Archiv der Kategorie: KOLUMNE

Sachliches, Fachliches, Humorvolles

DIE SACHE MIT DER PERSPEKTIVE AM MONTAG

 Als ich heute früh hochschreckte und mich aufrichtete, um die Uhr bei Klara deutlicher zu sehen, da hoffte ich inständig, dass es noch nicht vier Uhr sein sollte.

Es war tatsächlich noch nicht soweit. Der Wecker zeigte nämlich ‚erst‘ 3.59 Uhr an.

In einer Minute würde er losklingeln.

„Das kann doch nicht wahr sein“, fluchte ich laut und Klara musste lachte, denn sie war ebenfalls bereits wach.

Ich schwang die Füße hoch und blieb noch eine Weile auf dem Bett sitzen.

Jetzt kamen mir all die Gedanken, die ich zu Wochenbeginn gar nicht haben wollte: Ich musste heute die Autowerkstatt anrufen und die Überweisung von knapp 800 Euro für die neuen Reifen zur Bank bringen.

Überhaupt wurde mir klar, dass ich nach dem Frühstück und nachdem ich Klara zum Zug gebracht hatte, spätestens 6. Uhr am Schreibtisch sitzen musste. Meine Laune war auf dem Tiefpunkt.

Als Klara in die Küche kam, da sagte sie: „Der Radiomoderator hat gesagt, dass es erwiesen ist, dass der Montag definitiv ein Grund ist, warum man so schwer aus dem Bett kommt und nicht die beste Laune hat.“

„Du, das war mir auch ohne den Moderator klar, das sitzt mir quasi in den Genen, die schlechte Laune zu Wochenbeginn“, antwortete ich.

Als ich zum Briefkasten ging, um die Zeitung herauszuholen, und diese nicht da war, rutschte meine Motivationskraft auf den Tiefpunkt.

Später, gegen 07.00 Uhr las ich im ersten Kapitel von Bronnie Ware. „Perspektivwechsel“ (1), so war es überschrieben.

Sie beschreibt, wie sie beim Einkaufen auf eine Frau trifft, die vor ihr stark gebeugt geht.

Bronnie Ware erfasste Mitleid mit dieser Frau.

Später schreibt sie: „Aber dann dachte ich an… die Sache mit der Perspektive“.  (2)

Was meinte sie damit?

Es kommt ja immer darauf an, aus welchem Blickwinkel du die Dinge betrachtest. Für mich war es am Montagmorgen schrecklich, vier Uhr aufzustehen und sechs Uhr anfangen zu arbeiten.

Aber konnte ich mich nicht glücklich schätzen, dass ich von Zuhause aus arbeiten durfte, in bequemer Kleidung am Schreibtisch saß? Und zwischendurch lief ich auch noch am Liepnitzsee. Ich tat etwas für die Gesundheit, wozu andere in der Arbeitszeit gar nicht kamen.

Ich habe die Autorin so verstanden, dass es nur darauf ankommt, die eigene Sicht zu verändern und das Leben neu zu betrachten.

Bronnie Ware schreibt: „Es ist ganz egal, wie beschwerlich das Leben zuweilen ist. Wenn wir die Perspektive wechseln, sieht alles gleich ganz anders aus.“

Ich habe gleich bessere Laune und schreibe auf ‚Hochtouren.‘

Morgen lese ich wieder ein Kapitel.

(1)Bronnie Ware: „Leben ohne Reue. 52 Impulse, die uns daran erinnern, was wirklich wichtig ist.“ Wilhelm Goldmann Verlag, München, 5. Auflage, Taschenbuchausgabe September 2016 Kapitel 1 Perspektivwechsel, S. 21ff)
(2) ebenda, S. 22

BRIEF AN MEINE ENKELIN ÜBER EIN NEUES BUCH MIT KINDERLIEDERN

ZUM GLÜCK HABEN WIR KRÜMEL (3)

Der Brief liegt nun auch schon wieder ein Jahr zurück.
Trotzdem erinnere ich mich gern daran, weil er zeigt, wie schnell sich Krümel entwickelt. Das Liederbuch nehmen wir gern zur Hand. Aber noch lieber singen wir ‚Oh Tanne-Baum‘. Und dann fragt Krümel: „Opa, noch maaal?!!“
Das ist der Brief:

Lieber Krümel,
während du dich wahrscheinlich noch im Bett herumdrehst und hoffentlich schöne Träume hast, habe ich heute mit etwas ganz Besonderem begonnen. Nämlich, ein neues Liederbuch für Kinder anzuschauen.

Oma brachte gestern so ein Buch mit. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Auf dem Deckel ist ein Bär abgebildet. Er läuft, lacht und singt. Woran ich das erkenne?

Nun, daneben sind kleine Noten abgebildet. Das ist aber nur die eine Hälfte des Buchdeckels. Auf der anderen Seite gibt es einen Notenschlüssel. Und wenn du dort auf die einzelnen Bilder drückst, dann ertönt ein Lied. Im Buch selbst sind dann einzelne Liedtexte abgebildet.

Zum Beispiel: Kommt ein Vogel geflogen. Jetzt muss ich nur noch herausbekommen, welcher Text zu welcher Melodie passt. Damit bin ich heute Morgen beschäftigt.

Oma sagt: „Jetzt kannst du mal deine Lieder vergessen.“
„Welche?“, habe ich gefragt.
„Na, ‚…auf der Reeperbahn… zum Beispiel“, sagte sie.

Aber mit den neuen Liedern ist es so, wie mit den neuen Spielzeugen. Wir bekamen früher zwar nicht so viele neue Sachen zum Spielen. Cowboys mit Pistolen schon. Und wir freuten uns, wenn wir diese Cowboys hatten, und wir sie in den Kampf schicken konnten.

Doch nach einer gewissen Zeit, da holten wir die alten Wäscheklammern hervor und der Cowboy lag in der Ecke.

Was ich damit sagen will?
Also, wir werden bestimmt mit dem Buch so einiges anstellen, schöne Kinderlieder singen oder besser, ich brumme und du rufst dann wieder ‚lala‘, oder so ähnlich. So richtig kann ich es ja noch nicht verstehen, was du ausdrücken willst.

Pure Lebenslust ist es allemal. Aber schließlich wirst du wieder das alte Staubtuch hervorholen und es über das Buch decken und danach eine deiner vielen Puppen damit einrollen oder das Feuerwehrauto einwickeln.

Auf jeden Fall wird dich das Tuch erneut in seinen Bann ziehen. Das Liederbuch ist auch noch da, liegt aber zwischen der kleinen Küche, deinem Roller und den Puppen.

Und das ist der Zeitpunkt, wo ich dann zu „Auf der Reeperbahn…“ übergehen kann. Ich wünsch‘ dir einen schönen Tag. Einen wirklich schönen Tag, an dem du lachst und durch die Wohnung rennst, um etwas Neues zu entdecken oder die Videos von Mama aus dem Regal schmeißt.

ICH GRATULIERE ZUM MUTTERTAG!

DAS SCHÖNE IN DEN KLEINEN DINGEN DES LEBENS ENTDECKEN (6)

Ich ertappe mich immer noch dabei, dass ich den Muttertag einfach vergesse. Da bin ich eben ein Ossi, der seiner Mutter und Oma und später seiner Frau eher zum 8. März gratulierte, dem Internationalen Frauentag.

„Wann ist eigentlich Muttertag?“, habe ich gestern Abend noch Klara gefragt.

„Morgen!“, sagte sie knapp und ich meine, dass ich einen leisen Vorwurf herausgehört habe.

„Hast du das immer noch nicht begriffen?“ Oder: „Du wirst es wohl nie begreifen?“, so in der Art wird sie gedacht haben, als sie meine Frage hörte.

Na klar denke ich heute an meine ‚Frauen‘!

Zuerst gratuliere ich meiner Mama, die im Pflegeheim liegt, im 91. Lebensjahr, nicht mehr aufstehen kann und dement ist.
„Liebe Mama, ich bin in Gedanken bei dir, und ich weiß, dass du gut betreut und gepflegt wirst. Das macht deine Tochter, meine Schwester, und ich bin ihr sehr dankbar dafür.

Ich denke an meine Oma, die mich in den ersten zehn Jahren in Schwerin betreut, gepflegt und von Herzen geliebt hat. Meine Mutter war arbeiten und Oma hat für uns gesorgt, morgens Streuselkuchen mitgebracht, mittags Pudding zum Nachtisch gekocht und zwischendurch mir ein Messer an die Stirn gehalten, weil ich mal wieder gegen die Teppichstange mit dem Roller gerast bin.

Und sie hat mich gewarnt, weil ich nach Moskau zum Studium gehen wollte.
„Geh‘ nicht dorthin, werd‘ lieber Koch“, hat sie gesagt.
Wie recht sie hatte. Trotzdem habe ich nicht auf sie gehört.

Und dann ist da noch die andere Oma, die von Klara. Was haben wir gelacht, wenn sie abends in Sassnitz in unsere Wohnung kam und kleine Geschichten erzählt hat. Ich vermisse sie noch heute und wir erzählen viel am Sonntagsfrühstückstisch von ihr.

Klaras Mutter, Lauras Oma – sie war stets für uns da und ich habe nie ein böses Wort von ihr gehört. Wir werden sie heute anrufen und ihr gratulieren.

Klara habe ich bereits zum Muttertag gratuliert.
Laura ist nun auch schon seit fast drei Jahren Mutti.
Unser größtes Glück, Krümel, hat ja zu Klara erst jüngst gebrabbelt:

„Oma, nicht Mutti zu Uroma sagen. Mutti da oben.“ Und sie hat dabei mit ihrem kleinen Finger zu ihrer Mutter gezeigt.
„Meine Mama!“, das sagt sie manchmal und damit ist alles gesagt, die ganze Liebe, die sie für ihre Mutter mit zweieinhalb Jahren empfinden kann, ausgedrückt. Das andere ist noch zu kompliziert für sie.

Ich denke aber auch an meine Freunde.
Kürzlich habe ich mit der Mutter meines Freundes telefoniert. Sie ist bescheiden, sehr fleißig, und sie liebt ihre Kinder und ihre beiden Enkel über alles.

Sie hat ihre Kinder allein großgezogen, ist stets arbeiten gegangen und sie hat sich ihren Humor bewahrt.
Eine großartige Frau.

Oder die Frau meines Freundes, die im vergangenen Jahr zum zweiten Mal Mutter wurde, unter großen Schmerzen.
Und wie sie das alles weggesteckt hat, heute ihre ganze Liebe ihren beiden Söhnen schenkt und nebenher einen großartigen Beruf ausübt, und das ganz bescheiden, ohne sich in den Mittelpunkt zu rücken – das ringt mir Hochachtung ab.

