Schlagwort-Archive: ANNA IST DEMENT

ANNA VERSTEHT NICHT, WARUM MAN SICH ÜBER EINEN AUSFLUG AN DER FRISCHEN LUFT FREUEN KANN

Das Osterfest war vorbei. Anna hatte es nicht bemerkt. Sie hatte aber auch nicht gemerkt, dass überhaupt Ostern war. Klara wusste nicht, ob sie darüber weinen oder lachen sollte.

Beides verging ihr, wenn sie daran dachte, wie die Krankheit ihre Mutter immer fester im Griff hatte.

Doch Klara gab nicht auf. Keiner wollte das in der Familie. Alle hatten sich zwar damit abgefunden, dass es nicht besser würde.

Aber genau deshalb sollte ja Anna vor allem kleinere glückliche Momente erleben, auch wenn sie diese wieder schnell vergaß.

„Wir waren mit Krümel im Wildpark Schorfheide. Das war mal schön, in dieser Corona-Zeit. Endlich mal wieder raus an die frische Luft, auch wenn es nur für einen kurzen Augenblick war“, erzählte Peter Anna am Telefon.

„Und warum konntet ihr nicht nach draußen? Dürft ihr überhaupt nicht?“

„Nein, wir dürfen nicht, nur zur Arbeit dürfen wir, Klara jedenfalls. Ich halte im Homeoffice die Stellung.“

Peter ärgerte sich im selben Moment, dass er es so gesagt hatte.
„Im Homeoffice?“, kam prompt die Frage von Anna zurück.

„Ja, Klara ist auch zweimal in der Woche im Homeoffice.“
„Aha“, hörte Peter Anna sagen. Er mochte ihr nicht sagen, was Homeoffice hieß, dass Klara im Zimmer nebenan saß und Peter sich beobachtet und kontrolliert fühlte.

Das hätte eine Flut von weiteren Fragen ausgelöst.
„Ach weißt du, wir hoffen, dass wir das alles gut überstehen und da kann man schon mal drinbleiben“, sagte er so beiläufig wie nur irgend möglich.

„Liebe ‚Zickenleins‘, das bin ich und das ist mein Dino, hat Krümel am Gehege der Ziegen gerufen“, versuchte Peter wieder an das ursprüngliche Thema anzuknüpfen.

„Ach so.“ Annas Stimme klang teilnahmslos.
Früher hätte sie verzückt ‚nein wie süß‘ gerufen.
„Und weißt du, was die Ziegen gemacht haben?“, erzählte Peter tapfer weiter.

„Na?“
„Die haben geantwortet mit einem kräftigen Meckern, so wie Ziegen eben sind.“
„Ja, so sind die“, sagte Anna. Ihre Stimme klang teilnahmslos, ja gleichgültig.

Peter wusste nicht mehr weiter und verabschiedete sich.
„Ach, schön, dass du angerufen hast“, sagte Anna nun doch. Es klang ehrlich.

Wenn sie auch nicht mehr begriff was gesagt wurde, so erkannte sie die Stimme, erlebte durch den Tonfall, dass es etwas Fröhliches gewesen sein musste, was Peter ihr erzählt hatte.

„Sollte das bei mir mal auftreten, so misch mir bitte was unter meinen Brei“, sagte Peter zu Klara.

„Du isst ja keinen Brei“, antwortete Klara trocken.
„Da hast du auch wieder recht. Gut, dann muss ich so weiterleben und kann nur hoffen.

Die Hoffnung stirbt ja ohnehin zuletzt.“
Klara antwortete nicht. Sie packte ihre Sachen, denn sie wollte am nächsten Morgen den Zug nach Stralsund nehmen und vor Ort nach dem Rechten sehen.

Peter nahm sich jedes Mal vor, in dieser Zeit richtig kräftig in die Computertasten zu hauen.

Aber das genaue Gegenteil trat ein. Er lümmelte auf der Couch umher, sah sich Filme über Drogenkartelle an, oder über die Navy Seals, oder er hörte sich Talkshows an, in die er dann hineinredete, vor dem Fernseher sitzend.

Nachts wachte er auf, weil der Fernseher noch lief oder die Fernbedienung von seinem Bauch herunterrutschte.

Das alles hielt ihn aber nicht davon ab, zu erzählen, wie wichtig es ihm war, dass er für ein paar Tage in Ruhe arbeiten konnte.

Klara hörte darüber hinweg. Sie wusste, dass Peter fleißig war. Sie wusste aber auch, dass er noch mehr über das sprach, was er in den kommenden Wochen schaffen wollte.

„Ich bin gespannt, wie es bei Anna aussieht“, sagte Klara in die Stille hinein.

„Hm“, meinte Peter und verzog sich in sein Arbeitszimmer.
Morgen früh würde er Klara zum Zug bringen.

 

NUR NOCH 3000 EURO AUF DEM SPARKASSENBUCH – (2)

 

„Mutti, du musst jetzt irgendwann in der Bank gewesen sein. Im letzten Monat war doch noch viel mehr Geld auf dem Sparbuch, als nur diese 3000,00 Euro.

Also muss irgendwo das übrige Geld sein, oder?“
Klara war entsetzt: „Mutti, bitte denk‘ jetzt nach. Hast du in der Bank mit jemandem darüber gesprochen?“

„Ja, ich habe mit der netten Frau von der Bank gesprochen. Sie war wirklich nett, Klara.“

„Ja, Mutti, was hast du denn mit ihr besprochen?“

„Ach, ich weiß das nicht mehr. Das ist aber auch ein Scheiß.“
„Mutti, du musst doch wissen, was du in der Bank getan oder besprochen hast, mit der ‚ach so netten‘ Mitarbeiterin!“

Anna bekam den beißenden Spott nicht mehr mit. Sie war jetzt völlig durcheinander. Sie sprang auf, rannte in das andere Zimmer. Da, wo ihre anderen Unterlagen lagen.

„Mutti, jetzt bleib‘ doch mal hier. Es ist doch furchtbar, wenn du nicht mal eine Minute still sitzen kannst.“

Klara fühlte, dass es falsch war, jetzt so mit ihrer Mutter zu reden. Aber sie war einfach empört, über das, was ihre Mutter angestellt hatte, oder dass sie zuließ, dass man mit ihr etwas so Gemeines anstellen konnte.

Sie war wütend zugleich darüber, dass eine Bankmitarbeiterin es geschafft hatte, ihrer Mutter diesen Wahnsinn aufzuschwatzen. Klara hoffte, das Geld wäre wenigstens in halbwegs soldie Finanzanlagen gesteckt worden – und nicht, wie sie befürchtete, bereits gänzlich verloren sei.

NUR NOCH 3000 EURO AUF DEM SPARKASSENBUCH

Klara war zu Besuch bei Anna und fand auf dem Sparkassenbuch nur noch 3000 Euro vor.
Anna und Klara saßen beide abends vor dem Fernsehapparat. Anna war unruhig.

Sie schoss förmlich aus dem Sessel heraus und fiel fast in die Anbauwand, so viel Schwung hatte sie genommen.

„Mutti, bleib doch mal sitzen. Ich kriege gar nichts vom Film mit.“
„Ja, weißt du Klara, ich will dir nur was zeigen.“

Sie kramte in einer kleinen Schublade, in der sie alles Mögliche verstaut hatte.
Jetzt holte sie ein kleines Fotoalbum heraus, setzte sich wieder auf ihren Platz und fing an, darin zu blättern.

„Klara, schau mal, hier bist du noch ganz klein.“

„Ja, Mutti“, quälte Klara mühsam hervor. Klara kannte alle Bilder.
Sie hatte sich die Fotos schon sooft ansehen müssen, dass sie sogar wusste, in welcher Reihenfolge die Bilder eingeklebt waren.

„Ich lege jetzt mal das Fotoalbum zurück und wir schauen uns das Ganze morgen noch einmal in Ruhe an“, sagte Klara.

Anna antwortete nicht. Ihre Mundwinkel waren heruntergezogen.
Sie konnte Klara nicht verstehen.
Am nächsten Morgen ging Klara an die Schublade.

„Suchst du das Fotoalbum?“
„Nein, Mutti, ich suche dein Sparkassenbuch.“

„Warum?“
„Weil ich schauen will, ob alles in Ordnung ist.“

„Natürlich ist alles in Ordnung.“
Klara antwortete nicht. Sie zog das Sparbuch heraus und blätterte auf die letzte Seite.

„Hier stehen ja nur 3000 Euro, Mutti. Hast du etwas abgehoben?“
„Nein, ich habe nichts abgehoben!“

„Aber Mutti, hier war viel mehr Geld drauf. Das weiß ich genau.“ Klara schaute ihre Mutter an.
„Ja, ich weiß auch nicht“, antwortete Anna und blickte Klara fragend und zugleich ratlos an.
Fortsetzung – ANNA IST DEMENT- (110)

BEITRÄGE IN DER WOCHE VOM 22.02. bis 28.02.2021

MONTAG, 22.02.2021

ALLTÄGLICHES (85)
MIT DER BIBEL IN DIE NEUE WOCHE
TROST IN DER BIBEL FINDEN – WENN JEMAND STIRBT, DER DIR NAHE WAR
https://uwemuellererzaehlt.de/2021/02/22/alltaegliches-86/

   

DONNERSTAG, 25.02.2021

ANNA (109)
DAS SPARKASSENBUCH IST LEER (1)
(2017)


FREITAG, 26.02.2021


ANNA (110)
DAS SPARKASSENBUCH IST LEER (2)
(2017)


 

SAMSTAG, 27.02.2021

REDAKTIONSPLAN (KW 09)
BEITRÄGE FÜR WOCHE VOM 01.03.-07.03.2021


 

‚WIESO GUTEN MORGEN – IST ES NICHT ABENDS?‘

Was bisher war:
Klara war nicht nach Stralsund gefahren, aufgrund der Wettersituation.
Sie machte sich Sorgen, wie es ihrer Mutter, Anna, ging.

„Guten Morgen Mutti, wie geht es dir?“
Es dauerte eine Weile, bis Anna am Telefon auf Klaras Frage reagierte.

„Wieso ‚Guten Morgen`?“, ich bin schon im Nachthemd, und ich will ins Bett gehen“, sagte Anna und ihre Stimme klang dabei entrüstet.

„Mutti, es ist jetzt kurz vor zehn Uhr morgens. Die Schwestern müssen doch schon bei dir gewesen sein, und du hast doch sicher auch schon gefrühstückt, oder?“
Anna sagte nichts.

„Mutti, bist du noch da?“, fragte Klara besorgt.
„Ach, ich weiß gar nichts mehr, es ist einfach furchtbar“, sagte Anna nun mit fast weinerlicher Stimme.

Klara gab es einen Stich ins Herz, dass ihre Mutter immer weniger in der Lage war, am Tag zurechtzukommen.

Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt brach noch einmal der Winter über das Land herein und Klara war zu Hause geblieben, vorsichtshalber.

„Na gut, Mutti“, dann zieh dir doch etwas an und mach‘ dir vielleicht einen Kaffee“, sagte sie zu ihrer Mutter.

„Kaffee, um die Zeit? Was ist denn das für ein Quatsch?“
Anna wurde wieder angriffslustiger.

„Also, Mutti, dann wünsche ich dir einen schönen Tag“, sagte Klara und drückte auf die rote Taste am Telefon.

„Ich weiß nicht, wie lange das noch gut geht!“, sagte Klara nun zu Peter.

„Das wird nicht mehr so lange sein, wo deine Mutter in ihrer Wohnung allein bleiben kann“, antwortete Peter.

„Aber ich vertraue da auch auf Lukas. Der gibt uns doch stets einen realistischen Bericht, so dass wir schnell handeln können“, schob er noch nach.

Klara schwieg. Peter ebenfalls.
Beide wussten, was auf sie zukommen würde, schon bald, wie sie befürchteten.

BEITRÄGE IN DER 7. KALENDERWOCHE 2021

BEITRÄGE IN DER WOCHE VOM 15.02. bis 21.02.2021
MONTAG, 15.02.2021
ALLTÄGLICHES (80)

FASZINATION BIBEL
Was ich der Bibel als Motivation für die Woche entnehme
https://uwemuellererzaehlt.de/2021/02/15/alltaegliches-80/
DIENSTAG, 16.02.2021
ALLTÄGLICHES (81)


WAS VOM TAG HÄNGEN BLEIBT
Eindrücke vom Tag – kurz und bündig
https://uwemuellererzaehlt.de/2021/02/16/alltaegliches-81/
MITTWOCH, 17.02.2021
ALLTÄGLICHES (82)

FASZINATION BIBEL
Was ich der Bibel als Motivation für den Tag entnehme
https://uwemuellererzaehlt.de/2021/02/17/alltaegliches-82/


DONNERSTAG, 18.02.2021
SCHREIB-ALLTAG (36)

Erfahrungen aus dem Schreiballtag, niedergeschrieben vor zwei Jahren, heute überarbeitet und aktualisiert
https://uwemuellererzaehlt.de/2021/02/18/schreib-alltag-36/


ALLTÄGLICHES 84
WAS VOM TAG HÄNGEN BLEIBT
https://uwemuellererzaehlt.de/2021/02/18/alltaegliches-84/

FREITAG, 19.02.2021
ANNA IST DEMENT (108)


https://uwemuellererzaehlt.de/2021/02/19/anna-ist-dement-108/
SAMSTAG, 20.02.2021
REDAKTIONSPLAN (KW 08)
PLANUNG BEITRÄGE FÜR WOCHE VOM 22.02.-28.02.2021

 

ANNA GAB SCHWEREN HERZENS IHR EINVERSTÄNDNIS, DASS IHRE POST AN LUKAS GESCHICKT WURDE

Es fiel Anna sehr schwer, das zu akzeptieren. Doch es ging nicht anders. Anna konnte nicht mehr unterscheiden, was von der Post wichtig war und was gleich in den Papierkorb konnte.

Werbebriefe, die nahm sie für bare Münze, dachte, sie müsse diese unbedingt beantworten.

