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Anna ist dement (7)

Im Wartezimmer von Dr. Silberfisch

Klara fährt nächste Woche nach Stralsund. Sie will es ihrer Mutter nicht sagen.  Sondern: Sie will – gemeinsam mit ihrem Bruder Lukas – zu Dr. Silberfisch.
Sie wollen ihn um Rat fragen, was sie tun können wegen ihrer Mutter Anna. Dr. Silberfisch steht bei Anna hoch im Kurs.
Wie es umgekehrt ist, das wissen sie nicht. Aber für Anna ist es ein Höhepunkt, wenn sie zu ihm in die Praxis gehen kann.
Sie kennt sich dort aus. Früher war dort mal eine Drogerie drin. Anna hat dort als Verkäuferin gearbeitet.
Und Anna kommt heute noch ins Schwärmen, wenn Sie daran zurückdenkt.  Sie fängt gleich im Wartezimmer an zu erzählen, was dort früher war und wie die einzelnen Räume aufgeteilt waren.
„Und da oben, da haben wir immer Mittag gemacht, Schwester.“
„Ach ja“, sagt Schwester Erika und verdreht die Augen verstohlen zu ihrer Kollegin.
Anna weiß nicht, dass sich die Schwestern heute Praxishelferinnen nennen. Und das stört sie auch nicht im geringsten.
„Manchmal, da haben wir dort auch Kaffee getrunken und Kuchen gegessen“, fährt Anna unbeirrt fort. „Ach, das war schön.
Und die Kunden mochten uns“, meinte sie.
„Frau Sturm, der Doktor wartet jetzt auf Sie. Bitte gehen Sie doch durch.“
„Ja, das mach‘ ich doch glatt.“ Anna ist im Arztzimmer verschwunden. „Sooo…“, sagt Schwester Erika – also die Praxishelferin Erika.
„Das hätten wir jetzt wieder.“
„Na ja, wer weiß, wie wir mal werden“, meint ihre Kollegin.
„Meinst du?“
„Na ja“, seufzt Erika, „ich will‘ s nicht hoffen.“

Anna ist dement (6) – Berta hat aufgelegt

Anna ruft an: „Es war schön gestern bei der Diamantenen Hochzeit.“
Anna hatte vergessen, dass Klara zur Arbeit gefahren war und dachte, sie träfe sie am Telefon an. Jetzt musste sie mit ihrem Schwiegersohn vorlieb nehmen.
„Hattet ihr denn auch Musik?“, fragte Peter.
„Ja, Berta hat aufgelegt.“ „Oh, Donnerwetter!“, staunte Peter und musste schmunzeln.
Aufgelegt – war das nicht ein Begriff, der längst vergangen war? Oder ist er gerade hip, wenn man an die heutigen Veranstaltungen denkt, wo der DJ auflegt?
Jedenfalls: Anna sprach und dachte modern.
Trotzdem: Wahrscheinlich war das  ein ganz normaler Recorder, auf dem die Musik spielte und zwischendurch die CD’ s gewechselt wurden.
Und das tat eben Berta.
„Waren denn Gäste da, die wir kennen?“, fragte Peter weiter. Anna überlegte kurz und sagte: „Nein, keine.“
Da war er wieder der Gedächtnisverlust. Peter und Klara kannten bestimmt über die Hälfte derjenigen, die dort Gäste waren.
„Wie heißt noch gleich die Tochter von Berta, ich komme einfach nicht drauf“, fragte Peter jetzt.
„Na, Cornelia, das musst du doch wissen?“, sagte Anna vorwurfsvoll.
Ja, Anna hatte Recht. Peter musste und konnte es wissen.
Anna konnte es im ersten Anlauf nicht wissen, dass es jemand war, den Peter und Klara kannten, und sie musste es vielleicht auch nicht mehr.

Anna ist dement (5)

Sie haben gewonnen, Frau Sturm!

