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‚WO IST EIGENTLICH PAPA?‘

ANNA IST DEMENT (67)

Sonntagabend, Klara greift zum Telefon und ruft Anna an.

„Hallo Mutti, alles ‚ok‘ bei dir?“

Klara kam direkt zur Sache. Sie wollte weiter eine Komödie im Fernsehen anschauen und setzte sich dabei selbst unter Zeitdruck.

„Ok, was meinst du damit?“, fragte Anna und Klara ärgerte sich, dass sie nicht mit mehr Ruhe an das Telefonat herangegangen war.

„Geht es dir gut, Mutti, ist alles in Ordnung?“

„Ja!“, antwortete Anna knapp.

„Du hast doch irgendwas, oder?“, hakte Klara jetzt nach.

„Na weißt du, Papa meldet sich gar nicht bei mir. Ich weiß nicht, wo der steckt. Hast du was gehört?“

Klara stockte der Atem. Hatte ihre Mutter sie das wirklich gefragt?

Als Klara sich ein wenig gesammelt hatte, da sagte sie:

„Papa ist seit nunmehr zwanzig Jahren tot.“

Sie machte eine Pause.

„Bist du noch da, Mutti?“, fragte Klara jetzt.

„Ja, aber ‚ich bin ganz von mir ab‘, was du gerade gesagt hast. Wie konnte ich das nur vergessen?“

„Es ist deine Krankheit, Mutti.“

„Ja“, sagte da Anna leise, ohne nachzufragen, welche Krankheit Klara eigentlich meinte.

„Sonst fragt Mutti immer nach“, sagte Klara später zu Peter.

„Wir können es nicht ändern, und es wird uns noch so manches von deiner Mutter schocken.

Und trotzdem müssen wir versuchen, ruhig darauf zu antworten“, sagte Peter, obwohl er selbst einigermaßen erschüttert war.

Klara und Peter schauten die Komödie weiter, in der eine Schauspielfigur sagte:

„Ich weiß nicht, was es ist, aber ich vergesse laufend einzelne Worte.“

„Trink‘ einen, dann vergisst du wenigstens alles“, sagte sein Freund daraufhin.

Klara und Peter mussten darüber schmunzeln, obwohl es ihnen tief im Innern mulmig wurde.

Was würde mit ihnen eines Tages sein, und wer würde sich um sie kümmern?

Sie schauten lieber den Film weiter, als darüber nachzugrübeln und depressiv zu werden.

GUTE WORTE UND GUTE GEDANKEN HELFEN – FÜR DEN MOMENT

ANNA IST DEMENT (65)

Anna fröstelte, obwohl es ein warmer Maiabend war. Sie stand auf dem Balkon und konnte so das Treiben im Stralsunder Hafen und auf dem Wasser beobachten.

Es war einer jener Momente, in denen sie alles klar sah, sogar Zusammenhänge gedanklich herstellen konnte.

Sie grübelte. Warum musste Wilhelm nur so früh sterben und sie allein zurücklassen?

Anna fühlte sich einsam, wurde depressiv und fand nichts Schönes mehr an dieser Welt.

An jenem Abend dachte sie an ihre Kinder und es wurde ihr warm ums Herz, so wohlig, dass sie schon weniger fror.

„Ach, es ist schön, dass Lukas mich so oft besucht und fragt, wie es mir geht“, dachte sie.

„Wie gut hatte sich der Junge nur entwickelt, so fleißig und zuverlässig, wie er jetzt war, einfach schön.

Und dann hat er ja noch diese ‚Scheißarbeit‘ mit den vielen Ferienwohnungen in Stralsund und auf Rügen.“

Anna seufzte, als sie im Stillen an ihn dachte.

Ja, Anna hatte Glück gehabt mit ihren Kindern und die auch mit ihrer Mutter.

Das machte es für Klara und Lukas so schwer, die richtigen Worte ihr gegenüber zu finden, und manchmal auch etwas energischer aufzutreten.

Anna fühlte es, dass Klara und Lukas ihr halfen. Nur was sie taten, das vergaß sie regelmäßig.

„Lukas kommt ja so gern zu mir und er mag es, für mich einzukaufen“, erzählte sie Klara kürzlich am Telefon.

Anfangs hatte Klara noch etwas darauf entgegnet, wie schwierig es war, von ihr einen Einkaufszettel zu bekommen.

Es klingelte und Anna ging vom Balkon ins Wohnzimmer.

Klara war am Telefon: „Hallo Mutti, wie geht es dir?“

„Naja, wie soll’s mir schon gehen“, sagte Anna mit einem traurigen Unterton in der Stimme.

„Warst du nicht auf dem Balkon? Es ist doch so schön heute gewesen“, versuchte Klara sie aufzumuntern.

„Ach, es ist war ja so herrlich, ich komme doch gerade vom Balkon. Du glaubst ja nicht, wie schön es hier bei mir ist.“

Klara glaubte es ihr aufs Wort, denn Lukas hatte vor ein paar Tagen Blumen für ihren Balkon besorgt, alles aufgeräumt und die Stühle hingestellt.

„Mutti, was siehst du denn heute von deinem Balkon?“

Anna begann mit Eifer zu erzählen, Klara hatte sie dazu gebracht, dass sie aufstand, während sie erläuterte, wie toll doch alles aussah. Und die Aussicht erst.

Morgen würde wieder Lukas kommen, nach ihr schauen, etwas zu trinken hochholen, den Einkaufszettel durchgehen und abends, da war Klara wieder am Telefon.

 

 

 

 

KANNST DU MIR MAL SAGEN, WARUM DER BLUMENKOHL SO HART IST?

„Gibt’s was Neues bei deiner Mutter?“, fragte Peter, nachdem Klara mit Lukas telefoniert hatte.

„Lukas hat es geschafft, dass Anna endlich den Blumenkohl aus dem Gefrierfach freigegeben hat, für den Mülleimer“, sagte Klara.

„Was ist so Besonderes dabei?“, fragte Peter.
„Eigentlich gar nichts, wenn du die Tatsache außer Acht lässt, dass der Blumenkohl seit Monaten vor sich hingammelt.“

„Das verstehe ich“, meinte Peter daraufhin.
„Und das erste, was Mutti sagte war, dass sie nicht begreifen kann, warum der Blumenkohl so steinhart geworden sei“, meinte Klara noch.

„Ruf doch deine Mutter noch einmal an und erkläre ihr das in Ruhe“, meinte Peter jetzt.

„Ach, da habe ich sogar keine Lust zu.“
„Frag sie am Anfang erst einmal danach, ob sie mitbekommen hat, dass auf Rügen die ‚Königslinie‘ Sassnitz-Trelleborg eingestellt wurde, und das nach 111 Jahren.“

Peter wusste es von Lukas. Der hatte ihm gerade einen Zeitungsausschnitt per Post zugeschickt. Darin wurde ausführlich über das Ereignis berichtet.

Lukas hatte den Artikel feinsäuberlich ausgeschnitten, und ihn noch dazu exakt an den Zeitungsrändern beschnitten.
„Das gefällt mir“, meinte Peter.
„Lukas weiß doch, wie ‚pingelig‘ du bist“, entgegnete Klara.
„Das stimmt schon, aber Lukas liebt auch die Ordnung“, sagte nun Peter.

„Ihr nehmt euch beide nicht viel“, sagte Klara.
„Sei froh, dass wir so sind“, meinte Peter.
„Schau dir doch nur mal deinen Schreibtisch an, da kann doch keiner durchfinden.“

„Wer hat denn vorige Woche nicht seinen Impfausweis gefunden, wo du gegen die Pneumokokken geimpft worden bist?“
Peter sagte nun nichts mehr, denn er hatte seinen Impfausweis tatsächlich nicht gefunden.

Das lag vor allem daran, dass er zwar alles auf Kante legte, aber ständig sein Ablagesystem neu strukturierte, es im Computer wechselnd neu vermerkte. Und wenn es ernst wurde, fand er nichts wieder, weder in seinen Dateien, noch auf seinem Schreibtisch.
Klara nahm den Hörer in die Hand, um die Nummer von Anna zu wählen.

„Sturm“, erklang es am anderen Ende des Hörers.
„Hallo Mutti, ich bin’s“, rief Klara in den Hörer, bemüht fröhlich zu klingen.

„Ja, was gibt’s?“, fragte Anna mit verschlafener Stimme.
Immer öfter legte sie sich auch vormittags auf die Couch, statt nach draußen zu gehen.
Das tat sie gar nicht mehr. Klara wollte nicht gleich mit einer Predigt beginnen, dass Anna doch darauf achten sollte, alte Lebensmittel aus dem Kühlschrank zu entsorgen.

„Hast du denn in der Ostseezeitung gelesen, dass die Fährverbindung Sassnitz – Trelleborg eingestellt wurde?“
„Hier bei uns in Stralsund?“
„Nein, Mutti, in Sassnitz auf Rügen, also wenn du über die Rügendammbrücke fährst.“

„Da fahre ich ja nicht mehr“, meinte Anna mit gleichgültiger Stimme. Klara versuchte es noch einmal.
„Mutti, du und Papa, ihr seid doch so gern nach Sassnitz gefahren und von da aus weiter mit der Fähre nach Trelleborg.“

„Und warum fährt das Schiff nicht mehr, ist der Fahrer gestorben?“
Klara gab es auf und wechselte das Thema.

„Mutti“, du kannst die Lebensmittel nicht so lange im Kühlschrank aufbewahren, wie zum Beispiel den Blumenkohl.“
„Ach, der Blumenkohl, der war sowieso steinhart. Wie kann das eigentlich sein, sag mir mal?“ Jetzt klang Annas Stimme angriffslustig, fast bockig.

Sie verstand es, den ‚schwarzen Peter‘ noch geschickt an den Gesprächspartner weiterzureichen. Sie traf ja keine Schuld.

„Na, weil du ihn vorher nicht blanchiert hast.“
„Blanchiert? Ich? Oh, wie ‚smiets‘ du mit ‚de‘ Fremdwörter,“ gab Anna auf ‚Platt‘ zurück.

„Mutti, das erkläre ich dir ein anderes Mal“, sagte Klara.
Auf jeden Fall hast du den Blumenkohl einfach so ins Gefrierfach geschmissen, und selbst da war er schon alt.
Sie war erschöpft und traurig zugleich und mochte nicht mehr sprechen. Sie verabschiedete sich von Anna und legte den Hörer auf.

„Also wirklich, wie vornehm du sprichst, das ist mir auch aufgefallen“, versuchte Peter nun Klara noch aufzuziehen, nachdem sie das Gespräch mit Anna beendet hatte.

„Was meinst du?“
„Na, ‚bloonchiiieren‘, das kenne ich auch nicht“, sagte Peter.
Klara schwieg, sie hatte keine Kraft mehr und auch keine Lust, nach dem Telefonat auf vermeintliche lustige Einwürfe von Peter zu reagieren.

Sie war einfach nur genervt und verzweifelt zugleich.
Doch es gab keinen Ausweg aus dieser Situation. Am besten, sie nahmen es tatsächlich mit Humor.

