen von einer anderen Perspektive aus erzählen will.

Ich möchte näher an die Gefühle der Menschen ran, an ihre wahren Motive, die hinter ihren Taten oder ihrem Nichtstun stehen.
Zu Weihnachten schenkte mir meine Frau die Autobiografie von Gregor Gysi. Beim Durchblättern fiel mir ein Foto auf, das genau am 04. November 1989 während der großen Demonstration auf dem Alex gemacht wurde.

Ich bin darauf ebenfalls zu sehen.
Ich stand ziemlich weit vorn, fast unmittelbar vor der Rednertribüne. Das alles mag schon interessant klingen.

Viel interessanter für mich ist allerdings heute, mit welchen Gefühlen ich dort damals stand, was ich gedacht habe, als ich die mit viel Liebe und Humor gefertigten Plakate auf dieser ersten freien Demonstration in der damaligen DDR sah.

Das kann ich natürlich alles beschreiben, aber ob ich damit jemanden erreiche, das bezweifle ich.

Eine Figur allerdings, die ich in eine Geschichte in dieser Zeit einführe, die in ihren Handlungen zeigt, wie sie dachte, fühlte, Hoffnungen und Ängste hatte – die kann den Leser mehr berühren, kann authentisch sein, die Situation von damals besser skizzieren.

Das meine ich jedenfalls.
Also werde ich den Weg des belletristischen Schreibens weitergehen.

Ob ich beim Erzählen dabei bei der ‚Ich-Perspektive‘ bleibe, das weiß ich noch nicht. Ich muss mich da erst heranarbeiten. Mehr dazu in ‚Alltägliches – 26‘.

ZWISCHENDURCH ERZÄHLT

Montagfrüh. 06.10 Uhr.

Ich bin im Fitness-Center angekommen, habe mich umgezogen und stehe bereits auf dem Laufband.

Ich kann nicht glauben, dass das Wochenende schon wieder Geschichte ist.

Ich beginne mit dem Laufen schwerfällig und lustlos.
Anderthalb Stunden später: Ich bin im Fluss, kämpfe mich von Gerät zu Gerät.

Die Motivation ist gestiegen, die Laune auch. Jetzt Bauchpresse. Und es gibt viel zu pressen. Was soll’s, ich mach‘ einfach weiter.

ICH MACH‘ SO WEITER-WIE ICH AUFGEHÖRT HABE

ALLTÄGLICHES (24)

Einfach so weitermachen heißt aber nicht, dass nichts Neues entsteht, im Gegenteil.

Das neue Jahr ist sechs Tage alt.
Normalerweise ist das noch die Zeit, in der man alles unternimmt, um die eigenen Ziele im noch jungen Jahr mit Schwung in die Tat umzusetzen.

Ich mach‘ da keine Ausnahme.
Und trotzdem ist es diesmal anders.
Ich habe mir erst gar nichts vorgenommen.
Nichts Neues jedenfalls. Ich will da weitermachen, wo ich im vergangenen Jahr aufgehört habe.

Ich will abnehmen, weiter an Gewicht verlieren.
Das war in 2019 mit Rückschlägen verbunden, und es ging nicht so schnell voran, wie ich es vorhatte.

Doch ich habe nicht aufgehört, sondern bin trotz der Rückschläge den Weg einfach weitergegangen.
Das will ich auch dieses Jahr tun.

Weitergehen, nicht stehenbleiben, nicht umdrehen.
Das ist besser, als euphorisch nach Neujahr zu beginnen und dann aufzuhören, weil man doch nicht so vorankommt, wie man es wollte.
Und ich will mit dem Schreiben weitermachen.

Ich habe dabei gemerkt, dass es besser ist, wenn ich mich darauf konzentriere, nur eine Sache zu machen.
Ich hätte nie gedacht, dass es einmal der Alltag sein würde, wo ich die meisten Einfälle hätte.

Es sind sogar keine Einfälle nötig, denn die Geschichten fallen mir ja geradezu in den Schoss.
Allein wenn ich ins Fitness-Studio laufe, mich umziehe treffe ich auf Menschen, die sich unterschiedlich verhalten. Der eine grüßt dich, nimmt seine Sachen beiseite, damit du auch ein wenig Platz hast.

Ein anderer kommt, schmeißt seine Tasche auf die Bank, holt seine Schuhe heraus, laviert sie auch noch auf die Bank, schiebt deine Sachen beiseite, damit er sein Handy und seine designte Wasserflasche platzieren kann.

Und schon beginnen in meinem Kopf die Gedankenräder zu rattern.
Was ist der Eine für ein Mensch, der höflich grüßt, bescheiden ist und Rücksicht nimmt? Was wird er wohl beruflich machen? Studieren oder in einer Unternehmensberatung arbeiten?

Und der Zweite?
Ist er es gewohnt, dass ihm andere Platz machen? Wohnt er noch bei seinen Eltern und seine Mutter räumt ihm die Sachen nach? Hat er einen Beruf oder sein Studium abgebrochen?
Wie könnte ich diese beiden in einer Alltagsgeschichte unterbringen?

Da ist ein wenig Fiktion, Phantasie dabei. Du kannst sagen dazu, was du willst. Die Hauptsache bleibt – du schreibst über das, was du im Alltag erlebst, siehst.

Über den Faden nämlich, der zufällig auf dem Fußboden, den du aufhebst, um ihn ‚weiterzuspinnen‘.

Wie ich das im Detail tue, darüber denke ich viel nach.
Also gilt für mich in allen Bereichen: dranbleiben und nicht Neues erfinden, weitermachen. Und das kostet genügend Energie.

TSCHÜSS TANNENBAUM

‚Du musst dich mehr bewegen, nach den üppigen Feiertagen‘, sagte mir Klara am Telefon.

„Ich war im Fitness-Center“, gab ich zurück.
Das stimmte im Prinzip auch, allerdings hatte ich gestern etwas vergessen und musste zurückfahren, ohne Training.

„Dann kannst du ja wenigstens mal schon anfangen, den Tannenbaum abzurüsten“, sagte Klara nun.

Als hätte ich nichts zu tun und würde mich langweilen.
Das E-Book ‚Gespräche mit einer Prima Ballerina‘ muss im Januar fertig werden, neue Blog-Texte sind zu schreiben. Naja und der Korb mit den unerledigten Schriftstücken quillt nach den Feiertagen auch über.

Trotzdem: Ich wollte Klara eine Freude machen und begann, den Baum von seinem Schmuck zu befreien.

Ich ging systematisch vor. Zuerst die Kugeln, dann die Lichter und schließlich der Kleinkram, Weihnachtsketten und so was.
Das alles dauerte über eine Stunde.

Schließlich war ich soweit, ich konnte den Weihnachtsbaum aus dem Ständer herausheben.

Denkste, denn der saß so fest, dass ich es nicht schaffte.
Ich beschloss, den Baum samt Ständer nach draußen auf die Terrasse zu heben.

Dazu musste ich ihn ein wenig schräg halten, damit ich durch die Tür kam. Unten plätscherte es verdächtig. Das Wasser lief aus dem Ständer aus, direkt auf den hellen Teppichboden. Es bildete sich gleich ein großer Fleck.

Darum konnte ich mich nicht kümmern.
Ich fummelte an der Befestigung herum und bekam schließlich den Baumstamm aus dem Ständer heraus.