Dort stand: „Liebe Frau Sturm, wir freuen uns auf Sie. Schicken Sie die die Rückantwort noch heute ab. Ein wunderschönes Gratis-Geschenk wartet darauf, von Ihnen in Empfang genommen zu werden, liebe Frau Sturm!“

Da musste man doch antworten“, meinte Anna. Und sie wurde böse, wenn man ihr nicht zustimmte.

KLARA ORGANISIERT VON BERLIN AUS DIE UMLEITUNG DER POST AN LUKAS
Klara ging in das Hauptpostamt in der Friedrichstrasse und schilderte ihre Situation.

„Meine Mutter gibt ununterbrochen Geld aus, kauft eine Bluse nach der anderen, weil ihr Gratisgeschenke suggeriert werden. Was soll ich nur tun?“

„Ich weiß genau, wovon Sie sprechen.“
Die Schalterangestellte zeigte viel Verständnis.

„Mein Vater hat die Post versteckt. Er hat keine Briefe, keine Mahnungen mehr geöffnet. Nur durch Zufall kamen wir dahinter.

Und das nur deshalb, weil uns der Stromanbieter informiert hat, dass sie den Strom bei ihm abstellen wollen“, erzählt sie von den Erfahrungen mit ihrem dementen Vater.

„Und was haben Sie daraufhin getan?“
„Wir haben uns von meinem Vater eine Vollmacht geben lassen, dass wir die Post zu uns umleiten können und ihm danach die Briefe aushändigen.“

„Was hat er gesagt?“
„Ihr wollt mich alle betrügen und ruinieren. Wenn das eure Mutter noch erlebt hätte! Schämt euch!“

Klara schaute die Mitarbeiterin ungläubig an.
„Das ist ja furchtbar.“

„War es auch. Schließlich aber hat mein Vater eingewilligt“, sagte die Mitarbeiterin am Schalter.

„Dann wollen wir das jetzt auch so machen und die Post zu meinem Bruder umleiten. Die Einwilligung meiner Mutter liegt vor“, sagte Klara.
Klara hatte sich die Vollmacht schriftlich geben lassen und zeigte sie nun der Mitarbeiterin.

ANNA STRÄUBTE SICH LANGE, IHRE EINWILLIGUNG ZU GEBEN
Das war gar nicht so einfach gewesen, die Vollmacht von Anna zu bekommen.

Während die Mitarbeiterin alles vorbereitete, schweiften Klaras Gedanken ab.

„Mutti, wir wollen dir helfen zu verstehen, was du für Post bekommst und dann gemeinsam entscheiden, was wir damit tun.“

„Warum?“

Anna wollte zuerst nicht verstehen.
„Ich lese dir doch die Post immer vor, abends, wenn ich anrufe.“

Klara konnte Anna nicht sagen, wie sehr sie genervt davon war, wenn ihre Mutter begann, die Briefe vorzulesen.

Erst einige Tage zuvor war es so gewesen. Anna hatte einen Brief bekommen, mit dem sie nichts anfangen konnte.
„Ihr Ansprechpartner: Frau Sammredt. Jetzt die Adresse…“

„Mutti!“, unterbrach Klara Anna beim Vorlesen.
„Du musst mir jetzt nicht alles vorlesen. Lies doch einfach die Betreffzeile vor.“

„Betreffzeile?“
„Ja. Dort steht doch irgendwo ‚Betreff‘, und den Text danach, den kannst du mir ja noch einmal vorlesen.“

„Ich finde das nicht!“
„Aber Mutti“, Klara war verzweifelt, „schau doch einfach die Zeilen von oben nach unten durch!“

Jetzt war Anna völlig durcheinander.
„Ich versteh‘ gar nicht, warum die mir diesen Scheiß schicken.“
Briefe mit behördlichem Inhalt oder von der Bank, ja das war wirklich ein Scheiß. Anna empfand das so.

Die andere Post, die mit den bunten Briefumschlägen, die war viel angenehmer.

Die schrieben so nett – „Liebe Frau Sturm, wir freuen uns…“
Ja, da freute sich Anna auch.

„So, jetzt geht die Post an Ihren Bruder“, riss die Mitarbeiterin Klara aus ihren Gedanken.

KLARA IST NICHT ZU ANNA GEFAHREN

WAS BISHER WAR:
Die Mitarbeiterin vom Pflegedienst hatte sich bei Lukas für den rauen Umgangston am Telefon entschuldigt. Es ist alles wieder im ‚Lot‘. Der Toaster ist neu und Lukas ist nach der Entschuldigung der Mitarbeiterin besänftigt.

Der Geburtstag von Klara neigte sich dem Ende zu. Der Kreis derjenigen, die am Kaffeetisch zusammensaßen, wurde immer kleiner.

Krümel war da und gratulierte ihrer Oma gleich frühmorgens am Bett.
„Happy birthday“ hatte sie mit ihrem dünnen Stimmchen geflüstert und Klara war glücklich.

„Machst du den Fernseher an?“, fragte Krümel Peter nach dem Frühstück.
„Du bekommst auch einen Goldklumpen“, sagte sie zu Peter und reichte ihm einen kleinen blauen Pappkarton.
Der ließ sich weichklopfen und nahm das großzügige Geschenk von Krümel an.

„Aber nur eine Folge“, sagte er zu Krümel.
Sie nickte und beide schauten anschließend den Trickfilm an.
Danach sagte Krümel von allein: „Opa, Fernseher aus“, erhob sich von der Couch und nahm Peter wieder den Pappkarton aus der Hand.

„Ich denke, das ist mein Goldklumpen“, rief ihr Peter hinterher.
„Nein, das ist kein Gold, das ist Pappe“, antwortete sie wie selbstverständlich beim Hinausgehen.

Anna hatte abends immer noch nicht angerufen.
Klara meldete sich bei ihr.

„Mutti, weißt du eigentlich, was heute für ein Tag ist“, sagte sie.
„Nein, woher soll ich das wissen“, antwortete Anna.
„Heute ist mein Geburtstag, der Tag, an dem du mich geboren hast, Mutti.“
„Nein, das gibt es doch nicht“, sagte Anna.
„Wie konnte ich das vergessen?“
„Das ist deine Krankheit, das ist doch nicht schlimm“, sagte Klara, obwohl sie schon sehr traurig darüber war.

ANNA BESCHLOSS ENDGÜLTIG, NICHT NACH STRALSUND ZU FAHREN

Der Schneefall wurde immer stärker und Klara überlegte, ob sie überhaupt nach Stralsund fahren konnte. Sie wollte eigentlich bei Anna nach dem Rechten sehen.

„Das ist zu gefährlich und vor allem mit einem zu hohen Risiko verbunden“, dass du nicht irgendwo auf der Fahrt mit dem Zug steckenbleibst.“

„Du hast recht“, sagte Klara.
„Ich fahre nicht, auch wenn ich ganz unruhig bin, wie es in der Wohnung von Anna aussieht.“

„Das sieht in zwei Wochen genauso aus“, sagte Peter trocken.
In der Nacht nahm der Schneefall zu, der Wind rüttelte an den Jalousien der Fenster und das Thermometer am Schuppen zeigte 8 Grad Minus an.

Peter erinnerte sich an den Winter 1978/1979, als er bei der Marine eine Truppe befehligte, die den Bahnhof in Sagard auf Rügen freischaufeln musste.

Seine Hände waren damals steif vor Kälte und die Matrosen warteten nur, dass er aufgab und in das Wärterhäuschen ging.

„Pause für zehn Minuten“ hatte er damals gesagt und erinnerte sich noch gut an die dankbaren Gesichter seiner Matrosen.
Aber das war schon lange her.

„Lass uns doch eine schöne Woche machen“, sagte Peter zu Klara, die zu ihm stumm herübernickte.

SIE MÜSSEN DEN TOASTER REPARIEREN

WAS BISHER WAR:
Peter hatte für Klara den Blumenstrauß zum Geburtstag besorgt, obwohl er es hasste, in Blumenläden zu gehen. Er verzichtete darauf, Klara weitere Vorschläge zur Restrukturierung ihrer Küchenabläufe zu machen. Klara wollte nach Stralsund, um nach ihrer Mutter zu sehen.

Das Telefon klingelte, während Peter über einem Text brütete. Nur unwillig hob er den Kopf und sah auf das Display. Es war die Nummer von Lukas aus Stralsund.

„Hast du einen Augenblick Zeit?“, fragte Lukas ihn.
„Oder hast du sehr viel zu tun?“, setzte er noch mit seiner Frage nach.
„Naja, es geht schon“, sagte Peter unwillig, aber nicht unfreundlich zu Lukas.

Er ging auch nicht auf Lukas‘ spöttischen Unterton ein, der da lautete: ‚Du bist doch Rentner und müsstest eigentlich Zeit genug haben.‘

Klar bekam er schon Rente, aber er arbeitete trotzdem weiter. Sie brauchten das Geld und Peter konnte sich nicht vorstellen, einfach nur herumzusitzen, um irgendwelchen Hobbys nachzugehen.

Peter kannte keine Hobbys, er kannte nur seine Arbeit. Der einzige Luxus, den er sich gönnte“ war, dass er die Pausen so legte, wie er es für richtig empfand und manchmal auch an einem ganzen Vormittag nur vor dem Fernseher verbrachte, weil für ihn spannende Nachrichten über den Bildschirm flimmerten.

„Gibt’s was Neues bei Anna?“
„Na ja, die Schwester hat mich gerade angerufen, weil bei Anna der Toaster kaputt war und sie keinen Kaffee gefunden hatte.“

Es war Schwester Marga, die Lukas mittags darüber informierte, nachdem sie morgens für Anna das Frühstück bereiten wollte.
Schwester Marga war hilfsbereit, energisch und ein herzlicher Mensch.

Sie sagte offen, was sie dachte, nahm dabei jedoch wenig Rücksicht darauf, ob sie damit vielleicht jemanden vor den Kopf stoßen würde.
Mit ihrer lauten Stimme, ihrer Körperfülle konnte sie schon einem anderen Menschen Angst einflössen.

Sie formulierte manchmal anklagend gegenüber den pflegenden Angehörigen die aus ihrer Sicht auffallenden Defizite.
„Formulieren Sie doch lieber eine Frage, als gleich mit der Tür ins Haus zu fallen“, hatte die Leiterin des Pflegedienstes sie bereits einmal ermahnt“, als eine Beschwerde von Angehörigen bei ihr eingegangen war.

Schwester Marga durfte man nicht im Weg stehen, wenn sie volle Fahrt aufgenommen hatte.
Es ging schnell zu, laut, aber auch herzlich.

„Stell dir vor, das ist ja alles nicht schlimm, aber der Ton, indem sie mir das gesagt hatte, der hat mich schon aufgebracht“, sagte Lukas.

„Wie war denn ihr Ton?“, fragte Peter.
„Sehr vorwurfsvoll, so als würden wir uns gar nicht kümmern“, antwortete Lukas.

„Dabei gehe ich jeden Tag dort hin. Klar, vielleicht übersehe ich ja auch mal was, aber mir gleich so zu kommen“, das finde ich nicht in Ordnung.

„Das lassen wir nicht auf uns sitzen. Wir rufen dort an und stellen die Schwester zur Rede.“
„Ja, aber lass uns erst einmal mit Klara darüber sprechen, bevor wir dort anrufen.“

„Hast du etwa Angst, dass ich jetzt gleich zum Hörer greife und die Chefin befrage, was das soll?“, fragte Peter.

„Nein, nein“, meinte Lukas.
Peter nahm ihm das nicht ab, denn er wusste, wie Lukas über ihn dachte, und dass der ihm zutraute, sehr schnell und sehr hart zu reagieren.

Dabei hatte Peter das gar nicht vor. Er würde lediglich klar fragen, warum die Schwester sich im Ton vergriffen hatte. Und Peter dachte, er würde Lukas damit helfen.

Doch der war schon wieder genervt davon, dass die Sache vielleicht höhere Wellen schlug, als er es selbst wollte.

„Ich werde das heute Abend erst einmal mit Klara besprechen, und danach wird Klara in Stralsund anrufen“, sagte Peter nach einer Weile.

Lukas stimmte ihm zu und er war erleichtert. Er wollte zwar, dass man was sagte, aber irgendwie wollte er es auch wieder nicht. Auf jeden Fall wollte Lukas keinen Ärger.

Aber den Ärger machten die anderen, indem sie Lukas unterstellten, dass er sich nicht richtig kümmern würde.

‚Sollen das doch Klara und Lukas unter sich ausmachen‘, dachte Peter, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte.

Gerade erst gestern hatte er eine Kopie der Krankenkasse eingescannt und an den Pflegedienst geschickt, damit sie über den Leistungsumfang, innerhalb dessen sie sich bewegen konnten, informiert waren.

Peter hatte kurz bevor Lukas auflegte ihm noch einmal deutlich gemacht, wie wichtig es war, so etwas nicht auf sich sitzen zu lassen.

„Das haben wir ja nun alles besprochen“, meinte Lukas lakonisch.
Peter ärgerte sich über diese Reaktion. Hatte Lukas sich bei ihm gemeldet, oder umgekehrt?

Peter wusste selbst von sich, dass er bohrend, ja nervend sein konnte, wenn er die Dinge wiederholte, nur um sie dem anderen verständlich artikuliert herüberzubringen.

Vielleicht war das auch sein Fehler. Er beschloss, Klara anzurufen, sie in Kenntnis zu setzen und sich dann aus der ganzen Sache herauszuhalten.

 

BERTA HAT DIE MUSIK AUFGELEGT

Anna rief am nächsten Tag erneut an, vormittags. Sie wollte Klara sprechen, aber die war zur Arbeit.

Peter musste ebenfalls arbeiten, doch ihn konnte Anna wenigstens erreichen.

„Es war schön gestern bei der Diamantenen Hochzeit.“
„Hattet ihr denn auch Musik?“, fragte Peter.
„Ja, Berta hat aufgelegt.“ Berta und Anna waren seit ihrer Kindheit miteinander befreundet.

„Oh, Donnerwetter!“, staunte Peter und musste schmunzeln.
Aufgelegt – war das nicht ein Begriff, der längst vergangen war? Oder ist er gerade hip, wenn man an die heutigen Veranstaltungen denkt, wo der DJ auflegt?

