Alle Beiträge von Uwe Müller

Dipl.-Ing. (FH), Dr. rer. pol.; Dozent; freiberuflicher Journalist; Coach - Themenschwerpunkt: Kommunikation

MARIAN IST KAMMERTÄNZER

Kammertänzer ist eine Auszeichnung, die Künstlern für ihre herausragenden tänzerischen Leistungen verliehen wird.

Der Berliner Senat vergibt diesen Titel wohl eher selten. Im vergangenen Jahr war es Michael Banzhaf, der ihn für sein künstlerisches Schaffen erhielt.

Vladimir Malakov erhielt ihn 2014.

Loyalität, Bescheidenheit und Hingabe an  die Kunst, diese Worte kamen gestern in der Laudatio vor.

Wirhaben gestern zunächst einmal die Aufführung von „La Bayadère“ in derStaatsoper genossen- mit Marian Walter in der Hauptrolle.

Natürlich: Es gibt Bessere, die deine künstlerischen Leistungen einschätzen können, lieber Marian.

Und trotzdem, wenn ich es in der Hand gehabt hätte, jemanden für diese Ehrung vorzuschlagen, du wärst mir als erster eingefallen.

Warum?

Weil du – und zwar obwohl du über solche herausragenden tänzerischen Fähigkeiten verfügst – ein ganz bescheidener, sensibler Mensch bist, der zuhören kann und mit dem es im Alltag Spaß macht, humorvoll umzugehen.

Ich gönne deiner Mutter und deiner Tante diese Auszeichnung ebenfalls von Herzen.  Sie haben gestern beide gleichermaßen  mitgefiebert  und wohl kaum jemand hat sich im Saal so gefreut wie diese beiden Menschen, die dich lieben.

Iana ist dein großes Vorbild. Das weiß ich. Sie hat gestern mit dir mitgelitten.

„Schatzich liebe dich“, von der Bühne aus deinem Munde zu hören, was kann es für sie noch Schöneres  geben?

Der Titel ist fantastisch. Die Auszeichnung tut dir gut.

Vor allem: Sie bietet dir die Möglichkeit kurz innezuhalten, darüber nachzudenken, von welchem Reichtum du wirklich umgeben bist.

Herzlichen Glückwunsch, lieber Marian.

DER ERSTE KUSS

Der erste Tag ging in Donezk zu Ende. Iana lag in ihrem neuen Bett, in dem Zimmer, in dem sie nun viele Monate wohnen würde.

„Schlaft gut, Kinder“, rief die Nanny undschaltete das Licht aus. Iana konnte nicht einschlafen. Sie dachte an ihren Vater, der sie und Jaroslaw hierher begleitet hatte.

Nur, dieses Mal fuhr er allein zurück.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Es wird alles gut“, sagte die Nanny zu Anatoli.

Der nickte stumm und schluckte. Er hatte Mühe, seine Tränen zurückzuhalten. So sehr er es sich wünschte, dass seine Yanochka ihren Traum leben konnte, so sehr kämpfte er mit den Tränen.

Iana wälzte sich im Bett hin und her. Sie war glücklich und traurig zugleich.

 Sie kuschelte sich in ihre Decke. Plötzlich tauchteAlexander in ihren Gedanken auf.

Alexander – Ianas Jugendliebe

Ihre Jugendliebe. Sie war 13 und er 14 Jahre alt.

Sie sahen sich das erste Mal in der Kiewer Ballettakademie. Alexander schaute oft zu ihr herüber. Er stand mit seiner Clique in der Pause auf dem Schulhof. Ab und an kreuzten sich ihre Blicke, wie zufällig eben.

Es war elektrisierend. Wie von Geisterhand stand von beiden Seiten im Raum: „Ich mag dich. Und ich mag dich auch.“

Alexander war ein hübscher Junge. Seine dunkelschwarzen Augenbrauen und die blauen Augen hatten es Iana angetan. SeineHaare waren blond gefärbt. Er sah für Iana aus, wie Leonardo DiCaprio, seinKörper muskulös und männlich.

Alexander redete nicht viel, wirkte cool, wenn er im Kreise seiner Freunde war.

Iana saß im Mathematikunterricht. Plötzlich drehte sich auf der Schulbank vor ihr der Junge um und schob ihr einen Zettel zu.

Iana blickte auf und schaute direkt in das Gesicht von Alexander, der ganz vorn in der Schulreihe saß. Er hatte den Zettel geschrieben und ihn ganz nach hinten zu Iana durchreichen lassen.

„Willst du mit mir gehen?“, stand auf dem Zettel, den Iana auseinanderfaltete. Behutsam, so dass es die Lehrerin nicht sah.

Iana kam nach Hause, schmiss sich aufs Bett und starrte an die Decke.

„Ich bin verliebt“, dachte sie und war glücklich.

Aber es passierte trotzdem nicht viel.

Und wieder schrieb Alexander ihr einen Zettel, auf dem die gleichen Worte standen: „Willst du mit mir gehen?“

Iana antwortete darauf nicht. Doch in ihren Augenkonnte Alexander  ablesen: „Ja, ich will.“

Der flüchtige Kuss in der Kiewer Oper

Es war wieder ein Monat vergangen.

„Willst du nicht mit meinen Freunden auf den obersten Rang gehen? Wir schauen uns von dort aus die Vorstellung an.“

„Ja“, antwortete Iana gleich. Sie fühlte sich dabeisicher, denn sie war immer mehr mit Jungs zusammen, als mit Mädchen. Schon allein, weil sie mit vier Brüdern aufgewachsen war.

Jeden Tag hatten sich Alexander und Iana in der Oper gesehen.

Aber noch nie war es dazugekommen, dass sich beide berührt hatten.

Im Rang oben, in einer dunklen Ecke saßen die Jungs und Iana. Neben ihr war Alexander. Vorsichtig legte er den Arm um Ianas Schulter.

Mit eindeutigen Blicken gab er seinen Freunden zu verstehen, dass sie sich aus dem Staub machen sollten. Wortlos und leise verließen diese die Ecke.

Alexander beugte sich nach vorn und berührte Ianas Wange. Er suchte ihre Lippen. Sie berührten sich.

Und sie küssten sich. Ein wohliges und kribbliges Gefühl kam in Iana hoch.

„Das sollte nie aufhören“, dachte Iana.

Aber es sollte sich nicht wiederholen. Noch immer litt sie darunter, dass ein junger Student versucht hatte, sie in einem Fahrstuhl zu missbrauchen.

Also küsste Iana Alexander zurück, aber sie öffnete nicht den Mund für seine Zunge.

„Ich will dich nach Hause bringen. Ich will nicht, dass du alleine gehst“, sagte Alexander danach.

Er war bis über beide Ohren verliebt.

 „Wir können gute Freunde sein, aber nicht mehr“, sagte Iana zu ihm.

