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„DIE WOHNUNG GEFÄLLT MIR NICHT“

ALLTÄGLICHES

Was bisher war:
Wir standen vor der Tür der Wohnung, in die wir gleich hineingehen wollten. Wir konnten nicht mit Straßenschuhen die Räume betreten, also mussten wir uns etwas über die Schuhe ziehen.
Der Verkäufer kam wieder, mit ein paar Überziehern in der einen Hand und einem Stuhl in der anderen.
„Hier können Sie sich draufsetzen, dann fällt es Ihnen leichter, sich die Überzieher über die Schuhe überzustreifen“, sagte er zu Klara.
„Setz du dich hin, du schaffst es doch kaum, dir die Schnürsenkel im Stehen zuzubinden“, sagte Klara.
Ich kochte innerlich, setzte mich hin, und ich meinte ein feines Lächeln im Gesicht des Verkäufers zu entdecken.

Endlich, ich hatte es geschafft. Ächzend und schnaubend erhob ich mich vom Stuhl, wobei ich nicht wusste, ob es eher die Anstrengung war, oder die Wut, die in mir hochkochte, weil ich dastand, wie ein alter Trottel, der nicht einmal die Schonbezüge für die Wohnung, also die Überzieher über seine Schuhe übergestülpt bekam.

Es war, als würde meine Mutter vor mir stehen, die mir vorher eine Spange in die gekämmten Haare gesteckt hatte, darauf eine rote Baskenmütze setzte, eine Mütze, die ich als zehnjähriger Junge hasste. Und zum Schluss zog meine Mutter oft noch ein Taschentusch aus der Jackentasche, befeuchtete es mit ihrer Spucke und rieb es mir über die Wange, weil dort vielleicht noch ein Marmeladenfleck vom Frühstück übriggeblieben war.

Ich war entschlossen, passiven Widerstand zu leisten, mich ausdrücklich zu der Wohnung zu freuen, und nicht Klara zu folgen, die nur die größere Wohnung, über 100 qm im Dachgeschoß im Kopf hatte.

Der Verkäufer öffnete die Tür und wir blickten in einen langen Flur. Das erinnerte mich an die Wohnung in Stralsund, in die wir vor über dreißig Jahren gezogen waren.

Der Flur war über 12 Meter lang und abends sagte Klara zu mir: „Wenn du noch etwas aus der Küche haben willst, dann sag es gleich. Noch mal werde ich dort nicht hingehen.“

Aber das war lange her und wir hatten dort auch nicht sehr lange gewohnt, denn danach wanderte ich nach Essen und Bochum aus, um Arbeit zu finden und wir landeten schließlich in unserem Dorf in Brandenburg, aus dem wir nun nach über 25 Jahren rauswollten.

„Oh, der Flur sieht ja toll aus“, sagte ich voller Entzücken. Es war gespielt und Klara merkte mir meine Übertreibung an und stimmte nicht mit in den Lobesgesang ein. Sie schwieg eisern.
Wir kamen am Bad vorbei.

„Was für eine großzügig eingerichtete Dusche. Das sieht ja alles edel aus“, sagte ich, während Klara hinter mir weiter nichts sagte.
„Ja, da haben sich die Architekten wirklich etwas einfallen lassen“, stimmte mir der Verkäufer zu, während wir ins Wohnzimmer gelangten.

„Na, das nenn‘ ich doch mal großzügig“, sagte ich.
„Und hier, liebe Klara, trennt sogar eine Wand die Küche vom Wohnzimmer ab“, sagte ich weiter und drehte mich zu ihr um.
Klara schaute mich mit dem Blick an, der da meinte: ‚Du musst hier gar nicht rumschleimen. Mich kriegst du sowieso nicht rum.‘

„Da passt nichts rein“, antwortete Klara trocken.
Ich ließ mich nicht beirren.

„Hier die Loggia“, zeigte der Verkäufer auf den Balkon.
„Der ist viel zu klein für uns“, antwortete Klara vor mir.
„Ja, unsere beliebten Stehbanketts im Freien werden wir hier nicht durchführen können“, sagte ich und bekam einen tadelnden Blick von Klara, der hieß, ‚hör auf, diesen Schwachsinn zu erzählen‘.

Ich ließ mich aber nicht abbringen von meiner gewählten Art, begeistert zu sprechen.
„Schau mal, du kannst ja sogar von zwei Seiten auf den Balkon“, wandte ich mich wieder an Klara.

„Du kannst da von drei Seiten raufgehen. Trotzdem ist er zu klein“, antwortete Klara knapp und mit leicht genervtem Unterton.

Der Verkäufer war mittlerweile aus der Situation, die Besichtigung in der Hand zu haben. Er kam nicht gegen mich an und schon gar nicht gegen Klara.

Wir besichtigten noch das Schlafzimmer und mein mögliches Arbeitszimmer, in das ich wohl nicht einziehen würde, wenn es einzig nach Klara ging, aber ich war entschlossen, meinen passiven Widerstand fortzusetzen und meine Frau so doch noch auf meine Seite zu ziehen.

„Können wir noch die große Wohnung im Dachgeschoß sehen?“, fragte Klara den Verkäufer.
Der zögerte, gab aber schließlich nach.

„Wir können es versuchen, aber die Wohnung ist längst noch nicht so weit, wie die hier.“
„Das macht nichts, wir wollen nur mal einen Überblick haben“, sagte Klara.

Wir zogen die Überzieher aus, stiefelten mit dem Stuhl in das Dachgeschoß, und ich setzte mich sofort auf den Stuhl, ohne abzuwarten, dass Klara sagte, dass ich mich hinsetzen solle, weil ich ja ohnehin nichts im Stehen zustande brachte, schon gar nicht die Plastiktüten über die Schuhe zu streifen.

Wütend riss ich an dem Schonbezug für meinen rechten Schuh und schon war es geschehen, er war in der Mitte aufgerissen. Der Verkäufer schaute mich an, Klara seufzte tief und atmete wieder schwer aus.

Ich kam mir vor, als hätte ich gerade meine Hosen verloren. Dabei waren es nur ein paar Schuhüberzieher, noch dazu aus umweltschädlichem Material gefertigt, die ich beschädigt hatte.

MEIN FREUND, DER ALLTAG

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JAKUB ZLOBINSKI

THURE-22.04.29

Kapitel 1; Folge 4
Was bisher war:
Thure sah vom Küchenfenster aus, wie die Wiesen noch von einem Nebelschleier bedeckt wurden und das Gras noch feucht vom Morgentau war.
In der Ferne beobachtete er einen roten Streifen am Himmel.
Es würde wohl schön werden, an diesem Tag, und so beschloss Thure, nach dem Frühstück einen Spaziergang durch das Dorf zu machen, vielleicht Jakub Zlobinski, dem Besitzer des Gasthofes vorbeizuschauen.

Jakub Zlobinski hievte seine Beine ächzend aus dem Bett, fuhr mit der Hand schlaftrunken über sein kurzes Haar und ließ sie wieder müde sinken.

Er stand schließlich auf, schlurfte ins Bad und schaute im Spiegel in das zerknirschte Gesicht eines Mannes, der noch nicht so richtig wusste, warum er überhaupt aufgestanden war.

Aber er musste sich fertigmachen und in die Gaststube hinuntergehen, um alles für die Öffnung vorzubereiten.

Jakub war der Pächter des Gasthofes ‚Zur dicken Kuh‘. Er wohnte mit seiner Familie direkt über dem Gastraum.

Früher, als er noch zugelassen hatte, dass die Gäste rauchten, da vermischte sich der Tabakqualm mit dem Geruch von Wein, Bier und Schnaps und kroch in alle Ritzen des Hauses.

„Der Gestank ist noch überall und geht gar nicht mehr weg“, schimpfte seine Frau Iga, mit der er gemeinsam den Gasthof bewirtschaftete.

Iga machte den Ausschank, bediente die Gäste und Jakub kochte. Das hatte er gelernt und seine Gäste mochten sein Essen.

Thure liebte besonders das polnische Frühstück, das ihm Jakub zubereitete, wenn er morgens in die Gaststube kam.
Maria sah das gar nicht gern, weil Thure dann länger blieb, als er sollte.

Er sollte eigentlich dort gar nicht hineingehen, sondern seine Runde drehen und danach sofort zurückkommen.

Aber wenn ihm der Geruch von gegrillten Würstchen, gekochten Eiern, Tomaten und Gurken und Roggenbrot in die Nase stieg, dann konnte er meist nicht widerstehen.

Anfangs wollte Jakub ihm dazu traditionell einen Tee mit Zucker servieren, aber da hatte Thure stets abgewinkt.

„Lass mal, ich habe ja schon einmal etwas gegessen und Kaffee dazu getrunken. Jetzt nehm‘ ich ein Bier.“

Thure musste nur danach einen ‚Pfeffi‘ einschmeißen, damit seine Frau nichts davon merkte.

Jakub hatte sich angekleidet und im Stehen einen Schluck Kaffee genommen.

Er ging mit der Tasse aus der Küche heraus und betrachtete sich im großen Wandspiegel im Flur.

Er war nicht groß, nur 1,74 cm, zu seinem Kummer. Er drehte sich zur Seite und sofort fiel ihm der leichte Bauchansatz auf, den seine Frau Iga oft kritisierte.

„Trink nicht so viel Bier mit den Gästen“, schimpfte sie, wenn Jakub aus der Küche kam, um ein wenig zu verschnaufen und den neuesten Dorfklatsch zu erfahren.

Jakub lachte gern und sein pausbäckiges Gesicht zeigte dann seine vielen Lachfältchen, die in dem Moment noch größer erschienen, als sie es ohnehin schon waren. Im Gasthof war er stets mit Schürze zu sehen, darunter trug er Jeans und bequeme Shirts.

Thure sprach gern mit Jakub, denn sie ähnelten sich in ihrem Charakter und in ihrem Verhalten. Sie waren beide laut, gutmütig und meistens auch noch gut gelaunt.

Überhaupt hatte Jakub mit seiner Art schnell die Sympathie der meisten Dorfbewohner gewonnen.

Er sprach gut Deutsch und seinen unverkennbaren Akzent hörte man selbst im größten Stimmengewirr heraus.

Seine Frau, Iga Zlobinska, eine geborene Wojcieck, hatte er vor zehn Jahren in einer Diskothek kennengelernt. Damals träumten sie davon, einmal einen Gasthof auf dem Land zu erwerben und so ein unabhängiges Leben zu führen.

Aber es kam anders. Igar bekam zwei Kinder, ein Mädchen – Pola, sieben Jahre alt, und Maksymilian, 5 Jahre alt.

Von deutschen Freunden erfuhren sie, dass in Schebsand ein Gasthof leer stand, dessen Eigentümer einen neuen Pächter suchte.
Sie überlegten nicht lange und bewarben sich darum, das Haus mit der Gasstube zu mieten.

Es war nicht ohne Risiko, denn die vorhergehenden Pächter waren pleite gegangen.
Davor hatten Iga und Jakub am meisten Angst.

Es dauerte lange, bis sie alle Genehmigungen in der Tasche hatten und von der Weltmetropole Warschau aus in das kleine Dorf Schebsand in Brandenburg gingen.

Jakub schlurfte die Treppe nach unten, schaltete in der Gaststube das Licht an und stieß mit dem Fu gegen die Schwingtür, die in die Küche führte.

Er tippte mit seiner Hand auf den Lichtschalter und Sekunden später gleißte das helle Licht von der Küchendecke direkt auf ihn herunter, so dass er erst einmal die Augen zusammenkniff.
Jakub war nun endgültig munter geworden.

DIE BIBEL ÜBER UNÜBERLEGTES REDEN

BIBEL

BIBEL- KOMPAKTE WEISHEIT FÜR DEN ALLTAG

BIBEL-2022.03.21

„Der Mund des Toren bringt ihm sein Verderben, und seine Lippen bringen ihn zu Fall.“

Spr 18, 7

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10. KW – DAS WAREN DIE BEITRÄGE

MEIN FREUND, DER ALLTAG

ALLTÄGLICHES-22.03.12

BIBEL IM ALLTAG

DIE BIBEL ÜBER DIE ANGST IN UNSICHEREN ZEITEN

NIETZSCHE ÜBER DEN MÄRTYRER WIDER WILLEN

VOM ENTSCHLUSS, VOR ALLEM GESCHICHTEN ZU ERZÄHLEN

WENN MEIN FREUND, DER ALLTAG ANTWORTEN KÖNNTE

ANNA IST DEMENT

‚ICH LIEBE DOCH SO MEINE HEIMAT UND DIE LIEDER DARÜBER‘

ANNA IST DEMENT

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SCHREIB-ALLTAG

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ANNA – RÜCKBLICK AUF DIE LETZTEN BEITRÄGE

ANNA

ANNA-2022.02.11

„AN DER OSTSEE-KÜSTE…“

ANNA IST DEMENT

DIE IST DOCH ‚MALL‘

ANNA IST DEMENT

SCHWESTER BEATE AUS DER TAGESPFLEGE

ANNA IST DEMENT

‚ICH BRAUCH‘ BEDENKZEIT‘

ANNA IST DEMENT

FRÜHSTÜCK GIBT’S HIER NICHT

ANNA IST DEMENT

‚ICH HELFE, WO ICH NUR KANN‘

ANNA IST DEMENT

‚SEID IHR AUCH SCHMERZFREI?‘

ANNA

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MANCHES ÄNDERT SICH EBEN DOCH NICHT

ANNA

ANNA-2022.01.18

Dieser Beitrag stammt aus dem vergangenen Jahr, aus Januar 2021.
Hätte ich ihn auch zu Beginn dieses Jahres, also 2022, schreiben können?
Schon komisch, man sagt, die Welt verändert sich. Aber Manches bleibt wohl doch gleich, oder es wiederholt sich nur unter anderen Bedingungen.

 

ANNA IST DEMENT

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ANNA IST DEMENT – RÜCKBLICKE

ANNA

ANNA-2022.01.13

ANNA HATTE KEINE FREUDE MEHR AM SCHENKEN

(ANNA-2021.07.21)

„Wie ist das Wetter bei euch da oben?“, fragte Peter Anna.
Es war das übliche Telefongespräch am Vormittag, es war diesig und es schien keine Sonne, Wind war aber auch nicht.

Das war gestern so, vorgestern ebenfalls.
Anna hätte also sagen können: „Das Wetter ändert sich seit Tagen nicht, es ist gleichgeblieben.“

Doch diese gedanklichen Fäden konnte Anna nicht mehr ziehen.
„Der Himmel ist grau, die Sonne scheint nicht, aber es ist auch kein Wind“, sagte Anna stattdessen.

„Prima“, antwortete Peter. Er war irgendwie froh, dass er über dieses stets wiederkehrende Thema den Gesprächsfaden mit Anna knüpfen konnte.

Klara hat einen Stollen für Anna gebacken

„Heute Nachmittag fahren wir zur Post. Klara hat einen Stollen eingepackt und den schicken wir dir“, redete Peter weiter.

„Ach, wie kann ich dir nur danken?“, fragte Anna.
„Naja, ich habe damit nichts zu tun. Nur, dass ich den vorhergehenden mit aufgegessen habe, nachdem Klara ihn gebacken hatte.“

Anna verstand diese Art von Humor nicht mehr.
„Ja, das ist so schön, ich freue mich. Wie kann ich euch nur eine Freude machen?“
„Ach, mir würde eine ganze Menge einfallen“, antwortete Peter und bereute zugleich, dass er es überhaupt gesagt hatte.

Anna kommt nicht mehr darauf, anderen eine Freude zu bereiten, wo sie das früher doch so gern getan hat

„Ja, was denn?“, fragte Anna nach einer Weile.
Flasche Sekt, warme Socken, Kasten Mon Cherie, Puppe für Krümel, das könnte er antworten. Es schoss ihm geradezu ein, während Anna die Frage noch gar nicht zu Ende formuliert hatte.

Sagte er davon was? Natürlich nicht. War es schlimm, dass Anna nicht mehr auf das kam, was sie früher in solchen Momenten tat? Überhaupt nicht.

„Schade nur, dass Anna sich um die Glücksgefühle brachte, die sie früher überkamen, wenn sie anderen eine Freude machte“, dachte Peter in diesem Moment.

Doch dafür konnte sie nicht. Die Demenz ließ das nicht mehr zu, nahm ihr Stück für Stück diese Empathie.

Das war das eigentlich Schlimme – vor allem für Anna. Umso mehr mussten sich Klara, Laura und Peter bemühen.
Und das taten sie ja auch.

Der Kreis der Möglichkeiten, Anna eine Freude zu bereiten, wurde kleiner; der Stollen passte da noch rein

„Wenn dir der Stollen schmeckt, dann ruf doch KIara an. Sag ihr, dass er gut gelungen ist.“

„Das mach ich ja sowieso“, sagte Anna, so als hätte Peter auf etwas hingewiesen, was doch selbstverständlich war. Nun wurde er noch von Anna der Begriffsstutzigkeit überführt.

Trotzdem: Für den Moment hatte er Anna ein paar unbeschwerte Momente bereitet, so schien es jedenfalls.

Und wenn das Paket mit dem Stollen ankam, dann würde sich das wohl wiederholen. Immerhin. Der Kreis der Möglichkeiten, eine Freude zu bereiten, wurde kleiner.

Sie intensiver zu nutzen, das war wohl jetzt die Aufgabe.
Peter griff wieder zum Hörer, um Klara zu informieren: alles im grünen Bereich.

ANNA IST DEMENT

SCHWESTER BEATE

ANNA-2021.12.18

Anna saß in der Tagespflege ‚Du lebst im Moment‘.
Sie lauschte den Klängen des Akkordeons.
Irma sang besonders laut mit.

Laut und falsch. Sie saß direkt hinter Anna, die sich empörte, dass Irma alle übertönte.

„Ist die ‚mall’?“, raunte sie Herbert zu, der neben ihr auf dem Stuhl Platz genommen hatte.

„Ein bisschen“, sagte der leise und griente sie an.
„So wie wir alle eben. Sie ist nur schon ein wenig weiter“, schob er noch hinterher.

Anna schaute ihn empört an. „Wieso sind wir ‚mall‘? Also ich nicht, ich will damit nichts zu tun haben.“

Knut, der ‚Hamburger‘, spielte gerade die Melodien von Freddy Quinn und alle im Saal schunkelten und sangen mit.

‚Seemann, deine Heimat ist das Meer‘, sang Knut mit tiefer Stimme und Anna seufzte mehr dazu, als dass sie mitsang.

Anna wollte nicht, dass Herbert seinen Arm um ihre Schultern legte und drohte mit einem Kinnhaken von Wilhelm

„Ach, ist das schön!“, sagte sie und knüllte ihr Taschentuch zusammen, das sie in den Händen hielt. Herbert neben ihr rückte näher an sie heran und umfasste mit seinem linken Arm ihre Schulter.

Anna sah ihn fragend und verständnislos an.
„Wenn du nicht gleich loslässt, dann sage ich Wilhelm Bescheid, der kommt gleich wieder.“

Herbert zog erschrocken seinen Arm zurück und murmelte eine Entschuldigung.

„Bitte versteh‘ mich nicht falsch, ich wollte dich nur ein wenig trösten, du sahst so traurig aus.“
„Traurig, ich?“ Anna zog die Stimme hoch, sodass es pikiert klang.

„Du, wenn das Wilhelm sieht, dann bekommst du einen Kinnhaken, das hat er schon einmal gemacht mit seinem besten Freund, der sich an mich heranmachen wollte.“

„Kinnhaken?“, Herberts Gesichtszüge nahmen einen rätselhaften Ausdruck an.

„Wann soll das denn gewesen sein“, fragte er.
„Na beim Handball.“

„Aber das muss doch über sechzig Jahre her sein.“
Herbert ließ nicht locker.

„Ja, wir können ihn fragen, wenn er wieder hereinkommt.“
Herbert räusperte sich, kam mit dem Oberkörper ein Stück auf Anna zu und flüsterte fast, während Anna sich ein Stück in die andere Seite mit ihrem Oberkörper neigte.