Jedenfalls: Anna sprach und dachte modern.
Trotzdem: Wahrscheinlich war das ein ganz normaler Recorder, auf dem die Musik spielte und zwischendurch die CD’ s gewechselt wurden. Und das tat eben Berta.

„Waren denn Gäste da, die wir kennen?“, fragte Peter weiter. Anna überlegte kurz und sagte: „Nein, keine.“

Da war er wieder der Gedächtnisverlust. Peter und Klara kannten bestimmt über die Hälfte derjenigen, die bei der Veranstaltung Gäste waren.

„Wie heißt noch gleich die Tochter von Berta, ich komme einfach nicht drauf“, fragte Peter jetzt.

„Na, Cornelia, das musst du doch wissen?“, sagte Anna vorwurfsvoll.
Ja, Anna hatte Recht. Peter musste und konnte es wissen.
Anna konnte es im ersten Anlauf nicht wissen, dass es jemand war, den Peter und Klara kannten, und sie musste es vielleicht auch nicht mehr.

Peter verabschiedete sich von Anna, indem er ihr sagte, wie schön es wäre, dass sie am Vortag bei der Diamantenen Hochzeit dabei gewesen war, wieder eine Möglichkeit, unter Leuten zu sein.

 

IM WARTEZIMMER VON DR. SILBERFISCH
Klara plante, in der nächsten Woche nach Stralsund zu fahren. Sie wollte es ihrer Mutter nicht sagen.

Sondern: Sie wollte – gemeinsam mit ihrem Bruder Lukas – zu Dr. Silberfisch. Sie wollten ihn um Rat fragen, was sie tun könnten wegen ihrer Mutter Anna.

Dr. Silberfisch stand bei Anna hoch im Kurs.
Für Anna war es ein Höhepunkt, wenn sie zu ihm in die Praxis gehen konnte. Sie kannte sich dort aus. Früher war dort mal eine Drogerie drin. Anna hatte dort als Verkäuferin gearbeitet.

Und Anna kam immer noch ins Schwärmen, wenn Sie daran zurückdachte. Sie fing gleich im Wartezimmer an zu erzählen, was dort früher war und wie die einzelnen Räume aufgeteilt waren.

„Und da oben, da haben wir immer Mittag gemacht, Schwester.“
„Ach ja?“, sagte Schwester Erika und verdrehte die Augen verstohlen zu ihrer Kollegin.

Anna wusste nicht, dass sich die Schwestern heute Praxishelferinnen nennen. Und das störte sie auch nicht im Geringsten.

„Manchmal, da haben wir dort auch Kaffee getrunken und Kuchen gegessen“, fuhr Anna unbeirrt fort. „Ach, das war schön. Und die Kunden mochten uns“, meinte sie.

„Frau Sturm, der Doktor wartet jetzt auf Sie. Bitte gehen Sie doch durch.“
„Ja, das mach‘ ich doch glatt.“ Anna war im Arztzimmer verschwunden. „Sooo…“, sagte Schwester Erika – also die Praxishelferin Erika.

„Das hätten wir jetzt wieder.“

„Na ja, wer weiß, wie wir mal werden“, meinte ihre Kollegin.
„Meinst du?“

„Na ja“, seufzte Erika, „ich will‘ s nicht hoffen, dass wir dement werden.“
Aber wissen konnten sie es nicht, und das wussten sie auch.

 

 

 

PUTENGULASCH MIT SALZKARTOFFELN

WAS BISHER WAR:
Peter scheiterte an Klaras Unwillen mit seinem Versuch, die Ablauforganisation in der Küche neu zu strukturieren. Klara bereitete Peter auf ihre Abfahrt nach Stralsund vor.

Der Wecker des Telefons ging an und das Geräusch von Grillen bohrte sich in die Ohren von Peter und Klara, als wäre eine Kreissäge angesprungen.

„So früh‘“, schimpfte Klara, während sie sich wieder umdrehte und über Peters Angewohnheit stöhnte, immer noch ein bisschen früher aufzustehen.

Es war gerade mal 03.40 Uhr. Und bei Klara war auf dem Display 03.39 zu sehen. Sie war einfach nur empört über Peters Rücksichtslosigkeit.

Dabei wollte der nur alles in Ruhe angehen, sich rasieren, Tee aufsetzen, Kaffee vorbereiten und später noch die Eier in das kochende Wasser legen.

Gegen 04.15 Uhr sollte alles fertig sein und Peter freute sich dann darauf, danach die Zeitung auf dem iPad zu lesen. Er hatte eine Weile gebraucht, bis er sich an das Digitale gewöhnt hatte.

Manchmal rutschte ihm noch die Zeitung weg, die Zeilen wurden unmäßig groß, so dass sich eine Zeile über den gesamten Bildschirm erstreckte.

Aber er hatte sich eingewöhnt und war froh, dass er sich nicht mehr darauf verlassen musste, ob der Zeitungsträger kam und ob er vor allem kurz vor vier Uhr kam, einer Zeit, wo man selbst lieber noch im Bett lag.

Peter freute sich schon darauf, wenn der Tag wieder schneller begann, es früher hell wurde und er miterleben konnte, wie allmählich die Sonne aufging.

Er konnte sich aber genauso darüber freuen, wenn der den Sonnenuntergang beobachten konnte, wie es abends langsam dunkel wurde und er das Geschrei der Kinder hörte, die den verbliebenen Schnee dazu nutzten, darauf herum zu schlittern.

Peter saß am Schreibtisch und dachte darüber nach, womit er wohl den Tag beginnen sollte.

Was er zu tun hatte, das wusste er, aber er überlegte, ob es nicht eine Möglichkeit gab, den ungeliebten, aber dennoch überlebenswichtigen Aufgaben des Schreibens von PR-Texten zu entgehen.

Er klickte am Computer herum und öffnete schließlich die Datei, in der der Speiseplan für Anna Mittagessen abgespeichert war.

Seitdem sie den Service von ‚Essen auf Rädern‘ in Anspruch nahm, war das auch eine spannende Abwechslung für Klara und Peter.

Putengulasch mit Salzkartoffeln stand auf dem Plan und zum Dessert gab es Sahnepudding mit Schokosoße.

Peter würde am liebsten am Essen selber teilnehmen, obwohl er es besser lassen sollte. Er hatte wieder zugenommen, seit er nicht mehr in das Sportstudio konnte.

„Wir gehen in unserem nächsten Urlaub in Stralsund in die Gaststätte, die ebenfalls von der Firma für Essen auf Rädern betrieben wurde“, sagte Peter.

Er hatte dazu mehr Lust, als in ein Nobelrestaurant im Hafen zu gehen.

DIE GESCHIRRSPÜLMASCHINE WAR NICHT AUSGERÄUMT

WAS BISHER WAR:
Bei Klara, Lukas und Peter setzte sich immer mehr die Erkenntnis durch, Anna nicht mehr zu etwas zu bewegen, was sie überhaupt nicht mehr wollte, zum Beispiel sie zu Feiern mitzunehmen.

Krümel machte für alle den Alltag schöner, sie war stets präsent, und wenn auch oft nur in Gedanken.  Peter musste darüber nachdenken, was er Klara zum Geburtstag schenken wollte.

Es deutete sich an, dass Klara lediglich einen Blumenstrauß zum Geburtstag haben wollte. Sie hatte sich ihre Geschenke bereits vorher besorgt.
Aber der Blumenstrauß musste ja trotzdem noch besorgt werden.

Schade, dass Peter gerade Klaras Lieblingsblumenvase zerschmissen hatte. Die stand morgens im Weg, als Peter die Spülmaschine ausräumte.

Er hatte gerade das Sonntagsgeschirr in das Wohnzimmer gebracht. Peter war sauer, weil er das morgens machen musste, denn hätte er gewusst, dass die Maschine noch voll war, so hätte er es abends noch getan.

Aber Klara sagte nur: „Das musst du doch nicht machen.“
Wie stellte sie sich das eigentlich vor ? Dass er das Frühstück vorbereitete und unten die Spülmaschine voll war mit Geschirr?

Nein, das kam für ihn gar nicht infrage.
Das konnte er einfach nicht. Er war nicht so gestrickt, dass er das übersehen konnte.

Also stellte er die Tassen und Teller schlecht gelaunt auf den Wohnzimmertisch. Es war noch dunkel. Plötzlich stieß er mit dem Arm gegen etwas. Es rollte und krachte auf die Erde.
Es war die Blumenvase.

„Das war die schönste Vase, die wir hatten“, sagte Klara.
„Und das ist mit Abstand der schlechteste Beginn eines Tages“, sagte Peter.

„Ich weiß nicht, warum du so bist?“, sagte Klara.
„Ich weiß auch nicht, warum du nie abends alles für den Morgen vorbereitest“, entgegnete Peter.

Seine Schilddrüse schlug schon an und er war dabei, sich nicht mehr einzukriegen.
Was war geschehen? Das Auto kaputt, jemand die Treppe heruntergefallen, der Strom ausgegangen?

Nein, etwas viel Schlimmeres, der Geschirrspüler war noch voller Geschirr geräumt.

Das Frühstück verlief ruhig. Peter surfte in der neuesten Ausgabe der Berliner Zeitung.

Die Corona -Toten waren wieder mehr geworden.

‚Und du regst dich wegen so einer Kleinigkeit auf‘, dachte Peter.

Laut aber sagte er: „Das finde ich zwar nicht in Ordnung, dass du mich nicht unterrichtest, was in der Küche noch gemacht werden muss, aber lass uns jetzt nicht mehr streiten, die Vase ist ohnehin kaputt.“

Klara schwieg. Sie musste gleich in die S-Bahn, dann die kalte Straße im Zeitungsviertel entlanglaufen und der Dicke hier regte sich über so einen Mist auf.

‚Ach war das schön, als er noch Teams geführt hat und auch gut verdiente.‘

Das Leben war zwar stressiger, aber ihr Mann war abends wenigstens müde und hatte keine Kraft mehr, zu reden, geschweige denn in die Spülmaschine zu schauen.

Aber jetzt, wo er nur noch im Homeoffice saß, da wollte er den Haushalt führen, wie von einem Befehlsstand aus und er wunderte sich immer, dass Klara sich nicht an seine Anweisungen hielt, sondern nur sagte, er könne ruhig noch mehr machen, wenn er schon zu Hause war.

Das brachte Peter endgültig aus dem Häuschen. Er verkroch sich dann in sein Zimmer und arbeitete umso verbissener an seinen Marketingkonzepten.

An dem Tag rief Peter noch einen Kunden wegen einer Anzeige an.
„Das ist mir alles zu persönlich“, sagte der zu Peter.

„Zu persönlich? Sollte es denn unpersönlich sein in der Stellenanzeige sein.

Wollen Sie Menschen ansprechen, die sich für Sie und Ihr Unternehmen begeistern, oder wollen Sie Leute, die kalt und abstrakt im Pflegedienst wirken?“

Peter war rhetorisch kaum zu schlagen. Er siegte auch in dem Gespräch, aber er verlor den Kunden.

An dem Tag beschäftigte er sich nur noch mit den ausstehenden PR-Texten. Er fand sie wenig aussagekräftig und fad, und seine Laune sank auf den Nullpunkt.

Er ging in das Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein und schaute sich einen Film über die Seals in Afghanistan an. Die waren aufeinander eingespielt, die Kommandozentrale tickte wie ein Uhrwerk. Peter liebte diese Filme.

Vielleicht konnte er sich ja noch für die Organisation des Haushaltes etwas abschauen. Doch was stand denn bei ihm an? Nur eines: Blumenstrauß für Klara besorgen.

KLARAS GEBURTSTAG STAND BEVOR UND PETER MUSSTE BLUMEN BESORGEN

WAS BISHER WAR:
Peter hatte darüber nachgedacht, dass man sein Leben einfach leben sollte. Er dachte dabei vor allem an Krümel, die sich für alles interessierte, die Welt neugierig betrachtete und mit ihrer ungezwungenen und kindlichen Art es sogar noch schaffte, Anna am Telefon zum Lachen zu bringen.

„Wie wollen wir nächste Woche meinen Geburtstag feiern?“, fragte Klara Peter am Frühstückstisch am Samstagmorgen.

Peter antwortete nicht. Er war in sein iPad vertieft, auf dem er die Berliner Zeitung las.

Samstagmorgen war es für ihn am schönsten, dass Klara das Frühstück machte, er dann nach einer Weile die Treppe herunterkommen konnte und sich erst einmal hinsetzte, um zu lesen.

Klara mochte das eigentlich nicht. Denn sie wollte, dass sich Peter mit ihr unterhielt und nicht schon wieder irgendwelche Artikel las, um sie hinterher nach ihrer Meinung für diesen Aufsatz zu fragen, den sie selbst noch gar nicht gelesen hatte.

Das war aber für Peter das Signal, selbst erst einmal knapp den Inhalt des Artikels wiederzugeben und danach seine eigene Meinung darüber kundzutun.

„Das hast du den Schlamassel mit ‚Astrazeneca‘ und der EU“, hob er an.

Aber Klara unterbrach ihn gleich.
„Ich habe dich gefragt, wie wir meinen Geburtstag feiern wollen?“
„Jetzt geht das schon wieder los. Ich hab‘ kein Geschenk für dich.“
„Blumen würden mir reichen“, sagte Klara gleich.
„Und wo krieg‘ ich die her?“, brummte Peter gleich.

Er hasste es, Blumen zu besorgen, denn damit kannte er sich gar nicht aus. Meist kaufte er die, die nicht frisch genug waren oder sie waren zu teuer.

Klara bekam das natürlich sofort mit und machte nebenher ihre Bemerkungen dazu.

Aber wenn Peter ehrlich zu sich selbst wäre, dann müsste er sich eingestehen, dass er es generell nicht mochte, in Läden zu gehen.
Der Lockdown kam ihm in dieser Hinsicht nur zu recht.

Peter erinnerte sich daran, wie er im letzten Jahr in den Laden am Bahnhof ging, er mittendrin stand, sich keiner um ihn kümmerte und er nicht wusste, was er nehmen sollte.