Auf jeden Fall wollte Klara am nächsten Tag Anna noch einmal anrufen und ihr erklären, wie sie den Blumenkohl frisch halten konnte.

ANNA – MIR SAGT JA KEINER WAS

ANNA IST DEMENT (60)

Anna rief abends, kurz vor 22.00 Uhr bei Klara und Peter an.
Sie weiß nicht mehr, dass sie an dem Tag Geburtstag hatte.
Und sie beschwert sich darüber, dass ihr wieder mal niemand Bescheid gesagt hatte, dass für ganz Mecklenburg-Vorpommern ein Einreiseverbot wegen der Corona-Krise besteht.

Klara saß auf der Couch und war bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, Sudoku. Nebenher schaute sie in den Fernseher, in dem eine Krimi-Komödie mit Jason Bateman lief.

Peter lag auf seinem 2,5 – Sitzer, die Beine quer über die gesamte Länge ausgestreckt. Die Füße baumelten im Freien. Er hätte lieber auf Netflix die Serie ‚Fauda‘ gesehen, in dem es um die Bekämpfung von Terroristen im Nahen Osten ging.

Peter war fasziniert von den Bildern und schockiert von der Gewalt zugleich, die die Serie ausstrahlte. Dabei war es nur ein Film und die Wirklichkeit mit Sicherheit noch viel schlimmer.

Klara ist gegen diese Serien und so musste sich Peter fügen und einen relativ seichten Film mitanschauen.
Aber er hatte inzwischen den Haupthelden, dargestellt eben von diesem Jason Bateman, ins Herz geschlossen.

In dem Film, der gerade lief, spielte Jason Bateman einen Ehemann, der gerade einen Durchschuss von einer Pistolenkugel erlitten hat.

„Das wird jetzt sehr wehtun“, sagte seine Ehefrau.
„Da habe ich nicht den geringsten Zweifel“, antwortete ihr Ehemann.

Und dort hinein, in diese Szene, schrillte das Telefon. Klara und Peter hörten erst, ob es nicht doch ein Klingeln aus dem Film war.
Aber nein, ihr Telefon klingelte immer noch.

„Es ist Anna“, sagte Peter, nachdem er auf das Display geschaut hatte.

„Ich geh‘ jetzt nicht mehr ran“, meinte Klara.
„Geh ran, sonst liegst du die ganze Nacht wach und grübelst, warum deine Mutter noch so spät anruft. Vielleicht steht ja Stralsund in Flammen, weil Anna auf dem Balkon die Kerze hat brennen lassen“, sagte Peter noch scherzhaft.

Klara konnte darüber nicht lachen. Mit verkniffenen Lippen drückte sie auf den grünen Knopf des Telefons.

„Mutti?“, fragte sie in den Hörer hinein.
„Ja, ich bin’s. Ich begrüße euch. Geht’s euch gut?“, fragt Anna zurück.
„Mutti, weißt du eigentlich, wie spät es schon ist?“, entgegnet Klara mit einem gereizten Unterton.

„Wie spät soll es denn sein?“, fragte Anna.
„Es ist kurz vor 22.00 Uhr, Mutti!“, Klara konnte sich kaum beherrschen.

„Ja, weißt du, ich bin mir so unsicher, ob ich heute Geburtstag hatte“, meinte sie nun.

„Ja, natürlich hattest du Geburtstag, Mutti, den ganzen Tag heute. Wir haben doch alle angerufen und wir haben dir gratuliert. Erinnerst du dich nicht?“
Es herrschte Stille am Telefon.

„Bist du noch dran, Mutti?“
„Ja, ich erinnere mich doch jetzt wieder“, sagte sie verhalten.
„Ihr seid ja alle dagewesen!“, meinte sie dann.
„Mutti, wir können gar nicht dagewesen sein.

Aber Lukas hat doch mit dir eine sehr schöne Fahrt auf die Insel gemacht und anschließend habt ihr bei ihm auf dem Hof noch Kaffee getrunken.“
„Ach, wirklich!“

„Sag‘ bloß, dass du das nicht mehr weißt“, sagte nun Klara und bereute es im selben Moment.
„Aber warum seid ihr denn nicht hier gewesen?“, fragte Anna stattdessen.

„Weil wir wegen Corona gar nicht zu dir nach Stralsund dürfen.“
„Corona?“

„Ja, wir haben weltweit die Corona-Krise, es sterben Menschen, erkranken schwer und wir wollen dich nicht in Gefahr bringen, weil besonders ältere Menschen mit den Folgen der Erkrankung zu kämpfen haben.“

„Ach so? Naja, mir sagt ja keiner was.“
„Mutti, es ist schon spät, geh‘ doch ins Bett“, sagte Klara und verabschiedete sich von Anna.

Peter und Klara schauten den Film noch zu Ende. Er war lustig, aber nach Lachen war ihnen nach dem Telefon
nicht mehr wirklich zumute.

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ANNA IST DEMENT (57)

DIE KRÄFTE BÜNDELN

LUKAS, KLARA, PETER SIND EIN TEAM BEI DER UNTERSTÜTZUNG VON ANNA

Lukas ist krank, erkältet. Er krächzt am Telefon und es strengt ihn sehr an, neben seiner Arbeit noch bei Anna vorbeizuschauen.
Sie überschüttet ihn zudem mit Anrufen, nicht tagsüber, sondern abends.

Genau dann, wenn er sich ein wenig erholen und seine Erkältung auskurieren will.

„Mutti, warum meldest du nicht am Tag bei mir und nicht erst abends, nach 20.00 Uhr?“, fragt Lukas sie mal wieder kurz vor 21.00 Uhr, als es bei ihm klingelt.

„Das werde ich ja nie wieder tun!“, sagt Anna beleidigt.
Am nächsten Tag meldet sie sich nicht bei ihm, erst am späten Abend klingelt wieder das Telefon.
Lukas hat sich bereits ins Bett gelegt. Es geht ihm immer noch nicht gut.

„Ich wollte nur mal hören, wie es dir geht“, sagt Anna.
„Mutti, ich liege bereits im Bett, du kannst mich doch tagsüber viel besser erreichen“, sagt Lukas.

„Ich ruf‘ ja nie wieder bei dir an“, antwortet Anna. Ihre Stimme klingt verärgert.

Klara kommt abends aus Berlin zurück. Die Arbeit nimmt sie derzeit sehr in Anspruch. Und trotzdem muss sie mit Anna besprechen, wie es mit den Lebensmitteln bei ihr im Haus aussieht, um Lukas anschließend bei der Zusammenstellung einer optimalen Einkaufsliste für Anna zu unterstützen.

„Achte bitte darauf, dass Mutti die Lebensmittel aus dem Kühlschrank nimmt, deren Verfallsdatum abgelaufen ist“, sagt Klara zu Lukas.

„Mach‘ ich“, antwortet Lukas knapp. Sie verstehen sich nahezu blind.
Peter sitzt am Computer und flucht. Er wollte eigentlich längst seinen Text fertiggeschrieben haben. Stattdessen schlägt er sich mit den neuen Versicherungspolicen von Anna herum, die Lukas in ihrer Wohnung entdeckt hat.

„Das Schlimme ist, dass wir deine Mutter nicht einmal danach fragen können, ob bei ihr jemand in der Wohnung war, um Verträge abzuschließen“, sagt Peter zu Klara, die den Kopf in sein Arbeitszimmer steckt.

„Aber ich kriege das schon wieder hin“, murmelt Peter noch.
„Ich weiß“, sagt Klara und geht nach unten ins Wohnzimmer, um mit Anna zu telefonieren.

Sie alle eint nur ein Gedanke, nämlich mit ganzer Kraft für Anna dazu sein, auch wenn jeder mitunter an seine Grenzen kommt.
Zusammen aber, da bauen sie sich gegenseitig wieder auf und machen am nächsten Tag weiter, denn Anna braucht auch künftig ihre Hilfe und Unterstützung.

ANNA IST DEMENT (56)

LUKAS FREUT SICH AUF SEIN FEIERABENDBIER

Es ist spät geworden an diesem Dienstag. Lukas war noch bei einem Eigentümer einer Ferienwohnung. Die Wohnung ist begehrt, sie hat einen direkten Blick auf den Stralsunder Hafen und den Sund. Im Hintergrund kann man die Brücke sehen, die nun schon seit fast anderthalbhalb Jahrzehnten Stralsund mit Rügen verbindet.

„Ist das nicht ein fantastischer Blick“, empfängt der Eigentümer ihn in der Ferienwohnung.

Lukas kümmert sich um die Gäste der Wohnung, regelt die An- und Abreisen, sorgt dafür, dass die Wohnungen sauber sind, führt kleinere Reparaturen durch oder kümmert sich um Handwerker, wenn größere Aufgaben anfallen.

Lukas hat alles im Griff und im Blick. Nur der Blick dafür, was die Schönheiten ausmacht, wenn man aus dem Fenster schaut, der geht ihm mitunter im Trubel verloren.

„Wir sollten reden, wie wir es den Urlaubern noch angenehmer machen, damit sie unseren Service voll genießen können“, sagt Lukas stattdessen zum Eigentümer.

„Was meinen Sie mit noch mehr Service?“, fragt der Eigentümer zurück. Sein Blick verrät, dass er augenblicklich nicht noch mehr Geld in den Standard der Wohnungsausrüstung stecken will.

„Ach, die Urlauber sind stets sehr zufrieden, es sind also nur Kleinigkeiten“, meint Lukas und kramt einen Zettel aus seiner für ihn so typischen Handwerkerhose.

Das Gespräch dauert länger, als Lukas es gedacht hätte, aber schließlich ist alles besprochen und beide verabschieden sich zufrieden voneinander.

Lukas schaut auf die Uhr und will noch schnell bei Anna vorbeischauen. Eigentlich war der Tag stressig genug und das Bier wartet auf ihn, die Katze, seine stille Wegbegleiterin über den Tag, ebenfalls.

„Wo kommst du denn jetzt her?“, empfängt Anna ihn an der Tür.
„Mutti, ich wollte nur schauen, ob bei dir alles in Ordnung ist“, sagte Lukas und ließ sich erschöpft in einen der Sessel fallen. Dabei fiel ihm ein Schreiben auf, das auf der Anbauwand neben der Couch lag.
Er nimmt das Papier in die Hand und beginnt zu lesen.

„Liebe Frau Sturm, wir bestätigen den Eingang Ihres Schreibens und bedauern es zugleich sehr, dass Sie
unser Vertragsverhältnis kündigen wollen.“
Lukas sitzt nun mit einem Schlag kerzengerade im Sessel.

„War wieder jemand hier, der deine Versicherungsverträge durchgesehen hat, Mutti?“

„Wo denkst du hin, natürlich nicht“, sagt Anna barsch.
Lukas steht auf, verabschiedet sich und beeilt sich nach Hause zu kommen.

Er will nachdenken, wie er herausbekommt, wieso schon wieder von einer Versicherungsgesellschaft ein Schreiben vorlag, in der Annas schriftliche Kündigung bestätigt wurde.
Anna kann nicht mal mehr einen Einkaufszettel selbstständig schreiben.

Die Freude auf das alkoholfreie Feierabendbier ist Lukas vergangen.

