MEIN FREUND, DER ALLTAG (71)

SCHLUSS MIT FRUCHTSAFT, VERSETZT MIT ROTWEIN, SCHLUSS MIT KEKSEN

Klara ist zu ihrer Mutter nach Stralsund gefahren.
Vorher habe ich sie gebeten, mich in die Zubereitung eines Tomatensalates einzuweisen, mit Gurken und Schafskäse versetzt.

Den wollte ich mittags essen, und dann nichts mehr.
Ich war unvorsichtig gewesen in letzter Zeit, hatte Fruchtsaft getrunken und Rotwein drunter gemischt, Kekse zum Kaffee gegessen.

Am Freitag war Klara zu Hause und so habe ich noch ein schönes Mittagessen bekommen. Sollte ich etwa ’nein‘ sagen?
Natürlich nicht.
Ich habe ‚ja‘ gesagt, und das zweimal, mit Nachschlag eben.

Das rächte sich bitter, die Anzeige auf der Waage kannte kein Mitleid.
Alles war wieder drauf, was ich mir im Fitness-Studio abtrainiert hatte.

Am Donnerstag war ich zum Abschluss noch 15 Minuten auf dem Laufband gelaufen und hatte dadurch 70 Kalorien verloren.
Die sollten nicht zurückkommen. Kamen sie aber. Und sie brachten eine Menge ihrer Freunde noch zusätzlich mit, die es sich rund um meinen ohnehin schon dicken Bauch gemütlich machten.

Damit sollte nun Schluss sein. Kein Alkohol mehr, auch nicht mit Kirschsaft verdünnt.
Keine Kekse, und wenn sie noch so verführerisch dufteten.

Ich beneide Menschen, die in einen Keks hinein beißen und dann wieder aufhören können. Ich kann das nicht. Die Maßvollen nehmen meist nur einen Keks, mit zwei Fingern, mit den Fingerspitzen. Dann führen sie ihn zum Mund und knipsen mit ihren Vorderzähnen ein Stückchen ab, ein kleines Stückchen.

Die Kultivierten spreizen zudem noch den kleinen Finger dabei.
Ich bin anders. Wenn Klara noch am Herd steht und den Kaffee von der Kaffeemaschine herunterholt, greife ich schon mal in die Keksdose, mit der ganzen Hand, versteht sich.

Manchmal nehme ich auch gleich zwei heraus. Den einen lege ich auf dem Teller ab und den anderen schiebe ich mir in den Mund hinein.
Dann breche ich den Keks mit meinen Zähnen, halte mich nicht lange mit dem Kauen auf, sondern schlucke alsbald alles runter, wie ein Hai seine Beute.

„Du wolltest doch abnehmen“, sagt dann Klara.
Wollte ich. Doch nun waren ja verdammt noch mal die Kekse auf dem Tisch.

Also lange ich wieder hin, während Klara den Deckel auf die Dose drückt, so dass meine Finger fast dazwischen eingeklemmt werden.
Ich lasse von meiner Beute ab und erkläre Klara die neuesten Entwicklungen in der Politik.

„Ich wollte eigentlich mal zur Ruhe kommen und lesen“, sagt sie dann.

Das alles soll nun anders werden.
Klara weist mich in die Zubereitung des Salates ein. Ich habe eigentlich keine Lust dazu, aber Opfer müssen nun mal gebracht werden. Das sage ich meist zu den anderen.
Doch nun war ich dran und ich war bereit.

ANNA IST DEMENT (37)

PETER WARTET AUF HELGA

Es dauerte noch eine Weile, bis sich eine Kellnerin ihm näherte, gemächlich und mit grimmigen Gesicht.“

„Sollte sie wegen seiner Anfrage Ärger bekommen haben?“, fragte Peter sich.
„Sie wünschen?“, fragte ihn die Kellnerin, die nun direkt neben ihm stand und ihn mit einem wütenden Gesichtsausdruck anschaute. .

„Können Sie mir dieses Getränk hier empfehlen?“, fragte Peter und zeigte auf die Karte, auf der ein Glas mit einem Mix aus Gin Tonic, etwas Weißwein, aufgefüllt mit Sprudel, und einer am Rand aufgesteckten Apfelsinenscheibe zu sehen war.

„Das ist immer eine Geschmackssache!“, antwortete die Kellnerin verschnupft.

„Das stimmt“, sagte Peter. Er war wieder auf Kampfmodus eingestellt. Er schaute die Kellnerin jetzt selber mit einem provokanten Gesichtsausdruck an. Klara hasste diese Eskapaden. Sie meinte, es lohne sich nicht, sich laufend mit den Leuten anzulegen.

Peter sah das ähnlich, jedenfalls wenn Klara mit dabei war. Aber dass die Kellnerin sich nicht einmal für das späte Erscheinen entschuldigte, reizte es ihn, weiterzumachen.

„Gott sei Dank haben Sie sich so unendlich viel Zeit gelassen, bis Sie es an meinen Tisch geschafft haben. Dadurch konnte ich mir schon ein Bild machen.“

„Wir sind ja schließlich nicht auf der Flucht“, sagte die Kellnerin und wirkte nun in ihrer Körperhaltung noch bedrohlicher. Sie hatte rustikale Lederhosen und ein kariertes Hemd an.

„Ja Sie, Sie sind gewiss nicht auf der Flucht. Sie ganz bestimmt nicht. Sie haben lediglich die Gabe, die Kunden in die Flucht zu schlagen. Ich überlege auch gerade, ob ich gehe.
Aber gut, dann bringen Sie mir bitte das Getränk.“

Die Kellnerin notierte die Bestellung regungslos, drehte sich um und lief davon.
Wenige Augenblicke danach kam eine junge Kellnerin und schaute Peter ängstlich an.

„Hier Ihr Getränk. Zum Wohl“, flüsterte sie fast.
„Oh, das ist aber eine nette Bedienung. Donnerwetter, geht doch. Vielen Dank.“

Das Gesicht der jungen Kellnerin hellte sich und sie lief fröhlich davon.
Vom Tresen her traf ihn der eiskalte Blick der ersten Kellnerin. Peter hob das Glas und prostete ihr zu. Sie drehte sich demonstrativ um.

„Wie im 5 Sterne Hotel“, sagte Peter laut und schlürfte genussvoll das eiskalte Getränk hinunter.
Als er das Glas absetzte, stand Helga vor ihm.

„Na, drangsalierst du schon wieder nette Menschen?“, fragte sie Peter.

Peter stand auf und rang sich ein Lächeln ab. Immerhin hatten sie sich ein paar Jahre nicht gesehen.
Und Helga fuhr fort: „Du, ich war hier jahrelang Stammgast“, sagte Helga.

„Na, dann kann ich den Frust der Kellnerin verstehen“, entgegnete Peter.
Helga hasste ihn dafür, denn sie konnte gegen ihn im Gespräch meist wenig ausrichten.
Sie holte trotzdem zum Gegenschlag aus.

„Und, hast du es mit deinem kleinen Flitzer bis hierher geschafft?“, fragte ihn Helga.
Sie selbst fuhr einen SUV Porsche und wollte Peter treffen.
Ach weißt du, der kleine Jeep, ich nenne ihn „Mister Trump“, hat Biss.

Ich mag ihn. Und meine Enkelin erst, die zeigt schon von weitem mit dem kleinen Finger auf ihn, wenn sie ihn sieht. Da kann mir doch egal sein, was ein paar versnobte Porsche-Fahrer denken.“
Helgas Gesicht lief rot an, sie zog es jedoch vor zu schweigen.

ANNA IST DEMENT (36)

FAHRT NACH DRESDEN

Peter hatte keine Lust, noch einmal zum Hörer zu greifen. Er schickte eine WhatsApp-Nachricht:
„Lass uns nicht streiten. Jetzt müssen wir zusammenstehen. Ich bin dazu bereit und komme am Dienstag nach Dresden.“

Von Helga kam ein kurzes ‚ok‘ zurück.
Dienstagfrüh, das Thermometer sollte auf 35 Grad Celsius ansteigen. Bei diesen Temperaturen konnte man überall hinfahren, nur nicht nach Dresden.

Peter erinnerte sich, wie drückend es in der Stadt im Sommer war.
Sie wohnten direkt im Stadtzentrum. An den Hängen, da war es auszuhalten, aber im Herzen der Stadt legte sich die Hitze wie eine Glocke über die Straßen und Häuser.

Das Gefühl, keinen großen See in der Nähe zu haben, bedrückte Peter deshalb besonders.

Ein Grund für ihn, später zur Marine zu gehen. Er war die ersten Jahre in Schwerin aufgewachsen. Der Schweriner See war für ihn herrlich. Er konnte es sich nicht vorstellen, dass es woanders noch hätte schöner sein können.

Später dann begann er die Ostsee zu lieben, das Wasser, den ständigen Wind und das Gefühl der Freiheit, das man nicht beschreiben konnte.

Peter wollte nicht zu sehr hetzen und entschloss sich, möglichst frühzeitig nach Dresden aufzubrechen.
Der Berliner Ring war voll. Auf der rechten Spur reihte sich ein LKW an den anderen.