Jetzt nur noch die Sitze im Auto herunterklappen, den Baum hineinhieven, zum Ablageplatz fahren.

Auf dem Flur waren ebenfalls noch Zweige, die ich gleich mitentsorgte. Wie hatte das Klara nur all die Jahre vorher geschafft? Und ohne zu murren?

Ich hatte mich damit nie abgeben. Ich kaufte den Baum, half beim Aufstellen und das war es dann für mich. Ich kümmerte mich danach wieder um die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Versteht sich.

Jetzt wollte ich wieder ‚Boden gutmachen‘ und half, wo ich konnte. Gott sei Dank kann ich nicht viel.

Aber selbst das, was ich machte, das erschöpfte mich total. Lieber ins Fitness-Studio gehen und in Ruhe die Arme ab und zu bewegen.

Nachdem alles so einigermaßen im Lot war, ich die Zimmer auch noch staubgesaugt hatte, befasste ich mich mit dem Wasserfleck auf dem Teppichboden. Er war leicht braun gefärbt.

Wenn Klara das sah, dann fiel ihr Lob wahrscheinlich schmallippig aus.
Also rief ich Laura an, was man tun könnte, um den Fleck wegzukriegen.

„Papa, auf jeden Fall mit Tüchern trockentupfen.“
Ich tupfte eine Weile, dann hatte ich genug.

Ich holte den Fön aus dem Badezimmer, schloss ihn an und begann damit, den Wasserfleck systematisch trockenzulegen.

Ich kam soweit mit dem Fön nach unten, dass es schon verbrannt roch. Dann strich ich mit der Hand über den Boden, sodass ich besser an die Feuchtigkeit herankam.

Je mehr ich das tat, umso mehr hatte ich den Eindruck, dass es noch feuchter wurde.

Ich holte einen kleinen Hocker in die Ecke und legte eine Decke darauf. Auf die andere Seite stellte ich eine große Pflanze.
Jetzt probierte ich noch aus, wie ich das Licht so anstellte, dass es nicht zu hell war und der Fleck zu aggressiv zu sehen war.

„Freust du dich nicht?“, fragte ich Klara, als sie zur Tür hereinkam.
Sie schwieg, schaute sich um.

„Doch“, sagte sie einsilbig.
„Du glaubst nicht, was das für eine Arbeit war“, sagte ich.
„Glaube ich. Aber sag‘ mal, was ist das für ein Fleck auf dem Boden?“
Jetzt musste ich schnell und ohne vordergründig zu wirken, reagieren.

„Och, da ist ein bisschen Wasser aus dem Ständer herausgelaufen. Ich wollte den Fleck nicht bearbeiten, damit du es fachmännisch tun kannst“, erwiderte ich wie nebenbei.

„Und wieso ist das Wasser überhaupt ausgelaufen?“
„Der Ständer war so stark am Stamm befestigt“, sagte ich.

„Hast du denn das Schloss nicht zuerst gelöst?“
Wusste ich es doch. Irgendwas war da noch. Aber ich hatte keine Lust gehabt, mich unter den Baum zu bücken.

„Irgendwie habe ich den Eindruck, du freust dich gar nicht darüber, dass ich es allein geschafft habe“, antwortete ich.
Klara schwieg. Ich hatte mit meiner Vermutung ins Schwarze getroffen.

Ich zog mich in mein Arbeitszimmer zurück.
Nächstes Jahr, da kaufen wir einen Baum, der nicht größer ist, als 1,30 m. Dann stimmt der Preis auch, der angeschrieben ist –‚Jede Nordmanntanne nur 12,98 Euro‘– ja, wenn er nicht größer als 1,30 ist.

„Willst du noch was essen, ich habe noch schönen Kartoffelsalat von gestern“, sagte Klara.

„Also gut, heute esse ich noch mit, aber morgen, da geht es wieder anders rum“, sagte ich.

Beim Krimi dann bin ich eingeschlafen. Eigentlich wollte ich um die Zeit noch am Schreibtisch sitzen und arbeiten.

Naja, das richtige neue Jahr beginnt erst am Montag. Dazwischen sind noch der Samstag und der Sonntag, Gott sei Dank. Und dann schauen wir mal weiter, im neuen Jahr.

DER WEIHNACHTSBAUM STEHT – DACHTEN WIR (5)

ENDLICH GESCHAFFT

„So, hol den Baum wieder hoch“, sagte Klara.
Ich räumte die Bohrmaschine beiseite, fasste den Stamm an und hob ihn wieder auf.

„Du musst gucken, ob der Dorn jetzt in das Loch kommt, das ich gerade gebohrt habe“, schniefte ich.

„Ich seh‘ hier nichts“, sagte Klara, die am Boden hockte und versuchte, den Baumstamm von unten auf den Dorn zu bekommen.

Plötzlich rutschte der Stamm ein wenig, so als würde er nun auf dem Dorn sitzen.

„Jetzt mach‘ ich ihn schnell fest“, sagte ich zu Klara.
„Ja, und Wasser kippe ich auch noch rein.“

Der Baum stand wieder, machte einen stabilen Eindruck.

Nun half ich Klara noch, die Lichter wieder gerade zu rücken, die Kugeln, die heil geblieben waren, erneut anzuhängen.

Geschafft.

Ich ging ein Stück zurück und betrachtete unser Werk. Ich war zufrieden. Ich fand, er sah jetzt besser aus, als am Vortag. Klar, ich hatte ja diesmal die Kugeln mitangehängt.

„Saugst du noch mal durch?“, fragte Klara mich.
„Mach‘ ich“, sagte ich, obwohl ich dazu überhaupt keine Lust hatte. Vor allem die Nadeln, die direkt unter dem Baum lagen, die waren schwer zu erreichen.

Ich setzte mich deshalb auf den Boden, während ich in einer Hand den Stiel des Staubsaugers hielt. Ausgerechnet darauf setzte ich mich mit meinem ganzen Gewicht.
Ich schrie auf und Klara eilte ins Wohnzimmer zurück.

„Ist schon wieder etwas passiert?“, fragte sie.
„Nein, ich sitze nur mit meinem Gewicht auf dem Metallrohr des Staubsaugers.“

„Und?“, fragte Klara.
„Darunter ist mein Unterarm eingeklemmt.
Klara stöhnte nur, zog die Augen hoch und verließ das Zimmer.

Ich saugte zu Ende, stellte den Staubsauger weg, wozu ich wieder Klaras schwere Handtasche wegräumen musste.
Die stand irgendwie immer im Weg.

Jetzt ging ich ins Wohnzimmer, setzte mich still auf die Couch und schaute den Weihnachtsbaum an.

„Und?“, fragte Klara.

„Der Weihnachtsbaum steht, denke ich“, erwiderte ich.
Hoffentlich dachte ich da richtig.

Na dann fröhliche Weihnachten.

DER WEIHNACHTSBAUM STEHT – DACHTEN WIR (4)

DER BAUM KIPPTE AM NÄCHSTEN MORGEN SCHEPPERND UND KRACHEND UM

Klara brachte schon die Kugeln an.
Ich fand es herrlich. Ich saß auf der Couch und dirigierte Klara.

„Da kann noch eine Kugel hin“, sagte ich.

„Du kannst dich ruhig mal erheben und mitmachen“, sagte Klara.
„Nö, ich weiß nicht wie das geht“, antwortete ich.