„Anna“, sagte er, während sein Gesicht gefährlich nah an Anna herankam, „der Wilhelm, der ist doch längst tot.“

Beate war mit Herz und Verstand bei ihren Patienten

Anna sah ihn an und wurde schnippisch: „Na, das werden wir ja nun sehen. Warte es nur ab, er kommt gleich wieder. Wo er nur bleibt!“
Anna ließ sich nicht beirren und schaute wieder auf Knut, der inzwischen ‚Auf der Reeperbahn, nachts um halb eins, ob du ein Mädel hast oder auch keins…‘ intonierte.

Anna laut mit und übertönte mit ihrer Stimme sogar Irma.
Schwester Beate saß in der hinteren Reihe des Saals, während Knut vorn Akkordeon spielte und die Bewohner dazu hingebungsvoll mitsangen und mitschunkelten. Sie konnte hinten nicht viel sehen, aber sie spürte, wie glücklich Anna und all die anderen waren.

Sie musste an ihren Dozenten denken, der ihr gesagt hatte, was das Wichtigste am Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen sei:

„Wir wollen den Menschen dabei helfen, mit ihrer Demenz umzugehen. Sie sollten alles aus sich herausholen können, was in ihnen drin ist, was sie nutzen können, um den Moment zu genießen.“

Beate ist eine ausgebildete ‚Vollblutschwester‘

Schwester Beate ist 1,65 cm groß, ein wenig übergewichtig, aber immer noch gutaussehend.

Sie hatte ihre brünetten Haare nach hinten gekämmt und dort zusammengebunden, so dass es ihr eine gewisse Strenge im Aussehen verlieh.
Beate hatte ihren Beruf von der Pike auf gelernt. Beate absolvierte die Schwesternschule, die direkt am Sund gelegen war und machte ihr Praktikum im Sund-Krankenhaus.

Sie war geschieden und hatte einen Sohn und eine Tochter, die beide verheiratet und nach Hamburg gezogen waren.
Beate war manchmal einsam, aber ihr Beruf nahm sie voll in Anspruch.

Sie war Jahrzehnte als OP-Schwester tätig gewesen und wollte vor einigen Jahren noch einmal etwas Neues beginnen, eine Tätigkeit ausüben, die sie mit mehr Menschen zusammenbrachte.
Schwester Beate qualifizierte sich zur staatlich anerkannten Altenpflegerin weiter.

Später hängte sie noch eine Weiterbildung für die Betreuung von demenzkranken Menschen ran.

Nun war sie schon für ein paar Jahre in der Senioreneinrichtung ‚Sörensen‘, im Bereich des ‚Betreuten Wohnens‘.
Immer mehr wurde sie auch in der Tagespflege eingesetzt.

ANNA IST DEMENT

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01. KALENDERWOCHE – DAS WAREN DIE BEITRÄGE

MEIN FREUND, DER ALLTAG

ALLTÄGLICHES-2022.01.08

SONNTAG, 02.01.2022


WARUM ÜBER MENSCHEN IN DER PFLEGE SCHREIBEN

https://uwemuellererzaehlt.de/2022/01/02/menschen-im-alltag-2022-01-02/

MENSCHEN IM ALLTAG-2017-2021

https://uwemuellererzaehlt.de/2022/01/02/menschen-im-alltag-2017-2021/

MONTAG, 03.01.2022

MIT WACHEN AUGEN DURCH SEINEN ALLTAG GEHEN

DIENSTAG, 04.01.2022

DAS WAREN DIE BEITRÄGE IM DEZEMBER 2021

MITTWOCH, 05.01.2022

MENSCHEN IM ALLTAG-2017-2021

DONNERSTAG, 06.01.2022

DER WANDKALENDER MIT FOTOS VON KRÜMEL

FREITAG, 07.01.2022

ANNA IST DEMENT

‚ICH BRAUCH‘ BEDENKZEIT‘

SAMSTAG, 08.01.2022

LAURA BILDET SICH MAL WIEDER WEITER 

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MEIN FREUND, DER ALLTAG

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‚ICH BRAUCH‘ BEDENKZEIT‘

ANNA

ANNA-2022.01.07

Was bisher war:
Knut, der ‚Hamburger‘ spielte die Lieder von Freddy Quinn und alle im Saal schunkelten mit.
Herbert, ein Mitbewohner, saß neben Anna und versuchte, sich ihr anzunähern.
Anna wies ihn brüsk zurück. „Wenn das Wilhelm sieht, dann bekommst du einen Kinnhaken…“
Nur das Wilhelm, der Mann von Anna, schon über 20 Jahre tot war.
Schwester Beate saß in der hinteren Reihe des Saals, während Knut auf dem Akkordeon spielte und die Gäste mitsummten.
Beate konnte nicht viel sehen, aber sie spürte, wie glücklich die Gäste in der Tagespflege waren, wenn sie für ein paar Stunden, dem ‚Betreuten Wohnen‘ entrinnen konnten.

Die Veranstaltung mit Knut, dem ‚Hamburger‘ war zu Ende und die Gäste klatschten begeistert Beifall.

Beate saß immer noch auf ihrem Stuhl und war gerührt, weil die Bewohner aus dem Haus ‚Sörensen‘ so eine schöne Abwechslung genießen konnten. Sie war froh, dass sie den Seemann Knut angesprochen hatte.

Herbert ging hinter Anna, als sie den Saal der Tagespflege verließen. Herbert war noch betroffen von dem Vorgang im Saal. War er tatsächlich zu weit gegangen, als er versucht hatte, den Arm um Anna zu legen?

Dabei wollte er doch nur ein wenig Gemütlichkeit aufkommen lassen, mit Anna schunkeln und Freude haben. Oder redete er sich das nur ein, und er verfolgte in Wirklichkeit mehr?

Er wusste es selbst nicht so richtig.
„Herbert, wo bleibst du denn?“, ertönte es vor ihm. Anna hatte sich zu ihm im Gehen umgedreht und rief den Namen Herbert so, als sei in Wahrheit ihr Wilhelm gemeint. Sie hatte den Vorgang von vorhin bereits wieder vergessen.

Herbert blieb vorsichtshalber doch hinter ihr. Wer wusste das schon, wie es gemeint war. Vielleicht kam Wilhelm doch noch um die Ecke und verpasste ihm einen Kinnhaken. Es passierten ja so viele merkwürdige Dinge.

„Hallo, ihr Lieben!“, rief Schwester Ulrike, die an der Tür stand, „war es schön?“

„Ach ja, so schön“, antwortete einige, während sie auf sie zugingen.
Schwester Ulrike blieb noch an der Tür stehen und wartete, bis Schwester Beate auftauchte.

„Beate, kannst du mal in mein Zimmer kommen?“, sprach Ulrike sie an.

„Ist irgendetwas passiert?“, fragte Beate sie verblüfft.
„Nein, nein, ich will mit dir nur in Ruhe etwas besprechen.“
„Ist gut, ich komme gleich, ich will nur sehen, dass alle wieder gut auf ihre Zimmer kommen“, sagte Beate noch.

Schwester Ulrike nickte und verschwand auf der Etage in ihrem Büro.
Sie hatte ihren Schreibtisch so gestellt, dass sie direkt auf den Sund schauen konnte, wenn sie daran saß und etwas erarbeiten musste.

Sie blickte hinaus und sah in der Ferne ein kleines weißes Schiff, das offensichtlich langsam vor sich hin tuckerte. Wahrscheinlich war es die Fähre, die die Leute nach Hiddensee brachte.

Sie sah viele weitere Boote, die aber eher wie kleine schwarze Punkte von ihrem Zimmer aus zu erspähen waren. Kleine Anglerboote, die auf dem Wasser schaukelten und auf Hering aus waren.

Es klopfte und Ulrike schreckte hoch.
„Ja bitte“, sagte sie etwas förmlich, obwohl sie wusste, dass es nur Beate sein konnte.

Sie kannten sich schon aus früheren Zeiten, eigentlich schon aus der Zeit, als beide noch im Sund-Krankenhaus als Krankenschwestern arbeiteten.

Sie mochten sich und sie respektierten sich gegenseitig, aber eine wirkliche Freundschaft war zwischen ihnen nicht entstanden.
Es war vielleicht besser so, denn nun war Ulrike die Vorgesetzte von Beate.

Ulrike war mehr die Macherin, die Managerin, die Abläufe planen und organisieren konnte, die es verstand, Menschen für sich einzunehmen.

Und Beate war immer eher auf der fachlichen Seite gewesen. Sie fühlte sich vor allem gern in Menschen ein, versuchte ihnen auch in ungewohnter Umgebung ein Gefühl von einem ‚Zuhause‘ zu geben.

Beate war froh, dass sie aus dem medizinischen Bereich des Krankenhauses in die Pflege gewechselt war, den Patienten noch näher sein konnte, nicht nur pflegerisch, sondern auch menschlich.

Ulrike schrak aus ihren Gedanken hoch, als es an ihrer Tür klopfte.
„Ja, bitte.“
„Da bin ich“, sagte Beate und trat vorsichtig ins Zimmer ein. Obwohl sich beide gut kannten, fühlte sich Beate nie ganz wohl, wenn sie zu ihrer Pflegedienstleitung gerufen wurde.

Es war in ihr drin, dieser Respekt, den sie nun mal vor jemandem hatte, der eine Leitungsfunktion ausübte.

„Bitte setz‘ dich doch, Beate“, sagte Ulrike freundlich.
„Kaffee?“
„Ja gern.“

Ulrike holte die bereitgestellten Tassen vor und goss aus der Thermoskanne den Kaffee ein.

„Danke“, sagte Beate, nachdem sie die Kaffeetasse entgegengenommen hatte.

Sie setzte an, um einen Schluck zu trinken und stellte fest, dass der Kaffee noch vom Morgen übriggeblieben sein musste.

Er hatte einen schalen Geschmack und war nicht mehr heiß.
Sie schluckte ihn runter, wie etwas, dem man nicht ausweichen konnte.

„Den Bewohnern schien es gut gefallen zu haben, mit dem ‚Hamburger‘ Knut?“

„Oh ja, ich habe ja hinten gesessen und konnte dadurch nicht alles erkennen, aber die Gäste haben mitgesungen, mitgeschunkelt und einige haben sich sogar untergehakt.“

„Wunderbar.“

„Das müssten wir des Öfteren veranstalten, und nicht nur das, sondern das Konzept für die Tagespflege erweitern.“

„Hm“, sagte Beate kurz und schaute Ulrike unentwegt an.
‚Worauf willst du hinaus?‘, schien sie zu denken.

„Sie hat mich doch nicht hierhergebeten, um mir das allzu Offensichtliche zu erklären, schoss es Beate durch den Kopf.

„Ich brauche dich als Leiterin der Tagespflege“, riss Ulrike sie aus ihren Gedanken.

„Mich?“
„Nein!“
„Doch!“, blieb Ulrike dabei.

Plötzlich war es still im Raum.
Ulrike ließ nicht den Blick von Beate und die wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte.

„Aber es gibt doch so viele gute und talentierte Kräfte, die außerdem noch viel jünger sind, als ich es bin“, wich Beate aus.

„Das mag schon sein, aber ich brauche dich als ein Fels in der Brandung, jemand, der entschlossen anpackt und auch die Richtung vorgeben kann.“

„Und das soll ausgerechnet ich sein?“, versuchte Beate, sich aus der Schlinge herauszuziehen.

„Beate, du bist kreativ, du hast für uns den Abend mit den Seemannsliedern organisiert. Die Leute spüren, dass du es ehrlich meinst mit ihnen. Sie fühlen sich bei dir geborgen.“

Das hatte Beate nun davon, dass sie sich wie ein Familienoberhaupt um ihre Gäste in der Tagespflege kümmerte und dabei noch vielen ihrer Kolleginnen im Stress zur Seite stand.

„Wir werden mehr tun müssen, was die fachgerechte Planung und Dokumentation anbetreffen.

Du siehst ja selbst, wie viel Zeit dafür draufgeht.
Und wir müssen umfangreiche Vorlagen und Materialien erarbeiten, die es uns erlauben, die Gäste noch individueller zu betreuen.“

Beate schwieg. Was sollte sie tun?
„Ich brauche Bedenkzeit“, sagte sie schließlich.

 

ANNA

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‚LEINEN LOS‘ – ANNAS NEUES ZUHAUSE IM BETREUTEN WOHNEN

ANNA-2021.10.15

Rückblick: 
Peter und Klara haben Anna in der Kurzzeitpflege für einige Tage untergebracht.
Sie waren erleichtert, dass alles reibungslos und ohne größeren Widerstand von Anna geklappt hatte.

Peter und Klara waren wieder in Annas Wohnung angekommen. Es war komisch, dass Anna nicht mehr da war.

Aber Lukas ließ ihnen keine Zeit, groß darüber nachzudenken.
Die Schränke warteten darauf, auseinander gebaut zu werden. Ein Teil der Anbauwand sollte wieder in Annas Zimmer im ‚Betreuten Wohnen‘ aufgestellt werden.

„Ich werde verrückt“, sagte Klara, nachdem sie alle Kleidungsstücke auf das Bett geworfen hatte.

Blusen, Röcke, Kleider, Hosenanzüge, Kostüme stapelten sich auf dem Bett.

„Ich könnte heulen, wie soll ich hier zwischendurch finden?“, beklagte sie sich.

„Wir machen es so, wie auf dem Londoner Flughafen, als es zu einem Chaos wegen des Gepäcks kam. Da wurde alles nach Italien geflogen, dort sortiert und anschließend geordnet zurücktransportiert“, schlug Peter vor.

„Auf so eine blöde Idee kannst auch nur du kommen“, antwortete Klara.
Peter reagierte nicht, sondern schnappte sich einen Packen von den Kleidern und schleppte sie einfach ins Wohnzimmer. Nach und nach wurde der Haufen auf Annas Bett im Schlafzimmer kleiner und gleichzeitig wuchs er im Wohnzimmer an.

Peter trug nun die Sachen, einzeln und schon vorsortiert nach Hosenanzügen oder Kleidern zu Klara ins Schlafzimmer zurück.
Sie hatte eingesehen, dass Peters Idee doch nicht so schlecht war.
Montagfrüh.

Die Umzugsfirma kam und transportierte die ersten Möbel aus der Wohnung, um sie anschließend wieder im ‚Betreuten Wohnen‘ auszuladen.

Lukas und Peter schwitzten den ganzen Tag, bis sie alles an ihrem Platz hatten- ein Teil der Anbauwand stand links von der Tür. An der hinteren Wand hatten sie den Schlafzimmerschrank aufgebaut, wieder nur einen Teil, den aber mit Türen aus Spiegelglas versehen.

Es sah gut aus, und als Klara noch die Bilder an die Wand hängte und die Anbauwand mit Annas Sachen dekorierte, da kam Gemütlichkeit im Zimmer auf.

Ein paar Tage später war es so weit. Klara und Peter holten Anna aus der Kurzzeitpflege ab.
„Ach, ich freue mich so, dass ich wieder nach Hause komme“, sagte Anna.

Klara und Peter schwiegen.
Was würde wohl Anna sagen, wenn sie nicht vor ihrem Haus hielten, sondern in der Einrichtung am Strelasund?

„Du fährst in die falsche Richtung“, riss Klara Peter aus seinen Gedanken.

„Wieso? Hier geht’s doch zu Annas Wohnung“, sagte Peter.
Und im selben Moment fiel ihm ein, dass es genau in die entgegengesetzte Fahrtrichtung gehen musste.

Er wendete das Auto und sagte zu Klara: „Sorry, meine Schuld.“
„Was ist deine Schuld?“, fragte Anna.
„Ach nichts, ich habe nur nicht daran gedacht, dass wir einen Umweg fahren müssen.“

Peter lag dabei nicht einmal falsch, denn Annas neues Zuhause befand sich ja tatsächlich ein Stückchen weiter vom Stadtinneren entfernt.

Sie näherten sich dem Tor, das nur mit einem Code geöffnet werden konnte. Es stand offen, weil gerade ein Auto der Tagespflege durchgefahren war.

Klara und Peter schwiegen, sie waren angespannt.
„Wie geht es der Kleinen?“, fragte Anna nun.

„Ach, die ist so niedlich“, sagte Peter erleichtert und erzählte ihr, wie gern er mit Krümel auf dem Fußboden im Wohnzimmer saß und mit ihr gemeinsam mit den Autos spielte.

Anna war angetan, lachte und hörte gespannt zu, was Peter ihr erzählte.

So sehr es Klara nervte, wenn er ihr morgens die neuesten Wertungen der Politik versuchte nahezubringen. In dem Moment war sie ihm dankbar, dass er Anna mit seinen Worten fesseln konnte.

Sie hatten das Haus ‚Sörensen‘ endgültig erreicht.
Sie stiegen in den Fahrstuhl, fuhren in den 5. Stock und wurden von der Schwester freundlich begrüsst.

Anna war still und ließ alles über sich ergehen.
„Wir wollen uns erst einmal das Zimmer ansehen“, sagte Klara.
„Welches Zimmer?“, fragte Anna sofort nach.
„Mutti, du musst mal ein paar Tage hier zur Beobachtung bleiben“, sagte Klara zu ihr.

„Wer sagt das?“
„Dr. Silberfisch.“
„Der spinnt ja wohl!“, entgegnete Anna entrüstet.
„Sollen wir ihm das so übermitteln?“, fragte Peter und Klara stieß ihm von hinten ihre Hand in seinen Rücken.
„Na, das muss man ja wohl nicht machen“, sagte Anna.

„Und wer hat hier eigentlich meine Möbel reingebracht?“, fragte Anna.
„Das waren wir. Und wir haben auch deine Fotoalben mitgebracht“, sagte Peter weiter.
„Wollen wir uns die mal anschauen?“
„Die kenn‘ ich ja“, antwortete Anna trotzig.

„Guck mal hier. Was steht denn da?“
Anna schaute auf die Fotos in der ersten Seite und auf das, was sie danebengeschrieben hatte.

Das machte Anna vor Jahren mit großer Leidenschaft, die Bilder einkleben und notieren, wo sie gerade waren, ob der Kapitän des Schiffes einen Empfang gegeben hatte oder wie weit Petersburg von Rostock entfernt war.

„Leinen los“, rief Anna plötzlich mit einer fröhlichen Energie, dass Peter das Album vor Schreck fast von seinem Knie rutschte.
Anna und Peter waren beide in das Album vertieft.

Sie steuerten in ihrer Phantasie die offene See an, eine neue Welt, die Anna nun kennenlernen würde, während Klara Annas Taschen mit den Sachen auspackte und in den Schränken verstaute.

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ANNA GEHT IN DIE KURZZEITPFLEGE

ANNA-2021.10.08

Klara und Peter wachten im Gasthof ‚Soljanka‘ auf.
Sie checkten im Gasthof aus, und wollten abends in Annas Wohnung übernachten.
Vorher aber mussten sie Anna in die Kurzzeitpflege bringen. Der Arzt Dr. Silberfisch hatte ihnen dazu geraten.
Nur wusste keiner, wie sie es schaffen sollten, Anna dazu zu bewegen, aus ihrer Wohnung zu gehen.

Klara und Peter hatten die zweite Nacht besser geschlafen. Die Autos, die auf der Strasse vor dem Hotel vorbeiratterten, nahmen sie nicht mehr so deutlich wahr, wie es in der ersten Nacht der Fall gewesen war.

„Mir ist nicht wohl dabei, wenn ich an den heutigen Tag denke.“
„Geht mir genauso“, sagte Peter, während er in sein iPad schaute.
„Aber wir müssen da jetzt durch, wir haben keine Wahl.“

Beide schwiegen, während sie im Auto sassen und zu Annas Wohnung fuhren.

Als sie angekommen waren und vor Annas Tür standen, drückte Klara auf den Klingelknopf und holte vorsichtshalber schon mal den Wohnungsschlüssel aus aus ihrer Handtasche.

Die Tür ging auf und Anna schaute Klara und Peter mit weit aufgerissenen Augen an.

„Was wollt ihr denn hier?“, schleuderte sie den beiden entgegen.
„Guten Morgen, schön dich zu sehen“, sagte Peter übergangslos.
„Wir wollen dich abholen, damit wir eine kleine Fahrt durch Stralsund machen können“, entgegnete Peter.
„Hast du Lust dazu?“, fragte er gleich noch hinterher.
„Ja“, sagte Anna.