Was wären wir ohne Euch, liebe Frauen und Mütter?
Zunächst einmal wären wir gar nicht auf dieser Welt.
Früher, da habe ich wenig im Haushalt geholfen, und wenn ich von der Arbeit kam, und ein Fussel auf dem Teppich auf dem Boden lag, dann habe ich das natürlich angemahnt.

Und heute? Heute, ja da schwinge ich selbst den Staubsauger, helfe in der Küche und im Garten und verstehe nicht, wie Klara das früher alles allein geschafft hat.
Ich verneige mich vor Euch, liebe Frauen und Mütter, und das ist ausnahmsweise mal ohne ein Augenzwinkern gemeint.

KANNST DU KRÜMEL VON DER KITA ABHOLEN?

ZUM GLÜCK HABEN WIR KRÜMEL (2)

Sonst war Krümel schon in der Wohnung, wenn ich sie betreut habe. Aber nun sollte ich sie vom Kindergarten abholen. Es war das erste Mal für mich.

„Weißt du, wie du da hinkommst, Papa?“, fragte mich Laura.
„Ja, sag mir nur wie der Name der Kita ist“, meinte ich zu ihr.
„Pusteblume.“

Und weiter: „Du gehst direkt unten bei uns am Spielplatz vorbei.“
„Warum kann ich mit dem Auto nicht dort direkt hinfahren?“
„Kannst du auch. Aber laufen tut dir doch auch mal gut, oder? Außerdem kannst du dann Krümel ein bisschen den Kinderwagen auf dem Rückweg schieben lassen.“

„Ja, ist gut. Da ist was dran.“
„Jetzt, Papa, pass gut auf, damit du nichts vergisst!“
„Sind wir hier in der Schule? Und wer ist hier eigentlich der Schüler und wer die Lehrerin?“, fragte ich Laura.
„Papa, in der Reihenfolge. Du hast die Frage gerade selbst beantwortet.“

„Gut, dann sag‘ mal an. Aber warte mal. Ich mach‘ gleich mal mein iPhone auf. Da schreibe ich alles rein.“
„Hoffentlich findest du das auch wieder.“
„Denkst du, du kannst nur digital?“
„Ich bin da auch fit.“

Schweigen. Laura antwortet nicht.
„Und wieso hast du mich denn angerufen, als du wieder mal dein Passwort nicht gefunden hast?“, fragt sie dann doch noch.

„Das war etwas völlig anderes. Lass uns anfangen“, sage ich.
„Ach so, bevor ich es vergesse“, werfe ich noch ein: Wie war noch der Name der Kita?“

„Pusteblume! Papa.“
„Warum klingst du so genervt. Man wird doch noch mal fragen dürfen.“
„Ja, aber nicht fünfmal!“
„Warum eigentlich nicht?“

„Papa. Du sagst mir immer, ich soll mich konzentrieren, alles aufschreiben. Schreiben strukturiert das Denken.“
„Das soll ich gesagt haben?“
„‘Jahaa‘ Können wir jetzt anfangen?“

„Ich bin bereit.“
„Du gehst am Spielplatz vorbei, dann die Straße runter, überquerst sie, hältst dich links.“
„Ach, das weiß ich doch“, sage ich.
„Gut, Papa, dann jetzt zu den Sachen.“
„Ja, bitte.“

Laura spricht von einem roten Schal, einer Brotbüchse, einer Wickeltasche, von Schuhen, einem Rucksack, blau-rot.
„Nicht so schnell. Ich schreibe zwar mit 10 Fingern auf der Tastatur.

Aber nicht auf dem Telefon. Da passt immer nur einer meiner Wurstfinger drauf. Meist reicht der Daumen auch noch bis zum Nachbarbuchstaben.“
Endlich hatte ich alles aufgeschrieben. Ich fühlte mich gut vorbereitet.

Nächster Tag. Der Tag der Wahrheit
Ich habe das Auto abgestellt und bin auf dem Weg zur Kita, am Spielplatz vorbei, die Straße runter.

Wie sollte ich mich dann halten? Links oder rechts?
Mir lief der Schweiß, weil ich schnell gegangen war. Es war aber kalt und es wehte ein ziemlich starker Wind.

Den Mantel hatte ich zu Hause vergessen. Ich war zu aufgeregt.
Ich schaute mich um. Eine junge Frau kam mir entgegen.

Die muss das wissen. Die ist bestimmt auch Mutter, dachte ich.
„Bitte entschuldigen Sie, können Sie mir vielleicht sagen, wo es hier zum Kindergarten geht?“
„Welchen meinen Sie?“
„Gibt’s hier mehrere?“
„Ja, natürlich.“
„Mohnblume.“
„Mohnblume?“
„Die Kita gibt‘ s hier nicht.“
„Nein?“
„Nein!“
„Vielen Dank trotzdem.“

Warum hatte ich mir das nicht aufgeschrieben?
Ich habe die richtige Kita von Krümel dann doch noch gefunden. Zuerst habe ich Krümel die Sachen angezogen, die dem Nachbarkind gehörten. Gott sei Dank, ich bemerkte es rechtzeitig.
Was tun?

Die fremden Sachen wieder ausziehen und die richtigen danach an. Zwischendrin hat Krümel ein Stück Kuchen gegessen. Krümel krümelte dabei mächtig.

Ich suchte einen Papierkorb, fand aber keinen. Also habe ich die Kuchenreste in meine Hosentasche gestopft und sie dort vergessen. Das fiel mir auf die Füße, im wörtlichen Sinne. Nämlich, als ich abends die Hose umgekehrt auf den Bügel hängte.

Zurück zur Kita. Ich musste noch den richtigen Kinderwagen finden.
Habe ich auch. Aber erst einmal habe ich mir den falschen Wagen gegriffen und bin damit losgefahren. Zu meiner Ehrenrettung: Ich hatte den neuen Kinderwagen noch nicht so oft gesehen.

Klara kam mir entgegen und danach sind wir noch einmal zur Kita zurück. Der Erzieherin am Eingang habe ich gesagt, dass wir nun den richtigen Kinderwagen gegen den falschen austauschen müssten. Ich glaube, die wissen jetzt, wer Krümels Opa ist.

Krümel und Laura sind wieder Zuhause. Klara ist arbeiten. Ich habe meine Ruhe. Ich sitz‘ am Schreibtisch, kann was schaffen. Doch ich krieg‘ Entzugserscheinungen. Chaos beim Abholen von Krümel ist besser.

KRÜMEL TANZT IM KLEID, DAS ÜBER 80 JAHRE ALT IST

ZUM GLÜCK HABEN WIR KRÜMEL (1)

Es ist etwas Besonderes, wenn uns Krümel, unsere Enkelin, besucht. Sie bringt unseren ganzen ‚Laden' in Schwung und durcheinander. 
Sie ist im Herbst 2017 geboren und wird in diesem Jahr drei Jahre alt. Wie konnten wir vorher nur ohne sie auskommen?

Gestern noch, da saß sie auf meinem Schreibtisch und hat sich gemeinsam mit mir Lieder angehört. Heute ist der Schreibtisch wieder verwaist, nur Stifte und bekritzeltes Papier liegen auf dem Tisch und erinnern mich an gestern.

Der Alltag hat mich wieder und ich muss ihn mir erst wieder zum Freund machen.

Am Samstag, da hatten wir eine kleine Vorstellung von Krümel. Sie hatte das Kleid an, was Klara getragen hat, davor Laura und zuerst Anna.

Es muss an die 80 Jahre alt sein und sieht immer noch hübsch aus. Krümel hat sich darin zur Musik bewegt und ein wenig mit den Hüften gewackelt.

Warum sind das eigentlich die Dinge, die einen wirklich freuen?

Wahrscheinlich, weil du kein Geld dafür brauchst und dich trotzdem unsäglich reich fühlst.

Wie haben wir es nur die ganzen Jahre zuvor ohne sie ausgehalten?

URLAUB IN SASSNITZ – ACH GOTT, WAR DAS SCHÖN – BIS AUF DEN ERSTEN TAG

ZUFÄLLIG ERLEBT (4)

Wir haben dieses Jahr wieder unseren Urlaub in Sassnitz geplant und die Hotelbuchung steht. Wir überlegen, was wir tun sollen, Zeiten von Corona.
Ich denke erst einmal an den Urlaub im vergangenen Jahr zurück, besonders den ersten Tag.

Wir waren kaum in Sassnitz angekommen, da war ich auch schon mit Krümel auf der einzigen großen Straße in der Stadt unterwegs, in der Hauptstraße eben.

Dort gibt es ein Kaufhaus und da wollte ich mit Krümel reinschauen.
Laura war dort kurz vorher hineingegangen, um noch etwas Urlaubslektüre zu bekommen.

Klara war in der Ferienwohnung geblieben.
„Wollen wir mal deiner Mutter hinterhergehen?“, fragte ich Krümel und die nickte und wollte sofort losstürmen, direkt über die Straße.

„Halt, halt, nicht so schnell, Krümel“, rief ich und bekam sie am Arm zu fassen. Ich hob sie hoch und trug sie über die Straße.

„So, jetzt kannst du ins Kaufhaus laufen und nach Mama sehen“, sagte ich zu ihr, während ich sie absetzte.

Krümel lief in Richtung des Kaufhauses, blieb plötzlich stehen, machte kehrt und sauste auf die Straße zu.
Mit schreckgeweiteten Augen erkannte ich die Gefahr.

„Bleib stehen!“, schrie ich. Doch Krümel hörte nicht.
Was sollte ich tun? Ich stürzte mich in Richtung Straße, auf die Krümel bereits gelaufen war.

Mit einem Hechtsprung erwischte ich sie noch. Ich hatte sie im Arm, aber ich konnte mich nicht halten und flog mit meinem ganzen Gewicht auf den Asphalt zu.

Krümel war in meinem Arm und in Bruchteilen von Sekunden hielt ich sie über mir hoch, streckte sie geradezu in die Luft. Aber, ich konnte nicht verhindern, dass sie ebenfalls mit stürzte. Sie fiel leicht auf den Kopf und fing an zu weinen.

Ich lag auf dem Bauch, auf der Straße und konnte mich nicht bewegen.
„Hättest du doch schon mehr an Gewicht verloren“, fluchte ich im Stillen.

Passanten kamen zu Hilfe. Sie nahmen Krümel, trösteten sie und zu meiner Beruhigung sah ich aus den Augenwinkeln, dass ihr offensichtlich nichts Schlimmes passiert war.