Peter blieb auf der linken Spur und ärgerte sich, dass hinter ihm jemand drängelte.
Früher war er genauso gewesen. Für ihn war klar, dass er mit seinem 7er BMW Vorfahrt hatte, zu wichtigen Terminen.
„Was für ein eitler Gockel du doch manchmal warst“, sagte er sich heute im Stillen.

Nach drei Stunden Fahrt auf der glühenden Autobahn, bei stickiger Luft und einer Sonne, die selbst noch durch die getönten Scheiben gleißte, war er in Dresden angekommen. Er fuhr in die Tiefgarage, direkt an der Frauenkirche und begab sich nach oben.

Als er aus der Tür heraustrat, hatte er den Eindruck, jemand würde ihm direkt einen dicken Hammer mitten ins Gesicht schlagen.
Peter bog in eine kleine Straße ein. Sie nannte sich „Salzgasse“.
Er staunte, wie viel neue Häuser, Hotels, kleine Läden, Restaurants entstanden waren.

Dresden zeigte sich von seiner besten Seite, weltoffen und mit herrlich restaurierten historischen Gebäuden. Allein die Frauenkirche machte auf ihn immer wieder einen grandiosen Eindruck.

„Warum wird nur von ‚Pegida‘ gesprochen und nicht von den schönen Seiten der Stadt, den höflichen und netten Menschen, den Sachsen. Ihren Dialekt hatte Peter nie angenommen, obwohl er über zehn Jahre in der Stadt verbracht hatte. Aber die sächsischen Laute riefen doch in ihm so etwas wie ein Heimatgefühl hervor.

Peter setzte sich in das Café, wo er sich später auch mit Helga treffen wollte.
Er saß bereits eine halbe Stunde, bis er sich entschloss, an die Theke zu gehen.

„Entschuldigen Sie, bedienen Sie hier alle Gäste, oder gibt es ein Auswahlprinzip?“
Der Mitarbeiter hinter der Zapfsäule schaute ihn entgeistert an.

„Aber selbstverständlich, mein Herr, wir bedienen alle.“
„Und warum warte ich dann über eine halbe Stunde dort hinten in der Ecke?“, fragte Peter zurück.
„Wir kommen sofort“, sagte der Mitarbeiter entschuldigend.

ANNA IST DEMENT (35)

DU MUSST MIT NACH DRESDEN KOMMEN

Freitagmittag. Helga Geiger, Peters Schwester rief an. Sie wohnt auf Sylt, gemeinsam mit ihrem Mann, Thomas Geiger.

„Vati will nicht mehr leben, er isst nicht mehr und er trinkt nicht mehr“, sagte Helga am Telefon zu Peter.

„Woher weißt du das?“, fragte Peter.
„Ich habe doch meine Verbindungen ins Pflegeheim“, sagte Helga.
Ja, die hatte sie zweifelsohne. Aber Peter kannte Helga nur zu gut. Sie übertrieb oft, dramatisierte die Situation.

„Du musst am Dienstag unbedingt mit nach Dresden kommen. Es ist viel zu organisieren.“

Peter zögerte. Er ließ sich ungern in etwas hineintreiben, wollte die Fäden selbst in der Hand behalten.

Aber Helga war nun mal näher dran, an Manfred und Gertrud Gerber. Schließlich hatte sie jahrelang in dem Heim in leitender Position selbst gearbeitet und kannte das Personal gut.

„Willst du etwa einen geschäftlichen Termin im Pflegeheim mit privaten Zielen verbinden?“, fragte Peter.
Jetzt platzte es aus Helga heraus:

„Wie kommst du darauf? Das ist eine Unterstellung!
Ich verbitte mir das.“

„Du kannst bitten, so viel du willst. Aber ich werde doch wohl noch fragen dürfen, warum ich bei dem Termin wirklich dabei sein soll.“
Bei Peter saß das Misstrauen tief, sehr tief.

Die Wunden, die in den vergangenen Jahren bei Peter entstanden waren, die schmerzten immer noch.
Zuviel hatte Helga ihm versprochen und dann nicht gehalten.
Jetzt sagte er das aber nicht.

Stattdessen brüllte er sie an: „Wenn du glaubst, dass du mich im Ton eines Untergegebenen behandeln kannst, dann hast du dich geirrt. Mir ist es egal, dass du eine Million auf dem Konto hast, aber du redest trotzdem mit mir in einem ordentlichen Ton.“

Peter hatte sich selbst im Ton vergriffen, so sauer war er auf Helga.

„Ich habe nicht eine Million“, entgegnete Helga wütend.
„Nein, das glaube ich dir sogar. Du hast mindestens zwei Millionen auf dem Konto“, gab Peter zurück.

Helga legte auf.

Peter schlug die Schilddrüse, er war wütend, wusste, dass er sich im Ton vergriffen hatte, und musste trotzdem eine Entscheidung treffen.

Schweren Herzens wählte er noch einmal die Telefonnummer von Helga.
Es ging keiner ran.

SCHREIB – ALLTAG (3)

WIEVIEL EIGENE SCHWÄCHE SOLL ICH PREISGEBEN?

Ich schreibe über den Alltag so, wie ich ihn erlebe, ihn persönlich wahrnehme.

Das kann ich am besten, indem ich aus der Ich-Perspektive erzähle.
Ich schreibe dabei nicht nur über dritte Personen, nein, ich schließe mich in diese Erzählungen mit als Person ein, schreibe also auch über mich selbst.

Doch wer schreibt schon gern über seine eigenen Schwächen? Wohl kaum jemand.
Trotzdem glaube ich, dass es richtig ist, dem Leser nicht irgendetwas zu suggerieren, was im realen Leben, im Alltagsgeschehen auch nicht so stattfindet.

Klar: Wenn ich eine Alltagsgeschichte über Protagonisten schreibe, die ich selbst erschaffen habe, so ist das noch wieder etwas Anderes. Da kann ich übertreiben, weglassen und den Figuren bestimmte Stärken andichten.

Wenn ich aber über mich selbst schreibe, dann fühle ich mich am wohlsten, wenn ich sehr nahe an der Realität bin.
Ich fahre zum Beispiel tatsächlich ins Fitnessstudio und trainiere dort, um meinen Bauch wegzubekommen, das Gewicht zu reduzieren und ich mache meine Anstrengungen wiederum zunichte, weil ich manchmal am Wochenende über die Stränge schlage, konkreter: mir den Bauch voll haue.

Soll ich das weg lassen? Könnte ich.
Aber ich glaube fest daran, dass es authentischer ist, wenn ich die ganze Wahrheit schreibe. Das heißt nicht, dass ich alles schreibe. Nein, das nicht.

Was ich sagen will: Meine Schreibkraft oder besser, meine Schreiblust beruht entscheidend darauf, dass ich mich selbst mit meinen Schwächen ‚auf den Arm‘ nehmen kann.

MEIN FREUND, DER ALLTAG (70)

MIT ‚LOSER‘ UND ‚FOLTERKNECHT‘ IM FITNESSSTUDIO

Montag. Das Parkticket zeigt 05.58 Uhr an, als ich in die Tiefgarage einbiege. Ich stelle mich im zweiten Untergeschoß auf den Platz, auf dem ich schon mehrfach geparkt habe. Das bringt Routine und das macht mich ruhiger.

Mir fehlt heute der Spirit, die Begeisterung am Wochenanfang.
Ich schleppe mich die Treppen hoch, lustlos und keuchend.
Im Studio ist es eher ruhig. Es sind nur weniger Besucher da und die verteilen sich auf den gesamten Raum. Ich ziehe mich um und erwische das Fach 135, so wie am Freitag.

Klara hat mir neue Trainingssachen gekauft, ein neues T-Shirt und Shorts. Ich sehe stylischer aus. Der Bauch macht den guten Eindruck wieder zunichte. Ich beiße die Zähne zusammen und absolviere die Übungen, so wie ich es gewohnt bin.

Die Bauchmaschine ist an der Reihe. Ich stelle die Gewichte ein – auf 35 kg. Der Vorgänger hatte sie auf 70 kg justiert.
Dann klemme ich die Beine hinter die Rolle und greife mit beiden Armen nach den Griffen über mir.

Ich ziehe sie runter und bewege zur gleichen Zeit die Beine nach oben. Mein Bauch wird zusammengepresst, die Beine schmerzen und die Arme auch. Ich schließe die Augen. Dann fällt es mir leichter, die Bewegungen auszuführen.

Seit heute begleiten mich zwei innere Stimmen. Beim Training sitzen diese in Form von kleinen Kobolden auf meinen Schultern.
‚Loser‘ ist der eine und ‚Folterknecht‘ der andere. Mittendrin bin ich und muss mich entscheiden, was ich tue.

„Mensch lass es doch ruhig angehen“, flüstert mir Loser ins linke Ohr.
„Du hast ein schweres Wochenende hinter dir. Krümel war da, Laura auch. Du musstest so viel essen, dich auf der Liege ausruhen, Krümel im Sitzen beim Spielen im Sandkasten beobachten. Nur mit Mühe konntest du dich hochhieven, um Krümel wenigstens den Wasserhahn aufzudrehen, damit sie ihre kleine Gießkanne füllen konnte“, flüstert er weiter weich und sanft.

