Alle Beiträge von Uwe Müller

Dipl.-Ing. (FH), Dr. rer. pol.; Dozent; freiberuflicher Journalist; Coach - Themenschwerpunkt: Kommunikation

EINWEISUNG IN DIE BEDIENUNG DER WASCHMASCHINE

Ich habe viel gelernt. Ich weiß, welche Blumen ich gießen muss und wo sie stehen. Komisch, dass ich einige gar nicht vorher gesehen habe.

Heute ist die Einweisung in die Bedienung der Waschmaschine dran. Ich habe noch nie in eine Waschmaschine Wäsche getan und sie anschließen zum Laufen gebracht:

„Ich schwöre“, so heißt es doch heute unter den Jugendlichen, oder? Es ist jedenfalls die Wahrheit. Ich kann es ja selbst nicht glauben.

Dabei habe ich mich mit so vielen technischen Fragen beschäftigt, zum Beispiel mit den Autos. Ich bin in der ganzen Zeit meiner Ehe vom Trabbi auf einen Lada umgestiegen, ich habe die Bedienungsanleitung des Citroen studiert, den Audi in seiner Fahrweise analysiert, bin mit einem schweren BMW auf der Friedrichstrasse in einen Opel reingefahren.

Aber ich habe in der ganzen Zeit nie wirklich die Waschmaschine bedienen können.
Heute war also nun der große Tag der Einweisung. Wir gingen in die Waschküche und ich musste mit dem Finger auf die Waschmaschine zeigen, die uns gehörte.

Wir sind vier Parteien in einem Mehrfamilienhaus. Wir haben zwar einen separaten Eingang und können von unserem Keller aus direkt in die Waschküche gehen. Dort aber stehen eben noch die anderen drei Waschmaschinen.

Ich schaute sie alle der Reihe nach an und zeigte anschließend zielsicher auf unsere. Sie war sauber, die Sachen lagen ordentlich, das konnte nur unsere Maschine sein.

„Du machst die Tür auf und legst die Sachen rein“, sagte Klara zuerst.
„Du meinst das Bullauge hier?“, fragte ich fachmännisch interessiert. Klara pflegte auf diese Art von Einwänden nicht zu reagieren.

„Nun stellst du die Plastikkugel rein, gefüllt mit der Flüssigkeit für dunkle Wäsche.“
„Und der bleibt dort stehen?“, fragte ich.

„Stell‘ dich doch nicht so an“, seufzte Klara. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass nur dunkle Wäsche gewaschen würde. Das andere sollte ich zu einem späteren Zeitpunkt erfahren, in einem Fortbildungsseminar sozusagen.

Also vor allem Unterhosen und schwarze Pullover. Die Unterhosen könnte ich ja auch nur jeden zweiten Tag wechseln, dachte ich bei mir.

„So, jetzt machst du die Klappe zu, bis es klickt. Dann stellst du den Schalter auf 40 Grad für Buntwäsche. Und schließlich musst du noch in das mittlere Fach links den Weichspüler kippen.“

Es war soweit. Ich drückte auf ‚Start‘. So muss man sich fühlen, wenn die Sojus-Rakete ins All abhebt.

KLARA FÄHRT ZUR KUR UND ICH KRIEG PANIK

„Vergiss nicht, den Zahnputzbecher zu säubern“, ruft Klara mir nach.

Sonntagmorgen.

Klara weist mich in die Haushaltsabläufe ein. Am Dienstag fährt sie zur Kur. Drei Wochen lang.

Widerwillig klemme ich mir meine Schreibunterlage unter den Arm.
„Hast du ein ‚Muttibuch‘, wo du dir alles einschreibst, was du wissen musst?“, hatte mich Klara noch vorher gefragt.

‚Muttibuch‘, wenn ich das schon höre, dann bekomme ich schlechte Laune. Ich weiß, ich würde heute bei jeder Prüfung durchfallen, was die gleichberechtigte Arbeit von Mann und Frau im Haushalt anbetrifft.

Ich lese gerade in der Berliner Zeitung eine Reihe von Artikeln über dieses Thema. Eine Journalistin schreibt darüber. Sie macht das gut und ich kann darüber sehr lachen. Ich finde es sympathisch wenn sie schreibt, wie sie nach Hause kommt, von einem langen Arbeitstag kommt, und ihr Mann ihr sofort zuruft, dass im Haus kein Brot mehr sei.

Aber da sitze ich im Sessel, habe die Beine hoch und lese das durch, ohne auch nur auf eine praktische Schlussfolgerung für mich zu kommen. Dieser Gedankengang ist verriegelt. Jetzt aber, da ist eine völlig andere Situation entstanden. Aus grauem ‚Lese- Spaß‘ wird bittere Praxis.

„Wir fangen bei den Blumen an.“ Klara holt mich gerade zurück in den Bereich der bitteren Wahrheit.
„Und, was ist mit den Blumen?“, frage ich sie, während ich mir gleich einen Stuhl zurechtrücke, um mich darauf fallen zu lassen.

„Als erstes gießt du den Roseneibisch, hier am Fenster. Und nimm viel Wasser, eine Kanne voll.“ Auch noch ein ‚Saufaus‘, denke ich, sage ich aber nicht.

„Auf dem Tisch, die Orchideen, die gießt du auch.“
„Welche Orchideen?“

„Na hier, direkt vor deiner Nase, auf dem Tisch.“
„Ach das sind Orchideen, na meinetwegen.“

Klara zeigt mir die weiteren Standorte der Blumen – neben dem Fernseher, neben dem Lesesessel, auf dem Glastisch.

„Komisch, die sind mir noch gar nicht aufgefallen“, sage ich zu Klara.
„Jetzt tu‘ mal nicht so bescheuert. Als würdest du die zum ersten Mal sehen.“ Klara ist mit ihrer Geduld am Ende.

„Ja geht in Ordnung“, sage ich und sage im Stillen zu den Blumen:
„Wenn ihr anfangt mich zu nerven, glaubt mir, ich lass‘ euch alle verdursten.“

Es antwortet keiner. Also hätten wir das schon mal geklärt.

„Vergiss bitte die Palme nicht“, sagt Klara weiter.
Die Palme, ja, die habe ich schon lange auf dem Kieker. Wenn du mal an den Fernseher näher ran musst, um den Stecker zu ziehen, dann beugst du dich runter und zack, einer von diesem Palmengedöns piekt dir ins Gesicht, wenn es schlecht läuft, dann ins Auge.

„Ist notiert“, sage ich laut.
„Und diesen Flamingo ebenfalls gießen.“
Was denn noch, denke ich.

„Wo steht der?“, frage ich stattdessen.
„Na hier, auf der Kommode.“

Das ist also ein Flamingo. Ich wusste gar nicht, dass der bei uns mit wohnt. Nun die Pflanzen im Gäste-WC, im Flur und danach sind wir fertig. Jetzt geht es nach oben, in mein Arbeitszimmer.

„Den darfst du nicht vergessen. Du behandelst ihn so stiefmütterlich“, sagt Klara und zeigt mit dem Finger auf die einzige Pflanze, die bei mir vor dem Fenster steht.

Sie ist da nicht zur Zierde. Nein, sie hat eine klare Funktion. Sie verstellt den Blick, wenn das Licht an ist und ich am Schreibtisch sitze.

Dann kann nicht gleich jeder von draußen sehen, wie ich mich am Computer abquäle. Wenn ich tagsüber die dünne Gardine vor das ebenerdige Fenster ziehe, dann bleibt sie immer an der Pflanze haken und ich ärgere mich, dass ich nachjustieren muss.

Na gut, ich schmeiß da auch ein paar Wassertropfen rauf. Im Zimmer von Laura, heute Klaras Arbeitsraum, da stehen die restlichen Pflanzen. Ich gehe in mein Arbeitszimmer zurück und gebe bei Google den Begriff ‚Roseneibisch‘ ein.

‚Hibiskus rosa- sinensis‘ kommt da zum Vorschein. Na bitte, wenigstens ein bisschen Wissenschaft ist dahinter. Das gefällt mir.
„Der Roseneibisch ist aus der übergeordneten Kategorie der Hibiskus-Pflanzen“, rufe ich zu Klara die Treppe hinunter.
„Die Hauptsache, du vergisst nicht, sie zu gießen.“

Gott sei Dank habe ich nicht zum Valentinstag Blumen gekauft.
„Das musst du nicht“, sagte sie. „Wir haben genug hier stehen.“
Sie hatte mal wieder Recht.

Fortsetzung: Einweisung in die Bedienung der Waschmaschine

DER BVG – STREIK HATTE AUCH SEIN GUTES

Freitagmorgen. Kurz vor fünf Uhr. Klara und ich sind zur Sightseeing Tour aufgebrochen, nach Berlin-Kreuzberg-Mitte.

Nicht, dass wir dazu Lust hätten oder es unser Wunsch gewesen wäre. Nein, weit gefehlt. Aber Klara wäre sonst nicht zur Arbeit gekommen.

Wie auch?

Es fuhr keine S-Bahn, keine U-Bahn, kein Bus und keine Straßenbahn. Es war Warnstreik. Ich bin ja für Solidarität. Aber dieses Gefühl schwächelte langsam in mir, wenn ich daran dachte, wie oft wir es abrufen mussten.

Denn es streiken ja in Berlin nicht nur die Verkehrsbetriebe. Mal sind es die Zugbegleiter, dann die Zugführer, die Flugbegleiter, die Angestellten in den Bürgerämtern und zum Schluss die Kita-Mitarbeiter.

Gott sei Dank sind wir gelernte Ossis und bauen aus den Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, etwas Wunderbares, und sei es noch so früh am Morgen. Kurzum, ich habe zu Klara gesagt, ich würde sie zur Arbeit fahren und mir bei der Gelegenheit das neue Zeitungsviertel rund um den Springer-Verlag anschauen.

Wir sind pünktlich losgekommen und die Straßen waren noch leer. Wir kamen schnell durch, erreichten den Prenzlauer Berg, ließen ihn hinter uns und sahen bald das Park-Inn-Hotel am Alex.

Jetzt wurde Klara richtig munter. Sie fühlte sich in ihrem Revier, nun wo ihre Arbeitsstelle nicht mehr weit entfernt war. Sie meinte, mich nun führen zu müssen, als einen, der vom Dorf kam und den ganzen Tag in Trainingshosen am Schreibtisch saß.

„Fahr‘ mal dort rüber und dann biege rechts ab“,
„Hm“, habe ich geantwortet. Ich liebe es, wenn mich jemand einweist, in meinem eigenen Auto.

„Jetzt kannst du dich schon links einordnen. Und wenn du zurückfährst, dann mach‘ deinen Abstecher zum neuen Verlagsgebäude der Berliner Zeitung.“
Klara meinte es gut mit mir, zu gut.

„Kein Bock mehr, ich stech‘ nirgendwo mehr hin, sondern drehe gleich um in Richtung ‚Heimat'“.
Klara schwieg. Sie war verstimmt. Wir hatten das Haus von Springer erreicht und ich hielt auf der Busspur. Der Bus kam ja nicht, wie wir aus sicherer Quelle wussten. Klara stieg aus, überquerte die Straße und verschwand im Bürogebäude.

Ich hatte wieder schnell das Rathaus erreicht. Es hellte sich langsam auf. Der Tag würde schön werden. Ich hatte nun die innere Ruhe, meinen Blick schweifen zu lassen, in Richtung Fernsehturm.
Wann bekommt man schon mal die Gelegenheit, Berlin beim Aufwachen zu beobachten. Ich fuhr an eine Tankstelle heran und tankte voll.

Drinnen war kein Mensch.
„Haben Sie Kaffee?“, fragte ich die Kassiererin.
„Ja, heute habe ich extra selbst Gebrühten von Zuhause mitgebracht, wenn schon gestreikt wird. Wollen Sie?“
„Ja, gern“, sagte ich freudig und schlürfte die ersten Schlucke hinunter.

Ich hatte zu hastig angesetzt und verbrannte mir gleich die Zunge.
„Und, schmeckt‘s?“, fragte mich die Kassierin.
„Einfach wunderbar. Was muss ich zahlen?“

„Na, lassen Sie mal. Ich wünsch‘ Ihnen einen schönen Tag.“
„Wenn das so eine sympathische Mitarbeiterin am frühen Morgen zu mir sagt und mir dann noch Kaffee einschenkt, kostenlos sogar, dann ist das keine Frage. Der Tag ist gerade eben schön geworden.“
Die Kassiererin lachte fröhlich und ich stieg gut gelaunt ins Auto, um in mein Dorf zu streben, zurück an meinen Schreibtisch, in die laschen Trainingshosen.

Aber hätte ich das erlebt, wenn die BVG nicht gestreikt hätte?
Ganz sicher nicht. Alles hat sein Gutes, du musst es nur suchen.
Ich werde das heute Abend Klara sagen. Aber die wird wohl schweigen und schließlich antworten: „Du wolltest ja nicht den Abstecher ins Zeitungsviertel machen.“

„Das nächste Mal, wenn die Zugführer streiken, dann hole ich das nach, bestimmt“, werde ich antworten.

JEEPI SAGT HALLO

Teil 2
Lieber Krümel,
ich schreibe ein paar Geschichten auf, die du später mal lesen kannst. Jetzt muss du deiner Mama noch zuhören und hoffen, dass sie dir mal etwas vorliest.
Weißt du noch, worum es geht in ‚Jeepi sagt hallo‘?

Also, ich erzähle über Orli und Berlinga. Orli, das ist ein BMW. Ich fuhr ihn vor vielen Jahren. Ich bin also in der Geschichte Orlis Fahrer.

„Ein BMW kann doch nicht sprechen“, wirst du jetzt denken. Stimmt. Aber wir tun einfach mal so, als ob der 7er BMW es kann. Und dann ist da noch Berlinga, der kleine Renault. Orli hat sich ein bisschen in Berlinga verliebt, aber die will von Orli nichts wissen.

Bis zu dem Tag, wo Berlinga hinten ein Reifen platzt, sie halten muss und Orli vorbeikommt, anhält und seinen Fahrer, in dem Fall mich, um Hilfe für Berlinga bittet. Was bleibt Orlis Fahrer also übrig?
Hier die Fortsetzung

Orlis Fahrer ging zum Auto zurück und setzte sich auf den hinteren Sitz und nahm das Telefon aus der Mittelkonsole heraus. Du musst wissen, Krümel, vor fast 20 Jahren, da gab es noch nicht so schöne Handys, wie wir sie heute haben. Ich meine zum Beispiel das Smartphone von deiner Mama.

Das also, womit du versuchst immer abzuhauen, um durch die ganze Wohnung zu laufen, bis Mama dem schließlich ein Ende bereitet und du dich lautstark beschwerst. Naja, später wirst du das alles besser verstehen. Aber ich schreibe das schon jetzt mal für dich auf.
Zurück zu Orli.

Orlis Fahrer wählte eine Telefonnummer und hoffte darauf, den Abschleppdienst zu erwischen oder noch besser einen Service, der beim Reifenwechsel half.

„Der hat doch nur Angst, dass er sich schmutzig machen könnte“, dachte Orli bei sich.
„Warum machst du das eigentlich nicht selbst und hilfst dem Fahrer von Berlinga?“, fragte Orli seinen Fahrer.

Der schwieg. Er wusste, wenn er jetzt keine Hilfe heranholen konnte, dann musste er wohl selbst mit Hand anlegen. Und das, obwohl er im weißen Hemd und Schlips im Auto saß.
„Wir müssen weiterfahren, ich habe einen Termin“, sagte nun Orlis Fahrer.

„Das kommt gar nicht infrage“, antwortete Orli.
„Du machst, was ich dir sage, und wenn ich den Zündschlüssel umdrehe, dann springst du an und fährst los.“
„Warum?“, fragte Orli.
„Weil du das Auto bist, und ich bin der Fahrer!“

Orli antwortete nicht darauf.
„Dann geht eben mein Motor nicht an“, dachte Orli und schaute, was seine Freundin Berlinga machte. Die stand immer noch schief. Berlingas hinterer Reifen war ja platt.

Plötzlich sah Orli ein gelbes Auto, das sich von hinten annäherte. Sein Gesicht hellte sich auf und er rief: „Berlinga, deine Hilfe kommt gleich. Halte durch.“
Berlinga lächelte gequält, denn ihr taten die Hacken, ich meine die hinteren Reifen, weh.

 

JEEPI SAGT MAL WIEDER HALLO

Guten Morgen Krümel,

hier ist Jeepi, dein bester Freund. Naja, auf jeden Fall einer deiner besten Freunde. Ich steh‘ hier draußen, unter dem Carport, und ich friere mir die Reifen ab.

Damit ich mich aufwärme, erzähle ich dir ein bisschen von meinem großen Bruder, Orli.

Orli war ein großer Lulatsch. Seine richtige Bezeichnung war 7-er-BMW. Orli, der ist überall hingefahren, zum Beispiel nach Bad Hersfeld.

Da hat ihn sein Fahrer, dein Opa, immer in eine große Tiefgarage gestellt. Er musste manchmal stundenlang dort stehen. Und so hat er sich eine Freundin angelacht. Die hieß Berlinga und war eine Französin.

Orli hat morgens schon geschaut, wo Berlinga bleibt und dann hat er gehofft, dass sie genau neben ihm parkt.

Am Anfang hat Berlinga stets ein bisschen die Nase hochgetragen.

Sie wollte von Orli nichts wissen. Der war ihr zu lang und ihrer Meinung auch zu träge.

„Du bist viel zu langsam für mich“, sagte sie eines Tages zu ihm. Da war Orli ganz traurig. Bis er Berlinga auf der Autobahn wiedertraf.

Orli sah ganz weit vor ihnen die Heckscheibe von Berlinga.

„Jetzt erlaub‘ mir doch mal, die Reifen durchzudrehen“, sagte Orli zu seinem Fahrer. Aber der dachte gar nicht daran. Der wollte schön gemütlich fahren, leise Musik hören und vor sich hindösen.

Plötzlich blieb Berlinga auf dem rechten Seitenstreifen der Autobahn stehen. Ein Reifen war geplatzt.

Orli war ganz aufgeregt.

„Wir müssen halten und Berlinga helfen“, rief Orli zu seinem Fahrer.

Der aber reagierte nicht. Da hörte Orli einfach auf, seine Räder zu drehen.

„Orli, du wirst jetzt sofort wieder schneller laufen“, sagte der Fahrer.

„Werde ich nicht. Ich muss mal halten. Ich habe Durst. Ich brauche Wasser“, sagte Orli da störrisch.

„Also gut, wir halten auf dem nächsten Parkplatz“, sagte der Fahrer.

„Nein, ich kann nicht mehr. Bitte halte sofort.“

„Wo?“

„Na hier, wo der Renault steht.“

„Ok“, sagte der Fahrer.

Er bremste und fuhr auf die rechte Standspur.

„Eigentlich darf ich hier gar nicht halten“, sagte er noch.

Aber Orli war das egal, er hatte nur Augen für Berlinga, die hinten rechts ein wenig stief stand. Sie guckte gequält.

„Können wir helfen?“, fragte Orlis Fahrer, in der Hoffnung, dass Berlinga’s Fahrer ablehnte.

„Oh ja, Sie kommen wie gerufen“, antwortete jedoch der Fahrer von Berlinga.

„Was kann ich tun?“

„Könnten Sie den Pannendienst rufen, ich habe kein Telefon dabei.“

„Das kann ich machen“, sagte Orlis Fahrer und zwinkerte Berlinga zu.

Die lachte gequält zurück, denn ihr hinterer Fuß, äh Reifen, tat ihr weh.

„Wird schon“, sagte da Orli zu ihr. Jetzt schaute sie schon etwas freundlicher.

Fortsetzung folgt

 

 

DER TÄGLICHE ANRUF BEI ANNA

Der Anruf bei Anna ist eine Sache wie du eben jeden Tag deine anderen Aufgaben in der to-do-Liste abarbeitest. Das denke ich, doch es ist die pure Theorie. Die Wirklichkeit, die sieht anders aus, und zwar jeden Tag anders.

Gegen 10.00 Uhr schrecke ich hoch, weil ich das Erinnerungstool am iPad mal wieder aktiviert habe und mich doch über die Störung ärgere, wenn es dann tatsächlich soweit ist. Ich greife zum Telefon und stehe vom Schreibtisch auf, um ein wenig umherzugehen. Es dauert eine Weile, bis Anna den Hörer abnimmt.

„Wie ist das Wetter bei dir?“, frage ich sie zu Beginn. Ich frage das stets zuerst. Nicht das mich das wirklich interessieren würde, da bin ich ganz ehrlich. Nein, wirklich nicht. Ich könnte den Tag glatt ohne diese Information verbringen. Aber es geht ja nicht um mich. Es geht um Anna. Und die lässt sich Zeit mit der Antwort.