Aber ich konnte mich nicht bewegen. Das Bein tat weh, der gesamte Oberkörper auch und ich bekam kaum Luft.
„Wir müssen ihn an den Straßenrand rollen“, hörte ich einen jungen Mann sagen.

„Können Sie aufstehen?“, fragte er mich.
„Geben Sie mir einen kurzen Augenblick“, rang ich mir ab und schnappte nach Luft.

Mehrere Menschen halfen, mich auf den Gehsteig zu rollen.
Inzwischen waren Schaulustigen da, die mich umringten.
Auf der anderen Seite hielt ein Autofahrer an und fragte: „Soll ich den Notarzt rufen?“

„Nein, nein, mir geht es gleich wieder besser!“
„Wirklich?“
„Ja, ich schaffe es allein“, sagte ich leise und versuchte aufzustehen.
„Soll ich Sie hochziehen?“, fragte der junge Mann.
„Tun Sie sich das nicht an“, antwortete ich.
„Wir schaffen das gemeinsam“, sagte er daraufhin.

Ich nickte, reichte ihm meinen Arm und er begann mich hochzuziehen.
Sein Gesicht lief rot an, seine Muskeln spannten sich unterhalb des Hemdes.

Schließlich stand ich wieder.
„Sollen wir jemandem Bescheid sagen?“, fragte die Begleiterin des jungen Mannes. Auf ihrem Arm saß Krümel und schaute schon wieder fröhlich durch die Gegend. Mir wurde gleich leichter ums Herz.

„Ja bitte, meine Tochter ist in das Kaufhaus gegangen.“
Es dauerte nicht lange und Laura kam herausgestürzt.
„Papa, dich kann man auch nicht einen Augenblick allein lassen“, schimpfte sie.

„Alles halb so schlimm“, presste ich hervor und schleppte mich mit ihr und Krümel von dannen.
Klara war in der Ferienunterkunft geblieben.
Sie erschrak, als sie mein blutendes Knie und die Wunde am Oberarm entdeckte.

„Was ist denn nun schon wieder los?“, fragte sie und schaute mich vorwurfsvoll an.
„Wir brauchen Verbandsmaterial“, sagte sie, ohne eine Antwort von mir abzuwarten.

Wir gingen in die nächste Apotheke und bekamen alles, was wir brauchten.
Den restlichen Urlaub lief ich mit Pflaster und Binden am Arm und Knie umher.

Wieder in Berlin.
Wir holten Krümel aus dem Kindergarten ab. Sie war auf der Treppe hingefallen und hatte sich die Lippe gestoßen.

„Hast du ‚Aua‘?“, fragte ich sie.
Krümel nickte.

„Lass mal sehen“, sagte ich.
Krümel zeigte nicht auf ihre Lippe. Nein, sie zog die Hose hoch und deutete mit ihrem kleinen Finger auf ihr Knie, und zwar auf eine heile Stelle

„Aua“, sagte sie und schaute mich an.
Dann zeigte ich ihr die Stelle an meinem Arm.

„Hier auch Aua?“
Krümel nickte.
Sie hatte es nicht vergessen, was in Sassnitz mit mir passiert war.

‚NEIN, NICHT MUTTI ZU OMA SAGEN‘

ZUM GLÜCK HABEN WIR KRÜMEL (9)

Krümel versteht nicht, dass Klara zu Anna ‚Mutti‘ sagt. Für sie gibt es nur eine Mutti, und das ist Laura, die sich gerade im 1. Stock des Hauses aufhält, und zu der Laura mit ihrem kleinen Finger hochzeigt. Klara hingegen ist für sie ausschließlich ‚meine Oma‘.

Klara und Peter freuten sich auf den 1. Mai.
Klara hatte Peter überzeugt, dass sie Krümel am Vortag gemeinsam abholen, um mit ihr den Tag zu verbringen.

Abends dann sollte Laura nachkommen. Peter sorgte sich darum, dass es vielleicht zu leichtfertig sei, den Kontakt zu Krümel und Laura wiederaufzunehmen.

„Ich hoffe nur, dass wir keinen Fehler machen, wegen Corona“, sagte er zu Klara.

„Nun hab‘ dich nicht so, ich muss doch am Montag auch wieder zur Arbeit. Es wird schon gut gehen“, entgegnete Klara.

Sie hielt es nicht mehr aus, mit ihrer Sehnsucht nach Krümel, und so wischte sie alle Bedenken vom Tisch. Peter ging es ähnlich. Er wollte seine Enkelin ebenfalls sehen, aber sie und sich selbst nicht in Gefahr bringen.

Dann saßen sie doch alle beim Frühstück und genossen den Feiertag.

Krümel wollte mal wieder nicht so richtig essen. Da griff Peter in die Trickkiste und holte Annika heraus.

Annika war ein kleines Mädchen, so alt wie Krümel, das Peter zu einer Fantasiefigur aufgebaut hatte.

Er erzählte schon Laura früher von Annika, die besser und mehr aß, als es Laura damals tat, so jedenfalls stellte es Peter ihr gegenüber jedenfalls dar.

Und nun war Krümel bereit, mit Annika in den Wettbewerb zu treten.

„Krümel, Annika hat bereits von ihrer Marmeladenstulle abgebissen und kaut kräftig“, sagte Peter.
Krümel schaute ihn an, griff prompt zu ihrem Marmeladenbrot und steckte es schnell in den Mund. Sie lachte dabei und fragte mit vollem Mund: „Opa, ’noo…maaal‘?“

„Noch einmal, Opa“, sollte es eigentlich heißen, aber das bekam sie mit ihren zweieinhalb Jahren noch nicht so hin.

Krümel liebte die Spiele mit Annika und Peter liebte sie auch.
Annika ‚saß hinter dem Küchenradio‘, so hatte Peter es Krümel gezeigt und Krümel ging voll in ihrer Fantasie mit. Laura und Klara freuten sich, dass Krümel auf diese Weise immer wieder von ihrer Stulle abbiß.

Laura ging für einen Moment nach oben, um ein Taschentuch zu holen, als das Telefon klingelte.
Anna war dran.

„Wie geht es euch?“, fragte sie.
„Mutti, uns geht es gut, wir sitzen hier alle beim Frühstück zusammen“, antwortete Klara.

„Nicht Mutti sagen“, mischte sich plötzlich Krümel in das Telefonat ein.

„Warum nicht?“, fragte Klara und lachte.
„Mutti da“, sagte Krümel und zeigte mit ihrem kleinen Finger nach oben, in den 1. Stock, in den Laura gegangen war. Nur Laura sollte in ihren Augen Mutti genannt werden.

Sie verstand es nicht, dass Klara auch eine Mutti hatte. Klara war für sie nur Oma. Fertig.

„Das ist deine Uroma und meine Mutti“, versuchte nun Klara zu erklären.

„Nein, nicht Mutti, Anna“, sagte da Krümel. Sie hatte eben ihr eigenes Bild davon, wie jeder genannt werden sollte.

Ihr Opa saß neben ihr, ihre Oma telefonierte, Annika saß hinter ihrem Küchenradio, Uroma direkt im Telefon und ihre Mutti, ja die war da, wo Krümel mit ihrem kleinen Finger hinzeigte, oben im 1. Stock.

Die Welt war also in Ordnung für Krümel und alle freuten sich auf den Spaziergang am Werbellinsee nach dem Frühstück.

AUF DIE KLEINEN DINGE KONZENTRIEREN

WIEDER MAL EINKAUFEN (3)

Mai 2019
Ich hatte Schwierigkeiten im Umgang mit einem Kassenautomaten eines Parkhauses. Nicht, weil ich es nicht begriff, was zu tun war, sondern weil ich mich nicht konzentrierte – auf das, was vor mir war.

Uhlandstraße, in der Tiefgarage. Ich stand vor dem Kassenautomaten und musste nur noch das Parkticket einlösen, bevor ich mich ins Auto setzen und in mein Dorf düsen konnte.

Es war ein stressiger Tag gewesen und interessant zugleich. Ich hatte an einem Seminar für kreatives Schreiben teilgenommen und lustige, intelligente Leute kennengelernt.

Neben mir saß ein Arzt aus Wismar. Nett, 65, klug und humorvoll. Wir verstanden uns sofort. Trotzdem war ich abends froh, dass ich das alles hinter mir lassen und nach Hause fahren konnte. Dort warteten auf mich meine Frau, meine Tochter und Krümel, meine Enkelin.

Krümel war mit ihrer Mutter spontan bei uns aufgetaucht, ausgerechnet an dem Tag, an dem ich am Seminar teilnehmen wollte. Und deshalb freute ich mich nun umso mehr, dass ich zu ihnen zurückkonnte. Vorher musste ich noch über den Ku‘ Damm in Richtung Uhlandstraße.

Die Straßen waren am Samstagabend voller Menschen. Die Autos rauschten an mir vorbei. Ich eilte in einem günstigen Moment über die Straße und musste noch einmal auf dem Mittelstreifen halt machen, weil ein weißer Mercedes mit dröhnender Musik an mir vorbeifuhr.

Der Fahrer des Autos schaute mich provozierend an. So, als würde ich gleich etwas zu ihm sagen wollen.
Wollte ich aber nicht. Früher hätte ich das vielleicht getan. Aber inzwischen habe ich eingesehen, dass es ziemlich nutzlos ist, sich über Dinge zu ärgern, die ich nicht ändern konnte.

Als ich in die Uhlandstraße einbog und auf die Tiefgarage zustrebte, war es schon wesentlich ruhiger geworden. Der Lärm vom Ku’Damm drang nur noch gedämpft herüber.

Endlich. Ich war am Kassenautomaten und schob mein Parkticket in den dafür vorgesehenen Schlitz. Ich hatte das Ticket schon eine Weile zwischen die Zähne geklemmt und so war er inzwischen von meiner Spucke durchgeweicht. 25,50 Euro zeigte das Display an.

„Das ist ja Wucher“, fluchte ich laut.
„Ja, das ‚isch‘ teuer“, erwiderte hinter mir eine Stimme.
Es war eine der beiden Frauen, die direkt hinter mir standen. Ansteckungsgefahr durch Corona gab es ja noch nicht.
Ich hatte die Frauen gar nicht bemerkt.

„Sind Sie Schwäbinnen?“, sprach ich sie möglichst politisch korrekt an.
Statt einer Antwort kicherten die beiden Frauen los. Ich war irritiert und fragte sie, ob ich etwas Falsches gesagt hätte.

„Wir sind aus Baden und nicht aus Württemberg“, sagten sie mit vorwurfsvollem Blick zu mir.
„Ach schade, ich dachte, sie würden vielleicht Lörrach oder Freiburg kennen“, sagte ich.

