Anna ist dement (9)

Die Betreffzeile

„Dann wollen wir das jetzt auch umbestellen – zu meinem Bruder – die  Einwilligung meiner Mutter liegt vor.“
Klara hatte sich die Vollmacht schriftlich geben lassen.
„Mutti, wir wollen dir helfen, zu verstehen, was du für Post bekommst und dann gemeinsam entscheiden, was wir damit tun.“
„Warum?“ Anna will nicht verstehen.
„Ich lese dir doch die Post immer vor, abends, wenn ich anrufe.“
Klara konnte Anna nicht sagen, wie sehr sie genervt war davon, wenn ihre Mutter begann, die Briefe vorzulesen.
„Ihr Ansprechpartner: Frau Sammredt. Jetzt die Adresse…“
„Mutti!“, unterbrach Klara Anna beim Vorlesen.
„Du musst mir jetzt nicht alles vorlesen. Lies doch einfach die Betreffzeile vor.“
„Betreffzeile?“
„Ja. Dort steht doch irgendwo ‚Betreff‘, und den Text danach, den kannst du mir ja noch einmal vorlesen.“
„Ich finde das nicht!“
„Aber Mutti“, Klara ist verzweifelt, „schau doch einfach die Zeilen von oben nach unten durch!“
Jetzt ist Anna völlig durcheinander.
„Ich versteh‘ gar nicht, warum die mir diesen Scheiß schicken.“
Briefe mit behördlichem Inhalt oder von der Bank, ja das war wirklich ein Scheiß. Anna empfand das so.
Die andere Post, die mit den bunten Briefumschlägen, die war viel angenehmer. Die schrieben so nett – „Liebe Frau Sturm, wir freuen uns…“
Ja, da freute sich Anna auch.
„Lass doch deine Mutter alles vorlesen. Und danach sortierst du für dich, was wichtig und unwichtig ist.“ Jetzt mischte sich Peter ein.
„Du hast mir mit deinen Ratschlägen gerade noch gefehlt. Willst du jeden Abend mit deiner Schwiegermutter telefonieren?“
Das wollte Peter nicht. Er schwieg jetzt besser.
„Du musst zu deiner Mutter fahren und dir eine Vollmacht geben lassen“, sagte er noch.
„Das brauche ich nicht. Die habe ich mir vor geraumer Zeit schon vorsichtshalber geben lassen.“