„Weißt du, es ist windig draußen?“, sagt sie nach einer Weile schleppend.
„Warst du denn auf dem Balkon?“, frage ich.
„Nein. Warum?“
„Nun, um den Wind zu spüren.“
„Ach, ich geh‘ doch jetzt nicht auf den Balkon!“
Anna wirkt gereizt, unausgeglichen, störrisch. Ich bleibe ruhig. Ich habe schon ein wenig gelernt. Nicht viel vielleicht, aber ein bisschen jedenfalls.


„Wir dürfen Anna ihre eigene Wesensänderung nicht zum Vorwurf machen“, sage ich zu Klara noch heute Morgen im Auto. Das ist ein toller Satz, finde ich. Den musst du doch erst mal so formulieren.

Aber ich kann mich nur selbst loben. Ein anderer wird das nicht tun. Klara auf keinen Fall. Sie antwortet gar nicht. Ich weiß auch warum. Sie denkt: „Na hoffentlich hält der sich selbst daran.“ Ja, das tue, in aller Regel.

Also frage ich Anna weiter: „Hast du denn schon ein zweites Frühstück gemacht?“

„Ne.“
„Willst du es noch machen?“
„Ja, aber nur ein kleines Brötchen. Sonst habe ich mittags keinen Hunger.“
„Ja, das verstehe ich“, sage ich sofort.
„Machst du dir denn auch was zu essen?“, fragt Anna mich.
„Nein, ich werde sonst müde. Und ich muss doch danach weiterschreiben.“


„Das kenne ich nicht.“ Na das glaube ich dir aufs Wort, denke ich. Sage es aber nicht.
„Weißt du, wenn ich etwas Warmes zu mir nehme, dann habe ich danach die Stunde der ‚toten Augen‘“, entgegne ich stattdessen.
„Stunde der ‚toten Augen‘, was ist denn das für ein Quatsch?“

Ich merke, wie langsam meine Schilddrüse anfängt zu pumpen.
Wie gerne würde ich darauf eine knackige Antwort geben, ganz in der mir eigenen Art.

Aber das darf ich nicht. Ich habe es Klara versprochen. Sie freut sich, wenn ich Anna anrufe, aber nur dann, wenn ich mich an die Spielregeln halte. Und das heißt, Anna ist dement, und wir sind diejenigen, die sich darauf einstellen müssen, nicht umgekehrt.

NORDIC WALKING IST NICHT IMMER GESUND

Montag am Vormittag. Ich habe seit 05.30 Uhr am Schreibtisch gesessen will mich nun bewegen. Ich setze mich ins Auto und fahre zum Liepnitzsee. Auf dem Parkplatz angekommen steige ich aus.

Es stürmt. Kalt ist es auch. Die Luft scheint sich geradezu in den Hals hineinzuschneiden. Trotzdem beginnt alles perfekt. Ich mache ein paar Lockerungsübungen für die Beine.

Dann kommt der unangenehme Teil. Ich zwänge die Tragetasche um meinen Bauch und puste, um Luft zu bekommen. Jetzt sind die dicken Handschuhe dran. Als ich sie übergestreift und mit dem Klettverschluss jeweils befestigt habe, kommen die Stöcke an die Reihe.

Ich legte die Schnalle um die rechte Hand und ziehe mit den Zähnen die Schlaufe durch die Plastikschnalle, um sie mit dem mit dem anderen Teil des Klettverschlusses zu verbinden.

Nun der linke Stock – eine Quälerei. Denn ich kann nicht mehr die rechte Hand zur Hilfe nehmen. Manchmal vergesse ich, dass ich schon einen Stock an der Hand befestigt habe, will sie ungeachtet dessen zur Hilfe nehmen und fuchtele so ungesteuert mit dem Stock durch die Gegend.

Läuft es schlecht, dann knallt noch einer dieser Stöcke gegen das Auto. Aber heute bin ich vorsichtig genug. Endlich bin ich abmarschbereit. Vorher aktiviere ich noch die App von Runtastic. Ich strebe in den Wald, Richtung See. Das Laub ist feucht und sieht rutschig aus.

Ich habe den Gedanken kaum zu Ende gedacht, da knicke ich mit dem rechten Fuß zur Seite. Es gibt kein Halten mehr. Das passiert mir nicht das erste Mal. Ich weiß also ziemlich genau, was nun kommt.

Mein Körper prasselt mit hoher Energie nach unten und ich kann mich nicht mit den Händen abstützen. Ich fliege mit dem Gesicht in den Dreck und schmecke Erde, schwarz und feucht. An der Lippe kleben zwei Blätter. Ich versuche sie abzuschütteln, indem ich die Zunge dazu benutzen will. Doch die Blätter bleiben an der Zungenoberfläche hängen und zerbröseln direkt auf ihr.

So muss sich eine der Dschungelprüfungen anfühlen. Ich versuche mich aufzurichten, aber die Stöcke verhindern es. Ich muss mit den Knien nach vorn rutschen und sie dabei anwinkeln. Nachdem ich nun auch noch an den Knien ein Gemisch aus Blättern, kleinen Kienäpfeln und Erde habe, stehe ich wieder.


‚Tschuldigung‘ presse ich in Richtung einer Fichte heraus. Seitdem ich weiß, dass Bäume ebenso Schmerzen empfinden wie wir Menschen tue ich das. Ein Experte des Waldes hat darüber bereits mehrere Bücher veröffentlicht und spricht dazu in Talk-Shows. Also ist da ja irgendetwas dran.

Und die Wurzeln müssen gerade heftige Schmerzen verspürt haben. Ich humple weiter. Das linke Knie schmerzt und in der Kniekehle verspüre ich ein Ziehen. Ich kehre um und schleppe mich zum Parkplatz zurück. War das nun eine Aktion für oder gegen die Gesundheit? Ganz sicher bin ich mir nicht. Ich versuche Klara zu erreichen, damit sie mir Trost spendet. Auf Arbeit geht sie nicht ran. Wenn man die Frauen schon mal braucht.

STAUBWISCHEN IM ARBEITSZIMMER

„Ich wisch‘ mal Staub bei dir?“, sagt Klara zu mir.
„Warum?“, frage ich. Ich weiß natürlich warum. Aber musste das jetzt sein? Ich hatte mich gerade gefreut, mich an den Schreibtisch zu setzen, den Füller in die Hand zu nehmen und auf einem Stück Papier eine Skizze des nächsten Pressetextes zu fertigen.

Das alles mag ich nicht sehr. Ehrlich gesagt, ich hasse es. Lieber trödele ich am Computer herum, klicke mal auf Facebook, freue mich, wenn jemand meine kleinen Geschichten bemerkt hat. Aber die andere Arbeit musste ja auch sein.

Ich meine das Schreiben der PR-Texte. Schließlich bekam ich ausschließlich dafür das Geld. Doch wie lieb hast du das, was bezahlt wird? Genauso lieb wie den Mülleimer rausbringen.

Nur Staubwischen hab‘  ich noch weniger lieb. Am besten, ich blendete das aus. Und das tat ich seit Wochen. Wenn ich morgens die Lampe anknipse, dann mach‘ ich die Augen zu, weil mir sonst der Dreck gleich entgegenspringt. Ich schließe die Augen und knipse die Lampe an.
„Warum kneifst du die Augen zusammen, wenn du die Lampe anmachst?“, fragte Klara mich, als sie mich dabei sah.

„Och, das Licht blendet so, wenn ich direkt in die Glühbirne schaue“, sagte ich.
„Dann mach‘ eine schwächere Birne rein“, sagte sie.
Nö, wollte ich nicht. Staubwischen auch nicht.
„Bei dir ist der Dreck schon meterhoch zu sehen“, reißt Klara mich aus den Gedanken.
„Wunderbar, dann kann ich darauf ja auch noch Bücher stapeln.“
Klara antwortet darauf nicht. Ihr ist das zu blöd.


„Ich wische jetzt Staub, solltest du es nicht tun“, sagt sie drohend.
Das wäre mir schon recht. Doch sie würde den Korbstuhl abrücken, der bei mir in der Ecke steht, denn der stört beim Wischen auf der ehemaligen Wohnzimmeranbauwand, die seit über zwei Jahrzehnten nun mein Bücherregal ist.

Darauf stehen viele Sache, die wir aus Moskau mitgebracht haben – ein Samowar, ein paar Holzlöffel, die bunt bemalt sind, fein mit Blattgold verzierte Vasen. Die waren alle mit einer dicken Staubschicht überzogen. Wäre günstig, wenn Klara die mitabwischt. Aber hinter dem Korbstuhl, der mal in Polchow in unserem Bungalow stand, da tut sich das Grauen auf.

Ich habe daneben ein Stehpult errichtet. Es dient dazu, dass ich dort schreibe, wenn ich vom Sitzen Rückenschmerzen bekomme. Das Stehpult ist perfekt befestigt. Ich habe überall noch um die Füße Klebeband gewickelt. Das weiß Klara.

Was sie nicht weiß: Die Klebebänder sind auch an der hinteren Wand befestigt. Jetzt ist das Stehpult ein richtiges Standpult, unverrückbar. Nur die Klebebänder, die sehen natürlich grottenhässlich aus. Deshalb habe ich den Korbsessel davor gestellt, damit die Bänder nicht zu sehen sind. Vor allem Klara darf das nicht wissen, sonst kriegt sie einen Anfall.

„Warum schiebst du eigentlich den Sessel immer so weit in die Ecke?“, hat sie mich mal gefragt.
„Du, da kann ich am besten sitzen und lesen“, habe ich geantwortet.
„Was ist jetzt, soll ich Staub wischen?“, fragt Klara nun.
„Nein, das kann ich noch selbst. Schließlich will ich dir ja auch mal helfen. Du hast genug damit zu tun, die Böden aufzuwischen“, antworte ich.
Klara schweigt. Sie traut mir nicht und geht die Treppe runter. Ich ziehe schnell den Korbstuhl nach vorn und das Grauen nimmt seinen Lauf. Wer kann nur so kulturlos sein und hat hier die hässlichen Bänder an die Wand geklebt?

Das hätte ich gefragt, wenn ich das nicht selbst gewesen wäre. Ich arbeite blitzschnell.
Als Klara von unten hoch kommt, da schiebe ich gerade den Korbstuhl zurück.

„Das ging aber zügig“, sagt Klara.
„Hm, ich muss auch wieder an den Schreibtisch“, brumme ich und sacke in den Schreibtischsessel.


„Na, der macht wohl auch nicht mehr lange, und den Korbstuhl könnten wir auch mal entsorgen“, sagt Klara.
„Um Gottes willen! Denk‘ mal daran, wieviel Erinnerungen von unserem geliebten Polchow allein an diesem Korbsessel hängen.“
Das sah Klara ein.

DER MANN MIT DEN VIER BUCHSTABEN AUF DEM RÜCKEN

„Du kannst mal wieder bei meiner Mutter anrufen?“, sagte Klara zu mir, bevor sie aus dem Auto stieg, um zum Bahnsteig zu gehen. Es war dunkel, kein Mensch zu sehen. Nur einige Meter entfernt lief der Mann mit den „Vier Buchstaben“ auf dem Rücken. Wir nennen ihn so, weil der Firmenname groß auf seinem Rücken steht.

Besser gesagt auf der Arbeitsjacke, die er trägt. Der Mann mit den „Vier Buchstaben“ geht schon jahrelang zur nahezu gleichen Uhrzeit wie wir eben auch zum Bahnsteig.

Nur, dass wir fahren und ihn schon von weitem erkennen, an seinen leuchtenden Buchstaben auf dem Rücken. Er wankt von einem Bein auf das andere. Rennen würde ihm wohl nicht in den Sinn kommen. Aber auf ihn ist Verlass. Ich kann mich kaum an einen Morgen erinnern, an dem er nicht zum Bahnsteig watschelt.

Es hat so etwas Vertrautes, was Beruhigendes. Klara mag das auch. Hier sind die Leute noch zu unterscheiden. Wenn Klara erst in die S-Bahn gestiegen ist, wo sich Hunderte auf einmal in die Waggons hineindrängen, drücken, schubsen, drängeln, mit missmutigen Gesichtern, dann ist dieses Gemütliche vorbei.

Und das hier vor Ort, das Ruhige, gibt dir ja irgendwie Sicherheit, ein Gefühl, dass du nicht in der Masse untergehst. Selbst wenn dazwischen Dinge passieren sind, über die du dich eigentlich aufregen müsstest.

Nachmittags zum Beispiel, wenn ich Klara vom Bahnhof wieder abhole, dann sehe ich den Mann mit den „Vier Buchstaben“ nicht. Dafür erkenne ich andere wieder. Da ist zum Beispiel ein Fahrer, der seinen Pick-up grundsätzlich auf den Behinderten-Parkplatz steuert. Das ist der erste Platz, der zu erreichen ist, wenn du zum Bahnsteig willst oder von dort kommst.


Ist der Zug da, quellen die Menschen aus ihm heraus und der Pick-up fährt schon mal ein Stück vor. Und sowie die Frau des Pick-up – Fahrers eingestiegen ist, drückt der aufs Gas, obwohl auf dem Parkplatz Menschen zu ihren Autos eilen, schnell nach Hause wollen.
‚Würdest du dich dem anvertrauen, falls du Hilfe brauchst?‘, frage ich mich in diesen Momenten im Stillen. ‚Naja, nur bei drohender Lebensgefahr‘, denke ich.

Und jeden Abend kommt noch ein kleiner Smart um die Ecke gesaust. Er braucht wenige Bewegungen und Drehungen, bis er in der Lücke steht. Rollt der Zug in den Bahnhof, schmeißt er den Motor an, fährt schon vom Stellplatz rückwärts in Richtung Fußgängerzone. Er ist also in der ‚Pool-Position‘. In dem Fall versperrt er sogar dem Pick-up-Fahrer den Weg. Das ist das einzig Gute, das ich darin sehe.

Und nun kommt die Freundin vom Smart-Fahrer angerannt. Vielleicht sind sie ja auch verheiratet. Jedenfalls rennt sie gleich vom Bahnsteig aus los, hastet an denen vorbei, die sich ebenfalls in Richtung Parkplatz in Bewegung gesetzt haben. Am Smart angelangt springt sie förmlich ins Auto und während sie die Tür zuschmeißt, ruckt der Smart bereits an.

Wohin müssen die nur so schnell? Springen die erstmal in die Betten, wenn sie zu Hause sind oder wartet dort der Hund, der ausgeführt werden will? Ich weiß es nicht. Und es ist ja auch nicht etwas, worüber ich länger nachdenken will.

Aber worüber ich nachdenke ist: Wem würdest du dich anvertrauen, wenn du etwas wissen wolltest, vielleicht ein Abschleppseil brauchtest?
Dem Pick-up-Fahrer? Um Gottes will. Wenn du ihn fragst würde der wahrscheinlich knurren: „Pfoten weg von meinem Auto oder ich rolle über deinen Plattfuß.“


Oder der Smart-Fahrer? Naja, da müsste ich wohl neben dem kleinen Flitzer nebenher sprinten, um meine Frage loszuwerden. Und ich glaube nicht, dass der Fahrer, nur weil ich ihn etwas fragen will, die Fensterscheibe herunterkurbeln würde.

Dann doch lieber der Mann mit den ‚Vier Buchstaben‘. Aber hat der überhaupt ein Auto? Ich glaube nicht. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen.

„Also rufst du heute an bei Anna?“, fragt Klara mich. Anna ist dement. Und sie braucht die Aufmunterung.
„Ja“, sage ich, verabschiede mich und fahre los, ins Dunkle, nach Hause, wo die Berliner Zeitung auf mich wartet.

Ich werde sie wieder ausführlich lesen, damit ich nicht so schnell an den Schreibtisch muss. Es ist schön, dass sich mein Arbeitsplatz nur eine Treppe von mir entfernt befindet.

Aber am Montag, ja da geht es wieder los. Wir fahren um 05.00 Uhr zum Bahnhof, werden nicht allzu gut gelaunt sein. Doch plötzlich kommt der Mann mit den ‚Vier Buchstaben‘ um die Ecke. Und dann ist alles im Lot. Der Alltag kann beginnen.

EIN LOCH IN DER SOCKE

Es war alles anders geplant. Klara hat heute Geburtstag und wir wollten den Tag zusammen verbringen. Klara, Laura, Krümel und ich.

Ich wollte Laura und Krümel von Hohenschönhausen abholen und sie nachmittags, nach dem Kaffee, wieder zurückbringen. Doch Krümel hatte Fieber. Also mussten wir uns was Neues einfallen lassen. Wir sind zu Krümel gefahren, zu ihr nach Hause.

Die Kleine empfing uns schon an der Fahrstuhltür. Sie quietschte, juchzte und warf die Arme in die Luft. Wir haben zusammen Kaffee getrunken und ich wollte mit Krümel gemeinsam die Kinderlieder singen. Das Buch mit den Texten hatte Klara besorgt.

Du drückst vorn auf ein Bild und dann ertönt eine Melodie. Doch Krümel hatte ihren eigenen Willen. Sie schob meine Hand beiseite und wollte selbst auf den Musikknopf drücken und so spielte sie immer wieder die gleiche Melodie. Bis wir nicht mehr zuhören konnten und Krümel Gott sei Dank das Interesse verlor, den Knopf weiter zu drücken.

Jetzt musste ein neues Erlebnis her. Ich hatte mich auf die Couch gesetzt und die Füße hochgelegt. „Das gibt’s doch nicht, du hast an meinem Geburtstag Strümpfe mit Löchern an“, sagte Klara. Das war das Signal für Krümel. Sie blickte hoch, lachte mich an und steuerte auf mich zu. In der einen Hand hatte sie ein Tuch, in der anderen ein Kabel, das sie irgendwo herausgezogen hatte.

Nun prüfte sie mit einem ihrer kleinen Finger, ob sie das Strumpfloch zum Spielen nutzen konnte. Klara zeigte ihr, wie sie das Kabel dort verstecken konnte und es dann wieder zum Vorschein kam. Das ganze Zimmer war voll von Spielzeug, voll Puppen, kleinen Holzautos, sogar eine Spielküche war vorhanden und ein kleines Dreirad. Und so mancher Holzklotz lag unterhalb der Schränke.

Zum Schluss aber muss eine löchrige Socke und ein Stück Kabel herhalten und Krümel konnte nicht genug davon bekommen, mit dem kleinen Kabel an meinen Zehen zu kitzeln. Wenn ich dann noch hinterher mit den Zehen wackelte, konnte sie sich ausschütten vor Lachen. Es kommt also stets anders.

Früher, da saßen wir an gedeckten Kaffeetafeln, erzählten, tranken. Es musste ringsherum alles stimmen. Heute freuen wir uns, wenn Krümel aus vollem Herzen lacht, und wenn sie es tut, weil sie ein Loch in der Socke entdeckt hat, mit dem sie etwas anfangen konnte. Wir fuhren glücklich nach Hause. Der Geburtstag von Klara war gerettet.

WAREN RÄUMEN IM MINIJOB

Wir waren gestern noch in einem großen Einkaufsmarkt. Nachdem ich vormittags allein im Schreibwarenladen gewesen war und meine stillen Abenteuer bestanden hatte, ging es nun in den größten Einkaufsmarkt am Ort. Ich hatte Klara vom Bahnhof abgeholt. Sie war aus der Weltstadt Berlin zurück von der Arbeit und tauchte nun mit mir in die dörfliche Idylle ein.

Und mittendrin eben dieser große Supermarkt. Ich hatte Klara versprochen, dass wir dort noch hineingehen. Ich mochte es nicht sehr, mit hineinzugehen. Doch diesmal wollte ich mit rein.
Klaras Geburtstag stand bevor und ich hatte noch kein Geschenk.
„Du musst mir nichts kaufen. Ich habe bereits Sachen für die Kur besorgt“,  wirkte sie auf mich beruhigend ein.  Aber mein Gewissen konnte sie nicht beruhigen. Es war schwer, etwas für Klara zu kaufen. Mal passten die Kleidergrößen nicht, mal nicht die Farben.

Und als ich ihr eine Uhr schenkte, da wetterte sie, dass diese keine Ziffernblätter hätte. Ich bin noch an ihrem Geburtstag zum Alex ins Kaufhaus zurückgefahren, in Pantoffeln, so wütend war ich und habe mir einen Umtauschschein geben lassen. Seitdem bin ich vorsichtig geworden. Dann bin ich auf die Idee gekommen, ihr Gutscheine zu schreiben, handschriftlich. Für einen Laptop zum Beispiel.