Trotzdem ließ sich Alexander den Namen von seinerLiebe auf den Arm schreiben. Er trank und fing an zu rauchen. So verzweifelt war er, dass Iana ihn nicht gänzlich erhörte.

Iana drehte sich in Donezk im Bett auf die andereSeite.

„Es war schön mit ihm“, war ihr letzter Gedanke, bevor sie sanft einschlief.

THE FIRST KISS

The first day came to an end in Donetsk. Iana was in her new bed, in the room where she would live now for many months.

“Sleep well, children”, the Nanny said and switchedoff the lights. Iana could not sleep.  Thinking of her father, who hadaccompanied her and Jaroslaw here.Only,this time he went back alone.

“Don’t worry. Everything will be alright”, the nanny said to Anatoli.

He nodded silently and swallowed. He was fighting keeping back his tears. As much as he wished that his Yanochka could live her dream, so much he had to fight with tears.

Iana rolled back and forth in her bed. She was happy and sad at the same time.

She snuggled into her blanket. Suddenly, Alexanderappeared in her thoughts.

Alexander – Iana’s childhood love

Her childhood love. She was 13 and he was 14 years old.

They met for the first time in the Kiev Ballet Academy. Alexander often looked over at her. He stood with his clique in the break on the schoolyard. From time to time their eyes crossed, just unexpectedly.

It was electrifying. As if by magic. Like both sides said into the room,

„I like you. And I like you too.“

Alexander was a handsome boy. His dark black eyebrows and blue eyes made Iana crazy. His hair was dyed blond. He looked for Iana like Leonardo DiCaprio, his body muscular and manly.

Alexander did not talk much, seemed cool when hewas in the company of his friends.

Iana was in mathematics class. Suddenly, the boy turned around on the school bench in front of her and gave her a note.

Iana looked up and looked straight into the face of Alexander, who was sitting in the front row of the school. He had written the note and let it pass all the way back to Iana.

„Do you want to go with me?“

Was written on the note that Iana unfolded, careful so that the teacher did not see it.

Iana came home, threw herself on the bed and stared at the ceiling.

She thought, „I’m in love,“ and was happy.

But it did not happen much.

And again Alexander wrote her a note with the same words:

„Will you go with me?“

Iana did not answer. But in her eyes Alexandercould read: „Yes, I want.“

The fleeting kiss in the Kiev Opera

Another month had been passed.

„Don’t you want to go to the top balcony withmy friends? We’ll watch the show from there.“

„Yes“, Iana answered immediately. She felt safe, because she was more with boys than with girls. Specially because she grew up with four brothers.

Every day Alexander and Iana had seen each other at the opera.

But it never had been happened that both would touched each other.

Up in the rank, in a dark corner sat the boys and Iana. Next to her was Alexander. Carefully, he put his arm around Iana’s shoulder.

With clear eyes he made his friends understand that they should make themselves disappear. Silently and quietly they left the corner.

Alexander leaned forward and touched Iana’s cheek.He searched her lips. They touched each other.

And they kissed. A pleasant and tense feeling came up in Iana.

„That should never stop”, thought Iana.

But it would not be repeated. She was still suffering from a young student trying to abuse her in an elevator.

So Iana kissed Alexander back, but she didn’t let it get to a french kiss.

„I want to bring you home. I do not want you to go alone”, Alexander said afterwards.

He was in love up to his ears.

 „We can be good friends, but not more”, Iana told him.

Nevertheless, Alexander cut the name of his love Iana into his arm. He drank and started smoking. He was so desperate that Iana did not hear him completely.

Iana turned in bed in Donetsk on the other side.

„It was nice with him”,  was her last thought,before she fell asleep gently.

Adelheid Aldinger – ein besonderer Mensch

Adelheid Aldinger schrieb mir vor einiger Zeit in einer persönlichen Botschaft: „Komm doch mal vorbei, wir haben am 15. Dezember unsere Weihnachtsfeier“. So erinnere ich mich jedenfalls.

In den vergangenen Jahren hatte ich immer wieder abgesagt. Ausgerechnet dieses Jahr ist an diesem Tag eine Galaveranstaltung in der Staatsoper. Gute Freunde haben mich eingeladen.
Ich konnte also wieder nicht nach Altlandsberg kommen.
Adelheid blieb trotzdem dran und lud mich gestern zum Weihnachtskaffee ein. Sie hatte den Tisch gedeckt. Es war Kaffee da, Lebkuchen und Topfkuchen.

„Wir haben uns bestimmt zwei Jahre nicht gesehen“, sage ich zu ihr.
„Vier Jahre sind das her“, korrigiert sie mich.
Ich kann es gar nicht glauben. Sollte das schon wieder so lange her sein?
Damals hatte ich einen kleinen Beitrag über den Verein geschrieben.

„Wie geht es dir?“, frage ich sie. Sie sieht gut aus, strahlt über das Gesicht und ist fröhlich.
„Ich habe eine Medaille bekommen.“

„Was für eine?“
Ich wusste schon ein wenig, weil sie es angedeutet hatte. Dann holt sie die Dokumente raus.
Auf dem Tisch liegt die Urkunde, unterzeichnet von der Präsidentin des Landtages Brandenburg, Britta Stark.
„Donnerwetter“, sage ich und staune.

Dann lese ich: „…für besondere Verdienste als Gründungsmitglied und für …herausragendes Engagement im Verein ‚Helfen hilft‘ e.V.“

Daneben liegt die Medaille des Landtages Brandenburg „…zur Anerkennung von Verdiensten für das Gemeinwesen am 20. April 2018…“
„Das ist eine hohe Auszeichnung. Die kriegst nicht mal eben so“, sage ich daraufhin zu ihr.

Sie schaut mich an: „Meint der das ehrlich?“, scheint sie sich zu fragen.
Und wie ehrlich ich es meine. Es gibt wenige, denen ich es von Herzen gönne, und die es auch kraft eigener Leistungen verdient haben.

Im Anschluss lese ich die Laudatio von der Landtagsabgeordneten Jutta Lieske. Sie ist wunderbar geschrieben, geht ans Herz. Ich lese sie laut, um meine Aufregung zu verbergen.

Es ist gut, dass es mal so eine positive Aufregung gibt.
Adelheid, die würde für sich persönlich so etwas nie erwarten.
Adelheid erzählt mir, während ich schon wieder ein zweites Stück Kuchen herunternehme, wie sie sich ärgert, weil es so langsam vorwärts geht, in einem Jobcenter.
Die meisten denken an dieser Stelle: „Klar, das regt doch jeden auf, wenn es ihn betrifft.“

Aber es betrifft nicht Adelheid Aldinger. Nein. Sie setzt sich mal gerade wieder für andere Menschen ein, dafür, dass es rechtzeitig klappt mit der Bewilligung von Geldern.