„Jetzt ist aber mal genug“, röhrt mir da Folterknecht auf der anderen Seite ins Ohr.
„Kneif‘ doch die Arschbacken zusammen und zieh‘ deine Übungen durch. Den Sangria hast du doch auch bis zum letzten Tropfen ausgetrunken und dich nicht beschwert“, brüllt er weiter.

Eine unangenehme Stimme, die von Folterknecht, so unwirsch, so erbarmungslos.
Gott sei Dank sitzt Loser auf der anderen Seite.

„Komm, mach‘ ein ‚Päuschen‘“, flüstert er.
„Kommt gar nicht infrage. Du bist erst bei Übung Nummer 11 und 15 Mal musst du die Beine und Arme bewegen. Dann kannst du eine kleine Pause von einer Minute machen. Danach geht es von vorn los!“, mischt sich Folterknecht ein.

„So ein unhöflicher und ungehobelter Klotz, der Folterknecht“, zischt Loser beleidigt.

„Lass ihn doch selbst entscheiden, was er will“, sagt er weiter.
„Ich mach‘ weiter“, sage ich, um den Streit zu schlichten.
„Sehr gut!“, brüllt mir gleich Folterknecht ins Ohr.

Woran erinnert der mich nur?

Ach ja, an die Marinezeit.
Wenn wir morgens 06.00 Uhr auf den Fluren antreten mussten und uns noch schlaftrunken an die Wand lehnten, da erscholl die gleiche Stimme:
„Die Wand steht von allein. Raustreten zum Frühsport, aber im Laufschritt, und das Ganze ein bisschen schneller!“

Loser und Folterknecht streiten sich weiter.
Ich höre nicht mehr hin. Anstelle von insgesamt 45 Dehnungsübungen habe ich 90 gemacht.

„Siehst du, mit Einfühlungsvermögen kommt man viel weiter“, sagt daraufhin Loser.
„Das ich nicht lache, nur Härte und Kampfeswille haben ihn bis hierher gebracht“, schnieft Folterknecht.

Ich gehe zum Abschluss noch zum Laufband und laufe im Rhythmus zur Musik.

Es ist die abschließende Trainingseinheit. Langsam steigt Freude in mir hoch und ich laufe automatisch schneller, motivierter. Loser und Folterknecht schweigen. Die Woche wird gut.

 

MEIN FREUND, DER ALLTAG (69)

DER RÜCKSCHLAG IM ZÄHEN KAMPF UMS ABNEHMEN

Gestern war Krümel bei uns zu Besuch.
Wir haben mit ihr gemeinsam den kleinen Sandkasten eingeweiht. Schaufeln und Eimer hatte Klara im Schreibwarenladen in Basdorf eingekauft.

Damit ging Krümel auch gleich zu Werke und verteilte den Sand gleichmäßig auf unserer Terrasse.
Irgendwie hatten wir das schon befürchtet.

Als ich schließlich sagte, „Krümel, nein!“, da war die Hölle los und ich für kurze Zeit nicht mehr der beste Opa.
Schließlich hatte sie sich wieder beruhigt und sich einem anderen Abenteuer zugewandt, dem Wasser.

Sie goss mit ihrer kleinen Gießkanne die Blumen, und zwar immer die gleichen.
Schließlich kriegten wir sie dazu, dass sie im kleinen ‚Swimmingpool‘ plantschte. Wir hatten ihn unter großen Anstrengungen und mit dicken Backen aufgepustet.

Wenn Krümel und Laura uns besuchen, dann gerät unsere kleine, organisierte Welt meist aus den Fugen.
Ich vergesse, dass ich darum kämpfe, das Gewicht zu reduzieren, kurzum: abzunehmen. Vergessen trifft es nicht ganz.
Ich ignoriere einfach meine Vorhaben. In der Woche hatte ich durch maßvolles Essen und ziemlich angestrengtes Training im Fitnessstudio erreicht, dass ich anderthalb Kilo weniger auf die Waage brachte.
Am Samstag aber, da war mir alles egal.
Ich habe mittags ins Essen reingehauen, als gäbe es kein Morgen mehr, und ich habe mich gefreut, dass Krümel am Tisch saß und ihre oft noch unverständlichen Laute von sich gab.

Nachmittags gab es Eis mit Erdbeeren. Die volle Portion. Danach war ich bereit für zwei Gläser ‚Sangria‘.

Ich habe mich auf der Terrasse gefühlt wie auf Mallorca.
Sonntagmorgen kam das böse Erwachen. 1,5 kg hatte ich in der Woche abgenommen und zwei wieder an nur einem Tag draufbekommen. War das gerecht?

Was sollte ich machen? Heulen?
Ich habe nachmittags noch einmal Eis mit Erdbeeren genossen. Frustessen.

Aber Montagfrüh, da geht es wieder los, ins Fitness-Studio.
Und nächstes Wochenende, da ist Krümel nicht da.
Die Zeichen stehen gut, die Rückschläge wieder auszugleichen.

MEIN FREUND, DER ALLTAG (68)


ICH MUSSTE MIR IN DIESER WOCHE MEIN GLÜCK ERSCHWITZEN

Eine Woche Fitness-Training ist rum. Ich kann es noch gar nicht glauben: Ich bin jeden Tag, wirklich jeden Tag nach Mitte gefahren, bin die Treppen in der Tiefgarage hinaufgestapft, um anschließend durch die Eingangstür des Studios zu gehen, die dunklen Musikbässe zu hören, die ersten ‚Leidensgefährten‘ an den Geräten zu sehen, mich umzuziehen und zu Beginn auf den Crosstrainer zu steigen.

Erst wollte ich nur drei Tage trainieren, dann war der Donnerstag als der Tag im Gespräch, den ich auslassen wollte. Und jetzt bin ich doch 5 Tage am Stück dort gewesen.

Gestern war ich erschlagen. Ich habe trainiert, ein weiteres Gerät mit in meine Übungsreihe aufgenommen und war anschließend schweißnass. Die warmen Temperaturen, und das schon am Morgen, taten ihr Übriges.

Der ‚Bauchstrecker‘ hat mich gefordert.
‚Hör auf, das reicht‘, sagte meine innere Stimme. Ich habe weitergemacht, die Augen geschlossen, damit ich den Schmerz besser ertragen konnte, und ich habe die vorgegebene Anzahl von dreimal 15 Übungen eingehalten. Und das an jedem Gerät.

Zwei Stunden vergehen wie im Flug, wenn du hintereinander die einzelnen Stationen absolvierst. Zum Schluss war ich auf dem Laufband.

Neben mir jagte jemand über das Band, als wäre die Drogenmafia hinter ihm her. Ich habe mich davon nicht stören lassen. Ich bin im Nordic Walking Stil gelaufen. Schließlich hatte ich mich auf die Musik eingestellt und wurde von allein schneller.

Ich habe für kurze Zeit die Augen geschlossen und mich gefragt, warum ich mich gerade so freue?

Weil ich durchgehalten habe, weil draußen die Straßenbahn vorbeifährt, die Autos nach unten in Richtung Alex jagen und ich im selben Moment was für meine Gesundheit tue. Dieses Glück kannst du kaum mit jemanden teilen.

Aber wenn du hinterher, kurz bevor du zurückfährst, dich in die Sofaecke am Eingang lümmelst, die Füße von dir streckst, deine Flasche Wasser austrinkst, und du weißt, dass du das Beste am Tag gerade erlebt hast, ja dann weißt du auch, dass du nicht vielmehr brauchst.

Vielleicht Krümel, die ich morgen früh hole und mit der ich den Sandkasten im Garten einweihen will. Wenn sie dann wegläuft, werde ich wohl kaum hinterherkommen. Ich habe Muskelkater, ich ‚habe Rücken‘ und ich habe verdammt viel Glück, dass ich das alles erleben kann.

Ich bin völlig aus meinem Arbeitsrhythmus raus und habe in dieser Woche fast nichts geschafft, jedenfalls nicht viel.

„Ich gehe ins Bett“, habe ich gestern Abend zu meiner Frau gesagt. Da war es halb acht. Kurz vor acht schlief ich fest ein und bin erst heute Morgen gegen 04.00 Uhr aufgewacht.

Dann hieß es wieder: Duschen, Tasche schnappen, Klara zur Arbeit fahren und vorbei am Axel-Springer-Haus wieder in Richtung Mitte düsen, das Fitness-Center fest im Visier.

Was ist meine Erkenntnis in dieser Woche: Du bekommst deine guten Gefühle nicht geschenkt, sie kommen nicht einfach so, meistens jedenfalls nicht. Nein. Du musst dich anstrengen, sie ‚erschwitzen‘. Der Lohn ist fantastisch. Nächste Woche geht es wieder von vorn los.

MEIN FREUND, DER ALLTAG (67)

JEDER EINZELNE TAG IST WERTVOLL

Ich war wieder im Fitness-Studio. Für mich ist das inzwischen eine Sache, bei der sich Routine einstellt.

Die Geräte werden mir vertrauter, ich probiere weitere Übungen aus und schwitze, weil es ohnehin warm in den Räumen ist.

Wenn ich darüber nachdenke, warum ich mir das alles antue, dann ist die Antwort klar: Ich will abnehmen.