Naja, den hat sie nie eingelöst, obwohl ich ihn sogar zu Weihnachten erneut an sie verschenken wollte. Also sind wir jetzt so verblieben, dass ich ihr Tulpen schenke.
„Wenn du ohnehin noch in den Einkaufsmarkt willst, dann kann ich ja gleich mitreinkommen und die Blumen aussuchen“, sagte ich.
„Ja, das kannst du machen.“

Ich zog mir extra Jeans über und nicht die Turnschuhe, sondern die Lederschuhe mit den dicken Sohlen. Die trage ich im Winter und im Sommer. Sie sind so schön bequem und ich sehe größer aus. Ich war also für den supergroßen Markt inmitten unseres Dorfes gut gewappnet, kleidungsmäßig jedenfalls.

Sonst behielt ich die Trainingshose an und wartete im Auto. Das ist praktisch meine Arbeitshose. Ich saß ja auch eben mit dieser Trainingshose am Schreibtisch. Ich habe schon oft gehört, dass schreibende Menschen ein bisschen verkommen, kleidungsmäßig. Weil sie ständig in ihrer Meinung nach bequemen Sachen am Schreibtisch herumhängen, die Bleistifte anknabbern, durch die ungekämmten Haare fahren und wenn der Postbote kommt ganz ungern die Tür öffnen.


Jedenfalls stand ich nun in meinen Jeans neben Klara.
„Gib den Einkaufswagen her, du kannst damit nicht umgehen.“
„Das ist ja wohl eine Unverschämtheit“, zischte ich und griff umso fester um die Stangen des Wagens.

Wir waren bei den Blumen angekommen. Ich hätte einen Strauß gekauft. Klara nahm drei Sträuße mit – Narzissen, Tulpen und Rosen. Ich sagte nichts, denn ich war froh, dass sie ihre Blumen selbst ausgesucht hatte. Schließlich standen wir an der Kasse. Ich drängelte mich an den Leuten vorbei und wartete im Vorraum. Ich drehte mich um und sah eine große Stele mit einer Stellenanzeige drauf.

„Wir suchen Sie im Minijob für unsere Warenräumung“, stand da drauf. Ich ging zurück zu Klara und erzählte ihr was davon.
„Ja, du wolltest doch immer Sport machen, das ist was für dich, und Geld kommt auch noch rein, neben deinen Einkünften für die Texte.“
Ich schwieg und erwog, ob ich unter der angegebenen Telefonnummer melden sollte.

Plötzlich fiel mir ein Mitarbeiter auf, der genau diese Funktion auszuüben schien, um die es auf der Stellenanzeige ging. Er kniete und keuchte vor einem Regal. Seine Blicke irrten das Regal auf und ab. Dann richtete er sich ächzend auf, sein Kopf war rot. Das Blut war ihm ins Gesicht geschossen.

Dann plumpste er zurück auf die Knie und zerrte ein Gerät aus dem Pappkarton. Er drehte die Ware hin- und her, suchte wohl, wo er einscannen sollte. Plötzlich sah ich nicht ihn dort hocken, sondern mich. Mein Bauch drückte, die Knie taten mir in der eingeknickten Stellung weh. Ich hatte den Überblick verloren, wohin die Waren eingeräumt werden sollten. Plötzlich stand hinter mir der Einkaufsleiter und sagte: „Sie sind zu langsam und sie haben schon wieder die Waren falsch eingeräumt, das müssen wir Ihnen vom Lohn abziehen.“

Ich schrak aus meinem Tagtraum auf. Klara hatte bereits an der Kasse bezahlt und ich eilte schnurstracks mit dem Einkaufswagen aus der Halle heraus.
Im Auto sagte ich zu Klara: „Du, ich morgens noch Kapazitäten, um eine paar Texte zu schreiben und zu verkaufen.“
Klara schmunzelte, sagte nichts und ich war froh darüber.

AUSFLUG INS DORF – IN DEN SCHREIBWARENLADEN

Ich war heute in unserem Dorf, im Schreibwarenladen. Nicht das ich dringend etwas gebraucht hätte. Nein, das nicht. Doch es ist einfach schön, dort hineinzugehen. Das ist schon eine kleine Sucht. Ich schaue mir gern die Blöcke und Hefte an, die Stifte, die vielen kleinen Büroutensilien, die dort herumstehen und dich anzuflehen scheinen: „Nimm‘ mich mit, sonst muss ich hier verrecken, in der hintersten Ecke des Ladens.“

Ich antworte, natürlich in Gedanken: „Du, ich versteh‘ dich voll. Und ich würde dich auch mitnehmen, aber dann habe ich hinterher die Hölle auf Erden, wenn ich mit dir nach Hause gehe und du heute Abend von Klara entdeckt wirst.“

Es reichte heute Morgen schon, dass ich zu ihr am Telefon sagte, dass ich bereits zwei Stunden gearbeitet hätte und jetzt eine kleine Pause brauchte.

„Geh‘ doch Sport machen“, hat sie gesagt.
„Was willst du schon wieder im Schreibwarenladen?“
Hat sie ’schon wieder‘ gesagt?
Das letzte Mal war ich vor Monaten hier drin. Klara geht in der Woche zwei Mal, manchmal auch noch mehr in Kaufhäuser am Alex oder in Kreuzberg, oder wenigstens ins ‚KiK‘ in Wandlitz.

„Na, hast du das ‚KiK‘ – Dach eingerissen, weil die Einkaufsbeutel nicht mehr durchgepasst haben?“, frage ich sie in den Momenten scherzhaft. Sie reagiert darauf nicht.

„Schau mal. Für Krümel, ist das nicht schön?“
Ja, das sind doch ‚Totschlagargumente‘. Was soll ich schon sagen, wenn Krümel im Spiel ist als toll, klasse, wunderbar.
Krümel ist das Zauberwort, das öffnet alle Türen. Da sagt keiner von uns: „Oh, das ist jetzt aber zu viel. Das reicht nun, sonst liegt das Spielzeug nur rum.“
Nein, da wird zugeschlagen, eingepackt und sich gefreut.

Aber jetzt? Jetzt ist es anders.
„Was willst du überhaupt kaufen?“
Ich schweige beharrlich, denn alles was ich nun sage, würde sofort gegen mich verwendet werden.

„Ach nur so“, sage ich und merke, dass es die falsche Antwort war.
„Na, das glaube, wer will!“, sagt Klara prompt.
Ich sage nichts mehr und verabschiede mich am Telefon.

Zurück zur hinteren Ecke im Schreibwarenladen:
„Kann ich Ihnen helfen?“, spricht mich eine junge Frau an. Sie ist die Inhaberin, sehr engagiert und dabei nicht aufdringlich.

„Ja, können Sie. Ich suche ein Tintenfass. Blau.“
Sie schaut mich an, als wäre ich aus dem Urwald gekommen und hätte die letzten Jahrzehnte des Computerzeitalters nicht miterlebt.
„Ich schreibe ja viel mit der Tastatur vom iPad“, sage ich schnell.
„Aber wenn ich tiefer nachdenke, dann muss ich mit der Hand schreiben.“


Die junge Frau schaut mich prüfend an, von oben bis unten.
„Du siehst schon so aus. Als würdest gerade du überhaupt einen Computer bedienen können, geschweige denn ein iPad“, schien sie gerade zu denken.


Ich beließ sie in ihrem vermeintlichen Glauben. Was sollte ich ihr schon sagen? Dass ich mit zehn Fingern über die Tastatur sause ?
Ich traue mir sogar zu, an einem Schreibwettbewerb teilzunehmen, mit Aussichten auf einen der vorderen Gewinnplätze.

Sollte ich sagen, dass ich manchmal auf einer Schreibmaschine herumhacke, weil ich Spaß daran habe und mir gleich mehr einfällt, weil ich denke, dass es ja erst einmal ins „Unreine“ geschrieben ist?

„Ich brauche noch Klebestifte“, sage ich stattdessen.
„Wieviel?“
„Fünf.“
„Noch etwas?“
„Ja. Buntstifte.“
„Sind Sie Rechtshänder?“
„Ja, aber zur Not nehme ich auch einen Stift für Linkshänder“, antworte ich.
„Welche Farbe?“
„rot.“
„Noch einen?“
„Ja.“
„Welche Farbe?“
„rot.“
„Wieder rot?“
„Ja, rot!“

Endlich bin ich wieder zu Hause. Ich fülle die Tinte aus dem Fass um in einen dafür vorgesehenen Behälter auf meinem Schreibtisch.
Na klar, jetzt sind die Hände blau. Also schrubbe ich sie gründlich, bevor ich mich den Stiften zuwende. Den roten Stiften.

Sie haben alle Kerben. Nachdem ich sie angefasst habe, bemerke ich den „Rechtsdrall“.
Auf jeden Fall gehen die Kerben in diese Richtung. Es ist ein wunderbares Gefühl. Ich tauche den Füller ins Fass mit der Tinte, schreibe etwas auf das Blatt und anschließend unterstreiche ich das Geschriebene mit dem neuen roten Stift.

„Ah“, sage ich laut, so als hätte ich gerade einen teuren Rotwein verkostet. Aber wir schwelgen hier nicht im Luxus. Nein. Wir können uns noch an Farbstiften erfreuen. ‚Wir‘ stimmt nicht ganz. Klara wird wahrscheinlich wieder die Augen verdrehen.

Aber ich, ja ich freue mich, dass ich den Abstecher ins Dorf gemacht habe. Das Leben kann so schön sein. Selbst in einem Schreibwarenladen.

SIE GING OHNE ABSCHIED

Link to the english version:
https://uwemuellererzaehlt.de/2019/02/02/she-left-without-saying-goodbye/

 

Iana stieg in Donetsk in den Zug. Sie freute sich darauf, endlich wieder nach Hause zu fahren, nach Kiew, und dieses Mal für immer. Wirkliche Glücksgefühle aber kamen in ihr trotzdem nicht hoch. Im Gegenteil. Sie war traurig, sehr traurig. Der Zug ruckte langsam an und die Räder der Eisenbahnwaggons begannen sich zu drehen. Iana lehnte sich zurück, schloss die Augen. Vor ihrem Inneren liefen Bilder der letzten Jahre ab, das Für und Wider, warum sie heute überhaupt im Zug saß, um einem neuen Ziel entgegenzufahren.

Das schlechte Gewissen meldete sich immer wieder


In Donetsk ließ Iana viele Freunde zurück. Sie hatte sich sehr wohl gefühlt in dieser Stadt, mochte die Menschen. Hier hatte alles begonnen – die professionelle Ausbildung zu einer Balletttänzerin, die vielen Trainings, die ersten Aufführungen auf der Bühne, der erste tosende Applaus des Donetsker Publikums. Und da war noch eine Sache: Sie war einfach so gegangen, ohne sich von ihren größten Förderern und Unterstützern zu verabschieden – von Irina Pisareva und Vadim Pisarev. Das liegt ihr auf der Seele, bis heute. Irina Pisareva hatte Iana in ihren schwersten Stunden zu sich genommen, als sie nicht mehr wusste, ob sie jemals wieder tanzen könnte. Sie hatte Iana gepflegt, sie mit Essen versorgt, ihr Kraft gegeben, mit ihrer Liebe und Fürsorge.

 

Vadim Pisarev – väterlicher Freund, Lehrer und großartiger Tänzer


„Vadim Pisarev war damals bereits berühmt, als mein Bruder und ich an der Schule mit der Ballettausbildung begannen. Er war nicht nur ein berühmter ukrainischer Tänzer, sondern auch der künstlerische Leiter des Staatlichen Akademischen Opern- und Balletttheaters von Donetsk, bekannt weit über die Grenzen der Ukraine hinaus. Vadim Pisarev gründete weiter das internationale Festival World Ballet Stars, deren Direktor er auch wurde. Er schuf ebenso die choreografische Meisterschule. Mein Bruder und ich, wir hatten also das Glück, bei einem wahren Meister der Ballettkunst zu lernen.“

Donetsk, liebgewonnene neue Heimat und kreative Stätte zugleich

Iana fehlte es in Donetsk an nichts, sieht man ab von ihrem Heimweh zu ihrer Familie in Kiew. Sie wohnte gemeinsam mit einer Balletttänzerin in einer Wohnung. Darüber waren sie glücklich. Vadim Pisarev hatte das ermöglicht.
„Wir bekamen so mehr Freiheiten, mussten uns nicht mehr nach der Nanny richten, die uns in der Internatszeit überall hin begleitete“, erinnert sich Iana. Iana entfaltete sich kreativ, nicht nur im Rahmen ihrer Ballettausbildung und ihrer Auftritte an der Bühne in Donetsk. Sie nahm außerdem an einer Ausbildung zum Fotomodel teil.
„Da war ich gerade 17 Jahre alt. Die Schule war nahe am Theater gelegen. Wir lernten solche Fächer kennen wie Make up, Laufen oder Casting.“ Sogar eine Pariser Fotoagentur meldete sich bei ihr und machte ihr ein Angebot, dort mitzuarbeiten.
„Das war alles so aufregend. Und Vadim Pisarev hat das mitunterstützt. Er wollte einfach, dass ich mich weiterentwickeln konnte, meine kreativen Fähigkeiten ebenfalls auf anderen Gebieten ausprobierte“, sagt Iana. Sogar in der Dramaturgie durfte sie sich am Theater ausbilden lassen.
„Das hieß natürlich, wenig Freizeit, keine Party, sondern nur lernen, trainieren“, erinnert sie sich zurück.

 

Der Entschluss aus Donetsk wegzugehen reifte langsam

Donetsk zu verlassen, diese Entscheidung fällte Iana nicht über Nacht. Sie rang mit sich. Sollte sie das alles hier aufgeben? In der Stadt, in der sie so viel Liebe, Hilfe und Unterstützung erfahren hatte? Wo die besten Lehrer und Balletttrainer ihr zu dem verhalfen, was sie zum Ende ihrer Ausbildung und zu Beginn ihrer Karriere war? Nämlich eine verheißungsvolle Künstlerin, die nun ein wenig von dem, was sie bekam, zurückzugeben könnte. Ianas Gefühle schienen sich zu überschlagen, wenn sie daran dachte, was sie tun sollte.
„Ich war hin- und her gerissen, wusste nicht, was richtig war, fraß das alles in mich hinein, traute mich nicht, mit jemandem darüber offen zu sprechen“, sagt Iana.

Bruder Jaroslaw kehrt nicht mehr nach Donetsk zurück

 

Iana reiste mit ihrem Bruder in die USA, nach Boston zu einer Tournee. Jaroslaw bekam dort ein Angebot vom Direktor des Bostoner Balletts, in den USA zu bleiben und als Tänzer zu arbeiten.
„Dieses Angebot bekam ich auch. Aber ich mochte nicht. Ich wollte zurück nach Donetsk, noch mehr trainieren, mich auf der Bühne weiter ausprobieren“, sagt Iana. Jaroslaw ist nicht in Boston geblieben, sondern weitergezogen nach Miami. Das Angebot dort schien ihm besser zu sein. Doch das hatte keinen Einfluss auf Iana. Sie flog zurück nach Donetsk und war künftig dort allein. Das schürte ihr Heimweh noch mehr, ihre Sehnsucht, zur Familie nach Kiew zurückzukehren.

Der neue Verehrer – ein japanischer Tänzer aus Kiew


Das Gefühlskarussell kam bei Iana nicht zur Ruhe. In ihr Leben trat ziemlich unverhofft ein Tänzer aus Japan, der aber in Kiew lebte und dort am Ballett arbeitete. Ein Balletttänzer also wie sie, der bereits sehr erfolgreich war.
„Er sah mich bei einem seiner Besuche zu einem Auftritt in Donetsk. Er war sofort verliebt in mich, wie er mir später gestand“, sagt Iana.
„Mein neuer japanischer Freund war regelgerecht vernarrt in mich.“
Er war fasziniert von Ianas Art zu tanzen, grazil und kraftvoll zugleich, von ihrer Fähigkeit mit wenigen Bewegungen der Bühnenfigur Leben einzuhauchen, das Publikum zu berühren. Der japanische Freund kam immer öfters nach Donetsk, bedrängte Iana, mit ihm nach Kiew zu gehen und dort im Ballett angestellt zu werden. Sollte sie dem wirklich nachgeben? Sie wusste es nicht.

‚Lass uns gemeinsam in Kiew leben und arbeiten‘

Iana fühlte sich einerseits sehr geschmeichelt, wie ihr neuer japanischer Freund sie umwarb, alles tat, damit sie ihn erhörte. Und andererseits flammte der Gedanke auf, weiter unabhängig zu bleiben, den eigenen Weg zu gehen. In dieser Zeit lud ihr Freund sie ein, mit zu ihm nach Japan zu kommen, in seine Heimat und an einem internationalen Wettbewerb teilzunehmen.
Dort lernte Iana die Mutter ihres neuen Freundes kennen, die dieser sehr verehrte, wie eine Göttin.
„Das war für mich alles sehr interessant und neu, zu sehen, was es für Traditionen, Kulturen in diesem Land gab. Die Freundlichkeit, mit der ich empfangen wurde, der Respekt, der uns als Tänzern entgegengebracht wurde, das alles berührte mich sehr“, sagt Iana. Sie erhielt dort nach dem Wettbewerb einen Preis. All diese Eindrücke brachten Iana ein Stückchen näher an ihren Entschluss heran, tatsächlich nach Kiew zu gehen.

Wenn du ein Herz hast, vergisst du nicht die guten Menschen an deiner Seite


Was war nun der entscheidende Auslöser dafür, nach Kiew zurückzugehen?
„Ich kann darauf bis heute keine hinreichend nachvollziehbare Antwort geben. Es ist ja so: Erst wenn du losgelassen hast, dann spürst du wirklich den Schmerz, wie dir das Herz wehtut, weil du liebe Menschen und Freunde zurücklässt, die sicher auch enttäuscht von dir sind. Ich habe nie meine Gefühle groß nach außen gezeigt. Entweder habe ich sie mit meinem Tanzen ausgedrückt, oder ich habe sie nach innen verarbeitet, so manches Mal auch in mich hineingefressen“, sagt Iana. Sie wollte sich auf neuen Bühnen ausprobieren, weiterlernen, sich weiterentwickeln. Die Aussicht, mit ihrem Freund in Kiew zu sein, ihre Familie wieder um sich zu haben, das waren entscheidende Impulse für ihren Entschluss zur Rückkehr nach Kiew.

Rückblick

„Der Zug wird in wenigen Minuten in Kiew eintreffen“, ertönte die Stimme aus dem Lautsprecher. Iana machte die Augen auf. Gleich würde sie ihre Familie wiedersehen.
„Papa, kannst du nicht noch einmal nach Donetsk fahren und Vadim Pisarev erklären, warum ich ihm nicht persönlich auf Wiedersehen sagen konnte?“
Iana blickte ihren Vater Anatoli flehend an, als die ersten Wiedersehenstränen getrocknet waren. Anatoli wollte seiner Tochter diese Bitte nicht abschlagen, fuhr nach Donetsk und erklärte Vadim Pisarev, warum Iana nun wieder in Kiew war. Er versuchte es, wirkte dabei ein wenig hilflos und traf trotzdem auf viel Verständnis bei seinem Gesprächspartner. Iana hat das alles nie in Ruhe gelassen. Sie sagt deshalb zum Schluss unseres Gespräches:
„Ich bin heute mehr denn je davon überzeugt, dass ich meine tänzerische Ausbildung an einer der besten Ballettschulen in der Welt bekommen habe. Danke dafür, lieber Vadim Pisarev, danke Irina Pisareva – für eure Liebe und eure Tatkraft. Ihr seid für immer in meinem Herzen!“

EIN NEUES BUCH MIT ALTEN KINDERLIEDERN

Guten Morgen Krümel,
während du dich wahrscheinlich noch im Bett herumdrehst und hoffentlich schöne Träume hast, habe ich heute mit etwas ganz Besonderem begonnen. Nämlich, ein neues Liederbuch für Kinder anzuschauen. Oma brachte gestern so ein Buch mit. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Auf dem Deckel ist ein Bär abgebildet. Er läuft, lacht und singt. Woran ich das erkenne?

Nun, daneben sind kleine Noten abgebildet. Das ist aber nur die eine Hälfte des Buchdeckels. Auf der anderen Seite gibt es einen Notenschlüssel. Und wenn du dort auf die einzelnen Bilder drückst, dann ertönt ein Lied. Im Buch selbst sind dann einzelne Liedtexte abgebildet.

Zum Beispiel: Kommt ein Vogel geflogen. Jetzt muss ich nur noch herausbekommen, welcher Text zu welcher Melodie passt. Damit bin ich heute Morgen beschäftigt. Obwohl ich eigentlich längst hätte einen Text über einen Pflegedienst schreiben müssen.