„Na bitte, dann freuen wir uns auf einen schönen Tag“, meinte Peter, während er Klara zuzwinkerte.
Anna antwortete nicht.

„Warum seid ihr hier?“, fragte sie stattdessen erneut.
„Wir wollen mit dir einen schönen Ausflug machen“, wiederholte Peter, ohne darauf einzugehen, dass Anna die Frage schon einmal gestellt hatte, ein paar Minuten zuvor.

Peter ging ins Wohnzimmer, schlug die Ostseezeitung auf und überflog flüchtig die Schlagzeilen. Aus dem Schlafzimmer hörte er, wie Anna sich sträubte, auch nur irgendein Kleidungstück anzuziehen.

„Mutti, wir können doch nicht so mit dir auf die Straße gehen“, sagte Klara zu ihr.

„Wieso auf die Straße, was soll ich da?“, fragte jetzt Anna erneut.
„Ich geh‘ schon mal zum Auto runter und warte dort auf euch“, sagte Peter.

Klara fragte ihn noch leise, ob er die Taschen vom Dachboden mit hinunternehmen würde.

Peter nickte und ging zur Tür hinaus. Er holte die Taschen vom Dachboden und begab sich zum Auto.

Klara hatte sie einen Tag zuvor dort deponiert, damit Anna sie nicht fand und wieder auspackte.

Es verging noch eine weitere Stunde, bevor Anna in der Hauseingangstür auftauchte.

Peter war sichtlich erleichtert. Der erste Schritt war getan.
„So, jetzt machen wir eine schöne Hafenrundfahrt und anschließend fahren wir in Richtung Sund-Krankenhaus“, sagte Peter, als Anna endlich im Auto saß.

Anna sagte nichts.
Sie fuhren durch die Stadt und Peter hielt in der Nähe des Hafens an.
„Kommen hier Erinnerungen an deine Kindheit hoch?“, fragte Peter.
„Ja, und wie“, sagte Anna.

„Guck mal, da lagen früher viel mehr Fischerboote und wir haben dort sehr gern als Kinder gespielt und beobachtet, wie die Fischer ihre Ware auf die Pier hievten“, erklärte Anna und lebte dabei zusehends auf.

Klara und Peter waren sichtlich erleichtert, dass Anna gute Laune zu haben schien.

Peter fuhr wortlos in Richtung Sund-Krankenhaus weiter und suchte einen geeigneten Parkplatz.
Klara war ihrer Mutter beim Aussteigen behilflich.

„Es ist besser, ich hole das Gepäck später aus dem Auto“, sagte Peter leise zu Klara.

In der Anmeldung zur Kurzzeitpflege wartete Peter gemeinsam mit Anna auf Klara, die in der Information fragen wollte, wo sie sich melden sollten.

„Was macht Klara da?“, fragte Anna.
„Du, ich habe keine Ahnung“, sagte Peter ausweichend.
Es war ihm unangenehm, dass er nicht die Wahrheit mit Anna besprechen konnte.

Dass es für sie besser wäre, nicht mehr Zuhause allein zu wohnen, und dass sie übergangsweise für ein paar Tage in der Kurzzeitpflege sein müsste.

Doch das hätte alles gefährdet. Der Arzt und das Pflegepersonal hatten ihnen abgeraten, alles zu erklären, sondern lieber eine Wahrheit zu sagen, die Anna auch akzeptieren könnte.

Ein schwieriger Akt, den man erst vollends begriff, wenn man selbst die Verantwortung dafür tragen musste.
Klara kam schnell wieder. Sie fuhren in die dritte Etage.

„Ach das ist ja wunderbar, Frau Sturm, dass Sie so pünktlich kommen“, sagte die Schwester.

„Was will die von mir?“, fragte Anna ihre Tochter, ohne auf die Begrüßungsworte der Schwester einzugehen.

„Ich bin Schwester Erika. Frau Sturm, kommen Sie doch gleich mal mit. Es gibt jetzt Mittagessen“, sagte die zu Anna.

„Was gibt’s denn?“, fragte Anna.
„Rouladen mit Rotkohl.“

Es war eines der Lieblingsgerichte von Anna.
Sie hakte sich wortlos bei Schwester Erika ein und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, in Richtung Speisesaal mit.

Klara und Peter waren verblüfft, aber vor allem froh, dass alles so reibungslos geklappt hatte.

Peter hastete zum Auto und holte Annas Gepäck.
Klara sortierte Annas Sachen aus dem Koffer gleich in den Schrank im Zimmer von Anna ein.

Es war ein Einzelzimmer, modern eingerichtet, mit eigener Toilette und Duschtrakt.

„Hättest du gedacht, dass wir das so gut hinbekommen?“, fragte Peter auf der Rückfahrt.

„Nie im Leben“, sagte Klara. Man merkte ihr an, wie erleichtert sie war.

In Annas Wohnung angekommen, blieb ihnen nicht viel Zeit, zu verschnaufen.

Die Schränke mussten ausgeräumt und die Sachen aussortiert werden, die Anna mit ins ‚Betreute Wohnen‘ mitnehmen sollte.

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ANNA IST DEMENT – RÜCKBLICK UND VORSCHAU

ANNA-2021.10.02

DER TAG NACH DER ANREISE IM GASTHOF

Die Nacht im Dorfgasthaus war schnell vorüber. Klara und Peter hatten unruhig geschlafen.
Vor dem Hotel verlief die Straße abschüssig und die Autos donnerten darauf mit einem ohrenbetäubenden Lärme vorbei, auf Kopfsteinpflaster.

DAS FRÜHSTÜCK
Im Frühstücksraum kam ihnen eine ältere Mitarbeiterin entgegen, die sie freundlich mit einem ‚Guten Morgen‘ begrüßte.

„Hier am Büfett ist alles aufgebaut, den Kaffee bringe ich gleich.“
„Soljanka auch?“, fragte Peter. Klara stand hinter ihm und stieß ihm mit der Hand in den Rücken.

„Die können Sie sehr gern haben, hier gibt es aber auch frisch gepressten Orangensaft, ein wenig Haferkleie und Obst“, sagte die Mitarbeiterin und fixierte Peters Bauch.

‚Haferkleie, die esse ich zuhause‘, dachte Peter.
„Wunderbar, dann kann der Tag ja nur gut werden“, antwortete Peter laut und ging schnurstracks auf den Behälter mit dem Rührei zu.

KLARA FUHR ZU ANNA, PETER BLIEB IM HOTEL
Nach dem Frühstück fuhren beide nach Stralsund rein, zu Annas Wohnung.

Peter begab sich danach sofort zurück zum Hotel, holte seine Arbeitssachen heraus und begann sich auf dem kleinen Tisch einzurichten.

Zuerst musste der Fernseher beiseite gerückt werden, damit das iPad und die Tastatur Platz fanden.
Er hatte seine Sachen in der Tasche verstaut, die er täglich mit ins Fitness-Studio nahm.

Jetzt lagen dort Bleistifte, Papier, Klebestifte, Kabel für das iPad und Unterlagen für Annas Kurzzeitpflege drin. Sie rutschten von einer Seite auf die andere und Peter erfühlte mehr das, was er brauchte, als dass er es sah.
Endlich hatte er alles aufgebaut.

PETERS GEDANKEN SCHWEIFTEN AB
Er versuchte sich auf das Schreiben zu konzentrieren. Obwohl er mit zehn Fingern blind auf der Tastatur schreiben konnte, nützte ihm das wenig. Er starrte nämlich auf das weiße Display und versuchte einen Satz hinzubekommen.

Es nützte nichts, ihm fiel nichts ein. Seine Gedanken schweiften ab zu Klara. Wie mochte sie wohl Anna angetroffen haben? Peter war nicht mit hochgegangen.
Er wollte sich nicht Annas Fragen aussetzen, warum sie in Stralsund seien.

Der Regen tropfte ans Fenster und Peter kam allmählich zur Ruhe.
Eigentlich ging es ihm doch gar nicht so schlecht. Er saß in einem Hotelzimmer, wurde nicht nass, konnte ein wenig schreiben, die Akquise für die Werbeeinnahmen vorbereiten und zwischendurch gedanklich auch noch abschweifen.

DEN AUGENBLICK SCHÖN FINDEN
Und jetzt saugte er die Ruhe in sich auf. Die Autos ratterten immer noch vorbei, aber es war irgendwie wie aus einer weiten Ferne.
Auf der gegenüberliegenden Seite hastete eine Frau auf dem Fußweg vorbei, wahrscheinlich zur Arbeit.

Ihr Gesicht war verkrampft, nichts sah danach aus, dass sie Freude an dem hatte, was sie gerade tat.

Peter war Jahre, ja Jahrzehnte seinen Träumen nachgerannt, die spätestens mit der Wende platzen und er wieder ganz von vorn anfangen musste.

Also warum sollte er sich jetzt nicht freuen, dass er im Zimmer saß, trocken, und schreiben konnte?

Wer weiß, wie es ihm in zehn Jahren gehen würde. Vielleicht war er dann auch schon in einem Heim und musste sich ein Zimmer mit einem Nachbarn teilen.
Wie es wohl Klara bei Anna angetroffen hatte?

https://uwemuellererzaehlt.de/2021/09/30/anna-2021-09-30/

KLARA VERSTECKTE ANNAS GEPACKTE TASCHE AUF DEM DACHBODEN

Klara ging die fünf Treppen hoch, zu Annas Wohnung. Sie merkte, dass es ihr schwerer viel, schwungvoll bis nach oben zu kommen.

Dabei waren sie früher als Kinder die Stufen hochgestürmt, hatten oft genug zwei auf einmal genommen.
Aber die Zeiten waren vorbei.

„Wer ist da?“, hörte sie plötzlich Annas Stimme aus dem Schlafzimmer.

„Mutti, ich bin’s, guten Morgen.“
„Wieso kommst du mitten in der Nacht, ich habe mich gerade hingelegt“, sagte Anna mit einem vorwurfsvollen Unterton.

Klara dreht den Schlüssel im Schloss um, öffnete die Tür und stand kurze Zeit darauf im Schlafzimmer.

Auf ihrem Bett lagen Sachen, Kleider, Blusen und der Schlafanzug.
Anna blickte verwirrt.
„Wo bin ich?“
„Mutti, du bist in deiner Wohnung.“

ANNA MUSSTE PROFESSIONELL BETREUT WERDEN
Da half auch nicht, dass Lukas täglich kam, fast jeden Tag jedenfalls und Klara mindestens einmal im Monat aus Berlin anreiste, um wenigstens eine gewisse Struktur in den Alltag von Anna zu bekommen.

Klara half ihrer Mutter, sich anzuziehen, nachdem sich Anna gewaschen und die Zähne geputzt hatte.
Das dauerte eine gefühlte Ewigkeit für Klara.

KLARA VERSUCHTE ANNA ABZULENKEN, UM UNGESTÖRT IHRE TASCHE ZU PACKEN
Klara kochte Anna einen Tee und schmierte ihr ein halbes Brötchen mit Marmelade.

„Mutti, komm‘, setz dich hier in Ruhe hin und frühstücke“, sagte Klara.

Anna kam in die Küche, setzte sich schweigend auf den Stuhl und begann langsam zu kauen.

Das war die Chance für Klara, unbeobachtet von Anna die Sachen für die Kurzzeitpflege zu packen und auf den Dachboden zu stellen.

„Warum willst du die Tasche auf den Dachboden bringen?“, hatte Peter sie noch einen Tag zuvor gefragt.

„Mutti wieder alles ausräumen würde. Wir müssen uns hier wirklich an den Rat von Dr. Silberfisch halten“, entgegnete Klara.

ANNA MUSSTE AM NÄCHSTEN TAG UNBEDINGT INS AUTO STEIGEN
„Letztlich geht es um das Wohl deiner Mutter, dass sie rund um die Uhr betreut wird“, bestärkte Peter Klara. Er wusste, wie schwer es Klara fiel, dass alles durchzuziehen.

„Morgen kommt es darauf an. Da geht es um alles. Wir müssen es schaffen, Anna davon zu überzeugen, ins Auto zu steigen, damit wir überhaupt die Chance haben, mit ihr zur Kurzzeitpflege zu kommen“, sagte Peter noch.

Klara seufzte nur.
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AUSBLICK:
Die vorerst letzten beiden Beiträge: 
ANNA GEHT IN DIE KURZZEITPFLEGE (08.10.2021)
ANNAS NEUES ZUHAUSE IM BETREUTEN WOHNEN (15.10.2021)

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KLARA VERSTECKT ANNAS GEPACKTE TASCHE AUF DEM DACHBODEN

ANNA-2021.10.01ANNA-2021.10.01

Rückblick:
Peter und Klara hatten im Gasthof die erste Nacht schlecht geschlafen.
Der Lärm der vorbeifahrenden Autos und die Gedanken daran, wie es jetzt mit Anna weiterging, liess sie nicht zur Ruhe kommen. Nachdem sie morgens im Gasthof gefrühstückt hatten, fuhren beide zu Annas Wohnung nach Stralsund. Peter begab sich danach sofort ins Hotelzimmer zurück, er wollte arbeiten.

Intro:
Klara räumt die Wohnung von Anna auf, badet sie und macht ihr anschliessend die Haare. Wenn Anna abgelenkt war, packte Klara die Sachen für Annas Aufenthalt in der Kurzzeitpflege.

Klara ging die fünf Treppen hoch, zu Annas Wohnung. Sie merkte, dass es ihr schwerer viel, schwungvoll bis nach oben zu kommen. Dabei waren sie früher als Kinder die Stufen hochgestürmt, hatten oft genug zwei auf einmal genommen.

Aber diese Zeiten waren vorbei.
Klara verschnaufte für einen kurzen Augenblick vor der Wohnungstür.

Sie setzte sich auf den Stuhl, der auf dem Flur stand und kramte in ihrer Tasche nach dem Schlüssel für Annas Wohnung. Sie stand vom Stuhl auf, nachdem sie ihn gefunden hatte und drückte auf die Klingel.

Klara horchte an der Tür, aber drinnen war nichts zu hören.
Sie klingelte noch einmal.

Als sich nichts rührte, da klopfte sie leise an die Tür und nahm gleichzeitig den Wohnungsschlüssel zur Hand, um aufzuschließen.

„Wer ist da?“, hörte sie plötzlich Annas Stimme aus dem Schlafzimmer.

„Mutti, ich bin’s, guten Morgen.“
„Wieso kommst du mitten in der Nacht, ich habe mich gerade hingelegt“, sagte Anna mit einem vorwurfsvollen Unterton. Klara dreht den Schlüssel im Schloss um, öffnete die Tür und stand kurze Zeit darauf im Schlafzimmer.

Auf ihrem Bett lagen Sachen, Kleider, Blusen und der Schlafanzug.
Anna blickte verwirrt.

„Wo bin ich?“
„Mutti, du bist in deiner Wohnung.“
„Und wieso bist du hier?“, fragte Anna und schaute sie mit einem leeren Blick an.

Klara hätte auf der Stelle losheulen können, aber sie musste sich zusammenreißen.

Sie konnte ihrer Mutter nur helfen, wenn sie jetzt stark war.
Ihr wurde immer mehr klar, dass es gar keine Alternative mehr dazu gab, Anna in einem Heim unterzubringen.

Da half auch nicht, dass Lukas täglich kam, fast jeden Tag jedenfalls und Klara mindestens einmal im Monat aus Berlin anreiste, um wenigstens eine gewisse Struktur in den Alltag von Anna zu bekommen.

Klara half ihrer Mutter, sich anzuziehen, nachdem sich Anna gewaschen und die Zähne geputzt hatte.

Das dauerte eine gefühlte Ewigkeit für Klara.
Aber sie zwang sich, nichts zu sagen.

„War denn die Schwester heute Morgen schon hier und hat dich gespritzt?“

„Hier war keiner“, sagte Anna.

„Mutti, das kann aber nicht sein, denn schau mal hier, die Schwester hat dir doch sogar das Frühstück zubereitet.“

„Das kann doch alles nicht wahr sein. Ich weiß gar nichts mehr!“, sagte Anna niedergeschlagen, verbunden mit dem Vorwurf, warum Klara sie überhaupt danach fragte.

Klara kochte Anna einen Tee und schmierte ihr ein halbes Brötchen mit Marmelade.

„Mutti, komm‘, setz dich hier in Ruhe hin und frühstücke“, sagte Klara.

Anna kam in die Küche, setzte sich schweigend auf den Stuhl und begann langsam zu kauen.

Das war die Chance für Klara, unbeobachtet von Anna die Sachen für die Kurzzeitpflege zu packen und auf den Dachboden zu stellen.

„Warum willst du die Tasche auf den Dachboden bringen?“, hatte Peter sie noch einen Tag zuvor gefragt.

„Mutti wieder alles ausräumen würde. Wir müssen uns hier wirklich an den Rat von Dr. Silberfisch halten“, entgegnete Klara.
Peter nickte. Sie hatte recht in dem, was sie tat.

Es war für ihn nur erstaunlich, wie sehr sich hier Klara entwickelt hatte. Vor einigen Monaten war es für Klara noch unvorstellbar gewesen, dass sie hinter dem Rücken ihrer Mutter das alles vorbereitet hätte.

Aber es ging nicht anders.
„Letztlich geht es um das Wohl deiner Mutter, dass sie rund um die Uhr betreut wird“, bestärkte Peter Klara. Er wusste, wie schwer es Klara fiel, dass alles durchzuziehen.

„Morgen kommt es darauf an. Da geht es um alles. Wir müssen es schaffen, Anna davon zu überzeugen, ins Auto zu steigen, damit wir überhaupt die Chance haben, mit ihr zur Kurzzeitpflege zu kommen“, sagte Peter noch.
Klara seufzte nur.

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DER TAG NACH DER ANREISE IM GASTHOF

ANNA-2021.09.30

Rückblick:
Klara und Peter sind im Dorfgasthof ‚Soljanka‘ angekommen, haben das Gepäck nach oben getragen. Beide waren so erschöpft, dass sie darauf verzichteten, abends noch in das Restaurant zu gehen, um die Soljanka zu probieren.
Peter ahnte nicht, wie viel und wie oft er in den nächsten Tagen noch Taschen aus Annas Wohnung schleppen musste.

Intro:
Klara geht morgens zu ihrer Mutter, um die Fahrt in die Einrichtung der Kurzzeitpflege für den nächsten Tag vorzubereiten. Sie muss dabei sensibel vorgehen, denn Anna war nicht bereit, so ohne weiteres mitzuhelfen. Peter fuhr zurück ins Hotel, versuchte zu arbeiten, was nicht wirklich gelang. Seine Gedanken schweiften ab.

Die Nacht im Dorfgasthaus war schnell vorüber. Klara und Peter hatten unruhig geschlafen.

Vor dem Hotel verlief die Straße abschüssig und die Autos donnerten darauf mit einem ohrenbetäubenden Lärme vorbei, auf Kopfsteinpflaster.

Peter rüttelte im Schlaf gefühlt mit, wenn ein größerer LKW, noch dazu mit Anhänger, vorbeifuhr.

„Ich dachte, wir sind hier in einem idyllischen Dorf und du hörst morgens die Hähne krähen, aber die müssen ja jedes Mal eine Lücke zwischen zwei fahrenden Autos erwischen, damit sie überhaupt gehört werden“, sagte Peter, während er sich aus dem Bett drehte und versuchte endgültig wach zu werden.

Klara antwortete nicht. Sie hätte lieber noch ein wenig weitergeschlafen, aber die Gedanken an den Tag mit ihrer Mutter trieben sie aus dem Bett.

Im Frühstücksraum kam ihnen eine ältere Mitarbeiterin entgegen, die sie freundlich mit einem ‚Guten Morgen‘ begrüßte.

„Hier am Büfett ist alles aufgebaut, den Kaffee bringe ich gleich.“
„Soljanka auch?“, fragte Peter. Klara stand hinter ihm und stieß ihm mit der Hand in den Rücken.