Es gibt aber noch etwas, was mir klar wird, während ich Pausen mache, meist nicht länger als eine Minute.

Ich schaue dann nach draußen, sehe wie die Autos auf den Alex zurasen, die Radfahrer aus dem Prenzlauer Berg angesaust kommen.

Das alles sieht nach viel Stress aus, einfach danach, dass keiner mehr so richtig Zeit hat.
In Wirklichkeit haben wir ja alle die gleiche Zeit. Wir meinen nur, wir könnten dem Anderen sagen, wir hätten eben doch keine Zeit dafür.

Dabei ist Sport nicht nur etwas für die eigene Fitness.
Es hilft auch, zu sich zu finden.

Ich schnaufe während der Übungen, weil sie mir schwerfallen.
Und wenn sie mir leichter fallen werden, dann steigere ich die Schlagzahl, langsam natürlich.

Das bleibt also. Was sich nur ändert, das ist das Denken.
Du fühlst dich unter Menschen zuhause, die alle schon am frühen Morgen etwas Gutes tun, für sich, für ihre Laune und damit auch für andere.

Ich fahre stets mit einem positiven Gefühl aus der Tiefgarage heraus, selbst wenn ich nicht gleich in Richtung Prenzlauer Berg abbiegen kann, sondern noch ein Stück wieder auf den Fernsehturm zufahren muss.

Woher kommt dieses gute Gefühl? Da gibt es sicher viele Gründe für, physische und psychische.

Mir gehen in dem Zusammenhang noch andere Dinge durch den Kopf. Zum Beispiel, warum ich mir früher nie ausreichend Zeit dafür genommen habe.
Das aber ist vergangen, nicht zurückzuholen.
Was ich noch vor mir habe ist die Erkenntnis, dass jeder Tag
was Besonderes sein kann.

Das klingt ein wenig nach Guru-Satz.
Was ich meine ist dies: Die Fitness bringt mich dazu, den Alltag als das Ereignis überhaupt anzusehen, nicht zu viel in die Ferne zu träumen, sondern lieber die mentale Kraft aufzubringen, das schön zu finden, was man gerade tut.

Du musst dazu weder in Berlin sein, noch ein tolles Auto fahren, sondern diese Gedanken einfach nur zulassen.

Kraft geben dir die Dinge, die du selbst vor der Nase hast. Es ist so einfach, du musst  es dir trotzdem immer wieder klarmachen. Der Trubel im Studio hilft mir dabei.

MEIN FREUND, DER ALLTAG (66)

EINWEISUNG IM FITNESS-CENTER -3

Bei der Einweisung an den Geräten zeigte sich das ganze Können und die Erfahrung des Trainers. Das strahlte er aus und das zeigte er mir. Ich ließ mich gern beeindrucken, zum Schluss machte ich ja doch, was ich wollte.

„Wir fangen mit dem Crosstrainer an“, sagte er zu mir.
„Steig‘ mal drauf“, meinte er weiter.

Also tat ich, was er sagte und stieg in die Pedalen, besser in die Fußabdrücke des Crosstrainers. Das fühlte sich leicht an, ich trat schneller durch.

„Wir machen mal Stufe 10 an“, sagte der Trainer.
„Dann hast du ein Gefühl dafür, wie es sich anfühlt, wenn du mit der größten Belastung umgehen musst.“

Ich nickte und merkte, wie meine Oberschenkel anfingen zu schmerzen.

Dagegen war Nordic Walking das reinste Ausflugvergnügen.
Ich hatte genug und stieg einfach ab.

„Geht klar“, sagte ich, „hab‘ verstanden, wie es geht.“
Der Trainer wollte noch etwas sagen. So was wie durchhalten, anhaltend trainieren. Ich kam ihm zuvor.

„Ich trete erst einmal zehn Minuten bei Belastungsstufe 5 durch“, sagte ich.
Das fand er wohl in Ordnung und nickte.

„Lass uns mal zur Ruderzugmaschine gehen, da muss ich ans Wasser denken, insbesondere die Ostsee“, meinte ich.

Er nickte zustimmend, obwohl sein Gesichtsausdruck sagte, dass er die Ansagen machen wollte.

„Wenn ich die Geräte mitaussuchen kann und danach die Fragen gezielt stelle, fühle ich mich wohler, verstehe mehr und werde deine Ratschläge alle hinterher berücksichtigen“, tröstete ich ihn. Der Trainer stellte sich nun auf mich und meine Art ein. Das fand ich stark.

Zum Schluss ging es noch auf Waage, diejenige, die den Fettanteil ausmisst.
Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Wir verabschiedeten uns, ich ging schnurstracks in die Tiefgarage, stieg ins Auto und fuhr eine Straße weiter zum Alex. Dort wartete Klara.

Ich war nun ein vollwertiges Mitglied im Fitness-Club.

Am nächsten Tag fuhr ich kurz vor 06. 00 Uhr wieder in die Tiefgarage ein, stieg aus, nahm meine Tasche, ging schwungvoll die Treppen rauf und schon war ich erneut im Fitness-Center.

Es war unglaublich. Ich war nicht der erste. An den Geräten strampelten sich bereits eine Reihe „Fitness-Bekloppter“ ab.
Dazu gehörte ich nun auch.

Man sah es von außen noch nicht. Mein Bauch ließ eher darauf schließen, dass ich nur mal gucken wollte.

Aber innerlich, ja da schwang ich schon am Reck. So wie der auf dem Fernsehbild, gegenüber vom Tresen. Na gut, ich wollte es erst einmal ruhig angehen lassen.

MEIN FREUND, DER ALLTAG (65)

EINWEISUNG IM FITNESS-CENTER -2

Ich meldete mich am Tresen und fragte nach der Einweisung.
Der Mitarbeiter schaute nach und sagte: „Du stehst heute nicht im Kalender.“

„Wenn du Donnerstag aufschlägst, dann findest du mich auch. Heute ist nicht Freitag“, entgegnete ich, denn ich hatte ihn beim lustlosen Blättern im Kalender beobachtet.

„Stimmt“, sagte er.
Nachdem alles geklärt war, begab ich mich in die Umkleidekabine. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich das obligatorische Handtuch vergessen hatte.

Also musste ich ersatzweise die zweite Trainingshose nehmen, denn ein Handtuch auf die Sitze aufzulegen, das war Pflicht.
Eigentlich eine gute Sache, denn ich wollte mich ja auch nicht gerade im Fitness-Center mit Viren infizieren.

16.00 Uhr, es war soweit und der Trainer kam zu mir in die Ecke, in der eine Couch stand. Er setzte sich zu mir und fragte mich, was ich mit dem Training erreichen wollte.

„Bauch weg, Muskeln aufbauen, mehr Beweglichkeit“, sagte ich.
„Das wollen alle“, meinte er.
„Das ist gut möglich und wahrscheinlich, denn hier wird wohl kaum einer das Ziel haben, sich zur Prima Ballerina im Ballett zu entwickeln“, meinte ich.

Jetzt sah er mich genauer an. Offensichtlich konnte er mit meiner Antwort nicht viel anfangen.
Ich wollte ihm helfen. „Mein wichtigstes Ziel ist es, das Übergewicht drastisch zu reduzieren und etwas als Ausgleich zum Sitzen zu finden.

Ich denke, das kann ich hier ganz gut verwirklichen.“
Jetzt wurde der Trainer aktiv und begann mir einige Übungen und Geräte zu erläutern.

„Wir sollten auf ein ganzheitliches Training gehen. Natürlich musst du vor allem etwas in der Ernährung tun, sonst können wir hier machen, was wir wollen, aber wir werden wenig erreichen.“
Das leuchtete mir ein und ich gab ihm Recht.

„Genau das ist meine Achillesferse“, pflichtete ich ihm bei.
‚Wenn der wüsste, wie viel Achillesfersen ich tatsächlich habe, dann würde der eine ganze Armee dahinter vermuten‘, dachte ich im Stillen.

„Wollen wir mal zu den Geräten gehen?“, fragte er mich.

MEIN FREUND, DER ALLTAG (64)

EINWEISUNG IM FITNESS-CENTER -1

Donnerstag, 15.00 Uhr. Ich fahre im dicksten Verkehr, in der ‚rushhour‘, in Richtung Alex.

Heute ist die Einweisung in die Trainingsabläufe im Fitness-Center und darin, wie ich am besten die Geräte für mich nutzen kann.

15.20 Uhr: Ich komme in der Tiefgarage an und will auf meinen Stellenplatz. Er gehört mir, weil ich morgens schon dreimal darauf gestanden habe. Das denke ich mir jedenfalls.

Jetzt steht da ein anderer. Der weiß offensichtlich nichts von mir. Ich fahre ein Parkdeck tiefer. Da ist alles frei. Ich kurve trotzdem noch ein wenig umher, weil ich denke, ich könnte immer noch einen besseren Stellplatz ergattern. Schließlich fahre ich in eine markierte Spur. Rechts ist eine Wand. Ich fahre besonders vorsichtig.

Ich bin schon in einem Hotel in Mitte mal an die Wand gefahren und beim Ausparken habe ich in einer anderen Tiefgarage mit meinem hinteren Kotflügel eine Säule gerammt. Die war aber auch wirklich ungünstig platziert. Ich merke mir genau, wo ich stehe, denn ich bin schon in größeren Parkhäusern umhergeirrt, und nicht nur einmal.