Oma sagt: „Jetzt kannst du mal deine Lieder vergessen.“
„Welche?“, habe ich gefragt.
„Na, ‚…auf der Reeperbahn… zum Beispiel“, sagte sie.
Aber mit den neuen Liedern ist es so, wie mit den neuen Spielzeugen. Wir bekamen früher zwar nicht so viele neue Sachen zum Spielen. Indianer schon. Und wir freuten uns, wenn wir diese Indianer hatten, und wir sie in den Kampf schicken konnten. Doch nach einer gewissen Zeit, da holten wir die alten Wäscheklammern hervor und der Indianer lag in der Ecke.


Was ich damit sagen will?

Also, wir werden bestimmt mit dem Buch so einiges anstellen, schöne Kinderlieder singen oder besser, ich brumme und du rufst dann ,na, na‘, oder so ähnlich. So richtig kann ich es ja noch nicht verstehen, was du ausdrücken willst.

Pure Lebenslust ist es allemal. Aber schließlich wirst du wieder das alte Staubtuch hervorholen und es über das Buch decken und danach eine deiner vielen Puppen damit einrollen oder das Feuerwehrauto einwickeln.

Auf jeden Fall wird dich das Tuch erneut in seinen Bann ziehen. Das Liederbuch ist auch noch da, liegt aber zwischen der kleinen Küche, deinem Roller und den Puppen. Und das ist der Zeitpunkt, wo ich dann zu „Auf der Reeperbahn…“ kann. Ich wünsch‘ dir einen schönen Tag. Einen wirklich schönen Tag, an dem du lachst und durch die Wohnung rennst, um etwas Neues zu entdecken oder die Videos von Mama aus dem Regal schmeißt.

She left without saying goodbye

Iana got on the train to Donetsk. She was happy to finally go back home to Kiev and this time, forever. But her feelings were divided. In fact, a certain sadness came upon her.

The engine of the train started running and the wheels slowly began to turn. Iana laid back in her seat and closed her eyes and as she did this, images started appearing in her mind about the year that had just past. She knew that she was heading towards a new goal in her future.

A guilty feeling would constantly reappear

Iana had left many friends behind. She had a feeling of comfort in the city and really liked the people in Donetsk.

Everything she loved began in this city; her professional education towards becoming a ballerina, her first performances and the first admiration from the audience. But what she regretted the most was not saying goodbye to the ones who supported her and helped to make her dreams come true.

Two special people: Irina Pisareva and Vadim Pisarev. Even today, this thought is heavy on her soul. Irina was there for her when she struggled the most. In particular when Iana didn’t know if she could continue to follow her dream to dance.

Irina gave her food, shelter, nurtured her and gave her the strength through love and compassion which was vital for her to continue.

Vadim Pisarev was a father like figure, teacher and incredible dancer

Vadim was a famous ballet dancer at the time that Iana and her brother started their education. He also held the highly renowned position as Artistic Director of the state Academy of Opera and Ballet in Donetsk, known far beyond the borders of Ukraine.

He then continued creating the international „World Ballet Stars“ festival of which he also became director and he created the Master School of Choreography. Iana and her brother knew how fortunate they were to be under the wings of a true master of the art of ballet.

Donetsk, my new city and my beloved new home

There was nothing Iana would miss in Donetsk, apart from her family in Kiev. She would share an apartment with another balletdancer. Vadim Pisarev was able to acquire this apartment for them, which madeIana very happy because now she would be able to enjoy more freedom.

There wasn’t a nanny anymore who would follow her around everywhere and tell her offfor certain things she would do. That’s how she remembered her time in the dormitory.

This was the time Iana would grow creatively, not only in her ballet education or during her performances on stage in Donetsk but inother areas of life as well.

She also attended a modelling school to become a photography Model. The school was very near to the theatre. The classes provided knowledge on things like how to use the right make up and how to applyit.

She was taught how to walk on a catwalk and everything one would need to know about casting. Once she even received an offer to work with a Parisian modelling agency.

It all seemed so exciting and Vadim Pisarev supported her all the way. He thought it was important for Iana to grow as an artist and to learn about other ways to be creatively active. He even encouraged her to take part in the drama classes at the theatre.

Of course with so many new things to learn, Iana wouldn’t have much time for other things like partying or hanging out withfriends; only very intense work.

To leave Donetsk was not an easy decision but Iana knew it was time to move on in order for her to grow and experience different aspects of her dream. The decision didn’t come over night.

„Should I stayor should I not stay?“

„Should I really leave the city that gave me so much love and support? The ballet teachers who set me on the path to my dream career? “

These questions were constantly running through her mind. She tried to tell herself that this would be her way of giving back for all the good things she had been given but her thoughts were pulling her in different directions and she didn’t know what to do. She didn’t feel comfortable enough to talk to anyone about it so she kept it to herself which would eventually start eating her up inside.

Her brother, Jaroslaw, decided for himself that he would never go back to Donetsk.  Iana decided to follow him to Boston, America to take part in a tour. From there, Jaroslaw received a contract from the balletdirector of Boston to work in his company as a ballet dancer. Iana received the same offer but she had a different idea about what she wanted to do next. Her idea was to go back to Donetsk to train more and improve herself. This was the placewhere she could experiment with her artistry on stage. 

Boston wasn’t the end destination for Ianas‘ brotherJaroslaw. He later went on to dance with Miami Ballet. Miami seemed to be abetter place for him to dance. This decision didn’t seem to have any influence on Iana however, so she flew back to Donetsk and would be there on her own this time, without her brother. This made her miss her family back home in Kiev evenmore. She felt alone and was in need of her parents and all she wanted now was to go back home.

Later, a new love interest emerged for Iana

 He was a Japanese dancer from Kiev. He was already very successful in his career. Iana experienced quite strong feelings for him. He told Iana that he was watching one of her performances in Donetsk and that from that moment on, he was alreadyin love with her.


My new Japanese boyfriend seemed a little obsessed with me

He was fascinated by Iana’s dancing. He felt that it was powerful yet effort less and elegant. She had the ability to emotionally transform the audience with her roles. He would come more frequently to Donetsk to see her. At one point he started to insist for her to move to Kiev with him and become a Ballerina in the Kiev company. Was that what she should do? She didn’t know.

Let’s live and work together in Kiev

Iana was deeply flattered by the attention she got from him. He would have done anything for her. She enjoyed this attention but she also had the desire to be independent and follow her own path.
Iana’s boyfriend asked her if she would go with him to Japan, his home country, in order to participate in an international ballet competition. After a long flight, they arrived in Japan where Iana was introduced to his mother. His mother was incredibly important to him.

He worshiped her like a Goddess. Iana found the Japanese culture and traditions to be very interesting and everyone was so kind to her. It brought her great joy to see the respect they had for the ballet dancers.

Iana was also overjoyed to receive a special prize at the competition. Her experiences in Japan were a big part of her decision to move back to Kiev.

She had a good heart and she never forgot the people by her side

That was the tipping point for her to move back to Kiev. The moment Iana let go, she felt the pain. It hurt deep within her heart because she had left behind good people; good friends. Iana had never been the type of person who would show her inner feelings to others. She either expressed them through dancing or kept them buried inside herself. She had kept all of these emotions hidden because it was important to her to develop her skills, expand her horizons and strive to become the best ballerina she could. The thought of her being with her boyfriend in Kiev and being with her parents again were important factors in her decision to move back to Kiev.

Flashback

„We will shortly be arriving in Kiev.“  Said a voice from the speaker on the train. Iana opened her eyes. Finally, very soon she would see her family again.

„Daddy, could you drive back to Donetsk one more time and explain to Vadim Pisarev why I had to leave without saying goodbye or telling him why?“

Iana begged her father, Anatoli, after her tears upon arrival had dried. Anatoli couldn’t deny the request of his daughter. He drove back to Donetsk and explained to Vadim why Iana had returned to Kiev. He tried his best but he felt a little lost for words. However, Vadim was very understanding. He only wanted the best for Iana.

Iana mentioned at the end of our conversation: „Today, I’m more sure than ever that I had the best dance education in the best school in the world. Therefore I want to thank you from the bottom of my heart, Vadim Pisarev and Irina Pisareva, for your love and support throughout all these years. You will always have a place in my heart.“



‚JEEPI‘ – WIE ALLES BEGANN

Freitag.
Lieber Krümel, während ich hier an dich einen Brief schreibe, da tobst du noch im Kindergarten herum. Vielleicht schläfst du ja auch noch. Es ist gerade Mittag. Oder bist du schon wach? Bald holt deine Mama dich ab, und du wirst juchzen vor Glück, wenn du sie siehst.

Weißt du noch, als ich dich abgeholt habe? Wie wir mit dem falschen Kinderwagen losgefahren sind und ich deine Hose und deine Schuhe mit denen vom Nachbarkind verwechselt habe?

Aber du hast in der Situation gemächlich an deinem Kuchen herumgekaut und ich musste vor lauter Verzweiflung die kleinen Stücke, die du gleichmäßig auf den Boden gestreut hast aufheben und schnell in meine Hosentasche stopfen.

Manchmal finde ich ein paar Krümel davon noch heute. Aber das macht nichts. Ich denke dann sofort an dich und wie du mich umarmt hast, in dem Moment, wo ich dich auf die Wickelkommode gehievt habe, um dir deine Hose besser anzuziehen.

Jetzt ist mir wieder etwas eingefallen, was ich längst tun wollte. Nämlich kleinere Geschichten zu erzählen, die wir mit „Jeepi“ erlebt haben und noch erleben werden. ‚Jeepi‘ ist unser kleiner Geländewagen, der hier draußen unter dem Carport steht und friert. Den Namen hat er von deiner Mama bekommen.

Weißt du früher, da habe ich immer für deine Mama, Laura, kleinere Geschichten über unsere Autos geschrieben. Die hatten ja alle Namen. Nur der Trabbi nicht. Wir dachten damals, das müsste nicht sein, denn wir würden ohnehin bis ans Lebensende nur diesen einen Wagen fahren.

Dafür habe ich ihn von innen mit schöner Latexfarbe gestrichen, also nur den Kofferraum. Denn am nächsten Tag fuhren wir in den Urlaub nach Thüringen. Da sollte alles frisch renoviert sein. Ich kann mich noch erinnern, wie Oma aufschrie und dann schrill kreischte. „Das kann doch nicht wahr sein!“ Doch, war es aber.

Gut, die Farbe war nicht ganz trocken geworden und so blieb etwas davon an den Koffern kleben, als sie diese im Kofferraum unterbringen wollte.

Oma sah mich an, als wollte sie mich auf der Stelle umbringen. Aber du siehst, ich lebe noch und kann dir davon erzählen.

Später kam dann ‚Flippi‘, der Lada, den wir aus Moskau mitbrachten. Danach war ‚Orli‘ an der Reihe, der lange BMW. Davon berichte ich dir später noch. Da war in der Mitte ein Telefon eingebaut. Und ich habe mich hinten rechts hingesetzt, um wie ein Generaldirektor zu fahren und währenddessen zu telefonieren. Das klappte aber nur, wenn ich auf dem Parkplatz stand. Ich hatte ja keinen Chauffeur.

Schließlich war ‚Bobby‘ dran. Mit dem sind wir 15 Jahre gefahren. Das war ein großer Geländewagen, sehr gemütlich und robust. Damit bin ich sogar noch nach Buch gefahren, um dich nach deiner Geburt zu begrüßen. Doch zuvor, in der Nacht, da sind wir über die menschenleeren Straßen gesaust – deine Mama, Oma und ich.

Du warst noch im Bauch deiner Mama. Am nächsten Morgen hörten wir die ersten Schreie von dir und nachmittags haben wir dich dann in der großen Wiege gesehen. Das Bett war eigentlich nur ein kleines ‚Bettchen‘. Aber du warst noch kleiner. Das hat Bobby alles miterlebt. Er stand immer in deiner Nähe, auf dem Parkplatz in Buch.

Jetzt fährt er wahrscheinlich in Afrika umher, auf unbefestigten Straßen und verflucht mich. Wenigstens wird ihn keiner mehr anpöbeln, wie im Prenzlauer Berg. Da bekam er verachtende Blicke, weil er ein Diesel ist und die Menschen, nur vereinzelt, natürlich, die dort leben, ihn deshalb beschimpften. Na ja besser gesagt mich. Aber ich habe meine Ohren zugeklappt.

Und nun also ‚Jeepi‘. Wieder ein Geländewagen. Ein Benziner. Nur kleiner eben. Damit sind wir schon gemeinsam bis zur Ostsee in den Urlaub gefahren. Das weißt du nicht mehr. Du hast meist geschlafen, während ich über die Autobahn gedüst bin. Irgendwie muss ich deine Mama noch davon überzeugen, dass sie mir mal ein schönes Bild von ‚Jeepi‘ macht. Naja, das kriegen wir schon alles hin.

Später, wenn du größer bist und lesen kannst, dann liest du die Geschichten hoffentlich. Und vorher lese ich sie dir eben vor, oder Mama macht das.

Wenn es gut läuft, dann machst du vielleicht die Sirenen von deinem Feuerwehrauto an, und außerdem das Heulen dazu, von der Dampflokomotive – unserem Weihnachtsgeschenk für dich.

Glaub‘ mir, in dem Moment ist es wirklich egal, was wir sagen. Es hört ja doch keiner mehr etwas.

Geträumt oder erlebt?

Ich schreibe auf, was im Haus meiner Großmutter geschah, als ich acht oder neun war. Aber ist es tatsächlich passiert? Ich weiß es nicht. Mit Gewissheit jedenfalls nicht.

Schwerin, Glasinenstrasse. Das Haus, in dem meine Großmutter wohnte, war aus rotem Backstein. Es war schmal und hatte zwei Stockwerke. Im oberen Stockwerk waren das Bad, das Schlafzimmer und ein kleines Nähzimmer.

An jenem Tag im Sommer waren wir mal wieder bei Oma zu Besuch. Meine Schwester, mein Bruder und ich hielten uns im Wohnzimmer auf. Wir spielten gern auf Omas Plüschsofa. Das konnten wir an dem Tag nicht tun. Nur wenn wir allein da waren, ohne Mama und Vati, dann hüpften wir nach Herzenslust darauf herum. Wir machten nur eine Pause, wenn Oma uns in die Küche holte und wir ein Stück Streuselkuchen bekamen.

Auf dem Hof waren Teppichstangen angebracht. Um dieseStangen sausten wir auch gern. Wenn ich mir eine Beule holte, weil ich mal wieder gegen eine der Stangen gelaufen war, lief ich schreiend zurück ins Haus. Oma Martha hielt mir dann ein Messer an die Stirn und schickte mich wieder nach draußen. Das war unsere kleine, heile Welt. Wir kannten nichts Anderes. Wirwollten gar nichts weiter kennen. Uns reichte einfach der Hof mit den beidenTeppichstangen und das alte Plüschsofa, wo wir ungestört toben konnten.

An dem Tag, an den ich mich zu erinnern glaube, kam meine Oma aus Kiel zurück. Sie hatte ihren Bruder besucht. Der handelte mit Schokolade. Er war Großhändler. Und so freuten wir Kinder uns riesig, wenn Oma in der Küche stand und eine der mitgebrachten Tafeln umständlich aus der Tasche kramte. Endlich war es soweit. Sie entfernte das Papier, Silberpapier kam zum Vorschein und die einzelnen Riegel waren zu sehen. Es roch herrlich nach Schokolade. Wir konnten es kaum erwarten, bis Oma Martha für jeden ein Stück abbrach und uns rüberreichte. Vati stand hinter uns, an die Küchentür gelehnt. Er schaute grimmig drein. Er mochte die Schokolade nicht. Jedenfalls sagte er das. Wir glaubten ihm nicht. Es war uns auch egal, wenn wir nur die Schokolade in die Hände bekamen.

„Möchtest du auch ein Stück?“, fragte Oma Vati.
„Gib‘ schon her“, brummte der und biss hinein. Er verzog das Gesicht, als hätte man ihm gerade Gift eingeflößt.
„Dein Bruder ist ein verdammter Kapitalist“, sagte er, während er wieder ein großes Stück von seinem Teil abbrach und in den Mund schob. Uns machte das nichts aus, das mit dem Kapitalisten. Wenn man dadurch doch an so eine Schokolade kam, die roch, als wäre sie nur gemacht, damit Oma uns eine Freude bereiten konnte. Ich wollte auch Kapitalist werden, das war sonnenklar.
Vati sagte ich aber nichts davon. Als ich acht Jahre alt war, am Tag, als Oma zurück war aus Kiel, da war ihr Bruder, der Kapitalist also, oder wie Oma sagte „min Broder“ unser allerbester Freund.

Davon wollten wir uns von keinem abbringen lassen. Selbst Vati hatte da keine Chance. Wir kannten unseren Großonkel zwar nicht persönlich, doch musste der ein gutes Herz haben. Das war klar. Sowieso war er ja Oma‘s Bruder. Und er verschenkte Schokolade.

„Dürfen wir wieder in das Wohnzimmer gehen?“, fragten wir Oma.
„Ja, geht nur. Und tobt nicht so“, sagte sie, während sie jedem von uns noch schnell einen Riegel unter den misstrauischen Blicken von Vati in die Hände drückte. Wir saßen im Wohnzimmer, auf dem Sofa und kauten und lutschten auf der Schokolade herum. Es war einer der wenigen Momente, wo wir still und friedlich nebeneinander saßen. Mama und Vati unterhielten sich lautstark auf dem Flur mit Oma Martha.

Plötzlich hörten wir klatschende Geräusche. Wir sahen uns mit schreckgeweiteten Augen an. Wir kannten dieses dumpfe Klatschen, nämlich wenn Vati einen von uns Kindern schlug.
Hatte es jetzt auch Oma Martha erwischt? Keiner sagte etwas. Wir hielten die Schokolade in den Händen, so als würde sie gar nicht zu uns gehören. Wir waren wie gelähmt. Dann löste ich mich aus dem Schock und schlich zur Tür. Die Dielen knarrten und ich versuchte nur noch auf den Zehenspitzen zu laufen. Vorsichtig drückte ich die Klinke nach unten und öffnete die Tür, nur einen Spalt breit. Oma wimmerte.

Vati brüllte: „Willst du uns im Stich lassen, wenn wir mit den Kindern nach Dresden ziehen?“ Mein Herz raste, pochte bis zum Hals. Die Knie zitterten und ich traute mich nicht, mich zu bewegen, nicht mal einen Zentimeter, obwohl ich kaum noch in der verkrampften Haltung stehen konnte. Oma Martha war von kleinem Wuchs. Ihr Rücken schien sich von Jahr zu Jahr mehr zu krümmen und in dem schrecklichen Moment sah sie noch kleiner aus. Sie hielt ihre Hände schützend vor das Gesicht. Man konnte trotzdem ihre Tränen sehen und sie schluchzen hören. In mir krampfte sich alles zusammen. Sollte Vati doch uns schlagen. Aber nicht Oma. Bloß nicht Oma. Sie war für uns das wichtigste Stück Glückseligkeit, das wir hatten.

Wie es weiterging an dem Tag, das weiß ich nicht mehr.

Auf jeden Fall verstanden wir Kinder Oma, dass sie nicht mitziehen wollte. Sie hatte sich jahrelang um uns gekümmert. Sie kam frühmorgens in unsere Wohnung, heizte den Ofen an, machte das Frühstück, weckteuns. Sie kochte Mittagessen, nähte und stopfte unsere Kleider, wischte den Flur. Erst spät abends, wenn wir eingeschlafen waren, oder so taten, als würden wir schlafen, ging sie zurück in ihr Haus. Wir konnten unsein Leben ohne Oma gar nicht vorstellen.

Für Vati und Mama war sie ebenfalls unersetzlich. Schmiss sie doch den gesamten Haushalt, anstelle von Mama. Die ging in dieser Zeit in Schwerin arbeiten. Vati studierte in Berlin, promovierte sofort im Anschluss daran. Doch nun war der Zeitpunkt heran, dass Vati fertig war mit alledem. Das bedauerten wir sehr. Es war vorbei mit dem schönen Leben, wo wir toben konnten, ohne dass Vati eingriff. Vati wollte jetzt mit uns nach Dresden gehen und dort als Hochschullehrer arbeiten.

Wir aber sträubten uns dagegen, wollten lieber in Schwerin bleiben, bei Oma. Vati bekniete sie schon wochenlang, damit sie mitziehen würde und sich weiter um uns Kinder kümmern konnte. Sie hätte ein eigenes Zimmer bekommen. Klein zwar, doch das war es nicht, was sie davon abhielt, mit uns mitzuziehen.

