ALLTÄGLICHES (3)

‚SPREEGOLD‘ – DAS WAHRE GOLD STECKT IM TEAM
‚Spreegold-fresh food and events‘, so heißt das Lokal in der ‚Stargarder‘ im Prenzlauer Berg, in dem ich am Mittwochmorgen war.
‚Spreegold‘ allein, das klingt schon verheißungsvoll. Ich bin kein Gourmet, kein Restauranttester. Was ich sagen kann, das ist, dass ich mich lange nicht mehr so wohl in einem Restaurant gefühlt habe.

Warum?
Weil das Team, die Menschen, die in dem Lokal arbeiten, und denen ich am Morgen begegnet bin, das wirkliche Gold sind.
Ich muss ein bisschen ausholen, um das zu erklären.

Ich war morgens im Fitness-Studio. Vorher habe ich Klara zur Arbeit nach Kreuzberg-Mitte gebracht.
Wir waren 4 Uhr aufgestanden und 5 Uhr losgefahren. 05:58 Uhr löste ich das Ticket für das zweite Parkdeck in der Tiefgarage und die Schranke hob sich.

Routiniert steuerte ich auf meinen Stammplatz zu.
Lustlos und noch mitgenommen von den Erlebnissen am Vortag schlich ich die Treppen hoch.

Einen Tag zuvor war meine Mutter 90 Jahre alt geworden. Mein Vater war eine Woche zuvor gestorben. Und so gaben wir uns Mühe, die Feier zu Mutters 90-igstem trotzdem mit Liebe zu gestalten.

Am nächsten Morgen, kam das alles in mir noch einmal hoch. Ich schlich förmlich auf dem Laufband. Mehr war es nicht. Um mich herum waren sämtlich motivierte Leute, zumindest taten sie so. Die meisten wohl jünger als ich, und so bekam ich allmählich Lust, mich mehr in die Übungen hineinzuhängen.

Schließlich war ich an den Geräten fertig. Es war kurz vor 8 Uhr. Was sollte ich machen?

Zurückfahren, mich umziehen und mich danach erneut in den Prenzlauer Berg zu begeben, nur um beim Friseur zu sein?
Das war doch Quatsch, fand ich.

Doch was würde Klara sagen, wenn sie erfuhr, dass ich in den Trainingsklamotten zum Friseur wollte?

Würde sie dem zustimmen? Auf keinen Fall. Sollte ich sie also anrufen und nachfragen, was ich tun sollte? Um Gottes Willen.

Der Friseur würde ja 8 Uhr seine Pforten öffnen, spätestens aber 9 Uhr, glaubte ich.

Also machte ich mich auf den Weg, direkt in den Prenzlauer Berg. In der Schönhauser stellte ich das Auto erneut in einer Tiefgarage ab, schnappte mir meine Tasche und schlürfte los, in Richtung Friseurladen, dem Hairwork-Shop.

Wer sagt heute noch ‚Friseur‘? Höchstens ich, ich alter Sack. ‚Hairwork-Shop‘ heißt der Laden wohl richtig.

Es dauerte nicht lange und ich stand davor. Vor verschlossenen Türen. Der ‚Hairwork-Shop‘ öffnete nämlich erst 10 Uhr.
Ich wollte es nicht glauben. Meine Laune sank wieder auf den Null-Punkt.

Was sollte ich machen? Ein zweites Frühstück wäre jetzt gut. So etwas mit Rühreiern und einem Pott Kaffee.

Verstieß das gegen meine selbst auferlegten Regeln zur Gewichtsabnahme?

Ja, eindeutig. Was machte ich mit dieser Regel?
Ich deklarierte sie zur absoluten Ausnahme um.
Also auf ging’s.

Ich überquerte die Straße und sah ein Lokal, dessen Türen aufstanden. Es schien doch nicht alles verloren, im Prenzlauer Berg.
Ich ging hinein, es war gegen halb neun.

Ein fröhliches ‚Guten Morgen‘ erscholl mir von einer jungen Frau entgegen, die vor der Verkaufstheke stand. Sie schien zum Team dazuzugehören.

„Guten Morgen“, erwiderte ich.
„Moin!“, sagte die andere Mitarbeiterin, die hinter der Theke stand.
Moin, das gefiel mir. Es klang nach Norden. Woher war sie? Vielleicht aus Schleswig-Holstein?