Als ich den Ausgang gefunden habe, wird mir klar, dass ich nun zwei Treppen hinauf will und stöhne innerlich.
‚Aber mit dieser Einstellung wirst du es im Fitness-Center nicht weit bringen‘, denke ich für mich.

Als ich oben angekommen bin und aus der Tür gehe sehe ich, dass es die hintere Seite des Fitness-Centers ist. Dort ist der Innenhof, auf dem zahlreiche junge Leute mit ihren Laptops hocken und kreativ sind. Vielleicht tun sie auch nur so und wollen einfach eine Auszeit aus dem Büro nehmen.

Denn in dem Gebäude gegenüber sind eine Reihe Start-up-Unternehmen untergebracht. Ich könnte nicht in der gleißenden Sonne sitzen und mit dem iPad arbeiten. Ich habe es schon ein paar Mal probiert.

Es ist ja so cool, wenn du draußen schreibst. Aber einmal sah ich gar nichts, weil die Helligkeit nichts auf dem Bildschirm erkennen ließ, dann wiederum konnte ich nicht richtig schreiben, weil die Auflage nicht stimmte.

Nun beobachte ich nur noch und schreibe manchmal etwas in mein iPhone, mit einem Daumen und vielen Fehlern, die ich dann in meinem ‚Start-up-Homeoffice‘ korrigiere.
Klingt gut, oder? Also viel besser, als würde ich schreiben: in meinem Arbeitszimmer.

Heute zur Einweisung mit dem Trainer nehme ich die konventionelle Variante. Ich habe nämlich einen dicken Block mit. Der besteht aus Blättern, die auf einer Seite vom Computer bedruckt sind.

Die klebe ich dann übereinander und schreibe darauf mit dem Füller. So beginnt stets meine Schreibarbeit. Erst schreibe ich darauf, dann scanne ich das Ganze ein und schreibe es ab und drucke es wieder aus, um weiter daran zu arbeiten.

Umständlich? Ja, und wie. Aber kreativ. Das ist mein Beitrag zum Klimaschutz. So verbuche ich das heute. Entstanden ist die Idee, als ich in der Wendezeit an meiner Dissertation schrieb und Papier sparen wollte.

Ich bin am Eingang des Fitness-Centers angekommen. Dunkle Basstöne schlagen mir entgegen, nachdem ich die Tür aufgemacht habe und hineingehen will.

MEIN FREUND, DER ALLTAG (63)

WIR WAREN PFINGSTSONNTAG AN EINEM DER SCHÖNSTEN ORTE AUF DIESER WELT

Pfingsten kannst du auch schon wieder im Kalender streichen.
Früher sind wir um diese Zeit nach Polchow auf Rügen gefahren, und zwar mit Sack und Pack.

Das war aufregend, anstrengend, aber es war vor allem schön.
Wir waren zwar müde, wenn wir ankamen, alles ausgepackt hatten und das Auto endlich unter dem Carportdach stand, das von wilden Weinreben verziert wurde.

Aber zum Ausruhen war keine Zeit.
Es wurde alles rausgeräumt, Tische, Stühle, Hollywoodschaukel.
Anschließend kümmerte sich Klara um den Haushalt, den Garten und das Essen.

Ich mähte in der Zeit den Rasen, trimmte die Kanten. Abends saßen wir auf der Terrasse und waren hundemüde. Zwei Tage später packte Klara alles wieder ein, wir fuhren Richtung Berlin und standen spätestens auf der A 11 im Stau.

Am nächsten Tag stürzten wir uns erneut in die Arbeit und berichteten den Kollegen davon, dass wir an der Ostsee waren, im eigenen Bungalow.

„Wow“, riefen die dann meistens und für kurze Zeit überstrahlte in diesen Situationen meine stolz geschwellte Brust den darunter hängenden Bauch.

Dass wir erschöpft waren, am liebsten nach Hause gegangen wären, um uns auf Sofa zu hauen, dass der Rücken schmerzte von der Gartenarbeit und dem stundenlangen Sitzen im Auto – davon sagten wir nichts.

Und heute ist das sowieso vergessen.
Wenn wir von Polchow sprechen, dann nur in den höchsten Tönen.
Laura spazierte dort durch die Gärten, hatte gute Freunde, fühlte sich wie im Paradies.

An diesem Pfingstsonntag waren wir nun nicht an der Ostsee. Nein, wir waren in Berlin – Hohenschönhausen unterwegs.
Krümel hatte uns mit vor Freude quietschenden Tönen und strampelnden Beinen an der Fahrstuhltür zu Lauras Wohnung empfangen.

Wir machten uns wenig später zu einem Spaziergang auf und schoben Krümel auf ihrem Dreirad vor uns her. Sie strahlte Lebensfreude pur aus.

Nach einer Weile setzte ich mich auf eine Parkbank. Krümel kam zu mir gelaufen und kletterte mit meiner Hilfe auf mein Bein, rutschte von da aus auf den freien Platz neben mir und schaute zufrieden zu Klara und Laura.

Schließlich machte sie solange Lärm, bis sich die beiden ebenfalls zu uns gesetzt hatten. Laura sollte sich ausgerechnet zwischen uns setzen – Krümel und mir.

Laura saß erst einmal auf meinem rechten Bein, bis Krümel zur Seite rutschte, ein Stückchen wenigstens. Dann sah sie Klara ankommen und wollte, dass die sich rechts von ihr hinsetzte.

Krümel rutschte noch einmal von der Bank und holte das Dreirad, das noch auf dem Weg stand, ebenfalls zu uns heran.

Danach saßen wir alle nebeneinander. Auf der Bank, im grünen Park von Hohenschönhausen, weit weg vom Meer, von Rügen und von Polchow.

Und trotzdem, wir waren glücklich, denn wir hatten den Eindruck, dass Krümel fand, sie wäre an einem der schönsten Orte auf dieser Welt und dann noch mit ihrem „Rudel“ an ihrer Seite, das sie energisch und zielbewusst mit ihren kleinen Fingerchen und ihren unverwechselbaren Lauten dirigierte.

SCHREIB – ALLTAG (2)

WARUM GESCHICHTEN ÜBER DEN ALLTAG SCHREIBEN?

Es spricht einiges dafür: Ich kann Menschen in alltäglichen Situationen beobachten, ich bin an wechselnden Schauplätzen, es gibt stets neue Ausgangssituationen, und ich schreibe zu vielfältigen, sich abwechselnden Themen.

Manchmal fragt mich meine Frau, warum ich mir das alles antue. Eine richtige schlüssige Antwort kann ich ihr darauf nicht geben. Seitdem ich Rentner bin, lasse ich mich noch intensiver auf meinen Schreib-Alltag ein.

Natürlich fahre ich beispielsweise nicht zuerst ins Fitness-Center, um Menschen beim Training zuzusehen und anschließend darüber zu schreiben, sondern um selber Sport zu treiben, fit zu bleiben.

Aber ich beobachte auch, was um mich herum vorgeht.

Warum zum Beispiel die Leute an solchen Orten kaum miteinander reden, und ich dann dieses ungeschriebene Gesetz des ‚nicht miteinander Redens‘ durchbreche, jemanden gerade darum anspreche und genau darüber anschließend berichte.

Was könnten nun Leser daran interessant finden? Ich kenne natürlich nicht die genauen Motive jedes Lesers.

Jedoch glaube ich fest daran, dass jeder von uns bestimmte eigene Erlebnisse in Alltagssituationen wiedererkennt und sich freut, dass es anderen genauso ergangen ist.

Manch einer will vielleicht auch nur unterhalten werden, für einen Moment aus seiner Realität aussteigen und in den Alltag des Erzählers eintauchen.

Für mich als Autor ist es eine spannende Sache, wenn ich mich in meine Gedankenwelt begebe und sie abgleiche mit dem, was ich gerade erlebt und gesehen habe.

Ich denke, wir alle können mehr glücksbringende Momente in alltäglichen Situationen entdecken, als wir für möglich halten.

Mark Twain war es wohl, der sinngemäß formulierte, dass es vor allem zwei Tage im Leben eines Menschen sind, die für ihn eine Bedeutung haben – nämlich der Tag der Geburt und der Tag, an dem er weiß, warum er auf der Welt ist.

Jeder wird diese Frage anders beantworten. Ich denke, dass dies die wirklichen mentalen Anker im Leben sind.

Ich habe lange Zeit gedacht, dass ich einiges vollbracht habe, weil ich intensiv studiert habe, um mir möglichst viel Wissen anzueignen.

Dann kam die Wende und ich hatte das Gefühl, ich stünde beruflich vor dem Nichts.

Und wieder versuchte ich, meinem Leben einen neuen Sinn zu geben, Anerkennung durch Leistungen in einer neuen, anderen Welt zu bekommen.

Wirklich glücklich bin ich aber erst, seitdem ich erkannt habe, dass ich mich selbst so nehmen muss, wie ich bin und ich Kraft aus meiner neuen Gelassenheit ziehe.

Hat das was mit dem Alter zu tun?

Ich glaube schon.