Schließlich war der gesamte Festschmuck angebracht, der Baum strahlte und glänzte und wir machten es uns auf der Couch bequem, um die ganze Herrlichkeit noch ein wenig zu genießen.

Wir machten den Fernseher an, schauten einen Thriller und schliefen dabei ein.

Am nächsten Morgen gingen wir ins Wohnzimmer, freuten uns am schönen Weihnachtsbaum und begannen in der Küche zu frühstücken.

Plötzlich war ein Rauschen zu hören, ein leisen Knacken und ein Geräusch, als würde Glas zersplittern.
Wir sprangen auf und schauten nach.

Der Baum war umgekippt, Glaskugeln lagen in Scherben auf dem Teppich, die Lichter waren heruntergerutscht.

„Das kann doch nicht wahr sein“, schimpfte ich.
Dann kam mir die Erleuchtung.

„Wir haben vergessen, unten ein Loch in den Stamm zu bohren, damit er auf dem Dorn im Weihnachtsbaumständer richtig aufsitzen kann“, sagte ich.

„Dann müssen wir das jetzt nachholen. Gehst du in den Keller und holst das Werkzeug? Ich werde in der Zwischenzeit wieder den Baumschmuck herunternehmen, damit nicht noch mehr kaputtgeht“, sagte Klara noch.

„Ja, in Ordnung“, sagte ich.
Ich schleppte mich die Kellertreppe hinunter. Eigentlich wollte ich mich nach dem Frühstück schön in den Sessel am Fenster setzen und die Zeitung lesen.

Daraus wurde nun nichts.
Ich kramte meinen Werkzeugkoffer hervor. Dort war alles drin, was ich im Laufe der Jahre so gebraucht hatte.

Ich wollte ihn schon längst aufgeräumt haben, schob es aber immer wieder hinaus.

Das rächte sich nun.
„Verdammt, ich finde keinen Bohrer“, sagte ich zu Klara.
„Du hast doch so viele, sagst du immer!“
Klara schaute mich vorwurfsvoll an.

„Ich weiß überhaupt nicht, wieso hier die ganzen Tüten umherliegen, zwischen all dem Werkzeug“, sagte ich.

Ich hatte keine Lust, weiter zu suchen und nahm den einzigen Handbohrer, den ich fand und strich über die Spitze. Sie war mehr rund als spitz. Ich setzte am Baum an, rutschte ab und quälte mich.

Ich versuchte mit dem Bohrer in der Mitte zu bleiben. Aber auch das gelang nicht.

„Ich hole jetzt die Bohrmaschine raus. So wird das nichts“, sagte ich und spürte, wie mein Blutdruck langsam hochschnellte.

Wieder musste ich in den Keller, Tüten beiseite räumen, kleine Kisten, Werkzeug, das lose herumlag, um schließlich an die Bohrmaschine zu gelangen.

Er war groß und dafür gedacht, dicke Mauerwände zu durchbohren. Und genauso sahen auch die Bohrer aus.

Ich nahm einen, der wohl für Stahlbeton infrage kam.
Jetzt musste ich also nur noch den Schalter vom Zeichen ‚Schlagbohrer‘ auf das Zeichen ‚normaler Bohrer‘ umstellen.

Ich versuchte, den Schalter zu drehen, und von dem Zeichen mit dem Hammer zu dem einfachen Bohrer zu gelangen. Aber der Schalter bewegte sich nicht.

Ich gab es auf. Ich musste es so versuchen. Ich setzte mit dem stumpfen Bohrer an, schaltete die Maschine ein.

Die vibrierte und stampfte sofort los. Klara hielt den Stamm fest, und ich versuchte die Bohrmaschine wenigstens einigermaßen gerade zu halten.

Es klappte. Ich bohrte verbissen und schließlich hatte ich eine kleine Öffnung in das Ende des Baumstammes getrieben.

FORTSETZUNG-MONTAG, 23.12.

DER WEIHNACHTSBAUM STEHT – DACHTEN WIR (3)

GEFLÜGELSCHERE GEHT AUCH ZUM NETZAUFSCHNEIDEN

„Wir müssen ihn nun so aufstellen, dass er gerade steht“, sagte Klara.
„Ich halte den Baum und du drehst an der Kurbel“, sagte ich.

Ich musste an die DDR-Zeit zurückdenken, und was es manchmal für eine Quälerei war, den Baum gerade hinzustellen.

Mein Vater bohrte oft noch den Baumstamm an und befestigte Zweige daran, kann ich mich gut erinnern, als ich noch ein Kind war und den Baum vorher nicht anfassen durfte.

Die Nordmanntanne stand im Weihnachtsbaumständer.
„Fest?“, fragte ich knapp.
„Fest!“, antwortete Klara.

Ich ging ein Stück zurück und tatsächlich, er stand gerade. Wir drehten ihn noch ein wenig hin-und her, und schoben ihn ein Stück nach links. Sonst wäre das ja zu einfach gewesen.

Nun konnte das Netz, das noch den Baum gefangen hielt, losgetrennt werden.

„Hol mal bitte die Schere aus der Küche“, sagte Klara zu mir.
Ich holte die Schere und begann das Netz am Baum aufzuschneiden. Besser, ich versuchte es.

Die Schere war eigentlich zum Schneiden von Geflügel da.
Sie rutschte ständig vom Band herunter. Sollte ich etwa meine scharfe Schere aus dem Arbeitszimmer holen?“, überlegte ich.

Aber dazu müsste ich ja wieder die Treppen hochsteigen.
„Gib‘ mir mal die Schere“, sagte Klara, während ich noch nachdachte.

Sie schnitt das Netz ohne Probleme durch.
Wieso ging das nicht bei mir. Naja, es war halt so. Mit manchen Dingen hatte ich mich über die Jahre abgefunden.
Jetzt kamen die Lichter dran.

Klara hatte neue Lichter besorgt. Wir brauchten nun keine Schnur mehr zwischen den einzelnen Lichtern, sondern es kam in jedes einzelne Licht eine Batterie.

Also schraubten wir die Kapseln unten auf und steckten dort jeweils eine Batterie hinein.
Über eine Fernsteuerung konnten die Lichter nun aus und an gemacht werden. Ich staunte.

„Stell dir mal vor, wir hätten das schon in der DDR-Zeit gehabt, wir wären die Weihnachtskönige gewesen“, sagte ich. Klara hatte keine Zeit für meine nostalgischen Träumereien.

FORTSETZUNG – SONNTAG, 22.12.

DER WEIHNACHTSBAUM STEHT – DACHTEN WIR (2)

DIE NORDMANNTANNE, DIE NUR 12,98 EURO KOSTETE – DACHTE ICH

WEIHNACHTSGESCHICHTE

Es verlief alles ziemlich reibungslos, als es am Mittwochabend losging. Klara hatte den Weihnachtsbaumständer bereits aus dem Keller hochgeschleppt.

Das war eigentlich meine Arbeit, aber ich saß noch am Schreibtisch und wollte einen Text zu Ende schreiben.
„Du kannst jetzt den Baum von der Terrasse hereinholen“, sagte Klara zu mir.

Ich schlüpfte in die Straßenschuhe und ging zur Terrasse herum, wo der Weihnachtsbaum schon ein paar Tage auf mich wartete. Eine Nordmanntanne.

Ich dachte daran zurück, wie ich sie gekauft hatte.
„Nur 12,98 Euro für jede Nordmanntanne“, hatte auf dem Werbebanner gestanden.
Also suchte ich mir die schönste aus und fragte nach dem Preis.