„Die können Sie sehr gern haben, hier gibt es aber auch frisch gepressten Orangensaft, ein wenig Haferkleie und Obst“, sagte die Mitarbeiterin und fixierte Peters Bauch.
‚Haferkleie, die esse ich zuhause‘, dachte Peter.

„Wunderbar, dann kann der Tag ja nur gut werden“, antwortete Peter laut und ging schnurstracks auf den Behälter mit dem Rührei zu.

Er klappte den Deckel hoch und sah neben den Eiern kleine Bratwürstchen liegen, die herrlich dufteten.

Das war Peters Welt. Er nahm zwei kräftige Löffel von dem Rührei und legte sich noch zwei Würstchen auf den Teller dazu.
Alles unter dem kritischen Blick von Klara.

„Ich denke, du wolltest abnehmen? So machst du dir wieder alles kaputt“, tadelte Klara ihn leise.

Peter hasste diese Ansagen. Er wusste es selbst, und deshalb ärgerte es ihn erst recht, wenn Klara sich einmischte.
Prüfte er etwa, was sie sich auf den Teller packte?

„Du verstehst mein Konzept vom Intervallfasten nicht“, antwortete er, drehte sich um und ging zum Tisch. Dort stand bereits der Kaffee, Peter goss sich eine Tasse ein und nahm einen Schluck. So sollte der Tag beginnen.

Peter wollte sich nicht mehr weiter ärgern und lieber den Moment genießen. Mittags, ja da wollte er nur noch eine Banane essen.
Aber jetzt, da waren die Rühreier und kleinen Bratwürste dran.

‚Zuhause musst du dich aber wirklich zusammenreißen`, sagte er sich im Stillen, ohne sich den Kopf über das ‚wie` zu zermartern.
Nach dem Frühstück fuhren beide nach Stralsund rein, zu Annas Wohnung.

Peter begab sich danach sofort zurück zum Hotel, holte seine Arbeitssachen heraus und begann sich auf dem kleinen Tisch einzurichten.

Zuerst musste der Fernseher beiseite gerückt werden, damit das iPad und die Tastatur Platz fanden.

Er hatte seine Sachen in der Tasche verstaut, die er täglich mit ins Fitness-Studio nahm.

Jetzt lagen dort Bleistifte, Papier, Klebestifte, Kabel für das iPad und Unterlagen für Annas Kurzzeitpflege drin. Sie rutschten von einer Seite auf die andere und Peter erfühlte mehr das, was er brauchte, als dass er es sah.

Endlich hatte er alles aufgebaut.
Es war stickig im Raum, also öffnete er das Fenster. Damit es wieder zufiel, legte er sein neues Brillenetui in den Rahmen. Das Fenster bewegte sich trotzdem und bohrte ein Loch in das Brillenbehältnis.

Peter ärgerte sich und schloss das Fenster wieder. Na prima, jetzt musste er sich noch ein neues Etui besorgen.

Er versuchte sich auf das Schreiben zu konzentrieren. Obwohl er mit zehn Fingern blind auf der Tastatur schreiben konnte, nützte ihm das wenig. Er starrte nämlich auf das weiße Display und versuchte einen Satz hinzubekommen.

Es nützte nichts, ihm fiel nichts ein. Seine Gedanken schweiften ab zu Klara. Wie mochte sie wohl Anna angetroffen haben? Peter war nicht mit hochgegangen.

Er wollte sich nicht Annas Fragen aussetzen, warum sie in Stralsund seien.

Peter schaute aus dem Fenster. Es regnete inzwischen heftig und das Kopfsteinpflaster sah spiegelglatt aus, was die vorbeifahrenden Autos aber nicht dazu anhielt, die Geschwindigkeit zu drosseln.

Er setzte sich wieder hin und beschloss, seiner Kreativität auf die Sprünge zu helfen.

Dazu nahm er eine Holzunterlage aus der Tasche, die er mit weißen Blättern überklebt hatte.

Es war ein Bild von Anna, das Peter so umfunktioniert hatte. Klara durfte davon nichts wissen.

Aber die Rückseite des Rahmens eignete sich hervorragend für seine Zwecke.

Außerdem – sie hatten so viele Bilder im Keller zuhause liegen, sodass dieses eine Bild gar nicht ins Gewicht fiel. Klara sah das natürlich völlig anders.

Wenn Peter aber mit dem Füllhalter auf dem Papier Kreise malte und einfach das aufschrieb, was ihm einfiel, dann kam er voran. Später konnte er es immer noch korrigieren.

Das Einzige war, dass Peter alles noch einmal abschreiben musste. Aber was nützte es ihm, wenn er auf den Bildschirm starrte und ihm doch nichts einfiel?

Der Regen tropfte ans Fenster und Peter kam allmählich zur Ruhe.
Eigentlich ging es ihm doch gar nicht so schlecht. Er saß in einem Hotelzimmer, wurde nicht nass, konnte ein wenig schreiben, die Akquise für die Werbeeinnahmen vorbereiten und zwischendurch gedanklich auch noch abschweifen.

Er versuchte möglichst nicht mehr zu weit in die Zukunft zu schauen. Das Leben hatte ihn gelehrt, das als Geschenk anzunehmen, was vor ihm war.

Besuchte Krümel ihn zuhause, dann setzte er sich nicht an den Schreibtisch, sondern mit ihr auf den Fußboden und spielte mit ihr.
Und jetzt saugte er die Ruhe in sich auf.

Die Autos ratterten immer noch vorbei, aber es war irgendwie wie aus einer weiten Ferne.
Auf der gegenüberliegenden Seite hastete eine Frau auf dem Fußweg vorbei, wahrscheinlich zur Arbeit.

Ihr Gesicht war verkrampft, nichts sah danach aus, dass sie Freude an dem hatte, was sie gerade tat.

Peter war Jahre, ja Jahrzehnte seinen Träumen nachgerannt, die spätestens mit der Wende platzen und er wieder ganz von vorn anfangen musste.

Also warum sollte er sich jetzt nicht freuen, dass er im Zimmer saß, trocken, und schreiben konnte?

Wer weiß, wie es ihm in zehn Jahren gehen würde. Vielleicht war er dann auch schon in einem Heim und musste sich ein Zimmer mit einem Nachbarn teilen.

Peter schüttelte sich. Das wollte er auf jeden Fall vermeiden. Er wollte doch mehr Sport machen, gesünder essen, vor allem weniger.

Er schaute auf die Banane, die auf dem Tisch lag, sein Mittagessen.
‚Das Grauen kommt ohne Ankündigung‘ dachte er dabei.
Wie es wohl Klara bei Anna angetroffen hatte?

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GEPÄCK SCHLEPPEN IM DORFGASTHAUS – PETER WUSSTE NICHT, DASS ES NUR DER LEICHTE ANFANG FÜR DIE KOMMENDEN TAGE WAR

ANNA-2021.09.25

Rückblick:
Klara und Peter meldeten sich im Dorfgasthof ‚Soljanka‘ an. Es roch leicht muffig in der Gaststube. Die Mitarbeiterin am Tresen war wortkarg, aber dennoch freundlich.

Intro:
Peter erzählte der Mitarbeiterin, dass sie beide selbst aus Stralsund kommen, bevor er den Schlüssel von ihr erhielt und die vielen Taschen nach oben ins Zimmer zu tragen begann.

„Na dann ist es ja umso schöner, wenn Sie von hier sind“, sagte die Frau.

„Hier ist der Schlüssel. Sie müssen nur die zwei Treppen im Flur hochgehen und dann sind Sie schon da.“

Die hat gut Reden, dachte Peter und sah sich schon die Koffer hochschleifen.

Sie gingen zurück zum Auto, um das Gepäck zu holen. Als Peter die Heckklappe des Wagens öffnete, blickte er in einen prall gefüllten Kofferraum.

Klara war eine Meisterin im Verstauen von Behältern und Taschen und in die dazwischenliegenden Lücken passte immer noch eine Reihe von Kleinigkeiten rein, die gebraucht würden.

„Sind wir jetzt zehn Tage hier oder zehn Wochen?“, fragte Peter.
„Du weißt genau, dass es schwer ist abzuschätzen, wie wir mit den Sachen klarkommen“, antwortete Klara.

„Gut, dann gib mir mal die beiden großen Beutel“, sagte er.
Als Peter in den Eingangsbereich des Hotels kam, grüßten ihn zwei Mitarbeiter aus der Küche freundlich.

Peter keuchte die Treppen hoch und war froh, als er die Taschen erst einmal vor der Tür fallenlassen konnte.

Das Zimmer war, der Ausblick war zur Straße raus, aber sie wollten ja keinen Erholungsurlaub antreten.

Er ruhte sich für einen Augenblick auf dem Bett aus, bevor er die Treppen wieder hinunterstieg.

Klara hatte das andere Gepäck, das mit nach oben aufs Zimmer sollte, bereits auf den Boden vor das Auto gestellt.

Peter schnappte gleich zwei Taschen und einen kleineren Beutel.
Als er an den beiden Mitarbeitern vorbeikam, die immer noch Pause machten, bemerkte er deren Blicke, die wohl sagten, was er alles für diesen Kurzurlaub mitschleppte.

„Das ist nur das kleine Gepäck für zwei Tage“, sagte Peter trocken zu ihnen.

Die beiden schauten sich an und prusteten vor Lachen los.
Endlich. Alle Taschen und Beutel waren oben im Zimmer angelangt.

Das wär‘s für heute, ich geh‘ nicht mehr vor die Tür.
Klara hatte noch ein paar Schnitten von der Fahrt aufgehoben, die sie nun auf den Tisch legten.

„Heute brauchen wir keine Soljanka mehr“, sagte Klara zu ihm.
Peter nickte stumm und begann in eine der Stullen hineinzubeißen und an den Programmen des Fernsehapparates herumzuspielen.

Endlich, er hatte 3 Sat gefunden. Es lief ein Dokumentarfilm über die Alm in der Schweiz und die Kühe, deren Glocken bimmelten.
„Das ist jetzt das richtige für mich“, sagte Peter, legte die Beine auf den anderen Sessel und schaute in den Fernseher.

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ANKUNFT IM DORFGASTHAUS ‚SOLJANKA‘

ANNA-2021.09.24

RÜCKBLICK:
Klara und Peter waren auf dem Weg zur Ostsee. Während der Anreise drehten sich ihre Gedanken nur um Anna und wie alles werden sollte, mit der Kurzzeitpflege und ihrer Unterbringung danach im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘.

Intro:
Klara und Peter haben das Dorfgasthaus ‚Soljanka‘ erreicht. Der Name des Gasthauses rief in Peter Erinnerungen an DDR-Zeiten hervor.

Ich krieg‘ Hunger auf eine große Schüssel Soljanka, ein Bockbier und eine Scheibe Schwarzbrot, als Peter das Schild an der Eingangstür betrachtete, auf der die Frau mit der Suppenschüssel zu sehen war.

Dabei hatte er gerade noch im Auto gesagt, dass er jetzt endlich abnehmen wolle, ja müsse.

Aber das hatte er bereits wieder vergessen, für den Augenblick der Ankunft zumindest.

„Jetzt lass uns doch erst einmal ankommen und die Sachen aus dem Auto auspacken.

Peter seufzte. Er fürchtete, dass er wieder Taschen die Treppen raufschleppen musste. Das Hotel jedenfalls machte auf ihn nicht den Eindruck, als dass es dort einen Fahrstuhl geben würde.

Er steuerte das Auto auf einen Hof hinter dem Gasthaus, wo auf einer freien Wiese bereits Fahrzeuge abgestellt waren. Im Hintergrund war ein Pfarrhaus zu sehen.

„Sind wir hier richtig?“, fragte Peter ungläubig.
„Die Autos können ja wohl kaum alle dem Pfarrer gehören“, sagte Klara.

„Dem Pfarrer nicht, aber der Gemeinde“, versuchte Peter einzuwenden, doch Klara winkte ab.

Sie stiegen aus und gingen auf den Eingang des Hotels zu.
Als sie eintraten, schlug ihnen ein etwas muffiger Geruch von alten Möbeln entgegen.

Trotzdem sah alles sehr sauber aus. An der Wand hing ein Plakat, auf dem eine junge Frau in russischer Tracht eine Schüssel mit Soljanka hochhielt.

Auf dem Tresen war eine Klingel angebracht, auf die Peter mit voller Wucht schlug.

„Musst du immer so laut sein?“, wies ihn Klara zurecht.
„Bin abgerutscht“, brummte Peter.

Eine Flügeltür, direkt hinter der Theke, schwang auf und eine Frau, ebenfalls so gekleidet wie das Mädchen auf dem Plakat, nur nicht so jung aussehend, trat heraus.

„Einen schönen guten Tag, herzlich willkommen“, flötete die Frau in ihrem etwas altbacken anmutenden Kleid.

‚Dobrü den‘, antwortete Peter auf Russisch. Klara warf ihm einen tadelnden Blick zu.

„Sie müssen sich hier anmelden“, sagte die Frau an der Anmeldung, ohne auf Peter einzugehen.

Sie legte die Anmeldeformulare auf den Tisch und schob einen Kugelschreiber hinterher.

„Sind Sie geimpft?“, fragte die Frau jetzt.
„Ja, zweimal mit Astrazeneca. Mal sehen, ob’s hilft“, versuchte Peter zu scherzen.

„Kann ich mal Ihre Impfausweise sehen?“, fragte die Frau ungerührt weiter.

Sie war offensichtlich aus etwas härterem Holz geschnitzt.
„Sind Sie aus diesem Dorf hier?“, fragte Peter sie neugierig.

„Ja, ich bin hier geboren und aufgewachsen“, sagte die Frau nun mit etwas Trotz in der Stimme.

„Warum fragen Sie?“
„Nun, wir sind hier aus der Nähe, haben viele Jahre in Stralsund gewohnt und sind oft an diesem Dorf vorbeigefahren. Wir hätten uns niemals träumen lassen, dass wir eines Tages mal hier übernachten würden.“

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ERNEUTE REISE AN DIE OSTSEE

ANNA-2021.09.23
Rückblick:
Saskia Pesic, Altenpflegerin im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘ hat gekündigt.
Eine neue Mitarbeiterin hat sich bereits bei Schwester Ulrike beworben.

Intro:
Klara und Peter sind erneut auf dem Weg nach Stralsund, diesmal nicht in den Urlaub.
Sie müssen Annas Aufenthalt in der Kurzzeitpflege vorbereiten. Die Hotels sind durch die Urlaubssaison immer noch ausgebucht. Sie reservieren deshalb ein kleines Zimmer in einem Dorfgasthaus in der Nähe von Stralsund.

Klara und Peter saßen schweigend im Auto nebeneinander, als sie Richtung Stralsund fuhren.

Der Urlaub war gerade zu Ende gegangen, und beide hatten sich so einigermaßen wieder daran gewöhnt, zu Hause zu sein.

Nun mussten sie wieder los, Richtung Ostsee.
Doch Urlaubsfeeling wollte nicht aufkommen. Klara dachte daran, was ihr bevorstand.

Am nächsten Tag musste sie Annas Besuch in der Kurzzeitpflege vorbereiten.

Dr. Silberfisch hatte sie darauf gebracht, doch Anna für ein paar Tage dort unterzubringen. Solange jedenfalls, bis alles für ihren Umzug ins ‚Betreute Wohnen Sörensen‘ erledigt war.

Klara seufzte, wenn sie nur daran dachte.

„Denkst du auch daran?“, fragte Peter sie, ohne den Blick von der Autobahn zu lassen.

Er hatte die Geschwindigkeit auf 120 km in der Stunde eingestellt und so konnte er sich etwas im Sitz zurücklehnen.

„Meine Gedanken drehen sich nur um Mutti. Auf der einen Seite haben wir keine Chance anders zu handeln und andererseits tut es mir in der Seele weh, wenn ich daran denke, dass sie nicht mehr in der Wohnung bleiben kann.“

Peter nickte und schwieg.

„Wenn wir jetzt nicht handeln, dann tun es andere für uns“, sagte er nun.

„Du hast doch gehört, was die Pflegedienstleiterin zu dir gesagt hat“, schob er nach.

„Sie müssen etwas unternehmen! Ihre Mutter kann auf keinen Fall mehr allein in der Wohnung sein. Sie ist nicht mehr in der Lage, sich selbstständig zu ernähren, genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen“, hatte sie Klara am Telefon gesagt.

Klara wusste, dass es so kommen würde. Peter wusste es auch und Lukas ebenso.

Aber jeder hoffte, dass es wenigstens für ein paar Monate gut weitergehen würde, sie vielleicht noch Weihnachten in ihren eigenen vier Wänden verbringen konnte.

„Wir dürfen jetzt nicht mehr warten, sonst nehmen sie uns das Heft des Handelns aus der Hand“, sagte Peter.
Klara war das alles klar, aber sie hatte Probleme damit, es emotional zu verarbeiten.

Stralsund kam in Sicht. Sie hatten kein Hotel mehr direkt in der Stadt buchen können, denn es war ja immer noch Ferien- und Urlaubszeit.

Also hatten sie sich entschlossen, einen kleinen Gasthof im Vorort für zwei Übernachtungen zu reservieren.

Danach wollten sie für eine Nacht in Annas Wohnung schlafen und anschließend in eine Ferienwohnung umziehen, die Lukas für sie organisiert hatte.

Sie hatten das kleine Dorf erreicht und Peter bog von der Autobahn ab.

„Hättest du gedacht, dass wir jemals hier übernachten werden?“, fragte Peter.

„Im Leben nicht“, antwortete Klara knapp.
Das Dorfgasthaus kam in Sichtweite. Peter rollte über eine Straße, die mit Kopfstein gepflastert war.

Auch wenn es ruckelte, fand er es schön, dass hier noch alles so war, wie er das Dorf schon vor über dreißig Jahren kannte.

Nur der Name des Hotels hatte inzwischen gewechselt. Früher hieß es ‚Roter Oktober‘, in Anlehnung an die Große Sozialistische Oktoberrevolution in Russland.

Nun war daraus ‚Soljanka‘ geworden, in Anlehnung an die Suppe, die Klara und Peter zu DDR-Zeiten gern gegessen hatten.
„Ob die wohl noch eine Schüssel Soljanka für uns haben?“, fragte Peter.

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SASKIA IST NICHT MEHR DA

ANNA IST DEMENT – 2021.09.18

Saskia Pesic hat gekündigt, ohne vorher irgendetwas davon verlauten zu lassen.

Niemand wusste etwas davon, nicht Schwester Ulrike, nicht die Mitarbeiter, auch nicht die Heimbewohner.

Olaf Knaspe ging ins Zimmer von Schwester Ulrike. Er klopfte an den Rahmen, die Tür stand offen.

Ulrike telefonierte mit der Angehörigen einer Heimbewohnerin.

„Wo ist Saskia?“, fragte Olaf, ohne Umschweife.

„Die kommt heute nicht. Sie hat sich die restlichen Tage Urlaub genommen. Sie will uns verlassen“, antwortete Ulrike.

Olaf riss die Augen auf. Hatte er gerade richtig gehört. Saskia hatte ihm nichts davon erzählt, dass sie gekündigt hatte, und sie hatte ihm nicht einmal ein kleines Zeichen dafür gegeben?

„Warum?“, fragte Olaf.

„Sie hat etwas Besseres gefunden. Das glaubt sie jedenfalls“, man hörte die Enttäuschung bei Schwester Ulrike aus ihrer Stimme heraus.

„Das gibt’s doch nicht“, schnaubte Olaf. Er war ehrlich empört.
Im selben Moment beschlich ihn ein weiteres Gefühl.

Ob sie wohl gegangen war, weil Olaf ihre Annäherungsversuche so komplett ignoriert hatte?

Er wusste es nicht.

Wie aus der Ferne hörte Olaf jetzt wieder Ulrikes Stimme.
„Ich bin auch ein wenig traurig“, untertrieb sie das Ausmaß ihrer

Enttäuschung, das Saskia mit ihrem Weggang bei ihr hervorgerufen hatte.

Immerhin war Ulrike es, die Saskia ‚das Laufen in einer Pflegeeinrichtung beigebracht hatte. Sie war stets dagewesen, wenn

Saskia mit einer Frage zu ihr kam. Sie hat sie auf Fortbildungslehrgänge geschickt, ihr ans Herz gelegt, sich intensiv mit den Biographien ihrer Heimbewohner auseinanderzusetzen.