Oma wäre gern bei uns Kindern geblieben. Liebend gern. Aber sie fürchtete, dass Vati sie noch mehr drangsalieren würde, als er es in Schwerin schon getan hatte, körperlich und seelisch. Wir waren klein, doch wir verstanden das schon sehr gut, wir fühlten es noch mehr, ohne Worte eben.

Wir alle hatten Angst vor Vati, vor seinen Wutausbrüchen und seinen brutalen Schlägen, von denen keiner verschont blieb. Darum wollten wir Oma lieber in Schwerin besuchen, als dass sie in Dresden an dieser Situation kaputtgehen würde. Wir sprachen nicht mit ihr darüber. Wir lagen nur abends traurig in unseren Betten, als der Tag des Abschieds von ihr immer näher rückte.

Wir zogen nach Dresden um, ohne Oma. Ich sprach viele Jahre mit niemandem darüber, was ich erlebt hatte. Selbst mit meiner Frau, Klara, nicht. Und das, obwohl sie alles von mir wusste, das meiste jedenfalls.

Später begann ich Klara doch davon zu erzählen. Und immer hatte ich ein schlechtes Gewissen. So, als hätte ich mir das alles nur ausgedacht. Allerdings: Die Erinnerungen sind eingebrannt. Ich kann sie nicht löschen. Trotzdem will ich sie nicht wahrhaben, behandle sie, als wären sie eine Fata Morgana. Ich überliste mich selbst, erfinde Gründe, warum sich das alles vielleicht nur in meinem Kopf abgespielt hat.

„Uwe träumt gern, hat viel Phantasie, verwechelt manchmal Erdachtes mit dem wahren Leben“ , schrieb mein Klassenlehrer nach Abschluss der dritten Klasse in mein Zeugnis. Trafen diese Worte auch auf meine geschilderten Erlebnisse in Omas Haus zu? Nur was machte ich mit den Bildern von Oma, die sich in mein Gehirn, in meine Seele eingebrannt hatten?

Sie waren wie ein schlechtes Tattoo, das man nie haben wollte, aber trotzdem bekam und wusste, dass man es nie wieder loswerden würde. Und deshalb tut es manchmal gut, wenn man sich einfach sagen kann, dass es ja schon so lange her sei und man vielleicht Erlebtes und Erdachtes gar nicht mehr auseinanderhalten könne.

EVA HILLEBRECHT – EINE KLUGE PFLEGEDIENSTINHABERIN MIT HERZ

Eva Hillebrecht ist ein humorvoller Mensch. Sie lacht gern. Sie interessiert sich für gesellschaftliche Entwicklungen in unserem Land, und dabei nicht ausschließlich für die großen Fragen in dieser Zeit.

Nein, sie will auch wissen, wie es den Menschen geht, mit denen sie tagtäglich zu tun hat. Wissenschaftlich ausgedrückt würde man hier von einer ausgeprägten Fach- und Sozialkompetenz sprechen. Umgangssprachlich heißt das, sie ist ein Mensch ‚wie du und ich‘, sie liebt ihre Stadt Kassel über alles und sie ist eine ausgesprochene Hundeliebhaberin.

Vielleicht fragt sich der Leser an dieser Stelle, warum erwähnt das der Autor? Gehört das hierher, wenn es darum geht, einen Pflegedienst zu beschreiben?

Die Antwort lautet: Ja. Auf jeden Fall. Warum? Weil man nur so tatsächlich erfährt, wie das eigentliche, das wahre Gesicht des Pflegedienstes und seiner Inhaberin aussieht, ob man sich ihnen wirklich anvertrauen kann, selbst dann, wenn es um sensible Bereiche des menschlichen Zusammenlebens geht.

Kurzum, es ist wichtig die Menschen zu kennen, die dort arbeiten. Wer also genauer wissen will, war für ein Mensch Eva Hillebrecht ist, der sollte das folgende Interview mit ihr lesen:

http://uwemuellererzaehlt.de/2017/10/11/danz-consult-ambulanter-pflegedienst-stellt-sich-vor/

Individuell pflegen heißt sich kümmern

„Gut zu pflegen und zu betreuen heißt zuallererst, sich auf den Menschen einzulassen, ihm zuzuhören, die Angehörigen mit ins Gespräch einzubeziehen.

Nur so können wir die jeweiligen individuellen Wünsche und Bedürfnisse ausloten“, sagt Eva Hillebrecht. Sie macht in diesem Zusammenhang deutlich, dass kein Pflegedienst jedem Menschen alles erfüllen kann, sondern:  „Wir hören genau zu, machen eigene Vorschläge, wecken Bedürfnisse. Anschließend müssen wir einen Strich darunter ziehen, um zu sagen, was das an Aufwand bedeutet.“

Eva Hillebrecht spricht hier eine klare Sprache, denn sie weiß, dass die Kranken- und Pflegekassen bei weitem nicht alles an Kosten übernehmen, was sich die Pflege- und Hilfsbedürftigen und deren Angehörige vorstellen.

„Wir beraten hier sehr intensiv, gehen auf die Menschen, die uns vertrauen sehr sensibel ein und versuchen dann, das Beste herauszuholen, ganz im Sinne der zu Pflegenden und deren Angehörige“, erklärt sie.

Das Team ist das Rückgrat des Pflegedienstes Danz Consult

Eva Hillebrecht weiß, dass sie sich auf ihr Team verlassen kann.
„Ohne die Unterstützung meiner Mitarbeiter könnten wir das alles hier nicht umsetzen, und zwar in einer ansprechenden Qualität in der Pflege- und Betreuungsarbeit.

Natürlich, es gibt auch mal Meinungsverschiedenheiten oder Probleme, die einfach geklärt werden müssen. Da reden wir auch nicht drum herum. Aber wir tun das mit dem nötigen Respekt und der gegenseitigen Wertschätzung. Kurzum, die Atmosphäre im Team ist offen und konstruktiv“, sagt sie.

Kommunikation, miteinander reden, füreinander in schwierigen Situation da sein, darauf kommt es Eva Hillebrecht an und das macht ihrer Meinung auch die Stärke ihres Teams aus.

Eva Hillebrecht sucht einen Nachfolger für ihren Pflegedienst

Eva Hillebrecht sucht einen Nachfolger, der ihr Lebenswerkweiterführt. Sie ist die Inhaberin des Pflegedienstes Danz Consult.

Sie hat ihrganzes Berufsleben der Pflege und Betreuung von pflege- und hilfsbedürftigenMenschen gewidmet. Zunächst als Krankenschwester, später als selbstständigeUnternehmerin im Pflegebereich.

Eva Hillebrecht möchte, dass ihr künftiger Nachfolger an das anknüpft, was sie über Jahrzehnte aufgebaut hat.

 „Bis es soweit ist, werde ich meine Pflege- und Hilfsbedürftigen und mein Team unterstützen, so wie sie es von mir und meinem Team gewohnt sind“, sagt Eva Hillebrecht zum Abschluss.



VIOLA LEHMANN – BERUFUNG UND HERZ FÜR DIE SENIORENBETREUUNG

Viola Lehmann hat es geschafft. Sie hat eine Einrichtung in nahezu 20 Jahren aufgebaut und geführt, die Menschen ein Zuhause bietet, die sonst in einem Pflegeheim leben müssten. Die Betreuung erfolgt über 24 Stunden, wochentags und an den Sonn-und Feiertagen.

„Der Umgang mit den Menschen, die gute Unterstützung durch mein Team – das sind die wichtigsten Gründe dafür, warum mir dieser Beruf immer noch Spaß macht“, sagt Viola Lehmann. Sie hat sich ihren Traum erfüllt- selbstständig als Unternehmerin zu arbeiten, in einer Branche, die immer wichtiger wird.
Und sie ist erfüllt von dem Gedanken, eine häusliche Atmosphäre für die Bewohner zu erhalten und sie gleichzeitig in den Dingen zu unterstützen, ohne die sie nicht mehr allein wohnen und leben könnten, sondern in einem Heim untergebracht werden müssten.

Sich kümmern – als gehörten sie zur eigenen Familie
Viola Lehmann hat im Interview treffend formuliert, was sie unter individueller Betreuung versteht – sich so für ihn einzusetzen, als ginge es um das eigene Familienmitglied. „Individuell pflegen und betreuen heißt für mich zu wissen, was der einzelne Bewohner für Wünsche hat, ihn im Alltag zu unterstützen, aber auch ihn zu motivieren, mitzumachen, damit er sich eingebunden fühlt, fit bleibt“, so Viola Lehmann.

Es lebt sich gut in der Seniorenwohngemeinschaft
Die Bewohner sind zufrieden mit ihrer Situation. Sechs bis acht von ihnen leben in einer Wohngemeinschaft. Jeder hat ein eigenes Zimmer, das auch mit einigen privaten Möbeln, Bildern oder anderen Erinnerungsstücken ausgestattet ist, je nach den Bedürfnissen und Wünschen der Bewohner. Die Küche und das Wohnzimmer werden von den Bewohnern gemeinsam genutzt. „Was mir in dem Zusammenhang wichtig ist: Wir sind nicht irgendwo abgeschottet, am Rande der Stadt zuhause, sondern leben inmitten eines Wohngebietes“, sagt Viola Lehmann. Das stärkt das Gefühl, nicht allein zu sein, sondern in einer großen Gemeinschaft zu leben.

Nichts geht ohne mein Team
Heute ist Viola Lehmann mit ihrer Einrichtung für Betreutes Wohnen in Potsdam und Umgebung anerkannt und genießt einen guten Ruf.
„Ohne mein Team könnte ich das ja nicht stemmen“, sagt Viola Lehmann. Sie schätzt an ihren Mitarbeitern, dass diese sich engagieren, nicht gleich vor Problemen kapitulieren, sondern sich gegenseitig bei deren Lösung helfen.“
Und weiter sagt sie: „Eine gute Atmosphäre ist wichtig unter uns im Team, denn das strahlt auf die gesamte Wohngemeinschaft aus.“
Eine angemessene Entlohnung, Dienstpläne – die private Interessen der Mitarbeiter berücksichtigen -, all das gehört dazu.

Der weite Weg der Viola Lehmann
Viola Lehmann war chemisch-technische Assistentin in Potsdam-Rehbrücke. Nach der Wende wollte sie neu durchstarten, den Umbruch für eine berufliche Umorientierung nutzen. Sie fing an, in einem Seniorenheim in Lietzensee zu arbeiten, und zwar zunächst als Pflegehelferin. Viola Lehmann wollte es richtig machen und nahm an einer Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin teil, in Hermannswerder in der Hoffbauerstiftung – parallel zur ihrer Tätigkeit als Pflegehelferin. Sie erwarb eine Menge an theoretischem Wissen in der für sie zunächst völlig neuen Pflegethematik. Sie machte aber auch eigene Erfahrungen während ihrer Arbeit als Pflegehelferin in den Jahren 1991 bis 1999. Die hauptsächlichen Tätigkeiten richteten sich zum Beispiel auf das Waschen, Essen oder das Säubern der Zimmer der Heimbewohner. An eine individuelle Betreuung war da noch nicht zu denken. Also machte sich Viola Lehmann ihre eigenen Gedanken, wie so etwas aussehen konnte. Sie sah in dieser Zeit einen Film, den sie als ein Schlüsselerlebnis dafür beschrieb, wie man demenzkranke Menschen in täglichen Lebenssituationen unterstützt. Nämlich: auf den Bewohner eingehen, ihn aktivieren und mobilisieren und unterstützen, wo es allein gar nicht mehr geht.
In dieser Zeit entstand bei ihr der Gedanke, eine eigene Pflegeeinrichtung zu gründen, in der sie ihre Vorstellungen von einer ganzheitlichen Pflege und Betreuung verwirklichen konnte. Bis die Konzeption erarbeitet war und die Bank einer Finanzierung für ihr Projekt zugestimmt hatte, verging noch einige Zeit.
Schließlich musste eine Wohnung gefunden werden, in der Menschen leben konnten, die ohne Hilfe nicht mehr in den eigenen vier Wänden zurechtkamen. Als die gefunden war, kostete es noch einmal viel Zeit und Kraft, sie herzurichten, gemäß der geltenden Pflegestandards und so, dass sich Bewohner darin wohlfühlten. Im November 2001 war es soweit.
„Ich fing mit einer Mitarbeiterin an, die von 08.00 bis 16.00 Uhr arbeitete, montags bis freitags und ich füllte die restliche Zeit aus, ich übernahm also die Betreuung – in Nachtschichten, an Sonn- und Feiertagen, rund um die Uhr“, sagt Viola Lehmann.
„Die erste Bewohnerin in der betreuten Einrichtung war übrigens eine ältere Dame, die aus dem Haus kam, in dem ich auch wohnte.
Die Dame konnte nicht mehr allein leben. Und so kam ich an meinen ersten Auftrag. Ich erarbeitete mir so Stück für Stück einen guten Ruf, und der sprach sich natürlich rum“, erinnert sie sich.
„Ich würde es noch einmal so machen. Natürlich, hätte ich die Erfahrungen von heute, dann würde ich einiges anders angehen. Aber generell spüre ich eine Zufriedenheit, ja ich bin glücklich, weil ich mich verwirklicht habe. Und heute kann ich mein Wissen an die nächste Generation weitergeben“, beschließt Viola Lehmann das Gespräch.

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SENIORENBETREUUNG LEHMANN STELLT SICH VOR

Kontakt:
Seniorenbetreuung Lehmann, Viola Lehmann
Inhaberin: Viola Lehmann
Berliner Straße 32
14467 Potsdam
Telefon: 0331 – 2702019
Mobil: 0175 – 1530138
Telefax: 0331 – 2005883
Internet: www.seniorenbetreuung-lehmann.de
E-Mail: info@seniorenbetreuung-lehmann.de

INTERVIEW MIT SCHWESTER INES

SchwesterInes, Ines Gentzsch, hat im Pflegedienst AscuvitaGmbH die Geschäftsführung inne, gemeinsam mit Stefanie Claasen.

Einführung durch den Autor

Das folgende Interview ist zufällig entstanden, fast zufällig. Ich hatte erfahren, dass Schwester Ines seit einiger Zeit Mitinhaberin eines neu gegründeten Pflegedienstes in Basdorf ist.
Das fand ich einerseits sehr schade, weil ich sie als Schwester kannte, aus der Arztpraxis. Und ich schätzte sie dort sehr. Sie war unter Patienten beliebt. Andererseits freute ich mich wiederum, dass eine Schwester mit solch einer profunden Fachkenntnis und einer sehr sozialen Ader künftig für Pflege-und Hilfsbedürftige da sein wollte.

Es wird viel darüber geschrieben, dass wir dringend Fachkräfte im Pflegebereich benötigen. Gute möglichst noch dazu. Die gute Nachricht: Schwester Ines gehört genau zu diesen Menschen.

Warum schreibe ich das? Weil ich etwas von medizinischen Dingen verstehe?

Nein. Das ist nicht der Fall. Vielleicht aber verstehe ich ein wenig von Menschen und deren Stärken. Darum soll es im Interview gehen, um Schwester Ines und wie sie sich als Unternehmerin in der Pflegepraxis etabliert hat.

Schwester Ines, wie kamen Sie auf die Idee, sich selbstständig zu machen?
Das ist gar nicht so leicht zu beantworten.

Warum nicht?
Naja, immerhin habe ich fast 20 Jahre in einer Arztpraxis in Basdorf gearbeitet. Die Praxis genießt einen ausgezeichneten Ruf und ich habe mich dort sehr wohl gefühlt. Wir waren ein prima Team und ich hatte einen tollen Chef.

Was war also das Motiv für ihren Wechsel?
Ich wollte mich weiterentwickeln, eigenständige Ideen verwirklichen, mehr Verantwortung übernehmen. Und genau in dieser Situation traf ich auf Stefanie Claasen, die ich als Kollegin ja bereits kannte. Ich bekam hautnah mit, wie sie sich als Schwester um ihre Patienten gekümmert hat – immer eine freundliche und offene Art. Das imponierte mir. Sie arbeitete in der Zeit in einem ortsansässigen Pflegedienst und ich erkannte schnell, dass wir beruflich ähnlich tickten, was die Qualität der Versorgung und die Wahrnehmung der Bedürfnisse der Menschen betraf.
Irgendwann hat sie mir dann erzählt, dass sie gern einen eigenen Pflegedienst gründen würde.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich war begeistert, von ihren Ideen und ihrer Tatkraft, die sie ausstrahlte. Aber: Dieser Schritt eröffnete nicht nur Chancen. Es gab auch Risiken und damit verbundene Ängste.

Welche Risiken hatten Sie im Kopf?
Ich musste einen mir sehr vertrauten Arbeitsplatz verlassen, zumal ein sehr gut eingespieltes und bei den Patienten geschätztes Praxisteam. Für uns würde es gleich darum gehen, das entsprechende Personal zu finden. Und schon auch Zweifel, ob wir es schafften, den bürokratischen und finanziellen Aufwand zu bewältigen.

Wie hat denn das Team der Arztpraxis Ihre Entscheidung aufgenommen?
Das war schon ein sehr schwerer Schritt für mich, zu meinem Chef zu gehen – sehr schwer. Immerhin hatte ich viele Jahre mit ihm zusammengearbeitet und schätzte ihn sehr.
Zudem: Vorher sickerte bereits durch, dass ich die Praxis verlassen würde. Und wie es immer so ist in solchen sensiblen Momenten, hat das meine Situation nicht gerade leichter gemacht.
Aber der Doktor hat das fair und souverän aufgenommen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Wir arbeiten weiterhin zusammen, in neuer Konstellation und mit zum Teil neuen und erweiterten fachlichen Ansätzen. Ich kann mich nach wie vor jederzeit an ihn wenden, wenn ich Fragen habe.

Wie ging es mit der Gründung weiter?
Wir haben uns im Februar 2015 zusammengesetzt, wenig später auch mit unseren Partnern. Eine ganz wichtige Voraussetzung war weiterhin, dass Frau Claasen bereits viele geistige Vorarbeiten geleistet hatte. Zum Beispiel, welche allgemeinen Voraussetzungen vonnöten waren oder welche Bedingungen für die Zulassung des Pflegedienstes erfüllt sein mussten.
Außerdem: Wir haben viel gesprochen, heiß diskutiert, wie wir am besten vorgehen, wenn wir den Pflegedienst gründen. Wir wollten unsere Männer im Boot haben und die Aufgaben möglichst breit verteilen. Wir entschlossen uns deshalb, zu viert zu starten.

Wie viele Fachkräfte mussten eigentlich sofort nach der Gründung in der Firma arbeiten?
In Brandenburg muss man drei Fachkräfte haben, um starten zu können. Stefanie Claasen und ich waren ja mit unseren Abschlüssen als examinierte Fachkräfte anerkannt. Und wir hatten noch ein Ass im Ärmel.

Welches Ass?
Nun, wir sind mit Schwester Heidi gestartet. Sie war sozusagen die Dritte im Bunde. Wann haben Sie tatsächlich begonnen?
Im April 2015 waren für uns die wesentlichen Entscheidungen gefallen. Im Oktober haben wir zu dritt angefangen.

Können Sie kurz Ihren beruflichen Weg bis zur Gründung des Pflegedienstes schildern?
Das ist ein ganz klassischer Weg, wie er eben im Osten üblich war. Ich habe zehn Jahre die allgemeinbildende Schule besucht, von 1974 bis 1984. Polytechnische Oberschule war der exakte Begriff.

Wie ging es weiter?
Ich habe im Anschluss eine Ausbildung im Klinikum Buch begonnen und sie als examinierte Krankenschwester abgeschlossen. Das war ein richtiges Fachschulstudium. Später bin ich nach Berlin gezogen, weil ich eine Familie gegründet habe. Ich habe dann in der Poliklinik der Bauarbeiter in Berlin-Marzahn gearbeitet, bis zur Wende.

Was passierte nach der Wende?
Ich bin mit einer Ärztin mitgegangen, die sich gerade selbstständig machte und war für sie als Arzthelferin tätig. Das war in Berlin- Biesdorf, 1991. Später zog ich zurück in meinen Heimatort Wandlitz. Von 1996 bis 2015 war ich in der Arztpraxis beschäftigt.

Haben Sie Ihren Schritt eigentlich schon mal bereut?
Nein. Natürlich, es gab Ängste, es lief ja nicht immer alles glatt. Und: Wir hatten so manchen Widerstand unterschätzt, der sich nach der Gründung auftat.