„Ja, freilich kennen wir das, aber Baden ist trotzdem nicht Württemberg.“

„Das mag sein. Und kennen Sie denn den Unterschied zwischen Mecklenburg und Vorpommern?“, fragte ich zurück.
„Wozu?“ Die Damen schauten mich ein wenig von oben herab an und kicherten weiter.

„Ja, wozu auch“, antwortete ich drehe mich abrupt wieder zum Kassenautomaten um. Ich wartete darauf, dass meine Geldkarte wieder zum Vorschein kam.

„Bitte Ihre Geldkarte eingeben!“, stand stattdessen auf dem Display.
„Geht es nicht weiter“, fragte mich jetzt eine der beiden Frauen.
„Nein geht es nicht. Sie hätten den Unterschied zwischen Mecklenburg und Vorpommern kennen müssen.

Das war hier eine Testfrage“, meinte ich im Scherz.
Die beiden Frauen schauten mich an, als ob ich nicht ganz dicht sei. Doch ich hatte ohnehin andere Sorgen.
Ich drückte den Telefonknopf. Am anderen Ende ertönte eine Stimme, die mich nach meinem Anliegen fragte.

„Es kommt jemand vorbei“, sagte der Mitarbeiter am Telefon, nachdem ich meine Frage vorgetragen hatte.
„Ja, aber woher wissen Sie denn, wo ich gerade bin?“, fragte ich zurück.

„Ich beobachte sie“, antwortete der daraufhin.
„Ja, klasse, das ist ja wie früher“, erwiderte ich.
Die beiden Damen wünschten mir Glück und eilten die Treppe zum nächsten Kassenautomaten hinunter.

Glück, das war es nicht, was ich nun brauchte. Eher Geduld. Nach einer guten halben Stunde kam der Mitarbeiter.
„Die meisten stecken ihre Geldkarte dort hinein, wo normalerweise die Geldscheine hineinkommen“, sagte er gleich.

„Nein. Das habe ich schon alles richtig gemacht. Dement bin ich ja noch nicht“, antwortete ich bestimmt. Der Mitarbeiter reagierte nicht, schloss die Tür auf und ich sah sofort meine Geldkarte.

So freute ich mich selten, wenn ich meine MasterCard sah. Denn zur Freude gab es meistens keinen wirklichen Anlass. Dafür sorgte schon der Kontostand.

„Ich könnte Sie umarmen“, sagte ich zu dem Mitarbeiter.
„Wahrscheinlich habe ich durch mein Gespräch mit den beiden Damen, die gerade gegangen sind, aus Versehen die Geldkarte doch falsch eingesteckt.“

Der Mitarbeiter schmunzelte nur.
„Wenn Sie mögen, können Sie bei ‚Google-Maps‘ eine Wertung abgeben, denn darüber würde ich mich freuen“, sagte er zu mir. „Oh, das tue ich gern“, sagte ich und verabschiedete mich.

Vorher hatte ich noch den Mitarbeiter mit meiner Geldkarte das Ticket bezahlen lassen. Sicher war sicher.

Ich stürzte zu meinem Auto. Aber auf dem Platz stand mein kleiner Jeep nicht. Verdammt, ich musste noch einen Stock tiefer. Endlich, ich sah mein Auto, stieg ein und verließ rasch das Parkdeck. Zuhause angekommen, parkte ich das Auto unter meinem Carport und stieg aus.

In der Tür stand Krümel, mit meiner Mütze auf dem Kopf, einer kleinen Gurke in der Hand, die sie von meinem Abendbrotsteller genommen hatte und quietschte vergnügt, als sie mich sah.

Ich hob sie hoch, und sie strampelte freudig mit den Beinen. „Hast du ein Glas Wein da?“, fragte ich meine Frau und fiel erschöpft in einen der Sessel.

Am nächsten Tag schrieb ich die Einschätzung und vergab die Höchstpunktzahl für den Service. Doch ich glaube, ich habe den Eintrag beim Kempinski-Hotel vorgenommen. In genau der Tiefgarage war ich aber nicht.

Ich sollte den kleinen Dingen des Alltags wieder mehr Aufmerksamkeit schenken, sonst würden daraus große Dinge werden. Meist mit weniger erfreulichen Nebeneffekten.

#Anzeige
JETZT MAL UNTER UNS … Das Geheimnis schwarzer Strickjacken und andere ganz wichtige Erkenntnisse
Von Dora Heldt

https://amzn.to/3cSn6Cv

Dora Heldt schreibt wie eine Große über die kleinen Dinge des Alltags

KLARA IST WIEDER ZUHAUSE

ALLEIN ZUHAUS (5)
April 2019
Endlich. Heute sind die drei Wochen von Klara in der Reha-Klinik zu Ende. 
Die Eier im Kühlschrank sind alle, das Toastbrot auch und ich war noch nicht einkaufen.
Die schwarzen Unterhosen haben gereicht und heute hat Klara erst einmal die Waschmaschine gefüttert. Wird jetzt alles wie früher?

Ein wenig müssen wir uns wieder aneinander gewöhnen. Klara sitzt neben mir im Auto und erzählt von Garbo, dem Ungarn, und vom Kniffel-Würfelspiel, abends nach dem Essen, und davon, was sie künftig in der Gesundheit alles beachten will.

„Du kannst mir ruhig sagen, wenn ich dich mal wieder nerve“, antworte ich.

Klara schweigt dazu. Also, wir müssen uns wieder aneinander gewöhnen.

Es soll so sein wie immer. Vielleicht nicht ganz. Gesünder leben, ein bisschen mehr auf einander Rücksicht nehmen, nicht nur die eigenen Dinge sehen und darüber sprechen. Ich habe mir viel vorgenommen.

Mal sehen, was ich davon durchhalte. Ich bin guten Mutes und freue mich auf die neue Zeit mit Klara.

#Anzeige

JETZT MAL UNTER UNS … Das Geheimnis schwarzer Strickjacken und andere ganz wichtige Erkenntnisse (Dora Heldt)

 https://amzn.to/3cSn6Cv

Ein bisschen finde ich mich in den Geschichten auch wieder

 

 

MEIN ZWIEGESPRÄCH MIT DEM ROSENEIBISCH

ALLTÄGLICHES (47-4)

ALLEIN ZUHAUS (4)

Klara kommt am Samstag nach Hause, auf Urlaub. Ich hole sie von der Reha ab und bringe sie am Sonntagabend wieder zurück. Und ich habe vergessen, die Blumen zu gießen. Ehrlich gesagt, ich habe total vergessen, dass überhaupt Pflanzen in der Wohnung sind.

Für mich waren andere Dinge wichtig – Fernseher, Kaffeetasse, Schreibtisch, Computer, genügend saubere Unterhosen.
Aber Blumen?

Dabei hatte ich mir doch akribische Notizen gemacht an dem Tag, als Klara mich einwies. Den Roseneibisch, zum Beispiel im Wohnzimmer, den sollte ich einmal in der Woche gießen.

Der ließ die Blätter hängen und hatte sich wohl in sein Schicksal ergeben.
Oder der Flamingo auf der Kommode hinter dem runden Tisch. Ich machte mich sofort an die Arbeit. Zuerst der Roseneibisch.

Ich hatte gelesen, dass Pflanzen auch Gefühle hätten, dass man mit ihnen sprechen sollte. Immer mehr Biologen kommen jetzt um die Ecke, um uns für ihre Sachbücher gefügig zu machen, ich meine natürlich zu sensibilisieren.

Erst kürzlich stand in der Zeitung ein Artikel zu diesem Thema. Und darüber war ein Bild zu sehen, wo nackte Menschen auf einem Baum saßen, zusammengekrümmt, ineinander verschlungen. War das nun ein Werbefoto eines Nacktclubs oder sollten wir jetzt auf Bäume kriechen, um gesund zu bleiben, nackt?

Ich werde mal Klara fragen, was sie davon hält. Die wird sich ihren Teil wieder denken und gar nicht antworten.

Auf jeden Fall habe ich mal den Roseneibisch angesprochen, weil der die Blätter am auffälligsten nach unten baumeln ließ: „Du, entschuldige, dass ich dich erst jetzt bemerkt habe.

Aber wenn ich hier hereingekommen bin, dann musste ich sehr zügig die Fernbedienungen aktivieren, damit ich nicht meine Lieblingsserie verpasste. Doch nun bist du dran. Sauf‘ ordentlich und erzähl‘ der Klara nichts. Sie hat dann noch mehr Oberwasser.

Außerdem habe ich auch nicht die schwarze Wäsche in der Waschmaschine gewaschen. Ich habe die Tragezeit der Unterhosen einfach verlängert. Also nichts für ungut, das nächste Mal gebe ich dich in meinen Erinnerungstool vom iPad ein. Bis bald mal, lieber Roseneibisch.“

Ich keuchte in die Küche, um neues Wasser in die kleine Kanne einzufüllen, für die anderen Pflanzen. Es wurde Zeit, dass Klaras Kur zu Ende geht und sie endgültig nach Hause zurückkam.

#Anzeige

JETZT MAL UNTER UNS … Das Geheimnis schwarzer Strickjacken und andere ganz wichtige Erkenntnisse
(Von Dora Heldt)

Für einen Moment des Ausspannens genau richtig.

https://amzn.to/3cSn6Cv

 

 

ICH DENKE AN MEINEN AUSFLUG IN DEN SCHREIBWARENLADEN VOR EINEM JAHR

WIEDER MAL EINKAUFEN (2)

Selbst die kleinsten Momente im Alltag sind schön. Leider merkst du es erst dann, wenn du nicht einmal mehr in den Schreibwarenladen kannst, zumindest nicht ohne Mundschutz, wegen Corona.

Ich war heute in unserem Dorf, im Schreibwarenladen. Nicht das ich dringend etwas gebraucht hätte. Nein, das nicht.

Doch es ist einfach schön, dort hineinzugehen. Das ist schon eine kleine Sucht. Ich schaue mir gern die Blöcke und Hefte an, die Stifte, die vielen kleinen Büroutensilien, die dort herumstehen und dich anzuflehen scheinen: „Nimm‘ mich mit, sonst muss ich hier verrecken, in der hintersten Ecke des Ladens.“

Ich antworte, natürlich in Gedanken: „Du, ich versteh‘ dich voll. Und ich würde dich auch mitnehmen, aber dann habe ich hinterher die Hölle auf Erden, wenn ich mit dir nach Hause gehe und du heute Abend von Klara entdeckt wirst.“

Es reichte heute Morgen schon, dass ich zu ihr am Telefon sagte, dass ich bereits zwei Stunden gearbeitet hätte und jetzt eine kleine Pause brauchte.