ANNA IST DEMENT – (55)

GLAUB‘ MAL NICHT, DASS ICH NICHT MEHR RAUSGEHE

Anna sträubt sich dagegen, mit Hilfe von Klara eine Einkaufsliste zu schreiben. Sie will nicht wahrhaben, dass sie gar nicht mehr allein vor die Tür geht, schon gar nicht bis zum Supermarkt.

„Mutti, ich ruf‘ dich morgen Vormittag an und dann schreibst du die Einkaufsliste für Lukas.“
„Einkaufsliste für Lukas? Wieso Einkaufsliste für Lukas?“
„Mutti, Lukas geht doch einkaufen für dich. Er muss wissen, was du brauchst.“

„Wieso muss der wissen, was ich brauch‘?“
„Weil Lukas für dich einkauft, damit du alles hast.“
„Das mach‘ ich doch allein“, sagte Anna.
„Du gehst seit Wochen schon nicht mehr raus“, antwortete Klara. Sie hatte Mühe, sich zu beherrschen.

„Also das ist ja das letzte, dass du so etwas sagst.
Lukas war noch nie für mich einkaufen. Das mach ich immer noch allein.“

„Aber Mutti, du gehst nicht einmal mehr zum Briefkasten runter.“
„Dass du das zu mir sagst, das hätte ich nicht gedacht.“
„Ich auch nicht, Mutti“, sagte Klara jetzt schon ein wenig erbost.

Doch sie bereute ihren Ton im selben Moment.
„Mutti, wir alle wollen doch, dass es dir gut“, sagte Klara jetzt wieder versöhnlicher.
„Das weiß ich doch. Aber glaub‘ mal nicht, dass ich nicht mehr rausgehe!“

‚Ich weiß aber, dass du nicht mehr rausgehst‘, dachte Klara jetzt.
„Mutti, das ist ja schön, dann helfe ich dir, deine Einkaufsliste zu schreiben“, sagte Klara stattdessen laut.

„Ja, in Ordnung“, meinte Anna nun.
Am nächsten Tag rief Klara erneut bei Anna an.

„Hallo Mutti, wollen wir mal schnell deine Einkaufsliste durchgehen?“, fragte Klara sie.

„Welche Liste? Ich brauch‘ keine Liste!“, antwortete Anna mürrisch. Eine Stunde später war die Liste trotz Annas erneuten anfänglichen Widerstandes geschrieben.

„Und was soll ich jetzt damit?“, fragte Anna.
In dem Moment klingelte es bei Anna an der Tür.

Es war Lukas. Er holte die Liste und ging zum Supermarkt, ohne Anna. Wie jeden Samstag.

ANNA IST DEMENT- (53)

DAS MACHEN WIR DOCH GERN

Klara war zu Anna gefahren und Peter kämpfte mit seiner schlechten Laune.

„Ich bin gut in Stralsund angekommen“, sagte Klara am Telefon zu Peter.
„Hm, ja schön“, antwortete der einsilbig.

Klara hatte eine Woche Urlaub und die wollte sie bei Anna verbringen, um bei ihr nach dem Rechten zu schauen.
Obwohl Peter das verstand, es auch tolerierte, war er nicht begeistert, wenn es dann tatsächlich soweit war.
„Du hast doch jetzt Zeit, viel zu arbeiten!“, sagte Klare in solchen Momenten.

Peter sah das nicht so. Er war eher demotiviert, wenn er allein war. Er geriet aus dem Alltagstrott, der ‚Routine‘, wie er sie nannte.
„Brate dir bloß keine fetten Sachen und röste das Brot nicht so scharf an“, mahnte Klara ihn noch heute Morgen, bevor Peter sie zum Bahnhof brachte.

„Ach, wo denkst du hin“, meinte der.
Das war aber schnell vergessen.
„Ich könnte mir die paar Wurstscheiben anbraten und ein bisschen Brot dazu essen“, dachte Peter ein paar Stunden später.

Er machte sich gleich an die Arbeit, schnitt die Wurst klein und toastete die Scheiben Brot. Den Toaster stellte er auf ‚volle Kanne‘.
„Ich muss bloß sehen, dass ich ihn wieder zurückstufe, bevor Klara kommt“, murmelte er vor sich hin.

Es klingelte noch einmal und Anna war dran.
„Ach Peter, du glaubst gar nicht, wie überrascht ich war, als Klara in der Tür stand“, sagte sie fröhlich.

„Ich danke dir“, schob sie noch hinterher.
„Das machen wir doch sehr gern“, antwortete Peter.
Zum Glück konnte Klara das nicht hören, denn noch vor der Abfahrt hatte er gebrummt: „Ich möchte mal wissen, ob Krümel und Laura auch so an uns denken, wenn wir dement sind.“

„Sag‘ so was bloß nicht!“. Klara war entsetzt über Peters
Gedanken.

Es war inzwischen Abend geworden. Klara war längst bei Anna und räumte ihre Zimmer auf. Peter saß allein am Computer und plante lustlos die Arbeit für den nächsten Tag.

Wieder schrillte das Telefon. Krümel war dran.
„Opaaa?“ Pause.
„Ja, meine Süße, was gibt es denn?“
„Opa ‚lala‘ singen!“
„Kommt ein Vogel geflogen, lala lala lala…“, sang Peter los und bekam wieder gute Laune, für einen Moment jedenfalls.

JEEPY (44)

KRÜMEL IST KRANK UND KANN NICHT MIT AN DIE OSTSEE

Hallo Krümel,
hier ist Jeepy – zum letzten Mal vor Weihnachten.
Mein Fahrer war heute ganz traurig.

Zuerst hat er mir mächtig wehgetan, denn er ist in der Tiefgarage vom Fitness-Center an der Wand entlanggeschrammt und hat mein ‚Ohr‘ verletzt.

Ich meine natürlich meinen Seitenspiegel an der Fahrerseite. Der Spiegel ist rausgesprungen und am Lack waren Kratzer zu sehen.
Er sagt, dass er unaufmerksam war.

„Ich bin traurig, weil Krümel krank ist und nicht mit an die Ostsee fahren kann“, hat er zu mir gesagt.

Siehst du Krümel, jetzt sollst du auch noch Schuld daran sein, dass mein Fahrer nicht aufpasst, wo er hinfährt.

Aber heute Abend hat er wieder bessere Laune. Er hat Oma geholfen, den Weihnachtsbaum aufzustellen.

Du wirst Augen machen, wenn du über Silvester hier bist und zum ersten Mal den Baum siehst.

Ich muss ja wieder leider draußen bleiben, unter meinem Carport.
Aber ich freu‘ mich trotzdem, wenn ich dein Juchzen höre und du den Baum anstaunst.

Also bis bald mal Krümel. Jetzt wird ja nichts aus dem Weihnachtssingen mit dir gemeinsam bei mir im Auto.
Wir denken an dich und singen trotzdem.
Dein Jeepy.

ANNA IST DEMENT (51)

WIR SIND MAL ZUR STIPPVISITE DA

Anna war beim Friseur, nach vielem Hin- und Her, vielen Ausreden und Ausflüchten.

„Der Termin ist hier gestrichen, ich muss da also nicht mehr hin“, sagte sie noch am Tag, als Lucas sie abholen wollte.
Schließlich ließ sie sich doch überreden und stieg zu Lucas ins Auto, um zum Frisörladen zu fahren.

Als sie da war, fühlte sie sich wohl, weil die Friseurin es ihr sehr leicht machte, sich ‚fallen zu lassen‘.
Sogar eine andere Haartönung bekam sie.

„Ich bin jetzt anspruchsvoller geworden“, sagte Anna zu Klara am Telefon, als sie auf ihre Frisur zu sprechen kam.

Klara war für einen Moment sprachlos, dann musste sie sich zusammenreißen, um nicht laut loszulachen.
Sie tat es nicht, denn sie würde damit ihre Mutter auslachen. Das brachte sie nicht übers Herz.

„Na dann ist ja alles prima, Weihnachten kann jetzt kommen“, sagte Klara stattdessen zu ihr.

„Und übrigens, wir kommen zur Stippvisite vorbei“, fuhr Klara fort und ließ es aussehen, als würden Klara, Peter, Laura und die Kleine nur so nebenher mal vorbeikommen.

Am Telefon war es still. Keine Reaktion.
Anna fragte nicht, wann Klara kommen wollte, ob sie über Weihnachten blieben, wo sie schliefen.

Klara war traurig darüber. Doch andererseits auch froh, dass Anna sie nicht löcherte.

„Wenn die Kleine mit nach Stralsund kommt, dann lerne ich sie ja endlich mal kennen“, sagte Anna, ohne groß eine Emotion in ihren Satz zu legen.

„Mutti, du hast die Kleine schon so oft gesehen!“
Klara konnte sich das nicht verkneifen, bereute den Satz aber sofort.

„Also ich hab‘ sie noch nicht gesehen, das würde ich ja wohl wissen“, sagte Anna daraufhin trocken.

„Ja, Mutti, das würdest“, antwortete Klara.
‚Wenn du gesund wärst und dich daran erinnern könntest‘, dachte Klara bei sich, sprach diesen Halbsatz aber nicht aus.

ANNA IST DEMENT (50)

ICH RUF DOCH NICHT MORGENS UM HALB SECHS AN (FORTSETZUNG)

Anna hat Peter morgens angerufen, halb sechs Uhr. Sie glaubt aber fest daran, dass es bereits abends ist.

„Das kann nicht sein, wir haben es nämlich halb sechs Uhr morgens“, sagte Peter.

„Wieso morgens?“, hakte Anna wieder nach. Ihr Ton klang nun noch vorwurfsvoller.

„Wieso morgens und wieso abends, das sollten wir mal denen da oben im Himmel überlassen“, sagte Peter und biss sich gleich auf die Zunge.

„Hast du denn noch eine andere Uhr?“, fragte er Anna weiter.

„Ja, hier meine Armbanduhr“, sagte Anna.

„Und wie spät ist es darauf?“

„Halb sechs.“

„Siehst du“, sagte Peter.

Anna schwieg.

„Bist du noch da?“, fragte Peter.

„Ja, aber ich versteh‘ das alles nicht“, sagte nun Anna.

„Hast du denn gar nicht geschlafen?“, fragte Peter sie.

„Wie kommst du bloß darauf, dass ich nicht geschlafen habe?“

Anna’s Stimme klang empört.

„Du hast Recht, was für eine blöde Frage“, sagte Peter.

„Ich weiß doch, dass du jeden Abend gegen zehn Uhr ins Bett gehst“, fügte er noch an.

„Dann wünsch‘ ich dir noch einen schönen Tag und denk an dein zweites Frühstück.“

Peter wollte wieder an seine Arbeit gehen.

„Ja, ich denke an das zweite Frühstück. Ich eß‘ doch da so gern einen Apfel.“

„Obst ist gesund und stärkt das Gedächtnis“, sagte Peter.

„Warum ausgerechnet das Gedächtnis?“, fragte Anna ihn.

„Ach nur so. Ich meine das ganz allgemein.“
Peter verabschiedete sich und legte auf. Gegen 10.00 Uhr rief er noch einmal bei Anna an.