„Stell‘ dir mal vor, was wir schon alles unternommen haben.“
Ich kann mir das vorstellen. Adelheid hat die Auszeichnung schon wieder beiseitegelegt und denkt daran, was sie noch alles vor Weihnachten bewegen muss – für andere Menschen, die sie um Hilfe ansprechen.

„Was glaubst du, wie ich mich gefreut habe“, dass die bulgarische Familie sich hier so gut eingelebt hat und wir ein wenig mit Rat und Tat zur Seite stehen konnten?“

So richtig kannst du dir das nicht vorstellen. Wie viel Energie das kostet, wieviel Leidenschaft, ja sogar Kampfesmut – und alles für andere Menschen.
Ich bekomme immer mehr ein schlechtes Gewissen. Warum? Weil ich doch die meiste Zeit an mich denke. Wie ich mit dem Schreiben klar komme, was noch zu tun ist.

Ja aber, das macht ja Adelheid auch noch, das eigene Leben bewältigen. Nebenbei, denn die meiste Zeit sorgt sie sich ja um die anderen Menschen.
Adelheid hatte keine leichte Kindheit. Andere wären daran zerbrochen. Sie aber hat negative Erfahrungen in positiven Lebensmut umgemünzt.

Ich rutsche auf dem Stuhl hin – und her. Ich muss in die Kita nach Berlin. Meine Enkelin abholen. Aber ich kriege es nicht fertig aufzustehen und zu gehen, ohne zu fragen, was ich tun könnte.

„Wenn du mal eine Lesung machst mit deinen kleinen Geschichten, die du schreibst, ja das wäre schön.“
„Meinst du wirklich, dass das jemand interessiert?“, versuche ich mich schon wieder herauszudrehen.

„Ja, wir könnten das im März nächsten Jahres machen, zum Frauentag zum Beispiel.“
Ich sage zu. Selbst wenn es nicht so humorvoll wird, wie es sich vielleicht Adelheid Aldinger erhofft, ich tue auf jeden Fall was für die Gemeinschaft.
Ich habe schon viele Menschen kennengelernt. Menschen. Das bleibt ja nicht aus. Besonders dann nicht, wenn du für sie wirklich interessierst.
Adelheid Aldinger gehört zu denen, die ich wirklich schätze.

Deshalb möchte ich dir an dieser Stelle sagen, liebe Adelheid:
„Danke für die Einladung gestern, deine herzliche Gastfreundschaft, dein Vertrauen. Und: dafür, dass ich sagen darf, dass du zu meinem Freundeskreis zählst!“
„Helfen hilft“ – der Name eines Vereins. Ein kleiner Verein. Groß und großartig in dem, was er tut. Ich habe nicht oft einen Hut auf. Trotzdem ziehe ich ihn jetzt, symbolisch eben.

Wie ich Krümel das erste Mal vom Kindergarten abholte

Sonst war Krümel schon in der Wohnung, wenn ich sie betreut habe. Aber vorgestern, da sollte ich sie vom Kindergarten abholen.

„Weißt du, wie du da hinkommst, Papa?“, fragte mich Laura.

„Ja“, sag mir nur wie der Name der Kita ist.

„Pusteblume.“

Und weiter: „Du gehst direkt unten bei uns am Spielplatz vorbei.“

„Warum kann ich mit dem Auto nicht dort direkt hinfahren?“

„Kannst du auch. Aber laufen tut dir doch auch mal gut, oder? Außerdem kannst du dann Krümel ein bisschen den Kinderwagen auf dem Rückweg schieben lassen.“

„Ja, ist gut. Da ist was dran.“

„Jetzt, Papa, pass gut auf, damit du nichts vergisst!“

„Sind wir hier in der Schule? Und wer ist hier eigentlich der Schüler und wer die Lehrerin?“

„Papa, in der Reihenfolge. Du hast die Frage gerade selbst beantwortet.“

„Gut, dann sag‘ mal an. Aber warte mal. Ich mach‘ gleich mal mein iPhone auf. Da schreibe ich alles rein.“

„Hoffentlich findest du das auch wieder.“

„Denkst du, du kannst nur digital?“

„Ich bin da auch fit.“

Schweigen. Laura antwortet nicht.

„Und wieso hast du mich denn angerufen, als du wieder mal dein Passwort nicht gefunden hast?“, fragt sie.

„Das war etwas völlig anderes. Lass uns anfangen“, sage ich.

„Ach so, bevor ich es vergesse“, werfe ich noch ein: Wie war noch der Name der Kita?“

„Pusteblume! Papa.“

„Warum klingst du so genervt. Man wird doch noch mal fragen dürfen.“

„Ja, aber nicht fünfmal!“

„Warum eigentlich nicht?“

„Papa. Du sagst mir immer, ich soll mich konzentrieren, alles aufschreiben. Schreiben strukturiert das Denken.“

„Das soll ich gesagt haben?“

„‘Jahaa‘ Können wir jetzt anfangen?“

„Ich bin bereit.“

„Du gehst am Spielplatz vorbei, dann die Straße runter, überquerst sie, hältst dich links.“

„Ach, das weiß ich doch“, sage ich.

„Gut, Papa, dann jetzt zu den Sachen.“

„Ja, bitte.“

Laura spricht von einem roten Schal, einer Brotbüchse, einer Wickeltasche, von Schuhen, einem Rucksack, blau-rot.

„Nicht so schnell. Ich schreibe zwar mit 10 Fingern auf der Tastatur. Aber nicht auf dem Telefon. Da passt immer nur einer meiner Wurstfinger drauf. Meist reicht der Daumen auch noch bis zum Nachbarbuchstaben.“

Endlich hatte ich alles aufgeschrieben. Ich fühlte mich gut vorbereitet.

 

Nächster Tag. Der Tag der Wahrheit

Ich habe das Auto abgestellt und bin auf dem Weg zur Kita, am Spielplatz vorbei, die Straße runter.

Wie sollte ich mich dann halten? Links oder rechts?

Mir lief der Schweiß, weil ich schnell gegangen war. Es war aber kalt und es wehte ein ziemlich starker Wind.

Den Mantel hatte ich zu Hause vergessen. Ich war zu aufgeregt.

Ich schaute mich. Eine junge Frau kam mir entgegen.

Die muss das wissen. Die ist bestimmt auch Mutter, dachte ich.

„Bitte entschuldigen Sie, können Sie mir vielleicht sagen, wo es hier zum Kindergarten geht?“

„Welchen meinen Sie?“

„Gibt’s hier mehrere?“

„Ja, natürlich.“

„Mohnblume.“

„Mohnblume?“

„Die Kita gibt‘ s hier nicht.“

„Nein?“

„Nein!“

„Vielen Dank trotzdem.“

Warum hatte ich mir das nicht aufgeschrieben?

Ich schaute auf die Uhr. Panik kam in mir auf.