Er war der Typ, der sich gern beraten ließ, dafür lieber teurer einkaufte, aber seine eigene Komfortzone nicht verlassen musste, zum Beispiel, um nach etlichen Alternativen zu fragen und dann noch die Preise zu vergleichen.

Dabei war er es gar nicht mehr, der das große Geld verdiente. Das tat Klara. Peter gab es nur aus, großzügiger als Klara, wenn er dachte, das müsse nun so sein.

„Du kannst ja nächsten Samstag die Blumen gemeinsam mit Laura kaufen“, meinte Klara.

„Ja, das ist eine gute Idee“, sagte er schnell.
Ob die Idee wirklich gut war, das wusste er nicht. Denn Laura kam gleich nach Klara.

Sie dirigierte ihn ebenso im Laden umher, wie es ihre Mutter mit ihm machte.

Aber Peter könnte den Umstand dafür nutzen, um mit Krümel und Laura gemeinsam in den Blumenladen zu gehen.

Laura könnte sich dann um den Blumenkauf kümmern und Peter würde aufpassen, dass Krümel nicht in der Zwischenzeit alle Pflanzen anfasst, nur eben jede zweite.

VON KRÜMEL LERNEN, DEN TAG EINFACH ZU LEBEN

WAS BISHER WAR
Klara, Peter und Lukas verstanden es immer besser, sich untereinander abzustimmen, was die Unterstützung für Anna anbetraf.
Und trotzdem, es blieb schwer, weil jeder in seinem eigenen Alltag mit seinen Ängsten, Hindernissen, aber auch kleinen Freuden zu tun hatte.

Der Alltag nahm seinen Lauf. Nur wie der von Klara, Peter oder Laura wahrgenommen wurde, das hing davon ab, wie sie sich selbst gerade fühlten, was am Tag geplant war und was tatsächlich passierte.

Wenn Peter und Klara morgens aufstanden, da hatten sie meist nur ein Thema, und abends ebenso – was Krümel wohl machte und vor allem, was sie schon alles gemacht hatte, worüber sie viel lachen mussten.

„Weißt du noch, wie Krümel auf der Seite der Couch herumturnte und ich sie mahnend anschaute?“, fragte Peter.

„Sie sagte zu mir ‚Opa, jetzt mal nicht oh, oh sagen, wenn ich hier meine Übungen mach‘, ja‘?“, das hat sie gesagt, fuhr Peter fort, ohne abzuwarten, was Klara sagte.

Klara hatte das alles ja selbst miterlebt und musste auch stets aufs Neue darüber lachen.

„Hättest du gedacht, dass wir so viel an Krümel denken würden, auch wenn sie nicht bei uns ist“, fragte Peter.

„Sie hat unser Leben verändert, es ist aufregender geworden, manchmal anstrengend, aber viel schöner als vor Krümels Geburt“, antwortete Klara.

„Gestern hat Laura angerufen und erzählt, dass Krümel der Erzieherin gesagt hätte, sie müsse mittags nicht mehr schlafen, denn das hätte ihre Mutter erlaubt“, schob sie noch hinterher.

„Ja, da werden wir noch viel lachen können“, meinte Peter, bevor er sich wieder seinem Schreibtisch zuwandte.

Krümel machte den Alltag schöner, sie ließ sich nicht von schweren Gedanken treiben, sondern sie nahm den Moment, den sie kriegen konnte und machte etwas daraus, spielte mit ‚Marshall‘, rief ‚Opa hat mich geärgert‘, wenn etwas nicht ganz nach ihrem Willen lief und sie konnte sich zu einem Stein auf der Straße freuen, den sie fand und aufsammelte.

Während Peter darüber nachdachte, wurde ihm klar, dass die Kindheit eben doch etwas ganz Wunderbares war, etwas, das nie wieder so, mit diesen Glücksmomenten aus dem Nichts, zurückkam.

 

FAMILIE – WIR SIND EBEN NICHT ANDERS

WAS BISHER WAR
Peter hatte mit Helga am Telefon darüber gesprochen, wie es seiner Mutter im Pflegeheim in Dresden ging. Nicht nur die Beschränkungen der Pandemie rissen die Familien auseinander. Es war vor allem die innere Zerrissenheit in der Familie, die Peter Sorgen machte. Er lenkte sich ab, in dem er an die Tage seiner Kindheit in Schwerin zurückdachte.

 

Peter hatte gute und weniger gute Erfahrungen damit gemacht, was Annas Demenz anbetraf.

Die Familie hatte Phasen der Verzweiflung durchlaufen, Stunden, in denen keiner wusste, wie es mit Anna weitergehen würde. Und wieder Momente, in denen sie herzlich lachen mussten und sich nicht dafür schämten, dass Anna den Anlass für all das gab.

Sie lachten Anna nicht aus, nein, sie lachten sie an. Anna ist dement – das war inzwischen zum Synonym dafür geworden, dass die Familie zusammenhielt, dass man sich stritt und dass man einfach sagte:
„Hallo Familie, das sind wir. Wir sind eben nicht anders, aber wir halten zusammen.

Die Krankheit von Anna, so schlimm sie auch einem Außenstehenden erschien, sie brachte Peter und Klara dazu, innezuhalten, darüber nachzudenken, was wirklich im Leben zählte.

„Wir regen uns laufend darüber auf, wie furchtbar das alles ist, was Anna sagt und was sie nicht mehr mitbekommt“, sagte Peter.

„Was meinst du?“, fragte Klara.
„Anna ist mit sich zufrieden. Schau nur mal, wie sie das Essen inzwischen liebt, das ihr vom Küchenservice, ‚Essen auf Rädern‘ gebracht wird.

Klara nickte. Sie hatte gerade gesehen, wie Anna auflebte, wenn Klara sie nach dem Essen fragte, dass sie nun nicht mehr selbst zubereiten musste, und dass ihr direkt auf den Tisch gestellt wurde.

„Wir müssen unsere Sicht ändern“, sagte Peter. „Und nicht die von Anna“, schob er hinterher.
Klara schaute Peter fragend an.

„Wir gehen davon aus, dass deine Mutter immer noch große Spaziergänge machen soll, vielleicht aufs Kreuzfahrtschiff aufsteigen will, nach der Pandemie jedenfalls. Aber sie will das nicht. Sie denkt nicht mehr darüber nach. Wir denken das und dann glauben wir, dass sie genauso denkt, und das ist unser Fehler.“

REDAKTIONSPLAN – ‚ANNA IST DEMENT‘ FÜR WOCHE VOM 01. 02. BIS 07.02.2021

Wer sich für die Familiengeschichte ‚Anna ist dement‘ interessiert – hier die aktuellen Folgen für die kommende Woche:

MONTAG, 01.02.2021
ANNA (101)
FAMILIE – WIR SIND EBEN NICHT ANDERS
Verzweiflung, Momente, in den man lachen musste – das Leben ging weiter, trotz Annas Demenz und mit Anna, als festes Familienmitglied.

DIENSTAG, 02.02.2021
ANNA (102)
VON KRÜMEL LERNEN, DEN TAG EINFACH ZU LEBEN
Krümel nahm den Moment, den sie kriegen konnte und hatte Spaß.

MITTWOCH, 03.02.2021
ANNA (103)
KLARAS GEBURTSTAG STAND BEVOR UND PETER MUSSTE BLUMEN BESORGEN
Peter hasste es, in Blumenläden zu gehen, aber nun kam er wohl nicht drumherum.

DONNERSTAG, 04.02.2021
ANNA (104)
DIE GESCHIRRSPÜLMASCHINE WAR NICHT AUSGERÄUMT
Peter verwechselte die Küche mal wieder mit einem Befehlsstand bei den Seals

FREITAG, 06.02.2021
ANNA (105)
KLARA WOLLTE NACH STRALSUND FAHREN
Klara machte sich Sorgen um Anna und wollte bei ihr nach dem Rechten sehen, und sie wollte sehen, wie der Essenservice funktionierte.

SAMSTAG, 06.02.2021
ANNA – FOLGE 3  (bisher donnerstags)

WIEDERHOLUNGEN AUS VERGANGENEN JAHREN
BERTA HAT DIE MUSIK AUFGELEGT
IM WARTEZIMMER VON Dr. SILBERFISCH

PETERS ERINNERUNGEN AN SEINE KINDHEIT STIMMTEN IHN VERSÖHNLICH IM TELEFONAT MIT HELGA

WAS BISHER WAR:
Peter hat im Pflegeheim mit der Schwester gesprochen, die seine Mutter pflegte.
Gertrud Gerber ging es gut, wenn man absah von ihrer Demenz und davon, dass sie nicht mehr aufstehen konnte.
Wenig später rief ihn seine Schwester Helga zurück und behandelte ihn am Telefon von oben herab.

Es herrschte Stille am Telefon. Schließlich war ein Schnaufen zu vernehmen.

Helga blies zum Angriff. Peter musste zurückdenken an ihre gemeinsame Kindheit, daran wie sie in Schwerin gemeinsam spielten hatten.

Sie wohnten in der Straße der Nationalen Einheit. So hieß sie damals noch, obwohl es längst die DDR gab.

Aber irgendwie störte das Ende der fünfziger Jahre noch keinen. Erst viel später wurde sie in ‚Herman Matern – Straße‘ unbenannt.

Das Haus vor ihnen war aus rotem Backstein, typisch norddeutsch.
Peter und Helga hingen oft mit den Köpfen nach unten auf dem Geländer, dass den Bürgersteig absichern sollte.

Die Spitze von Helgas Pferdeschwanz berührte den Fußweg und strich über das dreckige Pflaster.
Sie spielten vor allem dann unbeschwert, wenn Manfred Gerber nicht zuhause war.

Der studierte in der Zeit in Berlin. Manchmal kam er früher zurück und erwischte die beiden, dass sie am Geländer hingen.
Dann gab es sofort Ärger und manchmal setzte es auch eine Tracht Prügel.

Sie hatten Angst vor Manfred Gerber, dem Vati – Erwin Gerber. Alle, Peters älterer Bruder Erwin, Helga und Peter.

Die Erinnerungen an die Zeit in Schwerin gehörten für Peter zu den schönsten überhaupt in seinem Leben. Bis in die Gegenwart denkt er manchmal zurück daran, wie sie auf dem Hof gespielt hatten.

Peter erinnerte sich, dass er oft gehen die Teppichstange stieß, sich eine Beule holte und heulend zu ihrer Oma reinlief.

Die kühlte ihm mit einem Messer die Stirn, schmierte ihm eine Schmalzstulle und schickte ihn wieder nach draußen.

„Bist du noch da?“, fragte ihn seine Schwester am Telefon.
„Lass uns jetzt nicht streiten“, schlug Peter versöhnlichere Töne gegenüber seiner Schwester an.

„Mama scheint es ja gut zu gehen.“
„Naja“, hob Helga an.
„Ich meine natürlich im Rahmen des Möglichen“, schob Peter nach.
„Und der Rahmen wird enger“, sagte Helga jetzt.
„Was meinst du?“

„Mama kann nicht mehr sprechen, erkennt kaum noch jemanden und schläft sehr viel“, erklärte sie.

PETERS MUTTER GERTRUD GEHT ES GUT – WENN MAN VON DEN UMSTÄNDEN ABSIEHT

WAS BISHER WAR:
Peter ringt mit sich, seine Schwester anzurufen und herauszubekommen, wie es seiner Mutter geht.
Gertrud Gerber ist an das Bett gefesselt, kann nichts mehr allein tun und ist stark dement. Es besucht sie keiner – in den Zeiten des Lockdowns.

Peter nahm den Hörer ab und wählte  die Telefonnummer seiner Schwester.
Helga ging nicht ans Telefon.

Er legte auf und kramte in seinen Unterlagen die Telefonnummer des Pflegeheimes in Dresden heraus.
Endlich hatte er alles zusammen.

Es dauerte eine Weile, bis er die richtige Ansprechpartnerin in der Leitung hatte.

„Ach, ist das schön, dass Sie sich mal melden“, sagte eine freundliche Stimme am anderen Ende.

Peter wurde rot und war froh, dass die Schwester nicht sehen konnte, wie peinlich es ihm war, dass er sich solange nicht gemeldet hatte.

„Wie geht es meiner Mutter?“, fragte er mit etwas beklommener Stimme.

„Soweit gut. Sie schläft viel, vergisst oft, wo sie sich befindet und wer gerade vor ihr steht.

Aber ich werde die Grüße von Ihnen ausrichten. Sie wird sich sehr darüber freuen“, sagte die Schwester.

„Ich melde mich bald wieder, vielen Dank für die Auskunft“, sagte Peter und legte den Hörer auf.

Jetzt packte ihn erst recht das schlechte Gewissen.
Das Telefon klingelte erneut. Helga war dran.

„Du wolltest mich sprechen“, fragte sie Peter.
„Ja, willst du mich denn auch sprechen?“, fragte er zurück.

Das Verhältnis zwischen ihnen war angespannt und würde es wohl auch bleiben.

„Du willst bestimmt wissen, wie es Mama geht“, sagte Helga jetzt.

„Naja, ich habe direkt im Heim angerufen.“

„Du weißt schon, dass ich die Geschäftsführerin dort bin“, sagte sie jetzt mit herablassender Stimme.

„Ja, deswegen wollte ich mal die authentische Meinung der Schwester einholen“, sagte Peter.

„Was bildest du dir eigentlich ein, wer du bist?“, fragte Helga nun.

„Wir sind immer noch die, die wir immer waren“, sagte Peter trocken.

WIE ES GETRUD – PETERS MUTTER – WOHL GING?

WAS BISHER WAR:
Peter und Klara haben für Anna organisiert, dass sie morgens und mittags ihr Essen zubereitet bzw. geliefert bekam.

Peter musste an seine Mutter denken und daran, wie es ihr wohl im Pflegeheim erging.
Gertrud konnte nicht mehr aufstehen, redete kaum noch und dämmerte vor sich hin.

Peter dachte unwillkürlich an seine Kindheit in Schwerin zurück.
Es waren schöne Erinnerungen, wie sie als Kinder im damaligen Pionierhaus ins Kino gingen. Ob es das wohl noch gab? Oder wie sie im Ferienlager durch das Schweriner Schloss tobten, da wo heute die Abgeordneten des Landtages sitzen.