„Ich hab‘ da vielleicht wieder eine Aufregung“, sagt Anna. Sie hat Klara angerufen, eben wie immer täglich, gegen Abend.
„Was denn für eine Aufregung?“, fragt Klara. „Na, ich habe schon wieder 8000 Euro gewonnen.“
„Mutti, du hast nicht gewonnen. Das ist ein Werbebrief. Und wenn du weiter unten liest, dann siehst du, dass du die Chance hast, zu gewinnen.  Eventuell. Aber das ist eher unwahrscheinlich.“
„Ich lese dir jetzt mal vor, was hier steht.“
Anna fängt an, den Werbebrief vorzulesen: „Liebe Frau Sturm, freuen Sie sich! Sie haben gewonnen…
Schicken Sie die Antwort noch heute zurück, und: Vergessen Sie nicht, den beiliegenden Bestellschein auszufüllen… Sobald wir Ihre Rückantwort erhalten haben, sind Sie mit dabei – bei der großen Verlosung für den Hauptgewinn in Höhe von 8000 Euro…Also schicken Sie den Brief noch heute ab, liebe Frau Sturm.“
Klara hat bis zum Schluss gewartet. Sie war dem Rat von Peter gefolgt und hatte ihre Mutter nicht unterbrochen.
Doch es fiel ihr schwer, ruhig zu bleiben, zuzuhören, nicht hineinzureden.
Doch nun platzte es aus ihr heraus: „Mutti, wir haben doch schon so oft darüber gesprochen.
Das ist ein Werbe-Gag. Du bist eine von Tausenden, die wie du diese Post erhalten haben.  Der Brief erfüllt nur einen einzigen Zweck: Du sollst wieder eine Bluse bestellen, verstehst du das?“
„Ja, aber hier steht, ich habe gewonnen.“
„Mutti, jetzt zerreiß den Brief, und wirf‘ ihn in die Tonne!“
„Meinst du wirklich?“ „Ja!“
Klara konnte nicht mehr. „Du erreichst nichts, wenn du auf diese Art mit deiner Mutter sprichst.  Anna hat doch jetzt nur ein schlechtes Gefühl, weiß aber nicht so richtig warum und wird dir beim nächsten Mal gar nichts mehr erzählen.“ Peter versuchte Klara zu erklären, dass sie so nicht weiterkam.  „Du hast gut reden. Du redest ja nicht jeden Abend mit ihr.“
Klara war bedient.

 

Anna ist dement (4)

Heute ist Christi Himmelfahrt. Manche sagen auch Vatertag oder Herrentag.
Der Tag, an dem man mit dem Bollerwagen durch die Straßen ziehen kann und schmutzige Lieder grölen muss, um ernst genommen zu werden.
Peter hat keine Lust darauf. Er freut sich auf seinen Schreibtisch. Er kann heute in Ruhe die Sachen ordnen, vielleicht ein wenig schreiben, aber eben ohne Druck und ohne, dass er angerufen wird und selbst jemanden anrufen muss.
Laura ruft an. Sie gratuliert zum Vatertag. „Danke“, brummt Peter. Er ist noch nicht ganz da und sitzt am Frühstückstisch.
„Na, ich bin gespannt, ob deine Mutter heute anruft.“
„Das hat dich doch bisher eher gestört, wenn dich deine Schwiegermutter angerufen hat und zum Herrentag gratulierte“, sagte Klara.
„Na so ist es ja nun auch nicht. Ich habe mich schon gefreut.“
Aber das Telefon bleibt stumm. Anna hat den Tag schlichtweg vergessen.
Sie hat auch vergessen, ihrem Sohn Lukas zu gratulieren.
Lukas wohnt in Stralsund, ganz in ihrer Nähe. Er hat ein Haus mit einem Hof.  Anna geht dort täglich vorbei. Und an solchen Tagen hat sie Lukas meist eine Packung mit alkoholfreiem Bier mitgebracht.
Klara ruft bei Lukas an: „Hat Mutti dich angerufen und gratuliert?“
„Nein, hat sie nicht.“
Peter ist geschockt. Wieder mal ist es ein sicheres Zeichen dafür, dass Anna mehr und mehr vergisst. Klara nimmt den Hörer noch einmal in die Hand und fragt Anna direkt: „Mutti, du weißt schon, dass heute Vatertag ist, oder?“
„Ja, ja weiß ich“, beteuert sie. „Also grüß‘ Peter schön.“
„Das hat sie doch sonst immer selbst gemacht und mir gratuliert.“
Jetzt war Peter doch ein wenig beleidigt, obwohl er wusste, dass es einen Grund dafür gab.
Einen Grund, für den Anna keine Schuld traf.