Fortsetzung folgt.

 

 

 

 

 

 

Der erste Tag in der Ballettschule von Donezk

Die Diensthabende am Schuleingang erwartete bereits Iana, zusammen mit ihrem Bruder Jaroslav und ihrem Vater Anatoli.

„Herzlich willkommen. Unsere Schulleiterin ist informiert, dass Sie heute kommen. Bitte hier entlang.“

Die Direktorin war jung, hübsch und lächelte alle drei an.

„Bitte kommen Sie, ich zeige Ihnen alles“, sagte sie nach der Begrüßung.

Iana sah zum ersten Mal ihr Zimmer, in dem sie für viele Wochen und Monate wohnen sollte.

Jede Zimmerbewohnerin hatte eine kleine Ecke, die sie für private Zwecke nutzen konnte. Ein kleiner schwarzer Schrank musste für die persönlichen Sachen und die Garderobe reichen.

„Müssen wir in der Schule Ukrainisch sprechen, so wie es 1996 vom Staat verordnet wurde?“, fragte Iana die Schulleiterin.

„Du meinst, weil es seit vorigem Jahr  die offizielle Landessprache in der Ukraine ist?“

„Ja.“

„Nein, der Schulunterricht wird in Russisch abgehalten.“

Iana atmete auf. Sie war mit der russischen Sprache aufgewachsen. Ihre Eltern sprachen russisch, ihre Oma, ihre Brüder, ihre Freunde.

Später gingen alle drei über den Hof auf die andere Straßenseite, in das Gebäude, indem Vadim Pisarev residierte und die Ballett-Company leitete.

Dazu gehörte die Ballettschule, der Ort also, in dem Iana künftig viel Zeit verbringen würde.

 Iriana Pisareva – die Seele der Ballettschule

„Mein Name ist Irina Pisareva und ich leite die Ballettschule.“

Und bevor noch jemand etwas sagen konnte, fuhr sie fort:

„Vadim ist mein Bruder. Er kümmert sich um die künstlerische Leitung der Company. Ich nehme ihm die Arbeit hier ab, bin für alle Fragen in der Ballettschule zuständig.“

Sie blickte alle drei freundlich an, hatte zudem eine rundliche Figur und sie machte nicht den Eindruck einer durchtrainierten Tänzerin.“

Iana gefiel das. Es nahm ihr irgendwie den inneren Druck, den sie während des Vorstellungsgespräches verspürte.

„Möchte noch jemand ein Stück Kuchen?“, schaute Irina Pisareva in die Runde.

„Ja, mir können Sie noch eins geben und Tee bitte auch!“, meldete sich Jaroslaw.

Für ihn war die Sache gelaufen. Er würde hier schon seinen Weg gehen.

Und so blieb er vor allem ruhig. Nur einmal, als die Schulleiterin bei der Besichtigung der Unterkünfte ankündigte, dass jeder eine Nanny bekommen würde, die auf sie aufpassen sollte und die Verantwortung für die Kinder trug, da meldete er sich zu Wort: „Wozu eine Nanny? Für meine Schwester, gut. Aber ich? Ich bin schon erwachsen, kann für mich allein aufpassen.“

Anatoli beugte sich in dem Moment zu seinem Sohn vor und flüsterte ihm ins Ohr: „Du bist 15 Jahre alt und machst, was dir hier gesagt wird. Hast du das verstanden?“

Jaroslaw nickte stumm.

 Grand – Pas de deux

„So, wir möchten jetzt gern sehen, wie ihr beide tanzt, du und dein Bruder“, sagte unvermittelt Irina Pisareva.

Iana wirkte wie elektrisiert: „Ich bin doch gar nicht aufgewärmt. Ich kann das nicht.“

„Das schaffst du schon“, beruhigte Irina Pisareva sie.

„Bitte zieht euch um und Iana, vergiss die Spitzenschuhe nicht.“

Jaroslaw tanzte als erster. Einen Gopak, einen ukrainischen Spitzentanz.

Er tanzte sicher und leichtfüßig. Das Talent hatte er von seinem Vater geerbt. So wie Iana.

Jaroslaw war sehr ehrgeizig. Zuhause, da drehte er das Radio auf und tanzte zur Musik, drehte sich im Kreis, immer und immer wieder.

„Kannst du das auch?“, rief er dann Iana zu.

Die antwortete nicht, sondern drehte sich stattdessen im Kreis.

Es war ein ständiger Wettbewerb zwischen den beiden entbrannt.

Jetzt war Iana mit dem Vortanzen dran. Sie tanzte, stoppte, war verzweifelt, nicht zufrieden.

Danach tanzten beide Geschwister zusammen, einen Grand – Pas de deux, das Duett einer Tänzerin und eines Tänzers.

Sie tanzten sich durch die einzelnen Etappen hindurch – Entrèe, Adagio. Dazu die jeweiligen Variationen von Iana und Jaroslaw und schließlich zum Abschluss die Coda.

„Prima!“, sagte Irina Pisareva zufrieden.

„Ihr seid beide in die Schule aufgenommen“.

„Du hast getanzt wie eine Schnecke, nur noch langsamer“.

Du musst noch viel lernen,  Iana

Während Jaroslaw das sagte, strotzte er nur so vor Selbstbewusstsein und Iana schaute geknickt drein.

Anatoli blickte nicht begeistert zu Iana herüber. Er war von seiner Tochter enttäuscht.

„Nun gut, ihr habt beide bestanden, wir müssen nur ganz wenig Kostgeld bezahlen und ihr könnt hier viel lernen“, sagte er dann nach einer Weile.

Sie verabschiedeten sich von Irina Pisareva und fuhren zurück zum Bahnhof.

Anatoli packte im Zug die Piroschki zum Abendessen aus und Jaroslaw langte als erster zu.

„Du musst noch viel üben, um lockerer zu werden“, sagte er kauend und mit vollgestopften Backen zu Iana.

Sie antwortete ihm nicht. Sie war trotzdem glücklich. Nach dem Weihnachtsfest konnten sie ihre langersehnte Ausbildung in Donezk beginnen.

 The first day at the ballet school of Donetsk

The servant at the school entrance was already waiting for Iana, together with her brother Jaroslav and her father Anatoli.

„Welcome. Our headmistress is informed that you are coming today. This way please.“

The director was young, pretty, and smiled at all three of them.

„Please come, I’ll show you everything,“ she said after the welcome.

Iana saw her room for the first time, where she will live for many weeks and months.

Each roommate had a small corner that she could use for private purposes. A small black cabinet had to be enough for the personal belongings and the wardrobe.

„Do we have to speak Ukrainian at school as it was ordained by the state in 1996?“, Iana asked the Headmistress.

„You mean because it’s the official language in Ukraine since last year?“

„Yes.“

„No, the lessons are given in Russian.“

Iana breathed. She grew up with the Russian language. Her parents spoke Russian, her grandma, her brothers, her friends.