„Geh‘ doch Sport machen“, hat sie gesagt.
„Was willst du schon wieder im Schreibwarenladen?“
Hatte sie ’schon wieder‘ gesagt?

Das letzte Mal war ich vor Monaten hier drin. Klara geht in der Woche zwei Mal, manchmal auch noch mehr in Kaufhäuser am Alex oder in Kreuzberg, oder wenigstens ins ‚KiK‘ in Wandlitz.

„Na, hast du das ‚KiK‘ – Dach eingerissen, weil die Einkaufsbeutel nicht mehr durchgepasst haben?“, frage ich sie in den Momenten scherzhaft. Sie reagiert darauf nicht.

„Schau mal. Für Krümel, ist das nicht schön?“
Ja, das sind doch ‚Totschlagargumente‘. Was soll ich schon sagen, wenn Krümel im Spiel ist als nur ‚toll, klasse, wunderbar‘?

Krümel ist der Zaubername, der alle Türen öffnet. Da sagt keiner von uns: „Oh, das ist jetzt aber zu viel. Das reicht nun, sonst liegt das Spielzeug nur rum.“

Nein, da wird zugeschlagen, eingepackt und sich gefreut.
Aber jetzt? Jetzt ist es anders.

„Was willst du überhaupt kaufen?“
Ich schweige beharrlich, denn alles was ich nun sage, würde sofort gegen mich verwendet werden.

„Ach nur so“, sage ich und merke, dass es die falsche Antwort war.
„Na, das glaube, wer will!“, sagt Klara prompt.

Ich sage nichts mehr und verabschiede mich am Telefon.
Zurück zur hinteren Ecke im Schreibwarenladen:
„Kann ich Ihnen helfen?“, spricht mich eine junge Frau an. Sie ist die Inhaberin, sehr engagiert und dabei nicht aufdringlich.

„Ja, können Sie. Ich suche ein Tintenfass. Blau.“
Sie schaut mich an, als wäre ich aus dem Urwald gekommen und hätte die letzten Jahrzehnte des Computerzeitalters nicht miterlebt.

„Ich schreibe ja viel mit der Tastatur vom iPad“, sage ich schnell.
„Aber wenn ich tiefer nachdenke, dann muss ich mit der Hand schreiben.“

Die junge Frau schaut mich prüfend an, von oben bis unten.
„Du siehst schon so aus. Als würdest gerade du überhaupt einen Computer bedienen können, geschweige denn ein iPad“, schien sie gerade zu denken.

Ich beließ sie in ihrem vermeintlichen Glauben. Was sollte ich ihr schon sagen? Dass ich mit zehn Fingern über die Tastatur fliege?
Ich traue mir sogar zu, an einem Schreibwettbewerb teilzunehmen, mit Aussichten auf einen der vorderen Gewinnplätze.

Sollte ich sagen, dass ich manchmal auf einer Schreibmaschine herumhacke, weil ich Spaß daran habe und mir gleich mehr einfällt, weil ich denke, dass es ja erst einmal ins „Unreine“ geschrieben ist?

„Ich brauche noch Klebestifte“, sage ich stattdessen.
„Wieviel?“
„Fünf.“
„Noch etwas?“
„Ja. Buntstifte.“

„Sind Sie Rechtshänder?“
„Ja, aber zur Not nehme ich auch einen Stift für Linkshänder“, antworte ich.

„Welche Farbe?“
„rot.“
„Noch einen?“
„Ja.“
„Welche Farbe?“
„rot.“
„Wieder rot?“
„Ja, rot!“

Endlich bin ich wieder zu Hause. Ich fülle die Tinte aus dem Fass um in einen dafür vorgesehenen Behälter auf meinem Schreibtisch.
Na klar, jetzt sind die Hände blau. Also schrubbe ich sie gründlich, bevor ich mich den Stiften zuwende. Den roten Stiften.

Sie haben alle Kerben. Nachdem ich sie angefasst habe, bemerke ich den „Rechtsdrall“.

Auf jeden Fall gehen die Kerben in diese Richtung. Es ist ein wunderbares Gefühl. Ich tauche den Füller ins Fass mit der Tinte, schreibe etwas auf das Blatt und anschließend unterstreiche ich das Geschriebene mit dem neuen roten Stift.

„Ah“, sage ich laut, so als hätte ich gerade einen teuren Rotwein verkostet. Aber wir schwelgen hier nicht im Luxus. Nein. Wir können uns noch an Farbstiften erfreuen. ‚Wir‘ stimmt nicht ganz. Klara wird wahrscheinlich wieder die Augen verdrehen.
Aber ich, ja ich freue mich, dass ich den Abstecher ins Dorf gemacht habe.

Das Leben kann so schön sein. Selbst in einem Schreibwarenladen.

#Anzeige

Lesen kann Spaß machen, du musst dir dafür nur das richtige Buch raussuchen:
Dora Heldt Mathilda oder Irgendwer stirbt immer
https://amzn.to/3bB4BlW

VOR EINEM JAHR TRÄUMTE ICH NOCH VOM WARENRÄUMEN IM MINIJOB

WIEDER MAL EINKAUFEN (1)

Ich wollte einen Minijob annehmen. Die Rente ist nicht groß, die Schreiberei bringt nicht so viel ein, und die Hauptlast der aktuellen Einnahmen blieben also an Klara hängen. Das bedrückte mich. 
Also entschloss ich mich, etwas zu tun, einen Nebenjob für mich zu suchen.
Vor einem Jahr kam mir der Zufall zu Hilfe, ausgerechnet in unserem Einkaufsmarkt.

April 2019

Wir waren in einem großen Einkaufsmarkt. Nachdem ich vormittags allein im Schreibwarenladen gewesen war und meine stillen Abenteuer bestanden hatte, ging es nun in den größten Einkaufsmarkt am Ort. Ich hatte Klara vom Bahnhof abgeholt. Sie war aus der Weltstadt Berlin zurück von der Arbeit und tauchte nun mit mir in die dörfliche Idylle ein.

Und mittendrin eben dieser große Supermarkt. Ich hatte Klara versprochen, dass wir dort noch hinfahren. Ich mochte es nicht sehr, mit hineinzugehen. Doch diesmal wollte ich mit rein.

Klaras Geburtstag stand bevor und ich hatte noch kein Geschenk.
„Du musst mir nichts kaufen. Ich habe bereits etwas besorgt“, wirkte sie auf mich beruhigend ein.

Aber mein Gewissen konnte sie nicht beruhigen. Es war schwer, etwas für Klara zu kaufen. Mal passten die Kleidergrößen nicht, mal nicht die Farben.

Und als ich ihr eine Uhr schenkte, da wetterte sie, dass diese keine Ziffernblätter hätte. Ich bin noch an ihrem Geburtstag zum Alex ins Kaufhaus zurückgefahren, in Pantoffeln, so wütend war ich und habe mir einen Umtauschschein geben lassen.

Seitdem bin ich vorsichtig geworden. Dann bin ich auf die Idee gekommen, Gutscheine zu schreiben, handschriftlich, einen Laptop für Klara zum Beispiel.

Naja, den hat sie nie eingelöst, obwohl ich ihn sogar zu Weihnachten erneut an sie verschenken wollte. Also sind wir jetzt so verblieben, dass ich ihr Tulpen schenke.

„Wenn du ohnehin noch in den Einkaufsmarkt willst, dann kann ich ja gleich mitreinkommen und die Blumen aussuchen“, sagte ich.
„Ja, das kannst du machen.“

Ich zog mir extra Jeans über und nicht die Turnschuhe, sondern die Lederschuhe mit den dicken Sohlen. Die trage ich im Winter und im Sommer. Sie sind so schön bequem und ich sehe größer aus.

Ich war also für den supergroßen Markt inmitten unseres Dorfes gut gewappnet, kleidungsmäßig jedenfalls.

Sonst behielt ich die Trainingshose an und wartete im Auto. Das ist praktisch meine Arbeitshose. Ich saß ja auch eben mit dieser Trainingshose am Schreibtisch. Ich habe schon oft gehört, dass schreibende Menschen ein bisschen verkommen, kleidungsmäßig.

Weil sie ständig in ihrer Meinung nach bequemen Sachen am Schreibtisch herumhängen, die Bleistifte anknabbern, durch die ungekämmten Haare fahren und wenn der Postbote kommt, ganz ungern die Tür öffnen.

Jedenfalls stand ich nun in meinen Jeans neben Klara.
„Gib den Einkaufswagen her, du kannst damit nicht umgehen.“
„Das ist ja wohl eine Unverschämtheit“, zischte ich und griff umso fester um die Stangen des Wagens.

Wir waren bei den Blumen angekommen. Ich hätte einen Strauß gekauft. Klara nahm drei Sträuße mit – Narzissen, Tulpen und Rosen. Ich sagte nichts, denn ich war froh, dass sie ihre Blumen selbst ausgesucht hatte. Schließlich standen wir an der Kasse.

Ich drängelte mich an den Leuten vorbei und wartete im Vorraum. Ich drehte mich um und sah eine große Stele mit einer Stellenanzeige drauf.

„Wir suchen Sie im Minijob für unsere Warenräumung“, stand da drauf. Ich ging zurück zu Klara und erzählte ihr was davon.

„Ja, du wolltest doch immer Sport machen, das ist was für dich, und Geld kommt auch noch rein, neben deinen Einkünften für die Texte.“
Ich schwieg und erwog, ob ich mich unter der angegebenen Telefonnummer melden sollte.

Plötzlich fiel mir ein Mitarbeiter auf, der genau diese Funktion auszuüben schien, um die es in der Stellenanzeige ging. Er kniete und keuchte vor einem Regal. Seine Blicke irrten das Regal auf und ab. Dann richtete er sich ächzend auf, sein Kopf war rot. Das Blut war ihm ins Gesicht geschossen.

Dann plumpste er zurück auf die Knie und zerrte ein Gerät aus dem Pappkarton. Er drehte die Ware hin- und her, suchte wohl, wo er einscannen sollte. Plötzlich sah ich nicht ihn dort hocken, sondern mich. Mein Bauch drückte, die Knie taten mir in der eingeknickten Stellung weh. Ich hatte den Überblick verloren, wohin die Waren eingeräumt werden sollten.

Plötzlich stand hinter mir der Einkaufsleiter und sagte: „Sie sind zu langsam und sie haben schon wieder die Waren falsch eingeräumt, das müssen wir Ihnen vom Lohn abziehen.“

Ich schrak aus meinem Tagtraum auf. Klara hatte bereits an der Kasse bezahlt und ich eilte schnurstracks mit dem Einkaufswagen aus der Halle heraus.