Woran wollen Sie künftig weiterarbeiten, gerade wenn Sie an die Anfangsschwierigkeiten in der Gründungsphase zurückdenken?
Zum einen nehme ich mir vor, noch besser mit den ortsansässigen Ärzten zusammenzuarbeiten, den gemeinsamen Fokus auf das patientenorientierte Denken und Handeln zu legen. Einfacher gesagt: Gemeinsam an einem Strang ziehen, möglichst jeder am gleichen Ende und mit der dafür nötigen positiven Einstellung auf allen Seiten agieren. Wie gesagt, ich habe da sehr gute Erfahrungen, wenn ich an die Zusammenarbeit mit meiner ehemaligen Arztpraxis denke. Gleichzeitig möchte ich mit weiteren Ärzten noch intensiver ins Gespräch kommen, zum Beispiel beim Thema Wundversorgung.

Und, haben Sie Ahnung davon?
Ich glaub‘ schon. Ich bin ja eine ausgebildete Wundmanagerin. Wenn ich einen Klienten auf der Grundlage meiner gemachten Erfahrungen versorge, verkürzt sich der Heilungsprozess wesentlich.
Ich kann das übrigens fundiert belegen. Da muss ich aber noch viel Energie und Überzeugungsarbeit in der Argumentation mit so manchem Arzt hineinlegen. Kommunikation, positive Energie, nicht nachlassen, die Argumente gegenseitig anhören und einander respektieren, auf gleicher Augenhöhe – ich glaube, das sind die richtigen Schlüssel für die Türen, die heute noch verschlossen sind.

Wie lief die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen?
Knapp formuliert: Die Maßregelung durch die Krankenkassen war gerade zu Beginn für uns eine große Hürde.

Können Sie da mal ein Beispiel nennen?
Eine Verordnung muss zum Beispiel innerhalb von drei Tagen bei der Krankenkasse vorliegen. Sonst bekomme ich keine Kostenübernahme. Das bringt viele Schwierigkeiten mit sich. Bestelle ich beim Arzt und die Schwester legt den Antrag nicht rechtzeitig zur Unterschrift vor, dann können schon mal anderthalb Tage ins Land gehen. Der Klient muss aber ebenfalls noch unterschreiben. Schließlich ‚sause‘ ich ins Büro zurück, um den Antrag sozusagen einzutüten und per Post zur Krankenkasse zu schicken. Das ist zeitlich sehr knapp gehalten. Was ich meine ist, bürokratische Procedere sollten hier noch einmal durchdacht werden. Das hilft dem Klienten, dem Pflegedienst aber auch.

Wie war denn die Unterstützung durch die Krankenkasse hinsichtlich Ihrer Einarbeitung?
Wir hätten uns da mehr Unterstützung gewünscht. Außerdem: Es gibt wenig Literatur, wo man kompakt nachlesen kann, worauf es ankommt, gerade in der Gründungsphase. Manchmal sind es ja nur die Kleinigkeiten, die aber große Wirkung haben können.

Welche?
Zum Beispiel, dass ich einen Klienten darauf hinweisen soll, dass er dem Sturzrisiko ausgesetzt ist, wenn er Pantoffeln in seiner Wohnung trägt. Ich muss ihn darüber belehren und mir das auch unterschreiben lassen. Das muss man aber alles erst einmal wissen. Dieses Wissen trägt man im Verlauf der Zeit mühsam zusammen.

Das klingt nach viel Stress und wenig Anerkennung, oder?
Naja, nicht nur. Es gibt natürlich viele schöne Dinge, die wir gerade zu Beginn erlebt haben.

Nämlich?
Wir spüren täglich, wie dankbar die Menschen sind. Sie vertrauen uns, lassen uns in ihr Leben. Das motiviert uns.
Und: Wir haben den Existenzgründerpreis 2017 bekommen – für Barnim und die Uckermark. Ausschlaggebend war wohl das enorme Wachstum im Personalbereich, womit wir ja selbst nicht gerechnet haben. Was mir in diesem Zusammenhang wichtig ist: Diese Anerkennung hat unser gesamtes Team verdient, sich hart erarbeitet.

Wer verleiht den Preis?
Dieser Gründerpreis wird vom Existenzgründernetzwerk Barnim-Uckermark verliehen und von mehreren Institutionen finanziert – den Kreisverwaltungen Barnim und Uckermark, den Sparkassen Barnim und Uckermark sowie der Stadtsparkasse Schwedt/Oder.

Was sind die Stärken Ihres Teams?
Wir kommunizieren untereinander gut.
Des Weiteren: Wir ergänzen uns mit unseren Stärken hervorragend und gleichen dabei unsere Schwächen aus. Es ist uns wichtig, dass eine gute Atmosphäre im Büro herrscht. Wir organisieren zum Beispiel jeden Morgen ein gemeinsames Frühstück. Da kann man schon mal eine ganze Reihe von Fragen besprechen, im lockeren Rahmen eben. Wir fangen Stimmungen auf und gleichen sie aus, wenn es nötig ist. Jeder Tag ist nicht gleich. Uns ist wichtig, dass sich jeder zu jeder Zeit an uns wenden kann, sei es mit fachlichen Fragen oder persönlichen Problemen. Wir helfen uns untereinander – also im Prinzip: miteinander und füreinander. Mir fällt da gerade ein schönes Beispiel ein.

Welches?
Als ein Notruf bei einem Klienten ausgelöst wurde, da standen nach fünf Minuten sechs AscuVita Autos vor der Tür und wollten helfen.

Fahren Sie selbst noch mit zum Klienten?
Ja, wir fahren ab und an mit zum Klienten, um vor Ort zu sehen, welche Themen die Mitarbeiter bewegen. Wir erfahren so gleichzeitig unmittelbar, welche Fragen, Wünsche und Bedürfnisse die Klienten und auch ihre Angehörige haben. In diesem Zusammenhang: Im Unternehmen setzen wir auf niedrige Hierarchien. Der praxisorientierte Austausch gewinnt dadurch enorm an Qualität.

Was verstehen Sie unter individueller Pflege?
Wir schauen, wo die Probleme sind. Dabei gehen wir auch auf die Angehörigen zu. Wir wollen hautnah wissen, welche spezifischen Bedürfnisse der einzelne Klient hat – physisch, psychisch, sozial. Wir bieten Lösungen an, die ganzheitlich die Bedürfnisse abdecken sollen. 
Wir erkennen auf diesem Weg gleichzeitig die Defizite in der Bereitstellung von Leistungen oder Pflegeprodukten. Wir haben zum Beispiel eine Mitarbeiterin, die sich ausschließlich um Inkontinenzprodukte, Zusatznahrung, Pflegeprodukte oder Hilfsmittel kümmert. Das spüren die Klienten und deren Angehörige und nehmen diese Unterstützung dankbar an. Außerdem: Wenn wir über individuelles Herangehen in der Pflege sprechen, dann steht das Thema der sozialen Einsamkeit bei uns ganz oben auf der Liste.

Was heißt das konkret?
Wir unternehmen mit unseren Klienten viel. Wir organisieren gemeinsame Ausflüge, gehen Eis essen, trinken gemeinsam Kaffee oder besuchen Veranstaltungen. Wir haben einen Reha-Sportverein gegründet, machen Rückenschulkurse oder organisieren autogenes Training. Zu Weihnachten sind unsere Männer als Weihnachtsmänner verkleidet zu Patienten gefahren, die allein zu Hause waren und haben selbstgebackene Kekse und kleine Geschenke überreicht.

Sie denken also vernetzt?
Ja, so kann man das sagen. Was nützt es, wenn wir über individuelle Pflege reden und es dann nicht in die Praxis umsetzen. Wir haben viel vor, wollen noch in diesem Jahr zahlreiche Projekte verwirklichen.

Was sind das noch für Projekte?
Gerade bilden wir einen Mitarbeiter zum Übungsleiter aus, der mit den Klienten vor Ort, also in deren Häuslichkeit, Mobilisierungsübungen durchführt. Wir tun viel, damit unsere zu Pflegenden und Betreuenden möglichst lange in der vertrauten häuslichen Umgebung bleiben können. Wir begleiten die Leute zum Arzt, warten dort, helfen, wenn es darum geht, die richtigen Medikamente bei der Apotheke abzuholen. Des Weiteren: Im August des vergangenen Jahres haben wir einen Mitarbeiter eingestellt, der Hausmeistertätigkeiten bei unseren Pflege-und Hilfsbedürftigen ausführt. Da geht es um das Heckenschneiden, Rasenmähen, die Lampe anbringen, Einkauf erledigen und vieles mehr.

Das ist ja wirklich eine Menge. Wie schaffen Sie das eigentlich?
Wissen Sie, wir können noch so viele Ideen haben. Wenn wir nicht so ein herausragendes Team hätten, das hier voll mitzieht, dann würde das alles nicht gehen.

Welchen Stellenwert nimmt bei Ihnen die Weiterbildung ein?
Einen hohen Stellenwert. Wir machen mit dem gesamten Team ein Tagesseminar in Erster Hilfe, der Nothilfe, und immer mit praktischen Übungen. Wir widmen uns ganz konkreten Problemstellungen.

Welche sind das?
Zum Beispiel, was erwartet die Mitarbeiterin, wenn ein Klient einen Zuckerschock hat, wenn er am Kopf verletzt ist oder jemand einen Schlaganfall hatte.
Das Thema der Demenz spielt ebenfalls eine große Rolle. Wir sprechen zum Beispiel darüber, wie wir die Angehörigen von Klienten besser unterstützen können, was sie im Umgang mit einem demenzkranken Menschen beachten sollten. Die Fachschwestern bekommen weitere gezielte Weiterbildungen – Wund- und Schmerztherapie beispielsweise.

Was spricht für Ihre Firma?
Das sind natürlich viele Faktoren, die hier eine Rolle spielen. Was für uns spricht, das ist die Tatsache, dass wir eine sehr geringe Mitarbeiterfluktuation haben. Und dabei trennen wir uns manchmal noch von einem Mitarbeiter, wenn es menschlich oder fachlich nicht passt. Wir legen viel Wert auf die Bezugspflege, sodass die Mitarbeiter möglichst zu ihren festen Klienten fahren. Nur so wissen sie im Detail, welche Wünsche und Bedürfnisse der einzelne Pflege- und Hilfsbedürftige hat. Ich glaube, unsere Stärke insgesamt ist der Umstand, dass wir die Firma zu viert in der Geschäftsleitung führen.

Wer gehört dazu?
Stefanie Claasen, Steffen Einicke, Stephan Claasen und ich. Yvonne Heinrich ist die Pflegedienstleitung. Wir sind permanent im Austausch miteinander, prüfen, was läuft, wie es läuft, entwickeln neue Ideen. Wir sind motiviert, ja glücklich in dem, was wir tun, und mit wem wir unsere Ideen umsetzen. Wir wollen dem Namen AscuVita und unserem damit verbundenen eigenen Anspruch weiter gerecht werden und stetig weiter ausbauen.

Was verstehen Sie darunter?
Ascu haben wir aus dem Symbol der Medizin – den „Äskulapstab“- herausgelöst und mit „Vita“, dem Begriff für das Leben zusammengeführt.

Was ist für Sie Glück?
Glück heißt für mich unter anderem Menschen zu helfen, ihnen ein Stück der Lebensqualität zu geben, die sie in ihrer konkreten Situation benötigen. Und das macht vor allem glücklich.

Schwester Ines, vielen Dank für das Gespräch.

DIGITAL BRINGT MANCHMAL ERINNERUNGEN IN DIR HOCH

Manchmal denke ich zurück an meine Kindheit. Wie glücklich wir waren, in Schwerin. Da bin ich die ersten Jahre aufgewachsen, bevor wir nach Dresden zogen. Das war ein Kulturschock, in jeder Hinsicht.

Mir fehlte vor allem meine Oma. Oma Martha war das Herz und die Seele in unserer Kindheit. Sie heizte morgens den Ofen an, brachte Streuselschnecken vom Bäcker mit und ließ uns vor allem um den Tisch toben, bis irgendetwas umfiel. Das war schön, besonders weil mein Vater in Berlin an seiner Doktorarbeit schrieb. Das war uns völlig egal. Hauptsache, er störte uns nicht zuhause.

Als wir in Dresden waren und die ersten Nächte nicht richtig in den Schlaf kamen, weil wir – also meine Schwester, mein Bruder und ich – so traurig waren, dass Oma Martha nicht da war, da war es für uns eine schwere Zeit. Nicht das ‚Sächsische‘ machte uns zu schaffen. Nein. Na gut, das war schon grausam genug, wie die Kinder sprachen, welche Ausdrücke sie verwendeten.
‚Baahne, du Rindvieh‘, ja so herzlich wurden wir auf der Rodelbahn aufgenommen. Für uns Norddeutsche war das wohl schon immer eine Herausforderung. Aber das verkrafteten wir  irgendwie. Doch, dass Oma Martha nicht da war, ja das war schwer.

Daran musste ich gestern denken. Wir sprachen abends über Skype mit Krümel. Ich sang wieder eines meiner Lieder vor, nicht kindgerecht, sondern „Auf der Reeperbahn“. Meine Textekenntnisse sind ja schnell am Ende und so summe und brumme ich Krümel was vor. Sie lacht beim Zuhören, verliert ihren Schnuller, weil sie den Mund öffnet. Sie juchzt und schunkelt, und sie beugt sich nach vorn. Sie prüft wohl, ob sie in den Computer hineingehen kann und bei uns dann ankommt. Leider geht das nicht. Noch nicht. Wer weiß.

Aber jetzt stell dir mal vor, ich hätte schon mit Oma Martha von Dresden aus ’skypen‘ können. Genial. Wir reden über Digital und über seine Gefahren. Ja, stimmt schon. Aber Krümel in der Woche zu erleben, obwohl sie nicht bei uns ist, das ist einfach phantastisch. Du bist irgendwie glücklich.

Heute Morgen, als ich den Computer anmachte, das Bild von Krümel sah, wie sie mich anlacht, mit ihren gerade mal zwei Mausezähnchen, das macht dich munter. Oma Martha, wir erzählen viel über dich. Ich tue das. Und dann landen wir bei Klaras Oma und Opa, die ich auch sehr mochte. Meist erzählen wir am Samstagvormittag beim Frühstück darüber. Dann merkst du, dass du Glück nicht immer so aufblasen musst. Du kannst dich auch im Kleinen freuen.

DER SCHOCK

 

Krankenhaus in Donezk. 

„Du kannst nicht mehr tanzen, dein Rücken ist kaputt. Wenn du nicht aufhörst, dann wirst du bald nicht mehr laufen können“, sagte der Arzt im Krankenzimmer zu Iana.

Sie kämpfte mit den Tränen und ihr Mund war trocken. Sie war geschockt, ihr Körper schien gelähmt vor Angst. Sollte es zu Ende sein, bevor es so richtig begonnen hatte? Und was war mit ihren Träumen von einer großen, vielleicht sogar internationalen Karriere als Ballerina?

Die Schmerzen im Rücken waren mit der Zeit immer stärker geworden. Das harte Training, die psychischen Belastungen, Magersucht – all das waren wohl die Ursachen dafür, dass es ihr so schlecht ging. Iana war verzweifelt, sie sah keinen Ausweg mehr. Keine Behandlung, keine noch so ausgefeilte Therapie schlug an, sogar die Prozedur mit den Magneten zeigte keine Wirkung. Was blieb, das waren die Schmerzen von den Bandscheiben. Die Hoffnung auf eine Genesung schwand dahin.

Iana dachte in dem Moment daran, was sie schon alles erreicht hatte. Sie tanzte bereits als festes Mitglied in der Tanz – Company. Vadim Pisarev war nicht nur der Leiter dieses Ensembles. Er war zudem ihr Förderer und ermöglichte ihr, von den Großen zu lernen, den besten Balletttänzern, die er aus der ganzen Welt nach Donezk auf die Bühne holte. Iana konnte ihnen zuschauen, wenn sie tanzten, sie beobachten und daraus viel für sich lernen. Sie nutzte jede freie Minute, um zu trainieren, schlich sich abends noch in den Übungsraum im Internat und probierte Tanzschritte, Bewegungen, immer und immer wieder.

Die Sucht danach, perfekt zu sein
Iana schaute sich die Videos ihrer großen Vorbilder an und entdeckte darauf, dass die Tänzerinnen alle dünn, ja mager aussahen. Sie wollte auch so sein.
„Ich war fanatisch, habe einfach nichts mehr gegessen. Ich habe niemand mehr gesehen, nur mich selbst“, erinnert sie sich heute an diese Zeit zurück. Hinzukam, dass Iana von einer Modelkarriere träumte.

Sie wollte darum vor allem eins sein: dünn, perfekt – wie eben die Tänzerinnen, die sie im Video sah. Das schlug in eine regelgerechte Sucht um. Das Heimweh, die Sehnsucht nach ihrer Familie, ihren Eltern, der Drang danach, keine Fehler bei sich zuzulassen, taten ein Übriges.

Das alles beeinträchtigte ihren Gesundheitszustand, führte zu ihrer Magersucht, aus der sie sich offensichtlich nicht allein befreien konnte. Sie bekam Nasenbluten, konnte nicht schlafen, war weiß im Gesicht, dachte immer ans Essen. Als sie im Krankenhaus wegen ihres Bandscheibenvorfalls behandelt werden musste, sah sie selbst dort noch eine zusätzliche Chance, weiter zu hungern, ja sogar – überhaupt nichts mehr zu essen.

Irina Pisareva – Freundin und Helferin in einer schweren Zeit
In dieser dramatischen Situation sagte Irina Pisareva – Leiterin der Ballettschule in Donezk und Ehefrau von Vadim Pisarev – zu Iana: „Gut, ich nehme dich mit zu mir nach Hause. Du wirst bei mir gesund.“ Irina Pisareva war gerade schwanger und konnte sich deshalb die Zeit für Iana nehmen.

Iana war insgesamt zwei Wochen bei ihr zu Hause. Und tatsächlich: Die Fürsorge von Irina Pisareva brachte für Iana die Wende. Faktisch peppelte sie Iana wieder hoch. Anfangs hatte Iana noch Beschwerden, wenn sie etwas zu sich genommen hatte, so entwöhnt war ihr Körper bereits.
„Ich fühlte mich vollgestopft“, sagte Iana. Aber Irina Pisareva ließ nicht locker und sorgte dafür, dass sie wieder regelmäßig aß. In dieser Zeit ging Irina Pisareva mit Iana zu einer Wahrsagerin, deren dunkle Stimme Iana Angst einflößte. Die Wahrsagerin zog ihre Augen filmreif nach oben und sagte: „Richte deine Worte an Gott und bitte ihn um Verzeihung.“ Dazu reichte sie Iana effektvoll ein Wunderwasser, sogenanntes Weihwasser. Iana schmeckte nichts, außer normales Wasser aus der Leitung.

Iana half etwas anderes, nämlich die Liebe und Fürsorge von Irina Pisareva. Und das tägliche Training. Iana übte, obwohl sie Schmerzen verspürte. Sie machte Yoga, baute Muskeln auf, um die Bandscheiben zu stabilisieren und zu entlasten. Endlich ging es ihr besser und sie konnte wieder in ihre Wohnung in Donezk zurückkehren, in der sie inzwischen mit einer Freundin aus dem Ballett wohnte.

Als Ianas Bruder Jaroslaw sie das erste Mal wieder nach diesen zwei Wochen sah, da waren seine ersten Worte zu ihr: „Na, Dickerchen!“ Es stimmte. Iana war kräftiger geworden, und es hatte ihr gut getan. Ianas Eltern hatten von alledem nichts mitbekommen – nichts von Ianas Magersucht und nichts von ihrem Rückenleiden.


„Für mich war das eine schlimme Zeit, weil ich dachte, ich könnte nie wieder tanzen, meine Karriere sei vorbei. „Ich war sehr depressiv“, erinnert sie sich heute zurück. Iana erfuhr aber auch, was echte Freundschaft und selbstlose Hilfe bewirken konnten. Sie hat Irina Pisareva deshalb für immer in ihr Herz geschlossen.

THE SHOCK

Hospital in Donetsk.
„You cannot dance anymore, your back is broken. If you do not stop, you will soon be unable to walk“, the doctor in the hospital room told Iana. She was struggling to hold back the tears and her mouth was dry. She was in shock. Her body was paralysed with fear. How could it be over before it had even really started? And what about her dreams of a great, maybe even international career as a ballerina?

The pain in her back had become stronger over time. The hard training, the mental stress, her struggle with anorexia – these were probably the reasons she felt so bad. Iana was desperate, she saw no way out. No treatment, no sophisticated therapy, even the procedure with the magnets showed no effect.

What remained was the pain from the intervertebral discs. The hope for a recovery faded away. Iana thought about what she had already achieved. She already danced as a permanent member of the dance company. Vadim Pisarev was not only the leader of this ensemble, he was also her patron and enabled her to learn from the greatest ballet dancers, who he brought from around the world to the Donetsk stage. Iana could learn a lot from watching them dance. She used every free minute to exercise, sneaking into the exercise room at boarding school in the evenings, rehearsing dance moves, over and over again. She had the desire to be perfect.

