FAMILIE – WIR SIND EBEN NICHT ANDERS

WAS BISHER WAR
Peter hatte mit Helga am Telefon darüber gesprochen, wie es seiner Mutter im Pflegeheim in Dresden ging. Nicht nur die Beschränkungen der Pandemie rissen die Familien auseinander. Es war vor allem die innere Zerrissenheit in der Familie, die Peter Sorgen machte. Er lenkte sich ab, in dem er an die Tage seiner Kindheit in Schwerin zurückdachte.

 

Peter hatte gute und weniger gute Erfahrungen damit gemacht, was Annas Demenz anbetraf.

Die Familie hatte Phasen der Verzweiflung durchlaufen, Stunden, in denen keiner wusste, wie es mit Anna weitergehen würde. Und wieder Momente, in denen sie herzlich lachen mussten und sich nicht dafür schämten, dass Anna den Anlass für all das gab.

Sie lachten Anna nicht aus, nein, sie lachten sie an. Anna ist dement – das war inzwischen zum Synonym dafür geworden, dass die Familie zusammenhielt, dass man sich stritt und dass man einfach sagte:
„Hallo Familie, das sind wir. Wir sind eben nicht anders, aber wir halten zusammen.

Die Krankheit von Anna, so schlimm sie auch einem Außenstehenden erschien, sie brachte Peter und Klara dazu, innezuhalten, darüber nachzudenken, was wirklich im Leben zählte.

„Wir regen uns laufend darüber auf, wie furchtbar das alles ist, was Anna sagt und was sie nicht mehr mitbekommt“, sagte Peter.

„Was meinst du?“, fragte Klara.
„Anna ist mit sich zufrieden. Schau nur mal, wie sie das Essen inzwischen liebt, das ihr vom Küchenservice, ‚Essen auf Rädern‘ gebracht wird.

Klara nickte. Sie hatte gerade gesehen, wie Anna auflebte, wenn Klara sie nach dem Essen fragte, dass sie nun nicht mehr selbst zubereiten musste, und dass ihr direkt auf den Tisch gestellt wurde.

„Wir müssen unsere Sicht ändern“, sagte Peter. „Und nicht die von Anna“, schob er hinterher.
Klara schaute Peter fragend an.

„Wir gehen davon aus, dass deine Mutter immer noch große Spaziergänge machen soll, vielleicht aufs Kreuzfahrtschiff aufsteigen will, nach der Pandemie jedenfalls. Aber sie will das nicht. Sie denkt nicht mehr darüber nach. Wir denken das und dann glauben wir, dass sie genauso denkt, und das ist unser Fehler.“