„Wir müssen jetzt nach vorn schauen“, unterbrach Ulrike sich selbst in ihren Gedanken.

Olaf schaute nach vorn, direkt über den Kopf von Ulrike hinweg, durch das Fenster hindurch auf das Wasser, das stürmisch und grau aussah. Der Herbst begann.

„Ich habe eine Bewerbung erhalten, die vielversprechend ist. Die neue Kollegin kann noch in diesem Monat bei uns anfangen.

Vielleicht hörst du dir mit an, was sie zu sagen hat?“

„Ich?“, fragte Olaf. Er wollte nicht.

„Olaf, deine Meinung ist mir wichtig. Und auf diese Weise lernt ihr euch gleich ein wenig kennen.“

„Hm“, brummte Olaf.

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HILDE UND HERBERT ALBATROS WOHNEN GEGENÜBER

ANNA-2021.07.23
Was bisher war:
Klara schlug das Herz bis zum Hals, als sie vor der Tür des Zimmers im ‚Betreuten Wohnen‘ stand, in dem Anna ihr Leben in Zukunft verbringen sollte.
Lukas half Klara beim Ausmessen des Zimmers. Pfleger Olaf und Klara fanden einen ersten inneren Draht zueinander, er als künftiger Betreuer von Anna, sie als die nächste Angehörige, die sich um alles kümmerte.
Peter stand im Zimmer rum und redete, aber keiner hörte ihm richtig zu. Peter verstand das, denn er war froh, dass er sich nicht zu bücken brauchte, um ebenfalls mit abzumessen.

Olaf ging am Zimmer seiner Pflegedienstleiterin, Schwester Ulrike, vorbei.

„Und was sagen die Angehörigen?“, rief ihm Ulrike hinterher, als er schon an ihrer Tür vorbei war.

„Ich glaube, die finden das Zimmer ganz in Ordnung und auch das Drumherum.“

„Na, das klingt ja nicht gerade euphorisch. Was meinst du denn mit dem ‚Drumherum‘?“

Olaf war einen Schritt zurückgegangen und schaute in das Zimmer von Ulrike.

„Ich hatte den Eindruck, dass sie es gut fanden, wie der Sanitärbereich angeordnet war, was alles an dem Zimmer noch dranhängt; das große Wohnzimmer mit dem Fernseher, die Küche, wo alle zusammen kochen können.

Und ich glaube, der Tochter von Anna Sturm hat am besten der Balkon gefallen. Sie meinte nur, dass ihre Mutter immer von dem Blick vom Balkon ihrer Wohnung auf den Strelasund geschwärmt hatte und den sie nun auch wieder bekommt, nur eben von unserer Seite aus.“

„Ja, das stimmt“, sagte Ulrike.
„Noch was?“, fragte Olaf, bevor er weiterging.
„Nein, hilf bitte Saskia beim Wechseln der Wäsche in der 5. Etage“, sagte Ulrike noch.

„Geht klar“, meinte Olaf und verschwand endgültig.
Saskia war gerade im Nebenzimmer von Anna Sturm damit beschäftigt, die Laken und die Bettbezüge wieder auf das Bett zu bringen.

„Ich soll dir helfen!“, brummte es da hinter ihrem Rücken.
„Sollst du oder willst du?“, fragte Saskia, während sie sich zu Olaf umdrehte. Sie sich, dass er in ihrer Nähe war.

„Naja, kannste‘ dir die Antwort aussuchen“, antwortete Olaf.
„Oh, das ist aber wenig charmant“, sagte Saskia mit einem kleinen Augenzwinkern.

Klara ging in diesem Augenblick am offenen Zimmer der Nachbarin vorbei und sah, wie Saskia und Olaf miteinander umgingen.

„Auf Wiedersehen und vielen Dank noch mal“, rief Klara beiden zu.
Eigentlich meinte sie Olaf, der ihr ihm Zimmer geholfen hatte.
Der nickte nur, während Saskia „ein gern geschehen“ zu Klara sagte.

„Die beiden haben was miteinander“, sagte Klara nun zu Peter, der hinter ihr lief.

„Was du schon wieder im Vorbeigehen alles mitbekommst“, gab Peter an Klara zurück, während er dabei zu Lukas schaute. Der zog nur die Augenbrauen hoch.

„Wollen wir uns noch von Schwester Ulrike verabschieden?“, fragte Peter.
Klara zögerte und bat Lukas und Peter schon mal zum Fahrstuhl zu gehen und dort zu warten, während sie kurz bei der Pflegedienstleiterin vorbeischauen wollte.

Lukas und Peter machten sich gleich auf den Weg und waren froh, dass sie nicht noch einmal ein Stockwerk tiefer zu Schwester Ulrike mussten.

Sie gingen aus der Tür heraus, um vor dem Fahrstuhl auf Klara zu warten.

Peter lief auf dem Treppenflur auf und ab und las sich die Zettel durch, die an einer Tafel hingen.

Plötzlich traute er seinen Augen nicht, als er seinen Blick weiter umherschweifen liess.

Am Türschild gegenüber des ‚Betreuten Wohnens Sörensen‘ blinkte ihm ein blank geputztes Messingschild entgegen auf dem die Namen ‚Hilde und Herbert Albatros‘ entgegenprankten.

„Das gibt’s doch nicht.“
„Was?“, fragte Lukas.
„Guck mal hier“, sagte Peter, während seine Stimme hell und grell klang.

„Nein!“
„Doch, das sind sie.“
„Meinst du wirklich?“, fragte Lukas ungläubig.

„Was glaubst du denn, wie viel Zufälle es auf einmal gibt?“
„Das hier der Name deiner Tante und deines Onkels dransteht? Dass die beiden gesagt haben, dass sie in eine Wohnung des ‚Betreuten Wohnens Sörensen ziehen‘ und dass sie später einmal von denen betreut werden wollen?“

Peter schaute Lukas an und schob nach: „Sie sind es!“
Die Tür ging auf und Hilde Albatros schaute heraus.
„Was macht ihr denn hier?“, fragte Tante Hilde und schaute die beiden an, als hätten sie gerade versucht einen Korb mit Äpfeln vom Hausflur zu klauen.

„Ach, wir stehen hier nur rum, wir finden es klasse, einfach hier zu sein, die Hände in den Hosentaschen zu vergraben und darauf zu warten, dass deine Wohnungstür aufgeht.“

„Und?“, fragte Hilde verdattert.
„Ja, sie ist aufgegangen, guten Tag, Tante Hilde. Wir freuen uns, dass wir uns mal nach so vielen Jahren wiedersehen, hier an der Ostsee, am Strelasund, mit Blick auf den Fahrstuhl.
Bevor Hilde antworten konnte, kam Klara aus der gegenüberliegenden Tür.

„Nein, du bist ja auch hier!“, sagte Hilde und schaffte es immer noch nicht, einen klaren Blick zu bekommen.
„Ja, die Klara, die wollte eigentlich mit auf den amerikanischen Trip mit in den Weltraum, aber sie hat kein Ticket mehr bekommen und da haben wir sie hierher mitgenommen“, sagte Peter in seinem ihm eigenen Humor.

„Ach das ist aber schön, dass wir dich hier treffen“, sagte Klara und stieß Peter als Warnung in den Rücken, nicht noch so einen Spruch von sich zu geben.

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DEMENZ – WENN DIE EMPATHIE SCHWINDET

ANNA

ANNA-2021.07.21

RÜCKBLICK AUF TEXT – 2018.11.28
Anna hatte keine Freude mehr am Schenken.

„Wie ist das Wetter bei euch da oben?“, fragte Peter Anna.
Es war das übliche Telefongespräch am Vormittag, es war diesig und es schien keine Sonne, Wind war aber auch nicht.

Das war gestern so, vorgestern ebenfalls.
Anna hätte also sagen können: „Das Wetter ändert sich seit Tagen nicht, es ist gleichgeblieben.“

Doch diese gedanklichen Fäden konnte Anna nicht mehr ziehen.

„Der Himmel ist grau, die Sonne scheint nicht, aber es ist auch kein Wind“, sagte Anna stattdessen.

„Prima“, antwortete Peter. Er war irgendwie froh, dass er über dieses stets wiederkehrende Thema den Gesprächsfaden mit Anna knüpfen konnte.

„Heute Nachmittag fahren wir zur Post. Klara hat einen Stollen eingepackt und den schicken wir dir“, redete Peter weiter.

„Ach, wie kann ich dir nur danken?“, fragte Anna.
„Naja, ich habe damit nichts zu tun. Nur, dass ich den vorhergehenden mit aufgegessen habe, nachdem Klara ihn gebacken hatte.“

Anna verstand diese Art von Humor nicht mehr.
„Ja, das ist so schön, ich freue mich. Wie kann ich euch nur eine Freude machen?“

„Ach, mir würde eine ganze Menge einfallen“, antwortete Peter und bereute zugleich, dass er es überhaupt gesagt hatte.

„Ja, was denn?“, fragte Anna nach einer Weile.
Flasche Sekt, warme Socken, Kasten Mon Cherie, Puppe für Krümel, das könnte er antworten. Es schoss ihm geradezu ein, während Anna die Frage noch gar nicht zu Ende formuliert hatte.

Sagte er davon was? Natürlich nicht. War es schlimm, dass Anna nicht mehr auf das kam, was sie früher in solchen Momenten tat? Überhaupt nicht.

„Schade nur, dass Anna sich um die Glücksgefühle brachte, die sie früher überkamen, wenn sie anderen eine Freude machte“, dachte Peter in diesem Moment.

Doch dafür konnte sie nicht. Die Demenz ließ das nicht mehr zu, nahm ihr Stück für Stück diese Empathie.

Das war das eigentlich Schlimme – vor allem für Anna. Umso mehr mussten sich Klara, Laura und Peter bemühen.
Und das taten sie ja auch.

„Wenn dir der Stollen schmeckt, dann ruf doch KIara an. Sag ihr, dass er gut gelungen ist.“

„Das mach ich ja sowieso“, sagte Anna, so als hätte Peter auf etwas hingewiesen, was doch selbstverständlich war. Nun wurde er noch von Anna der Begriffsstutzigkeit überführt.

Trotzdem: Für den Moment hatte er Anna ein paar unbeschwerte Momente bereitet, so schien es jedenfalls.

Und wenn das Paket mit dem Stollen ankam, dann würde sich das wohl wiederholen. Immerhin. Der Kreis der Möglichkeiten, eine Freude zu bereiten, wurde kleiner.

Sie intensiver zu nutzen, das war wohl jetzt die Aufgabe.
Peter griff wieder zum Hörer, um Klara zu informieren: alles im grünen Bereich.

ANNA IST DEMENT

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RÜCKBLICK VOR DREI JAHREN: KOTELETT – DAS IST JA WOHL DAS LETZTE (1+2)

ANNA-2021.07.19

Peter schlug Anna vor, sich zum zweiten Frühstück ein Kotelett zuzubereiten und erntete von ihr nur Unverständnis:

„Wie geht es dir?“, fragte Peter, nachdem sich Anna am Telefon gemeldet hatte.

Stille. Nach einer Weile: „Och, weißt du, es geht so.“

„Na, du bist wohl heute nicht so gut drauf?“, fragte Peter.
„Nö!“, sagte Anna.
„Was ist denn?“
„Ich bin so allein.“

„Ja, allein. Warum gehst du denn nicht mal raus, vor die Tür. Danach ist alles anders.“
„Keine Lust.“

Peter stutzte. Der Ton gefiel ihm nicht. Er ließ sich nichts anmerken.

„Hast du denn schon dein zweites Frühstück gehabt.“
„Mach‘ ich gleich.“
„Was gibt’s denn?“
„Was soll’s schon geben? Immer dasselbe.“

„Was ist dasselbe?“
„Na, ein halbes Brötchen. Isst du denn etwas Anderes?“
„Ich esse gar nichts. Ich muss arbeiten und habe nur mal eine kleine Pause eingeschoben, um mich zu erkundigen, wie es dir geht.“

Peter merkte, wie seine Schilddrüse anschlug. Ein sicheres Zeichen dafür, dass er langsam sauer wurde.

„Aber, dass du mich danach fragst, was ich esse. Das versteh‘ ich nicht. Es gibt doch immer das gleiche.“

„Naja, du könntest doch ein gebratenes Kotelett zum 2. Frühstück essen. So wie im Hotel.“

Das sollte ein kleiner Scherz von Peter sein. Aber Anna kam immer weniger mit Humor klar, seitdem ihre Demenz langsam fortschritt. Überhaupt war sie viel übellauniger geworden.

„Das ist ja wohl das letzte, dass du so etwas fragst. Kotelett. Unmöglich ist das!“ Anna schnauzte Peter regelgerecht an.

„Bei allem Respekt Anna. Dein Ton gefällt mir nicht. Wir rufen dich an, weil wir uns um dich sorgen.“
Peter musste sich beherrschen. Er musste diese Situation einfach bewältigen.

Was sollte Peter jetzt antworten? Und vor allem: Wie sollte er reagieren? Barsch? Brutal, laut?

Oder eher ruhig, besonnen, vielleicht sogar sanftmütig? Jetzt konnte er Anna ja endlich mal sagen, wie es ihm auf die Nerven ging, wenn sie sich für nichts interessierte – als für die Blumen auf ihrem Balkon.

Sonst war Klara meist dabei, wenn Peter sich anschickte, den rhetorisch Schwächeren in die Zange zu nehmen.

Sie hatte deshalb ein Herz für die, die nicht so redegewandt wie Peter reagieren konnten. Sie half darum nicht Peter, sondern denen, die mit Peter einen Disput begannen, die ihn oft überhaupt erst provozierten.

Sie kannte Peter. Sie wusste, dass der sich zwar schon seine Antwort zurechtgelegt hatte, dass seine rhetorischen Truppen längst zum Angriff bereit waren.

Doch sie wusste eben auch, dass er sich zunächst zurückhielt, zum Schein zurückzog. Er senkte in solchen Momenten seine Stimme, ’stopfte sich Kreide in den Mund‘, damit der Feind eingeschläfert wurde.

Er lullte quasi sein Gegenüber ein, damit der noch leichtfertiger wurde und nicht darüber nachdachte, was er noch so alles sagte, was noch an leichtfertigen Gedanken über dessen Lippen kamen.

Der Zeitpunkt für den Gegenangriff war aber nun gekommen.
Peter hielt den Hörer in der Hand, am anderen Ende faselte Anna etwas von ‚so einsam‘ und er versank in einen Traum, in eine unwirklich anmutende Geschichte.

Einer Geschichte, die sich vor Jahrhunderten hätte so abspielen können.
Geben wir Peter in dieser unwirklichen Geschichte den Zusatz ‚Peter, der Entschlossene‘. Dieser war hoch oben auf seinem Pferd vor der Schlachtordnung.

Hinter ihm seine Getreuen, auf die er sich verlassen konnte. Seine Generäle, seine Soldaten. Und dann war da noch seine Frau, die mit ritt in die Schlacht. Sie saß auf einem Pferd, abseits von Peter.

Nennen wir sie einfach ‚Sieglinde‘.
Und plötzlich passierte das Unfassbare. Sieglinde löste sich mit ihrem Pferd aus der Schlachtordnung und ritt in Richtung des Gegenübers, des Feindes. Deren Anführer soll der ‚Eiserne Gustav‘ heißen.

Sieglinde ritt also auf den Eisernen Gustav zu und winkte ihm fröhlich entgegen, mit einem Tuch, das sie auch noch selbst bestickt hatte. Der gegnerische Feldherr argwöhnte: „Was wollte Sieglinde, die Angetraute von Peter, dem Entschlossenen?“

Doch den Eisernen Gustav überkam die Neugier. Er übergab das Kommando seiner Truppen an seinen Marschall und ritt Sieglinde entgegen.

„Was willst du? Wir werden euch zermalmen, mit unseren mächtigen Reiterscharen!“, brüllte er schon von weitem.

„Gewiss doch, lieber Eiserne Gustav.“
„Aber ihr müsst euch nicht auf dem Schlachtfeld fetzen, du und mein Peter.“

„Warum nicht?“ Eiserner Gustav war verwirrt.
„Weißt du, mein Mann, der meint das nicht so. Im Gegenteil. Der mag dich sogar. Ein bisschen jedenfalls.“
Sieglinde fährt fortzureden, während ihr der Eiserne Gustav zuhört.

„Peter weiß, dass du der Klügere und der Stärkere bist. Kehrt einfach nach Hause zurück, zu euren Weibern und Kindern und besauft euch nach Herzenslust.“

Eiserner Gustav schaute verdutzt. Dann drehte er sich um und rief seinen Generälen entgegen: „Wir greifen nicht an. Wir drehen um.

Wir haben schon gesiegt. Sieglinde hat gesagt, Peter, der Entschlossene hat sich in die Hosen gepullert und ist indisponiert.“

Die Truppen vom Eisernen Gustav und seine Pferde wieherten vor Lachen und stoben auseinander, trotteten nach Hause.
Peter, der Entschlossene schäumte vor Wut, als Sieglinde zurückkam.

„Was erlaubst du dir, Weib?“
„Ärgere dich doch nicht Peter. Ich habe Gustav gesagt, dass du ihn zermalmen wirst, und dass nichts übrigbleibt von ihm und seinem Volk.

Da hat er es mit der Angst gekriegt und ist lieber geflohen. Wir haben jetzt kein Blut vergossen, unsere Kräfte geschont und können weiter unsere Ziele verfolgen.“

„Welche Ziele?“, fragte Peter, der jetzt Schwankende.
„Na, die Ernte einbringen, Geld verdienen.“
„Und dann?“

„Dann gut leben, Gustav in seinem Glauben belassen, er sei in Wahrheit der Stärkere und mit gutem Sold mehr Soldaten anlocken, damit wir für den Fall der Fälle gut gerüstet sind.“

„Wir sollten überlegen, ob Sieglinde nicht mehr zu sagen bekommt, in unserem Kriegsrat“, flüsterte Peter seinem treuesten General zu.“

„Noch mehr, mein König“, erwiderte der, „sie beherrscht doch faktisch schon immer unser Reich.“
Peter wachte auf aus seinem Traum.

„Bist du noch da?“, fragte ihn Anna.
„Ja, ja. Ich bin noch da. Weißt du, Anna, du hast Recht. Was für ein Quatsch mit dem Kotelett! Aber sag‘ mal, wie ist eigentlich das Wetter bei euch?“

„Und, wie war es heute mit Anna am Telefon?“, fragte abends Klara.
„Du wunderbar, ich hatte alles im Griff. Du weißt ja, sie erzählt manchmal schon wirres Zeug. Und ihr Charakter verändert sich auch durch die Demenz.“

„Gott sei Dank, dass du da nicht mit der Faust draufhaust und unnötiges Porzellan zerschlägst“, erwiderte Klara

„Das traust du mir zu?“, fragte Peter.

Klara seufzte nur und Peter ging in sein Zimmer, zufrieden mit dem, wie das Telefonat mit Anna gelaufen war.

„Morgen, da werde ich Anna sagen, dass es zum zweiten Frühstück auf See immer Steaks gab, mit Bratkartoffeln. Ja, das war gut“, dachte Peter.

Er konnte nicht aus seiner Haut. Jedenfalls nicht ganz. Aber er konnte ja noch eine Nacht drüber schlafen. Morgen, da würde das Spiel von vorn beginnen.

„Du, wir können Anna gar nichts mehr vorwerfen. Wir sind die Klügeren“, sagte Peter beim Zähneputzen zu Klara.
Klara schwieg. Sie traute ihm intellektuell so einiges zu. Nur seiner Rauflust, der traute sie nicht.

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DAS ZIMMER VON ANNA IM BETREUTEN WOHNEN

ANNA-2021.07.16

Klara besichtigte gemeinsam mit Lukas Annas künftiges Zimmer im Heim.
Peter war dazu auch noch extra angereist.
Das Zimmer war sehr klein. Klara begann schon in Gedanken die Möbel zu stellen.
Pfleger Olaf und Klara lernten sich besser kennen und Olaf freute sich allmählich auf die neue Heimbewohnerin. Die Bürokratie in Vorbereitung auf die Heimunterkunft fraß die Energie von allen auf.