Dann kam der Umzug nach Dresden. Das war ein heftiger Schritt für ihn und seine Geschwister, seinen Bruder Gert und seine Schwester Helga. Peter war damals neun Jahre alt. Er erinnerte sich an die erste Nacht im Gästehaus, auf dem ‚Weißen Hirsch‘.

Seiner Oma war das unheimlich. Sie war nie aus ihrer Heimatstadt Schwerin herausgekommen, nur am Tag des Umzuges war sie mitgefahren.

Und nun musste sie mit allen in einem für alle unheimlich großen Palast übernachten – einem Gästehaus, dass ihr vorläufiges Domizil war, bis sie ihre Wohnung beziehen konnten.

Peters Mutter wollte später nie zurück nach Schwerin.
Aber er hatte große Sehnsucht nach seiner Heimat, zurück in den Norden.

„Träumst du, oder arbeitest du?“, riss ihn Klara aus seinen Gedanken.
„Nein, weder noch“, sagte Peter.

„Mir schießt nur durch den Kopf, was wohl meine Mutter gerade macht. Und damit kommen gleichzeitig auch Erinnerungen an meine Kindheit hoch“, sagte er noch.

„Ruf doch einfach mal deine Schwester an!“
„Du weißt doch, wie sie ist. Sie benutzt ihren Wissensvorsprung darüber, wie es meiner Mutter geht aus, um sich in Szene zu setzen, und darauf habe ich nun gar keine Lust.“

Peter wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

„Willst du wissen, wie es deiner Mutter geht, oder suchst du Gründe, warum du dich nicht melden willst?“

Peter tat so, als hätte er die Frage nicht gehört.

ANNA NIMMT NOCH AM GESELLSCHAFTLICHEN LEBEN TEIL, WENN AUCH ZUNEHMEND WENIGER

Christi Himmelfahrt. Manche sagen auch Vatertag oder Herrentag.
Peter hatte keine Lust darauf. Er freute sich eher auf seinen Schreibtisch. Er konnte an dem Tag in Ruhe die Sachen ordnen, vielleicht ein wenig schreiben, aber eben ohne Druck und ohne, dass er angerufen wurde, oder selbst jemanden anrufen musste.

Laura meldete sich. Sie gratulierte zum Vatertag. „Danke“, brummte Peter. Er war noch nicht ganz da, als er am Frühstückstisch saß.

„Na, ich bin gespannt, ob deine Mutter heute anruft.“
„Das hat dich doch bisher eher gestört, wenn dich deine Schwiegermutter angerufen hat und zum Herrentag gratulierte“, sagte Klara.

„Na so ist es ja nun auch nicht. Ich habe mich schon gefreut.“
Aber das Telefon blieb stumm. Anna hatte den Tag schlichtweg vergessen.

Sie hatte auch vergessen, ihrem Sohn Lukas zu gratulieren
Lukas wohnte in Stralsund, ganz in ihrer Nähe. Er hatte ein Haus mit einem Hof. Anna ging dort täglich vorbei. Und an solchen Tagen hatte sie Lukas meist eine Packung mit alkoholfreiem Bier mitgebracht.

Klara rief bei Lukas an: „Hat Mutti dich angerufen und gratuliert?“
„Nein, hat sie nicht.“
Peter war geschockt. Wieder mal war es ein sicheres Zeichen dafür, dass Anna mehr und mehr vergaß.

Klara nahm den Hörer noch einmal in die Hand und fragte Anna direkt: „Mutti, du weißt schon, dass heute Vatertag ist, oder?“

„Ja, ja weiß ich“, beteuerte sie. „Also grüß‘ Peter schön.“
„Das hat sie doch sonst immer selbst gemacht und mir gratuliert.

Jetzt war Peter doch ein wenig beleidigt, obwohl er wusste, dass es einen Grund dafür gab. Einen Grund, für den Anna keine Schuld traf.

ICH HABE 8000 EURO GEWONNEN
Abends rief Anna erneut bei Klara an.
„Ich hab‘ da vielleicht wieder eine Aufregung“, sagte Anna.

„Was denn für eine Aufregung?“, fragte Klara. „Na, ich habe schon wieder 8000 Euro gewonnen.“

„Mutti, du hast nicht gewonnen. Das ist ein Werbebrief. Und wenn du weiter unten liest, dann siehst du, dass du die Chance hast, zu gewinnen. Eventuell. Aber das ist eher unwahrscheinlich.“

„Ich lese dir jetzt mal vor, was hier steht.“ Anna fing an, den Werbebrief vorzulesen: „Liebe Frau Sturm, freuen Sie sich! Sie haben gewonnen… Schicken Sie die Antwort noch heute zurück, und: Vergessen Sie nicht, den beiliegenden Bestellschein auszufüllen… Sobald wir Ihre Rückantwort erhalten haben, sind Sie mit dabei – bei der großen Verlosung für den Hauptgewinn in Höhe von 8000 Euro…Also schicken Sie den Brief noch heute ab, liebe Frau Sturm.“

Klara hatte bis zum Schluss gewartet. Sie war dem Rat von Peter gefolgt und hatte ihre Mutter nicht unterbrochen. Doch es fiel ihr schwer, ruhig zu bleiben, zuzuhören, nicht hineinzureden.

Doch nun platzte es aus ihr heraus: „Mutti, wir haben doch schon so oft darüber gesprochen. Das ist ein Werbe-Gag. Du bist eine von Tausenden, die wie du diese Post erhalten haben. Der Brief erfüllt nur einen einzigen Zweck: Du sollst wieder eine Bluse bestellen, verstehst du das?“

„Ja, aber hier steht, ich habe gewonnen.“
„Mutti, jetzt zerreiß den Brief, und wirf‘ ihn in die Tonne!“
„Meinst du wirklich?“ „Ja!“

Klara konnte nicht mehr. „Du erreichst nichts, wenn du auf diese Art mit deiner Mutter sprichst. Anna hat jetzt ein schlechtes Gefühl, weiß aber nicht so richtig warum und wird dir beim nächsten Mal gar nichts mehr erzählen.“

Peter versuchte Klara zu erklären, dass sie so nicht weiterkam.
„Du hast gut reden. Du redest ja nicht jeden Abend mit ihr.“
Klara war bedient.

LÖWE DU MUSST FRESSEN, DU BIST DOCH HUNGRIG

Es schien ein tristes Wochenende zu werden, im Lockdown – bis Peter sich daran erinnerte, wie er mit Krümel auf dem Teppichboden im Wohnzimmer lag und sie gemeinsam auf die Jagd gingen, nach einem kleinen, imaginären Hasen.

Samstag. Der Schnee rieselte ohne Unterbrechung vom Himmel und bei Peter kam der Gedanke von heiler Welt auf.

Doch die Welt war nicht heil. Der Gedanke an den Lockdown und Corona blieb. Peter und Klara hätten sich gewünscht, dass Krümel sie besuchte, aber das Risiko war zu groß, dass sie sich gegenseitig ansteckten.

Also blieb ihnen nur übrig, zum Telefon zu greifen und ein paar Momente mit Krümel am Telefon zu erleben.

„Hallo Opi, kann ich bei dir den Film sehen ‚von dem mit ohne Zahn‘?“, fragte Krümel ihn.

„Naja, dieses Mal können wir uns nicht sehen, aber ich kann dir was vorsingen, willst du das?“

„Ja“, flüsterte Krümel mit ihrer zarten Stimme.
„Oh, Tannebaum, an deinem Ast hängt ne Pflaum…“

„Opa, nicht Pflaum, unterbrach Krümel ihn sofort. Peter wollte einmal kreativ sein und schon wurde er zurechtgewiesen.

Krümel wollte das Lied so hören, wie Peter es ihr immer vorsang.
Also begann er wieder von vorn und lies nun keine Zeile aus.

„Du kannst dir auch mal was Neues einfallen lassen“, meldete sich Laura nun.

„Ich hätte noch ‚Auf der Reeperbahn‘ im Angebot“, sagte Peter.
„Wehe“, mischte sich nun Klara ein.

Peter war raus, sein Entertainment für Krümel wurde nicht mehr gewünscht.

Dabei waren sie noch vor zwei Wochen auf dem Fußboden des Wohnzimmers umhergekrochen und hatten Löwe und Hase gespielt. Peter schmunzelte, während er sich daran erinnerte.

„Ich fress‘ jetzt den Hasen“, knurrte Peter möglichst echt, obwohl er in dem Moment überlegte, ob Hase und Löwe überhaupt in der Hitze von Afrika aufeinandertrafen.

„Nicht fressen“, rief Krümel.
„Nein, der Löwe ist zwar hungrig, aber er lässt den Hasen am Leben“, versuchte Peter Krümel zu beruhigen.

„Ich fang einen Hasen“, rief Krümel plötzlich und bewegte sich mit Armen und Beinen geschmeidig auf den Wohnzimmertisch zu.

Peter robbte hinterher, keuchend versuchte er mitzuhalten, obwohl sein Bauch ihn daran hinderte, es Krümel gleichzutun und wie eine Echse am Boden entlang zu schleichen.

Als er auf der Höhe von Krümel ankam, legte die ihren kleinen Finger auf den Mund.

„Leise Opa!“ Peter nickte, obwohl es ihm schwerfiel, den keuchenden Atem unter Kontrolle zu halten.

„Da, der kleine Hase“, flüsterte Krümel. Peter sah nichts.
Urplötzlich schoss ihre Hand in Richtung Stuhllehne und hielt sie triumphierend hoch.

„Hier Opa, hier ist der kleine Hase, den kannst du jetzt fressen.
Peter schaute auf Krümels Hand und sah förmlich den kleinen Hasen zappeln.

„Opa kann den nicht fressen, der soll weiterleben“, sagte Peter entschuldigend zu Krümel

Krümel schaute ihn verwundert an.
„Löwe, du musst fressen, du hast doch Hunger!“, flüsterte Krümel beschwörend auf Peter ein, so als könne der Hase in ihrer Hand noch einmal entkommen.

„Nein weißt du, ich bin der einzige Löwe, der nur Blätter frisst. Komm, wir laufen mal zu Oma in die Küche und schauen, wir dort was Grünes finden.“

Krümel war damit nicht einverstanden, dass ihr Löwe sich plötzlich ächzend erhob und auf vier Beinen der Küche zustrebte. Sie stand noch vor ihm, in der erhobenen Hand den zappelnden Hasen.

Sie beide sahen den Hasen ängstlich zappeln, vor ihrem inneren Auge zumindest. Krümel war bereit ihn für den hungernden Löwen zu opfern, aber nur, weil sie ihn nicht in Stoffform vor sich sah. Der Stoffhase lag oben in der Puppenkiste, wohlbehalten.

Und Peter wunderte sich selbst, wie schnell er zum Vegetarier mutiert war.

„Der Hunger vom Löwen ist nicht groß, wir lassen ihn am Leben“, meinte Peter zu Krümel, die immer noch ihre Hand mit dem imaginär zappelnden Hasen in die Luft hielt.

Krümel ließ den Hasen plötzlich fallen und schoss in die Küche.
„Opa hat mich geärgert, Oma.“

„Was hast du denn nun wieder angestellt?“, fragte Klara ihn vorwurfsvoll.

Ich bin mal schnell zum Vegetarier geworden, und das als Löwe.

Klara holte einen Fruchtzwerg aus dem Kühlschrank, was Krümel begierig und aufmerksam verfolgte.

„Der Löwe ist satt, der braucht nichts ab“, sagte Klara noch.

„Nein, Löwe, du kriegst nichts ab“, rief Krümel und ihre Augen leuchteten wieder.

DER KALENDER VON PETERS VATER

 Peter und Klara waren froh, dass Anna nun Essen auf Rädern bekam, sie nicht mehr selbst kochen musste und jeden Tag außerdem eine Schwester vorbeikam, die ihr das Frühstück bereitete.

 

Peter dachte gerade daran, wie gut es war, dass Klara, Lukas und er so zusammenhielten, sich eng absprachen und jeder wusste, was seine Aufgabe bei der Betreuung von Anna war.

Lukas hatte gerade ein neues Schloss in die Tür bei Anna in Stralsund eingebaut und der Schwester einen Schlüssel gegeben, damit diese nicht so lange warten mussten, bis Anna öffnete.

Klara hatte alle organisatorischen und finanziellen Fragen geklärt, die mit der intensiveren Betreuung zusammenhingen und Peter dokumentierte alles, fertigte die nötigen Schriftstücke, schrieb die E-Mails.

„Die Schwester ist aber auch nicht sattelfest in der Rechtschreibung“, sagte Peter zu Klara, die nebenan vor ihrem Laptop saß. Sie hatte Homeoffice-Tag.

Peter hätte nie gedacht, dass Klara mit der Technik klarkam und hintereinander weg ihre Dokumente abarbeitete.

„Darauf kommt es doch jetzt gar nicht an. Wenn alles läuft und Anna auch zufrieden ist, dann lass die doch ruhig falsch schreiben“, sagte Klara und schüttelte innerlich darüber den Kopf, womit sich Peter schon wieder befasste.

Der antwortete nicht, denn er war inzwischen mit seinen Gedanken ganz woanders.

Wie mochte es wohl seiner Mutter in Dresden im Pflegeheim gehen?

Sie war im 92. Lebensjahr und konnte nicht mehr aufstehen. Seine Schwester, Helga Geiger, kümmerte sich um sie. Jedenfalls sagte sie das.

Aber Peter war sich sicher, dass im Pflegeheim alles getan wurde, damit sich seine Mutter wohlfühlte.

Er hatte sie seit dem Tod seines Vaters vor zwei Jahren nicht mehr gesehen.

Damals war alles so schnell gegangen.

Wenige Tage, bevor Manfred Gerber starb, war er noch einmal bei ihm gewesen, zusammen mit Klara.

Sie hatten am Bett gesessen und ihn angeschaut. Seine Arme waren dünn geworden und übersät von den Einstichen der Spritzen und Kanülen aus dem Krankenhaus.

Klara und Peter brachten kein Wort heraus.