„Na, weißt du noch, um welche Uhrzeit du mich heute Morgen angerufen hast?“
Am Telefon war Schweigen.

„Warum fragst du mich, ob ich noch weiß, ob du mich angerufen hast? Ich würde dich doch nie morgens um halb sechs Uhr anrufen!“
Anna’s Stimme klang gereizt.

„Ja, du hast Recht. Ich glaube, ich habe da was durcheinander gebracht“, sagte Peter nun schnell.

„So soll es ja mal losgehen“, sagte Anna daraufhin zu Peter.
„Iss bloß viel Obst“, meinte sie noch.

ANNA IST DEMENT(49)

ICH RUF‘ DOCH NICHT MORGENS UM HALB SECHS AN

Anna bringt die Tageszeiten durcheinander.

Peter saß an seinem Schreibtisch. Er hatte Klara nur zur S-Bahn gebracht und war nicht mit in die Stadt gefahren, weil es ihm nicht gut ging.

„Leg’dich doch wieder hin“, sagte Klara, als sie aus dem Auto stieg.
„Nein, das mach‘ ich auf keinen Fall“, antwortete Peter.

„Ich hab‘ genug zu tun und bin froh, wenn ich mal die frühen Morgenstunden nutzen kann“, rief er ihr hinterher, als Klara bereits den S-Bahneingang im Blick hatte.

Er fuhr zurück und ging ohne Umschweife daran, sich die Tagesplanung auf einen alten Zettel zu schreiben.

Er hatte immer noch die Angewohnheit, die bedruckten Seiten nicht in den Papierkorb zu schmeißen, sondern sie wiederzuverwenden.

Peter schrieb seine ersten Gedanken gern mit dem Bleistift aufs Papier, weil ihm dadurch keine Tastatur gedanklich im Wege stand.
‚Vom Kopf in die Hand und von da aus aufs Papier‘, dachte er so bei sich.

Nur das Abschreiben seiner eigenen Kritzeleien, das lag ihm gar nicht.

Das Telefon klingelte. Peter schaute auf die Telefonnummer. Es war Anna. Und es war kurz vor halb sechs Uhr.

‚Was will Anna um die Zeit?‘, schoss es ihm durch den Kopf.
‚War etwa irgendwas passiert?‘

Peter zögerte noch ranzugehen, weil er sich nicht ablenken lassen wollte
Als das Klingeln nicht aufhörte, tat er es schließlich doch.

„Gerber“, sagte Peter, obwohl er wusste, dass es seine Schwiegermutter war.

„Ja, guten Abend Peter, hier ist Anna.“

„Weißt du, wie spät es ist?“, erwiderte Peter, ohne auf ihren Gruß einzugehen.

„Wieso wie spät es ist?“, wiederholte Anna die Frage am Telefon.
Peter kam es vor, als würde sie ihn nachäffen.

„Schau doch bitte mal auf die Uhr und sage mir, was du da siehst“, sagte Peter und bemühte sich ruhig zu bleiben.
„Es ist hier halb acht abends“, antwortete Anna.

Fortsetzung folgt

 

 

 

BESUCH IM PFLEGEHEIM IN DRESDEN

ANNA IST DEMENT (48)

Peter geht an der Tür seines Vaters vorbei. Dort steht jetzt ein anderer Name auf dem Türschild. Peter muss schlucken.

Peter und Klara hatten sich am Samstagmorgen aufgemacht, um mit dem Auto nach Dresden zu fahren – ins Pflegeheim, dort wo Peters Mutter, Getrud Gerber, seit nun schon über anderthalb Jahrzehnten lebte. Sie war im Sommer 90 Jahre alt geworden und litt stark an Demenz.

„Ob sie uns wohl wiedererkennt?“, fragte Peter.
„Ich hoffe“, antwortete Klara, „aber genau wissen wir es erst, wenn wir vor ihr stehen“, setzte Klara nach.

Peter hatte einen Tag vorher noch die Pflegedienstleiterin, Schwester Eva, angerufen und gefragt, wie es seiner Mutter ginge.
„Ihre Mutter ist ganz munter und erkennt auch die Schwestern, wenn sie zur Tür hereinkommen“, sagte Schwester Eva.

„Das freut mich, dann haben wir ja eine Chance, dass sich meine Mutter freut, wenn wir eintreffen“, meinte Peter.
„Ja, ganz bestimmt“, versicherte die Schwester Peter. Dresden kam näher. Es war die Stadt, in der Peter sein Abitur gemacht hatte und mit der ihn viele Erinnerungen verbanden. Und trotzdem, das Gefühl von wirklicher Heimat wollte nicht aufkommen. Zu lange hatte Peter wohl im Norden gewohnt, in Schwerin und später in Stralsund.

Peter stellte das Navigationsgerät aus, denn er wusste, wie er fahren musste.
Sie fuhren an der Frauenkirche in die Tiefgarage und begaben sich zu Fuß zum Pflegeheim.

„Welchen Stock müssen wir drücken?“, fragte Klara, als im Foyer des Heimes in den Fahrstuhl stiegen.

„Ich glaube der dritte ist richtig“, antwortete Peter und ärgerte sich, dass sie es sich nie merkten, wo Getrud Gerber lag.

„Wir sind einfach zu wenig hier“, sagte Peter und wollte mit diesem Satz sein schlechtes Gewissen beruhigen. Als sie aus dem Fahrstuhl ausstiegen, gingen sie den Gang entlang, der zum Zimmer von Peters Mutter führte.

Sie mussten vorbeilaufen an dem Zimmer, in dem Peters Vater – Manfred Gerber – viele Jahre gewohnt hatte. Seine Frau und er wohnten in den letzten Jahren nicht mehr zusammen. Sie besuchten sich, solange es noch ging, aber die fortschreitenden Krankheiten bei beiden brachten es mit sich, dass die Pflege und Betreuung wirkungsvoller war, wenn beide in verschiedenen Zimmern untergebracht waren.

An der Tür von Manfred Gerber stand jetzt ein anderer Name. Peter bekam weiche Knie. Ihm wurde klar, wie endgültig es war, dass er seinen Vater nie wieder sehen oder sprechen würde.

Am Ende des Ganges war ein Buch aufgeschlagen, in dem die Todesnachrichten untergebracht waren. Peter blätterte das Buch durch und erblickte das Foto seines Vaters.

Es war nicht die letzte Seite. Im Herbst waren weitere Todesanzeigen hinzugekommen.

„Hier kommst nur wieder auf der Bahre raus“, hatte sein Vater mal zu Peter gesagt.

Peter schluckte. Er musste sich zusammenreißen, denn sie waren an der Tür von Getrud angekommen.

ANNA IST DEMENT (47)

WIE FIGUREN BEI ‚ANNA IST DEMENT‘ RICHTIG EINFÜHREN UND BESCHREIBEN?

Wir lassen uns mehr von unseren Gefühlen leiten, als wir es selbst manchmal wahrhaben wollen.

Wir hören vor allem deshalb gern Schlager, weil die Melodien in einen Zustand des Glücks versetzen.
Ein anderer hört vielleicht klassische Musik und kann darüber seinen Gefühlen freien Lauf lassen.

In jedem Fall können wir ohne diese Gefühle nicht existieren, oder nur sehr eingeschränkt.
Aber wie bekomme ich es hin, diese Gefühle auf meinen Seiten, speziell bei ‚Anna ist dement‘ zu transportieren?

Klar, ich kann beschreiben, wie Anna aus ihrer Wohnung schaut, auf den Stralsunder Hafen und sich an den Schiffen erfreut, die dort an der Pier liegen.

Aber ich glaube, auf die Dauer wird das langweilig.
Ich muss dazu übergehen, die handelnden Personen näher zu charakterisieren.

Anna zum Beispiel, oder Peter. Zumal das ja Figuren sind, die im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Ich muss sie noch näher beschreiben, damit der Leser sich ein Bild machen kann, in die Gefühlswelt meiner Figuren eintauchen kann.

Und ehrlich: Das habe ich bisher immer vernachlässigt, zumindest wenn es darum ging, in die Tiefe zu gehen.
Natürlich weiß ich, dass es ohne richtige Figuren keine fesselnde Geschichte geben kann.

Und trotzdem tue ich mich schwer damit, die eigenen Gedanken, Gefühle, quasi die eigene Seele dem Leser zu öffnen.
Auf der anderen Seite weiß ich, dass es der einzige Weg überhaupt ist, den Leser tatsächlich zu berühren.

Du fängst also an, dich näher mit deinen Figuren zu befassen, du begibst dich faktisch in sie hinein. Und siehe da, du bist schon bei dir selbst.

Das kannst du gar nicht vermeiden, weil du deine Sicht auf die Person wiedergeben musst und du dich also fragst, warum du sie so und nicht anders siehst.

Wenn ich es schaffen will, dass meine handelnden Personen vom Leser angenommen werden, muss ich schon auch ein klein wenig in die Seele des anderen einsteigen.

Das macht mir Spaß. Ich frage mich immer, warum mir jemand in dem Moment etwas fragt und warum er teilweise gar nicht auf das reagiert, was ich selbst gerade gesagt habe.

Wahrscheinlich, weil es ihn nicht interessiert hat. Aber herauszubekommen, was einem anderem Menschen Spaß macht, was ihn für Motive umtreiben, das ist schon etwas, was ich sehr gern tue.

Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich an die Charakterskizzen meiner einzelnen Figuren zu machen.

ANNA IST DEMENT (46)

FRIEDA IST EINE SCHRECKLICH LAUTE PERSON

Peter dachte noch immer daran, wie er sich Anna gegenüber verhalten hatte. Er fühlte sich im Recht, als er sie bat, den Gurt im Auto anzulegen.

Doch er hatte das außeracht gelassen, was er stets zu Klara in solchen Situationen sagte: „Anna ist dement und wir sind es nicht. Anna kann ihr Verhalten nur noch bedingt steuern.

Wir aber, wir können das und wir haben deshalb die Verantwortung dafür, mit entstandenen Situationen umzugehen.“

Das waren seine Worte. Und nun, wo es darauf angekommen war, sie tatsächlich zu berücksichtigen, da versagte er doch glatt.

Peter hatte darüber mit einer Inhaberin eines Pflegenternehmens telefoniert. Er kannte sie nicht persönlich, aber er wusste, dass sie ihn bestens verstand.

Im Grunde wusste er selbst sehr genau, was er falsch gemacht hatte, aber es tat gut, dass ihm jemand zuhörte, der nicht nur vom Fach kam, sondern auch menschlich nachfühlte, was auf beiden Seiten vorging, auf der Seite von Anna und auf seiner Seite.

Wieviel Konfliktstoff barg die Betreuung von Anna in sich?

Ihre Krankheit stellte jedenfalls alle auf die Probe – Klara, Lucas, die ganze Familie eben.

„Wie geht es euch?“, fragte Anna einige Tage später Klara am Telefon.
Sie hatte längst vergessen, welche Auseinandersetzung sie mit Peter und Klara hatte.

„Manchmal hat die Demenz auch gute Seiten“, sagte Peter.
Klara schaute ihn empört an.