Klara spürte ihr Herz bis in den Hals hineinschlagen. Sie standen vor der Tür, hinter der sich Annas Zimmer befand, das Zimmer, in dem sie ihre restliche Lebenszeit verbringen sollte.

„So, da wären wir“, sagte Schwester Ulrike, als sie die Türklinke herunterdrückte und sich zu Klara, Peter und Lukas umdrehte.

Ein wenig entfernt von der Tür hatte sich Olaf hingestellt, der Pfleger, der Anna in den nächsten Monaten, wahrscheinlich Jahren betreuen würde.

Lukas spürte einen dicken Klos im Hals und seufzte hörbar auf.
„Ich kann sie gut verstehen, sehr gut sogar“, flüsterte Olaf hinter ihm.

Er war ein wenig weiter zur Tür herangekommen und stand jetzt direkt hinter Lukas.

Der drehte sich zu ihm um und nickte dankbar.
„Schau ‘n Sie mal, was das für eine phantastische Aussicht ist, direkt auf den Strelasund“, sagte Schwester Ulrike und blickte Zustimmung erheischend in die schweigende Runde.

„Bitte verstehen Sie uns nicht falsch, aber wir sind in der jetzigen Situation weniger auf die Aussicht aus, als vielmehr auf den Ausblick, darauf, wie Anna auf all das hier reagieren wird. Sie wird kaum auf den Strelasund schauen wollen, als vielmehr darauf, wo ihre ganzen Möbel geblieben sind“, sagte Peter.
Peter traf Klara‘s missbilligender Blick.

„Ja, das ist alles sehr schön, aber wir sollten jetzt sehen, was wir an Möbeln aus Muttis Wohnung mitnehmen können“, sagte nun Klara und zog einen Block hervor und kramte in ihrer Tasche nach einem Stift.

„Gerade hatte ich den doch noch in der Hand!“
Plötzlich stand Olaf neben ihr und reichte ihr seinen Kugelschreiber, den er stets mit sich trug.

„Oh, das ist aber nett“, freute sich Klara.
„Wissen Sie was, ich werde Ihnen mal das Feld überlassen. Messen Sie in Ruhe alles aus und wenn Sie noch Fragen haben, dann kommen Sie doch noch gern bei mir vorbei“, sagte Schwester Ulrike und ging aus dem Zimmer.

Lukas hatte sich hingekniet und einen Zollstock aus dem linken Hosenbein seiner Handwerkerkleidung gezogen. Olaf ging an das andere Ende des Zimmers und half Lukas, den Raum so genau wie möglich auszuräumen.

„Hier passen drei Teile aus Muttis Anbauwand hin und da kann der Fernseher stehen.“
Klara war in ihrem Element.
„Wollen wir den großen oder den kleinen runden Tisch hier hinstellen?“

„Den kleinen Tisch“, antwortete Peter.
„Das sieht gemütlicher aus.“
„Ach und ich hatte jetzt gedacht, dass du es wegen des Tragens gesagt hast.“

„Was du wieder von mir denkst“, antwortete Peter gekränkt. Er fühlte sich aber auch ertappt.

Olaf stand mitten im Raum mit Klara, Peter und Lukas, hörte zu, sprach mit, begann sich wohlfühlen im Kreise der Angehörigen seiner zukünftigen Heimbewohnerin Anna.

„Frau Gerber, was trinkt Ihre Mutter morgens zum Frühstück, Tee oder Kaffee?“
„Kaffee“, sagte Klara bestimmt, so als wäre etwas Anderes nicht von diesem Planeten.

„Ja, dann weiß ich ja schon mal Bescheid“, sagte Olaf.
„Ich glaube, meine Mutter wird sie mögen“, antwortete Klara stattdessen.

„Danke, dass freut mich, dass Sie das sagen“, antwortete Olaf und wurde ein wenig rot.
„Was haben wir denn sonst noch an Papieren zu erledigen?“, fragte Peter.

„Das Pflegebett unten im Sanitätshaus bestellen, den Mietvertrag lesen und unterschreiben, den Pflege -und Betreuungsantrag an die Kasse schicken“, kam es von Klara wie aus der Pistole geschossen.

„Na, dann ist das Wochenende ja gerettet und wir sterben nicht vor Langeweile.“
Klara antwortete nicht darauf. Sie konnte in diesen für sie angespannten Situationen wenig mit Peters Humor anfangen.

„Dafür haben wir ja dich“, mischte sich Lukas ein und lachte Peter zu.
„Das kriegen wir schon“, sagte Peter nun knapp.

„Im Team arbeiten ist jetzt alles“, setzte er hinzu, aber keiner antwortete darauf, auch wenn Peter es gut meinte, mit seinen aufmunternden Sprüchen.

„Lukas, hier sind die Abmaße und die Aufstellung der Möbel für dieses Zimmer, die brauchst du doch, wenn du mit der Umzugsfirma sprichst, was alles aus Muttis Wohnung rausgetragen werden muss.“
Lukas nickte und ließ den Zettel in einer seiner vielen Taschen seines Handwerkeranzuges verschwinden.

„So, dann wären wir wohl hier fertig“, sagte Klara.

„Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich freue mich, dass wir uns heute schon einmal kurz kennenlernen durften.“

„Gerne“, sagte Olaf und war froh, dass das Eis gebrochen war.

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ANNA – RÜCKBLICK IN VERGANGENE WOCHE UND AUSBLICK AUF DIESE WOCHE

ANNA-2021.07.12

SIE KÖNNEN DIE VERMIETERBESCHEINIGUNG NICHT KRIEGEN

Klara und Peter benötigten die Bescheinigung von Annas Vermieter. Sie sollten sie an die Wohnungsverwaltung schicken, die für die Anmietung des Zimmers im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘ zuständig waren. Der Verwaltungsmitarbeiter Brummer von Annas Wohnungsgesellschaft aber gab sich störrisch.

„Ja, wir können Ihnen die Vermieterbescheinigung von Anna Sturm nicht schicken!“

„Wer sind Sie denn?“, fragte Peter, obwohl ihm klar war, woher der Anruf kam.

„Brummer“, ertönte die Stimme am anderen Ende.
Er betonte das ‚r‘ und dehnte gleichzeitig dabei noch das ‚e‘, sodass Peter den Namen ‚Brrummeer‘ verstand.

„Ach Herr Brummer“, ja schön, dass Sie sich melden!“
„Wie gesagt, Sie kriegen die Vermieterbescheinigung nicht!“

Herr Brummer ließ sich auf keinen Small-Talk ein.
Peter merkte, wie bei ihm der Blutdruck stieg und seine Schilddrüse anfing, heftig in seinem Hals zu klopfen.

Es war, als würde in einer Feuerwache schriller Alarm ausgelöst und die Feuerwehrmänner würden eine Stange herunterrutschen, um sich sofort ins Auto zu schwingen.

„Warum können wir die Bescheinigung nicht kriegen?“
Peter bemühte sich, mit ruhiger Stimme zu fragen.

„Weil wir nichts hinter dem Rücken Ihrer Schwiegermutter machen!“

„Wollen Sie uns unterstellen, dass wir etwas hinter dem Rücken von Anna Sturm machen, ohne dass wir nicht ihre Vollmacht und ihr Einverständnis hätten?“

„Das weiß ich nicht.“
„Wenn Sie es nicht wissen, warum sagen Sie es dann?“
„Das habe ich nicht gesagt!“

„Das haben Sie sehr wohl gesagt!“ Peter war in den Angriffsmodus übergegangen. Seine Stimme wurde lauter, klang schärfer.

„Jetzt hören Sie mir mal gut zu“, pumpte Peter sich weiter auf, „wenn Sie glauben, Sie könnten in dieser schnoddrigen und arroganten Art mit mir reden, dann haben Sie sich jetzt den absolut Falschen ausgesucht.“

Peters Stimme dröhnte, dass Klara ganz bleich im Gesicht geworden war.

„Sie haben es gesagt und meine Frau hat es auch gehört.“
Klara war von ihrem Stuhl aufgesprungen und kam zu Peter herübergelaufen. Sie bewegte angstvoll ihre Arme nach unten, um Peter zu beschwichtigen.

Doch das brachte ihn erst recht in Rage. Er hasste es, wenn Klara sich einmischte. Das Signal war stets das gleiche: ‚Mein Mann ist ein Raufbold und Polterkopf, aber er meint es nicht so‘.

Aber das war genau das Streichholz, das man nur noch an das Spritfass halten musste, damit alles in die Luft flog.
„Jetzt passen Sie mal gut auf, lieber Brummer“, Peter lies in seiner Wut die Anrede ‚Herr‘ weg.

„Sie sollten ganz schnell die Vermieterbescheinigung schicken, dann vergesse ich ihre ungehobelte, unfreundliche und dem Kunden wenig zugeneigte Art, und ich vergesse auch, was Sie gesagt haben, ohne dass Sie es gründlich durchdacht haben. Ich warte genau dreißig Minuten, bis die E-Mail bei mir angekommen ist. Auf Wiederhören“.

Peter drückte mit seinem Zeigefinger mit solcher Energie auf den roten Button des Handys, dass ihm der Finger hinterher wehtat.

„Musste das sein?“, fragte Klara nun mit vorwurfsvoller Stimme.

„Du lässt mich hier die Drecksarbeit machen und willst auch noch, dass ich den anderen aufs herzlichste begrüße, wenn der mit einem Beil auf mich zustürmt“, schnaubte Peter.

„Du bist doch der Klügere!“, sagte Klara.

„Ich will nicht der Klügere sein, ich will dem in den Arsch treten, wenn der mir so kommt.“

„Du mit deinem kulturellen Hintergrund!“, klagte ihn Klara vorwurfsvoll an.

Peter wollte nicht in solchen Momenten derjenige sein, der auf die allergrößten Grobheiten seines Gegenübers am Telefon mit feiner und rhetorisch ausgefeilter Stimme antwortete. Nein, er wollte ebenfalls zum Schwert greifen und auf den anderen zustürmen, Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Er wusste, dass es falsch war, aber das verdrängte er in diesem Moment.

„Ich muss arbeiten“, unterbrach Peter Klara und zog die Tür zum Arbeitszimmer hinter sich.

Ein paar Augenblicke später trudelte aus Stralsund die Mail mit der Vermieterbescheinigung im Anhang ein.

‚Geht doch‘, brummte Peter.

„Sehr geehrte Frau Gerber“, stand in der Anschrift. Peter wurde gar nicht erwähnt.
Doch er sollte trotzdem eine Lesebestätigung geben.

„Da können die lange warten!“, dachte Peter.
„Ist schon was gekommen?“, fragte Klara. Sie hatte die Tür zu seinem Zimmer leise aufgemacht.

„Kann ich dir nicht sagen, ich muss jetzt erst einmal meine Arbeit zu Ende bringen.

Klara seufzte und wusste, dass sie jetzt nicht mit Peter reden konnte.

Als sie wieder draußen war, druckte Peter die Vermieterbescheinigung aus dem Anhang der Mail aus, legte sie in seinen Ablagekorb und stülpte ein paar Rechnungen darüber.

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ULRIKE UND BERITT TREFFEN SICH AM EISCAFÉ – SEIT LANGEM MAL WIEDER
ANNA-2021.07.07

Ulrike und Beritt sind Freundinnen. Sie kennen sich noch von der Schwesternschule in Stralsund her. 
Ulrike arbeitet als Pflegedienstleiterin im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘, Beritt ist Krankenschwester im Stralsunder Sund-Krankenhaus.
Beritt ist mit Olaf verheiratet, der als Pfleger im ‚Betreuten Wohnen‘ arbeitet.
Ulrike ist Olafs Vorgesetzte.
Ulrike schlägt Beritt vor, mal wieder gemeinsam ein Eis essen zu gehen. 
Sie will herauskriegen, warum Olaf auf Arbeit so antriebslos ist.

„Wie läufts mit Olaf?“

„Ist er noch so fürsorglich wie früher?“
Beritt ließ sich Zeit mit ihrer Antwort.

„Ich weiß nicht, aber irgendwas ist anders. Olaf ist schweigsamer geworden, redet mit mir nicht mehr so viel.

Zum Beispiel die Sache mit Frieda Möller, die hat er mir gegenüber verschwiegen.“

Ulrike überlegte, ob sie Beritt etwas zu Saskia sagen sollte, aber sie entschied sich anders.

„Weißt du, die Arbeit in der Pflegeeinrichtung, die schlaucht alle, insbesondere jetzt in der Corona-Zeit.

Jeder arbeitet bis zum Anschlag, erholt sich nicht mehr so richtig während des Urlaubs, im Gegenteil, er nimmt die Probleme mit in seine Freizeit.“

„Das stimmt, das geht mir genauso. Wir kommen im Sund-Krankenhaus ebenfalls nicht vor Arbeit aus den Augen gucken.

Und wahrscheinlich zerrt das an den Nerven, macht uns reizbarer, wenn wir zusammen sind“, sagte Beritt mehr zu sich als zu Ulrike.
Ulrike schaute Beritt an.

Sie sah nicht gut aus im Gesicht, wirkte angespannt, trotz des Urlaubs, der erst ein paar Tage her war.

Sie beschloss nichts zu sagen, schon gar nicht darüber, dass sie das Gefühl hatte, dass sich Saskia und Olaf immer näherkamen, über das normale Arbeitsverhältnis hinaus.

Mehr lesen: https://uwemuellererzaehlt.de/2021/07/07/anna-2021-07-07/

DIE EINFAHRT VOM HEIM IST DOCH GANZ LEICHT ZU FINDEN

ANNA-2021.07.09

Klara ist nach Stralsund gefahren, um sich vor Ort ein Bild von der Pflegeeinrichtung ‚Betreutes Wohnen Sörensen‘ zu machen.
Lukas begleitet sie zum Heim. Er kann sich nur schwer mit dem Gedanken abfinden, dass Anna nicht mehr in ihrer Wohnung bleiben kann.
Klara und Lukas finden nur schwer den Eingang zum Gebäude ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘.

„Hier sollte doch eine Schranke sein und wo steht jetzt der Name der Einrichtung?“, fluchte Lukas und kurvte nun schon das zweite Mal um die Häuserblocks, die in der angegebenen Straße standen.
„Betreutes Wohnen Sörensen, Olaf Knaspe, was kann ich für Sie tun?“, ertönte eine dunkle Stimme, nachdem Klara die Telefonnummer gewählt hatte, die auf ihrem Zettel stand.

„Ja, Herr Knaspe, Klara Gerber hier, wir haben heute einen Besichtigungstermin für das Zimmer, in das meine Mutter einziehen soll“, sagte Klara.

„Wie ist denn der Name Ihrer Mutter?“, fragte Olaf, ohne sich groß zu bemühen. Er hätte es wissen müssen, dass es Anna Sturm war.

„Wieso fragen Sie denn? Wir beide haben doch den Termin miteinander für heute ausgemacht!“

„Ach so ja.“

„Ja, bis gleich“, antwortete Olaf wieder.

„Moment, wir finden den Eingang zum Gebäude nicht“, sagte Klara. Ihre Stimme überschlug sich nun schon fast, denn in ihr stieg allmählich der Ärger über so viel Gleichgültigkeit hoch.

„Das ist doch ganz einfach zu finden“, antwortete Pfleger Olaf.
„Wissen Sie, wenn Sie dort jeden Tag mehrfach ein- und ausgehen, dann ist es einfach. Ja. Aber wir kommen heute das erste Mal zu Ihnen.“

„Warten Sie, ich drücke mal einen Knopf, dann geht ein Tor auf und Sie können dort durchfahren.“
Olaf drückte auf den Summer.

„Da!“, rief Lukas, „siehst du die Flügeltüren, die sich gerade öffnen?“
„Fahr bloß schnell durch, bevor sie wieder zugehen“, sagte Klara, die sich noch immer über die halb schnoddrige Art des Pflegers ärgerte.
Lukas parkte das Auto auf dem dafür vorgesehenen Platz, stieg aus und streckte sich.

„Hallo, was macht ihr denn hier“, rief aus dem Fenster Berta Hoffmann.

„Das ist doch jetzt nicht wahr“, sagte Lukas.
Charly und Berta Hoffmann waren Freunde von Anna und Wilhelm Sturm.

Sie hatten sich am Strelasund eine Wohnung gesucht, in der sie auch bleiben konnten, wenn sie mal Pflege und Betreuung in Anspruch nehmen wollten.

„Ach, wir schauen hier nur mal, ob das was für Mutti ist“, antwortete Klara, immer noch verdattert, dass ausgerechnet in dem Moment Berta aus dem Fenster sah.

Wahrscheinlich tat sie das sehr oft am Tag.
„Kommt doch mal hoch zu uns“, rief jetzt Charly, der hinter seiner Frau stand.

„Wir haben leider ganz wenig Zeit“, sagte nun Lukas.
„Komm‘ lass uns verschwinden, sonst kommen wir hier nicht wieder weg“, flüsterte er Klara zu.

Die nickte stumm. Sie winkten beide nach oben und ging schnurstracks auf eine andere Eingangstür zu.

Im Flur erwartete sie Schwester Ulrike. Olaf hatte ihr Bescheid gesagt. Er selbst stand hinter Ulrike und schien ein schlechtes Gewissen zu haben.

„Herzlich willkommen, Familie Gerber“, sagte Ulrike.

„Ich bin Klara Gerber, geborene Sturm, und das hier ist mein Bruder, Lukas Sturm. Mein Mann konnte heute nicht mitkommen“, sagte Klara ein wenig verlegen.

„Aha, sehr angenehm. Wollen wir gleich zum Zimmer gehen?“
Ulrike sah die beiden erwartungsvoll an.

„Ja, gern“, sagte Klara.

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AUSBLICK 
ANNA – 2021.07.16
Klara besichtigt gemeinsam mit Lukas Annas künftiges Zimmer im Heim.
Es ist sehr klein. Klara beginnt schon in Gedanken die Möbel zu stellen.
Pfleger Olaf und Klara lernen sich besser kennen und Olaf beginnt sich auf die neue Heimbewohnerin einzustellen.
Die Bürokratie in Vorbereitung auf die Heimunterkunft frisst die Energie von allen auf.

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ULRIKE UND BERITT TREFFEN SICH AM EISCAFÉ – SEIT LANGEM MAL WIEDER

ANNA-2021.07.07

Was bisher war:
Schwester Ulrike hatte mit ihrer Freundin Beritt telefoniert, aber nichts darüber gesagt, dass sich Olaf auf der Arbeit antriebslos verhielt.
Beide wollen sich in einem Café am Markt treffen.
Klara und Peter verzweifeln, weil sie unendlich viele Anträge für Anna stellen müssen, damit die Aufnahme im Heim rechtzeitig vonstattengehen konnte.
Peter legte sich mit einem Verwaltungsmitarbeiter an und bekam zum Schluss die Vermieterbescheinigung.

Einführung:
Ulrike und Beritt trafen sich am Eiscafé, um ein paar Momente gemeinsam zu genießen, wie früher.

Schwester Ulrike hatte sich ein paar Stunden freigenommen und war früher vom Heim losgefahren, um rechtzeitig zum Treff mit Beritt zu kommen.

Beritt saß bereits in dem Eiscafé am Markt, indem sie schon vor vielen Jahren mit Ulrike gewesen war.

Sie hatte vor dem Café einen Tisch gefunden. Sie liebte diesen Platz mit dem Blick auf die große Kirche gegenüber.

Touristen schlenderten an ihr vorbei, die Sonne schien und Beritt fühlte sich in ihre Jugendzeit zurückversetzt, in der vorbeilaufende junge Matrosen mit ihr geflirtet hatten.

So hatte sie auch Olaf kennengelernt, der damals seinen Bundeswehrdienst als Zivildienstleistender absolvierte und in dem Pflegedienst aushalf, in dem auch Beritt und Ulrike ihre Arbeit nach der Ausbildung begonnen hatten.

Beritt nippte an ihrem Glas Wasser, das sie sich zur Überbrückung bestellt hatte.