Im Auto sagte ich zu Klara: „Du, ich habe morgens noch Kapazitäten, um ein paar Texte zu schreiben und zu verkaufen.“
Klara schmunzelte, sagte nichts und nickte nur, und ich war froh darüber.

Ein Jahr später, im April 2020
Ich wollte einen erneuten Anlauf nehmen.

Diesmal im Patientenhotel in der Waldsiedlung.Die Geschäftsführerin war erst skeptisch, ob ich es tatsächlich ernst meinte.

„Ich will Teller spülen oder den Fußboden wischen, meine Arbeit machen und danach nach Hause gehen. Wenn es bei Ihnen nicht geht, dann muss ich mich woanders bewerben“, sagte ich zu ihr.

„Oh nein, bitte nicht zur Konkurrenz gehen. Wir haben hier auch eine Frau vom Fernsehen eingestellt. Die wollte auch nur saubermachen“, meinte sie.

Wir waren uns einig, dass ich persönlich vorbeikomme, wenn die Corona-Krise abgeschwächt ist.
Jetzt ist die gesamte Waldsiedlung abgesperrt – wegen der zahlreichen Corona-Verdachtsfälle.

„Schade“, sagte ich zu Klara und vertiefte mich zufrieden in die Berliner Zeitung.
„Also ich, ich hätte mich jetzt vorgestellt“, sagte ich noch hinter vorgehaltener Zeitung.
Klara erwiderte nichts. Sie kannte mich eben doch zu gut.

#Anzeige

Willst du gute Laune kriegen ,  dann kommst du an diesem Buch nicht vorbei:
Dora Heldt:  Mathilda oder Irgendwer stirbt immer

https://amzn.to/3bB4BlW

 

‚OH TANNEBAUM‘  – AM OSTERSONNTAG

DAS SCHÖNE IN DEN KLEINEN DINGEN DES LEBENS ENTDECKEN (1)

Ostersonntag.
Krümel ist jetzt zweieinhalb Jahre alt.
Das richtige Alter, bei uns, ihren Großeltern, begeistert Ostereier im Garten zu suchen.

Aber sie kommt nicht. Wir wissen, warum. Kontaktsperre, ich bin dafür. Trotzdem ist ein bisschen Wehmut in uns da.
Ich stelle den Computer an.

‚Heute ganztags Ostersonntag‘, steht da. Na, danke für die Erinnerung.

Auch noch den ganzen Tag ohne Krümel.
Ich werde sie nachher anrufen und ihr ‚Oh Tannebaum‘ vorsingen.
Das mag sie so gern.

Sie singt immer mit leiser und feiner Stimme mit, einzelne Wörter, ‚Oh Taannebauuum‘, ‚Blääätter‘, Klara hört zu und schmunzelt dann.

Obwohl Klara es sonst nicht aushält, wenn ich von Andrea Berg ‚Du hast mich tausendmal belogen‘ mit Inbrunst brumme.

Aber ‚Oh Tannebaum‘ ist gut, denn nach Ostern kommt ja Weihnachten und danach ist auch schon wieder Ostern.
Also, was soll’s.

#Anzeige
Tilda Apfelkern. Mein wunderbares Mäusehaus: Ein Puppenhaus-Spielbuch zum Aufstellen. Mit zauberhaften Vorlesegeschichten (Deutsch); Autor: Andreas H. Schmachtl

Krümel wird das Buch gefallen.

https://amzn.to/3cRjTTL

 

DAS SCHLECHTE GEWISSEN IM HOMEOFFICE IST ALLGEGENWÄRTIG

DAS SCHÖNE IN DEN KLEINEN DINGEN DES LEBENS ENTDECKEN (2)

Jetzt ist die Zeit, den Vorteil ‚Homeoffice‘ voll auszunutzen. Aber ist das alles wirklich so toll?
Ich habe da nicht nur positive Erfahrungen in den letzten Jahren gemacht.

Gestern Vormittag klingelte ein sehr guter Freund bei mir durch.
„Du musst doch jetzt sehr gut zurechtkommen, im Homeoffice, mit deinem Schreiben“, meinte er.

Natürlich wusste ich sofort, worauf er anspielte, nämlich auf die Tatsache, dass ich nahezu schon ein Jahrzehnt von Zuhause aus arbeite, vom heimatlichen Schreibtisch aus mein Geld verdiene.

„Ja, ich bin sehr gut trainiert darin allein zu sein, für mich zu arbeiten, wenige soziale Kontakte in der Arbeitszeit zu pflegen“, gab ich ihm recht.

Allerdings ist das, was sich auf den ersten Blick wie ein Vorteil anhört, letztlich nur möglich, wenn du sehr selbstdiszipliniert arbeitest, dich wenig ablenken lässt.

Und die Versuchungen sind groß: Da locken eine Talkshow, ein Thriller, den ich noch gern zu Ende sehen will oder aber ich surfe einfach im Internet herum.

Es ist eben gar nicht so leicht, am Arbeitsplatz im Homeoffice zu bleiben, weil dich hier ja keiner beobachtet, dich keiner auffordert, nicht so viel Kaffee zu trinken, nicht endlos zu quatschen und nicht andere Mitarbeiter von der Arbeit abzuhalten.

Das ist wohl die größte Herausforderung dabei, am Schreibtisch sitzenzubleiben, obwohl dich keiner daran gefesselt hat.
Jetzt wäre die Zeit, das zu trainieren, aus der Not geboren, sozusagen eine Tugend zu machen, natürlich immer vorausgesetzt, man bleibt in dieser Zeit gesund.

Klar, wer noch kleine Kinder hat, die viel Aufmerksamkeit wollen, dem fällt es zudem noch viel schwerer, nicht den roten Faden zu verlieren. Das will ich gern zugeben.

Überhaupt, ich könnte eine Wette eingehen:
Viele werden sich zurücksehnen, an ihren Arbeitsplatz, weit weg vom eigenen Homeoffice. Sie werden sich wieder darauf freuen, den Kollegen zu sehen, ihm freundschaftlich auf die Schulter zu klopfen und danach konzentriert die nötigen Aufgaben abzuarbeiten.

Und dann? Ja dann, freust du dich auf den Feierabend, darauf, dass du alles hinter dir lassen kannst, bis zum nächsten Tag.
Und im Homeoffice?
Das hast du fast 24 Stunden vor deinem Auge, und wenn du nach dem Abendbrot nicht weitermachst, dann drückt dich das schlechte Gewissen.

Die gute Seite daran: Schaust du einen Film, obwohl du eigentlich noch was erledigen wolltest, so genießt du ihn viel intensiver, weil du ja weißt, dass du dir es eigentlich gar nicht leisten dürftest.

#Anzeige

JETZT MAL UNTER UNS … Das Geheimnis schwarzer Strickjacken und andere ganz wichtige Erkenntnisse
Von Dora Heldt

Einfach zum Entspannen, anstelle von Netflix
https://amzn.to/3cSn6Cv

EIN SCHEINBAR NICHTSSAGENDER MORGEN

DAS SCHÖNE IN DEN KLEINEN DINGEN DES LEBENS ENTDECKEN (3)

05.30 Uhr. Es ist still.
Es ist immer still um diese Zeit, aber mir scheint heute Morgen ist es irgendwie eine gespenstische Ruhe.

Ich sitze bereits am Schreibtisch, nachdem ich Klara gerade zum Bahnhof gebracht habe.

Sonst fahren wir ja gemeinsam nach Mitte rein.
Sie zur Arbeit, ich auch.
Naja, ich zur körperlichen Tätigkeit, dem Fitnesstraining.
Und nun ist das erst einmal vorbei.

Jetzt habe ich um diese Zeit schon die Texte fertig, die ich noch für die Homepage eines Pflegedienstes durchsehen wollte.
Eigentlich mag ich gar nichts tun.

Ich bin wie paralysiert, denke daran, was vielleicht noch auf uns zukommt.
Ich versuche Klara zu überreden, im Homeoffice zu arbeiten.
Das ist leichter gesagt, als es getan ist.

Sie braucht zwei Bildschirme, und ich sehe mich schon unter dem Schreibtisch liegen und fluchen, weil ich nicht weiß, welche Kabel wo angeschlossen werden müssen.

Das lenkt mich ein bisschen ab, wenn ich über so etwas nachdenke und verhindert, dass die Angst zu schnell und zu stark in mir hochsteigt, vor dem, was vielleicht noch kommt.

Ich kenne Katastrophen nur aus dem Fernsehfilm oder aus dem Kino.
Da, wo Menschen leiden, möglicherweise wegen einer sich rasant ausbreitenden Epidemie, und sie sterben, während du vor dem Fernseher sitzt und lustlos auf einer Salzstange herumkaust und dich ärgerst, weil du danach erneut die Zähne putzen musst.

Aber jetzt ist es anders. Wir sind selbst die Hauptdarsteller, in einem Film, den du auf keinen Fall sehen und deshalb auch nicht so richtig wahrhaben willst.
Ich versuche, mich abzulenken, ich plane, strukturiere, schreibe.
Und dann denke ich an Krümel, die ich jetzt nicht sehen kann.
Sie fehlt mir, vor allem, wenn ich sie frage:

„Na, soll ich dir was vorsingen?“
Sie hat aber gerade in dem Moment einen kleinen Bock, weil ihre Mama ihr mal wieder den Nuckel nicht geben will.
Sie sagt ja nicht im Stil eines Erwachsenen zu mir:

„Oh, lieber Opa, das ist ganz reizend von dir, dass du mir was vorsingen willst, aber gerade jetzt bin ich ein wenig unpässlich, vielleicht später, ja? Aber trotzdem lieben Dank.“

Nein, so viel Umwege macht sie nicht.
Sie sagt einen Satz, einen Halbsatz: „… in Ruhe!“
Das war’s.

Möglich ist das jetzt die Zeit, wo man ohne Umschweife sagen sollte, was man denkt.

Zum Beispiel zu Klara:
„Ich liebe dich von ganzem Herzen, und ich habe Angst um dich, dass du dich auf Arbeit mit dem Virus infizierst.“
Aber das kriege ich nicht über die Lippen, obwohl es genau das auf den Punkt bringt, was ich fühle.

Ich denke dann aber: „Na, sie vermutet doch, dass ich schon wieder irgendwas verbockt habe.
So wie gestern Morgen, als ich den Kaffee aufgesetzt habe und mir der Wasserbehälter umgekippt ist.

Das Wasser lief vom Küchentisch herunter, auf die Erde und schon hatte ich die schönste Sauerei in der Küche.
Ich habe den Wischmopp aus der Ecke herausgezerrt, blieb dabei am Staubsauger hängen. Der fiel auf den Boden, auf die Fliesen, mit einem lauten Knall.