„Das ist ja wohl nicht dein Ernst“, sagte sie.
„Du hast Recht. Es ist schlimm genug, dass Anna vieles gar nicht mehr mitbekommt.“

„Und vor allem, meine Mutter mag dich doch so gern. Sie hat in den ganzen Jahren unserer Ehe nie ein böses Wort über dich gesagt“, setzte Klara nach.

„Ja, ich weiß.“
Peter schmunzelte.

„Warum lachst du?“, fragte Klara.
„Weißt du noch, wie ich mit Frieda über Politik stritt und es emotionaler wurde?“

„Ja, und?“
„Naja, hinterher sagte Anna nicht etwa, dass ich zu laut gesprochen hätte. Nein, sie meinte, dass Frieda nur so eine schrecklich laute Person sei.“

ANNA IST DEMENT (43)

ANNA IST ÜBERFORDERT, LUKAS AUCH
RÜCKBLICK - ANNA IST DEMENT (42)
Lukas war mit der Situation, die sich ihm bot, überfordert.
Seine Mutter fragte laufend nach, warum er das alles eingekauft hatte, Frieda, Annas Freundin, stand hinter Anna und beobachtete mit Argusaugen, was sich zwischen Mutter und Sohn abspielte.

Frieda war von Herzen gut, selbst sehr organisiert in ihrem eigenen Leben, aber sie war eben auch von einer zügellosen Neugier getrieben.

Sie musste alles wissen – was im Kühlschrank von Anna war, warum Anna ihr nichts davon erzählt hatte, dass sie auf einer Beerdigung von einer guten Bekannten gewesen war.

Frieda machte es für Lukas nicht gerade leicht, in dem Moment, wo er so schnell wie möglich wieder losfahren wollte.
Auf ihn warteten seine Kunden. Die einen wollten ihren Garten gemäht haben und die anderen waren Gäste in einer Ferienwohnung und drängten darauf, dass die Herdplatte wieder anging.

Dazwischen Frieda Krüger mit ihren Bemerkungen, die die ganze Situation noch verschlimmerte.

„Anna, ich verstehe nicht, warum du die Bestellungen nicht gleich für eine ganze Woche auf den Zettel schreibst und sie dann Lukas gibt‘s. Der kann dann einkaufen, wenn er Zeit dafür hat.“

Frieda meinte es gut, aber das alles sagte sie zu einem Zeitpunkt, wo es wirklich nicht angebracht war, denn Lukas hatte ja nun gerade eingekauft.

„Was meinst du mit dem Einkaufszettel? Warum soll ich einen Einkaufszettel schreiben?“, fragte Anna unwirsch dazwischen.

„Und die Schwestern kommen auch nicht zum Spritzen.“
„Mutti, es ist jetzt kurz vor zwölf. Die Schwestern werden gleich kommen, und du bekommst dann deine Spritze.“
Hast du denn kein Buch, wo das eingetragen wird?“, fragte Frieda.

„Was für ein Buch?“, fragte Anna.
„Ich habe noch nie ein Buch gesehen“, erwiderte Anna trotzig.

 

ANNA IST DEMENT (40)

ANNA HAT DEN ANRUF VON LUKAS SCHON WIEDER VERGESSEN

Es ist schon spät, als Anna sich bei Lukas am Telefon meldet.
„Ich bin gerade beim Abendbrot“, sagt Lukas leicht genervt zu Anna.

Anna druckst herum, bis sie salbungsvoll über die Lippen bringt: „Ich wollte dir auch nur ein wunderschönes Abendessen wünschen.“

„Aber Mutti“, die Stimme von Lukas zittert vor Empörung, „wir haben doch gerade miteinander gesprochen.“

„Ach, haben wir das? Na dann kann ich ja wieder auflegen“, antwortet jetzt Anna. In ihrer Stimme schwingt mit, wie beleidigt sie gerade von dem ist, was Lukas ihr gesagt hat.

Lukas ärgert sich darüber, dass er sich mal wieder nicht im Griff hatte. Dabei wollte er sich nicht aufregen, egal, was Anna von sich gab.

„Mutti, was wolltest du mir denn noch mitteilen?“, fragte er nun schon versöhnlicher.

„Du, stell dir vor, Peters Vater ist tot.“
Lukas verschluckte sich an dem Stück Brot, das er kurz bevor das Telefon klingelte in den Mund geschoben hatte.

„Und Mutti, stell du dir vor, das habe ich dir vor einer halben Stunde erzählt. Das kannst du also nur von mir wissen.“
Anna schwieg.

„Bist du noch da?“, fragte Lukas.
„Ja, aber ich kann das nicht glauben, dass ich das schon wieder vergessen habe.“

„Mutti, das ist überhaupt nicht schlimm. Dafür sind wir doch da. Um dir zu helfen, dich an das alles zu erinnern. Wie war denn dein Tag heute?“

„Ach, es war so schön auf dem Balkon bei mir. Die Sonne schien und die Blumen blühen. Es ist einfach herrlich.“
Anna hatte das alles Lukas schon vor einer halben Stunde erzählt, mit den gleichen Worten.

„Mutti, das ist doch wunderbar.“
Lukas hatte mal wieder die Kurve gekriegt.

ANNA IST DEMENT (39)

„ACH WAS, DAS STIMMT NICHT“

„Was hat Mama gesagt, als die Schwester ihr mitteilte, dass Vati gestorben war?“, fragte Peter Helga.
„Sie hat ‚ach was‘ gesagt, ‚das stimmt nicht‘“, antwortete Helga auf Peters Frage am Telefon.
Peter war das erste Mal froh, dass seine Mutter, Getrud Gerber, dement war. Nicht die Tatsache an sich war das, was ihn freute. Nein, das bestimmt nicht.
Aber dass sie diesen traurigen Moment so verarbeiten konnte, weil ihr Gehirn die Nachricht emotional einfach nicht mehr so intensiv aufnahm.
Das war vor Jahren Peters größte Sorge. Er wusste, wie sehr die beiden voneinander abhingen.
In diesem Jahr waren sie 69 Jahre verheiratet.
Sein Vater hatte ihm bei einem der letzten Gespräche gesagt, wie sehr er Getrud geliebt hatte.
Und nun, eine Woche vor dem 90. Geburtstag von ihr, da starb er einfach.
Am letzten Samstag hatte sein Vater ihn noch gefragt, ob Peter mit Mama verheiratet sei.
Er hatte Mühe, seine Gedanken zusammenzunehmen.
„Nein, ich bin der Sohn von Mama und von dir. Und du bist verheiratet mit Mama.“
„Ach so“, meinte er und ließ seinen Kopf wieder sinken.
Gertrud spielte mit dem Hund von Helga.
„Mama, Vati ist nicht mehr“, versuchte es Helga noch einmal.
„Stimmt das?“, fragte Gertrud und streichelte den Hund weiter.

ANNA IST DEMENT (38)

ES TRAF IHN WIE EIN KEULENSCHLAG

Es sollte ein Tag werden, wie jeder andere auch.
Peter hatte sich viel vorgenommen.
Dann kam der Anruf von Helga.

„Vati ist heute Morgen friedlich eingeschlafen“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte. Peter wusste, dass es mit seinem Vater zu Ende ging. Doch nun, da es die bittere Wahrheit war, zuckte er dennoch zusammen.

Er besprach mit Helga kurz, was nun zu tun ist.
Dann kam die Stille. Wie oft hatte er sich mit seinem Vater gestritten, gefetzt, sachlich und unsachlich.

Nun war der nicht mehr da. Er würde nie wieder da sein.
Peter hatte sich vorgenommen, sich nach außen nichts anmerken zu lassen.

Er wollte darüber nicht sprechen. Doch nun rannen ihm die Tränen übers Gesicht, die Buchstaben verschwammen vor ihm.

Noch bei einer seiner letzten Telefonate hatte ihm sein Vater zugerufen: „Halt endlich deine Schnauze.“
Peter hatte sofort aufgelegt, so entsetzt war.

Bei seinem letzten Besuch im Krankenhaus, sagte sein Vater zu ihm:
„Das musst du richtig verstehen. Ich mein‘ das doch genau anders herum.“

„Ach so. Das habe ich dann komplett falsch verstanden“, entgegnete Peter trocken.

Helga rutschte vor Lachen fast vom Stuhl. Sein Vater schmunzelte.

„Wer sind Sie“, fragte er Peter wenig später.
„Ich bin’s. Dein Sohn. Und das ist Krümel, deine Urenkelin“, sagte Peter und zeigte auf ein Foto.

„Ja, Krümel, die kenne ich. Natürlich kenne ich sie“, sagte sein Vater noch einmal, diesmal mit vorwurfsvollem Unterton.
Jetzt war das alles vorbei, die kleinen und größeren Plänkeleien, das Dozieren über geschichtliche und aktuelle Vorgänge in der Politik, die Diskussion über gute Bücher.
Ihm wird der messerscharfe Verstand seines Vaters fehlen, das ewige Ringen mit ihm über die Bedeutung von etwas Gesagtem und vor allem von dem, was unausgesprochen blieb.

Peter wird Krümel Geschichten erzählen, sie zum Schreiben mit der Hand ermuntern, zu lesen, fröhlich und mit wachen Augen durch das Leben zu gehen. Und Peter wird ihr von ihrem Uropa erzählen.
Das wird er tun. Denn das alles würde seinem Vater gefallen.

ANNA IST DEMENT (37)

PETER WARTET AUF HELGA

Es dauerte noch eine Weile, bis sich eine Kellnerin ihm näherte, gemächlich und mit grimmigen Gesicht.“

„Sollte sie wegen seiner Anfrage Ärger bekommen haben?“, fragte Peter sich.
„Sie wünschen?“, fragte ihn die Kellnerin, die nun direkt neben ihm stand und ihn mit einem wütenden Gesichtsausdruck anschaute. .

„Können Sie mir dieses Getränk hier empfehlen?“, fragte Peter und zeigte auf die Karte, auf der ein Glas mit einem Mix aus Gin Tonic, etwas Weißwein, aufgefüllt mit Sprudel, und einer am Rand aufgesteckten Apfelsinenscheibe zu sehen war.

„Das ist immer eine Geschmackssache!“, antwortete die Kellnerin verschnupft.

„Das stimmt“, sagte Peter. Er war wieder auf Kampfmodus eingestellt. Er schaute die Kellnerin jetzt selber mit einem provokanten Gesichtsausdruck an. Klara hasste diese Eskapaden. Sie meinte, es lohne sich nicht, sich laufend mit den Leuten anzulegen.

Peter sah das ähnlich, jedenfalls wenn Klara mit dabei war. Aber dass die Kellnerin sich nicht einmal für das späte Erscheinen entschuldigte, reizte es ihn, weiterzumachen.

„Gott sei Dank haben Sie sich so unendlich viel Zeit gelassen, bis Sie es an meinen Tisch geschafft haben. Dadurch konnte ich mir schon ein Bild machen.“

„Wir sind ja schließlich nicht auf der Flucht“, sagte die Kellnerin und wirkte nun in ihrer Körperhaltung noch bedrohlicher. Sie hatte rustikale Lederhosen und ein kariertes Hemd an.