Ich jedenfalls war in Schwerin aufgewachsen, bevor ich später nach Dresden ‚verschleppt‘ und mit dem Sächsischen gequält wurde.

Die sympathische Mitarbeiterin hieß Kim, wie ich später erfuhr.
„Das gibt’s doch nicht, hier im Prenzlauer Berg scheinen alle noch zu schlafen“, sagte ich.

Kim schaute mich fragend an, die Mitarbeiterin vor der Theke ebenfalls.

„Naja, ich wollte zum Friseur. Und der hat noch geschlossen.“
„Wer geht schon so früh zum Haareschneiden?“, fragte Kim.
„Ich!“, entgegnete ich.

Wir mussten lachen und ich bekam sofort gute Laune.
Kim wirkte sehr selbstbewusst auf mich. Sie hatte Humor, wusste, wie man mit einem Gast redet.

Was mir besonders gefiel: Es wirkte nichts aufgesetzt, sondern es kam von innen, diese Herzlichkeit, ohne sich bei mir anzubiedern, oder mich etwa auszulachen.

Ich hatte sofort das Gefühl, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Ich brauchte diese gute Laune, besonders nach dem gestrigen Tag.

„Was möchten Sie denn bestellen?“, fragte Kim mich.
„Haben Sie Rühreier und einen Pott Kaffee?“
„Haben wir. Mit ‚bacon‘?“

Nachdem ich verstanden hatte, dass sie gebratenen Schinken meinte, bejahte ich das Ganze heftig mit dem Kopf.

„Sie können sich schon hinsetzen. Ich bringe Ihnen den Kaffee“, sagte Kim.

Der Kaffee kam schnell und ich hatte noch einen Chip bekommen, der aufblinken sollte, wenn das Rührei fertig war. Ich schaute mich im Raum um.

Er war bis auf wenige Gäste leer. Noch! Wenige Stunde später, da steppte hier der Bär. Das hatte ich jedenfalls schon mehrfach beim Vorbeilaufen sehen können.

Ich war froh, dass ich reingegangen war. Gott sei Dank hatte der Friseur noch geschlossen.

Ein junger Mann kam zu meinem kleinen Tisch und sagte: „Geben Sie mir ruhig schon den Chip. Ich bringe Ihnen das Essen.“

Ich freute mich darüber, denn ich hatte mich gerade auf die Lederbank vor dem Fenster gesetzt und verspürte wenig Lust, noch einmal aufzustehen.

Die Rühreier kamen. Dazu herrlich duftendes Brot.
Italienisches Brot, wie ich später in der Speisekarte las.

Hätte mich in dem Moment jemand gefragt, wo ich sein wollte, damit es mir gut ginge, ich hätte geantwortet: „Hier, und nur hier“, ohne Zögern.

Der junge Mann kam wieder vorbei. Ich vermutete, dass es der Chef war. Er fragte mich, ob alles in Ordnung wäre.

„Bestens“, meinte ich.
Später nannte er mir seinen Namen, nachdem ich ihn danach gefragt hatte.

„Thomas“, meinte er freundlich und blieb beim ‚Sie‘, obwohl ich ihn gleich geduzt hatte. Dabei war ich sonst eher distanziert, machte es einem anderen nicht gleich leicht, mich zu duzen.

Diesmal war es also anders herum und auch das gefiel mir. Ich war im Sportzeug, wollte die Zeit überbrücken, ein zweites Frühstück genießen.

Das war eigentlich alles. Was ich aber bekam, das war viel mehr als nur ein paar kleine Köstlichkeiten und einen gut riechenden Pott Kaffee.

Es war ein Service, der unverkennbar zeigte, dass ich es mit Profis zu tun hatte. Aber was mich wirklich umhaute, das war diese herzliche Art, diese Botschaft: „Sei willkommen, fühl‘ dich wohl, wir kümmern uns um dich.“

Ich beobachte seit vielen Jahren Menschen, schreibe über das, was ich sehe. Du kannst alles lernen. Aber diese Leidenschaft, die musst du mitbringen.

Kim, Thomas, die Mitarbeiterin, deren Namen ich nicht erfragt habe, sie alle leben genau das, und zwar mit ganzem Herzen. Ich habe wieder ein Stück mehr Lust auf das Leben bekommen.

Danke Kim, danke Thomas, danke liebes Team für die mir erwiesene Gastfreundschaft.