„Einer muss der Sprecher sein“, sagte sein Vater nach einer Weile, in der für ihn typischen Art.

Selbst im Angesicht seines eigenen Todes, blieb er sich treu.

Klara und Peter müssen heute lachen, wenn sie sich an diesen Moment zurückerinnern.

Auch wenn Peter kein sehr enges Verhältnis zu seinem Vater gehabt hatte, sie sich mehr gestritten hatten, als das normal war, so schnürte es ihm doch die Kehle zu, wenn er jetzt daran, dass er nicht mehr da war.

Peter schaute vor sich auf den Schreibtisch. Da stand ein Kalender zum Drehen. Es waren der Tag zu sehen, der Monat und die jeweilige Zahl des Tages.

Manfred Gerber hatte ihn mal aus Petersburg mitgebracht, damals hieß die Stadt ja noch Leningrad.

An den Kalender durfte keiner ran. Manfred Gerber drehte ihn höchstpersönlich jeden Tag um, solange er das noch konnte. Er steckte dabei die Zunge leicht raus und blies die Backen auf, so als müsste er zehn Kilo in die Luft stemmen.

Peter hatte ihn dafür gehasst, damals jedenfalls.

Nun drehte er selbst jeden Tag den Kalender um, jeden Morgen und dachte kurz an seinen Vater.

Es war seine Art, ihm ein wenig die Ehre zu erweisen, bevor Peter an seine Tagesaufgaben ging.

Peter überlegte, ob er zum Hörer greifen sollte, um Helga anzurufen und sich nach seiner Mutter zu erkundigen.

ESSEN AUF RÄDERN

Für Anna verlieren Tag und Nacht ihre Unterscheidbarkeit.
Sie kocht nur noch unregelmäßig.

„Guten Morgen, Mutti, wie geht es dir?“, fragte Klara am Telefon.

„Ich verstehe nicht, warum du fragst, denn ich will gerade ins Bett gehen.“

„Mutti, es ist jetzt halb zehn Uhr morgens, und du willst schon wieder ins Bett?“, fragt Klara mit leicht genervter Stimme.

„War denn die Schwester schon da und hat dich gespritzt?“, fragte sie weiter.

„Hier war keiner.“

„Hast du denn schon gefrühstückt?“

„Warum soll ich abends noch was essen?“, antwortete Anna ungerührt.

„Mutti, du musst jetzt wach bleiben, denn es ist jetzt nicht Abend, sondern der Tag beginnt erst.“

„Ach so, warum sagt mir das denn keiner?“

„Ich sag es dir ja jetzt!“, also lies doch ein bisschen Zeitung und löse ein Kreuzworträtsel, das machst du doch gern.“
Klara verabschiedete sich nach einigem hin- und her von Anna.

„Ich glaube, jetzt ist es soweit, dass wir etwas unternehmen müssen“, sagte Klara zu Peter, der an seinem Schreibtisch wieder mal eine neue Planungsvariante ausprobierte.

„Mutti denkt schon morgens, dass der Tag vorbei ist, sie kennt die Uhrzeiten nicht mehr und legt sich bereits wieder ins Bett, wenn die Schwester zum Spritzen da war.“

„Wie können wir das verhindern?“, fragte Peter, ohne von seinem Schreibtisch aufzusehen.

„Ich denke, es ist an der Zeit, dass Anna mehr Betreuung bekommt. Ich werde mal mit der Pflegedienstleitung in Sassnitz sprechen“, sagte Anna.

Und kaum hatte Peter darüber nachgedacht, da telefonierte Klara schon mit dem Pflegedienst.

„Ihre Mutter sollte mit Frühstück und Mittag durch uns versorgt werden“, sagte die Schwester.

„Meinen Sie denn, dass es schon so weit ist?“, fragte Klara mit leichten Zweifeln in der Stimme.

Sie wusste, dass es nicht aufzuhalten war und scheute sich dennoch, Anna ein weiteres Stück ihrer Eigenständigkeit im Alltag zu nehmen.

„Frau Sturm muss regelmäßig essen, damit wir auch regelmäßig die nötigen Medikamente verabreichen können“, erwiderte die Schwester.

Klara wusste, dass die Schwester recht hatte. Und sie war sich mit Lukas und Peter einig, dass etwas passieren musste.

Sie erinnerte sich daran, was ihre Hausärztin zu ihr gesagt hatte:

„Wenn Ihre Mutter sich nicht mehr selbst etwas zu Essen macht, dann rückt die Zeit heran, wo sie ins Pflegeheim muss.“
Klara seufzte und fragte Peter, ob er ihr dabei half, alles schriftlich vorzubereiten.

„Was bleibt mir übrig?“, brummte der und machte sich daran, den Pflegedienst offiziell anzuschreiben.

Wenige Tage später rief Klara Anna an.
„Mutti, wie schmeckt dir denn das Essen, das du mittags bekommst?“
„Ach, das ist wunderbar, dass die Schwester mir das Essen vorbeibringt.“

„Was hattest du denn heute Mittag?“, fragte Klara.
„Heute Mittag? Das habe ich vergessen. Aber es war schön, dass die Schwester da war.“

VOM BEGINN DES ERZÄHLENS ÜBER ANNAS DEMENZ UND ÜBER DIE FAMILIE, DIE UM ANNA HERUM WAR

 2017 an einem Sonntag.

Klara sass an ihrem Schreibtisch und rechnete. Sie tat das, was sie gar nicht mochte – die Buchhaltung auf Vordermann bringen.

Und wenn sie damit fertig war, dann nahm die Unzufriedenheit bei ihr zu – die Zahlen stimmten zwar, aber sie waren im Minus, wie immer.

„Kommt da nächste Woche noch was rein?“, rief sie laut.
Nebenan saß Peter und murmelte etwas Unverständliches. Er lebte vom Schreiben.

Besser: Er dachte noch, dass er es eines Tages konnte. Dabei würde er nächstes Jahr in Rente gehen.

„Ein Artikel ist noch offen“, antwortet Peter.
„Was, mehr nicht?“ Klaras Stimme klang enttäuscht.
„Morgen klemm‘ ich mich ans Telefon.“

Klara schwieg und Peter sagte auch lieber nichts.
Sie konnten sich so freuen, denn sie würden bald Oma und Opa werden. Laura, ihre Tochter bekam im Herbst ihr erstes Kind, wahrscheinlich ein Mädchen.

Peter hatte sich immer eine Enkelin gewünscht. Dann könnte er mit ihr das nachholen, was er bei Laura nicht konnte, sich Zeit nehmen, Geschichten erzählen, einfach Quatsch machen.

Doch da war noch eine andere Sache, die alles überlagerte. Anna, die Mutter von Klara war dement.

VON DER SCHWIERIGKEIT, ANNAS KRANKHEIT IM ALLTAG ZU AKZEPTIEREN
„Ich gehe morgen zur Diamantenen Hochzeit“, sagte Anna zu Klara am Telefon.

„Mutti, schau doch einfach auf den Kalender – Charly und Berta haben doch erst nächste Woche ihren Hochzeitstag.“

Anna schwieg. Sie wohnte in Stralsund und ihre Tochter in der Nähe von Berlin. Abends, jeden Abend, rief Anna an.

Halb sieben, dann klingelte das Telefon. Peter sagte dann: „Das betreute Wohnen ist dran.“

Klara erwiderte darauf nichts. Doch es war ein Stich, der ihr ins Herz ging. Peter wusste das, und er hatte sich vorgenommen, es nicht mehr zu sagen.

Aber die Verführung war zu groß, zu sticheln und sich so zu wehren gegen die Anrufe, die nun schon über Jahre geführt wurden und nicht Substanzielles an Gesprächsinhalten mit sich brachten. Peter wusste, dass es selbst dumm war, so zu denken.

Doch seine Gefühle übermannten ihn in dem Moment. Nun war es anders. Schwiegermutter vergaß sehr viel. Sie verstand die Spitzen von Peter nicht mehr.

Gerade waren sie in Stralsund angekommen. Sie waren im Hafen an der Mole entlang gegangen in Richtung der Fahrgastschiffe. „Ich liebe Stralsund, meine Heimat“, sagte Anna ohne ersichtlichen Grund.

„Na, dann sind wir ja froh, dass wenigstens einer seine Heimat liebt“, erwiderte Peter bissig. Als würde die anderen nicht Stralsund lieben.
Klara warf ihm einen unmissverständlichen Blick zu. Peter stimmte trotzdem ein Lied an aus alten Zeiten an: „Unsere Heimat …“

Klara schäumte. Plötzlich stimmte Anna in das Lied mit ein.
Peter war geschockt. Was Spott sein sollte, das nahm Anna mit als Liebeserklärung an ihre Stadt.

„Ich darf das nicht mehr tun, ich muss mich anders verhalten. Anna ist dement“, dachte Peter und bekam ein schlechtes Gewissen, dass er Klara nicht mehr unterstützte.

Abends rief Anna an. Laura ging ran und sagte: „Hallo Omi!“ Am anderen Ende kam keine Antwort. Sie zögerte. „Wieso ist Laura dort? Die wohnt doch in Berlin?“

Anna brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass Laura zu Besuch war.

Ihr Koordinatensystem war durcheinandergebracht. „Wo ist denn dein Freund? Ist der nicht mit?“ Jetzt hatte Anna offensichtlich wieder den Durchblick.

PETERS FLUCHT IN DIE SCHORFHEIDE
Sonntagmorgen. Peter war in Richtung Schorfheide gefahren. Er liebte die Gegend. Kurz vor dem Ort, von wo aus er starten wollte, bog er nach links ab.

Er blieb mit dem Auto oben stehen, stieg aus und holte die Stöcke für Nordic Walking aus dem Kofferraum. Peter blickte aufs Wasser und bekam sofort gute Laune.

Die Sonne schien, es war ruhig, der Kiefernwald duftete. Neben ihm lag ein Plastiksack, den offensichtlich Leute dorthin verfrachtet hatten. Peter ärgerte sich.

Früher hätte er sich nicht darüber aufgeregt, jetzt aber schon. Er verstand nicht, dass manche Menschen so faul waren und den Müll nicht ordentlich entsorgten.

Peter legte die Schlaufen von den Stöcken an und lief los. Man müsste eher sagen, er latschte los. Er brauchte immer ein bisschen, bis er auf Betriebstemperatur war. Ihm entgegen kam ein Fahrradfahrer in kurzen Hosen und kurzem Hemd. Der starrte ihn an.

„Guten Tag!“ Peter grüßte jeden, wenn er jemanden traf.
Auf dem Fluss war ein Motorengeräusch zu hören. Er sah flussaufwärts ein Boot, dass langsam näherkam. Die Maschinen stampften.

Peter liebte diese Geräusche. Er kannte sie aus seiner Kindheit vom Schweriner See. Dort hatte er gern zugeschaut, wenn die großen Boote am Steg festmachten.

Am liebsten mochte er in einen Schuppen gehen, in dem ein Boot lag und ein wenig schaukelte und er konnte vom Rand aus auf das Boot steigen.

Das hatte was, auch wenn ihm die Boote nicht gehörten. Das Boot war an ihm vorbeigefahren, während er am Ufer entlanglief und mit den Stöcken in das Gras stieß und kleine Löcher hinterließ.

Hinten auf dem Deck des Bootes, das unten auf dem Wasser an ihm vorbeituckerte, lümmelten sich auf dem Deck ein Mann und eine Frau und ließen die Arme über die Bordwand hängen.

„Haben die es gut“, dachte Peter. Doch dann kam ihm in den Sinn, was alles zu tun wäre, wenn das Boot am Steg festgemacht hatte. Es gab immer etwas zu wischen, der Bootsmotor musste gewartet werden.

Peter erinnerte sich an den Schweriner See zurück und wie ihn sein Vater gepiesackt hatte, damit das Boot und der Motor zu Wasser gelassen werden konnten.

Und dabei handelte es sich nur um den „Delphin“, ein Boot, das von einer PVC-Haut überzogen wurde. Peter seufzte und war froh, dass er lediglich vom Ufer aus die vorbeituckernden Boote beobachten durfte und nichts mit der Arbeit an Bord zu tun hatte.

Für ihn war das Luxus, dass er am Tag einmal laufen konnte. Am Alltag lief er meist schon morgens, halb sechs, wenn er Klara zum Bahnhof gefahren hatte. Peter kehrte um.

Auf dem Rückweg konnte er besser auf das Wasser schauen und freute sich an der Ruhe, die ihn umgab. Am Auto zurück angekommen lag nun der schönste Moment vor ihm: Die Hecktür öffnen, sich in den Laderaum schwingen, Wasser trinken, die Beine baumeln lassen und ein wenig herumhängen.

Schließlich fuhr Peter zurück. Das Autotelefon klingelte. Laura war dran. „Wo steckst du?“

„Warum?“ „Ich bin auf dem Weg zu euch.“ Peter freute sich. Seine Tochter kam nur noch selten aus Berlin zu ihnen.

LAURA WAR ZU BESUCH
Peter rief Klara an: „Ich fahr‘ gleich durch zum Bahnhof und hole Laura ab.“

„Ist gut!“, erwiderte Laura. Jetzt kam Leben in die Bude. Die Regionalbahn lief in den Bahnhof ein, kurz nachdem Peter angekommen war.

Er fuhr mit Laura zurück. Laura stieg am Haus aus dem Auto und Peter kurbelte das Lenkrad herum, damit er in den Carport einparken konnte.

Die Sonne blendete ihn und er konnte nicht erkennen, ob zu beiden außenstehenden Pfosten genügend Platz wäre. Peter sah es nicht genau und fuhr trotzdem rückwärts in den Carport.

Es knirschte. Der Mercedes hatte am linken Pfosten angedockt. Peter war sauer. Der Schmutzfänger war ein Stück abgerissen. Peter ging nie zum Arzt, nur wenn es gar nicht mehr ging. Doch für Bobby tat er alles.

Bobby, das war kein Mensch und es war kein Hund. Es war sein Auto, das er nun schon das 14. Jahr fuhr. „Ich muss mit Bobby morgen in die Werkstatt. Und ich habe keinen Hunger mehr, ihr müsst ohne mich essen“. Für Peter war der Tag gelaufen.