„Ja Sie, Sie sind gewiss nicht auf der Flucht. Sie ganz bestimmt nicht. Sie haben lediglich die Gabe, die Kunden in die Flucht zu schlagen. Ich überlege auch gerade, ob ich gehe.
Aber gut, dann bringen Sie mir bitte das Getränk.“

Die Kellnerin notierte die Bestellung regungslos, drehte sich um und lief davon.
Wenige Augenblicke danach kam eine junge Kellnerin und schaute Peter ängstlich an.

„Hier Ihr Getränk. Zum Wohl“, flüsterte sie fast.
„Oh, das ist aber eine nette Bedienung. Donnerwetter, geht doch. Vielen Dank.“

Das Gesicht der jungen Kellnerin hellte sich und sie lief fröhlich davon.
Vom Tresen her traf ihn der eiskalte Blick der ersten Kellnerin. Peter hob das Glas und prostete ihr zu. Sie drehte sich demonstrativ um.

„Wie im 5 Sterne Hotel“, sagte Peter laut und schlürfte genussvoll das eiskalte Getränk hinunter.
Als er das Glas absetzte, stand Helga vor ihm.

„Na, drangsalierst du schon wieder nette Menschen?“, fragte sie Peter.

Peter stand auf und rang sich ein Lächeln ab. Immerhin hatten sie sich ein paar Jahre nicht gesehen.
Und Helga fuhr fort: „Du, ich war hier jahrelang Stammgast“, sagte Helga.

„Na, dann kann ich den Frust der Kellnerin verstehen“, entgegnete Peter.
Helga hasste ihn dafür, denn sie konnte gegen ihn im Gespräch meist wenig ausrichten.
Sie holte trotzdem zum Gegenschlag aus.

„Und, hast du es mit deinem kleinen Flitzer bis hierher geschafft?“, fragte ihn Helga.
Sie selbst fuhr einen SUV Porsche und wollte Peter treffen.
Ach weißt du, der kleine Jeep, ich nenne ihn „Mister Trump“, hat Biss.

Ich mag ihn. Und meine Enkelin erst, die zeigt schon von weitem mit dem kleinen Finger auf ihn, wenn sie ihn sieht. Da kann mir doch egal sein, was ein paar versnobte Porsche-Fahrer denken.“
Helgas Gesicht lief rot an, sie zog es jedoch vor zu schweigen.

ANNA IST DEMENT (36)

FAHRT NACH DRESDEN

Peter hatte keine Lust, noch einmal zum Hörer zu greifen. Er schickte eine WhatsApp-Nachricht:
„Lass uns nicht streiten. Jetzt müssen wir zusammenstehen. Ich bin dazu bereit und komme am Dienstag nach Dresden.“

Von Helga kam ein kurzes ‚ok‘ zurück.
Dienstagfrüh, das Thermometer sollte auf 35 Grad Celsius ansteigen. Bei diesen Temperaturen konnte man überall hinfahren, nur nicht nach Dresden.

Peter erinnerte sich, wie drückend es in der Stadt im Sommer war.
Sie wohnten direkt im Stadtzentrum. An den Hängen, da war es auszuhalten, aber im Herzen der Stadt legte sich die Hitze wie eine Glocke über die Straßen und Häuser.

Das Gefühl, keinen großen See in der Nähe zu haben, bedrückte Peter deshalb besonders.

Ein Grund für ihn, später zur Marine zu gehen. Er war die ersten Jahre in Schwerin aufgewachsen. Der Schweriner See war für ihn herrlich. Er konnte es sich nicht vorstellen, dass es woanders noch hätte schöner sein können.

Später dann begann er die Ostsee zu lieben, das Wasser, den ständigen Wind und das Gefühl der Freiheit, das man nicht beschreiben konnte.

Peter wollte nicht zu sehr hetzen und entschloss sich, möglichst frühzeitig nach Dresden aufzubrechen.
Der Berliner Ring war voll. Auf der rechten Spur reihte sich ein LKW an den anderen.

Peter blieb auf der linken Spur und ärgerte sich, dass hinter ihm jemand drängelte.
Früher war er genauso gewesen. Für ihn war klar, dass er mit seinem 7er BMW Vorfahrt hatte, zu wichtigen Terminen.
„Was für ein eitler Gockel du doch manchmal warst“, sagte er sich heute im Stillen.

Nach drei Stunden Fahrt auf der glühenden Autobahn, bei stickiger Luft und einer Sonne, die selbst noch durch die getönten Scheiben gleißte, war er in Dresden angekommen. Er fuhr in die Tiefgarage, direkt an der Frauenkirche und begab sich nach oben.

Als er aus der Tür heraustrat, hatte er den Eindruck, jemand würde ihm direkt einen dicken Hammer mitten ins Gesicht schlagen.
Peter bog in eine kleine Straße ein. Sie nannte sich „Salzgasse“.
Er staunte, wie viel neue Häuser, Hotels, kleine Läden, Restaurants entstanden waren.

Dresden zeigte sich von seiner besten Seite, weltoffen und mit herrlich restaurierten historischen Gebäuden. Allein die Frauenkirche machte auf ihn immer wieder einen grandiosen Eindruck.

„Warum wird nur von ‚Pegida‘ gesprochen und nicht von den schönen Seiten der Stadt, den höflichen und netten Menschen, den Sachsen. Ihren Dialekt hatte Peter nie angenommen, obwohl er über zehn Jahre in der Stadt verbracht hatte. Aber die sächsischen Laute riefen doch in ihm so etwas wie ein Heimatgefühl hervor.

Peter setzte sich in das Café, wo er sich später auch mit Helga treffen wollte.
Er saß bereits eine halbe Stunde, bis er sich entschloss, an die Theke zu gehen.

„Entschuldigen Sie, bedienen Sie hier alle Gäste, oder gibt es ein Auswahlprinzip?“
Der Mitarbeiter hinter der Zapfsäule schaute ihn entgeistert an.

„Aber selbstverständlich, mein Herr, wir bedienen alle.“
„Und warum warte ich dann über eine halbe Stunde dort hinten in der Ecke?“, fragte Peter zurück.
„Wir kommen sofort“, sagte der Mitarbeiter entschuldigend.

ANNA IST DEMENT (35)

DU MUSST MIT NACH DRESDEN KOMMEN

Freitagmittag. Helga Geiger, Peters Schwester rief an. Sie wohnt auf Sylt, gemeinsam mit ihrem Mann, Thomas Geiger.

„Vati will nicht mehr leben, er isst nicht mehr und er trinkt nicht mehr“, sagte Helga am Telefon zu Peter.

„Woher weißt du das?“, fragte Peter.
„Ich habe doch meine Verbindungen ins Pflegeheim“, sagte Helga.
Ja, die hatte sie zweifelsohne. Aber Peter kannte Helga nur zu gut. Sie übertrieb oft, dramatisierte die Situation.

„Du musst am Dienstag unbedingt mit nach Dresden kommen. Es ist viel zu organisieren.“

Peter zögerte. Er ließ sich ungern in etwas hineintreiben, wollte die Fäden selbst in der Hand behalten.

Aber Helga war nun mal näher dran, an Manfred und Gertrud Gerber. Schließlich hatte sie jahrelang in dem Heim in leitender Position selbst gearbeitet und kannte das Personal gut.

„Willst du etwa einen geschäftlichen Termin im Pflegeheim mit privaten Zielen verbinden?“, fragte Peter.
Jetzt platzte es aus Helga heraus:

„Wie kommst du darauf? Das ist eine Unterstellung!
Ich verbitte mir das.“

„Du kannst bitten, so viel du willst. Aber ich werde doch wohl noch fragen dürfen, warum ich bei dem Termin wirklich dabei sein soll.“
Bei Peter saß das Misstrauen tief, sehr tief.

Die Wunden, die in den vergangenen Jahren bei Peter entstanden waren, die schmerzten immer noch.
Zuviel hatte Helga ihm versprochen und dann nicht gehalten.
Jetzt sagte er das aber nicht.

Stattdessen brüllte er sie an: „Wenn du glaubst, dass du mich im Ton eines Untergegebenen behandeln kannst, dann hast du dich geirrt. Mir ist es egal, dass du eine Million auf dem Konto hast, aber du redest trotzdem mit mir in einem ordentlichen Ton.“

Peter hatte sich selbst im Ton vergriffen, so sauer war er auf Helga.

„Ich habe nicht eine Million“, entgegnete Helga wütend.
„Nein, das glaube ich dir sogar. Du hast mindestens zwei Millionen auf dem Konto“, gab Peter zurück.

Helga legte auf.

Peter schlug die Schilddrüse, er war wütend, wusste, dass er sich im Ton vergriffen hatte, und musste trotzdem eine Entscheidung treffen.

Schweren Herzens wählte er noch einmal die Telefonnummer von Helga.
Es ging keiner ran.

ANNA IST DEMENT (34)

WIR WAREN SCHÖN EIS ESSEN – IM BALTIC – HOTEL

 

„Wie war es beim Arzt, Mutti?“, fragt Klara abends Anna.
Klara wusste, dass Anna einen Arzttermin um 17.00 Uhr hatte.
Lukas war mit ihr zusammen dort gewesen.

„Welcher Arzt?“, fragte Anna erstaunt.
„Du warst doch heute in der Praxis, gemeinsam mit Lukas.“

„Mit Lukas? Was will der denn dort?“
„Mutti, er hat dich begleitet, damit alles klar geht.“
„Stimmt!“, sagte sie jetzt.

„Und weißt du, wir waren hinterher schön Eis essen“,  setzte Anna hinzu.

„Ach, das ist ja wunderbar. Wo seid ihr denn gewesen?“, hakte Klara nach.

Am Telefon entstand eine Pause. Klara spürte körperlich, wie es in Anna arbeitete.

„Ja, im Baltic-Hotel“, bekam sie schließlich heraus.
„Im Baltic-Hotel?“, fragte Klara verwundert.

„Ja. Es hat so gut geschmeckt“, schwärmte Anna.
Klara verabschiedete sich von Anna und rief Lukas an.

„Wie war’s denn im Baltic-Hotel?“, fragte Klara Lukas.
„Im Baltic-Hotel? Wie kommst du darauf?“, fragte Lukas.

„Mutti hat das gesagt.“
„Quatsch, wir waren beim Arzt, sind anschließend im Stralsunder Hafen gewesen und danach waren wir bei mir auf dem Hof. Ich habe ein Eis am Stiel ausgegeben“, sagte Lukas.

Er holte tief Luft und sagte: „Du, Mutti wusste nicht einmal mehr, dass wir im Stralsunder Hafen waren.“

„Wirklich nicht?“, fragte Klara.
„Wirklich nicht.“

„Naja, du hast ihr jedenfalls einen wunderschönen Tag bereitet, denn sie hat richtig gute Laune. Wir können das andere nicht ändern. Wir können es nur so akzeptieren, wie es ist. Und ihr wenigstens ein paar schöne Stunden bereiten“, sagte Klara zu Lukas.