Und mit dieser inneren Ruhe ziehe ich in meine neuen Abenteuer, gemeinsam mit meinem besten Freund, dem Alltag.

JEEPY (29)

ENDLICH, DIE SCHATZSUCHE BEGINNT

Die Kinder und Erwachsenen treffen sich auf dem Parkplatz in der Schorfheide.
Von da aus geht es direkt in den Wald, zwischen die Kiefern, vereinzelte Birken und Buchen.
Der Waldboden ist übersät mit Wurzeln, Kienäpfeln, Laub aus dem vergangenen Herbst.
„Passt auf, dass ihr nicht stolpert“, sagt der Fahrer gleich zu Beginn.
Alle sind aufgeregt, auch die Erwachsenen. Sie plappern durcheinander.
„Bitte mal alle herhören“, ruft da der Fahrer.
„Die Teilnehmer an der Schatzsuche teilen sich in zwei Gruppen auf:

Zur ersten Gruppe gehören Jeepy, ich als sein Fahrer und die Kinder Ameli, Jana, Denny, Darian, Otto und Dietmar, der Vater von Ameli.

In die zweite Gruppe gehören Fiatine, der Verkäufer und die Kinder Lina, Lou, Dimitri, Peter und eine Mutter, Margarete. Ihr müsst jetzt direkt durch den Wald laufen.“

Und weiter erläutert der Verkäufer: „Fiatine, du stehst an der ersten Station und stellst deine beiden Fragen, die du dir ausgedacht hast. Der Gewinner bekommt einen kleinen Preis. In Ordnung?“
„Ja“, rufen da alle.

„Dann geht es jetzt los, viel Spaß beim Suchen nach der Schatzkiste. Schaut auf die Karten, die beide Gruppen haben und orientiert euch an den Pfeilen und Bändern an den Bäumen, an denen ihr vorbeikommt“, erläutert noch der Fahrer.

Die beiden Gruppen sind losgelaufen. Jeppy ist zu seiner Station gefahren und Fiatine auch. Es sind die wichtigsten Abschnitte, die jeweils eine Gruppe passieren muss.

An der ersten Station steht Fiatine und wartet aufgeregt auf die Gruppe. Plötzlich hört sie Stimmen und da kommen die Kinder und Dietmar auch schon zwischen den Bäumen hervor.

„War es leicht, mich zu finden?“, fragt Fiatine.

„Naja, ich weiß ja nicht, wer die Karte gemalt hat, aber derjenige hat wohl nicht viel mit dem Zeichnen und der Geographie am Hut“, sagt da Dietmar.

„Das war der Fahrer von Jeepy“, antwortet Fiatine.

„Na der kann froh sein, dass er ein Navigationsgerät im Auto hat. Müsste der nach seiner Karte fahren, würde Jeepy nie am Ziel ankommen“, ergänzt Dietmar.

Der Verkäufer stand ruhig und schmunzelte vor sich hin.

‚Der Verkäufer hätte mal was dagegen sagen können‘,  denkt Fiatine. Sie findet, dass Dietmar nur meckert. Beim Kartenzeichnen war der jedenfalls nicht dabei.

Aber laut sagt sie: „Kinder, lieber Dietmar, ich stelle euch jetzt zwei Fragen. Wenn ihr sie richtig beantwortet, bekommt ihr schöne Preise.“

Fiatine schaute in die Runde, in die erwartungsvollen Gesichter.

„Also, es geht los: Welcher Baum kommt am häufigsten in Brandenburg vor?

A)Die Birke oder B)die Eiche oder C) die Kiefer?“

Die Finger der Kinder schnellen in die Höhe.

„Das ist die Kiefer“, sagt Ameli, die als erste den Arm gehoben hat.

„Och, das war ja ‚piepeleicht‘“, sagt da Denny aus der Gruppe.

„Richtig. Achtung, jetzt kommt die zweite Frage: Welche ist die zweithäufigste Baumart in Brandenburg?

A) Die Birke oder B) die Buche oder C) Die Eiche?“, fragt Fiatine.

„Das ist wohl eine Frage für mich“, sagt Dietmar.

„Und welche Antwort ist deiner Meinung nach die richtige?“, hakt Fiatine nach.

„Ich denke A, die Birke.“

„Falsch, falsch“, rufen da die Kinder.

„Denny, was meinst du?“, fragt Fiatine.

„Na die Eiche ist richtig. Das weiß ich von meinem Großvater, der ist Jäger“, sagt Denny stolz.

„Prima, das ist richtig“, sagt Fiatine und überreicht ihm ein Päckchen mit Malstiften.

Und an Dietmar gewandt: „Du würdest wohl keine Jägerprüfung bestehen, mit deinen Kenntnissen. Das hätte der Fahrer von Jeepy aber gewusst.“ Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Dietmar schwieg betreten.

„Für euch noch zur Erläuterung, Dietmar und liebe Kinder: Die Eiche kommt auf einem Waldgebiet von insgesamt 70.000 Hektar vor, gefolgt von der Buche auf ca. 34.600 Hektar.“

Sie hatte sich gut auf das Rätsel vorbereitet und einiges über den Baumbestand in Brandenburg und insbesondere in der Schorfheide gelesen.

Während sich die Gruppe wieder auf den Weg macht, sind auf der anderen Station die Kinder um den Fahrer und Margarete angekommen.

Jeppy erwartete sie schon.

„So, passt gut“, sagt Jeepy, holt tief Luft und stellt seine Fragen:

„Wie viel Waldeigentümer gibt es in Brandenburg?

A) 100.000 oder B) 1000 oder C) 100?“

Lina hebt die Hand.

„Lina, was meinst du?“, fragt Jeepy sie.

„Vielleicht 100?“

„Nein, das ist falsch.“

„1000″, sagt da Dimitri.

„Nein, es sind 100.000 Waldeigentümer“, klärt Jeepy die Gruppe auf.

„Och, so viele“, staunen die Kinder.

„Ja, das hatte ich vorher auch nicht gewußt, wenn der Fahrer es mir nicht gesagt hätte und der hat es vorher gegoogelt“, erklärt Jeepy.

Die Kinder nicken und finden es gut, dass Jeepy so ehrlich ist.

„Und nun zu der zweiten Frage: Was glaubt ihr, wie viel Prozent der gesamten Waldfläche den privaten Waldeigentümern gehört:

  1. A) 61% oder B) 20 % oder C) 10 %?“

„Wahrscheinlich gehört den Waldeigentümern der größte Anteil, also A“, sagt Margarete.

„Richtig“, stimmt Jeepy zu.

„61% gehören privaten Eigentümern, 26% dem Land Brandenburg, 7 % kommunalen Einrichtungen und 6 % dem Bund“, liest Jeepy vom Zettel ab.

„Und hier sind eure Preise“, ruft Jeepy.

Es gibt ein kleines Planschbecken, einen Wasserball und kleine Früchtekörbe für unterwegs.

Die Kinder sind begeistert und ziehen weiter.

Fast gleichzeitig kommen die beiden Gruppen an der Stelle an, an der die Schatzkiste vergraben sein muss.

„Schaut mal in die Nähe der beiden Holzbänke“, raunt jetzt Jeepy den Kindern zu.

Die suchen fleißig weiter.

Da ruft Darian: „Hier ist eine weiche Stelle. So als ob jemand ein Loch ausgehoben hat und ein Deckel darauf liegt.“

Die Kinder und die Erwachsenen kommen schnell zu der Stelle.

Der Fahrer und der Verkäufer schauen sich an und schmunzeln.

„Na dann macht doch einfach mal den Sand weg“, sagt der Verkäufer.

Eifrig beginnen die Kinder mit den Händen den Sand wegzuwischen. Sie nehmen die Holzplatte weg und entdecken die Kiste.

„Hier ist sie!“, rufen sie aufgeregt.

„Wartet, wir heben sie aus dem Loch“, sagt der Fahrer.

Und da stand sie nun, die Kiste.

„Wir haben ein letztes Rätsel. Wir verbinden einem Kind die Augen und es muss erraten, was es gerade isst. Wenn es richtig ist, darf diejenige oder derjenige die Kiste öffnen. Wer möchte das?“

„Ich, ich auch“, rufen da alle Kinder.

„Gut, wer hat heute noch nicht mitgeraten?“, fragt der Fahrer.

„Ich“, sagt Otto. „Ich habe auch noch nichts erraten“, ruft Jana.

„Gut, Jana, dann binden wir die Augen zu. Und du musst erraten, welches Obst du gerade schmeckst.“

„Gut“, sagt Jana.

Der Fahrer nimmt eine Kiwi aus dem Korb, schält sie schnell ab und gibt sie Jana.

„Das ist eine Kiwi“, ruft Jana sofort.

„Donnerwetter, das ging ja schnell“, sagt da der Fahrer. Er hätte nicht gedacht, dass Jana so schnell das Rätsel löst.

„So, Jana, dann mach den Deckel auf.“

„Jana hebt den Deckel an und zum Vorschein kommen die Goldstücke. Sie glitzern in der Sonne.“

„Oh, das ist ja wie ein richtiger Schatz“, rufen die Kinder.

„Ja, und in Wirklichkeit ist es Schokolade, die ihr essen könnt.“

„Au ja“, freuen sich die Kinder.