Klara hatte noch einmal bei Anna angerufen. Sie wollte nicht, dass ihre Mutter nun vielleicht durcheinander war, weil Laura am Telefon nicht richtig aufgeklärt hatte, dass sie unverhofft aus Berlin zu Besuch gekommen war.

Es war für keinen leicht, mit der Demenz von Anna umzugehen. Nicht für Klara, für Peter nicht und auch nicht für Laura.

„Du musst mit Oma gehirngerecht kommunizieren.“
„Papa, was ist das für ein Quatsch“, protestierte Laura.

„Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Was ich damit sagen will: Oma kann nicht mehrere Informationen gleichzeitig verarbeiten. Das verwirrt sie.“

„Was meinst du?“, fragte Laura.
„Nun, du gehst an unser Telefon.

Für Oma müsste jetzt Mama am Hörer sein. Stattdessen hört sie deine Stimme. Für sie wohnst du in Berlin und bist jetzt auch in Berlin.

Wir wiederum sind für sie da, wo sie jetzt anruft. Also solltest du erst einmal sagen, dass du bei uns spontan zu Besuch bist.“

„Spontan zu Besuch?“, fragte Laura dazwischen. „Das versteht sie doch erst recht nicht.“

„Aber stell dir vor, du würdest die Informationen per Rohrpost versenden – ein Satz folgt auf den anderen, und sie gehen alle in die gleiche Richtung.

Da kannst du ja auch nicht mit dem letzten Satz anfangen, sondern du schiebst den ersten Satz zuerst durch.“

„Na gut Papa, das ist mir zu blöd.“
Peter schwieg. Er war eben auch nicht trainiert auf die Kommunikation mit demenzkranken Menschen.

„Oma kann nicht mehrere Informationen gleichzeitig verarbeiten. Das verwirrt sie…Aber stell dir vor, du würdest die Informationen per Rohrpost versenden – ein Satz folgt auf den anderen, und sie gehen alle in die gleiche Richtung. Da kannst du ja auch nicht mit dem letzten Satz anfangen, sondern du schiebst den ersten Satz zuerst durch.“

 

 

KRÜMELS KAUFLADEN

WAS BISHER WAR:
Klara und Peter waren wieder im Alltag angekommen.
Klara setzte sich am Montag, dem ersten Wochentag nach Neujahr, pünktlich um sechs Uhr an ihren Computer und begann mit der Arbeit.
Peter war nicht mit aufgestanden. Er schreckte hoch, als draußen der LKW vorfuhr und die Biotonnen entleert wurden.
Peter stand nun doch auf, torkelte ins Bad und beschloss, das neue Jahr erst mit der folgenden Woche zu beginnen.

Freitagmittag. Klara und Peter holten Krümel aus der Kita ab. Peter hatte vorher noch geübt, wie seine Enkelin hinten auf dem neuen Kindersitz angeschnallt werden musste. Er hatte dazu den großen Elefanten aus dem Kinderzimmer geholt und ihn auf dem Sitz festgeschnallt.

Er brauchte eine Weile, bis es ihm wirklich gelang. Vorher musste er sich noch bei Laura telefonischen Rat holen.
Es klappte schließlich. Als alle wieder im Dorf angekommen waren, spielte Peter noch mit Krümel auf dem Fußboden im Wohnzimmer.

Peter hatte die kleinen Autos alle in einer Reihe aufgestellt.
Davor befanden sich die Hunde, die der Serie ‚Paw-Patrol‘ nachempfunden waren.

„Das hier ist jetzt der Chef“, sagte Peter und zeigte auf den Hund, der eigentlich Marshall hieß.
Aber Peter hatte den Namen schon wieder vergessen.

„Wie heißt der eigentlich noch?“, fragte Peter und blickte Krümel an.
„‘Maarche‘“, sagte Krümel.
„Wie? Maarche‘“, versuchte Peter Krümel nachzuahmen.

„Opa, ‚Maaarcheee‘!“
„Marche?“, Peter verstand Krümel nicht.

„Nein“, rief sie, schmiss sich auf den Bauch und warf wütend zwei der anderen Hunde auf den Boden.
„Heißt er Maaarcheee?“, fragte Peter noch einmal. Er hatte die Stimme nach oben gezogen, das ‚a‘ so lange wie nur möglich gedehnt und bekam nun beim Sprechen keine Luft mehr.

„Ja“, sagte Krümel und war zufrieden.
Erst am nächsten Tag erfuhr Peter, dass der Hund ‚Marshall‘ hieß.

Aber bis dahin verging ja noch eine Weile und Peter musste sich mächtig anstrengen, um nicht wieder bei Krümel unangenehm mit der falschen Aussprache aufzufallen.

Also dehnte er die Buchstaben, sang fast und kam damit so einigermaßen durch die strenge Prüfung bei der Namensnennung von Hund ‚Marshall‘ durch.

Am Samstagmorgen ging die Spielparty weiter. Sie begann bereits gegen halb vier Uhr.

Krümel war putzmunter, lag zwischen Peter und Klara im Bett und flüsterte Klara ins Ohr:

„Opa schnarcht, lass uns runtergehen und Frühstück machen, ja?“
Fünf Uhr saßen alle am Frühstückstisch. Krümel plapperte munter drauflos, während Peter noch versuchte zu verstehen, warum er an einem Samstag fünf Uhr morgens in der Küche saß.

„Opa, komm‘, wir ‚pielen‘ einkaufen“, drängelte Krümel eine halbe Stunde später.
Peter begab sich mit Krümel wieder nach oben, in Klaras Zimmer, wo der ‚Kaufladen‘ aufgebaut war.

Damit hatte bereits Lauras Mama gespielt und Klara hatte ihn zu Weihnachten wieder neu hergerichtet, viele kleine schöne Verkaufsprodukte in die Regale gelegt und eine Kasse hinzugestellt.

Mit einem speziellen Gerät konnten die entsprechenden Produkte eingescannt werden und es piepte sogar, wenn Krümel es an die Waren hielt.

Krümel schnappte sich als erstes das Mikrophon und schrie etwas hinein, sodass Peter nun endgültig munter war. Krümel musste es beim Einkaufen so erlebt haben.

„Was möchten Sie kaufen?“, fragte Krümel.
„Ich möchte die Bananen hier.“
„Die können Sie nicht bekommen.“

„Warum nicht?“
„Die sind für meine Party“, sagte Krümel und tanzte wie zur Bestätigung ein wenig auf Ihrem Platz.

„Dann geben Sie mir die Weintrauben“, sagte Peter.
„Die sind trocken“, sagte Krümel.

„Und jetzt?“, fragte Peter.
„Jetzt ist der Laden zu“, sagte Krümel nun.
„Ich geh‘ schlafen“, sagte sie und zog mit ihren kleinen Händchen ein nicht vorhandenes Rollo herunter.

„Das ist ja wie zu DDR-Zeiten“, brummte nun Peter.
Das Spiel wiederholte sich noch ein paar Mal und beide hatten viel Spaß daran, auch wenn sich Peter wieder lieber ins Bett gelegt hätte.

FÜR PETER BEGANN DAS NEUE JAHR, WIE DAS ALTE JAHR AUFGEHÖRT HATTE – MIT NICHTSTUN

WAS BISHER WAR:
Neujahr war vorüber und Peter hatte sich darüber gefreut, dass er mit Klara einen ruhigen Silvesterabend verbringen konnte. 

Das alles hatte zwischendurch die Züge einer Trauerfeier
angenommen, aber aufkommende Depressionen wurden mit ‚Rotkäppchen-halbtrocken‘ niedergerungen.

Klara gratulierte am nächsten Tag Anna und die bedankte sich artig, obwohl Klara den Gedanken nicht loswurde, dass Anna gar nicht den Unterschied zwischen 2020 und 2021 ausmachen konnte.

Neujahrsmorgen. Peter und Klara saßen beim Frühstück. Peter referierte darüber, was er alles Großartiges in 2021 leisten wollte, während Klara dabei die Augenbrauen hochzog und tief seufzte.

Nach dem Frühstück schob auch Peter die Gedanken an schweißtreibende Leistungsstunden weit von sich, schmiss sich auf die Couch, fuhr die Beinauflage hoch.

Er fühlte sich wie in der Kommandozentrale, als er die Fernbedienungen in die Hand nahm und sich einen Film in Netflix aussuchte.

Noch konnte er frei entscheiden. Also durchsuchte er schnell die Thriller, in denen es um Drogen, Serienkiller und Kriegsfilme ging.
Peter liebte es vor allem, sich Filme anzuschauen, die vom Einsatz der Navy Seals handelten.

Er war dann mittendrin im Geschehen. Und während die Spezialkräfte im Film einen Berg hochschnauften überlegte Peter, ob er sich mal auf die andere Seite der Couch bewegen sollte.

„Das ist doch jetzt nicht dein Ernst“, ertönte Klaras Stimme hinter seinem Rücken.

„Mein voller Ernst. Bist du etwa schon in der Küche fertig?“
„Du bist so faul, dass du immer runder wirst“, sagte Klara jetzt.

„Geh laufen!“, sagte sie noch.
„Ja, mach ich, aber nicht mehr heute. Da müssen Vorbereitungen getroffen werden, mit den Stöcken und so.“

Peter schaute unentwegt in den Fernseher, wo die Spannung zum Greifen war.

„Dann schalte jetzt wenigstens den Fernseher um“, sagte Klara.
Peter tat so, als hätte er nichts gehört. Er konnte nicht verstehen, dass Klara so unsensibel war.

Schließlich griff er doch zur Fernbedienung auf schaltete auf „Bares für Rares“ um.

Der Moderator betörte gerade mit seiner tiefen Stimme eine Frau, die Mitte 70 Jahre alt war.
„Gundula, du siehst bezaubernd aus“, hörte Peter noch, während er sich schnell weiter durch die Programme klickte.

„Was willst du denn sehen?“, fragte er Klara, während er sich unbeirrt weiter durch das Programm surfte.

„Na, das eben war doch nicht schlecht“, begehrte jetzt Klara auf.
„Schlecht war das nicht, nur mir wird schlecht, wenn ich es weiter ansehen muss.“

„Dann mach bitte ‚Bettys Diagnose‘ an.
Peter atmete tief durch. Er klickte in der Mediathek die Serie an, legte die Fernbedienung auf den Tisch und erhob sich, um schweren Herzens an seinen Schreibtisch zu gehen.

„Wieso bleibst du nicht unten?“, fragte Klara ihn.
„Ich kann mir das nicht leisten, den ganzen Tag Serien zu schauen“, sagte Peter.

„Ach, und deine Kriegsfilme zählen nicht dazu?“
„Nein, das ist Geschichte, Politik, Weiterbildung, einfach den Blick schärfen für die Welt, wie sie wirklich ist“, sagte Peter nun kurz angebunden.

„Die Hauptsache, du erzählst später nicht diesen Quatsch, wenn Krümel bei uns ist“, sagte Klara.

„Nein, die werde ich für ‚Western‘ begeistern und dann schauen wir unentwegt ‚Winnetou‘, vom ersten bis zum letzten Teil und dann wieder von vorn.“

„Das werden wir ja sehen“, antwortete Klara.

„Wahrscheinlich werden wir die Filme nicht sehen, weil du dagegen bist“, brummte Peter leise, während er sich die Treppe zum Schreibtisch hochschleppte und sich seine Laune mit jeder Stufe, die er erklomm, verschlechterte.

WIESO IST MORGEN EIN NEUES JAHR?

Der letzte Tag im alten Jahr schien so zu enden, wie viele der vorhergehenden Tage – ruhig, still, ohne größere Aufregung.
Im Fernsehen liefen am Silvestertag die üblichen Unterhaltungsshows. Peter klickte gelangweilt zwischen den einzelnen Sendern hin- und her.

„Kannst du mal bei einem Sender bleiben?“, fragte Klara ihn.

„Natürlich“, sagte Peter und schaltete auf ein Programm, indem es um die alten Pharaonen ging.

Klara mochte diese wissenschaftlichen Sendungen, angefüllt mit den zahlreichen Kommentaren der Archäologen und anderen Experten.

„Ich geh mal für einen Moment hoch ins Arbeitszimmer und hole mir was zum Schreiben runter.“

„Untersteh dich“, fauchte Klara wütend.
„Am Silvesterabend!“
Peter gab sich geschlagen.

„Gut, dann schalte ich zurück zur Helene-Fischer-Show.“
„Was du nur an der findest“, sagte Klara nun.
„Es ist ihre Klugheit, die sie ausstrahlt“, antwortete Peter und konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen.

Er drehte die Lautstärke auf und summte wie zur Provokation das Lied mit: „Atemlos durch die Nacht…“

„Ich ruf mal meine Mutter an“, sagte Klara, während sie sich erhob.
Peter nickte und brummte weiter das Lied aus dem Fernsehen mit.

Er klickte weiter und landete beim Nachrichtensender, auf dem ununterbrochen ein Nachrichtenband, mit der Anzahl der Neuinfizierten und den aktuellen Todesfällen.

Peter legte die Fernbedienung beiseite und ging in die Küche, um eine Sektflasche zu öffnen, vielleicht kam ja so mehr die Stimmung von Silvester auf. Peter hörte, wie Klara mit Anna sprach.

„Morgen beginnt ein neues Jahr, Mutti.“
„Ein neues Jahr? Wieso das denn?“

Peter wandte sich der Sektflasche zu.

Manches würde hoffentlich besser werden, aber eben nicht alles, dachte er, während er am Sektkorken herumfummelte und Klara versuchte, Anna zu erklären, warum nach Mitternacht das neue Jahr 2021 anbrechen würde.

ANNA FREUT SICH, WENN AUCH NUR FÜR EINEN KLEINEN MOMENT

Es war am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages.
Heiligabend hatten Klara und Peter allein verbracht. Es war ruhig, aber beide genossen die Stille, die Ruhe, die der Tag mit sich brachte.
Dabei ging es die Jahre zuvor stets turbulent zu.