Obwohl sie trank, behielt sie die Umgebung im Blick und erkannte sofort, dass hinter der Kirche Ulrike mit straffem Schritt auf sie zusteuerte.

Beritt winkte und erhob sich von ihrem Platz. Sie küssten sich, als Ulrike vor ihr stand und sie freuten sich beide ehrlich, dass sie Zeit füreinander gefunden hatten.

„Ich hab‘ uns schon zwei Eisbecher mit Schlagsahne und Eierlikör bestellt. Du weißt schon, fast wie früher“, sagte Beritt.

„Ach Gott, ich muss doch ein bisschen auf meine Figur achten, sonst kriege ich ja gar keinen mehr ab“, scherzte Ulrike.

Sie war noch immer ledig und auch wieder ungebunden. Aber sie fühlte sich so wohl und konnte sich voll auf ihre Arbeit konzentrieren.

„Erinnerst du dich noch daran, wie wir manchmal bis Mitternacht gesessen haben, anschließend zurück zur Schwesternschule gelaufen sind und dann noch nackt im Sund baden waren und die Matrosen mit uns ins Wasser wollten?“

„Na klar erinnere ich mich daran“, sagte Beritt.

„Es war eine schöne Zeit, die kommt nie wieder“, stimmte Ulrike zu.

„Wie läufts mit Olaf?“

„Ist er noch so fürsorglich wie früher?“
Beritt ließ sich Zeit mit ihrer Antwort.

„Ich weiß nicht, aber irgendwas ist anders. Olaf ist schweigsamer geworden, redet mit mir nicht mehr so viel.

Zum Beispiel die Sache mit Frieda Möller, die hat er mir gegenüber verschwiegen.“

Ulrike überlegte, ob sie Beritt etwas zu Saskia sagen sollte, aber sie entschied sich anders.

„Weißt du, die Arbeit in der Pflegeeinrichtung, die schlaucht alle, insbesondere jetzt in der Corona-Zeit.

Jeder arbeitet bis zum Anschlag, erholt sich nicht mehr so richtig während des Urlaubs, im Gegenteil, er nimmt die Probleme mit in seine Freizeit.“

„Das stimmt, das geht mir genauso. Wir kommen im Sund-Krankenhaus ebenfalls nicht vor Arbeit aus den Augen gucken.

Und wahrscheinlich zerrt das an den Nerven, macht uns reizbarer, wenn wir zusammen sind“, sagte Beritt mehr zu sich als zu Ulrike.

Ulrike schaute Beritt an. Sie sah nicht gut aus im Gesicht, wirkte angespannt, trotz des Urlaubs, der erst ein paar Tage her war.

Sie beschloss nichts zu sagen, schon gar nicht darüber, dass sie das Gefühl hatte, dass sich Saskia und Olaf immer näherkamen, über das normale Arbeitsverhältnis hinaus.

„Wie geht es der Kleinen?“, fragte sie stattdessen.

„Ach, die ist köstlich. Sie ist unser Sonnenschein“, sagte Beritt und blühte gleich wieder auf.

„Wollen wir einen kleinen Sekt trinken?“, fragte Ulrike.

„Oh ja, lass uns anstoßen auf die alten Zeiten“, nickte Beritt freudig.

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SIE KÖNNEN DIE VERMIETERBESCHEINIGUNG NICHT KRIEGEN

ANNA-2021.07.05

Was bisher war?
Peter und Klara mussten schnell handeln. Ein Zimmer im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘ am Strelasund war freigeworden.
Olaf Knaspe war Pfleger im ‚Betreuten Wohnen‘ und traurig, dass Frieda Möller gestorben war.
Es fiel ihm deshalb schwer, das Zimmer von ihr auszuräumen.
Saskia, eine Kollegin von Olaf, bot ihm ihre Unterstützung an.
Sie mochte Olaf, obwohl der verheiratet war.
Schwester Ulrike fragte Olaf, ob zwischen ihnen etwas lief.
Es war ihr unangenehm so etwas als die unmittelbare Vorgesetzte von Olaf zu fragen, zumal sie mit Beritt, Olafs Ehefrau, befreundet war.

Einführung:
Schwester Ulrike telefonierte mit Beritt, ihrer Freundin, die auch Olafs Ehefrau war.
Klara wollte eine Bescheinigung von Annas Vermieter haben, zur Vorlage für die Anmietung des Zimmers im Heim ‚Betreutes Wohnen Sörensen‘ am Strelasund.
Peter legte sich mit dem Verwaltungsmitarbeiter von Annas Vermietergesellschaft an.
Herr Brummer gab sich unnachgiebig und störrisch. Er hatte aber nicht mit Peters Energie gerechnet.

Schwester Ulrike saß noch eine Zeit lang in ihrem Zimmer am Schreibtisch, nachdem Olaf gegangen war.

Sie dachte darüber nach, warum Olaf sich so antrieblos verhielt, obwohl er gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt war.

Sie erinnerte sich an die Zeit in der Schwesternschule, in der sie mit Beritt Freundschaft geschlossen hatte, der späteren Ehefrau von Olaf.

Beritt und Ulrike waren gleichaltrig. Beritt war fünf Jahre älter als ihr heutiger Mann Olaf, wobei man ihr das nicht ansah.

Ulrike griff zum Hörer und wählte die Nummer ihrer Freundin.

„Knaspe“, ertönte eine Stimme im Hörer.
„Hallo Beritt, hier ist Ulrike.“

„Ulrike, das ist ja schön, dass du dich mal meldest. Ist irgendetwas mit Olaf?“
„Nein, nein, ich wollte nur mal deine Stimme hören“, wich Ulrike aus.

„Ach, und ich dachte schon, es wäre was passiert?“
„Wie kommst du darauf?“, fragte Ulrike und verschwieg, dass sie ja gerade wegen Olaf anrief.

„Ach, manchmal habe ich schon gedacht, dass er eine Freundin hat“, sagte sie.

„Er wirkt so abwesend.“
„Ich glaube Olaf bedrückt, dass eine seiner Heimbewohnerinnen verstorben ist“, antwortete Ulrike.

„Doch nicht etwa Frieda Möller?“
„Ja, leider. Frieda Möller ist tot und Olaf scheint das mehr mitzunehmen, als er sich selbst eingestehen will.“

Beritt schwieg, bevor sie antwortete: „Komisch, dass er mir das nicht erzählt hat, aber er kriegt ja ohnehin kaum noch den Mund auf.“

„Du, lass uns doch mal wieder einen Kaffee trinken gehen, im Cafè am Alten Markt, du weißt schon.“

„Ja gern, ich melde mich, ich muss jetzt zur Schicht“, gab Beritt zurück.

„Bis bald“, antwortete Ulrike und legte den Hörer auf.

Sie erhob sich vom Schreibtisch, ging auf den Flur und sah, wie Olaf und Saskia gemeinsam die Sachen von Frieda Möller aus dem Zimmer räumten.

Sie seufzte und lief in Richtung des Raumes, indem sich die Bewohner allmählich zum Mittagessen einfanden.

Klara saß seit sechs Uhr am Morgen im Zimmer nebenan von Peter und hatte gerade begonnen, sich für das Homeoffice anzumelden.

Sie hatte sich eingespielt mit der Technik, konnte alles gut bearbeiten und sparte sich so die Fahrt in die Berliner Innenstadt.

Ihre Gedanken schweiften manchmal ab, weil sie die ganze Situation zu erschlagen schien.

Bis Anfang September musste alles erledigt sein – Anna im Heim, das Zimmer vorher einrichten, Annas Wohnung ausräumen, die Pflegeverträge neu abschließen, alle Unterlagen für die Anmietung des Zimmers im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘ bereitstellen.

Sie wollte zu Wochenbeginn noch unbedingt in Stralsund anrufen, bei Annas Vermieter und ihn um eine Vermieterbescheinigung bitten.

Anna wohnte nun fast sechzig Jahre in dem Haus und hatte ihre Miete stets pünktlich bezahlt. Das interessierte aber niemanden.

„Wir brauchen von Ihnen diesen Zettel, damit wir ihn zu den Vermietungsunterlagen legen können, hatte ihr die Verwaltungsmitarbeiterin des Wohnungsbauunternehmens von Stralsund gesagt, die für die Vermietung der Zimmer im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘ zuständig waren.

Es war inzwischen gegen zehn Uhr am Vormittag.
„Wolltest du nicht Annas Vermieter anrufen?“, fragte Peter.

Er saß im Nebenzimmer, schrieb an einem Interview, das er mit einem Kunden am Telefon geführt hatte.

Er überlegte, ob er nicht erst eine Pause einlegen sollte. Er könnte ins Wohnzimmer gehen und sich ein bisschen durch das Fernsehprogramm zappen.

„Jetzt ist mir klar“, warum hier kein Geld reinkommt“, hatte Klara ihm erst wieder in der vergangenen Woche gesagt. Seitdem sie im Homeoffice arbeitete, stand Peter unter engmaschiger Beobachtung.

„Kein Geld stimmt nicht. Kleingeld stimmt“, antwortete Peter darauf.
„Hast du die Nummer von dem Mieter?“, unterbrach Klara ihn in seinen Gedanken.

„Hast du denn die Nummer schon wieder nicht notiert?“, fragte Peter zurück. Er verstand nicht, warum Klara ihn jedes Mal aufs Neue nach der Telefonnummer fragte.

Er hatte sie längst in seinem weitverzweigten System abgespeichert.
Er war stolz auf sein digitales Ablagesystem, nur dass es sich zwischendurch als zu kompliziert entpuppte und sich in ein Bermudadreieck verwandelte, indem auch Peter nichts mehr wiederfand.

„Willst du mir nun helfen?“, rief Klara aus dem Nebenzimmer.

Widerwillig zog er ein großes weißes Blatt aus dem Papierstapel hervor und schrieb in großen Zahlen die Telefonnummer der Wohnungsfirma darauf.

Lautlos erhob er sich und ging in das andere Zimmer.

„Hier“, sagte er knapp.
„Danke schön“, formulierte Klara mit spitzer Zunge.

Peter reagierte darauf nicht, sondern ging die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, um sich eine Pause zu gönnen.

Als er die Treppe wieder Richtung Arbeitszimmer hochstieg, rief Klara ihm zu, dass sie mit einem Mitarbeiter von Annas Vermietergesellschaft gesprochen hatte und Peters Handynummer für Nachrichten hinterlassen hätte.

„In Ordnung“, brummte Peter und ließ sich missmutig auf seinen Schreibtischsessel fallen.

Er zog die Tastatur zu sich heran und tippte an der Stelle weiter, an der er eine halbe Stunde zuvor aufgehört hatte.

Das Handy kam dazwischen. Es klingelte und Peter sah eine Stralsunder Nummer.

„Gerber“, sagte er und wartete ab.
„Ja, wir können Ihnen die Vermieterbescheinigung von Anna Sturm nicht schicken!“

„Wer sind Sie denn?“, fragte Peter, obwohl ihm klar war, woher der Anruf kam.

„Brummer“, ertönte die Stimme am anderen Ende.
Er betonte das ‚r‘ und dehnte gleichzeitig dabei noch das ‚e‘, sodass Peter den Namen ‚Brrummeer‘ verstand.

„Ach Herr Brummer“, ja schön, dass Sie sich melden!“
„Wie gesagt, Sie kriegen die Vermieterbescheinigung nicht!“

Herr Brummer ließ sich auf keinen Small-Talk ein.

Peter merkte, wie bei ihm der Blutdruck stieg und seine Schilddrüse anfing, heftig in seinem Hals zu klopfen.

Es war, als würde in einer Feuerwache schriller Alarm ausgelöst und die Feuerwehrmänner würden eine Stange herunterrutschen, um sich sofort ins Auto zu schwingen.

„Warum können wir die Bescheinigung nicht kriegen?“
Peter bemühte sich, mit ruhiger Stimme zu fragen.

„Weil wir nichts hinter dem Rücken Ihrer Schwiegermutter machen!“

„Wollen Sie uns unterstellen, dass wir etwas hinter dem Rücken von Anna Sturm machen, ohne dass wir nicht ihre Vollmacht und ihr Einverständnis hätten?“

„Das weiß ich nicht.“

„Wenn Sie es nicht wissen, warum sagen Sie es dann?“
„Das habe ich nicht gesagt!“

„Das haben Sie sehr wohl gesagt!“ Peter war in den Angriffsmodus übergegangen. Seine Stimme wurde lauter, klang schärfer.

„Jetzt hören Sie mir mal gut zu“, pumpte Peter sich weiter auf, „wenn Sie glauben, Sie könnten in dieser schnoddrigen und arroganten Art mit mir reden, dann haben Sie sich jetzt den absolut Falschen ausgesucht.“

Peters Stimme dröhnte, dass Klara ganz bleich im Gesicht geworden war.

„Sie haben es gesagt und meine Frau hat es auch gehört.“
Klara war von ihrem Stuhl aufgesprungen und kam zu Peter herübergelaufen. Sie bewegte angstvoll ihre Arme nach unten, um Peter zu beschwichtigen.

Doch das brachte ihn erst recht in Rage. Er hasste es, wenn Klara sich einmischte. Das Signal war stets das gleiche: ‚Mein Mann ist ein Raufbold und Polterkopf, aber er meint es nicht so‘.

Aber das war genau das Streichholz, das man nur noch an das Spritfass halten musste, damit alles in die Luft flog.

„Jetzt passen Sie mal gut auf, lieber Brummer“, Peter lies in seiner Wut die Anrede ‚Herr‘ weg.

„Sie sollten ganz schnell die Vermieterbescheinigung schicken, dann vergesse ich ihre ungehobelte, unfreundliche und dem Kunden wenig zugeneigte Art, und ich vergesse auch, was Sie gesagt haben, ohne dass Sie es gründlich durchdacht haben. Ich warte genau dreißig Minuten, bis die E-Mail bei mir angekommen ist. Auf Wiederhören“.

Peter drückte mit seinem Zeigefinger mit solcher Energie auf den roten Button des Handys, dass ihm der Finger hinterher wehtat.

„Musste das sein?“, fragte Klara nun mit vorwurfsvoller Stimme.
„Du lässt mich hier die Drecksarbeit machen und willst auch noch, dass ich den anderen aufs herzlichste begrüße, wenn der mit einem Beil auf mich zustürmt“, schnaubte Peter.

„Du bist doch der Klügere!“, sagte Klara.

„Ich will nicht der Klügere sein, ich will dem in den Arsch treten, wenn der mir so kommt.“

„Du mit deinem kulturellen Hintergrund!“, klagte ihn Klara vorwurfsvoll an.

Peter wollte nicht in solchen Momenten derjenige sein, der auf die allergrößten Grobheiten seines Gegenübers am Telefon mit feiner und rhetorisch ausgefeilter Stimme antwortete.

Nein, er wollte ebenfalls zum Schwert greifen und auf den anderen zustürmen, Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Er wusste, dass es falsch war, aber das verdrängte er in diesem Moment.

„Ich muss arbeiten“, unterbrach Peter Klara und zog die Tür zum Arbeitszimmer hinter sich.

Ein paar Augenblicke später trudelte aus Stralsund die Mail mit der Vermieterbescheinigung im Anhang ein.

‚Geht doch‘, brummte Peter.

„Sehr geehrte Frau Gerber“, stand in der Anschrift. Peter wurde gar nicht erwähnt.

Doch er sollte trotzdem eine Lesebestätigung geben.

„Da können die lange warten!“, dachte Peter.

„Ist schon was gekommen?“, fragte Klara. Sie hatte die Tür zu seinem Zimmer leise aufgemacht.

„Kann ich dir nicht sagen, ich muss jetzt erst einmal meine Arbeit zu Ende bringen.

Klara seufzte und wusste, dass sie jetzt nicht mit Peter reden konnte.

Als sie wieder draußen war, druckte Peter die Vermieterbescheinigung aus dem Anhang der Mail aus, legte sie in seinen Ablagekorb und stülpte ein paar Rechnungen darüber.

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SCHWESTER ULRIKE MACHT SICH GEDANKEN ÜBER PFLEGER OLAF

ANNA-2021.07.01

Was bisher war
Saskia Pesic freute sich, dass ihr Kollege aus dem Urlaub zurückgekehrt war.
Sie war ein wenig verliebt in ihn, obwohl er verheiratet war und eine kleine Tochter hatte.
Saskia war mit ihren Eltern vor 25 Jahren nach Deutschland gekommen, aus Kroatien. Sie hatte eine Ausbildung zur examinierten Krankenschwester absolviert und sich später zur Altenpflegerin fortgebildet. Sie bot Olaf an, ihm beim Ausräumen des Zimmers von Frieda Möller zu helfen, die verstorben war. Schwester Ulrike bat Olaf zu einem Gespräch.

Olaf hatte zwar bereitwillig zugestimmt, als Schwester Ulrike ihn fragte, ob er mal kurz Zeit für ein Gespräch hätte, aber begeistert war er nicht.

Die anderen Arbeiten blieben ja liegen.
Gott sei Dank hatte Saskia ihre Unterstützung angeboten.

„Olaf, du wirkst so ein bisschen neben dir. Hast du dich nicht gut erholen können, in deinem Urlaub?“

„Doch, doch, das passt schon.“

Was hätte er auch sagen sollen, dass er sich viel mit seiner Frau gestritten hatte, weil Olaf sich nicht mehr im Haushalt engagierte und mithalf, dass seine Frau besser die abwechselnden Schichten bewältigen konnte?

Dass sich diese Diskussionen mit in den Urlaub hineinbewegten und dass sie nirgendwo hingefahren waren, weil Corona das verhindert hatte.

Oder sollte er sagen, er wäre am liebsten wieder früher zur Arbeit gefahren?

„Olaf, bis du noch hier?“, fragte ihn Schwester Ulrike.

„Ja, klar!“ Olaf schaute sie nun konzentriert an.

„Wir sind alle traurig, dass Frieda Möller nicht mehr da ist, ich meine, dass sie kürzlich verstorben ist.

Ich verstehe dich auch, dass du damit ein besonderes Problem in deiner Trauerbewältigung hast, denn du warst stets ihr erster Ansprechpartner hier.“

Ulrike schaute ihn ernst an.

„Aber, was nicht geht, das ist, dass du die Arbeiten deshalb verzögerst. Olaf, wir sind ein Unternehmen, dass mit der Pflege und Betreuung sein Geld verdient.

Wir können es uns nicht leisten, dass wir das Zimmer für ein paar Monate leer stehen lassen. Dafür gibt es auch zu viele Bewerber darauf.“

„Klar verstehe“, sagte Olaf und man sah ihm an, dass er es gar nicht verstand.

Weniger vom Verstehen, sondern eher vom Gefühl her.

„Gut, dann hätten wir das geklärt.“
Olaf war schon aufgestanden, als Schwester Ulrike eine Frage hinterherschob.

„Sag‘ mal Olaf, läuft da was zwischen dir und Saskia?“
Schwester Ulrike war es peinlich, so direkt zu fragen.

Sie wusste auch nicht, ob ihr das überhaupt zustand. Aber sie wollte klare Verhältnisse in ihrem Haus.

Sie hatte nichts gegen die Liebe und schon gar nicht gegen Freundschaften.

Doch sie wusste, von Olafs Frau, dass es nicht so gut lief mit den beiden.

Beritt, Olafs Frau, und Ulrike kannten sich von der Schwesternschule her, die sie in Stralsund gemeinsam besucht hatten.

„Wie kommst du darauf?“, fragte Olaf verdutzt.

„Naja, ich sehe ja, wie du Saskia anschaust und wie Saskia dir wiederum den Kopf verdreht. Sie ist ja auch ein hübsches Ding.“

„Nein, um Gottes Willen, ich bin doch verheiratet“, antwortete er hastig.

„Ich weiß!“, sagte Ulrike, stand auf und brachte Olaf zur Tür.
Olaf ging schweigend und mit hochrotem Kopf auf den Flur hinaus.

Ausgerechnet in dem Augenblick rannte er Saskia fast in die Arme.

„So, schau mal, wie ich das Zimmer von Frieda Möller ausgeräumt habe“, sagte Saskia fröhlich.