Later, all three walked across the courtyard to the other side of the street, into the building, where Vadim Pisarev resided and ran the Ballet Company.

This included the ballet school, the place where Iana would spend a lot of time in the future.

 Iriana Pisareva – the soul of the ballet school

„My name is Irina Pisareva and I run the ballet school.“

And before anyone could say anything, she went on:

„Vadim is my brother. He takes care of the artistic direction of the company. I take his work off here, I’m responsible for all questions in the ballet school. “

She looked friendly at all three , her figure was plump and she did not give the impression of a well-trained dancer.

Iana liked that. It somehow took away the inner pressure she felt during the interview.

„Anyone else want a piece of cake?“, Irina Pisareva looked around.

„Yes, you can give me one more and tea as well, please!“,Yaroslav answered.

For him it was very clear. He would go his way here.

And so he remained calm above everybody else. Only once, when the headmistress announced that everyone would get a nanny to take care of them and take responsibility for the children, he said, „Why a nanny? For my sister, good. But me. I’m already grown up, I can take care of myself alone “

Anatoli leaned forward to his son and whispered in his ear: „You are 15 years old and do what you are told here. Did you understand that?“

Yaroslav nodded silently.

 Grand – Pas de deux

„Well, we’d like to see you both dancing now, you and your brother,“ Irina Pisareva said suddenly.

Iana looked electrified: „I’m not warmed up. I can’t .“

„You can do that,“ Irina Pisareva reassured her.

„Please change, and Iana do not forget the pointe shoes.“

Yaroslav danced first. A gopak, a top Ukrainian dance.

He danced confident and light. He got the talent from his father. Like Iana.

Yaroslav was very ambitious. At home, he turned on the radio and danced to the music, spinning in circles, over and over again.

„Can you do that too?“ He shouted to Iana.

She did not answer, but instead turned in a circle.

There was a constant competition between the two.

Now it was Iana’s turn to do the audition. She danced, stopped, was desperate, not satisfied.

After that both siblings danced together, a grand – pas de deux, the duet of two dancers.

They danced through the whole pas de deux – Entrèe, Adagio. In addition the respective variations of Iana and Jaroslaw and finally the Coda.

„Great!“ Irina Pisareva said with satisfaction.

„You both have been admitted to school“.

„You danced like a snail, only slower“.

 You still have a lot to learn, Iana

While Jaroslaw said that, he was full of self-confidence and Iana looked miserably down.

Anatoli did not look  very enthusiastically over at Iana. He was disappointed with his daughter.

„Well, you both passed, we only have to pay very little money and you can learn a lot here,“ he said after a while.

They said goodbye to Irina Pisareva and drove back to the station.

Anatoli grabbed the Piroshki for dinner on the train and Jaroslaw was the first to grab some.

„You still have to practice a lot to get relaxed,” he said, chewing and packing his cheeks to Iana.

She did not answer him. She was happy anyway. After Christmas they could start their long-awaited education in Donetsk.

 

 

 

 

 

 

 

Ich freue mich – im Stillen eben

Der Tag beginnt wie immer. Vier Uhr aufstehen, Frühstück, Zeitung lesen.

„Marian wird Berliner Kammertänzer“, sagt Klara zu mir.

„Weiß ich. Wir sind doch am 15. Dezember dabei.“

„Ja, aber hier steht es in der Zeitung, von heute.“

„Wo?“

„Im Feuilleton.“

„Wie soll ich das lesen?“, wenn du mir schon am frühen Morgen die Zeitung wegnimmst?“

„Sonst fragst du nie danach“, sagt Klara und reicht mir den Teil wieder rüber. Sie hat Angst, dass sie die Seite mit dem ‚Sudoku-Rätsel‘ vergisst und sich in der S-Bahn langweilt.

„Jetzt fass doch nicht mit deinen fettigen Fingern auf die Zeitung. Was sollen denn die Leute in der Bahn denken, wenn ich den Teil aufschlage?“

„Woher soll ich das wissen“, sage ich und knittere mir die Seite ungerührt zurecht.

Da steht es: „Marian Walter wird Berliner Kammertänzer.“

(Berliner Zeitung, Nummer 284, Mittwoch, 5. Dezember 2018 – Seite 21)

Ich freue mich. Im Stillen eben.

Er hat es verdient, denke ich so bei mir. Und er wird kein großes Aufhebens drum machen.

Bescheiden ist er, so steht es im Artikel. Und das ist er wirklich.

Wohl einer der Gründe, warum unsere Freundschaft nun schon über zehn Jahre hält. Ich freue mich auf die Vorstellung in der Staatsoper.

Laura meldet sich. Sie will auch mit.

 

Donezk – es roch nach Kohle, die Straßen waren eng und Iana war glücklich

Dezember 1997

Iana, ihr Bruder Jaroslaw und ihr Vater Anatoli schauten noch ein wenig verschlafen durch das Fenster im Abteil und sahen die ersten Umrisse der Häuser,  bevor der Zug aus Kiew in den Bahnhof von Donezk einrollte.

Die Bremsen quietschten und die Fahrgäste, die sich bereits in den Gängen des Eisenbahnwaggons drängten, wurden nach vorn gedrückt. Jeder wollte möglichst schnell aus dem Zug heraus und auf den Bahnsteig gelangen.

Sie waren die ganze Nacht gefahren, von abends, 08.00 Uhr bis morgens um 08.00 Uhr, zwölf Stunden waren sie unterwegs.

„Konntet ihr denn ein wenig schlafen?“, fragte Anatoli seine Kinder und schaute dabei Iana an. „Hm, gut“, brummte Jaroslaw.

„Ach, Papa, ich bin so gespannt, was uns der Tag heute bringt“, sagte Iana.

Anatoli schmunzelte. Er konnte die Aufregung seiner Tochter verstehen. Immerhin begann für sie ein ganz neuer Abschnitt in ihrem Leben.

„Was soll der schon bringen“, antwortete stattdessen ihr Bruder. „Wir sehen uns alles an und danach werden wir in die Ballettschule aufgenommen“, meinte Jaroslaw.

„Jetzt hab mal nicht so einen großen Mund, hilf mir lieber, den Koffer von oben herunterzuholen“, sagte Ianas Vater zu ihm und streckte sich,  um an den Koffer zu gelangen. Endlich konnten sie aussteigen.

Im Eisenbahnwaggon war es noch angenehm warm gewesen. Jetzt standen sie auf dem Bahnsteig und Iana zitterte. Vor Kälte und vor Aufregung. Iana hatte es geschafft und war ihrem Traum, eine große Tänzerin zu werden, wieder ein Stück nähergekommen. Vater Anatoli versuchte sich auf dem Bahnsteig zu orientieren und herauszubekommen, welchen Bus sie zur Ballettschule nehmen sollten.