„25,95 Euro“, sagte der Verkäufer.

„Wieso, ich denke, jeder Baum kostet nur 12, 98 Euro?“, fragte ich ihn.

„Ja, aber nur bis zu einer Höhe von 1,30 cm“, antwortete der.
„Und das steht auf der Werbeanzeige?“, fragte ich.

„Schauen Sie hier“, sagte der Verkäufer und zeigte mit dem Finger nach ganz unten. Dort stand in kleinen Buchstaben ‚bis 1,30 m‘.
„Hm“, brummte ich.

„Soll ich den Baum mit einem Netz versehen“, fragte der Verkäufer noch.

„Ja, bitte“, antwortete ich und war noch ein wenig verschnupft, dass der Baum nun doch teurer war.
Aber der Verkäufer hatte eigentlich nichts falsch gemacht.

Ich hätte nur das Kleingedruckte lesen müssen, wie so oft hatte ich das aber nicht getan.

Der Verkäufer brachte mir den Baum noch zum Auto und half mir, ihn zu verstauen.
„Hier sind 30 Euro“, sagte ich.
„Den Rest können Sie behalten.“

„Oh, vielen Dank, ein schönes Weihnachtsfest für Sie“, sagte der Verkäufer und ich nickte, stieg ins Auto und fuhr davon. Der erste Schritt war getan.

Jetzt hievte ich die Tanne hinein ins Wohnzimmer.

FORTSETZUNG – SAMSTAG, 21.12.

DER WEIHNACHTSBAUM STEHT – DACHTEN WIR (1)

MITTWOCHMORGEN – DER BAUM SOLL HEUTE ABEND AUFGESTELLT WERDEN

Klara hatte am Mittwoch, 18.12., ihren letzten Arbeitstag in diesem Jahr.
„Wir stellen heute Abend noch den Weihnachtsbaum auf“, sagte sie zu mir.

„Dann können wir am nächsten Morgen in Ruhe frühstücken und den Donnerstag, gemächlich angehen.“

„Klingt gut“, antwortete ich.
Vor allem, wir konnten mal richtig ausschlafen.
Mittwochmorgen mussten wir ja noch sehr früh aufstehen.
Wie immer hatte ich den Wecker auf 3.45 Uhr gestellt.

Als ich aufwachte und hochschreckte, da schaute ich auf Klaras Uhr und es war bereits Viertel nach 4.00 Uhr.

„Verdammt, dachte ich, du hast verschlafen.“
Trunken vor Müdigkeit rückte ich die Kissen und die Bettdecke zurecht, ging ins Bad, um mich zu rasieren und die Zähne zu putzen.

Ich trug  den Rasierschaum auf und schaute noch mal auf die Uhr. Es war inzwischen ‚zwanzig nach…‘. Aber Moment Mal, die Uhr zeigte vorn die Zahl 23 an.

War es etwa erst 23.15 Uhr?
Ich griff nach meinem Handy und schaute auf den Wecker.
Tatsächlich, er war noch nicht angegangen.
Wie konnte mir das passieren?

Waren das die Anfänge von Alzheimer oder war ich einfach von den letzten Tagen erschöpft?

Auf jeden Fall rasierte ich mich noch zu Ende und putzte die Zähne, wenn ich schon mal im Bad war – ging zurück ins Schlafzimmer, schmiss die Decke und einige Kissen wieder im hohen Bogen auf den Fußboden, wummerte mich ins Bett, zog die Decke hoch und war froh, wieder einschlafen zu können.

Wenig später, so kam es mir jedenfalls vor, schnarrte, das entsetzliche Grillen-Weckgeräusch vom Handy los und ich quälte mich erneut aus dem Bett. Diesmal fiel es mir noch schwerer.

Das konnte mir Gott sei Dank am nächsten Tag Donnerstagmorgen nicht passieren, denn da wollte ich ja bekanntlich ausschlafen. Also willigte ich ein, den Baum am Mittwochabend aufzustellen. Klare Sache.

FORTSETZUNG – FREITAG, 20.12.2019

 

SCHREIB-ALLTAG (11)

TRAINING GEHÖRT ZUM SCHREIBEN

Wenn ich auf mein Lieblingsthema, das Schreiben zu sprechen komme, dann stöhnen alle auf. Manche leise, Laura hingegen hörbar: „Ach Papa, nicht schon wieder“, sagt sie dann.

„Kannst du auch mal über etwas Anderes reden?“, schiebt Klara hinterher.

„Nein, kann ich nicht“, antworte ich und bin beleidigt. Logisch.

Dabei will ich nur sagen, wie mühevoll es ist, am Schreiben dranzubleiben, sich jeden Tag wieder neu aufzuschwingen, sich etwas ‚abzuquetschen‘.

Also gehe ich nach diesen Bemerkungen in die innere Emigration, schweige und beteilige mich auch nicht an den Gesprächen der anderen am Tisch.

Und ich hätte so viel darüber mitzuteilen, über das Schreiben.

Zum Beispiel das: Wenn du dich zwingst, wenigstens einmal am Tag für zehn Minuten ein Blatt weißes Papier zu nehmen, einen Bleistift anzuspitzen und einfach drauflos zu fabulieren, dann wirst du sehen, wie es deine Gedanken in Fahrt bringt. Wichtig ist, die Tastatur beiseite zu lassen. Sie stört, ist im Weg beim schnellen Schreiben, im Moment, wo es nicht um formvollendete Sätze ankommt.

„Kann ich noch mal kurz was zum ‚automatischen Schreibtraining‘ sagen?“, frage ich.

„Nein!“, schallt es mir wieder von allen Seiten ins Ohr.

„Na dann eben nicht“, sage ich und fange an mit Krümel Quatsch zu machen. Sie hört mir wenigstens zu.

„Wollen wir singen?“, frage ich sie.

„Ja“, sagt sie und ich beginne, eine Melodie zu brummen.

Das haben die anderen nun davon. Jetzt müssen sie eben das ertragen. Und Krümel gefällt’s. Sie klatscht in die Hände, singt ein klein wenig mit und dreht sich im Kreis.

Das ist noch besser, als über das Schreiben zu reden.

 

 

 

 

ANNA IST DEMENT (51)

WIR SIND MAL ZUR STIPPVISITE DA

Anna war beim Friseur, nach vielem Hin- und Her, vielen Ausreden und Ausflüchten.

„Der Termin ist hier gestrichen, ich muss da also nicht mehr hin“, sagte sie noch am Tag, als Lucas sie abholen wollte.
Schließlich ließ sie sich doch überreden und stieg zu Lucas ins Auto, um zum Frisörladen zu fahren.

Als sie da war, fühlte sie sich wohl, weil die Friseurin es ihr sehr leicht machte, sich ‚fallen zu lassen‘.
Sogar eine andere Haartönung bekam sie.

„Ich bin jetzt anspruchsvoller geworden“, sagte Anna zu Klara am Telefon, als sie auf ihre Frisur zu sprechen kam.

Klara war für einen Moment sprachlos, dann musste sie sich zusammenreißen, um nicht laut loszulachen.
Sie tat es nicht, denn sie würde damit ihre Mutter auslachen. Das brachte sie nicht übers Herz.

„Na dann ist ja alles prima, Weihnachten kann jetzt kommen“, sagte Klara stattdessen zu ihr.