„Aber bitte nicht alles auf einmal“, sagt der Fahrer, während er und der Verkäufer die Goldtaler verteilen.

„Zum Abschluss lade ich euch alle zum Grillen in den Wildpark ein“, sagt noch der Fahrer.

Alle sind begeistert und streben dem Eingang zum Wildpark zu.

„War das nun ein richtiges Abenteuer?“, fragt der Fahrer den Verkäufer.

„Naja, vielleicht kein richtiges Abenteuer, aber ein Tag mit viel Spaß und ein bisschen hinzugelernt haben wir auch alle.“

Der Fahrer nickt zufrieden.

SCHREIB – ALLTAG (1)

WARUM AUSGERECHNET GESCHICHTEN ÜBER DEN ALLTAG?

Ich habe in meiner beruflichen Vergangenheit vor allem Texte mit einem wissenschaftlichen oder journalistischen Anspruch verfasst.

Das tue ich heute noch. Aber mehr und mehr erzähle ich Geschichten, mal der Wirklichkeit entnommen und mitunter auch in die literarische Welt gepackt.

Bin ich deshalb ein Schriftsteller?
Nein, ich denke nicht.
Aber ich muss mich natürlich an die Regeln des literarischen Schaffens halten. Ich versuche es jedenfalls.
Das ist für mich wie ein Abenteuer, eine Reise in ein unbekanntes Land.

Ich schreibe darüber, was mir dabei begegnet, was ich lerne, wie ich das Handwerk trainiere und was es mir bringt.

Das Motiv dahinter: Dem Leser Menschen näherzubringen, ihre Konflikte, ihre Hoffnungen, Sehnsüchte und die Schwierigkeiten, die der Alltag immer wieder auftut, jeden Tag aufs Neue.
Mich reizt das Banale, das wir am Tag erleben, eben das, was wir kaum bewusst zur Kenntnis nehmen.

Dabei gibt es viel mehr schöne Dinge als hässliche Erlebnisse im Alltag, humorvolle Episoden, die es lohnt, festzuhalten.
Natürlich sind es die erzählten Geschichten selbst, die den Leser am meisten interessieren.

Doch vielleicht ist es ja auch interessant, quasi den Weg des Schreibens zu dokumentieren – mein handwerkliches Verständnis davon, die Erfolge und Niederlagen, die Fehler und vor allem die Motive, warum ich weitermache.

Schreiben und verwerfen, wieder schreiben, lesen und dann wieder schreiben. Eintönig?
Ja, irgendwie schon. Anstrengend? Und wie.
Aber faszinierend.

MEIN FREUND, DER ALLTAG (62)

DAS ERSTE FITNESSTRAINING

Ich hab’s getan.  Gestern früh, 06.07 Uhr, habe ich das Fitness-Center in Mitte betreten.

Das war gar nicht so einfach, denn ich musste mich zunächst in allem zurechtfinden.

Wir sind gestern Morgen kurz nach 05.00 Uhr losgefahren. Es war schon eine Menge Bewegung in Richtung Stadtzentrum. Nach 26 Minuten war ich im Zeitungsviertel Kreuzberg-Mitte angekommen.

Klara wollte, dass ich sie direkt vor einer Bäckerei absetze. Sie schwärmte von den türkischen Süßwaren, die es dort gibt.

„Das ist aber nicht gut für die Figur“, musste ich loswerden, als sie noch mit einem Bein im Auto war und mit einem Bein, jedenfalls mental, schon in der Bäckerei.

Klara wünschte mir viel Spaß im Sportstudio und ich düste zurück, in Richtung Alex. Es ist schön, morgens den Fernsehturm zu sehen, das Rote Rathaus, die vielen neuen Hochhäuser.

Mich inspiriert das, auch wenn ich danach wieder ins Dorf fahre und mich vor meinen Computer hocke und der Bauch sich über die Schreibtischplatte schiebt.
Nicht mehr lange.

Aber erst einmal musste ich in die Tiefgarage einbiegen. Nachdem ich ausgestiegen war, irrte ich im Parkhaus umher, weil ich den Eingang ins Fitnesscenter nicht fand. Schließlich stand ich im Fahrstuhl und fuhr nach oben.

Ich sah mich im Spiegel, von der Seite.
„Oh, Dicker, es wird höchste Zeit“, sagte ich in den Spiegel hinein.
Als ich den Eingang passiert hatte, sah ich die ersten Sportler an den Geräten schwitzen.

Ich schaute sie mir an und mir war klar:  Ich war mit Sicherheit nicht nur der Älteste, ich war auch der Dickste in der Runde.

Ich seufzte, ging nach unten, verstaute meine Tasche im Fach und lief immer noch motiviert die Treppen hinauf.
Ich suchte ein Fahrradergometer und schwang mich sofort in die Pedalen.

Nach der ersten Minute sprach mir mein kleiner Schweinehund, der auf der linken Schulter saß, ins Ohr: „Hör auf, es ist heute nur der Anfang. Du kannst noch so oft hier radeln, ohne vom Fleck zu kommen.“

Der rechte Kobold auf meiner Schulter aber brüllte mir ins Ohr: „Du willst schon aufgeben? Du Lusche! Willst du frühzeitig im Rollstuhl sitzen, dich nicht mehr bewegen können?“
Nein, das wollte ich auf keinen Fall.

Ich drehte die Belastung eine Stufe höher und trat in die Pedale.
Nach zwei Minuten sagte ich zu mir: „Komm, Dicker, dreh wieder eine Stufe zurück, fahr langsamer, aber halte zehn Minuten durch.“
Ich hielt durch und stieg erleichtert vom Ergometer.

„Wo stellt man das Gerät ab?“, fragte ich eine junge Frau, die neben mir radelte.
„Gar nicht“, sagte die.
„Die stellen sich von allein ab.“

Ich bedankte mich und dachte nur: umso besser.
Die nächste Station war ein Gerät auf dem man sich mit dem Bauch legte und dann fast auf den Boden fiel. Aber man konnte seine Füße hinter zwei gepolsterte Stangen klemmen und blieb so in der Haltung vornüber hängen.

„Wozu ist das gut?“, fragte ich meinen Nachbarn.
„Für den Rücken“, ächzte der, während er den Oberkörper nach oben bewegte.

Er hatte zusätzlich noch ein Eisengewicht in den Händen, 25 kg.
Das holte ich auch, schwang mich in die Ausgangsposition und kam nicht wieder hoch. Das Gewicht war zu schwer.

Ich schleifte das Gewicht zurück zum Regal und holte mir nun eine 5 kg schwere Scheibe. Das ging und ich machte dreimal 20 Übungen. Zwischendurch hatte ich den Eindruck, es würde mir gleich die Luft abgeschnürt. Ich hielt durch.

Danach war ich an verschiedenen Geräten. Plötzlich wurde mir schwindlig.
Meine Wasserflasche hatte ich nicht am Mann, sondern unten in der Garderobe.
Ich schleppte mich runter und trank die Flasche fast in einem Zug aus.

Fast anderthalb Stunden waren nun vergangen.
Das Studio füllte sich. Ich packte meine Tasche und ging nach draußen. Gehen ist nicht der richtige Ausdruck. Ich schleifte immer ein Bein nach, während das andere nach vorn trudelte.

Ein Fensterputzer sah mich an und musste schmunzeln.
Wahrscheinlich ging ich doch nicht als gestylter Fitnesstrainer durch.

Schließlich saß ich im Auto, aß eine Banane und die Kräfte kehrten zurück.
Ich hätte nun Bäume ausreißen können. Es war ein traumhaftes Gefühl.
Warum hatte ich damit solange gewartet?

ANNA IST DEMENT (34)

WIR WAREN SCHÖN EIS ESSEN – IM BALTIC – HOTEL

 

„Wie war es beim Arzt, Mutti?“, fragt Klara abends Anna.
Klara wusste, dass Anna einen Arzttermin um 17.00 Uhr hatte.
Lukas war mit ihr zusammen dort gewesen.

„Welcher Arzt?“, fragte Anna erstaunt.
„Du warst doch heute in der Praxis, gemeinsam mit Lukas.“

„Mit Lukas? Was will der denn dort?“
„Mutti, er hat dich begleitet, damit alles klar geht.“
„Stimmt!“, sagte sie jetzt.

„Und weißt du, wir waren hinterher schön Eis essen“,  setzte Anna hinzu.

„Ach, das ist ja wunderbar. Wo seid ihr denn gewesen?“, hakte Klara nach.

Am Telefon entstand eine Pause. Klara spürte körperlich, wie es in Anna arbeitete.

„Ja, im Baltic-Hotel“, bekam sie schließlich heraus.
„Im Baltic-Hotel?“, fragte Klara verwundert.

„Ja. Es hat so gut geschmeckt“, schwärmte Anna.
Klara verabschiedete sich von Anna und rief Lukas an.

„Wie war’s denn im Baltic-Hotel?“, fragte Klara Lukas.
„Im Baltic-Hotel? Wie kommst du darauf?“, fragte Lukas.

„Mutti hat das gesagt.“
„Quatsch, wir waren beim Arzt, sind anschließend im Stralsunder Hafen gewesen und danach waren wir bei mir auf dem Hof. Ich habe ein Eis am Stiel ausgegeben“, sagte Lukas.