Ianas Gedanken schweiften währenddessen ab. Sie konnte es noch gar nicht glauben, dass für sie nun ein neuer Lebensabschnitt begann. Mit ein wenig Wehmut dachte sie an ihre Lehrerin Traviata Iwanowna.

„Kind, du hast großes Talent und wenn du fleißig bist, dann wirst du es noch weit bringen.“

„Wie weit, Traviata Iwanowna?“

„Nun, das liegt ganz bei dir. Wenn du regelmäßig zum Unterricht kommst, deine Übungen absolvierst, dann ist schon viel getan.“

„Und was kann ich noch tun?“, bohrte Iana weiter. „Liebe den Tanz mit deiner ganzen Leidenschaft, die du in dir trägst. Lass dich nicht entmutigen, mach vor allem weiter, wenn du glaubst, dass es nicht mehr geht.“

Traviata Iwanowna selbst hatte ihr Rüstzeug an der berühmten Waganowa Schule in St. Petersburg erhalten. Sie hatte keine Kinder bekommen können und als sie ihren Mann kennenlernte, heirateten sie und zogen danach nach Kiew.

Dort war sie als Tanzlehrerin in der Ballettakademie tätig. Ein Glück für Iana. Traviata Iwanowna erkannte schnell das Talent von Iana und war umso strenger, damit diese ihr großes Ziel, eine Ballerina zu werden, tatsächlich erreichte.

„Du brauchst kräftige Rückenmuskeln, musst lernen, wie du deine Arme und Schultern korrekt hältst und bewegst“, sagte Traviata Iwanowna zu Iana.

„Und warum muss ich so oft das Grand allegro üben, soweit springen und immer wieder die Pirouetten drehen?“ Iana sank erschöpft auf den Tanzboden.

„Hab ich etwas von Pause gesagt?“, herrschte die Lehrerin sie an. Und versöhnlicher schob sie nach: „Aggripina Waganowa hat diese Trainingsmethode konzipiert. Sie hat als Ballerina und Lehrerin unser russisches Ballett in der ganzen Welt berühmt gemacht. Willst du so sein wie sie, dann frage nicht, warum du so viel üben sollst, sondern frage, was du noch tun kannst. Lerne von den Besten. Und ich sage dir, was dazu nötig ist. Auf, auf, es geht weiter, und bitte: Grand allegro!“

Iana fing wieder Feuer, ihre Erschöpfung war wie weggeblasen, als sie zum Sprung ansetzte.

Sommer 1996.

Pionierferienlager Artek. Iana gewann den ersten Preis im Tanzwettbewerb. Sie war überglücklich. Der ganze Streß, die Schule zwischendurch, immer wieder üben, die unerbittliche Härte ihrer Lehrerin – das alles zusammen hatte sie nun auf das Siegerpodest gebracht.

„Mamutschka, sieh doch, hier ist ein Brief aus St. Petersburg, von der Waganowa-Ballettakadmie“, rief Iana.

„Mach‘ auf, was steht denn drin?“, fragte Ianas Mutter, während sie den Kascha für das Abendessen zubereitete. „Ich kann dort sofort anfangen, Mama, eine Ausbildung erhalten.“

„Yanochka, das können wir doch gar nicht bezahlen.“

Swetlana wusste, dass sie die Kosten für so eine Ausbildung ihrer Tochter nicht würden tragen können. Natürlich wusste sie auch, was es bedeutete, das ihrer Tochter klarzumachen. Iana war gerade aus Artek zurückgekehrt, hatte einen ersten Preis gewonnen. Sie war dabei einem Jurymitglied aufgefallen, die gleichzeitig als Lehrerin in St. Petersburg arbeitete. Nur ganz wenige Kinder kamen überhaupt in die engere Auswahl, an der Ballettakademie in St. Petersburg eine Ausbildung zu erhalten. Und noch weniger schafften die Aufnahmeprüfung. Iana aber, die durfte dort sofort anfangen.

„Yanochka, wir können nicht 50 Euro für dich und deinen Bruder bezahlen, das ist nicht drin“, sagte Swetlana, während sie die Teller auf den Tisch trug.

„Außerdem ist es viel zu weit weg und zu gefährlich. Du bist jetzt gerade mal 14 Jahre alt geworden.“ „Was soll mir schon passieren?“, entgegnete Iana, während sie mit den Tränen kämpfte.

Dabei wusste Swetlana gar nichts davon, was ihrer Tochter erst ein paar Wochen vorher passiert war. Es war spät abends und es war längst dunkel geworden.

Iana kam wie immer vom Tanztraining zurück. Sie hörte Schritte hinter sich. Sie drehte sich um und hinter ihr lief ein Mann. Er schien noch jung zu sein, vielleicht Anfang 20. Er schwankte leicht. Iana beschleunigte ihre Schritte. Sie erreichte ihre Haustür, schloß auf und verschwand im Flur. Der Mann war ihr gefolgt und stand nun ebenfalls an der Fahrstuhltür.

Der Fahrstuhl schien besonders lange bis unten zu brauchen. Als sich die Türen öffneten, schlüpfte Iana hinein und drückte sich an die hintere Wand des Fahrstuhls. „In welchen Stock willst du?“, fragte der Mann sie. Er kam dabei näher an Iana heran. Sein Atem roch nach Alkohol.

„In den 6. Stock“, antwortete Iana, obwohl sie eine Etage höher wohnte. Sie spürte ihr vor Angst rasendes Herz. Der junge Mann drückte den Knopf, die Türen gingen zu und der Fahrstuhl bewegte sich nach oben.

„Du bist so schön“, nuschelte der Mann, während er seinen alkoholgetränkten Atem in Ianas Gesicht hauchte  und sich immer stärker an sie herandrückte. Plötzlich versuchte er ihr unter den Rock zu greifen. Iana nahm all ihren Mut und ihre Energie zusammen. Als der Fahrstuhl hielt und die Türen aufgingen, schob sie den Unbekannten mit aller Kraft von sich weg, lief an ihm vorbei und verschwand aus dem Fahrstuhl.

„Daran hatte ich lange zu ‚knappern‘“, erinnert sie sich heute noch. Ihre Mutter durfte davon nichts erfahren. Auf gar keinen Fall. Sie hätte Iana nirgendwo zur Ausbildung hingelassen.

Traviata Iwanowna aber hatte wenig später die richtige Eingebung: „Warum gehst du nicht nach Donezk? Ich kenne dort den Leiter des Balletts, Vadim Pisarev?“, wandte sie sich eines Tages während des Unterrichtes an Iana. Iana und ihr Bruder Jaroslaw bekamen dank Traviata Iwanowna diese Chance, und zwar für wenig Kostgeld.