Anna ist dement (3)

Laura ist zu Besuch, Teil 2

Sonntagabend. Klara hatte noch einmal bei Anna angerufen. Sie wollte nicht, dass ihre Mutter nun vielleicht durcheinander war, weil Laura am Telefon nicht richtig aufgeklärt hatte, dass sie unverhofft aus Berlin zu Besuch gekommen war. Es war für keinen leicht, mit der Demenz von Anna umzugehen. Nicht für Klara, für Peter nicht und auch nicht für Laura. „Du musst mit Oma gehirngerecht kommunizieren.“ „Papa, was ist das für ein Quatsch“, protestiert Laura. „Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Was ich damit sagen will: Oma kann nicht mehrere Informationen gleichzeitig verarbeiten. Das verwirrt sie.“ „Was meinst du?“, fragt Laura. „Nun, du gehst an unser Telefon.
Für Oma müsste jetzt Mama am Hörer sein. Stattdessen hört sie deine Stimme. Für sie wohnst du in Berlin und bist jetzt auch in Berlin. Wir wiederum sind für sie da, wo sie jetzt anruft. Also solltest du erst einmal sagen, dass du bei uns spontan zu Besuch bist.“ „Spontan zu Besuch?“, fragte Laura dazwischen. „Das versteht sie doch erst recht nicht.“ „Aber stell dir vor, du würdest die Informationen per Rohrpost versenden – ein Satz folgt auf den anderen, und sie gehen alle in die gleiche Richtung. Da kannst du ja auch nicht mit dem letzten Satz anfangen, sondern du schiebst den ersten Satz zuerst durch.“
„Na gut Papa, das ist mir zu blöd.“ Peter schwieg. Laura lag richtig. Er war eben auch nicht trainiert auf die Kommunikation mit demenzkranken Menschen.