Das Teil, was die Sogstärke regelt, ging dabei kaputt.
„Das musst du kleben“, sagte ich abends zu Klara.
„Ja, das muss auch geklebt werden!“, sagte sie mit vorwurfsvollem Unterton.

„Aber bitte nicht ganz zukleben, sonst ist der Sog zu stark an der Bürste und es saugt sich so schwer.“
„Doch, genau das mach'“, sagte sie darauf entschieden.
Ich schwieg, obwohl es mir schwerfiel, in dem Moment den Mund zu halten.

Den Rest habe ich gestern mit den Socken trockengewischt.
Die waren danach feucht, meine Füße auch.
Na gut.

„Hast du eigentlich bemerkt, dass ich gestern noch abgewaschen habe?“, frage ich so scheinbar ganz nebenbei heute beim Frühstück.
Dabei will ich schon gewürdigt werden, für meine kleinen Heldentaten im Alltag.

Obwohl, bei Klara käme ich gar nicht auf die Idee.
Höchstens, dass ich nach dem Saugen meine: „Da liegt noch ein Fussel.“

Oder dass ich beim Essen sage: „Schmeckt prima, ich nehme noch einen Nachschlag.“
Klara antwortet auf meine Frage, ob sie das Abwaschen bemerkt hätte mit einem „Hm, ja, schön.“
Ich bin ein wenig enttäuscht.

Wir steigen ins Auto und fahren los. Es wird jetzt schon hell.
Der Morgennebel verhüllt die Dorfkirche, ihre Umrisse schimmern aber bereits durch.
Die Straßen sind menschenleer.
Es wirkt unheimlich, dass keiner zu sehen ist.

Nur der Mann mit den vier Buchstaben auf dem Rücken geht in Richtung Bahnhof, er wankt mehr. Ich möchte ihm am liebsten aus dem Auto zurufen: „Hallo, schön dich zu sehen.“

„Ich freue mich, wenn die Sonne rauskommt“, sage ich stattdessen zu Klara.
„Und ich freue mich in der Bahn auf mein Sudoku“, antwortet sie.

Wir sagen nichts, aber wir genießen die kleinen, scheinbar nichtssagenden Momente und hoffen darauf, dass es morgen auch noch so sein wird.

#Anzeige

JETZT MAL UNTER UNS … Das Geheimnis schwarzer Strickjacken und andere ganz wichtige Erkenntnisse
Von Dora Heldt

Jetzt mal wirklich unter uns – das kann man gut nebenher lesen, einfach zur Entspannung .

https://amzn.to/3cSn6Cv

 

AUF ALTE STÄRKEN ZURÜCKBESINNEN

DAS SCHÖNE IN DEN KLEINEN DINGEN DES LEBENS ENTDECKEN (5)

Das Corona Virus zwingt mich dazu, mein Leben neu zu ordnen.

Kann ich einfach so weitermachen, wie ich es bisher getan habe?
Nein, bestimmt nicht.

Nachdem ich lange darüber nachgedacht habe, bin ich zu dem Entschluss gekommen, meine täglichen Trainingseinheiten im Fitness-Studio aufzugeben.

Es ist ja nicht damit getan, dass du lediglich die Geräte nach dem Training mit einem Tuch säuberst. Du triffst ja im Verlaufe der Woche auf viele Menschen, sehr viele.

Dass ich nicht weitermachen kann, das schmerzt mich. Die tägliche Überwindung, das Dranbleiben an den Übungen, das hat mich geformt.

Aber was lerne ich nun daraus?
Ich muss gerade jetzt die Kehrseite der Risiken sehen.

Welche können das sein?
Einmal die Tatsache, dass ich seit über 8 Jahren aus dem Arbeitszimmer, dem Homeoffice, mein Geld verdiene.

Ich hatte schon vergessen, was mich dazu gebracht hat, wirtschaftlich zu überleben.
Du musst nämlich sehr diszipliniert sein, sehr ausdauernd und auch ein wenig kreativ.

War ich das immer? Bestimmt nicht!

Aber ich rufe mir diese Primärtugenden des freiberuflich Tätigen jetzt wieder stärker ins Gedächtnis.

Was bleibt, das ist das Risiko. Meine Frau muss ja trotzdem jeden Tag nach Berlin reinfahren, um im Zeitungsviertel zu arbeiten.

Aber oder gerade deshalb wollen wir nicht, dass uns der Mut verlässt, wir bleiben humorvoll und zuversichtlich. Und diesen Mut, der bleibt, den wünschen wir allen.

MEINE INNEREN STIMMEN SIND WIEDER DA

PROBEZEIT IST VORBEI
Wie mich ‚KeinBock‘, ‚DerBeißer‘, ‚JammerLappen‘ und ‚DerPlaner‘ versuchen zu beeinflussen.

Es ist mal wieder soweit. Ich muss aufstehen und mit mir meine inneren Stimmen. Ich habe ihnen neue Namen gegeben.
Ich weiß nicht, wieviel Stimmen oder Protagonisten es am Ende sein werden.

Heute Morgen sind es jedenfalls ‚KeinBock‘, ‚DerBeißer‘, ‚JammerLappen‘ und ‚DerPlaner‘.

KeinBock ist grundsätzlich gegen alles, hat nicht wirklich zu etwas Lust. So wie heute Morgen, als der Wecker des Handys anfing Krach zu machen.

„Warum?“, fragte KeinBock.
„Darum!“, sagte DerBeißer, wie immer mit leicht verkniffenem Gesicht.

„Los, heb deinen Hintern aus dem Bett“, schnaufte er noch.
Das erinnerte mich an meine Marinezeit, als morgens die Trillerpfeife ertönte und der Maat vom Dienst schrie:

„Reise, Reise, nach alter Seemannsweise, ein jeder weckt den Nebenmann, der letzte stößt sich selber an.“
„Ich kann nicht so früh aufstehen, ich bin Rentner“, versuchte JammerLappen zaghaft einzuwenden.

„Heul‘ woanders, du arbeitest ja auch noch und da willst du gar nichts davon wissen, dass du Rentner bist, such‘ dir nicht immer die Rosinen raus.“

„Lass ihn doch mal in Ruhe, er muss sich erst einmal zurechtfinden und entscheiden, ob die Energie ausreicht, damit er endlich aufsteht“, murrte KeinBock.

„Schwing‘ doch die Beine erst einmal aus dem Bett und dann sitzt du auf jeden Fall schon mal. Dann hockst du so ein bisschen, kannst ja mit JammerLappen gemeinsam noch ein wenig herumheulen und danach stehst du mit einem Schwung auf“, sagte DerBeisser.

Jetzt mischte sich DerPlaner ein: „Komm, mach schnell. Du musst noch den Kaffee kochen, die Wasserflasche füllen. Außerdem habe ich gerade den Zeitungsmann gehört. Wie ich dich kenne, willst du auch noch einen Blick in die Zeitung werfen, damit du nachher im Auto schön wieder Klara die Ohren vollsülzen kannst.“

Ich hatte genug von dem Summen im Ohr, schwang mich aus dem Bett, rückte die Bettdecke zurecht, knipste das Licht an und schlurfte ins Bad, um mir erst einmal ein paar Wassertropfen in die Augen zu schmieren und einen kalten Schwapp ins Genick. Danach war ich etwas munterer.

Der Tag hatte unwiderruflich begonnen, egal, was die Stimmen mir noch einflüstern wollten.

MIT DEM EIGENEN BLICK RUHIG MAL DURCH DAS FENSTER DES ANDEREN SCHAUEN

DAS SCHÖNE IN DEN KLEINEN DINGEN DES LEBENS ENTDECKEN (4)

Was in der Streitkultur zwischen Ost und West helfen kann.

Wir waren mal wieder im Theater, im Deutschen Theater. Ich bin ehrlich, hätten uns unsere Freunde nicht ‚mitgeschleppt‘, wir wären von allein wohl nie gegangen.

Klara ist am Wochenende fertig von der Arbeit, ich vom Schreiben und vom Training im Fitness-Studio.
Wir haben es dennoch nicht bereut, dort gewesen zu sein.

Das Stück hieß ‚Hasta la Westler, Baby!‘
Wir waren begeistert. Es hat die Befindlichkeiten zwischen Ost- und Westdeutschen aufgegriffen.

Aber auf humorvolle Weise, teilweise mit beißendem Spott, aber auch damit, wie man im Osten mitunter larmoyant agiert, berechtigt und unberechtigt.
Kurzum, irgendwie hat das Stück meinen Nerv getroffen.

Schon lange habe ich den Eindruck, dass die Gefühls- und Gedankenwelt der Menschen im Osten nur sehr einseitig abgebildet wird – in Gesprächen, in der Presse, in Talkshows.
Das Leben so wie es war, wie ich es selbst erlebt habe, dass fehlt mir bisher in unserer ‚medialen Ablichtung‘.

Die Wirklichkeit mit all ihren Facetten abzubilden, ehrlich, ungeschminkt und ohne gleich dem sogenannten Mainstream nachzugeben, das ist den Künstlern an dem Abend sehr gut gelungen, nach meinem Empfinden jedenfalls.

Es gibt da noch viel zu bereden. Ich glaube, das Wichtige an dem Diskussionsprozess zwischen Ost und West ist, dass man ‚durch das Fenster des jeweils anderen schaut‘ und von da aus Dinge beurteilt, meinetwegen auch verurteilt, aber eben erst nach diesem Blick.

DER FILM „1917“

ZUFÄLLIG ERLEBT (6)

Samstag im Kino im CineMotion in Berlin Hohenschönhausen.
Vor den Kassen haben sich riesige Schlangen gebildet. Das habe ich noch nie erlebt. Das gab es nur zu Ostzeiten, wenn Bananen oder Apfelsinen verkauft wurden.

Vielleicht hängt es aber auch mit der Berlinale zusammen, dass mehr Leute ins Kino gehen.

Wir wollen den Film ‚1917′ ansehen. Er ist Oscarprämiert und erzählt die spannende Geschichte zweier Soldaten im ersten Weltkrieg, und das künstlerisch in sogenannte ‚Echtzeit‘ gepackt.

Ich genieße es, im Vorraum des Kinos zu sitzen und mir die Leute anzuschauen, die vorübergehen, manche mit Bechern, die randvoll mit Popcorn gefüllt sind.

Ich schaue mir die Plakate an der Wand an und stelle fest, dass es noch den Film ‚Lassie‘ in Neuauflage gibt. Darum also die vielen Kinder, die im Foyer des Kinos aufgeregt umherschnattern.
Jetzt entdecke ich auch noch das Plakat zu ‚Ruf der Wildnis‘ mit Harrison Ford in der Hauptrolle.