„Ich hab‘ keine Zeit!“

„Keine Zeit? Das ist eigentlich dein Job.“

Olaf hörte nicht, er ging schnurstracks nach draußen und musste erst einmal für sich allein sein.

In der nächsten Folge: 
Olaf geht Saskia aus dem Weg, er versucht es jedenfalls.
Schwester Ulrike erinnert sich an ihre Zeit in der Schwesternschule zurück und überlegt, ob sie ihrer Freundin Beritt, Olafs Frau, etwas von Saskia erzählt.

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SASKIA FREUTE SICH, DASS OLAF WIEDER AUS DEM URLAUB ZURÜCK WAR

ANNA-2021.06.30

Was bisher war:
Olaf Knaspe war noch nicht bereit für eine neue Heimbewohnerin nach dem Tod von Frieda Möller.
Er war Pfleger im Heim ‚Betreutes Wohnen Sörensen‘ am Strelasund.
Er kehrte gerade aus dem Urlaub zurück, als er vom Tod der Heimbewohnerin erfuhr.
Schwester Ulrike drängte ihn, das Zimmer auszuräumen und für die neue Heimbewohnerin vorzubereiten.
Er wollte noch nicht. Demotiviert und ohne Antrieb schlurfte er an seinem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub auf dem Flur der Einrichtung entlang.
Da begegnete er Saskia, seiner Arbeitskollegin. Er mochte sie. Aber Olaf war verheiratet, seine Frau arbeitete als Krankenschwester im Sund-Krankenhaus.
Saskia nahm das alles nicht so schwer. Sie war jung, ungebunden und mochte Olaf ebenfalls.

Saskia Pesic freute sich, dass ihr Kollege Olaf Knaspe aus dem Urlaub zurückgekehrt war.

Sie mochte seine ruhige, etwas tollpatschige Art. Sie selbst war flink, im Denken und im Handeln.

Deshalb zog sie Olaf sehr gern damit auf, wenn er lange und umständlich darüber nachdachte, was zu tun war.

„Olaf, was meinst du, schaffst du es heute noch bis zum Ende des Flurs, damit Frau Herzog ihre Medikamente bekommt“, fragte sie ihn einen Tag vor dessen Urlaubsbeginn.

Olaf musste darüber schmunzeln, er nahm es Saskia nicht übel.
„Hab‘ ich hier die langen Gänge gebaut?“, fragte Olaf manchmal zurück.

Saskia war mit ihren Eltern vor 25 Jahren nach Deutschland gekommen, aus Kroatien.

Sie war damals gerade mal fünf Jahre und lebte sich schnell in ihrer neuen Heimat ein.

Sie lernte Deutsch auf dem Schulhof, in der Klasse und beim Spielen mit den anderen Kindern. Sie hatte sich nie als Fremde gefühlt.

Nach dem Abschluss der Realschule absolvierte sie eine Ausbildung zur examinierten Krankenschwester in Greifswald. Später hatte sie sich dann zur examinierten Altenpflegerin fortgebildet.

Saskia gefiel der Umgang mit den alten Menschen. Sie war so erzogen, dass man den Alten half, ihnen bis zu deren Lebensende zur Seite stand und auch die nötige Wertschätzung entgegenbrachte.

Die Bewohnerinnen des ‚Betreuten Wohnens Sörensen‘ spürten die herzliche Anteilnahme von Saskia.

Saskia war 1, 63 m groß, sie hatte eine schlanke Figur und trug kurz geschnittene schwarze Haare.

„Findest du mich schön?“, hatte sie Olaf gefragt und ihn deshalb ins Stottern gebracht.

„Ich weiß nicht“, hatte er geantwortet.

Dabei wusste er es ganz genau. Saskia Pesic war genau sein Typ. Er sah sie gern an, vermied es aber, um nicht am Arbeitsplatz mit unangenehmen Fragen konfrontiert zu werden.

Er schaute lieber nach unten, wenn er Saskia begegnete und wirkte dadurch noch gebeugter.

Saskia lächelte ihn stets freundlich und offen an, verdrehte gern die Augen, um ihn noch mehr verlegen zu machen.

Sie wusste, dass Olaf verheiratet war, eine kleine Tochter hatte.
Aber sie war ungebunden, lachte gern und fühlte sich frei, wenn sie mit Olaf flirtete.

Sie wollte sich selbst nicht eingestehen, dass sie ein wenig in ihn verschossen war.

Das sollte ihr Geheimnis bleiben, denn sie wollte auf keinen Fall riskieren, dass ihre Kolleginnen darauf aufmerksam wurden.

„Olaf, soll ich dir dabei helfen, das Zimmer von Frieda Möller auszuräumen und für die neue Bewohnerin vorzubereiten?“

Olaf schaute sie an, blickte in ihr Gesicht, um herauszubekommen, ob sie wieder etwas im Schilde führte.

Aber er blickte in ihre blauen Augen und sah eine ehrliche Hilfsbereitschaft, die ihm von ihr entgegenstrahlte.

„Weißt du, du würdest mir helfen, wenn du erst einmal die restlichen Sachen von Frieda Möller wegräumst und sie in eine Tasche tust. Morgen will ihr Sohn vorbeikommen und alles abholen.“

„Und warum machst du das nicht?“, fragte Saskia.

„Alles gut, ich mach‘ das natürlich“, beeilte sie sich zu sagen, als sie den traurigen Gesichtsausdruck von Olaf sah.

Sie spürte, dass er nur schwer seine Gefühle verbergen konnte und wollte ihn nicht weiter quälen.

Saskia erinnerte sich, wie im vergangenen Jahr der neunundachtzigjährige Kurt verstorben war, dem sie so gern zuhörte, wenn er über sein Leben erzählte.

„Ich werde hier mal mit den Füssen zuerst rausgetragen“, hatte Kurt mal scherzhaft gesagt.
Und dabei wusste jeder, dass es so war.

Für keinen war es leicht, sich damit abzufinden, nicht für die Angehörigen und auch nicht für das Pflegepersonal.

Jeder mochte den einen oder anderen Bewohner oder eben die eine oder andere Bewohnerin mehr, auch wenn sie es sich nicht nach außen anmerken ließen.

Für Olaf war es eben Frieda Möller gewesen.
Schwester Ulrike kam um die Ecke.

„Olaf, hast du mal eine Minute Zeit?“

„Klar, Chefin.“

Olaf nickte Saskia zu und stapfte hinter Schwester Ulrike hinterher, in Richtung ihres Zimmers.

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PFLEGER OLAF KNASPE WAR NICHT BEREIT FÜR EINE NEUE HEIMBEWOHNERIN NACH DEM TOD VON FRIEDA MÖLLER

ANNA-2021.06.28

Was bisher war:
Keiner in der Familie hatte geglaubt, dass es so schnell gehen würde mit der Unterbringung von Anna im ‚Betreuten Wohnen‘.
Peter und Klara hatten die Information erhalten, dass ein Zimmer frei geworden war.
Olaf Knaspe, ein Pfleger aus dem Haus ‚Betreutes Wohnen Sörensen‘ am Strelasund war gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt und hatte erfahren, dass Frieda Möller gestorben war.
Jetzt standen schon die nächsten Verwandten bereit, um das Zimmer für ihre Angehörige, Anna Sturm, zu übernehmen.
Olaf Knaspe durchlief ein Wechselbad der Gefühle.

Olaf Knaspe wollte noch ein wenig trauern um Frieda Möller und nicht gleich das Zimmer für eine neue Heimbewohnerin räumen müssen.

Doch Schwester Ulrike, die Leiterin der Einrichtung saß ihm im Nacken. Sie wollte, dass es schnell ging mit der Neuvermietung des freigewordenen Zimmers.

Olaf Knaspe ging den Flur entlang, vorbei an Frieda Möllers Zimmers, das nun verwaist schien und auf die neue Bewohnerin zu warten schien.

Olaf lief daran vorbei, so als wäre er nie dort hineingegangen, um zu schauen, was Frieda Möller gerade tat. Er war 1,90 m groß, kräftig gebaut und ging stets ein wenig nach vorn gebeugt, so als müsste er aufpassen, dass er nirgendwo anstieß.

Sein Gesichtsausdruck war ernst, was durch die kantige Form seines Kopfes unterstrichen wurde.

Man kannte Pfleger Olaf nur in Jeans und mit einem übergestülpten grünen Schlupfsack, die seine Arbeitskleidung war.

„Guten Morgen Olaf“, rief ihm eine Bewohnerin vom anderen Ende des Flurs fröhlich entgegen.

„Morgen“, brummte er zurück. Die Bewohnerin stutzte. Olaf war nicht als lauter Mensch bekannt. Er war eher schweigsam und sprach bedächtig, was durch seinen Stralsunder Dialekt eher noch unterstrichen wurde.

Aber dass er so ruhig war, kam ihr komisch vor.
Hinter Olaf klapperten plötzlich Schuhe, deren Geräusche Olaf ihm vorkamen.

Das konnte nur Schwester Saskia sein. Sie war Olafs Kollegin, dreißig Jahre alt, noch ledig und das ganze Gegenteil von ihm. Sie schnatterte viel und laut, lachte gern, und hatte ein hübsches Gesicht und eine wohlgeformte Figur.

Sie trug einen kurzen Haarschnitt und trug ebenfalls enge Jeans, die an den Körper angewachsen zu sein schienen.

Olaf mochte Saskia, was er aber niemals zugeben würde. Er selbst war verheiratet, hatte eine kleine vierjährige Tochter, die sein ein und alles war.

Er war nun schon acht Jahre mit seiner Frau zusammen und es hatte sich etwas Routine in ihre Beziehung eingeschlichen.
„Hallo Olaf, na, wieder zurück aus dem Urlaub?“, plapperte Saskia schon hinter ihm los.

„Hm, ja“, brummte Olaf.
„Ich freu‘ mich auch ganz doll, dich zu sehen, deinen fröhlichen Charme zu spüren, der richtigen Schwung in die Arbeit bringt“, sagte nun Saskia.

Olaf blieb stehen, drehte sich langsam um und Saskia wäre ihm fast mit ganzer Energie in die Arme gelaufen. Sie konnte vorher noch abbremsen und berührte ihn lediglich mit ihren Brüsten, die sich sofort weich an ihn schmiegten.

Olaf durchlief es heiß und kalt und er wusste nicht mit der Situation umzugehen.

„Kommst du heute nach Schichtschluss kurz mit an den Strand, um uns ein bisschen abzukühlen?“, fragte Saskia ihn und schaute ihn mit ihren fröhlichen blauen Augen provozierend an.

Olaf wüsste nicht, was er lieber täte. Aber er hatte noch die Bilder vom letzten Mal im Kopf, als sie beide zum Strand am Bodden hinunterliefen und Saskia sich splitternackt auszog und sich ins Wasser zu stürzte.

Olaf schaute sie verdattert an und traute sich nicht, seine Unterhose auszuziehen.

„Was ist los mit dir, bist du zu feige?“, rief Saskia ihm zu, während sie fröhlich im Wasser plantschte.

Olaf wollte nicht feige sein, egal, in welcher Hinsicht es Saskia meinte.

„Also, was ist?“, holte ihn Saskia aus seinen Gedanken zurück.

„Du, weißt du“, fing er stotternd an, meine Frau wartet auf mich.“

„Dann bring sie doch mit“, sagte Saskia nun und schaute ihn frech an.

„Ich muss los, Frieda wartet auf mich“, sagte er.
„Frieda, Frieda Möller?“

„Die ist doch verstorben!“, sagte Saskia.

„Ich mein‘ ja nur, ich muss das Zimmer vorbereiten für die neue Heimbewohnerin.

„Kaum ist Olaf aus dem Urlaub zurück und schon flirtet ihr hier auf dem Flur!“

Hinter ihnen stand Schwester Ulrike. Beide hatten sie nicht bemerkt, so waren sie mit sich beschäftigt.

„Olaf, wie weit bist du mit den Vorbereitungen?“, fragte Schwester Ulrike.

„‚Joh‘“, gab er knapp zurück.

„Was ‚joh‘? Fertig oder nicht?“ Schwester Ulrike war freundlich im Ton, ließ sich dennoch nicht von Olaf abwimmeln.

„Nun mal ein bisschen flotter, Herrschaften, wir sind hier nicht beim Tanztee.“

„Ach wie schade“, lachte Saskia und machte sich auf den Weg, um ihren Patienten das Frühstück zuzubereiten.

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DU KANNST ÜBER DEMENZ REDEN – ABER DU KANNST SIE NICHT WEGREDEN

RÜCKBLICK – ANNA-2017.10.05

Die Geschichte einer Familie reicht über vier Jahre zurück. Und immer war ein Thema präsent – die Demenz

„Ich denke, dass Anna schon noch mitbekommt, dass sie stets dasselbe fragt. Nur, dass sie eben die Antwort darauf nicht mehr kennt“, sagte Peter.

„Das mag ja alles so sein“, entgegnete Klara knapp. Sie mochte nicht mehr darüber reden. Annas Krankheit, die Sorge darum, was noch alles passieren konnte, das belastete alle ziemlich stark und Klara am meisten.

Irgendwie zog sich das durch sämtliche Gedankengänge. Manchmal sprachen sie schon morgens, 05.00 Uhr beim Frühstück, was Anna am Tag zuvor von sich gegeben hatte.

„Wenn wir in Stralsund wohnen würden und wir hätten ein Haus, und deine Mutter in diesem Haus auch eine Wohnung, dann wäre alles einfacher“, sagte Peter und biss in sein Brötchen.

„Entweder du erzählst morgens schon über Politik oder über meine Mutter und ihre Krankheit.“ Klara war noch nicht bereit überhaupt zu sprechen.

Peter sagte nichts mehr. Er schlug die Zeitung auf und las einen Artikel darüber, warum die AFD in Ostdeutschland so stark geworden war.

‚Die Ossis lebten vierzig Jahre in einer Diktatur, und nun gingen sie rechtsextremen Positionen auf den Leim.‘

Das war der Tenor eines Leitartikels.

„Der Autor macht es sich mal wieder einfach“, sagte er, knüllte die Zeitung zusammen und nahm den Sportteil zur Hand.

„Wovon redest du?“
Klara schaute ihn an.

„Ach nichts. Ich möchte bloß mal wissen, wieviel Mühe sich manche Journalisten machen, um Ursachen von bestimmten Stimmungen tatsächlich auf den Grund zu gehen.

Die haben doch ihre Vorurteile im Kopf, wissen, was der Chefredakteur lesen will und bedienen diese Pauschalannahmen mit Fakten, die in Wirklichkeit nur in deren Köpfen existieren.“

Peter konnte sich darüber aufregen. Aber er würde nichts ändern. Er müsste sich selbst bewegen, einmischen. Vielleicht sollte er das auch tun.

Seine Geschichte erzählen, die er kennt, wo er der Kapitän ist, und wo ihm keiner sagen kann: „Das war ganz anders.“

Er hat ein Bild im Kopf von Ost und West, gespeist aus seinen eigenen Erfahrungen, das gar nicht so grau aussah. Eher bunt.

Würde man sich mehr gegenseitig die eigenen Lebensgeschichten erzählen, dem Anderen zuhören, dann wäre vieles einfacher, glaubte Peter.

„Und was hat das alles mit meiner Mutter zu tun?“, fragte Klara.
Peter sah von der Zeitung auf, in die er hineingemurmelt hatte, ohne zu wissen, dass Klara ihm zuhörte.

„Im Prinzip wenig. Es hat nur etwas mit unserem Leben zu tun, das nicht nur aus der Sorge um Anna besteht“, sagte Peter.

Aber es war gut, dass sie sich kümmerten, um Anna.
Dafür war Peter vor allem Klara sehr dankbar.

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ES GAB KEINE ALTERNATIVE ZUM BETREUTEN WOHNEN, TROTZDEM FIEL DER GEDANKE DARAN SCHWER

ANNA-2021.06.25

Was bisher war:
Ein Zimmer im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘ ist frei geworden.
Klara und Peter müssen schnell handeln, doch es fällt ihnen schwer, sich der Realität zu stellen.

Keiner hatte geglaubt, dass es so schnell gehen würde. Alle waren der Meinung, es würde noch mindestens ein halbes Jahr dauern, bis es Zeit war, sich um eine Unterbringung für Anna zu kümmern.

Noch schaffte es Anna, sich selbst zu waschen, das Abendbrot vorzubereiten.

Nur das Frühstück und das Mittagessen, das wurde täglich gebracht.
Anna war umgänglich und freundlich, wenn die Schwestern kamen und ihr die Spritze verabreichen wollten.

Bis auf die Aussetzer, die sie hatte.
Sie konnte dann zornig werden und ihr Ton wurde rauer, gegenüber den Schwestern und Lukas.

„Ich habe das selbst erlebt, wie Mutti wütend geworden ist. Deshalb kann ich verstehen, wenn die Schwestern nach einem Besuch bei ihr auf solche Situationen aufmerksam machen“, sagte Klara nach ihrem letzten Besuch in Stralsund zu Peter.

Und nun gab es kein Zurück mehr. Sie mussten handeln.
Peter hatte für Klara alles vorbereitet, damit sie sich weiter durch den Dschungel der Bürokratie kämpfte.

Olaf Knaspe war nicht gut drauf an diesem Tag. Er war als Pfleger im ‚Betreuten Wohnen Sörensen‘ am Strelasund tätig  und gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt. An seinem ersten Arbeitstag musste er erfahren, dass Frieda Möller verstorben war.

Frieda Möller gehörte zu den Bewohnerinnen, die er täglich betreute.

Sie bewohnte das Zimmer im dritten Stock der Einrichtung.

„Ach schön, dass Sie mich besuchen, Herr Knaspe“, sagte sie zu ihm, wenn er ihr dreimal am Tag die Medikamente verabreichte.

„Und kommen Sie doch bald wieder“, rief sie ihm nach, wenn er das Zimmer wieder verließ.

„Das lässt sich einrichten, ich glaube, ich komme heute Mittag noch einmal vorbei“, antwortete Olaf Knaspe dann, ohne auch nur im Ansatz zu erkennen zu geben, dass er wahrscheinlich noch viel mehr als nur noch einmal in ihr Zimmer kommen würde.

Frieda Möller vergaß in dem Moment, wo der Pfleger aus der Tür war, was der gesagt hatte.

Das Spiel wiederholte sich stets aufs Neue. Und obwohl es für Olaf Knaspe manchmal nervig war, so war Frieda Möller ihm gerade durch diese sich stets wiederholenden Einladungen ans Herz gewachsen.

Jetzt war sie nicht mehr da und die nächste potenzielle Mieterin auf der Liste war Anna Sturm.

Das Zimmer war nun frei geworden und die Pflegedienstleitung drängte darauf, dass es möglichst schnell wieder neu belegt wurde.

„Olaf, bitte ruf unbedingt heute Frau Gerber an“, sagte die Leiterin der Einrichtung, Schwester Ulrike, zu ihm.

„Hm“, hatte Olaf Knaspe nur gebrummt.

„Olaf, ich weiß, dass dir nicht danach ist, bereits am ersten Tag nach deinem Urlaub wieder alles zu organisieren. Aber es gehört zu deiner wichtigsten Aufgabe heute“, ermahnte sie ihn erneut.

„Ja, aber ich muss jetzt erst einmal die Medikamente verteilen“, sagte er kurz angebunden.

Klara hatte den ganzen Tag darauf gewartet, dass jemand aus dem ‚Betreuten Wohnen‘ zurückrief, doch es tat sich nichts.

Sie beschloss, am nächsten Tag die Initiative zu ergreifen und sich noch einmal bei Schwester Ulrike zu melden.

Als Klara nach ihr am Telefon verlangte, da war Olaf Knaspe am Apparat.

Er klang brummig und antwortete widerwillig.

„Sind Sie noch dran und sind Sie der richtige Ansprechpartner, wenn es um die Vermietung geht?“
Das waren ihr Worte, nachdem Olaf Knaspe sie abwimmeln wollte.

„Soll ich Schwester Ulrike fragen, ob Sie der Richtige für diese Angelegenheit sind?“

Klara hatte sich im Sessel gerade hingesetzt. Sie war fest entschlossen für ihre Mutter zu kämpfen.

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