Bahnhofsvorplatz in Donezk

„Kinder, jetzt beeilt euch mal. Der Bus dort fährt zur Schule.“ Anatoli riss Iana aus ihren Gedanken. Nun spürte sie den starken Kohlegeruch, der von den großen Abraumhalden herüberwehte und die Stadt so prägte. Der Bus fuhr an den Häusern vorbei, die Iana klein vorkamen. Und sie bemerkte die engen Straßen, freute sich, wie gepflegt alles aussah. Sie waren an der Schule angekommen.

Ianas Herz pochte.

Translation, powered by Marian Walter 

December 1997
Iana, her brother Yaroslav and her father Anatoli looked a bit sleepy through the window in the compartment and saw the first outline of the houses before the train from Kiev rolled into the Donetsk train station.

The brakes creaked and the passengers, who were already in the corridors of the railroad car, were pushed forward. Everyone wanted to get out of the train as quickly as possible and onto the platform.

They had been driving all night, from 8 o'clock in the evening until 8 o'clock in the morning, twelve hours on the way.

Anatoli asked his children, while looking at Iana, „did you sleep a little?"
"Hm, good," grumbled Yaroslav.
"Oh, Dad, I'm so excited about what the day brings us today," said Iana.

Anatoli smiled. He understood the excitement of his daughter. After all, a whole new chapter in her life began for her.

"What should he bring," her brother answered instead.
"We'll look at everything and then we'll be admitted to the ballet school," Jaroslaw said.

"Now do not have such a big mouth, help me to bring the suitcase down from above," said Iana's father to him and stretched to get to the suitcase.

Finally they were able to get out. The train wagon had been pleasantly warm still. Now they stood on the platform and Iana shivered. From cold and excitement.

Iana had made it and was a little closer to her dream of becoming a great ballerina.
Father Anatoli tried to orient himself on the platform and figure out which bus to take to the ballet school.

Iana's thoughts wandered off. She still could not believe that a new phase of life was beginning for her now.
With a little sadness she thought of her teacher Traviata Ivanovna.

"Child, you have great talent and if you are diligent then you will go far."
"How far, Traviata Ivanovna?"
"Well, that's up to you. If you come to class regularly, do your exercises, then a lot has already been done. "
"And what else can I do?" Iana continued.

"Love the dance with all your passion that you carry in yourself. Do not be discouraged, especially if you think you can not do it anymore."

Traviata Ivanovna herself had received her ability at the famous Vaganova School in St. Petersburg.
She had no children and when she met her husband, they got married and moved to Kiev.
There she worked as a teacher in the ballet academy.

Lucky for Iana. Traviata Ivanovna quickly recognized Iana's talent and was evenstricter to make her achieve her great goal of becoming a ballerina.

"You need strong back muscles, you have to learn how to hold and move your arms and shoulders correctly," Traviata Ivanovna told Iana.
"And why do I have to practice the Grand Allegro so often, jump so far and make the pirouettes again and again?"
Iana sank exhausted on the dance floor.

"Did I say something about a break?" The teacher prompted.
And more forgiving, she added: "Aggripina Vaganova has designed this training method.
As a ballerina and teacher, she has made our Russian ballet famous all over the world.

If you want to be like them, then do not ask why you should practice so much, but ask what else you can do.

Learn from the best. And I'll tell you what's needed. Up, up, it goes on, and please: Grand allegro! "
Iana caught fire again, her exhaustion was blown away as she jumped.

 Summer 1996.
Pioneer camp Artek. Iana won the first prize in the dance competition. She was overjoyed.

All the stress, the school in between, practice again and again, the relentless harshness of her teacher - all this brought her now on the podium.

"Mamutschka, look, here's a letter from St. Petersburg, from the Vaganova ballet-cadre," said Iana.
"Open up, what's in it?", Iana's mother asked, preparing the kasha for dinner.
"I can start right there, mom, to get an education."
"Yanochka, we can not pay for that."

Svetlana knew that she would not be able to bear the costs of training her daughter.
Of course, she also knew what it meant to make that clear to her daughter.

Iana had just returned from Artek, winning a first prize. She noticed a jury member who also worked as a teacher in St. Petersburg. Very few children were even shortlisted to receive training at the Ballet Academy in St. Petersburg. And even less did the entrance exam.
But Iana, she was allowed to start there immediately.

"Yanochka, we can not pay 50 euros for you and your brother, that's not in possible," Svetlana said as she carried the plates to the table.
"Besides, it's way too far and too dangerous. You're just 14 years old now. "

"What should happen to me?", Iana replied while she was struggling with tears.

At the same time, Svetlana knew nothing of what had happened to her daughter only a few weeks before.
It was late in the evening and it was already dark. Iana came back as always from dance training. She heard footsteps behind her.

She turned around and behind her walked a man. He seemed to be still young, maybe in his early twenties.
He swayed slightly. Iana started to walk faster. She reached her front door, unlocked it and disappeared into the hallway.

The man had followed her and was now standing at the elevator door.
The elevator seemed to take even longer to get down.
As the doors opened, Iana glided inside and pressed herself against the back wall of the elevator.

"Which floor do you want go?", the man asked her. He came closer to Iana. His breath smelled of alcohol.

"To the sixth floor," Iana answered, even she lived one floor higher.
She felt her heart racing with fear.
The young man pushed the button, the doors closed and the elevator moved up.

"You're so beautiful," mumbled the man as he breathed his alcohol-soaked breath into Iana's face and moved closer and closer to her.
Suddenly he tried to reach under her skirt.
Iana took all her courage and energy together.

When the elevator stopped and the doors opened, she pushed the stranger away with all her power, ran past him and disappeared from the elevator.
"For a long time, I've had to fight with it," she recalls today.

Her mother was not allowed to hear about it. Absolutely no way. She would not have let Iana go to education anywhere.
Traviata Ivanovna, however, had soon after the right inspiration:
She turned to Iana one day during class.

"Why don’t you go to Donetsk? I know there the head of the ballet company Wadim Pisarev? ",
Iana and her brother Yaroslav got this opportunity thanks to Traviata Ivanovna, and for very little money.

 Train station in Donetsk
"Kids, hurry up now. The bus there goes to school. "
Anatoli tore Iana out of her thoughts. Now she could feel the strong smell of coal that blew over from the large industrial yards and shaped the city.

The bus drove past the houses, which seemed small to Iana. And she noticed the narrow streets, was pleased, how well maintained everything looked.

They had arrived at the school.

Iana's heart throbbed.











 

 

 

 

 

 

Demenz – wenn die Empathie schwindet

„Wie ist das Wetter bei euch da oben?“, fragte Peter Anna.

Es war das übliche Telefongespräch am Vormittag,  es war diesig und es schien keine Sonne, Wind war aber auch nicht.

Das war gestern so, vorgestern ebenfalls.

Anna hätte also sagen können: „Das Wetter ändert sich seit Tagen nicht, es ist gleich geblieben.“

Doch diese gedanklichen Fäden konnte Anna nicht mehr ziehen.