© Dr. Uwe Müller

Anna ist dement (2) – Laura ist zu Besuch, Teil 1

Abends rief Anna an. Laura ging ran und sagte: „Hallo Omi!“ Am anderen Ende kam keine Antwort. Sie zögerte. „Wieso ist Laura dort? Die wohnt doch in Berlin?“ Anna brauchte um zu verstehen, dass Laura zu Besuch war.
Ihr Koordinatensystem war durcheinandergebracht. „Wo ist denn dein Freund? Ist der nicht mit?“ Jetzt hatte Anna offensichtlich wieder den Durchblick.
Sonntagmorgen. Peter ist in Richtung Schorfheide gefahren. Er liebt die Gegend. Kurz vor Zerpenschleuse biegt er nach links ab. Er bleibt mit dem Auto oben stehen, steigt aus und holt die Stöcke für Nordic Walking aus dem Kofferraum. Peter blickt aufs Wasser und er bekommt sofort gute Laune. Die Sonne scheint, es ist ruhig, der Kiefernwald duftet. Neben ihm liegt ein Plastiksack, den offensichtlich Leute dorthin verfrachtet haben. Peter ärgert sich. Früher hätte er sich nicht darüber aufgeregt, heute aber schon. Er versteht nicht, dass manche Menschen so faul sind und den Müll ordentlich entsorgen. Peter legt die Schlaufen von den Stöcken an und läuft los. Man müsste eher sagen, er latscht los. Er braucht immer ein bisschen, bis er auf Betriebstemperatur ist. Ihm entgegen kommt ein Fahrradfahrer in kurzen Hosen und kurzem Hemd. Der starrt ihn an. „Guten Tag!“ Peter grüßt jeden, wenn er jemanden trifft. Aber er stellt fest, dass immer weniger so freundlich angesprochen werden wollen. Also macht er es auch schon nicht mehr durchgehend bei jedem. Aber heute ist Sonntag. Da grüßt er beim Laufen jeden. Auf dem Fluss ist ein Motorengeräusch zu hören. Ein Boot kommt ihm entgegen. Die Maschinen stampfen. Peter liebt diese Geräusche. Er kennt sie aus seiner Kindheit vom Schweriner See. Dort hat er gern zugeschaut, wenn die großen Boote am Steg festmachten. Am liebsten mochte er in einen Schuppen gehen, in dem ein Boot lag und ein wenig schaukelte und er konnte vom Rand aus auf das Boot steigen. Das hatte was, auch wenn ihm die Boote nicht gehörten. Das Boot auf der Finow ist an ihm vorbeigefahren. Hinten lümmelten sich ein Mann und eine Frau und ließen die Arme über die Bordwand hängen.
„Haben die es gut“, dachte Peter. Doch dann kam ihm in den Sinn, was alles zu tun ist, wenn das Boot angelegt hat. Es gibt immer etwas zu wischen, der Bootsmotor muss gewartet werden. Peter erinnert sich an den Schweriner See zurück und wie ihn sein Vater gepiesackt hatte, damit das Boot und der Motor zu Wasser gelassen werden konnten. Und dabei handelte es sich nur um den „Delphin“, ein Boot, das von einer PVC-Haut überzogen wurde. Peter seufzt und ist froh, dass er nun nur vom Ufer aus die vorbeifahrenden Boote beobachten konnte. Für ihn war das Luxus, dass er am Tag einmal laufen konnte. Am Alltag lief er meist schon morgens, halb sechs, wenn er Klara zum Bahnhof gefahren hatte. Peter kehrte um. Auf dem Rückweg konnte er besser auf das Wasser schauen und freute sich an der Ruhe, die ihn umgab.
Am Auto zurück angekommen lag nun der schönste Moment vor ihm: Die Hecktür öffnen, sich in den Laderaum schwingen, Wasser trinken, die Beine baumeln lassen und ein wenig herumhängen.
Peter fährt ab. Das Autotelefon klingelt. Laura ist dran. „Wo steckst du?“
„Warum?“
„Ich bin auf dem Weg zu euch.“ Peter freute sich. Seine Tochter kam nur noch selten zu ihm aus Berlin zu ihnen. Er rief Klara an: „Ich fahr‘ gleich durch zum Bahnhof und hole Laura ab.“
„Ist gut!“, erwiderte Laura. Es kam Leben in die Bude. Die Regionalbahn lief in den Bahnhof ein, kurz nachdem Peter angekommen war. Er fuhr mit Laura zurück. Laura stieg am Haus aus dem Auto und Peter kurbelte das Lenkrad herum, damit er in den Carport einparken konnte. Die Sonne blendete ihn und er konnte nicht erkennen, ob zu beiden außenstehenden Pfosten genügend Platz wäre. Peter sah es nicht genau und fuhr trotzdem rückwärts in den Carport. Es knirschte. Der Mercedes hatte am linken Pfosten angedockt. Peter war sauer. Der Schmutzfänger war ein Stück abgerissen. Peter ging nie zum Arzt, nur wenn es gar nicht mehr ging.
Doch für Bobby tat er alles. Bobby, das war kein Mensch und es war kein Hund. Es war sein Auto, das er nun schon das 14. Jahr fuhr. „Ich muss mit Bobby morgen in die Werkstatt. Und ich habe keinen Hunger mehr, ihr müsst ohne mich essen“. Für Peter war der Tag gelaufen.