Deshalb also die Ansammlung vor den Kassen. Und ich dachte anfangs, dass es wegen unseres Films ist, in den wir hineingehen.
Wir sitzen im Kinosaal, der Film beginnt.

Man sieht ein Schlachtfeld im ersten Weltkrieg, Gräben, in denen Soldaten hocken, schlafen, vor sich hindämmern.
Ich stelle mir vor, was diese Menschen aushalten mussten und konzentriere mich auf das, was passiert.

Es ist unheimlich und faszinierend zugleich, dem Eindruck zu erliegen, man sei direkt am Ort und in der Zeit des Geschehens. Ich werde trotzdem froh sein, wenn ich danach wieder nach Hause fahren und in meinem Bett schlafen kann, und ich vorher vielleicht noch ein Stück von dem Juror einer Castingshow sehe, der gerade sagt: „Du kannst ja überhaupt nicht singen, Mensch.“

‚Wir jammern den ganzen Tag, wie schlecht wir es haben‘, geht mir noch durch den Kopf, und wir können das aber nur, weil es uns richtig gut geht.
Dann nimmt mich der Film vollends gefangen.

DAS DRAMA UM DEN KAUF EINER LEUCHTSTOFFRÖHRE

WIEDER MAL EINKAUFEN (5)
TEASER:
Peter verhielt sich beim Einkauf im Baumarkt ungeschickt und wurde von Klara barsch vor den Leuten gerüffelt.

Es begann bereits dunkel zu werden, als der Regionalzug aus Berlin am Bahnsteig einlief. Er hielt kaum, da drängten die Menschen aus den Türen heraus und hasteten im Eiltempo in Richtung Parkplatz, dorthin, wo Peter bereits mit seinem Auto stand und auf Klara wartete.

Peter schaute fasziniert zu, wie sich die Leute verhielten.
Ein Mann fiel Peter an diesem Tag besonders auf. Er nannte ihn den Mann mit den vier Buchstaben, weil er stets die gleiche Jacke trug, und weil auf der Rückseite vier Buchstaben prangten, der Name seiner Firma, in die er jeden Tag fuhr.

Morgens, da sahen Klara und Peter ihn schon von weitem, weil die Buchstaben auf dem Rücken im Dunkeln weiß leuchteten. Der Mann ging nicht, er wankte von einem Bein auf das andere, langsam, so als müsse er sich dahinschleppen.

Abends hingegen, da hatte er einen recht flotten Schritt angenommen und beeilte sich, nach Hause zu kommen. Und das beobachtete Peter bei den meisten Menschen, die er früh sah und abends wieder. Es waren die gleichen Menschen, aber mit einem unterschiedlichen Schritttempo, je nach Tageszeit.

Klara war inzwischen an seinem Auto angekommen. Sie öffnete die Tür, stieg ein und fragte gleich:
„Wollen wir noch in den Baumarkt?“
„Können wir machen“, brummte Peter ziemlich lustlos.

Aber was sollte er tun, denn in der Küche war eine Leuchtstoffröhre kaputt. Sie flackerte zwar noch, doch es machte ihn wahnsinnig, wenn er morgens dort stand und die Kaffeemaschine anstellte.
Klara hatte Peter diese Aufgabe übertragen, weil er seine Wasserflasche für das Fitness-Studio fertigmachte.

„Da kannst du doch gleich den Kaffee aufsetzen“, schlug Klara vor.
Peter übernahm immer mehr Aufgaben im Haus, obwohl er das gar nicht wollte. Aber er war nun mal derjenige, der seinen Schreibtisch zuhause stehen hatte.

„Irgendwann kommt sie noch und sagt, dass ich die Waschmaschine anstellen soll“, dachte Peter. Aber er schob diesen Gedanken gleich beiseite.

Jetzt ging es also erst einmal in den Baumarkt in Richtung Bernau.
Als sie auf den Markt zusteuerten und einen Stellplatz suchten, verlor Klara die Geduld: „Immer schön in die entlegenste Ecke fahren, die am weitesten weg ist vom Baumarkt“, motzte sie.

Peter antwortete nicht. Was verstand Klara schon davon. Er fuhr zwar einen kleinen Jeep, aber er war noch so eingestellt, als müsste er den großen Mercedes-Geländewagen in eine Parklücke steuern.
Schließlich hielt er an, sie stiegen aus dem Jeep aus und gingen zum Eingang des Marktes.

„Schau mal hier“, sagte Peter und öffnete seine Jacke.
Darunter kamen Hosenträger zum Vorschein, die an einer Trainingshose befestigt waren. Er kam sich vor, wie Krause, der Schauspieler, der stets die Hosenträger offen über dem Hemd trug.

„Mach bloß wieder die Jacke zu“, sagte Klara und schaute sich um, ob auch niemand zu ihnen hinsah.

Peter war das egal. Im Gegenteil, er fand es klasse, dass er vom Schreibtisch aufstehen konnte, in die Schuhe schlüpfte, deren Schnürsenkel er auch nur noch selten aufmachte, die Jacke überschmiss, den Autoschlüssel schnappte und schon abfahrbereit war.

Schließlich wollte er ja nicht ins Theater. Aber Klara sah es lieber, dass er wenigstens seine Jeans anzog.
Doch Peter blieb da eisern und trug seine Trainingshosen.
Peter ging auf die Kasse im Eingangsbereich zu, wo oben drüber das Schild ‚Information‘ aufgehängt war.

„Sagen Sie, können Sie mir kurz erklären, wo wir hier diese Leuchtstoffröhren finden“, fragte er die Kassiererin, die ihn unfreundlich musterte und besonders auf seine Wollmütze schaute, die er tief über den Kopf bis fast ins Gesicht gezogen hatte.

Vielleicht dachte sie ja, dass Peter die Mütze im nächsten Augenblick ganz über das Gesicht zog und nach dem Kleingeld in der Kasse fragte.

„Gang 22“, sagte sie kurz angebunden.
„Oh, wunderbar, vielen Dank“, flötete Peter fröhlich und zeigte Klara mit dem Arm den Weg.

„Gang 22, da ist er“, sagte er und schritt die Regale ab.
Aber Peter sah nicht, wo die Lampen waren.
Da war Klara besser.
„Hier, schau mal, da sind sie!“.

Klara hatte schon eine Leuchtstoffröhre in der Hand.
„900 mm, 30 Watt, das passt“, sagte sie und drückte sie Peter in die Hand.

Der nahm sie und wandte sich in Richtung Kasse.
„Sollen wir die alte entsorgen?“, fragte die Kassiererin?
„Oh, das ist aber nett“, meinte Peter und gab ihr die alte Leuchte in die Hand.

Klara war noch beim Bezahlen, während Peter übermütig die verpackte Leuchtstoffröhre hin- und herschwenkte.
Plötzlich gab es einen lauten Knall. Peter schaute sich um, weil er nicht mitbekam, woher der Lärm kam.

Doch dann sah er auf dem Fußboden die neue Röhre liegen, zerschellt in winzige Teile.
Peter schaute verdattert, die Augen der Kassiererin richteten sich auf ihn, die von Klara auch und einige Kunden schauten ebenfalls neugierig herüber.

Offenbar hatte sich eine Seite der Verpackung gelöst und die Leuchtstoffröhre war herausgerutscht.
„Was hast du denn nun schon wieder gemacht?“, fragte Klara ihren Mann, so als wäre der ein kleines Kind, das wieder etwas ganz Schlimmes angerichtet hatte.

Ihr Blick sagte: „Oh, es tut mir leid, das ist zwar mein Mann, aber er ist in Wirklichkeit ein großer Trottel.“
Peter war es peinlich, dass er nun diesen Lärm verursacht hatte, doch noch mehr ärgerte ihn, dass Klara ihn nun erst recht wie einen ungeschickten, zu nichts zu gebrauchenden, lediglich mitgekommenen Ehepartner aussehen ließ.

„Gehen Sie schnell zum Regal und holen sich eine neue Röhre, wir kümmern uns hier“, sagte eine Angestellte versöhnlich.
Peter nickte, lief zum Regal und holte die neue Leuchtstoffröhre.

„Sie müssen nicht noch einmal bezahlen“, sagte die Kassiererin.
Peter und Klara bedankten sich und gingen stumm zum Ausgang.
Sie stiegen wortlos ins Auto und schwiegen eine Weile auf der Fahrt nach Hause.

„Warum hast du mich wie einen Trottel behandelt?“, fragte Peter schließlich.

„Ach, das war doch nicht so gemeint“, lachte Klara.
„Darüber kann ich nicht lachen!“, empörte sich Peter und schwieg, bis sie am Carport angekommen waren.

DREI ROSEN FÜR KLARA

ZUFÄLLIG ERLEBT (5)
Eisiger Wind auf dem Bahnhof in Bernau und drei Rosen für die Ankunft von Klara.

Freitagmittag, es ist kalt in der Vorhalle des Bernauer Bahnhofs. Ich sitze auf einer Bank, gefertigt aus Metall. Ich habe das iPhone herausgeholt und schreibe ein wenig zum Zeitvertreib darauf. Die Hände sind klamm.

Es zieht vom Aufgang zum S-Bahnsteig und durch die Haupteingangstür weht ebenfalls kalter Wind herüber.
Klara kommt aus Stralsund zurück. Sie war bei Anna. Sie ist bestimmt froh, dass sie wieder nach Hause kommt und ich bin es auch.

Vor dem Eingang ist auf der rechten Seite ein Blumenladen. Eine ältere Vietnamesin fragt mich, was ich möchte.
„Drei Rosen bitte“, sage ich.

„Grün dazu?“, fragt sie mich noch und ich nicke zustimmend.
Es ist ein kleiner Laden und heute am Valentinstag drängen sich die Leute vor den Blumenregalen. Trotzdem läuft es entspannt ab. Vietnamesische Wortfetzen sind zu hören, ich verstehe nichts, aber meine Verkäuferin spricht ja auch gut deutsch.

„Abschneiden?“, fragt sie mich noch.
„Ja, bitte ein wenig kürzen“, sage ich.

Die Verkäuferin wickelt die Blumen ein, ich bezahle und verlasse den Laden. Nun sitze ich hier auf der Bank und die Fingerkuppen schmerzen vom Schreiben und dem kalten Wind, der durch die Halle weht.

Ich werde mal in den Buchladen gehen, um mir die Hände zu wärmen.

Und in 10 Minuten ist der Zug aus Stralsund da.
Ich freue mich auf Klara, und ich bin gespannt, was sie zu den Rosen sagt.