„Das stimmt“, seufzte der. Es fiel ihm schwer, den geistigen Verfall von Anna zu begreifen, seiner Mutter, die sich veränderte, allmählich, unaufhaltsam.

ANNA IST DEMENT (33)

STIPPVISITE BEI ANNA
Klara besucht Anna. Die weiß davon im Vorfeld nichts, weil es sie zu sehr aufregen würde.

Klara sitzt im Zug von Stralsund nach Berlin. Es ist Sonntag und sie kehrt zurück von einem Besuch bei Anna. Sie war drei Tage bei ihr, um sie aufzumuntern, die Küche zu streichen und die Wohnung aufzuräumen.

Klara taucht immer wieder ein Stück in ihre Vergangenheit ein, wenn sie in Stralsund. Sie ist hier aufgewachsen, hat den Beruf einer Bürokauffrau erlernt, war viele Jahre dort sehr glücklich.
Das alles ist lange her. Es hat sich viel geändert. Und Anna, ihre Mutter, hat sich geändert.

Früher, da freute sich Anna, wenn Klara sie besuchte. Anna kochte dann, bezog die Betten neu, brachte die Wohnung auf Hochglanz.
Jetzt war es anders.

Klara hatte ihrer Mutter gar nicht gesagt, dass sie kommen wollte. Anna konnte diese Aufregung nicht mehr vertragen, auch wenn das ja etwas Positives war.

Also klingelte Klara an der Tür, der Summer ertönte und sie ging die Treppen hinauf.
„Das gibt’s doch nicht“, rief Anna erstaunt aus, als Klara vor ihrer Tür stand.
„Wo kommst du denn jetzt her?“, fragte Anna.
„Direkt aus Berlin“, sagte Klara kurz angebunden, obwohl es gar nicht stimmte.

Peter hatte Klara morgens nach Bernau gefahren, wo sie den Zug um 4.41 Uhr nach Stralsund nahm.

Aber für Anna war das zu kompliziert. Für sie war das alles Berlin. Dort arbeitete Klara, Laura auch und Peter, ja der war auch aus Berlin, für Anna jedenfalls.

„Was wollen wir jetzt machen?“, fragte Anna.
„Am besten, du lässt mich erst einmal zur Tür rein“, sagte Klara, nachdem sie sich auf dem Hausflur die Schuhe ausgezogen hatte.

ANNA IST DEMENT (32)

WARUM KURZGESCHICHTEN?

Wenn Herausforderungen und Konflikte in der Pflege nur abstrakt beschrieben werden, erreichen sie die Menschen nicht. Leser wollen sich mit konkreten handelnden Figuren identifizieren können. 

 Ich habe mir schon oft den Kopf darüber zerbrochen, warum ich mir überhaupt die Mühe mache und mich mit einem Bein in die Gefilde des belletristischen Schreibens begebe. Eine schwierige Frage und eine einfache Antwort darauf gibt es wohl nicht.

Es sind vor allem Erkenntnisse und Erfahrungen, die ich im Verlaufe meiner freiberuflichen journalistischen Arbeit gesammelt habe, die mich überhaupt zu diesen Gedanken veranlassen.

Was meine ich?

Es ist ein Unterschied, ob du irgendeinen Vorgang in der Pflege lediglich beschreibst, oder aber, ob du versuchst, es so zu schreiben, wie es die konkreten Menschen erleben und manchmal auch darunter leiden.

Ein Beispiel: „Die Kommunikation mit Demenzkranken erfordert ein hohes fachliches Können, sensibles Herantasten im Gespräch, Verständnis und Herzenswärme.“

Was ist daran falsch, was ich gerade geschrieben habe? Vermutlich gar nichts.

Aber ich denke, der Leser überfliegt es, nimmt es zur Kenntnis und vergisst es wieder.

Wie aber ist es mit diesen Sätzen?

„Anna war am Morgen aufgestanden und fühlte sich nicht gut. Was war anders? Sie sollte zum Friseur. Aber wann? Sie wusste es nicht mehr.

Klara hatte es einen Abend zuvor mehrfach gesagt und Anna hatte noch mehr nachgefragt.

Anna griff zum Telefon und rief Klara an.

„Ich will nicht zum Friseur. Ihre Stimme klang aggressiv. Klara überlegte, was sie und wie sie antworten sollte.“

Du tauchst anders in die Situation ein. Du erfasst genauer, um was es hier geht, wie schwierig die einfachsten Dinge des Lebens in der Betreuung eines Demenzkranken konkret im Alltag aussehen.

Die Botschaft des Geschriebenen wird deutlicher, wenn die Hauptfigur ein Mensch aus Fleisch und Blut ist. Und nicht nur zum Gegenstand abstrakter Betrachtung wird.

Wie aber so etwas konkret umsetzen?

Indem ich reale Menschen charakterisiere oder aber eine Figur fiktional erschaffe?

Wie auch immer die konkrete handwerkliche Technik des Schreibens aussieht, ich will es schaffen, dass das Geschehen und die betroffene Figur konkrete Gestalt vor dem inneren Auge meines Lesers annimmt.

Das ist mein Anspruch, ein Experiment eben, das nicht immer gelingt. Aber der Versuch ist es allemal wert.

 

DRITTER ANLAUF BEIM FRISEUR

„Gut, dass ich den Termin gemacht habe“, sagte Anna zu Lukas, als dieser sie wieder vom Friseur abholte.

Anna saß noch auf dem Friseurstuhl, auf dem Tisch vor ihr stand ein halbvolles Glas Sekt. Sie lachte und erzählte mit der Friseuse. Lukas verschlug es die Sprache.

Er musste gerade daran denken, wie viel Mühe es ihn gekostet hatte, Anna bis hierher zu bringen.
Zwei Stunden vorher: Lukas hatte Anna endlich soweit, dass sie loskonnten, um noch rechtzeitig beim Friseur zu sein. „Wo ist jetzt mein Briefkastenschlüssel?“, fragte Anna und wühlte in ihrer Tasche umher.

„Mutti, das kannst du doch machen, wenn wir vom Friseur zurückkommen. Ich möchte nicht zu spät kommen. Wir haben doch schon zweimal den Termin absagen müssen“, drängte Lukas sie.
„Absagen? Wieso absagen? Ich habe nichts abgesagt“, sagte Anna und schaute Lukas grimmig an.

„Mutti, ich habe einmal den Termin vereinbart, dann haben wir ihn wieder storniert, weil du nicht wolltest. Danach hat es Klara noch einmal versucht. Und wieder wolltest du nicht.“
„Ich? Das kann überhaupt nicht sein! Und wieso machen überhaupt die Berliner Termine beim Friseur für mich? Was soll das!“
„Mutti, wir meinen es doch nur gut.“

„Wo ist denn jetzt mein Schlüssel?“ Anna kramte weiter in der Tasche. Endlich hatte sie ihn gefunden und steckte ihn in das Briefkastenschloss und versuchte ihn umzudrehen. Er ließ sich aber nicht drehen.

„Was ist das hier alles? Ich werd‘ noch verrückt“, schnaubte Anna.
„Mutti, kann ich mal?“, fragte Lukas vorsichtig.
Es war geschafft, die Briefkastentür ging auf und als erstes fielen Lukas die Werbebriefe entgegen.

„Die schmeiße ich gleich weg“, sagte Lukas.
„Nein, wie kannst du so was machen! Ich will die lesen. Die schreiben mir.“
„Ja, Mutti, weil sie dein Bestes wollen, dein Geld. Deshalb haben sie dich so lieb.“

Anna schaute Lukas an, als würde der gerade von der Berechnung der optimalen Mondlandung sprechen. Als sie im Auto saßen und Anna schließlich angeschnallt war, konnte Lukas das Auto starten.

Anna schaute verdrossen aus dem Fenster. Ihre Stirn war gerunzelt und ihr Mund verzog sich zu einer Grimasse. Dazu stöhnte sie unentwegt.

„Mutti, jetzt freu dich doch ein bisschen. Schau mal, ich habe extra den Weg am Hafen vorbei genommen, damit du ein wenig auf das Wasser schauen kannst“, versuchte Lukas sie aufzuheitern.
Anna aber reagierte nicht.

„Hier lag das Boot von Onkel Gottfried“, sagte sie plötzlich.
Anna schien sich zu erinnern, ihr Gesicht hellte sich auf und sie schien in Gedanken von ihren schönen Kindheitsjahren eingenommen zu sein.

„Wir sind da“, riss Lukas sie aus ihren Erinnerungen.
„Weißt du, ich will gar nicht aussteigen“, sagte Anna jetzt.
„Mutti, du gehst jetzt da rein“, sagte Lukas mit letzter Verzweiflung zu ihr.

„Rede nicht in dem Ton mit mir“, sagte Anna zu ihm.
Lukas schwieg und Anna stieg aus.
„Schön, dass Sie kommen konnten“, begrüßte die Inhaberin des Friseurladens Anna.

„Ja, ich habe mir die Zeit genommen“, sagte Anna.
Lukas schaute betreten auf den Fußboden. Es sah aus, als versuchte er die dort herumliegenden Haare zu zählen, die noch nicht weggefegt worden waren.

„Möchten Sie ein Glas Sekt, Frau Sturm“, fragte die Inhaberin Anna.
„Ach ja, ein Glas kann man ja mal trinken.“

Die Inhaberin zwinkerte Lukas zu und der zog sich leise zurück.
„Wissen Sie, ich war ja früher viel auf dem Hof von meinem Onkel Taube. Er war Fischer“, sagte Anna zu der Friseuse, während die sich um die Haare von Anna kümmerte.

„Taube? Gottfried Taube“, fragte die Friseuse.
„Ja“, sagte Anna.

„Den kenn ich auch“, sagte die Friseuse zu Anna.
„Sagen Sie bloß!“, staunte Anna.
„Ja, mein Großvater hat mir ab und zu von ihm erzählt. Damals, als der selbst noch ein Fischer war.“

Lukas traute sich nicht Anna zu sagen, dass sie wieder loswollten.
Annas Wangen waren rot, sie saß aufrecht im Sessel und es schien, als wäre sie glücklich. Für den Augenblick wenigstens.

ANNA IST DEMENT (31)

ANNA WILL NICHT ZUM FRISEUR

Anna will nicht den Friseurtermin wahrnehmen, zum zweiten Mal nicht.

Anna lag auf der Couch und hielt eine Banane in der Hand, die sie ab und zu zum Mund führte, um ein Stück davon lustlos abzubeißen. Ihr Gesicht schien ausdruckslos und als Lukas das Zimmer betrat, verharrte sie in ihrem nahezu regungslosen Zustand.

„Mutti, wir haben doch gleich einen Friseurtermin und du hast dich immer noch nicht umgezogen.“

Annas Gesicht verdunkelte sich noch mehr. Ihre Gemütsregungen waren am Vormittag ganz besonders überschattet von ihrer Krankheit.

Sie hatte Angst, rauszugehen, auf andere Menschen zu treffen, sich in neue Situationen hineinzufinden.

Die Demenz hatte sie mürrisch, ja aggressiv gemacht. Erst zum Mittag hin, wenn die Krankenschwester zum Spritzen kam, wurde sie munterer.