„Und übrigens, wir kommen zur Stippvisite vorbei“, fuhr Klara fort und ließ es aussehen, als würden Klara, Peter, Laura und die Kleine nur so nebenher mal vorbeikommen.

Am Telefon war es still. Keine Reaktion.
Anna fragte nicht, wann Klara kommen wollte, ob sie über Weihnachten blieben, wo sie schliefen.

Klara war traurig darüber. Doch andererseits auch froh, dass Anna sie nicht löcherte.

„Wenn die Kleine mit nach Stralsund kommt, dann lerne ich sie ja endlich mal kennen“, sagte Anna, ohne groß eine Emotion in ihren Satz zu legen.

„Mutti, du hast die Kleine schon so oft gesehen!“
Klara konnte sich das nicht verkneifen, bereute den Satz aber sofort.

„Also ich hab‘ sie noch nicht gesehen, das würde ich ja wohl wissen“, sagte Anna daraufhin trocken.

„Ja, Mutti, das würdest“, antwortete Klara.
‚Wenn du gesund wärst und dich daran erinnern könntest‘, dachte Klara bei sich, sprach diesen Halbsatz aber nicht aus.

50 KILO ABNEHMEN (20)

ES LÄUFT – NUR DER BAUCH, DER MUSS NOCH WEG

Ich habe gestern mein Trainingsprogramm straff durchgezogen. Dabei hat es mich zu Beginn enorm viel Überwindung gekostet.

Besonders wenn ich aus der Umkleidekabine zum Laufband gehe, dann muss ich an einem Spiegel vorbei. Und da sehe ich das Grauen in voller Breite. Der Bauch, den ich im Spiegel erblicke, der ärgert mich.

Wieder habe ich nicht konsequent am Wochenende auf die Diät geachtet.

Also was bleibt? Weitermachen!

Ich stellte mich auf das Laufband und begann meine Füße zu bewegen, einen Fuß vor den anderen. Und ganz allmählich kam ich in Fahrt.

Ich staune immer wieder aufs Neue, wie schnell die Zeit vergeht. Eine halbe Stunde ist schnell rum. Ich glaube, es liegt daran, dass ich viel auf den Fernseher schaue, der direkt vor mir an der Wand aufgehängt ist. Da siehst du Videos von sportlichen Leuten, meine Güte.

Ein paar Jungs springen über Mauern, überwinden Häuserschluchten, rollen federleicht ab, wenn sie unten ankommen und laufen weiter.

„Junge, Junge, bin ich froh, dass ich hier nur laufen muss“, sage ich mir dann in Gedanken und so vergeht die Zeit eben. Plötzlich taucht die Zahl dreißig auf, ich kann auf die Stopptaste drücken, einen Schluck Wasser nehmen und weitergehen – zum Rudern. Naja, da hatte ich gestern auch keine Lust zu.

Was habe ich gemacht?
Ich habe mich auf den Sitz gesetzt, die Schnallen um die Schuhe gelegt, sie festgezurrt, und angefangen zu rudern.

Und so ging es gestern von Station zu Station.
Wird es heute anders sein? Nein, es geht wieder von vorn los.

Ich merke, dass ich allmählich Muskeln bekomme. Nur der Bauch, der muss noch verschwinden.

ALLTÄGLICHES – (22)

WARUM MIR AMSTERDAM GERADE VOR DEM 3. ADVENT SO GUT GEFÄLLT

Freitagnachmittag, vor dem 3. Advent. Einkaufen. Menschenmengen, die auf die Eingänge zu den Einkaufstempeln zurollen.

Samstagvormittag, vor dem 3. Advent. Einkaufen, drängeln, Parklücke suchen, über den langsamen Autofahrer vor mir fluchen, volle Körbe im kleinen Jeep verstauen, Körbe ausladen, Getränke in den Keller schleppen.

Schon mal an Morgen denken. Vormittags den Weihnachtsbaum aus dem Netz schneiden, ihn probehalber aufstellen, Nadeln aufsaugen.
Nachmittags auf der Couch bei brennenden Kerzen wegsacken, den Schlaf der Gerechten nachholen.

Montagfrüh auf die Waage, fluchen, weil der Stollen nicht hätte gegessen werden dürfen.

Ich träume von Amsterdam. Dort soll Weihnachten nicht so intensiv gefeiert werden.
Ich sehe mich durch die ruhige Stadt schlendern, vorbei an Grachten, die am Ufer vertäut sind und an deren Bordwand leise das Wasser herabplätschert.
Eine Melodie geht mir nicht mehr aus dem Kopf: „Tulpen aus Amsterdam…“.

Und bis Weihnachten? Oh, da geht noch was im Einkauf. Na dann erst einmal einen schönen 3. Advent.

JEEPY (43)

KAFFEE ALLE

Hallo Krümel,
hier ist Jeepy. Ich habe ja wieder was über meinen Fahrer gehört, das typisch für ihn ist.

Mein Fahrer, also dein Opa, und deine Oma haben dich besucht und du hast dich gefreut, dass sie dich vom Kindergarten abgeholt haben.

Während deine Oma später den Kaffeetisch deckte, hast du mit meinem Fahrer gespielt. Ihr habt bei Euch zuhause in der Küche gesessen.

Mein Fahrer sagte, er hätte auf der linken Seite des Tisches gesessen und du hast dich durch die Stühle hindurch zur rechten Seite hindurchgedrängelt und schließlich hat dir dein Opa noch hochgeholfen.

Anschließend holte dein Opa ein kleines Ponny hervor und führte es mit der Hand über den Tisch.

Dabei hat dein Opa immer ein bisschen gewiehert und er hat gesagt, dass du dem Ponny zuwinken sollst, was du auch emsig getan hast.

An der Tischkante hat mein Fahrer das Ponny fallen lassen, jedenfalls hat er so getan und zu dir gesagt:

„Ruf mal nach dem Ponny.“
„Pooonyyy!“, hast du gerufen und schwupp war es wieder auf dem Tisch.

Schließlich habt ihr alle zusammen Kaffee getrunken.
Mein Fahrer hat mir erzählt, dass du wohl schon ein paar Mal beobachtet hast, dass er stets den letzten Schluck aus der Kanne in seine Tasse gießt.

Das macht man ja nun wirklich nicht und so ist Oma stets böse geworden und hat gesagt: „Der Kaffee ist schon wieder alle. Hast du den letzten Rest bei dir eingegossen.“

Mein Fahrer tut in solchen Momenten so, als würde er schwer hören.

Das sagen ja alle zu ihm, also kann er ja mal tatsächlich nichts gehört haben.

Aber als du deinen Opa dabei beobachtest hast, dass er erneut den Rest des Kaffee‘s aus der Kanne in die Tasse gegossen hat, da hast ihn ganz empört angeschaut und mit deinem kleinen Finger auf die Kanne gezeigt.

„Opa, Kaffee alle!“
Zuerst hat mein Fahrer so getan, als würde er es ebenfalls nicht hören, dann aber musste er laut lachen und du hast trotzdem mit deinem kleinen Finger weiter auf die leere Kanne gezeigt.

„Weißt du Jeepy“, hat mein Fahrer später zu mir gesagt, „Krümel beobachtet alles ganz genau und mir war es ehrlich gesagt sogar ein bisschen peinlich, dass sie mich ertappt hat.