Iana watched the videos of her great role models and discovered that the dancers all looked thin, even skinny. She wanted to be like them. „I was fanatical. I just did not eat anything. I did not see anyone anymore, just myself“, she recalls today, adding that she had also dreamed of a modeling career. What she wanted to be more than anything was thin and perfect like the dancers she saw in videos. That turned into a strong addiction.

The homesickness, the longing for her family, her parents, the urge to make no mistakes made everything even worse. All this affected her health, leading to her anorexia, from which she obviously could not free herself. She got nosebleeds, could not sleep, was white in the face, and always thought about food. When she had to be treated at the hospital for her herniated disc, she saw the situation as an additional opportunity to starve herself. She ate nothing at all.

Irina Pisareva was a friend and helper during this difficult time.
Irina was the director of the Ballet School in Donetsk and wife of Vadim Pisarev. One day she told Iana, „Well, I’ll take you home with me. You will get well with me.“ Irina was pregnant and was able to stay at home and take care of Iana. Iana stayed with her for a total of two weeks. At the beginning, she had a lot of difficulty eating. „I feel stuffed“, Iana would say, but Irina never gave up on her and was able to get Iana to eat regularly again.

During this time, Irina went with Iana to a fortune-teller. Iana was afraid of the fortune-teller because she had a very dark and scary voice. „Address your words to God and ask forgiveness“, she told Iana, then she gave Iana what she called ‚miracle water‘ or ‚holy water‘. Iana did not taste anything special, only normal water.

Iana also continued some daily training through this period even though she felt pain. She did yoga in order to build muscles to stabilize the intervertebral discs. Finally Iana felt better and she was able to return to her apartment in Donetsk, where she lived with a girlfriend from the ballet.

When Iana’s brother Yaroslav saw her for the first time after these two weeks, his first words to her were, „Well, a little thick!“ It was true. Iana had become stronger, and she had done well. Through all of this, Iana’s parents had not heard about anything – nothing about Iana’s anorexia and none of her back pain.

„It was a bad time for me because I thought I would never dance again. I thought my career was over. I was very depressed,“ Iana recalls today. But she also learned what real friendship and selfless help could do. She is forever grateful for Irina Pisareva and has a very special place in her heart for her.

Weihnachten ist auch schon wieder Geschichte

Die Fortsetzung darüber, wie ich Krümel von der Kita hole, sollte längst fertig sein. Nun ist Weihnachten schon wieder vorbei. Und der Stress, den ich beim ersten Abholen von Krümel aus der Kita hatte, der ist fast schon wieder vergessen. Ich habe die richtige Kita von Krümel gefunden. Zuerst habe ich Krümel die Sachen angezogen, die dem Nachbarkind gehörten. Gott sei Dank, ich bemerkte es rechtzeitig.

Was tun?
Die fremden Sachen wieder ausziehen und die richtigen danach an. Zwischendrin hat Krümel ein Stück Kuchen gegessen. Krümel krümelte dabei mächtig. Ich suchte einen Papierkorb, fand aber keinen. Also habe ich die Kuchenreste in meine Hosentasche gestopft und sie dort vergessen. Das fiel mir auf die Füße, im wörtlichen Sinne. Nämlich, als ich abends die Hose umgekehrt auf den Bügel hängte. Später musste ich noch den richtigen Kinderwagen finden. Habe ich auch. Aber erst einmal habe ich mir den falschen Wagen gegriffen und bin damit losgefahren. Zu meiner Ehrenrettung: Ich hatte den neuen Kinderwagen noch nicht so oft gesehen. Klara kam mir entgegen und danach sind wir noch einmal zur Kita zurück. Der Erzieherin am Eingang habe ich gesagt, dass wir nun den richtigen Kinderwagen gegen den falschen austauschen müssten. Ich glaube, die wissen jetzt, wer Krümels Opa ist.

Wie ging es weiter vor Weihnachten?
Wir waren in einer Ferienwohnung in Sassnitz. Herrlich, mit Blick auf den Hafen und die Ostsee. Krümel lief in der Wohnung fröhlich umher und ich habe ihr den Hafen gezeigt: „Hier, Krümel, du siehst auf etwas, was dich immer glücklich machen wird, nämlich der Blick auf das Wasser.“ Krümel hat ihre Wange kurz an meine gelehnt. Dann wollte sie wieder schnell runter vom Arm und um den Tisch sausen, bis sie die Fernbedienung vom Fernsehapparat entdeckte. Heiligabend sind wir zurückgefahren. Ich habe in Mukran noch kurz gehalten, bin an den Strand gelaufen, habe über das Wasser geschaut und dann ging es zurück nach Brandenburg. Die Autobahnen waren leer. Krümel schlief zuerst, dann Laura, dann Klara. Ich traute mich nicht einmal meine übliche „Pinkelpause“ zu machen.
Naja, musste eben ohne gehen.

Bescherung.
Viel zu viel Geschenke für Krümel. Am nächsten Tag fuhr sie auf dem kleinen Rad aus Holz, stieg ab, holte im Vorbeilaufen ein paar Videos aus dem Schrank, die nach unten fielen und drückte dann auf den Knopf der neuen Holzeisenbahn. Die tutete und schnaubte wie ein Zug, der im verschneiten Sibirien unterwegs war. Nebenher lief der Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Klara war in der Küche. Es duftete herrlich. Laura war bei ihr. Ich saß im Sessel und versuchte im Chaos den Überblick zu wahren. „Du kannst Mama ruhig helfen, Papa“, rief Laura. „Würd‘ ich gern. Aber ich muss Krümel im Blick behalten.“
Krümel sauste auf mich zu, wollte auf den Arm genommen werden und rutschte gleich wieder runter. Jetzt ist Weihnachten vorbei. Krümel und Laura sind wieder zuhause. Klara ist arbeiten. Ich habe meine Ruhe. Ich sitz‘ am Schreibtisch, kann was schaffen. Doch ich krieg‘ Entzugserscheinungen. Chaos ist besser.

AUFSTEHEN, KINDER

Maja Iwanowna schnaufte den Flur entlang. Sie war die Nanny und für alles verantwortlich, was den Tagesablauf der Internatskinder betraf. Faktisch war sie die Ersatzmutter für die meisten der heranwachsenden Ballettschülerinnen und Ballettschüler in Donezk.
„Guten Morgen Kinder, es ist soweit, aufstehen.“
Die Stimme der Nanny ließ keinen Zweifel daran: Die Nacht war vorbei.
Iana zog sich die Decke über den Kopf, drehte sich auf die andere Seite und kniff die Augen zusammen, damit sie nicht dem grellen Licht ausgesetzt war.

„Iana, du brauchst dich gar nicht noch einmal einzukuscheln. Es geht gleich zum Frühstück.“ Iana antwortete nicht darauf, was die Nanny sagte, sondern setzte sich im Bett hin und hielt die Augen immer noch geschlossen.

Sie ließ sich langsam vom Bett rutschen, wandte sich ihrem Schrank zu und holte ein frisches Handtuch heraus. Dann schlurfte sie langsam in Richtung Waschbecken und blieb stehen. Obwohl sie nur wenige Mädchen waren, drängten sich dort morgens alle und so musste Iana warten. Schließlich drehte sie den Wasserhahn auf, betupfte das Gesicht, die Arme und den Oberkörper.

„Pass auf, dass du nicht zu viel Wasser abbekommst“, sagte Maja Iwanowna. Iana hatte gar nicht bemerkt, dass die Nanny noch im Zimmer war.
Sprechen wollte sie zu dieser frühen Zeit noch nicht, also ließ sie spöttische Bemerkung der Nanny unbeantwortet.

„Kinder, jetzt beeilt euch doch ein bisschen. Wer fertig ist, geht bitte zum Frühstück.“

Im Speisesaal saßen schon ein paar Jungs und hatten bereits mit dem Frühstück begonnen. Es gab Tee, Brot, Kascha, Marmelade. Wer wollte, konnte ein Spiegelei bekommen. Iana brach ein wenig vom Brot ab und strich Marmelade drauf. Sie kaute langsam, war aber trotzdem meistens als erste mit dem Essen fertig. Manchmal brachte sie den Jungs ihren Teller rüber. Die freuten sich über eine zusätzliche Ration zu ihrem Frühstück.

„So, in zehn Minuten beginnt die Schule. Also beeilt euch“, rief Maja Iwanowna. Auf dem Stundenplan stand für die erste Stunde Englisch.
„What‘s your dream, Iana?“, fragte die Lehrerin.
Iana träumte gern. Doch dafür war es an dem Tag einfach noch zu früh.

GET UP, CHILDREN

Maya Ivanovna struggled down the hall. She was the nanny and responsible for everything that affected the daily routine of the school children.
In fact, she was the surrogate mother to most of the growing ballet students in Donetsk.
„Good morning, children, it’s time to get up.“
The voice of the nanny left no doubt about it: the night was over. Iana pulled the blanket over her head, turned to the other side, and squeezed her eyes so she would not be exposed to the bright light.

„Iana, you don’t need to snuggle up again. It’s almost time for breakfast.“
Iana did not answer to what the nanny said, but sat up in bed and kept her eyes closed. She slides herself off the bed, turned to her closet, and pulled out a fresh towel.
Then she shuffled slowly towards the sink and stopped. Although they were only a few girls, everyone was crowded in the morning and so Iana had to wait.
Finally, she turned on the tap, dabbed her face, arms, and torso.

„Take care that you do not get too much water, “ said Maja Ivanovna.
Iana had not noticed that the nanny was still in the room. She didn’t want to speak at this early time, so she let the nanny’s mocking comment unanswered.

„Kids, hurry up a bit. If you’re done, please go to breakfast.“

In the dining room sat a few guys and had already started the breakfast.There was tea, bread, kasha, jam.
Anyone who wanted could get a fried egg.
Iana broke off a little bit of bread and ate with jam on it. She chewed slowly, but most of the time she was the first to finish eating.
Sometimes she brought the plates over to the boys. They were happy about an additional ration to their breakfast.

„So, in ten minutes the school starts. So hurry up, “ Maya Ivanovna called out. English was on the timetable for the first hour.
„What’s your dream, Iana?“ the teacher asked. Iana liked to dream. But it was just too early that day.

MARIAN IST KAMMERTÄNZER

Kammertänzer ist eine Auszeichnung, die Künstlern für ihre herausragenden tänzerischen Leistungen verliehen wird.

Der Berliner Senat vergibt diesen Titel wohl eher selten. Im vergangenen Jahr war es Michael Banzhaf, der ihn für sein künstlerisches Schaffen erhielt.

Vladimir Malakov erhielt ihn 2014.

Loyalität, Bescheidenheit und Hingabe an  die Kunst, diese Worte kamen gestern in der Laudatio vor.

Wir haben gestern zunächst einmal die Aufführung von „La Bayadère“ in derStaatsoper genossen- mit Marian Walter in der Hauptrolle.

Natürlich: Es gibt Bessere, die deine künstlerischen Leistungen einschätzen können, lieber Marian.

Und trotzdem, wenn ich es in der Hand gehabt hätte, jemanden für diese Ehrung vorzuschlagen, du wärst mir als erster eingefallen.

Warum?

Weil du – und zwar obwohl du über solche herausragenden tänzerischen Fähigkeiten verfügst – ein ganz bescheidener, sensibler Mensch bist, der zuhören kann und mit dem es im Alltag Spaß macht, humorvoll umzugehen.

Ich gönne deiner Mutter und deiner Tante diese Auszeichnung ebenfalls von Herzen.  Sie haben gestern beide gleichermaßen  mitgefiebert  und wohl kaum jemand hat sich im Saal so gefreut wie diese beiden Menschen, die dich lieben.

Iana ist dein großes Vorbild. Das weiß ich. Sie hat gestern mit dir mitgelitten.

„Schatz, ich liebe dich“, von der Bühne aus deinem Munde zu hören, was kann es für sie noch Schöneres  geben?

Der Titel ist fantastisch. Die Auszeichnung tut dir gut.

Vor allem: Sie bietet dir die Möglichkeit kurz innezuhalten, darüber nachzudenken, von welchem Reichtum du wirklich umgeben bist.

Herzlichen Glückwunsch, lieber Marian.

DER ERSTE KUSS

Der erste Tag ging in Donezk zu Ende. Iana lag in ihrem neuen Bett, in dem Zimmer, in dem sie nun viele Monate wohnen würde.

„Schlaft gut, Kinder“, rief die Nanny undschaltete das Licht aus. Iana konnte nicht einschlafen. Sie dachte an ihren Vater,  der sie und Jaroslaw hierher begleitet hatte.

Nur, dieses Mal fuhr er allein zurück.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Es wird alles gut“, sagte die Nanny zu Anatoli.

Der nickte stumm und schluckte. Er hatte Mühe, seine Tränen zurückzuhalten. So sehr er es sich wünschte, dass seine Yanochka ihren Traum leben konnte, so sehr kämpfte er mit den Tränen.

Iana wälzte sich im Bett hin und her. Sie war glücklich und traurig zugleich.

 Sie kuschelte sich in ihre Decke. Plötzlich tauchteAlexander in ihren Gedanken auf.

Alexander – Ianas Jugendliebe

Ihre Jugendliebe. Sie war 13 und er 14 Jahre alt.

Sie sahen sich das erste Mal in der Kiewer Ballettakademie. Alexander schaute oft zu ihr herüber. Er stand mit seiner Clique in der Pause auf dem Schulhof. Ab und an kreuzten sich ihre Blicke, wie zufällig eben.

Es war elektrisierend. Wie von Geisterhand stand von beiden Seiten im Raum: „Ich mag dich. Und ich mag dich auch.“

Alexander war ein hübscher Junge. Seine dunkelschwarzen Augenbrauen und die blauen Augen hatten es Iana angetan. SeineHaare waren blond gefärbt. Er sah für Iana aus, wie Leonardo DiCaprio, seinKörper muskulös und männlich.

Alexander redete nicht viel, wirkte cool, wenn er im Kreise seiner Freunde war.

Iana saß im Mathematikunterricht. Plötzlich drehte sich auf der Schulbank vor ihr der Junge um und schob ihr einen Zettel zu.

Iana blickte auf und schaute direkt in das Gesicht von Alexander, der ganz vorn in der Schulreihe saß. Er hatte den Zettel geschrieben und ihn ganz nach hinten zu Iana durchreichen lassen.

„Willst du mit mir gehen?“, stand auf dem Zettel, den Iana auseinanderfaltete. Behutsam, so dass es die Lehrerin nicht sah.

Iana kam nach Hause, schmiss sich aufs Bett und starrte an die Decke.

„Ich bin verliebt“, dachte sie und war glücklich.

Aber es passierte trotzdem nicht viel.

Und wieder schrieb Alexander ihr einen Zettel, auf dem die gleichen Worte standen: „Willst du mit mir gehen?“

Iana antwortete darauf nicht. Doch in ihren Augenkonnte Alexander  ablesen: „Ja, ich will.“

Der flüchtige Kuss in der Kiewer Oper

Es war wieder ein Monat vergangen.

„Willst du nicht mit meinen Freunden auf den obersten Rang gehen? Wir schauen uns von dort aus die Vorstellung an.“

„Ja“, antwortete Iana gleich. Sie fühlte sich dabeisicher, denn sie war immer mehr mit Jungs zusammen, als mit Mädchen. Schon allein, weil sie mit vier Brüdern aufgewachsen war.

Jeden Tag hatten sich Alexander und Iana in der Oper gesehen.

Aber noch nie war es dazugekommen, dass sich beide berührt hatten.

Im Rang oben, in einer dunklen Ecke saßen die Jungs und Iana. Neben ihr war Alexander. Vorsichtig legte er den Arm um Ianas Schulter.

Mit eindeutigen Blicken gab er seinen Freunden zu verstehen, dass sie sich aus dem Staub machen sollten. Wortlos und leise verließen diese die Ecke.

Alexander beugte sich nach vorn und berührte Ianas Wange. Er suchte ihre Lippen. Sie berührten sich.

Und sie küssten sich. Ein wohliges und kribbliges Gefühl kam in Iana hoch.

„Das sollte nie aufhören“, dachte Iana.

Aber es sollte sich nicht wiederholen. Noch immer litt sie darunter, dass ein junger Student versucht hatte, sie in einem Fahrstuhl zu missbrauchen.

Also küsste Iana Alexander zurück, aber sie öffnete nicht den Mund für seine Zunge.

„Ich will dich nach Hause bringen. Ich will nicht, dass du alleine gehst“, sagte Alexander danach.

Er war bis über beide Ohren verliebt.

 „Wir können gute Freunde sein, aber nicht mehr“, sagte Iana zu ihm.

Trotzdem ließ sich Alexander den Namen von seinerLiebe auf den Arm schreiben. Er trank und fing an zu rauchen. So verzweifelt war er, dass Iana ihn nicht gänzlich erhörte.

Iana drehte sich in Donezk im Bett auf die andereSeite.

„Es war schön mit ihm“, war ihr letzter Gedanke, bevor sie sanft einschlief.

THE FIRST KISS

The first day came to an end in Donetsk. Iana was in her new bed, in the room where she would live now for many months.

“Sleep well, children”, the Nanny said and switchedoff the lights. Iana could not sleep.  Thinking of her father, who hadaccompanied her and Jaroslaw here.Only,this time he went back alone.

“Don’t worry. Everything will be alright, ” the nanny said to Anatoli.

He nodded silently and swallowed. He was fighting keeping back his tears. As much as he wished that his Yanochka could live her dream, so much he had to fight with tears.

Iana rolled back and forth in her bed. She was happy and sad at the same time.

She snuggled into her blanket. Suddenly, Alexanderappeared in her thoughts.

Alexander – Iana’s childhood love

Her childhood love. She was 13 and he was 14 years old.

They met for the first time in the Kiev BalletAcademy. Alexander often looked over at her. He stood with his clique in thebreak on the schoolyard. From time to time their eyes crossed, just unexpectedly.

It was electrifying. As if by magic. Like both sides said into the room,

„I like you. And I like you too.“

Alexander was a handsome boy. His dark black eyebrows and blue eyes made Iana crazy. His hair was dyed blond. He looked for Iana like Leonardo DiCaprio, his body muscular and manly.

Alexander did not talk much, seemed cool when hewas in the company of his friends.

Iana was in mathematics class. Suddenly, the boy turned around on the school bench in front of her and gave her a note.

Iana looked up and looked straight into the face of Alexander, who was sitting in the front row of the school. He had written the note and let it pass all the way back to Iana.

„Do you want to go with me?“

Was written on the note that Iana unfolded, careful so that the teacher did not see it.

Iana came home, threw herself on the bed and stared at the ceiling.

 She thought, „I’m in love, “ and washappy.

But it did not happen much.

And again Alexander wrote her a note with the same words:

„Will you go with me?“

Iana did not answer. But in her eyes Alexandercould read: „Yes, I want.“

The fleeting kiss in the Kiev Opera

Another month had been passed.

„Don’t you want to go to the top balcony withmy friends? We’ll watch the show from there.“

„Yes,“ Iana answered immediately. Shefelt safe, because she was more with boys than with girls. Specially becauseshe grew up with four brothers.

Every day Alexander and Iana had seen each other at the opera.

But it never had been happened that both would touched each other.

Up in the rank, in a dark corner sat the boys and Iana. Next to her was Alexander. Carefully, he put his arm around Iana’s shoulder.

With clear eyes he made his friends understand that they should make themselves disappear. Silently and quietly they left the corner.

Alexander leaned forward and touched Iana’s cheek.He searched her lips. They touched each other.

And they kissed. A pleasant and tense feeling came up in Iana.

„That should never stop, ” thought Iana.

But it would not be repeated. She was still suffering from a young student trying to abuse her in an elevator.

So Iana kissed Alexander back, but she didn’t let it get to a french kiss.

„I want to bring you home. I do not want youto go alone, ” Alexander said afterwards.

He was in love up to his ears.

 „We can be good friends, but not more, ”Iana told him.

Nevertheless, Alexander cut the name of his love Iana into his arm. He drank and started smoking. He was so desperate that Iana did not hear him completely.

Iana turned in bed in Donetsk on the other side.

„It was nice with him, ”  was her last thought,before she fell asleep gently.

Adelheid Aldinger – ein besonderer Mensch

Adelheid Aldinger schrieb mir vor einiger Zeit in einer persönlichen Botschaft: „Komm doch mal vorbei, wir haben am 15. Dezember unsere Weihnachtsfeier“. So erinnere ich mich jedenfalls.