Anna ist dement

Sonntag. Klara sitzt an ihrem Schreibtisch und rechnet. Sie tut das, was sie gar nicht mag – die Buchhaltung auf Vordermann bringen.
Und wenn sie fertig ist, dann nimmt die Unzufriedenheit bei ihr zu – die Zahlen stimmen zwar, aber sie sind im Minus, wie immer. „Kommt da nächste Woche noch was rein?“, ruft sie laut.
Nebenan sitzt Peter und murmelt etwas Unverständliches. Er lebt vom Schreiben. Besser: Er denkt noch, dass er es eines Tages kann. Dabei geht er nächstes Jahr in Rente.
„Ein Artikel ist noch offen“, antwortet Peter. „Was, mehr nicht?“ Klara ist enttäuscht. „Morgen klemm‘ ich mich ans Telefon.“ Klara schweigt und Peter sagt auch lieber nichts.
Sie könnten sich so freuen, denn sie werden bald Oma und Opa. Laura, ihre Tochter, bekommt im Herbst ihr erstes Kind. Wahrscheinlich wird es ein Mädchen. Peter hat sich immer eine Enkelin gewünscht. Dann könnte er mit ihr das nachholen, was er bei Laura nicht konnte: sich Zeit nehmen, Geschichten erzählen, einfach Quatsch machen. Doch da ist noch eine andere Sache, die alles überlagert. Anna, die Mutter von Klara, ist dement.
„Ich gehe morgen zur Diamantenen Hochzeit“, sagt Anna zu Klara am Telefon. „Mutti, schau doch einfach auf den Kalender – Charly und Berta haben doch erst nächste Woche ihren Hochzeitstag.“
Anna schweigt am Telefon. Sie wohnt in Stralsund und ihre Tochter in der Nähe von Berlin. Abends, jeden Abend, ruft Anna an. Halb sieben, dann klingelt das Telefon. Peter sagt dann: „Das betreute Wohnen ist dran.“ Klara erwidert darauf nichts. Doch es ist ein Stich, der ihr ins Herz geht. Peter weiß das und hat sich vorgenommen, es nicht mehr zu sagen. Aber die Verführung ist zu groß, zu sticheln und sich so zu wehren gegen die Anrufe, die nun schon über Jahre geführt werden und nichts Substanzielles an Gesprächsinhalten mit sich bringen. Peter weiß, dass es selbst dumm ist, so zu denken. Doch seine Gefühle übermannen ihn in dem Moment. Nun ist es anders. Schwiegermutter vergisst sehr viel. Sie versteht die Spitzen von Peter nicht mehr. Gerade waren sie in Stralsund. Sie sind im Hafen an der Mole entlang gegangen in Richtung der Fahrgastschiffe. „Ich liebe Stralsund, meine Heimat.“ „Na, dann sind wir ja froh, dass wenigstens einer seine Heimat liebt“, erwidert Peter bissig. Als würde Peter Stralsund nicht lieben. Klara wirft ihm einen wütenden Blick zu. Peter stimmt ein Lied aus alten Zeiten an: „Unsere Heimat, das sind nicht nur die….“ Klara schäumt. Plötzlich stimmt Anna in das Lied mit ein. Peter ist geschockt. Was Spott sein sollte, das nimmt Anna als Liebeserklärung an ihre Stadt.
„Ich darf das nicht mehr tun, ich muss mich anders verhalten. Anna ist dement“, denkt Peter und bekommt ein schlechtes Gewissen, dass er Klara nicht mehr unterstützt.

Copyright Kristina Müller
Anna ist Dement
Copyright Kristina Müller

Mit Demenz umgehen

Was mich im Vortrag von Prof. Godemann[1] bewegte: Er sprach davon, wie schwer es sei, die Veränderungen zu akzeptieren, die in der Mutter, dem Vater oder aber dem Ehepartner vorgehen, die ja nun mal mit der Krankheit Demenz einhergehen. Eines ist klar: Man kann diesen Prozess nicht zurückdrehen, und: Er wird tödlich enden. Das ist brutal. Doch es ist die Wahrheit. Manchmal hilft es am Anfang zu verdrängen, einfach nicht mit dem Angehörigen darüber zu sprechen. Mir erzählte eine Angehörige, ihre Mutter hätte immer gern Tomaten auf ihrem Balkon gehabt. „Und, hast du schon deine Tomaten gepflanzt“, fragt die Tochter. „Welche Tomaten“, fragte ihre Mutter zurück.  Und weiter: „Ich habe noch nie Tomaten angepflanzt! Wie kommst du darauf?“ Solange sich die Tochter zurückerinnert – ihre Mutter schwärmte immer von den Tomatenpflanzen; sie waren ihr ein und alles. Die Tochter ist entsetzt, sie ärgert sich. Doch sind das die richtigen Reaktionen? Sie sind auf jeden Fall verständlich. Ich denke, zu akzeptieren, dass sich die Persönlichkeit eines nahestehenden Menschen verändert, das ist wohl das, was am schwersten fällt. Die Situation annehmen, den Menschen in seiner veränderten Persönlichkeitsstruktur weiter zu respektieren, das ist die einzige Alternative aus der Sicht, zu helfen, weiter für den Menschen da zu sein.

[1] In der vergangenen Woche fand das 14. Pankower Gerontopsychiatrische Symposium statt. Das Motto: „(Selbst-) Fit im Pflegen bleiben – Entlastung, Unterstützung und Zusammenhalt.“ Veranstalter war das Alexianer St. Joseph-Krankenhaus, Berlin- Weißensee unter der Leitung von Prof. Dr. med. Frank Godemann, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und verhaltenstherapeutische Medizin.