„Der Himmel ist grau, die Sonne scheint nicht, aber es ist auch kein Wind“, sagte Anna stattdessen.

„Prima“, antwortete Peter. Er war irgendwie, dass er über dieses stets wiederkehrende Thema den Gesprächsfaden mit Anna knüpfen konnte.

„Heute Nachmittag fahren wir zur Post. Klara hat einen Stollen eingepackt und den schicken wir dir“, redete Peter weiter.

„Ach, wie kann ich dir nur danken?“, fragte Anna.

„Naja, ich habe damit nichts zu tun. Nur, dass ich den vorhergehenden mit aufgegessen habe, nachdem Klara ihn gebacken hatte.“

Anna verstand diese Art von Humor nicht mehr.

„Ja, das ist so schön, ich freue mich. Wie kann ich euch nur eine Freude machen?“

„Ach, mir würde eine ganze Menge einfallen“, antwortete Peter und bereute zugleich, dass er es überhaupt gesagt hatte.

„Ja, was denn?“, fragte Anna nach einer Weile.

Flasche Sekt, warme Socken, Kasten Mon Cherie, Puppe für Krümel,  das könnte er antworten. Es schoss ihm geradezu ein, während Anna die Frage noch gar nicht zu Ende formuliert hatte.

Sagte er davon was? Natürlich nicht. War es schlimm, dass Anna nicht mehr auf das kam, was sie früher in solchen Momenten tat? Überhaupt nicht.

„Schade nur, dass Anna sich um die Glücksgefühle brachte, die sie früher überkamen, wenn sie anderen eine Freude machte“, dachte Peter in diesem Moment.

Doch dafür konnte sie nicht. Die Demenz ließ das nicht mehr zu, nahm ihr Stück für Stück diese Empathie. Das war das eigentlich Schlimme – vor allem für Anna. Umso mehr mussten sich Klara, Laura und Peter bemühen.

Und das taten sie ja auch.

„Wenn dir der Stollen schmeckt, dann ruf doch KIara an. Sag ihr, dass er gut gelungen ist.“

„Das mach ich ja sowieso“, sagte Anna, so als hätte Peter auf etwas hingewiesen, was doch selbstverständlich war. Nun wurde er noch von Anna der Begriffsstutzigkeit überführt.

Trotzdem: Für den Moment hatte er Anna ein paar unbeschwerte Momente bereitet, so schien es jedenfalls. Und wenn das Paket mit dem Stollen ankam, dann würde sich das wohl wiederholen. Immerhin. Der Kreis der Möglichkeiten, eine Freude zu bereiten, wurde kleiner.

Sie intensiver zu nutzen, das war wohl jetzt die Aufgabe.

Peter griff wieder zum Hörer, um Klara zu informieren: alles im ‚grünen Bereich‘.

Üben, üben, und: wieder üben

Ich war gestern zum Gespräch mit der Prima Ballerina, Iana Salenko. Es war interessant und es war sehr lustig, wie immer.

Eigentlich ist das der wahre Wert dieses Projektes. Nämlich: Indem ich die Fragen stelle, Antworten bekomme, wird mir persönlich mal wieder vor Augen geführt, wieviel Energie ein Mensch in ein Vorhaben stecken muss, um an sein Ziel zu gelangen.

Iana gab mir zum Beispiel gestern eine Festschrift aus dem Jahr 2010 mit, die ihr zu Ehren verfasst wurde. Ihr wurde damals der Zukunftspreis verliehen, der damalige Essener Oberbürgermeister hat dazu ein sehr schönes Begleitwort geschrieben.

Das liest sich alles gut, die Bilder sind sehr schön.

Kurzum, in dem Heft sind die Preise festgehalten, die Auszeichnungen, die sie schon in sehr jungen Jahren erhalten hat, national und international.

Wenn du nun hörst, dass sie mit 12 schon den ersten Akademielehrgang absolviert hat, und sie als vierzehnjähriges Mädchen mit ihrem Bruder, aber doch faktisch allein nach Donezk in die dortige Ballettschule gegangen ist, dann ahnst du, wieviel Anstrengung es kostet, bist du ganz oben bist.

Iana hat vor der Schule zwei Stunden trainiert, geübt. Dann von 10.00 Uhr bis 16.00 Uhr Unterricht. Anschließend ging es weiter mit dem Üben, von 16.00 bis 19.00 Uhr, manchmal bis spät in die Nacht hinein.

Und den nächsten Tag alles wieder von vorn. Üben, wieder üben. Und: nochmal üben.

Das tiefste Geheimnis jeden Erfolgs. Angesichts ’schneller Medien‘ will heute so manch eine oder manch einer Erfolg, möglichst schnell eben. Das ist an sich in Ordnung. Du kannst aber an noch so vielen ‚Schrauben drehen‘,  an einer Binsenwahrheit kommt keiner vorbei: Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt.

Deshalb schreibe ich über den Alltag, zwischen den Erfolgen und Preisen.

Und der soll auch noch schön sein. Ist er auch, muss er sein, denn sonst hältst du das alles nicht durch.

 

KRÜMEL ZU BESUCH

Es ist etwas Besonderes, wenn uns Krümel besucht. Sie bringt unseren ganzen ‚Laden‘ in Schwung und durcheinander. Gestern noch, da saß sie auf meinem Schreibtisch und hat sich gemeinsam mit mir Lieder angehört. Heute ist der Schreibtisch wieder verwaist, nur Stifte und bekritzeltes Papier liegen auf dem Tisch und erinnern mich an gestern.

Der Alltag hat mich wieder und ich muss ihn mir erst wieder zum Freund machen. Da hilft die Aussicht, dass ich in ein paar Stunden das nächste Gespräch mit der Prima Ballerina habe. Ich habe am Wochenende ein Haufen Berichte über sie gelesen, über ihre Erfolge auf der Bühne. Da kannst du schon mal Respekt bekommen, auch wenn sie halb so alt ist wie du selbst.

Doch mich interessiert der Mensch weniger auf der Bühne, sondern eher dahinter, ungeschminkt. Und genau die Gespräche machen auch Spaß mit ihr.

Am Samstag, da hatten wir eine kleine Vorstellung von Krümel. Sie hatte das Kleid an, was Klara getragen hat, Laura und Anna davor. Es muss an die 80 Jahre alt sein und sieht noch gut aus. Krümel hat sich darin zur Musik bewegt und ein wenig mit dem Hintern gewackelt.

Warum sind das eigentlich die Dinge, die einen wirklich freuen?

Wahrscheinlich, weil du kein Geld dafür brauchst und du die Sorgen vergisst, oder sie wenigstens für ein paar Stunden zugedeckt werden.

Na gut. Auf geht‘ s Alltag, mein Freund – in die Woche. Ich freue mich drauf.