Das werde ich in Zukunft lassen, mir den Rest aus der Kaffeekanne einzugießen, ohne zu fragen.“

Siehst du Krümel, jetzt hast du deinen Opa schon ein wenig miterzogen.

Gut gemacht, lieber Krümel. Mit einer vollen Kaffeetasse auf der Motorhaube grüßt dich dein Jeepy.

ALLTÄGLICHES (21)

EIN KLEINER FRISEURLADEN IN SASSNITZ GANZ GROSS

Man sagt, demenzkranke Menschen können nicht mehr so denken, wie es vor ihrer Krankheit der Fall war.
Das ist wohl so. Doch sie können eines, nämlich mit dem Herzen sehen, fühlen, einfach wahrnehmen, ob ein Mensch es gut mit ihnen meint.

Und die Friseurin Ilka in dem kleinen Sassnitzer Friseurladen meinte es gut mit ihr.

Es sind oft nicht die großen Gesten, die uns berühren. Nein, es sind vielmehr die kleinen Dinge, die nur allzu oft im Gewirr des Alltags untergehen.
Umso wichtiger, dass wir auf sie aufmerksam werden, wenn sie uns geradezu in den Schoss fallen.
Gestern war so eine Gelegenheit.

Schwiegermutter hatte einen Termin beim Friseur, in Sassnitz, und nicht gerade um die Ecke für uns. Also ist meine Frau unruhig, ob alles klappt, ihre Mutter den Termin nicht vergisst, pünktlich im Friseurladen erscheint.

Das klingt nach ‚ist doch wohl normal, was ist da schon besonderes dran?‘ Im Prinzip ist das schon richtig. Doch was ist, wenn der Mensch, dem deine Fürsorge gilt, an Demenz erkrankt ist, und du selbst kannst das alles nur aus der Ferne gedanklich begleiten?

Na klar, meine Frau weiß, dass sie sich zu hundert Prozent auf ihren Bruder verlassen kann, der sich um seine Mutter liebevoll kümmert, wenn es sein muss, Tag und Nacht.

Und trotzdem weiss sie, dass jede alltägliche Unterbrechung für demenziell erkrankte Menschen Unruhe mit sich bringt.
An nichts hängen Demenzkranke mehr, als an einem möglichst gleichmäßig verlaufenden Tagesablauf. Jeder noch so kleine Termin bringt Unruhe und Unsicherheit.

Schwiegermutter kam trotz alledem zum geplanten Zeitpunkt im Friseurladen an und wurde gleich freundlich begrüßt.
Sie fühlte sich wohl in der Zeit, in der ihre Haare gewaschen, geschnitten, gefärbt und getrocknet wurden und die Friseurin sich noch mit ihr angeregt unterhielt.

Kurzum: Ilka schnitt und färbte nicht nur die Haare, sie tat mehr, sie betreute Schwiegermutter so, dass es für sie zu einem wirklich aktivierenden und angenehmen Aufenthalt wurde.

Abends schickte die Friseurin noch ein Foto von Schwiegermutter, mit der neuen Frisur.

Wir alle wissen nicht, was aus uns mal wird, wie wir in späteren Jahren zurechtkommen und vielleicht auch auf Hilfe und Fürsorge angewiesen sind.

Deshalb sind es diese kleinen Dinge, die Menschen untereinander brauchen  – Verständnis für den jeweils Anderen, die Empathie, auf ihn individuell einzugehen.

Gerade in der Zeit vor Weihnachten wird viel geredet über Nächstenliebe, Fürsorge, Unterstützung für die Hilfsbedürftigen.

Die Friseurin Ilka hat das einfach getan, ohne groß darüber zu reden, bescheiden und fast unbemerkt von uns.

Deshalb ist der kleine Friseurladen in Sassnitz für uns ganz groß.

Danke Ilka, danke liebes Team.

Die Angehörigen aus Sassnitz, Wandlitz und Berlin.

50 KILO ABNEHMEN (19)

VON NOVEMBER BIS DEZEMBER 2,4 kg WENIGER – DA GEHT NOCH MEHR

Der Monat November ist nun auch schon wieder Geschichte.

Am Montag, den 04.11.2019 habe ich 124,1 kg gewogen.

Am Mittwoch, den 04.12.2019 war als Zielmarke 119,7 angegeben. Das habe ich nicht geschafft, nicht ganz jedenfalls.

Aber ich war bei 121,7 kg, immerhin.
Das sind gegenüber dem Monatsanfang 2,4 kg weniger.

Von Anfang Januar bis Anfang Dezember habe ich insgesamt 7,5 Kilo abgespeckt (am 09.01.2019 wog ich 129,2 kg).

Gewiss, das selbst gesteckte Ziel habe ich verpasst.

Doch ich habe endlich den Weg ‚nach unten‘ einschlagen können und diesen Pfad werde ich auch nicht mehr verlassen oder gar umkehren.

Seit dem Sommer fahre ich jeden Tag ins Fitness-Center, jeden Wochentag.

Das Glas ist halbleer, weil ich das Ziel verfehlt habe, und es ist halbvoll, weil ich weitermachen werde.

50 KILO ABNEHMEN  (18)

DIE SACHE MIT DEM POSITIVEN DENKEN

MIT DEM KOPF GEGEN DIE GLASSCHEIBE RAMMEN UND DANN SOLLST DU AUCH NOCH POSITIV DENKEN

Es läuft gerade nicht so im Training, wie ich es mir vorstelle. Irgendetwas ist in meinem Kopf, das mich daran hindert, mich voll auszupowern.

Zum Beispiel in der vergangenen Woche, da war ich für ein paar Tage nicht im Studio.

Klara war krank und so bin ich auch nicht reingefahren.
Aber dann, den ersten Tag nach der Pause, da begannen die Schwierigkeiten so richtig.

Ich kam nicht in Gang und es fiel mir schwer, alle Übungen hintereinander zu absolvieren.

Meine inneren Stimmen mischten dabei wieder mächtig mit.
„Komm‘, lass doch mal eine Trainingseinheit ausfallen“, flüsterte mir ‚Loser‘ ins Ohr.

„Soll ich wirklich?“, fragte ich ‚Loser‘.
„Ja doch, kriegt keiner mit, sei nicht so pedantisch, werd‘ mal locker“, erwiderte ‚Loser‘.

Keine schlechte Idee, die ‚Looser‘ da hatte.
Aber sollte ich wirklich von meinem Programm abweichen?
„Von wegen, das kriegt keiner mit“, brüllte mir plötzlich ‚Folterknecht‘ ins Ohr.

„Der taucht aber auch überall auf, wo man ihn nicht haben will. Der kommt mir manchmal vor, wie die böse Tante in der Familie, die du auch nicht loswirst“, dachte ich bei mir im Stillen.
So war es eben mit ‚Folterknecht‘.

Aber hatte er nicht auch ein bisschen Recht?
„Denk‘ mal an den neuen Fitness-Trainer bei Hertha BSC. Den hat Klinsmann mitgebracht. Der sorgt jetzt dafür, dass die Jungs aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen.

Sie nennen ihn ‚Quälix‘. Und dieser ‚Quälix‘ für dich bin nun mal ich, der ‚Folterknecht‘“, setzte der noch nach.

‚Folterknecht‘ lag ja nicht so falsch, denn ich konnte mir nun mal keinen teuren Personalcoach leisten.