 

 

Warum ein Interview mehr sagt, als es viele Fakten könnten

Was macht die Sogwirkung aus, wenn Menschen Geschichten über sich erzählen?

Zunächst: Der Leser nimmt Fakten zur Kenntnis. Geschichten aber überzeugen ihn.  Interviews fallen einfach auf im Dickicht der Informationsflut, sie wecken Emotionen.
Der Leser erinnert sich besser an das Erzählte,  er spinnt sozusagen den Faden mit.  Die Personen,  die im Interview darüber berichten, wie sie zum Beispiel zur Pflege kamen,  was sie für Motive umtreibt und warum sie sich heute noch engagieren, das interessiert die Angehörigen. Sie wollen, dass der Pflegedienst nicht nur auf der Homepage schreibt: „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt.“
Vielmehr: Sie wollen, dass sich genau der Mensch ihrer Pflegebedürftigen annimmt, dem sie vertrauen können und der sie mit seiner Biografie, seinem Wissen und Handeln überzeugt.
Interviews bleiben auf dem Portal, können immer wieder aufgerufen werden.  Und sie erhöhen damit gleichzeitig die Sichtbarkeit des jeweiligen Pflegedienstes bei Google.
Die Pressemitteilung fasst noch einmal knapp zusammen, warum es interessant ist, den Pflegedienst kennenzulernen, das Interview zu lesen.  Die Suchmaschine von Google verknüpft die Informationen miteinander und der Leser wird auf der Suche nach einem geeigneten Pflegedienst zielgerichteter zu ihm geführt.
Artikel in der Tageszeitung sind „Eintagsfliegen“ – das Interview aber auf dem Portal „uwemuellererzaehlt.de“ bleibt und die Pressemitteilung ebenfalls – zum Beispiel auf  „news4press.com“. 750.000 Leser greifen im Schnitt monatlich auf dieses online-Portal zu.
Außerdem: Pflegedienste werden in ihrem Ort gefunden. Es spielt also keine Rolle, ob dieser in einem Dorf in Bayern sein Zuhause hat oder in Berlin-Mitte.  Interview und Pressemitteilung zusammen geben eine erste Auskunft darüber, wie der gesuchte Pflegedienst „tickt“, ob er interessant für denjenigen ist, der  Unterstützung für seinen Angehörigen sucht.
Übrigens: In der Pressemitteilung kann über den eingefügten Link die jeweilige Homepage direkt aufgerufen werden.
© Dr. Uwe Müller

Uwe Müller

Demenz im Spannungsfeld von Herausforderungen und Frustration

Eindrücke von einer Veranstatlung

In der vergangenen Woche fand das 14. Pankower Gerontopsychiatrische Symposium statt.
Das Motto: „(Selbst-) Fit im Pflegen bleiben – Entlastung, Unterstützung und Zusammenhalt.“
Veranstalter war das Alexianer St. Joseph-Krankenhaus, Berlin- Weißensee unter der Leitung von Prof. Dr. med. Frank Godemann, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und verhaltenstherapeutische Medizin.
Im einführenden Vortrag sprach Prof. Godemann über Demenz als dem Spannungsfeld zwischen Herausforderung und Frustration.
Er ging darauf ein, dass mit der Pubertät die Entwicklungen und Veränderungen im Leben eines Menschen faktisch abgeschlossen sind.
Und so kennen wir uns über Jahre als stabile und verlässliche Partner. In den letzten Jahren des Lebens kommen andere Veränderungen auf uns zu – die Wahrscheinlichkeit, dass wir an Demenz erkranken ist groß. Oft geht damit der Versuch einher, den Prozess der beginnenden Erkrankung zu bagatellisieren. Betroffene sollen oftmals so geschützt werden.
Der Erfolg, so Prof. Godemann, misst sich nicht an den Veränderungen, sondern daran, möglichst professionell zu sein.
Die Veränderungen sind am Anfang oft schwer zu ertragen, gehen oft mit Wut und Ärger einher.
Der Partner, die Angehörigen übernehmen nach und nach die Aufgaben des anderen. Und mitunter kann Verdrängung für den Betroffenen selbst hier eine Möglichkeit sein, langsam den Veränderungsprozess an sich selbst anzunehmen.
Mehr zu inhaltlichen Aspekten der Veranstaltung: Samstag, 20. Mai 2017
© Dr. Uwe Müller

Uwe Müller