Er holte tief Luft und sagte: „Du, Mutti wusste nicht einmal mehr, dass wir im Stralsunder Hafen waren.“

„Wirklich nicht?“, fragte Klara.
„Wirklich nicht.“

„Naja, du hast ihr jedenfalls einen wunderschönen Tag bereitet, denn sie hat richtig gute Laune. Wir können das andere nicht ändern. Wir können es nur so akzeptieren, wie es ist. Und ihr wenigstens ein paar schöne Stunden bereiten“, sagte Klara zu Lukas.

„Das stimmt“, seufzte der. Es fiel ihm schwer, den geistigen Verfall von Anna zu begreifen, seiner Mutter, die sich veränderte, allmählich, unaufhaltsam.

MEIN FREUND, DER ALLTAG (61)

MORGEN GEHT’S INS FITNESSCENTER

Was ist da Besonderes dran?
Nichts.

Naja, für mich schon. Das letzte Mal war ich vor 7 Jahren dort.
Inzwischen hat der Betreiber gewechselt.
Gestern habe ich mich erst einmal angemeldet.

Ich habe lange gebraucht, um mich zu entschließen, dort wieder aufzutauchen. Eine junge Mitarbeiterin am Tresen fragte mich, was ich mir für Ziele gestellt hätte. Sie schaute mich von oben bis unten an und hat wohl eher Ausreden als fundierte Antworten erwartet.

„Beweglich bleiben, Bauch weg, Muskeln aufbauen, Spaß haben, mehr Power für die Arbeit bekommen“, das sagte ich ihr.

„Oh, perfekt!“, quietschte sie freudig.
Perfekt hieß schwitzen, sich quälen. Deshalb habe ich ihre Antwort lieber nicht kommentiert.

Es ging alles sehr schnell und ich musste nicht einmal eine Aufnahmegebühr zahlen, weil ich ja bereits bei dem vorhergehenden Anbieter angemeldet war.

„Willst du gleich anfangen?“, fragte mich die Mitarbeiterin.
Sie sah gut aus und posierte ein wenig mit ihrer Figur vor mir. Sie fand mich wohl lustig, wahrscheinlich sogar schrullig

Also fand ich sie nicht lustig, vorsichtshalber.

„Ich schau‘ mich erst einmal um“, sagte ich.
„Und am Mittwoch komme ich dann wieder.“

„Mach‘ das!“, sagte die Mitarbeiterin.
Ich ging umher und fragte einen muskelbepackten jungen Mann, wo die Toiletten seien.

„Da hinten, links“, antwortete der respektvoll.
Wahrscheinlich hatte er in dem Moment das Bild seines Großvaters, im besten Fall seines Vaters vor Augen.

Nachdem ich wusste, wo man austreten kann, bin ich schnurstracks zum Ausgang gelaufen.

Ich brauchte erst einmal Abstand, um das alles zu verarbeiten.
Im Auto angekommen rief ich Klara an.

„Alles bestens, am Mittwoch geht’s los und eine Woche drauf habe ich dann eine Einweisung durch einen Personaltrainer“, sagte ich zu ihr am Telefon, während ich mich durch die vollen Straßen im Prenzlauer Berg per ‚stop and go‘ quälte.

„Hast du was zu trinken mit?“, fragte Klara als erstes.
„Ja“, sagte ich knapp.

„Und hast du das gute Handtuch wieder eingepackt?“
„Ich hab’s gar nicht ausgepackt.

„Warum nicht, brauchtest du das nicht zum Training?“
„Doch schon, aber ich fange am Mittwoch an. Heute habe ich erst einmal die Toiletten, die Duschen und die Umkleidekabinen besichtigt. Und an den Geräten bin ich vorbeigelaufen.“

„Hm“, sagte Klara. Sie konnte nicht verstehen, dass ich fast bis zum Alex fuhr und dann nicht wenigstens auf einem Laufband war.

„Hast du gar nichts weiter gemacht?“
„Doch, ich war noch am Eingang der Tiefgarage, damit ich weiß, wo ich reinfahren muss.“

Klara schwieg. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, mich weiter zu nerven.

„Ich fahr‘ jetzt in den Einkaufsmarkt und kaufe für Krümel einen Sandkasten.“

„Aber nur einen eckigen“, sagte sie.
„Und wenn die nur runde haben?“
„Dann kaufst du keinen“, sagte Klara entschieden.
„Das kann ich nicht versprechen!“, meinte ich lakonisch.

Klara antwortete nicht. Es brachte sie auf die Palme, wenn ich mich scheinbar nicht an das hielt, was sie sagte.
Es gab die eckigen. Ich habe vorsichtshalber noch ein Foto auf ihr Handy geschickt.

Das schlimmste war, den 25 kg Sack mit Spielsand anzuheben.
Ich fluchte. Ich hätte schon früher mit dem Muskelaufbau beginnen sollen.

Aber bald, da schmiss ich den wahrscheinlich nur so durch die Luft.
Aber nun musste ich erst einmal schleppen, in gebeugter Haltung, keuchend und mit heraushängendem Hemd und herunterrutschender Hose.

Schließlich hatte ich alles verstaut.
Es war inzwischen Mittagszeit. Die Sonne gleißte und das Thermometer zeigte 34 Grad Celsius im Auto an.
Ich machte noch im Schreibwarenladen halt und kaufte mir mehrere dicke Farbstifte.

„Viel Spaß beim Basteln“, sagte der Verkäufer.
‚Ja hatte der nicht alle an der Latte?‘, fragte ich mich.
Sah der etwa nicht, dass ich schwer am Schreibtisch schuftete und ich nur eine kleine Pause eingelegt hatte, um für Nachschub zu sorgen?

Ich musste mich damit abfinden, dass er mich wohl überhaupt nicht so sah. Aufklären wollte ich ihn auch nicht, zumal ich mich ja heute offensichtlich vor dem ‚Schuften‘ drückte.

Ich kaufte an einem Stand noch ein halbes Hähnchen in sengender Sonne, fuhr nach Hause, duschte mich und knallte mich vor den Fernseher, um auf ‚Netflix‘ beim Hähnchenschmaus einen Thriller zu sehen.

So einen Film, den Klara nicht mochte – auf der Jagd nach dem Auftragsmörder von der Drogenmafia.

Ich biß genussvoll in das Hähnchen, bedauerte die Elitepolizisten aus dem SWAT-Team, die im Film agierten, schossen, über Zäune sprangen und Karateverrenkungen machten.
Bald, ja da konnte ich da auch mit einsteigen.

Denn am Mittwoch geht es los. Erst fahre ich Klara um 05.00 Uhr nach Kreuzberg-Mitte zur Arbeit und dann tauche ich auf dem Rückweg in die Fitness im Prenzlauer Berg ein.

Danach würde der Tag beginnen. Hoffentlich war ich dann noch in der Lage, auf die Tastatur zu hauen. Aber ich würde schon auf mich aufpassen. Jaja, das würde ich tun.

Achtsamkeit höre ich immer von den verschmusten Work-Life-Balance-Coachen.

Und heute, ja heute, da wollte ich mich noch vorbereiten auf die Herausforderungen, nur mental, versteht sich.

MEIN FREUND, DER ALLTAG (60)

RECHERCHE VOR ORT

Ich habe mich entschlossen, am Sonntagvormittag in die Schorfheide zu fahren, bis zum Wildpark. Also dorthin, wo ich die ‚Schatzsuche‘ in der Erzählung von ‚JEEPY‘ enden lassen will.

Natürlich hätte ich das auch so hinbekommen. Aber vor Ort ist alles ein bisschen anschaulicher, authentischer – wie man so schön sagt.
Zum Beispiel ist mir klar geworden, dass ich die Suche nach der Schatzkiste nicht direkt vor dem Eingang zum Wildpark beende, weil dort der Parkplatz ist, und sich zu viele Menschen und Autos hin- und her bewegen.

Ich habe ein Stück entfernt davon einen viel besseren Platz gefunden: In unmittelbarer Nähe steht ein Haus, das gut für die Situationsbeschreibung passt. Es ist verfallen, die Fensterscheiben sind eingeschmissen, die Türen vernagelt. Ein Relikt aus DDR-Zeiten, um das sich offensichtlich niemand mehr kümmert.

Davor findest du dichtes Gestrüpp, wild wachsendes Gras und eine Reihe von Bäumen, Kiefern, dazwischen Birken.
Mittendrin steht ein Holztisch und auf jeder Seite davon jeweils eine Holzbank. Da sind dicke Bohlen zurechtgeschnitten worden. Das alles passt hervorragend dafür, daneben die ‚Schatzkiste zu vergraben‘.

Ich bin noch ein wenig umhergelaufen, habe mir den Wald angesehen, und schließlich bin ich zufrieden in mein Auto gestiegen und zurückgefahren. ‚Jetzt muss ich bloß noch den Text schreiben‘, das dachte ich als ich ins Auto stieg.

Aber ich weiß, das alles braucht noch viel Arbeit. Doch es macht ja auch Spaß. Den Text werde ich am Freitag in dieser Woche veröffentlichen. In diesem Sinne, lieber Alltag, packen wir‘s an.