Nein, ich musste schon auf meine inneren Stimmen hören und den Kompromiss zwischen den beiden wählen.
Also machte ich weiter.

Als ich aus dem Studio rausging, da war ich glücklich, aber fertig.
Ich schleppte mich mehr raus, als ich ging.

Der Kopf war nach unten gesenkt, und so sah ich die Glastür nicht, knallte mit dem Kopf gegen die Scheibe und stieß gleichzeitig mit dem Knie gegen die Holzfüllung in der Tür.

„Ach du Armer“, jammerte ‚Loser‘.
„Denk‘ positiv, du hast alle Geräte absolviert“, sagte daraufhin ‚Folterknecht‘.

Ich konnte gar nicht denken, denn mir brummte der Schädel und die Kniescheibe tat mir weh.

JEEPY (42)

WIR SIND BEIDE KLEIN – DU WIRST GRÖSSER UND UNSERE FREUNDSCHAFT EBENFALLS

Hallo Krümel, schon wieder ist eine Woche vergangen, seitdem ich mich das letzte Mal bei dir gemeldet habe.

‚Wieder blitz blank‘ habe ich dir geschrieben. Jetzt bin ich schon wieder schmutzig, aber im Herbst und im Winter ist das nicht anders.

Krümel, ich freue mich ja so auf die Fahrt an die Ostsee.
Natürlich haben wir alle nicht so viel Platz bei mir im Innenraum, wie das bei ‚Bobby‘ der Fall war, dem großen und schweren SUV von Mercedes. Dein Opa hat ihn geliebt.

Aber weißt du, was der jetzt zu mir sagt?
„Es ist alles ein bisschen enger geworden, aber genauso fröhlich geblieben, und wir singen auf der Fahrt unsere Lieder. Diesel fahren wir auch nicht mehr Jeepy ist eben für uns alle unser kleiner ‚Großer‘.“

Krümel, du wirst wachsen, aber ich bleib‘ klein, und unsere Freundschaft wächst trotzdem, immer.

Es grüßt dich zum ‚Nikolaus‘ der kleine Jeepy – dein großer Freund.

ANNA IST DEMENT (50)

ICH RUF DOCH NICHT MORGENS UM HALB SECHS AN (FORTSETZUNG)

Anna hat Peter morgens angerufen, halb sechs Uhr. Sie glaubt aber fest daran, dass es bereits abends ist.

„Das kann nicht sein, wir haben es nämlich halb sechs Uhr morgens“, sagte Peter.

„Wieso morgens?“, hakte Anna wieder nach. Ihr Ton klang nun noch vorwurfsvoller.

„Wieso morgens und wieso abends, das sollten wir mal denen da oben im Himmel überlassen“, sagte Peter und biss sich gleich auf die Zunge.

„Hast du denn noch eine andere Uhr?“, fragte er Anna weiter.

„Ja, hier meine Armbanduhr“, sagte Anna.

„Und wie spät ist es darauf?“

„Halb sechs.“

„Siehst du“, sagte Peter.

Anna schwieg.

„Bist du noch da?“, fragte Peter.

„Ja, aber ich versteh‘ das alles nicht“, sagte nun Anna.

„Hast du denn gar nicht geschlafen?“, fragte Peter sie.

„Wie kommst du bloß darauf, dass ich nicht geschlafen habe?“

Anna’s Stimme klang empört.

„Du hast Recht, was für eine blöde Frage“, sagte Peter.

„Ich weiß doch, dass du jeden Abend gegen zehn Uhr ins Bett gehst“, fügte er noch an.

„Dann wünsch‘ ich dir noch einen schönen Tag und denk an dein zweites Frühstück.“

Peter wollte wieder an seine Arbeit gehen.

„Ja, ich denke an das zweite Frühstück. Ich eß‘ doch da so gern einen Apfel.“

„Obst ist gesund und stärkt das Gedächtnis“, sagte Peter.

„Warum ausgerechnet das Gedächtnis?“, fragte Anna ihn.

„Ach nur so. Ich meine das ganz allgemein.“
Peter verabschiedete sich und legte auf. Gegen 10.00 Uhr rief er noch einmal bei Anna an.

„Na, weißt du noch, um welche Uhrzeit du mich heute Morgen angerufen hast?“
Am Telefon war Schweigen.

„Warum fragst du mich, ob ich noch weiß, ob du mich angerufen hast? Ich würde dich doch nie morgens um halb sechs Uhr anrufen!“
Anna’s Stimme klang gereizt.

„Ja, du hast Recht. Ich glaube, ich habe da was durcheinander gebracht“, sagte Peter nun schnell.

„So soll es ja mal losgehen“, sagte Anna daraufhin zu Peter.
„Iss bloß viel Obst“, meinte sie noch.

ANNA IST DEMENT(49)

ICH RUF‘ DOCH NICHT MORGENS UM HALB SECHS AN

Anna bringt die Tageszeiten durcheinander.

Peter saß an seinem Schreibtisch. Er hatte Klara nur zur S-Bahn gebracht und war nicht mit in die Stadt gefahren, weil es ihm nicht gut ging.

„Leg’dich doch wieder hin“, sagte Klara, als sie aus dem Auto stieg.
„Nein, das mach‘ ich auf keinen Fall“, antwortete Peter.

„Ich hab‘ genug zu tun und bin froh, wenn ich mal die frühen Morgenstunden nutzen kann“, rief er ihr hinterher, als Klara bereits den S-Bahneingang im Blick hatte.

Er fuhr zurück und ging ohne Umschweife daran, sich die Tagesplanung auf einen alten Zettel zu schreiben.

Er hatte immer noch die Angewohnheit, die bedruckten Seiten nicht in den Papierkorb zu schmeißen, sondern sie wiederzuverwenden.

Peter schrieb seine ersten Gedanken gern mit dem Bleistift aufs Papier, weil ihm dadurch keine Tastatur gedanklich im Wege stand.
‚Vom Kopf in die Hand und von da aus aufs Papier‘, dachte er so bei sich.

Nur das Abschreiben seiner eigenen Kritzeleien, das lag ihm gar nicht.

Das Telefon klingelte. Peter schaute auf die Telefonnummer. Es war Anna. Und es war kurz vor halb sechs Uhr.

‚Was will Anna um die Zeit?‘, schoss es ihm durch den Kopf.
‚War etwa irgendwas passiert?‘

Peter zögerte noch ranzugehen, weil er sich nicht ablenken lassen wollte
Als das Klingeln nicht aufhörte, tat er es schließlich doch.

„Gerber“, sagte Peter, obwohl er wusste, dass es seine Schwiegermutter war.

„Ja, guten Abend Peter, hier ist Anna.“

„Weißt du, wie spät es ist?“, erwiderte Peter, ohne auf ihren Gruß einzugehen.

„Wieso wie spät es ist?“, wiederholte Anna die Frage am Telefon.
Peter kam es vor, als würde sie ihn nachäffen.

„Schau doch bitte mal auf die Uhr und sage mir, was du da siehst“, sagte Peter und bemühte sich ruhig zu bleiben.
„Es ist hier halb acht abends“, antwortete Anna.

Fortsetzung folgt

 

 

 

ALLTÄGLICHES (20)

GUTE LAUNE AUS DER TIEFKÜHLTRUHE

Manchmal, wenn es mir nicht so gut geht, oder ich depressiv bin, dann greife ich nach einem Trick, der mich am eigenen Schopf aus dem ‚Tal der Tränen‘ wieder nach oben ans Licht hievt.