In den vergangenen Jahren hatte ich immer wieder abgesagt. Ausgerechnet dieses Jahr ist an diesem Tag eine Galaveranstaltung in der Staatsoper. Gute Freunde haben mich eingeladen.
Ich konnte also wieder nicht nach Altlandsberg kommen.
Adelheid blieb trotzdem dran und lud mich gestern zum Weihnachtskaffee ein. Sie hatte den Tisch gedeckt. Es war Kaffee da, Lebkuchen und Topfkuchen.

„Wir haben uns bestimmt zwei Jahre nicht gesehen“, sage ich zu ihr.
„Vier Jahre sind das her“, korrigiert sie mich.
Ich kann es gar nicht glauben. Sollte das schon wieder so lange her sein?
Damals hatte ich einen kleinen Beitrag über den Verein geschrieben.

„Wie geht es dir?“, frage ich sie. Sie sieht gut aus, strahlt über das Gesicht und ist fröhlich.
„Ich habe eine Medaille bekommen.“

„Was für eine?“
Ich wusste schon ein wenig, weil sie es angedeutet hatte. Dann holt sie die Dokumente raus.
Auf dem Tisch liegt die Urkunde, unterzeichnet von der Präsidentin des Landtages Brandenburg, Britta Stark.
„Donnerwetter“, sage ich und staune.

Dann lese ich: „…für besondere Verdienste als Gründungsmitglied und für …herausragendes Engagement im Verein ‚Helfen hilft‘ e.V.“

Daneben liegt die Medaille des Landtages Brandenburg „…zur Anerkennung von Verdiensten für das Gemeinwesen am 20. April 2018…“
„Das ist eine hohe Auszeichnung. Die kriegst nicht mal eben so“, sage ich daraufhin zu ihr.

Sie schaut mich an: „Meint der das ehrlich?“, scheint sie sich zu fragen.
Und wie ehrlich ich es meine. Es gibt wenige, denen ich es von Herzen gönne, und die es auch kraft eigener Leistungen verdient haben.

Im Anschluss lese ich die Laudatio von der Landtagsabgeordneten Jutta Lieske. Sie ist wunderbar geschrieben, geht ans Herz. Ich lese sie laut, um meine Aufregung zu verbergen.

Es ist gut, dass es mal so eine positive Aufregung gibt.
Adelheid, die würde für sich persönlich so etwas nie erwarten.
Adelheid erzählt mir, während ich schon wieder ein zweites Stück Kuchen herunternehme, wie sie sich ärgert, weil es so langsam vorwärts geht, in einem Jobcenter.
Die meisten denken an dieser Stelle: „Klar, das regt doch jeden auf, wenn es ihn betrifft.“

Aber es betrifft nicht Adelheid Aldinger. Nein. Sie setzt sich mal gerade wieder für andere Menschen ein, dafür, dass es rechtzeitig klappt mit der Bewilligung von Geldern.

„Stell‘ dir mal vor, was wir schon alles unternommen haben.“
Ich kann mir das vorstellen. Adelheid hat die Auszeichnung schon wieder beiseitegelegt und denkt daran, was sie noch alles vor Weihnachten bewegen muss – für andere Menschen, die sie um Hilfe ansprechen.

„Was glaubst du, wie ich mich gefreut habe“, dass die bulgarische Familie sich hier so gut eingelebt hat und wir ein wenig mit Rat und Tat zur Seite stehen konnten?“

So richtig kannst du dir das nicht vorstellen. Wie viel Energie das kostet, wieviel Leidenschaft, ja sogar Kampfesmut – und alles für andere Menschen.
Ich bekomme immer mehr ein schlechtes Gewissen. Warum? Weil ich doch die meiste Zeit an mich denke. Wie ich mit dem Schreiben klar komme, was noch zu tun ist.

Ja aber, das macht ja Adelheid auch noch, das eigene Leben bewältigen. Nebenbei, denn die meiste Zeit sorgt sie sich ja um die anderen Menschen.
Adelheid hatte keine leichte Kindheit. Andere wären daran zerbrochen. Sie aber hat negative Erfahrungen in positiven Lebensmut umgemünzt.

Ich rutsche auf dem Stuhl hin – und her. Ich muss in die Kita nach Berlin. Meine Enkelin abholen. Aber ich kriege es nicht fertig aufzustehen und zu gehen, ohne zu fragen, was ich tun könnte.

„Wenn du mal eine Lesung machst mit deinen kleinen Geschichten, die du schreibst, ja das wäre schön.“
„Meinst du wirklich, dass das jemand interessiert?“, versuche ich mich schon wieder herauszudrehen.

„Ja, wir könnten das im März nächsten Jahres machen, zum Frauentag zum Beispiel.“
Ich sage zu. Selbst wenn es nicht so humorvoll wird, wie es sich vielleicht Adelheid Aldinger erhofft, ich tue auf jeden Fall was für die Gemeinschaft.
Ich habe schon viele Menschen kennengelernt. Menschen. Das bleibt ja nicht aus. Besonders dann nicht, wenn du für sie wirklich interessierst.
Adelheid Aldinger gehört zu denen, die ich wirklich schätze.

Deshalb möchte ich dir an dieser Stelle sagen, liebe Adelheid:
„Danke für die Einladung gestern, deine herzliche Gastfreundschaft, dein Vertrauen. Und: dafür, dass ich sagen darf, dass du zu meinem Freundeskreis zählst!“
„Helfen hilft“ – der Name eines Vereins. Ein kleiner Verein. Groß und großartig in dem, was er tut. Ich habe nicht oft einen Hut auf. Trotzdem ziehe ich ihn jetzt, symbolisch eben.

Wie ich Krümel das erste Mal vom Kindergarten abholte

Sonst war Krümel schon in der Wohnung, wenn ich sie betreut habe. Aber vorgestern, da sollte ich sie vom Kindergarten abholen.

„Weißt du, wie du da hinkommst, Papa?“, fragte mich Laura.

„Ja“, sag mir nur wie der Name der Kita ist.

„Pusteblume.“

Und weiter: „Du gehst direkt unten bei uns am Spielplatz vorbei.“

„Warum kann ich mit dem Auto nicht dort direkt hinfahren?“

„Kannst du auch. Aber laufen tut dir doch auch mal gut, oder? Außerdem kannst du dann Krümel ein bisschen den Kinderwagen auf dem Rückweg schieben lassen.“

„Ja, ist gut. Da ist was dran.“

„Jetzt, Papa, pass gut auf, damit du nichts vergisst!“

„Sind wir hier in der Schule? Und wer ist hier eigentlich der Schüler und wer die Lehrerin?“

„Papa, in der Reihenfolge. Du hast die Frage gerade selbst beantwortet.“

„Gut, dann sag‘ mal an. Aber warte mal. Ich mach‘ gleich mal mein iPhone auf. Da schreibe ich alles rein.“

„Hoffentlich findest du das auch wieder.“

„Denkst du, du kannst nur digital?“

„Ich bin da auch fit.“

Schweigen. Laura antwortet nicht.

„Und wieso hast du mich denn angerufen, als du wieder mal dein Passwort nicht gefunden hast?“, fragt sie.

„Das war etwas völlig anderes. Lass uns anfangen“, sage ich.

„Ach so, bevor ich es vergesse“, werfe ich noch ein: Wie war noch der Name der Kita?“

„Pusteblume! Papa.“

„Warum klingst du so genervt. Man wird doch noch mal fragen dürfen.“

„Ja, aber nicht fünfmal!“

„Warum eigentlich nicht?“

„Papa. Du sagst mir immer, ich soll mich konzentrieren, alles aufschreiben. Schreiben strukturiert das Denken.“

„Das soll ich gesagt haben?“

„‘Jahaa‘ Können wir jetzt anfangen?“

„Ich bin bereit.“

„Du gehst am Spielplatz vorbei, dann die Straße runter, überquerst sie, hältst dich links.“

„Ach, das weiß ich doch“, sage ich.

„Gut, Papa, dann jetzt zu den Sachen.“

„Ja, bitte.“

Laura spricht von einem roten Schal, einer Brotbüchse, einer Wickeltasche, von Schuhen, einem Rucksack, blau-rot.

„Nicht so schnell. Ich schreibe zwar mit 10 Fingern auf der Tastatur. Aber nicht auf dem Telefon. Da passt immer nur einer meiner Wurstfinger drauf. Meist reicht der Daumen auch noch bis zum Nachbarbuchstaben.“

Endlich hatte ich alles aufgeschrieben. Ich fühlte mich gut vorbereitet.

 

Nächster Tag. Der Tag der Wahrheit

Ich habe das Auto abgestellt und bin auf dem Weg zur Kita, am Spielplatz vorbei, die Straße runter.

Wie sollte ich mich dann halten? Links oder rechts?

Mir lief der Schweiß, weil ich schnell gegangen war. Es war aber kalt und es wehte ein ziemlich starker Wind.

Den Mantel hatte ich zu Hause vergessen. Ich war zu aufgeregt.

Ich schaute mich. Eine junge Frau kam mir entgegen.

Die muss das wissen. Die ist bestimmt auch Mutter, dachte ich.

„Bitte entschuldigen Sie, können Sie mir vielleicht sagen, wo es hier zum Kindergarten geht?“

„Welchen meinen Sie?“

„Gibt’s hier mehrere?“

„Ja, natürlich.“

„Mohnblume.“

„Mohnblume?“

„Die Kita gibt‘ s hier nicht.“

„Nein?“

„Nein!“

„Vielen Dank trotzdem.“

Warum hatte ich mir das nicht aufgeschrieben?

Ich schaute auf die Uhr. Panik kam in mir auf.

Fortsetzung folgt.

 

 

 

 

 

 

Der erste Tag in der Ballettschule von Donezk

Die Diensthabende am Schuleingang erwartete bereits Iana, zusammen mit ihrem Bruder Jaroslav und ihrem Vater Anatoli.

„Herzlich willkommen. Unsere Schulleiterin ist informiert, dass Sie heute kommen. Bitte hier entlang.“

Die Direktorin war jung, hübsch und lächelte alle drei an.

„Bitte kommen Sie, ich zeige Ihnen alles“, sagte sie nach der Begrüßung.

Iana sah zum ersten Mal ihr Zimmer, in dem sie für viele Wochen und Monate wohnen sollte.

Jede Zimmerbewohnerin hatte eine kleine Ecke, die sie für private Zwecke nutzen konnte. Ein kleiner schwarzer Schrank musste für die persönlichen Sachen und die Garderobe reichen.

„Müssen wir in der Schule Ukrainisch sprechen, so wie es 1996 vom Staat verordnet wurde?“, fragte Iana die Schulleiterin.

„Du meinst, weil es seit vorigem Jahr  die offizielle Landessprache in der Ukraine ist?“

„Ja.“

„Nein, der Schulunterricht wird in Russisch abgehalten.“

Iana atmete auf. Sie war mit der russischen Sprache aufgewachsen. Ihre Eltern sprachen russisch, ihre Oma, ihre Brüder, ihre Freunde.

Später gingen alle drei über den Hof auf die andere Straßenseite, in das Gebäude, indem Vadim Pisarev residierte und die Ballett-Company leitete.

Dazu gehörte die Ballettschule, der Ort also, in dem Iana künftig viel Zeit verbringen würde.

 Iriana Pisareva – die Seele der Ballettschule

„Mein Name ist Irina Pisareva und ich leite die Ballettschule.“

Und bevor noch jemand etwas sagen konnte, fuhr sie fort:

„Vadim ist mein Bruder. Er kümmert sich um die künstlerische Leitung der Company. Ich nehme ihm die Arbeit hier ab, bin für alle Fragen in der Ballettschule zuständig.“

Sie blickte alle drei freundlich an, hatte zudem eine rundliche Figur und sie machte nicht den Eindruck einer durchtrainierten Tänzerin.“

Iana gefiel das. Es nahm ihr irgendwie den inneren Druck, den sie während des Vorstellungsgespräches verspürte.

„Möchte noch jemand ein Stück Kuchen?“, schaute Irina Pisareva in die Runde.

„Ja, mir können Sie noch eins geben und Tee bitte auch!“, meldete sich Jaroslaw.

Für ihn war die Sache gelaufen. Er würde hier schon seinen Weg gehen.

Und so blieb er vor allem ruhig. Nur einmal, als die Schulleiterin bei der Besichtigung der Unterkünfte ankündigte, dass jeder eine Nanny bekommen würde, die auf sie aufpassen sollte und die Verantwortung für die Kinder trug, da meldete er sich zu Wort: „Wozu eine Nanny? Für meine Schwester, gut. Aber ich? Ich bin schon erwachsen, kann für mich allein aufpassen.“

Anatoli beugte sich in dem Moment zu seinem Sohn vor und flüsterte ihm ins Ohr: „Du bist 15 Jahre alt und machst, was dir hier gesagt wird. Hast du das verstanden?“

Jaroslaw nickte stumm.

 Grand – Pas de deux

„So, wir möchten jetzt gern sehen, wie ihr beide tanzt, du und dein Bruder“, sagte unvermittelt Irina Pisareva.

Iana wirkte wie elektrisiert: „Ich bin doch gar nicht aufgewärmt. Ich kann das nicht.“

„Das schaffst du schon“, beruhigte Irina Pisareva sie.

„Bitte zieht euch um und Iana, vergiss die Spitzenschuhe nicht.“

Jaroslaw tanzte als erster. Einen Gopak, einen ukrainischen Spitzentanz.

Er tanzte sicher und leichtfüßig. Das Talent hatte er von seinem Vater geerbt. So wie Iana.

Jaroslaw war sehr ehrgeizig. Zuhause, da drehte er das Radio auf und tanzte zur Musik, drehte sich im Kreis, immer und immer wieder.

„Kannst du das auch?“, rief er dann Iana zu.

Die antwortete nicht, sondern drehte sich stattdessen im Kreis.

Es war ein ständiger Wettbewerb zwischen den beiden entbrannt.

Jetzt war Iana mit dem Vortanzen dran. Sie tanzte, stoppte, war verzweifelt, nicht zufrieden.

Danach tanzten beide Geschwister zusammen, einen Grand – Pas de deux, das Duett einer Tänzerin und eines Tänzers.

Sie tanzten sich durch die einzelnen Etappen hindurch – Entrèe, Adagio. Dazu die jeweiligen Variationen von Iana und Jaroslaw und schließlich zum Abschluss die Coda.

„Prima!“, sagte Irina Pisareva zufrieden.

„Ihr seid beide in die Schule aufgenommen“.

„Du hast getanzt wie eine Schnecke, nur noch langsamer“.

Du musst noch viel lernen,  Iana

Während Jaroslaw das sagte, strotzte er nur so vor Selbstbewusstsein und Iana schaute geknickt drein.

Anatoli blickte nicht begeistert zu Iana herüber. Er war von seiner Tochter enttäuscht.

„Nun gut, ihr habt beide bestanden, wir müssen nur ganz wenig Kostgeld bezahlen und ihr könnt hier viel lernen“, sagte er dann nach einer Weile.

Sie verabschiedeten sich von Irina Pisareva und fuhren zurück zum Bahnhof.

Anatoli packte im Zug die Piroschki zum Abendessen aus und Jaroslaw langte als erster zu.

„Du musst noch viel üben, um lockerer zu werden“, sagte er kauend und mit vollgestopften Backen zu Iana.

Sie antwortete ihm nicht. Sie war trotzdem glücklich. Nach dem Weihnachtsfest konnten sie ihre langersehnte Ausbildung in Donezk beginnen.

 The first day at the ballet school of Donetsk

The servant at the school entrance was already waiting for Iana, together with her brother Jaroslav and her father Anatoli.

„Welcome. Our headmistress is informed that you are coming today. This way please.“

The director was young, pretty, and smiled at all three of them.

„Please come, I’ll show you everything,“ she said after the welcome.

Iana saw her room for the first time, where she will live for many weeks and months.

Each roommate had a small corner that she could use for private purposes. A small black cabinet had to be enough for the personal belongings and the wardrobe.

„Do we have to speak Ukrainian at school as it was ordained by the state in 1996?“, Iana asked the Headmistress.

„You mean because it’s the official language in Ukraine since last year?“

„Yes.“

„No, the lessons are given in Russian.“

Iana breathed. She grew up with the Russian language. Her parents spoke Russian, her grandma, her brothers, her friends.

Later, all three walked across the courtyard to the other side of the street, into the building, where Vadim Pisarev resided and ran the Ballet Company.

This included the ballet school, the place where Iana would spend a lot of time in the future.

 Iriana Pisareva – the soul of the ballet school

„My name is Irina Pisareva and I run the ballet school.“

And before anyone could say anything, she went on:

„Vadim is my brother. He takes care of the artistic direction of the company. I take his work off here, I’m responsible for all questions in the ballet school. “

She looked friendly at all three , her figure was plump and she did not give the impression of a well-trained dancer.

Iana liked that. It somehow took away the inner pressure she felt during the interview.

„Anyone else want a piece of cake?“, Irina Pisareva looked around.

„Yes, you can give me one more and tea as well, please!“,Yaroslav answered.

For him it was very clear. He would go his way here.

And so he remained calm above everybody else. Only once, when the headmistress announced that everyone would get a nanny to take care of them and take responsibility for the children, he said, „Why a nanny? For my sister, good. But me. I’m already grown up, I can take care of myself alone “

Anatoli leaned forward to his son and whispered in his ear: „You are 15 years old and do what you are told here. Did you understand that?“

Yaroslav nodded silently.

 Grand – Pas de deux

„Well, we’d like to see you both dancing now, you and your brother,“ Irina Pisareva said suddenly.

Iana looked electrified: „I’m not warmed up. I can’t .“

„You can do that,“ Irina Pisareva reassured her.

„Please change, and Iana do not forget the pointe shoes.“

Yaroslav danced first. A gopak, a top Ukrainian dance.

He danced confident and light. He got the talent from his father. Like Iana.

Yaroslav was very ambitious. At home, he turned on the radio and danced to the music, spinning in circles, over and over again.

„Can you do that too?“ He shouted to Iana.

She did not answer, but instead turned in a circle.

There was a constant competition between the two.

Now it was Iana’s turn to do the audition. She danced, stopped, was desperate, not satisfied.

After that both siblings danced together, a grand – pas de deux, the duet of two dancers.

They danced through the whole pas de deux – Entrèe, Adagio. In addition the respective variations of Iana and Jaroslaw and finally the Coda.

„Great!“ Irina Pisareva said with satisfaction.

„You both have been admitted to school“.

„You danced like a snail, only slower“.

 You still have a lot to learn, Iana

While Jaroslaw said that, he was full of self-confidence and Iana looked miserably down.

Anatoli did not look  very enthusiastically over at Iana. He was disappointed with his daughter.

„Well, you both passed, we only have to pay very little money and you can learn a lot here,“ he said after a while.

They said goodbye to Irina Pisareva and drove back to the station.

Anatoli grabbed the Piroshki for dinner on the train and Jaroslaw was the first to grab some.

„You still have to practice a lot to get relaxed,” he said, chewing and packing his cheeks to Iana.

She did not answer him. She was happy anyway. After Christmas they could start their long-awaited education in Donetsk.

 

 

 

 

 

 

 

Ich freue mich – im Stillen eben

Der Tag beginnt wie immer. Vier Uhr aufstehen, Frühstück, Zeitung lesen.

„Marian wird Berliner Kammertänzer“, sagt Klara zu mir.

„Weiß ich. Wir sind doch am 15. Dezember dabei.“

„Ja, aber hier steht es in der Zeitung, von heute.“

„Wo?“

„Im Feuilleton.“

„Wie soll ich das lesen?“, wenn du mir schon am frühen Morgen die Zeitung wegnimmst?“

„Sonst fragst du nie danach“, sagt Klara und reicht mir den Teil wieder rüber. Sie hat Angst, dass sie die Seite mit dem ‚Sudoku-Rätsel‘ vergisst und sich in der S-Bahn langweilt.

„Jetzt fass doch nicht mit deinen fettigen Fingern auf die Zeitung. Was sollen denn die Leute in der Bahn denken, wenn ich den Teil aufschlage?“

„Woher soll ich das wissen“, sage ich und knittere mir die Seite ungerührt zurecht.

Da steht es: „Marian Walter wird Berliner Kammertänzer.“

(Berliner Zeitung, Nummer 284, Mittwoch, 5. Dezember 2018 – Seite 21)

Ich freue mich. Im Stillen eben.

Er hat es verdient, denke ich so bei mir. Und er wird kein großes Aufhebens drum machen.

Bescheiden ist er, so steht es im Artikel. Und das ist er wirklich.

Wohl einer der Gründe, warum unsere Freundschaft nun schon über zehn Jahre hält. Ich freue mich auf die Vorstellung in der Staatsoper.

Laura meldet sich. Sie will auch mit.