Lukas ließ sich in einen der Sessel fallen und schwieg. Es war kurz vor zwölf und die Schwester musste jeden Augenblick an der Tür klingeln.

„Ach Schwester schön, dass Sie kommen und mir helfen, ich hab‘ ja sonst keinen“, sagte Anna bereits an der Tür zu ihr.
„Aber Sie haben doch Ihren Sohn.“
„Ach, der muss doch nur arbeiten.“

Anna schaute missmutig zu Lukas herüber. Lukas trafen diese Worte mitten ins Herz. Er wusste, seine Mutter war dement und man konnte nichts mehr von dem, was sie sagte, auf die Goldwaage legen. Aber es schmerzte ihn, trotz alledem.

„Was willst du eigentlich hier?“, fragte Anna ihn nun.
„Mutti, will nicht schon wieder bei der Friseuse den Termin absagen müssen, nur weil du keine Lust hast.“

„Ich will nicht und ich will mich dafür nicht entschuldigen“, sagte sie mit der Bockigkeit eines kleinen Kindes in der Stimme.

„Dann können wir dir nicht mehr helfen und wir müssen überlegen, ob wir dich für ein Heim anmelden.“

Anna saß eine Weile still und sagte plötzlich: „Meine Strähnen sind grau. Die müssen gefärbt werden. Kannst du mir mal den Mantel geben?“

Lukas schnellte aus dem Sessel hoch und holte aus der Flurgarderobe den Mantel seiner Mutter.

Er hatte ein schlechtes Gewissen. Schon wieder hatte er ihr mit dem Heim gedroht, aber was sollte er tun?

„Kommst du nun endlich?“, fragte Anna ihn und schwenkte ungeduldig den Haustürschlüssel.

ANNA IST DEMENT (29)

DIE BREMER KOMMEN

Anna hat schon wieder das Telefonat mit den Bremern vergessenen, obwohl sie gerade erst mit ihnen gesprochen hat.

Das Telefon war besetzt. Peter versuchte es nach fünf Minuten noch einmal. Jetzt hatte er sich gerade durchgerungen und nun ging Anna nicht ran, weil sie wahrscheinlich selber telefonierte.

Vielleicht rief sie ja wieder seine Eltern im Dresdner Pflegeheim an. Das hat sie Jahrzehnte nicht getan, doch nun tat sie es und verneinte das vehement, wenn Klara sie danach fragte.

Peter wusste es von Klara und die wiederum von Peters Vater. Er sprach mit ihm kaum. Das übernahm Klara. Sie war diplomatischer und keiner musste nach einem belanglos beginnenden Telefonat den diplomatischen Abbruch fürchten.

Aber das mit Peters Eltern, das war eine Story für sich. Bei Anna lagen die Dinge anders. Peter hatte Klara versprochen, sich täglich am Vormittag für ein paar Minuten um Anna zu kümmern.

Die Gespräche verliefen ziemlich gleich und wiederholten sich, manchmal Wort für Wort.

Zum Beispiel, dass die gegenüberliegende Häuserwand so scheußlich feucht aussah. Heute nun lief das Telefonat nicht in seinen gewohnten Bahnen. Als Peter sie zum zweiten Mal anrief, da ging Anna ran.

„Hast du gerade telefoniert?“, fragte Peter.
„Nein. Wie kommst du darauf?“

Peter musste schlucken, weil es ihm schwerfiel, einfach zu glauben, dass Anna nicht mehr wusste, dass sie gerade mit jemanden gesprochen hatte.

„Ich komme darauf, weil dein Telefon besetzt war. Also musst du zwangsläufig mit jemandem kommuniziert haben.“

„Was hab‘ ich gemacht?“ Annas Stimme klang leicht gereizt.
Das war immer so, wenn sie etwas nicht verstand. Dann war natürlich der andere daran schuld.

In diesem Fall Peter. Er gab Anna im Stillen Recht. Musste er dieses hochtrabende Wort ‚kommunizieren‘ nehmen?

Bei jeder Autorenschulung würde man dafür sofort eins auf den Deckel bekommen, weil es ja schlichter formuliert werden könnte, so wie ‚sprechen‘, ‚mit jemandem unterhalten‘, ‚mit jemanden telefonieren.“

Warum also gerade kommunizieren? Peter wusste es nicht. Gerade er, der ein Gegner von schwülstigen Ausdrücken war, die oft intellektuelles Getue zum Ausdruck brachten und in Wirklichkeit Worthülsen waren, mit denen man den anderen beeindrucken wollte. Das ging im Gespräch mit Demenzkranken nun schon gar nicht.

ANNA IST DEMENT (28)

ANNAS SCHLEICHENDE

WESENSÄNDERUNG

Annas Wesen ändert sich nicht merklich, eher unmerklich, aber dafür stetig.

Es fängt mit Kleinigkeiten an, so war es auch bei Anna. Mal hat sie etwas vergessen, dann wieder fühlte sie sich einsam.
„Wir müssen uns damit abfinden, dass Anna nie wieder so wird, wie sie all die Jahre war.“

„Dir fällt es leichter, das zu sagen als mir, denn ich bin die Tochter“, entgegnet Klara Peters Überlegungen. Peter sagte nichts. Er wusste, dass Klara hier richtig lag. Doch was nützte es, man musste sich ja trotzdem der neuen Situation stellen.

„Ich glaube, wir helfen Anna mehr, wenn wir uns auf sie noch besser einstellen, einfach akzeptieren, was sie tut, was sie sagt und auch wie sie es sagt.“

Peter wusste, dass es vor allem theoretische Gedanken waren, die sicherlich ihre Berechtigung hatten. Doch wie war es im Alltag?
Gestern rief Peter an. Anna war seelisch am Boden. Sie hatte einen Arzttermin verpasst. Besser gesagt, sie hatte ihn auf der Couch verschlafen.

„Ich werde mal Lukas informieren, damit er sich darum kümmert, und wir einen neuen Termin bekommen“, meinte Peter zu Anna.
„Nein, das möchte ich nicht. Ich kläre das allein.“

Peter wollte ihr sagen, dass Lukas sich stets um alles kümmerte.
Er ging mit Anna einkaufen, er begleitete sie zum Zahnarzt, besuchte sie täglich in ihrer Wohnung, schaute nach dem Rechten.

Warum also reagierte sie so schroff? Schämte Anna sich, dass sie den Termin versäumt hatte?
Peter griff kurzerhand zum Hörer und wählte die Telefonnummer der Arztpraxis.

„Ich kann gar nicht glauben, dass meine Schwiegermutter gestern einen Termin bei Ihnen hatte“, sagte Peter zur Helferin.

„Doch, sie hatte gestern einen Termin.“
„Donnerwetter“, entfuhr es Peter.

Die Helferin musste lachen. Sie waren sich schnell einig und hatten einen neuen Termin vereinbart.
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„Trag‘ dir doch den Termin gleich ein“, sagte Peter später zu Anna am Telefon.
„Das mach‘ ich sofort“.  Anna wirkte jetzt gelöst.

Am Nachmittag ging Lukas mit Anna auf den Friedhof. Blumen am Grab von Wilhelm niederlegen, Annas Mann.

Wilhelm war nun schon 19 Jahre nicht mehr da. Doch er fehlte Anna sehr. Anna wollte erst gar nicht Blumen kaufen, kein Geld ausgeben.
Das war neu. Lukas übernahm das und kaufte die Blumen.

„Seid ihr denn heute am Grab von Wilhelm gewesen?“, fragte Peter sie abends.

„Ja, ich war da, und ich habe Blumen besorgt und sie zu seinem Geburtstag hingelegt“, sagte Anna.
„Na wunderbar“, antwortete Peter.

ANNA IST DEMENT (27)

DER TÄGLICHE ANRUF BEI ANNA

Die tägliche Kommunikation mit Anna wird schwieriger. 

Der Anruf bei Anna ist eine Sache wie du eben jeden Tag deine anderen Aufgaben in der to-do-Liste abarbeitest.

Das denke ich, doch es ist die pure Theorie. Die Wirklichkeit, die sieht anders aus, und zwar jeden Tag anders.

Gegen 10.00 Uhr schrecke ich hoch, weil ich das Erinnerungstool am iPad mal wieder aktiviert habe und mich doch über die Störung ärgere, wenn es dann tatsächlich soweit ist.

Ich greife zum Telefon und stehe vom Schreibtisch auf, um ein wenig umherzugehen. Es dauert eine Weile, bis Anna den Hörer abnimmt.

„Wie ist das Wetter bei dir?“, frage ich sie zu Beginn. Ich frage das stets zuerst. Nicht das mich das wirklich interessieren würde, da bin ich ganz ehrlich.

Nein, wirklich nicht. Ich könnte den Tag glatt ohne diese Information verbringen. Aber es geht ja nicht um mich. Es geht um Anna. Und die lässt sich Zeit mit der Antwort.

„Weißt du, es ist windig draußen?“, sagt sie nach einer Weile schleppend.

„Warst du denn auf dem Balkon?“, frage ich.
„Nein. Warum?“

„Nun, um den Wind zu spüren.“
„Ach, ich geh‘ doch jetzt nicht auf den Balkon!“

Anna wirkt gereizt, unausgeglichen, störrisch. Ich bleibe ruhig. Ich habe schon ein wenig gelernt. Nicht viel vielleicht, aber ein bisschen jedenfalls.


„Wir dürfen Anna ihre eigene Wesensänderung nicht zum Vorwurf machen“, sage ich zu Klara noch heute Morgen im Auto.

Das ist ein toller Satz, finde ich. Den musst du doch erst mal so formulieren.

Aber ich kann mich nur selbst loben. Ein anderer wird das nicht tun. Klara auf keinen Fall.

Sie antwortet gar nicht. Ich weiß auch warum. Sie denkt: „Na hoffentlich hält der sich selbst daran.“ Ja, das tue, in aller Regel.

Also frage ich Anna weiter: „Hast du denn schon ein zweites Frühstück gemacht?“

„Ne.“
„Willst du es noch machen?“
„Ja, aber nur ein kleines Brötchen. Sonst habe ich mittags keinen Hunger.“

„Ja, das verstehe ich“, sage ich sofort.
„Machst du dir denn auch was zu essen?“, fragt Anna mich.
„Nein, ich werde sonst müde. Und ich muss doch danach weiterschreiben.“


„Das kenne ich nicht.“ Na das glaube ich dir aufs Wort, denke ich. Sage es aber nicht.
„Weißt du, wenn ich etwas Warmes zu mir nehme, dann habe ich danach die Stunde der ‚toten Augen‘“, entgegne ich stattdessen.
„Stunde der ‚toten Augen‘, was ist denn das für ein Quatsch?“

Ich merke, wie langsam meine Schilddrüse anfängt zu pumpen.
Wie gerne würde ich darauf eine knackige Antwort geben, ganz in der mir eigenen Art.

Aber das darf ich nicht. Ich habe es Klara versprochen. Sie freut sich, wenn ich Anna anrufe, aber nur dann, wenn ich mich an die Spielregeln halte. Und das heißt, Anna ist dement, und wir sind diejenigen, die sich darauf einstellen müssen, nicht umgekehrt.