Ich rufe Bilder ab, die ich in meinem Kopf gespeichert habe. Das ist ein nichts anderes, als würde ich eine Pizza aus der Tiefkühltruhe holen und sie aufwärmen.

Ich denke zum Beispiel an einen Tag, an dem ich im Wohnzimmer im Sessel sitze, meistens am Samstag, eine dicke Zeitung in der Hand halte und dabei noch umherschaue.

Auf dem Tisch steht eine Schale mit grünen Zweigen und mittendrin eine rote Weihnachtskerze. Im Garten liegt noch der Morgentau auf dem Gras, die Vögel streiten sich im Vogelhäuschen um das Futter und die Sonne zeigt sich mit ihren ersten hellen Strahlen.

Das weckt in mir die kreative Seite, ich bekomme Lust auf den Tag und fange mit Schwung an zu arbeiten. Diese Bilder hole ich aus der Gedankentruhe, und da kann es getrost regnen oder stürmen oder beides.

Ich jedenfalls bleibe gut gelaunt.

ALLTÄGLICHES (19)

ENDLICH DEZEMBER

Der November war dunkel, nass, neblig, ungemütlich. Nicht immer, aber meistens.

Heute Morgen ist es auch dunkel, und die Straßen sind feucht
Aber es ist der zweite Tag im Dezember und wir sind damit im Monat des Weihnachtsfestes angekommen.

Ich sehe durch die Dunkelheit hindurch die Weihnachtslichter, die bereits so früh in vielen Häusern leuchten und ich fahre nicht so schwermütig über die menschenleeren Straßen.

Aus dem Ungemütlichen wird das Gemütliche, Vorweihnachtsfreude eben.

Daran ändert selbst der Montag nichts.

JEEPY (41)

HEUTE WIEDER BLITZ BLANK

 

 

Hallo Krümel, hier ist wieder Jeepy.
Ich komme gerade aus der Badewanne, naja besser der Waschanlage.

Du hast mich ja am Mittwoch gesehen, wie ich da aussah.
Dein Opa hat dich doch aus der Kita abgeholt.

Und als du um die Ecke kamst, da hast mich sofort gesehen, obwohl du im Kinderwagen gesessen hast und die Regenplane über dir war, weil es so nass war und so rutschig – auf den Straßen.

‚Jeepiiiii!‘, hast du sofort gerufen, als ich in dein Blickfeld kam. Und ich habe mich geschämt, weil ich so schmutzig war.

Aber gestern, da waren wir ‚unter der Dusche‘ und jetzt grüßt dich dein super sauberer Jeepy und wünscht dir einen wunderschönen Tag in der Kita.

SCHREIB-ALLTAG (10)

SCHREIB UND DU LERNST DICH BESSER KENNEN

Wenn manchmal mein Arbeitsleben an mir in Gedanken vorüberzieht und ich daran denke, mit welchen Brüchen es verbunden war, welche Chancen ich vertan habe oder sie erst gar nicht bekam, ja dann frage ich mich, welchen Sinn das alles hatte.

Ich habe vier Jahre das Fach ‚Schiffsmaschinenbetrieb‘ studiert und konnte dem nichts abgewinnen.

Wiederum später in Moskau habe ich mich mit dem ‚Kapital‘ von Marx herumgeschlagen. Was war das wert. Gut, ich könnte sagen, dass ich zu den wenigen Menschen gehöre, die die Bände nicht nur bis zum Schluss gelesen, sondern sogar verstanden haben.

Später habe ich mich wieder einem anderen Thema zugewandt, nämlich den Menschenrechten im KSZE-Prozess. Das alles liegt sehr lange zurück, es war drei Jahre vor der Wende.

Und dann war ich Verkaufsleiter, Manager, freiberuflicher Journalist.

Mir wird schon schwindlig, wenn ich das hier alles hintereinander aufschreibe. Aber welchen Sinn hatte das alles, und wo ist die inhaltliche Klammer, die das alles schließlich umspannt?

Darauf gibt es für mich nur eine Antwort. So sehr mich manches von den Brüchen schmerzt, für das Schreiben ist es nicht nur optimal, es ist ideal.

Indem ich schreibe, beschäftige ich mich mit mir selbst. Das klingt ziemlich egoistisch.
Aber es ist so, denn ich denke über das nach, was war, warum es so war und wie ich es heute sehe.

Schreibend taste ich mich vorwärts, versuche immer wieder hinter den Sinn des Ganzen zu kommen. Und ich merke dabei, dass ich viele Erinnerungen am liebsten in Geschichten packe, die ich dann erzähle.

Werde ich dadurch zum Schriftsteller? Nein, ich denke nicht. Doch ich spüre das Leben intensiver, spreche mit mir selbst, stehe ich in Gedanken mit in Widerstreit zu mir selbst.

Das alles ist natürlich anstrengender, als wenn du nur so durch den Tag gehst, Sport treibst und deine Arbeit verrichtest.

Selbst die kleinsten Alltagserlebnisse siehst du anders, wenn du schreibst. Wie das aussieht, ja darüber denke ich in der Folge (11) des Schreib-Alltags nach.

‚LOSER‘ UND ‚FOLTERKNECHT‘

50 KILO ABNEHMEN – (17)

Die beiden inneren Stimmen kehren zurück. 

Wieder Fitness-Studio, wieder zuerst das Laufband. Ich habe gestern 2,06 km in 30 Minuten absolviert. Das ist gar nicht so schlecht für mich, denn ich bevorzuge das schnelle Gehen, das Walken sozusagen.

Aber der Anlauf am gestrigen Tag insgesamt war schwierig. Wir waren zwei Tage zuvor in Dresden und ich habe ein Stück Schokoladentorte im Café an der Semperoper gegessen. Und abends noch dazu drei Gläser Wermut getrunken, eine Katastrophe für mein Abnahmeprogramm.

Außerdem war ich am Freitag davor nicht im Fitness-Studio. Also drei Tage kein Training, dafür schön ungesund gegessen und getrunken.

Das alles zusammengenommen traf mich wie ein Keulenschlag, als ich den ersten Tag in der neuen Woche versuchte, am alten Schwung anzuknüpfen.

Nach dem Laufband war ich am Rudergerät. Es schien, als würde ich mit jedem Zug versuchen, einen Güterwaggon in Bewegung zu setzen.

In dem Moment musste ich mich wieder an meine beiden inneren Stimmen erinnern – ‚Folterknecht‘ und ‚Loser‘.

„Los, mach‘ weiter und erhöhe die Schlagzahl“, schnarrte mir Folterknecht ins Ohr.

„Gönn‘ dir doch ruhig eine Auszeit. Schau mal‘, dein rechter Schnürsenkel ist außerdem geöffnet, so kannst du gar nicht weitermachen.

Du hörst einfach auf zu rudern, steigst aus den Pedalen des Rudergeräts und bindest erst einmal die Schnürsenkel am rechten Schuh wieder zu.

Danach setzt du dich auf das gemütliche Sofa dort am Rand und schaust den anderen zu, wie sie sich abquälen“, sagte Loser mit einschmeichelnder Stimme an meinem anderen Ohr.

Ich habe weitergemacht, trotz des locker gewordenen Schnürsenkels am rechten Turnschuh. Die Schlagzahl habe ich aber auch nicht erhöht.