„Weißt du noch, wie schön es war, wenn deine Oma alle zu sich in die kleine Wohnung eingeladen hat?“

Klara erinnerte sich sehr lebhaft daran, wie sie mit Peter zu ihrer Oma, Heide Richter, in die kleine Stralsunder Wohnung kamen.

Es war beengt, wenn alle im Wohnzimmer Platz genommen hatten und der Tisch mit einer zusätzlichen Decke abgedeckt war. Darunter verbargen sich die Geschenke, mit denen Oma Heide jedem im Raum eine kleine Freude machen wollte.

Laura war noch klein und sauste im Zimmer hin- und her. Klaras Vater, Wilhelm Sturm, hockte mitunter schlecht gelaunt in der Ecke des Raumes.

Er hasste es, am Heiligabend durch die Gegend zu laufen. Er wollte zuhause sitzen, bei einem Glas Wermut und um sich herum seine Frau und seine Kinder.

Peter mochte es, bei Oma Heide zu sitzen, ihren Kuchen zu essen, einen Apfelstrudel, der nur ihr so einzigartig gelang.

„Ja, das war immer schön“, antwortete Klara jetzt.
Doch nun waren sie morgens im Wohnzimmer allein. Die Lichter am Baum leuchteten, die Geschenke am Boden davor waren ungeöffnet.

Krümel kam erst am 2. Weihnachtstag. Und so lag alles noch unberührt da. Im Fernsehen lief eine Reportage über die Lofoten. Die Idylle, die Atmosphäre, die der Schnee in dem Film in das Wohnzimmer trug, die hatte etwas Beruhigendes.

Nach dem Frühstück griff Peter zum Telefon.
„Ich ruf mal deine Mutter an und werde ihr ein frohes Weihnachtsfest wünschen.“

Klara nickte und Peter wählte die Telefonnummer von Anna.
„Sturm“, ertönte Annas Stimme, lustlos und verschlafen.

Wahrscheinlich hatte sich Anna schon wieder auf die Couch gelegt, nachdem die Schwester zum Spritzen dagewesen war.
„Ich wünsche dir ein frohes Weihnachtsfest.“

„Ja, danke, Peter“, sagte Anna. Ihre Stimme klang so, als hätte sie gar nicht verstanden, dass es überhaupt um das Weihnachtsfest ging.
Peter versuchte Anna ein wenig aufzumuntern.

„Wir hatten heute geräucherte Gänsebrust zum Frühstück, nichts Besonderes. Aber erinnerst du dich, wie Wilhelm zu DDR-Zeiten darum gekämpft hat, die Gänsebrust zum Fest heranzubekommen?“

„Ja“, seufzte Anna. Es war eine Weile still am Telefon. Anna schien sich zu erinnern.

„Ach, das war schön Peter. Wenn ihr alle am Tisch gesessen habt und wir haben uns zu dem Essen gefreut, das so gut schmeckte.“

Peter hatte es geschafft, Anna aus ihrem mentalen Loch zu holen und sie für einen Moment zum Lachen zu bringen.

„Es ist so traurig“, sagte Klara, als Peter den Telefonhörer wieder aufgelegt hatte.

„Schon, aber es ist sehr schön, dass deine Mutter einen kleinen Moment der Freude hatte, während wir die Erinnerungen an früher ausgetauscht haben. Wir können traurig sein, wir können uns aber auch freuen – über diesen Moment eben. Das ist auch Leben.“
Klara schwieg eine Weile.

„Du hast recht“, sagte sie dann und wählte die Telefonnummer von Laura und Krümel.

„Hallo Omi, ich ‚pomme‘ zu euch, morgen.“
Klara musste lachen. „Soll Opa dir was vorsingen?“

„Ja, ‚Tannebaum‘“, sagte Krümel.
Klara gab Peter den Hörer und der legte sofort los.

„Oh Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter…“
„‘Blääter‘“, wiederholte Krümel mit leiser Stimme.

Klara schmunzelte.

DER WEIHNACHTSBAUM IST DIESES JAHR KLEINER – PASST IN DIE ZEIT

ANNA IST DEMENT (91)

Peter litt unter der Corona-Zeit wie jeder in diesem Land.
Und wenn er mit etwas nicht so gut umgehen konnte, dann baute er sich eine Brücke, Erklärungs- und Motivationsmodelle, mit ich denen er sich durch den Alltag mogelte.

„Mensch, dieses Jahr feiern wir in kleinem Kreis. Die Besuchszeiten von Krümel und Laura sind stark eingegrenzt, da brauchen wir uns doch jetzt keinen Stress machen, oder?“, fragte er Klara.

Klara schwieg. Sie gab keine Antwort. Nein, die Antwort stand für sie fest, sie war auf jeden Fall für ‚oder‘.

‚Oder‘ hieß: also doch in die Discounter, rein in die Kaufhäuser, am letzten Tag, vor dem Lockdown.

Peter hatte noch am Montag den Weihnachtsbaum besorgt, weil er nicht wusste, ob diese Märkte auch schließen würden.

Als er beim Händler ankam, da sagte der zu ihm: „Ich kenn‘ Sie. Sie waren letztes Jahr schon hier.“

„Ja“, entgegnete Peter freudig.
„Ich brauche einen Weihnachtsbaum, diesmal nicht so groß.“

Der Verkäufer nickte und zog einen kleinen Baum aus dem Gewühl.
„Hier, der ist gut“, sagte er. Peter drehte ihn um und schaute auf die Rückseite. Da war er ein bisschen dünn, was die Zweige anbetraf. Aber vorn, ja da war er in Ordnung.

„Der ist es“, meinte Peter, so als hätte er seinen Baum aus dem vergangenen Jahr wiedererkannt.

„In Ordnung, macht 30 Euro.“
Peter bezahlte, verabschiedete sich, schleppte den Baum zum Auto und wuchtete ihn über die
geöffnete Kofferklappe und die umgeklappten Rücksitze ins Wageninnere.

Er fuhr schnurstracks nach Hause, hievte den Baum wieder aus dem Auto und schleppte ihn auf die Terrasse, stellte ihn ab und ging anschließend ins Haus hinein.

Peter setzte sich wortlos an seinen Schreibtisch.
„Und, wo ist der Baum?“, ertönte es aus dem Nebenzimmer.

„Hier, neben meinem Schreibtisch“, antwortete er.
„Willst du mich veräppeln?“ Klara war aufgesprungen und zu ihm hinübergekommen.

„Na, wo soll er wohl sein? Auf der Terrasse, wo sonst, wie immer.“
„Kann ich ihn vom Fenster aus betrachten?“, fragte Klara.

„Das kann ich dir nicht sagen!“, antwortete Peter schnoddrig.
„Von meinem Fenster auf jeden Fall nicht, denn ich muss weiterarbeiten und kann jetzt nicht aufstehen“, setzte Peter noch nach.

„Du bist so ein Macho!“, sagte Klara jetzt.
‚Macho, hatte sie Macho gesagt?‘, dachte Peter.
War er es nicht, der vom Schreibtisch aufgesprungen war, um zum Händler zu eilen? Hatte er sich nicht mit dem Baum bis nach Hause gequält?

„Das finde ich jetzt aber nicht schön, dass du das sagst.“
Klara antwortete nicht. Sie war die Treppe hinuntergegangen, um den Baum aus nächster Nähe zu begutachten.
Peter ging hinterher.

„Der ist aber klein. Hatten die keinen größeren?“
Peter schnaubte innerlich. Gerade hatte sie ihm in der vergangenen Woche noch morgens um fünf Uhr am Bahnhof gesagt, bevor sie aus dem Auto stieg, um ihren Zug erreichen:

„Du, wenn du einen Weihnachtsbaum kaufst, dann nicht so groß. So, diese Größe reicht“, meinte sie und reckte ihre rechte Hand in Richtung Brusthöhe.

„Ich will heute keinen Baum kaufen, das steht nicht auf meinem Plan“, meinte Peter.

„Ach, ich dachte ja nur“, sagte Klara nun leicht eingeschnappt.
Peter hasste es, wenn Klara ihn morgens mit irgendetwas überfiel, was sie abends nicht besprochen hatten und was deshalb auch nicht in seiner Planung berücksichtigt worden war.

Gerade die unliebsamen Dinge, die brauchten für ihn eine Gewöhnungsphase, in der er sich damit abfand, wieder etwas zu tun, wozu er nun überhaupt keine Lust verspürte.

Ja gut, wenn sein neues iPhone geliefert würde, ja, da könnte er schon mal eine Ausnahme machen. Aber Weihnachtsbaum kaufen? Auf keinen Fall.

Und nun hatte er den Weihnachtsbaum gekauft, auch noch in der Größe und Klara zeigte keine Regung der Dankbarkeit.

„Der ist genauso groß, wie du es mit deiner rechten Hand vor ein paar Tagen angezeigt hattest. Erinnerst du dich?“
Klara antwortete erst gar nicht.

„Und wieviel hat der gekostet?“, fragte sie stattdessen.
„30 Euro.“

„Was, das ist nicht dein Ernst!“

„Der Verkäufer hat auf mich nicht den Eindruck gemacht, dass er mit mir scherzen wollte“, sagte Peter.

Dabei war ihm auch aufgefallen, dass er ein Jahr zuvor einen viel größeren Baum für nur 20 Euro vom gleichen Verkäufer erstanden hatte.

Und er hatte sich noch mit ihm gestritten.
„Ich denke, jede Nordmanntanne kostet nur 10 Euro?“, fragte er den Verkäufer.

„Ja, aber nur bis zu einer bestimmten Größe. Und der hier, der ist definitiv größer.“

Das leuchtete Peter damals ein. Aber in diesem Jahr war der Baum ja wesentlich kleiner und kostete dafür gleich noch 10 Euro mehr.
Peter wollte sich nicht streiten.

Im vergangenen Jahr hatte der Verkäufer ihm auch noch geholfen, den Baum zum Auto zu bringen.

Diesmal machte der überhaupt keine Anstalten.
Und nun stichelte Klara: „Da hast du dich ja mal wieder grandios über den Tisch ziehen lassen.“

Peter war sauer. Er drehte sich auf der Stelle um und ging zurück an seinen Schreibtisch.

Als er eine Weile dort gesessen hatte und merkte, dass er sich nicht konzentrieren konnte, polterte er die Treppenstufen hinunter, ging ins Wohnzimmer und stellte den Fernseher an.

Es lief ‚Monk‘, sein Lieblingsfilm. Monk brauchte Ordnung, Verlässlichkeit, Struktur.

Der Film gefiel ihm. Peter legte die Beine auf die Couch und schlief ein, während Detektiv Monk ermittelte.
Weihnachten konnte kommen.

 

 

DER ALBTRAUM

Was bisher war:
Peter und Klara hatten Laura und Krümel zu sich eingeladen. Es war ein Wochenende mit Lachen, verstreuten Spielzeugen auf dem Fußboden, Plätzchen backen, Geschenken vom Nikolaus am Samstagmorgen. Es war wieder still geworden.

Der Morgen am Montag, an dem klar war, dass es zum harten Lockdown kommen würde, fühlte sich irgendwie nicht ganz so normal an, wie an den anderen Tagen zum Wochenbeginn.

Das Scheppern der Bio-Tonnen, die entleert wurden und das heulende Motorengeräusch des großen Sattelschleppers durchbrachen diese Stille.

Es war unheimlich und faszinierend zugleich. Der Morgen erwachte, die Sonne kam langsam durch, die Straße vor Peters Haus war weiß, wie mit Puderzucker übersät. Überall brannte die Weihnachtsbeleuchtung und es war, als würde man direkt neben dem Märchenwald wohnen.

Peter liebte die Stille morgens, wenn er sich sehr früh an seine Arbeit machte und schnell vorwärtskam.

Aber dieses Mal war alles etwas ungewöhnlich für ihn. Er dachte an die Pressekonferenz am Vortag der Ärzte aus Leipzig, die sagten, dass die Krankenhäuser kurz vor dem Kollaps stünden.

„Jeder kann sterben“, beschwor einer der Mediziner seine Zuhörer.
Peter fühlte keine Angst, aber es kam ein ungutes Gefühl in ihm hoch, eine imaginäre Kraft, die ihn zu paralysieren schien, wenn er nur an die kommenden Wochen und Monate dachte.

Dabei störte es ihn nicht, dass es Silvester keine Böllerkonzerte geben sollte, oder dass er nicht reisen durfte.

Ihm machte etwas anderes Angst. Er sah sich in einem Intensivbett, wie Ärzte und Pflegekräfte um ihn herumstanden und fluchten, dass er so schwer sei und sie Mühe hatten, ihn auf das Bett zu hieven.

Er solle liegenbleiben und nicht laufend mit den Ärzten diskutieren, Widerworte gegen das anmelden, was die Schwestern ihm sagten.
Peter schreckte hoch und war froh, dass es nur ein Tagtraum war.

Ein paar Tage später. Peter stand vom Schreibtischstuhl auf und hatte sich nach unten geschlichen. Im Nebenzimmer saß Klara und arbeitete an ihrem Laptop.

Peter wollte nicht, dass sie ihn fragte: „Gehst du schon wieder nach unten?“

Schließlich hatte er vor kurzem gelesen, dass sich ein ehemaliger amerikanischer Präsident in seinen Schreibpausen ebenfalls ins Wohnzimmer begab, um sich irgendwelche Comedy-Serien anzusehen.

Da konnte er das doch auch tun.
„Das ist richtig, nur, dass bei dir längst nicht so viel herauskommt, wenn du am Schreibtisch sitzt“, würde Klara sagen und Peter wäre beleidigt, obwohl er wusste, dass sie recht hatte.

Peter schob diese Gedanken beiseite und schaltete den Fernseher ein. Er war auf dem Nachrichtenkanal gelandet.

‚Europäische Arzneimittelagentur lässt Impfstoff zu…‘

‚Na endlich‘, brummte Peter, obwohl ihm schon klar war, dass es eigentlich rasend schnell gegangen war, im Vergleich zu normalen Zeiten, wo Medikamente geprüft und zugelassen wurden.
Peters Albtraum am Tag löste sich langsam auf und verschwand aus seinen trüben Gedanken.

Weihnachten konnte kommen.